"Nicht bei Trost" a never-ending Haiku
ausführliche Anmerkungen 
(Z.12'001-)

Index

12002-12004: Schon im Mittelalter nachgewiesener Brauch am Karfreitag das Glockengeläut durch Schlagplatten, Klapperbretter oder Rätschen zu ersetzen.

12010-12014: Das babylonische Atram-hasīs-Epos (18. Jh. v. Chr.) beginnt so: „Als die Götter Mensch waren, leisteten sie Fronarbeit, trugen sie den Tragkorb. Der Tragkorb der Götter war groß, die Fron war schwer, groß war die Drangsal.“ (I, 1-4.) Später müssen die neu geschaffenen Menschen diese Arbeit übernehmen. Ihr Lärm und ihre ungezügelte Vermehrung führen zum Drama der Sintflut. Claus Wilcke, Weltuntergang als Anfang: Theologische, anthropologische, politisch-historische und ästhetische Ebenen der Interpretation der Sintflutgeschichte im babylonischen Atram-hasīs-Epos, in: Weltende, hg. von Adam Jones, Beiträge zur Kultur und Religionswissenschaft, Wiesbaden 1999, S. 63-112.

12015-12017: Arthur Rimbaud, Une saison en enfer / Eine Zeit in der Hölle, (Délires II, Faim), Stuttgart 1992, S. 56ff.

12045-12050: C. Plinius Secundus d. Ä., Naturalis historia , XXXV, § 145: „Es ist aber eine sehr seltsame und merkwürdige Tatsache, dass die letzten Werke der Künstler und die unvollendeten Bilder (imperfectasque tabulas) ... mehr bewundert werden als die vollendeten, weil man in ihnen die zurückgelassenen Skizzen und selbst die Überlegungen der Künstler sieht und weil der Schmerz über die Hand, die während des Schaffens erstarrte, zu höherer Beachtung anreizt.“ – Vgl. zum Thema „unvollendet“ als Geste der Moderne auch: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, München 1984, („Die indirekte Sprache“) S. 76f. und François Jullien, Das große Bild hat keine Form, München 2005.

12099 [Bild]: Romanische Bilderdecke (um 1140) in der St. MartinskircheZillis: Widder mit Fischschwanz

12135-12146: [Bild]: Kaligrafie von Tetsuo Nagaya (1895-1993): Berg - Yama/San. Aus: Tetsuo Roshi Nagaya Kiichi, Tuschspuren. Bokuseki, Zürich 1986, S. 94. – Als „fliegendes Weiß“ (fei bai) werden in der chinesischen Malerei die weißen Stellen des Untergrunds bezeichnet, die der wenig durchnässte Tuschpinsel in der Linie hinterlässt.

12157-12159: Evangelium nach Matthäus 7,26f.

12169-12173: Emily Dickinson (1830-1886). „Ich hörte eine Fliege summen – / Als ich starb – der Raum / War still wie wenn vor seinem Wüten / Noch Atem holt – ein Sturm“. In: dies., Gedichte, englisch und deutsch, hg., übersetzt und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler, München 2006, S. 206.

12180: Horaz, Ars poetica, 25: "... brevis esse laboro, obscures fio" ("Versuche ich mich kurz zu fasssen, werde ich dunkel."

12191: Jean-Paul Sartre, Die Wörter [Les Mots, 1964], Hamburg 1980, S. 137f.: „Man schreibt für seine Nachbarn oder für Gott. Ich beschloss für Gott zu schreiben, mit dem Ziel, meine Nachbarn zu retten.“

12202: Verweigerungssatz, den Bartleby im Roman Bartleby, der Schreiber [Bartleby, the Scrivener] von Herman Melville (Berlin 2004) immer wiederholt.

12235-12238: „Before an affliction is digested, consolation ever comes too soon; and after it is digested, it comes too late.“ Laurence Sterne, The Life and Opinions of Tristran Shandy, Gentlemen, London 1759-67, v. III, c. 29.

12301-12309: Wolfgang Bächler, Mein Baum. Das Gedicht erschien in „die horen“ 2. Quartal 2007, S. 4: „Als ich einschlief dachte ich, / es wäre eine Bronchitis / oder ich hätte nur zuviel geraucht, / Doch dann wuchs mir / ein Baum aus der Brust, ….“ – Vgl. Z. 13185-13188.

12333-12335: Horaz, Epistulae, II [liber alter], Epist. 2, v. 55 (ad Florum): "singula de nobis anni praedantur euntes: …" ("Stück um Stück beraubten bis heut' uns die rollenden Jahre ...")

12368: Francesco Pertrarca, Canzoniere, 168: „... ich lebe zwischen zweien, nicht Ja, nicht Nein ...“ In: ders., Das lyrische Werk. Canzoniere, Triumphe, Verstreute Gedichte, Düsseldorf 2002, S. 272.

12371-12373: Gegen das „Cogito-Argument“. Descartes: „Cogito ergo sum.“ / „Je pense, donc je suis“ (Discours de la méthode, IV und Principia Philosophiae, I, § 7). – Vgl. bereits bei Augustinus, De civitate dei, XI, 26: „Si enim fallor, sum“ („Wenn ich mich täusche, gibt es mich.“).

12402-12408: Warlam Schalamow, Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1, Berlin 2007, S. 222-224

12413-12415: "Eccone dumque fuor d'invidia, eccone liberi da vana ansia e stolta cura ..." ("So sind wir also fernab von jedem Neid, frei von leerer Angst und törichter Sorge, ...") Giordano Bruno, De l'infinito, universo et mondi. Über das Unendliche, das Universum und die Welten, Italienisch-Deutsch, übers., komm. und hg. von Angelika Bönker-Vallon, Hamburg, 2007, S. 34f. (Einleitungsschreiben).

12417-12423: Beschreibungen des sog. "hippokratischen Gesichts", des Gesichts von Sterbenden kurz vor dem Tod.

12426: Psalm 139,18b (Übersetzung Martin Buber).

12429-12432: : "non esser morte, ..." – "perché ne è noto un mondo in cui sempre cosa succede a cosa; senza che sia ultimo profondo, ... Non sono fini, termini, margini, muraglia che ne defrodino e suttragano la infinita copia de le cose." ("dass es keinen Tod gibt" - "Denn wir kennen eine Welt, in der immer eine Sache der anderen folgt, ohne dass es einen letzten Abgrund gäbe ... Es gibt keine Enden, Grenzen, Ränder, Mauern, die uns der unendlichen Fülle der Dinge beraubten und diese uns entzöge.") Giordano Bruno, a. a. O., S. 36f.

12462-12464 [Bild]: "Domino"(-Spiel) und "Turm" führen zum Bild "Das Mädchen mit den Dominosteinen" von Albert Anker. -  "benedicamus domino" ("lasst uns den Herrn preisen"), wurde – wie das "ite missa est" – als Entlassungswort am Ende der Liturgie verwendet.

12480-12485: Aus der Motette "Jesu meine Freude" von Johann Sebastian Bach (BWV 227): "Trotz dem alten Drachen, trotz des Todes Rachen, trotz der Furcht darzu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh!"

12499-12504: „... la grande fille que je vis sortir de cette maison et, sur le sentier qu’illuminait obliquement le soleil levant, venir vers la gare en portant une jarre de lait. .... Elle longea les wagons, offrant du café au lait à quelques voyageurs réveillés.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu, (I: À l’ombre des jeunes filles en fleurs), Paris 1954, S. 655. („... so musste es ... das große Mädchen sein, das ich aus diesem Haus treten und auf dem von der schräg einfallenden Morgensonne beschienen Pfad mit einer Milchkanne in der Hand auf den Bahnhof zukommen sah. ... Sie ging an den Wagen entlang und bot ein paar bereits erwachten Reisenden ihren Milchkaffee an.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. II: Im Schatten junger Mädchenblüte], Frankfurt a. M. 2004, S. 328.) – Die Episode beschreibt Proust schon in Gegen Sainte-Beuve, S. 61ff.

12530-12532: Vgl. Marcel Proust, Im Schatten ... a. a. O., S. 536.

12533-12538: „... en voyant ce portrait magique, on ne pensait plus qu’à courir le monde pour retrouver la journée enfuie, dans sa grâce instantanée et dormante.“ Marcel Proust, a. a. O., S. 902. („… beim Anblick dieses magischen Porträts [Elstirs Aquarell einer felsigen Steilküste am Meer, F.D] war man plötzlich derart in Liebe entflammt, dass man nur noch im Sinn hatte, die Welt zu durcheilen, um den entflohenen Tag in seiner schläfrigen, unendlich flüchtigen Anmut wiederzufinden.“ Ders., a. a. O., S. 684.)

12543-12551: Das Gedicht des israelischen Lyrikers Dan Pagis trägt den Titel: Mit Bleitstift geschrieben im verplombten Waggon. In: ders., An beiden Ufern der Zeit, Straelen 2003, S. 39."

12553: "die welt, die kommt" (hebr. 'olam ha-ba): jüdischer Begriff für das kommende Gottesreich (das in der Kabbala als "immer schon kommend" gedacht wird). Das Buch Bahir. Ein Schriftdenkmal aus der Frühzeit der Kabbala auf Grund der kritischen Neuausgabe von Gerhard Scholem [1923], Darmstadt 1989, §106 (S. 114). Vgl. auch Karl Erich Grözinger, Jüdisches Denken. Theologie – Philosophie – Mystik, Bd. 2, Frankfurt a. M. 2004, S. 446.

12562: Von Thales (um 600 v. Chr.), dem vielleicht ersten jonischen Naturphilosophen, heisst es, dass er die Vielheit der Erscheinungen auf den einen Urstoff Wasser zurückführte. 

12594-12599: Vgl. die kabbalistische Lehre vom Lus scheba-Schidra, dem untersten unzerstörbaren Knöchelchen am Ende der Wirbelsäule. Aus diesem unvergänglichen Samenkorn wird in den Tagen der Auferstehung die Gestalt des Menschen wieder herauswachsen. Karl Erich Grözinger, Jüdisches Denken. Theologie – Philosophie – Mystik, Bd. 2, Frankfurt a. M. 2004, S. 442.

12600-12604: Buch Genesis 6,16: [Gott zu Noah:] "Einen Lichteinfall mache dem Kasten [tewa =Arche] ..." (Übersetzung: Buber/Rosenzweig). Dasselbe hebr. Wort tewa wird auch für das Körbchen gebraucht, in welchem Moses ausgesetzt wurde. Tewa bedeutet aber auch "Wort". (Die Arche steht dann in kabbalistischer Deutung für die Sprache; deren Wörter ist Glanz und Licht zu geben, bis sei leuchten hell wie der Mittag.)

12606-12608: Jorge Luis Borges, Das geheime Wunder [El milagro secreto, 1943]: „Er entdeckte, dass die grellen Missklänge, die Flaubert so erschreckten, bloß visueller Aberglaube sind: Schwächen und Beschwerden des geschriebenen, nicht des klingenden Wortes ...“ („debilidades y molestias de la palabra escrita, no de la palabra sonora...“) Dt. Text in: ders., Fiktionen [Ficciones]. Erzählungen 1939-1944, Frankfurt a. M. 1992, S. 138. 

12612-12617: Vgl. das Gedicht Trauer um Jahnn von Johannes Bobrowski. In: ders., Sarmatische Zeit [1961], Stuttgart 1978, S. 27.

12618: Seneca, Ad Lucilium. Epistulae morales, Ep. 77,2: "olim iam nec perit quicquam mihi nec adquiritut ... quantulumcumque haberem, tamen plus iam mihi superesset viatici quam viae ..." ("schon lange verliere ich weder noch gewinne ich etwas .... wie wenig ich besässe, dennoch bliebe mir durchaus mehr Weggeld als Wegstrecke ...")

12679: Vgl. Buchtitel in der folgenden Anmerkung!

12702-12711: Pawel Florenski (1882-1936), Brief an seine Frau Anna vom 27. April - 3. Mai 1936, Solowki, Nr. 59; in: ders., Eis und Algen. Briefe aus dem Lager 1933-1937, hrsg. von Fritz und Sieglinde Mierau, Dornach 2001, S. 339.

12717: Anspielung an die grosse 7-teilige Komposition "Licht" von Karlheinz Stockhausen (entstanden 1977-2005). Die einzelnen Teile: Montag aus Licht, Dienstag aus Licht etc.

12740-12746: „Wir kennen etwas nicht deshalb, weil wir es sehen, hören, riechen, fühlen, sondern umgekehrt, wir sehen, hören, riechen, fühlen etwas, weil wir es schon kennen, dadurch, dass wir es vorher in seiner Authentizität und unmittelbaren Wirklichkeit wahrgenommen haben, wenn auch unbewusst oder überbewusst. Die Wahrnehmung wäre dann nur das Material für die Übertragung aus der unbewussten in die bewusste Sphäre, nicht aber das Material der Erkenntnis, der Erkenntnisinhalt.“ Pawel Florenski an seinen Sohn Kirill, 21. Februar 1937, (Solowki, Nr. 92); in: ders., Eis und Algen, Briefe aus dem Lager, Dornach 2001, S. 452.

12750: "Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall." Goethes Werke, vollst. Ausg. letzter Hand, 22. Bd. Stuttgart und Tübingen 1830, S. 242 (Betrachtungen im Sinne der Wanderer. Kunst, Ethisches, Natur).

12751-12761: Buch Numeri 22-24.

12762-12766: Bileam büsst als falscher Prophet seine Strafe in der Hölle im kochenden Sperma, Jesus im kochenden Kot. Peter Schäfer, Jesus im Talmud, Tübingen 2007, S. 167-189 (Die Höllenstrafe Jesu), der sich auf den Babylonischen Talmud, Traktat Gittin (b Git 56b-57a) bezieht.

12767-12784: Vgl. die Seitengestaltung z.B. des Talmud mit dem Mischna/Gemara-Text in der Mitte und den diesen umgebenden verschiedenen Kommentaren und Anmerkungen (Raschi, Tessafot etc.).

12785-12791: Auf dem Gelände der ehemaligen Hauptstadt des Mongolenreichs, Karakorum, befinden sich als einzige sichtbare Zeugen noch drei überdimensionierte steinerne Schildkröten, die als Stelensockel dienten. Folgt man der chinesischen Tradition, symbolisiert der gewölbte Panzer den Himmel, der flache Brustpanzer die Erde. [Bild]

12793-12806: Vgl. dazu den rabbinischen Midrasch von den Dingen, die vor der Welt erschaffen wurden. Arnold M. Goldberg, Schöpfung und Geschichte, in: Judaica 24 (1968), H. 1, S. 27-44.

12822-12826: Jacques Derrida [zur Übernahme von Verantwortung]: "Doch der andere, dem ich gehorche, dessen Verfügung ich gehorche, dieser andere muss unendlich weit entfernt sein – oder ein Gespenst. Oder tot. Den Toten gehorchen, das ist das Problem." In: ders., As if I were Dead. An Interview with Jacques Derrida / Als ob ich tot wäre. Ein Interview mit Jacques Derrida, Wien 2000, S. 41.

12827-12829: Jacob Theodor Tabernaemontanus, New vollkommen Kräuter-Buch [1588], Basel 1664, S. 1196f. [zum Bärlapp (Lycopodium clavatum): "Moss vom Todten Kopff / Muscus ex Craneo Humano"]: "Etlichi Medici und Apothecker legen einen Todtenkopff eine zeitlang an einen feuchten Orth, auss welchem endtlich ein Mooss herfür wächst ...."

12856: Cattleya labiata: Orchidee, benannt nach William Cattley, einem reichen Kaufmann und Orchideenliebhaber. – Bei Proust spielen die Cattleya-Blüten eine wichtige Rolle in der Beziehung zwischen Swann und Odette. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.I: Unterwegs zu Swann), Frankfurt 2004, S. 339f. – Zur Geschichte dieser lange nicht mehr auffindbaren Orchidee vgl. Anita Albus, Das botanische Schauspiel. Vierundzwanzig Blumen nach dem Leben gemalt & beschrieben, Frankfurt a. M. 2007, S. 163f.: "Seltene Exemplare dieser gattungsreichen Familie wurden in Gold aufgewogen. Keine Art hat die Phantasie der Liebhaber mehr beflügelt als Cattleya labiata, denn nach ihrem Siegeszug in den Treibhäusern Europas machten sich die Schönen plötzlich rar. [...] Jahre vergingen, bis man auf einen alten Bericht stiess, aus dem hervorging, dass die Orchidee als Schmarotzerpflanze mit einer Lieferung von Farnen und Moosen aus Pernambuco gekommen war. Vergeblich suchten dort diverse Pflanzenjäger die zartduftende blauviolette Blume. Siebzig Jahre später tauchte sie in Paris wieder auf. Der Orchideenliebhaber und Attaché der britischen Botschaft, der sie auf einem Diplomatenball am Dekolleté einer Dame erkannte, traute seinen Augen kaum."

12862-12872: „Herbationes Upsalienses“ nannte Carl von Linné (1707-1878) seine botanischen Exkursionen. – Über seiner Schlafkammertür stand „Innocue vivito: Numen adest“ („Du sollst sicher leben: das Göttliche ist gegenwärtig.“) Linné’s eigenhändige Anzeichnungen über sich selbst, mit Anmerkungen und Zusätzen von Afzelius aus dem Schwedischen von Karl Lappe, Berlin 1826, S. 91. Hier auch der Hinweis auf die Heilung Linnés von Podagra durch den exzessiven Verzehr von Erdbeeren.

12876: Paul Cézanne, Über die Kunst. Gespräche mit Gasquet. Briefe, Hamburg 1957, S. 37: Cézanne schwärmt vor dem Bild "Hochzeit zu Kana" [1563] von Paolo Veronese im Louvre und beklagt die minderwertige Malweise seit dem französischen Klassizismus: "Man hat diese Wissenschaft der Vorbereitungen verloren, diese flüssige Kraft ..."

12888-12895: "Je voyais de côté les joues étaient arrosées d'un sang clair qui les alluminait, leur donnait ce brillant qu'ont certaines matinées d'hiver où les pierres partiellèment ensoleillées semblent être du granit rose et dégagent de la joie." Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. T.1: Du coté de chez Swann. À l'ombre des jeunes filles en fleurs. Paris (Bibliothèque de la Pléiade) 1954, S. 931. - "Ich sah von der Seite die Wangen Albertines, die oft blass wirkten, aber jetzt von frisch pulsierendem Blut gerötet waren, das durch sie hindurchschimmerte und ihnen die Leuchtkraft gewisser Wintermorgen gab, an denen die von der Sonne beschienenen Steine aussehen wie rosa Granit und gleichsam Freude ausstrahlen." Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.II: Im Schatten junger Mädchenblüte), Frankfurt 2004, S. 726.

12902-12904: Vgl. z.B. "Die Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin" um 1437, Louvre, Paris.

12902-12914: Bartolommeo Fazio beschreibt das nicht mehr existierende Bild eines Frauenbades von Jan van Eyck (in De Viris Illustribus, 1456). Panofski gibt Fazios Beschreibung wie folgt wieder: "Sein grösstes Lob spart Fazio indes für Jans Bild eines Frauenbades auf – vielleicht eine Darstellung magischer Praktiken – das eine summa optischer Verfeinerungen gewesen sein muss. Es zeigt unter anderem einen Spiegel, der ausser der Rückansicht einer von vorn gezeigten Badenden auch all das wiedergab, was sich sonst noch im Raum befand: eine alte Dienerin, die 'zu schwitzen schien', ein kleiner Hund, der verspritztes Wasser aufleckt; eine Lampe, 'die aussah, als würde sie wirklich brennen'. Ausserdem gab es anscheinend eine durch ein Fenster gesehene Landschaft, wo 'Pferde, Leute in kleinerem Massstab, Gebirge, Wälder und Burgen mit solcher Meisterschaft ausgeführt worden waren, dass ein Ding vom anderen durch fünfzig Meilen getrennt erschien'." In: Erwin Panofsky, Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und Wesen, Köln 2001, Bd. 1, S. 11.

12916-12922: Vgl. Nikolaus von Kues, De beryllo (1458), z. Bsp. Kp. 21: "Wenn du daher hinfinden willst zur ewigen Weisheit oder zum Urgrund der Erkenntnis, so brauchst du nur den Beryll zu nehmen, und du wirst diesen Urgrund sehen, denn er wird erkennbar durch das, was zugleich Grösstes und Kleinstes ist." (In: ders., Über den Beryll, Leipzig 1938, S. 93.)

12924: Carl von Linné beschreibt 1751 in Philosophia botanica das "Aufwachen" und "Einschlafen" der Pflanzen im Tagesablauf und legt 1770 im botanischen Garten von Uppsala einen Garten als Blumenuhr (horologium florae) an. (Ausgabe von Wien 1770, S. 274f.) Vgl. dazu auch Gottfried Reinhold Treviranus, Biologie oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aerzte, 5. Bd., Göttingen 1818, S. 191-201.

12945: Von den 40-50 Arten derGattung Hymenocallis (Schönhäutchen, Schönlilien, Seenarzissen, Ismenenlilien) ist keine winterfest.

12949-12953: Der Komponist Pietro Locatelli (1695-1764) schrieb "Introduzione Teatrali" (Ouvertüren zu nicht existierenden Opern).

12954-12961: "Um das Reich des Friedens herzustellen, werden nicht alle Dinge zu zerstören sein und eine ganz neue Welt fängt an; sondern diese Tasse und jener Strauch oder jener Stein und so alle Dinge sind nur ein wenig zu verrücken, weil aber dieses Wenige so schwer zu tun und sein Mass so schwierig zu finden ist, können das, was die Welt angeht nicht die Menschen, sondern dazu kommt der Messias." – Diese rabbinische Legende erzählt Ernst Bloch in "Die glückliche Hand", in ders., Spuren, [Berlin 1930] Frankfurt a. M. 1980, S. 201f. Vgl. auch Walter Benjamin, Franz Kafka: „… wenn der Messias kommt, von dem ein großer Rabbi gesagt hat, dass er nicht mit Gewalt die Welt verändern wolle, sondern nur um ein Geringes sie zurechtstellen werde.“ In: ders., Gesammelte Schriften II, 2, Hamburg 1977, S. 432.

12970: Leuchtmoos (Schistostega pennata): Die linsenförmigen Zellen des Leuchtmoos fokussieren das in die dunklen Felsspalten und Grotten einfallende Licht und werfen es bläulich-goldgrün zurück. Vgl. dazu die Beschreibung bei Anton Kerner von Marilaun, Pflanzenleben, Leipzig und Wien 1890, Bd. I, S. 357f.

12974: Louis-Bertrad Castel (1688-1757) stellt seine (gg. Newton gerichtete) Farbenlehre in L'Optiques des Couleurs [1740] dar. Er vertrat die These, dass sich alle Farben potenziell im Schwarz finden müssten und sich aus dem Schwarz herleiten liessen, während Weiss als von jeder Farbe entleert zu denken sei. ("... où il paroît que tout vient du noir pour se perdre dans le blanc." S. 47.) – Mit Castel setzt sich auch Goethe kritisch auseinander, dessen Farbenlehre sich ebenfalls gegen die Newtonsche Darstellung des Spektrums richtet. [Johann Wolfgang Goethe, Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, Bd. 16, Zürich 1948, S. 609-615.] – Castel beschäftigte die Gelehrtenwelt insbesondere auch in seiner Bemühung, Ton und Farbe vereint mit der Konstruktion eines "Augenklaviers" ["le clavecin oculaire"] erfahrbar machen zu können. (Vgl. dazu: John Gage, Kulturgeschichte der Farbe. Von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin 2001, S. 233-235.)

12976-12981: Juan de la Cruz (1542-1591), Cántico Espiritual (aus der 12. u. 32. Strophe). Johannes vom Kreuz, Der geistliche Gesang (Cántico A), Gesammelte Werke Bd. 3, hg., übers. und eingel. von Ulrich Dobhan ... [et al.], Freiburg 1997, S. 28-34. Vgl. dazu: Alois M. Haas, "die durch wundersame Inseln geht ...". Gott, der Ganz Andere in der christlichen Mystik, in: Wege mystischer Gotteserfahrung. Judentum, Christentum und Islam (Mystical Approaches to God. Judaism, Christianity, and Islam), hg. von Peter Schäfer, München 2006, S. 129-158.

12984-12987: Christian Konrad Sprengel entdeckte 1787, dass Blüten auf verschiedene Weise Insekten zwecks Befruchtung anlocken. Ders., Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen, Berlin 1793.

12990: Margarta Porete (um 1250-1310) spricht immer wieder vom "Fernnahen" ("Loingprés") als Person, auf die sich ihre ganze mystische Sehnsucht bezieht. Dies., Der Spiegel der einfachen Seelen. Wege der Frauenmystik, aus dem Altfranzösischen übertragen ... von Louise Gnädinger, Zürich 1987

12999: „Ne pas oublier: les livres sont l’oeuvre de la solitude et les enfants du silence. Les enfants du silence ne doivent rien avoir du commun avec les enfants de la parole, les pensées du désir de dire quelque chose ...“ Marcel Proust, Contre Sainte-Beuve, Paris 1971, S. 309. („Die Bücher sind das Werk der Einsamkeit und die Kinder der Stille.“ Ders., Gegen Sainte-Beuve, Frankfurt 1997, S. 229.)

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13004-13006: In der jüdischen Esoterik der Spätantike entstand der zur sogenannten Merkava-Literatur zählende literarische Topos des Schiur Koma ("Mass des Körpers"). Darin werden (von der Beschreibung des Liebhabers im Hohelied 5,10-16 abgeleitet) mit geheimnisvollen Namen die Gliedmassen Gottes aufgezählt und deren immense Grösse angegeben. Vgl. Gershom Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala, Frankfurt a. M. 1991, S. 7-47.  – In den sieben Kantaten Membra Jesu Nostri vertonte Dietrich Buxtehude 1680 den Text Rhytmica Oratio (oder Salve Mundi salutare) von Arnulf von Löwen (um 1200-1250): ad Pedes, ad Genua, ad Manus, ad Latus, ad Pectus, ad Cor, ad Faciem; das letzte Gedicht diente als Vorlage für das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“.

13009-13012: Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve, Frankfurt 1997, S. 77f.: „Wenn nacheinander all die andern Personen, die ich eine über der andern in mir habe, zum Schweigen gebracht sind ..., ist diejenige, die als letzte bleibt, die immer aufrecht stehen bleibt, jemand, der, bei Gott, vollkommen jenem Kapuziner gleicht, den zur Zeit meiner Kindheit die Optiker hinter der Scheibe ihres Schaufensters hatten und der seinen Regenschirm aufspannte, wenn es regnete, und seinen Hut abnahm, wenn es schön war. .... wenn ich einen Augenblick wieder zu Atem käme, würde ich singen und der kleine Kapuziner des Optikers, der das einzige ist, was ich geblieben bin, nimmt seinen Hut ab und kündigt die Sonne an.“ Das Thema "Barometermännchen" wird wieder aufgenommen in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. V: Die Gefangene], Frankfurt a. M. 2004, S. 11f.

13014-13016: Platon, Timaios, 90a: "... sofern wir ein Gewächs sind, das nicht in der Erde, sondern im Himmel wurzelt." – In der kabbalistischen Literatur wird (seit dem Buch Bahir, um 1185) die göttliche Schöpfung als (verkehrter) Lebensbaum der sefirot (=die zehn göttlichen Emanationen) dargestellt. Vgl. Gershom Scholem, 1991, a. a. O., S. 34-36. – Rabelais greift das Bild auf in Gargantua und Pantagruel, 4. Buch, Kp. 32. – Weitere Hinweise bei Adolf Jacoby, Der Baum mit den Wurzeln nach oben und den Zweigen nach unten. In: Zeitschrift für Missionskunde und Religionswissenschaft, Bd. 43 (1928), S. 78-85. – Vgl. Z. 6407.

13022-13033: Vgl. dazu z.B. die Darstellungen zur Versuchung des heiligen Antonius, in: Schrecken und Lust. Die Versuchung des heiligen Antonius von Hieronymus Bosch bis Max Ernst, mit Beiträgen von Hans Richard Brittmacher ... [et. al], München 2008. – „Ignis sacer“: Ergotismus (oder Antoniusfeuer), eine im Mittelalter gefürchtete Vergiftung durch Mutterkorn, die oft zur Amputation von Gliedmassen führte. Als Schutzheiliger galt Antonius. – Aschmodai, ein ursprünglich persischer Dämon, der auch im Alten Testament (Buch Tobit) auftaucht .

13036-13038: Luca Nando im Gespräch mit der Künstlerin Gilgi Guggenheim. Gilgi Guggenheim, für Perla / for Perla. Bilder, Gespräche mit Joshua Sobol, Chris Jarrett, Luca Nando, Roman Signer, Zürich 2007, S. 28.

13047-13051: Vgl. Walter Benjamin, Zu nahe, in: ders., Schriften, Bd.2, Frankfurt a. M. 1955, S. 15.

13052-13055: Ovid, Metamorphosen, 11,384-748. (Cëyx und Halcyone). Vgl.auch Z. 16627-16634.

13062: In der Kabbala gilt die Trennung der beiden Paradiesbäume (des Lebensbaumes vom Erkenntnisbaum) als Grund dafür, dass der Satan Israel zur Sünde verführen konnte. Dieser Vorgang wird als „Abhauung der Pflanzungen“ bezeichnet. Vgl. Gershom Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala, Frankfurt a. M. 1991, S. 59ff.

13068-13074: Buch Daniel 7,9. Zum „Attika Kadischa“ („der Heilige Alte“) in der Kabbala vgl. Gershom Scholem, a. a. O., S. 38-47.

13084-13092: Erik Satie, „Sonatine bureaucratique“ (1917). [Aus dem den Noten unterlegten Text: „Nouveau songe sur l'avancement. Il chantonne un vieil air péruvien qu’il a recueilli en Basse-Bretagne chez un sourd-muet.“]

13095-13106: Anspielungen auf das kosmosophische Modell der lurianischen Kabbala (des Jizchak Luria, 1534-1572). Stichworte: durch die Kontraktion Gottes (zimzum) entsteht Leere (tehiru) und Raum für die göttlichen Emanationen als Schöpfung (sefirot). Diese Gefässe voll reinen göttlichen Lichts zerbrechen (schevirat ha-kelim). In diesem Zusammenhang – interpretiert Scholem – ist die Entstehung des Bösen zu sehen. Das Bemühen, diese Urkatastrophe wieder zu korrigieren wird tikkun genannt und ist der Zweck des menschlichen Daseins. Ein zentraler Aspekt ist in diesem Zusammenhang auch die Seelenwanderung (gilgul). Vgl. u.a. Joseph Dan, Die Kabbala. Eine kleine Einführung, Stuttgart 2007, S. 94-110. 

13100-13102: Buch Genesis, 1,31: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe es war sehr gut (tov me’od)“, was die rabbinische Schriftauslegung auch als tov mot („gut ist der Tod“) deutet. Karl Erich Grözinger, Jüdisches Denken. Theologie –Philosophie – Mystik, Bd. 2 (Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hasidismus), Frankfurt a. M. 2005, S. 638.

13107-13111: Buch Hiob 37,21: „Eben sah man das Licht nicht, das hinter den Wolken leuchtet, doch dann fuhr ein Wind vorbei und fegte sie weg.“

13112-13119: Zur Farbe Zinnober („eine Mischung aus Drachen- und Elefantenblut“) und deren mythologischen Kontext s. Anita Albus, Die Kunst der Künste. Erinnerungen an die Malerei, Frankfurt a. M. 1997, S. 308-317.

13139-13144: Im jüdischen, möglicherweise aus der Spätantike stammenden Text Sefer Jezira (Buch der Schöpfung), werden Zunge und Phallus als Einheit (in Analogie zur Einheit Gottes) zwischen den zehn Fingern, resp. Zehen beschrieben, wobei die Zunge für milla (Wort) und Phallus für die mila (Beschneidung) steht. – Die Schöpfung der Welt wird u.a. im Zusammenhang mit den 22 hebräischen Buchstaben beschrieben, deren Kombinationen durch das Drehen von zwei Buchstabenrädern zustande kommen. Lazarus Goldschmidt, Sepher Jeṣirah = Das Buch der Schöpfung, [Einl., Text, Übers., Anm. etc.], Frankfurt a. M. 1894 (repr. Hamburg 2004). Vgl. auch Karl Erich Grözinger, a. a. O., S. 29-64.

13149: Jean Cocteau, La voix de Marcel Proust, in: Hommage à Marcel Proust, La Nouvelle Revue Française, t. XX, No. 112 (1923), S. 92: „Car Proust SERVAIT. Il servait sa ruche. Il obéissait à des lois de miel et de nuit.“

13158-13162: Anlehnung an Vorstellungen eines astralischen Leibes (zelem) in der Kabbala, der u.a. in Form des Schattens oder eines Gewandes vorgestellt wird; dieser (so Chajim Vital) schützt den Körper davor, beim Eintritt der Seele zu verbrennen. Gershom Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala, Frankfurt a. M. 1991, S. 249-271.

13166: Buch Genesis 9,2: „Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde und über alle Vögel des Himmels.“

13168-13172: Der altägyptische Gott Anubis führt, wie in der christlichen Legende Christophorus, die Seelen von einer Welt in die andere. Er (und ab und zu auch Christophorus) wird hundsköpfig dargestellt. Bild: Detail aus der Altartafel von Hieronymus Bosch „Die Versuchung des Antonius", 1505/06, Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon.

13173: Georg Büchner, Lenz [Schluss]: „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin ...“

13178: Nachmanides (1194-1270) sagt (in: Sch‛ha-Gemul, Ferrara 1556, Bl. 9a/b), es sei von der Seelenwanderung (gilgul) „schriftlich zu reden verboten, in Andeutungen zu reden nutzlos“. Zitiert nach: Geshom Scholem, Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala, Frankfurt a. M. 1991, S. 203.

13197-13205 [Bild]: Arno Schmidt, Vier mal vier : Fotografien aus Bargfeld, hrsg. und mit einem Nachwort von Janos Frecot, Frankfurt a. M. 2003, S. 50.

13229-13232: Anlehnung an zwei Zeilen aus dem Gedicht Myrtho von Gérard de Nerval (1808-1855): „Et de cendres soudain l’horizon s’est couvert . [...] Le pâle Hortensia s’unit au Myrthe vert!“ Aus dem Gedichtzyklus Les Chimères, in: Gerard de Nerval, Die Töchter der Flamme. Erzählungen und Gedichte, Werke III, München 1989, S. 290.

13250: Letzte Zeile im Gedicht El Desdichado: „J’ai deux fois vainqueur traversé l’Achéron: / Modulant tour à tour sur la lyre d’Orphée / Les soupirs de la sainte et les cris de la fée.“ Gérard de Nerval, a. a. O., S. 288.

13259-13261: Vgl. die Beschreibung des Gewandes von Aron im Buch Exodus 28 (Übersetzung Martin Buber).

13277-13285: Chaïm Soutine: La route de la colline (1924), Nature morte au violon, pain et poisson (1922), Poulet et tomates (1924).

13291-13298: Vgl. die griechischen Sagen um Kadmos, den Gründer der Stadt Theben, der als Phönizier (gr.: phoinix, von phoinios=purpurrot) den Griechen die Buchstabenschrift (Konsonantenschrift) brachte. Siehe auch Herodot, Historien, V, 58.

13300-13309: ShlomoVenezia, Sonderkommando. Dans l’enfer des chambres à gaz, Paris 2007, S. 153f.

13347: „dröhnen“: etymologisch verwandt mit gr. thrénos (Totenklage). 

13371: Buchtitel eines Werkes von Athansius Kircher: Musurgia universalis, sive ars magna consoni et dissoni (1650). In deutscher Übersetzung 1684 erschienen unter dem Titel: Neue Hall- und Thon-Kunst ...

13378: Historia calamitatum: Titel der Autobiografie von Peter Abaelard (1079-1142).

13398: Ein flügelschlagendes Auge war das Emblem des Humanisten Leon Battista Alberti (1401-1472). Vgl. Hans Belting, Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks, München 2008, S. 229ff. (S. 231: Matteo de' Pasti, Gedenkmedaille Leon Battista Albertis, British Museum London [Bild].)

13470-13475: Siehe die Bilder von Agnes Martin (1912-2004), auf die schon in Z. 1352-1367 und später in Z. 13870-13877 Bezug genommen wird. 

13480: Der Begriff „Lichttinte“ stammt aus: August Wilhelm und Friedrich Schlegel (Hg.), Die Gemählde. Ein Gespräch von W., in: Athenaeum, Bd. 2, 1. Stück, Berlin 1799, S. 64 „... auch bey der kunstvollsten Nachahmung ist sie [die Malerei] schon dadurch vor diesem Abwege gesichert, dass es ihr an einer wahren Lichttinte fehlt.“

13496-13500: “Est-il un plus terrible éclairage que le silence, qui ne nous montre pas une absente, mais mille …” Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 122. (“Gibt es eine schrecklichere Beleuchtung als die des Schweigens, die uns nicht eine, sondern tausend Abwesende zeigt …” Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. III: Guermantes], Frankfurt a. M. 2004, S. 167.

13513-13516: Marcel Proust beschreibt ausführlich seine Empfindungen gegenüber einer vertrauten Stimme, die jedoch nur am andern Ende der Telefonleitung zu hören ist. „Bien souvent, écoutant de la sorte, sans voir celle qui me parlait de si loin, il m’a semblé que cette voix clamait des profondeurs d’où l’on ne remonte pas ...“ („Oft, wenn ich in der Weise zuhörte, ohne die zu sehen, die von so weit her zu mir sprach, schien es mir, als riefe diese Stimme aus Tiefen, aus denen man nicht wieder hinaufsteigt ...“) Ders., À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 134 und Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.III: Guermantes), hg. von Luzius Keller, Frankfurt a. M. 2004, S. 184.

13563: Peter Abaelard, Planctus David super Saul et Ionatha, Z. 77ff.: „et post te vivere / mori sit assidue, / nec ad vitam anima / satis sit dimidia.“ („Dich zu überleben / ist beständig sterben; / eine halbe Seele ist / zum Leben nicht genug.“) In: Niggli, Ursula, Peter Abaelard als Dichter. Mit einer erstmaligen Übersetzung seiner Klagelieder ins Deutsche, Tübingen 2007, S.132f. 

13578-13581: „Der Mensch ist zwei Schwächen unterworfen, die an seine Existenz gebunden sind und diese kennzeichnen: Er hat stets und überall das Bedürfnis zu beten, und überall das Bedürfnis zu lieben. Auf diesem Umstand beruhen alle Romane.“ Donatien Alphonse François Marquis de Sade, Ausgewählte Werke, hg. von Marion Luckow, Bd. 3, Gedanken zum Roman, S. 931.

13586-13588: „Rhapsodie“ von griech. „raptein“ (nähen) und „ōdē“ (Gesang). In den ältesten Quellen wird damit ausgedrückt, dass einzelne Teile eines Epos (z.B. von Homer) ‚nähend’ wieder aneinander gefügt werden.

13614: Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans. Vorlesung am Collège de France 1978-1979 und 1979-1980, hrsg. von Éric Marty, Frankfurt a. M. 2008, S. 178f.: „... es gibt nichts zu interpretieren, man kann nicht weiter- und nicht zurückgehen; Liebe und Tod sind da, das ist alles, was man sagen kann.“

13621-13625: „La malade fait la connaissance de l’Étranger qu’elle entend aller et venir dans son cerveau.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. (II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe), Paris 1954, S. 316f. (“Die Kranke macht die Bekanntschaft des Fremden, densie in ihrem Hirn auf und ab gehen hört.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. III: Guermantes], Frankfurt a. M. 2004, S. 444.

13627-13629: Vgl. Laozi, Daodejing, Kp. 77. („Des Himmels Weg, wie gleicht er dem Bogenspannen! ¦ Was hoch ist, wird niedergedrückt; ¦ Was tief ist, nach oben gezogen ...“)

13639-13642: Anspielung auf eine Briefstelle bei Kafka (27.01.1904, an Oskar Pollak): „Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten. [...] Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, ... ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Franz Kafka, Briefe 1900-1912, hg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt a. M. 1999, S. 36.

13643: Paul Valéry, schreibt an Jeannie Valéry (Juli 1909): „C’est étrange comme la suite des temaps transforme toute œuvre – donc tout homme – en fragments. Rien d’entier ne survit ....“  – John Cage, Für die Vögel. Gespräche mit Daniel Charles, Berlin 1984, S. 53: „Obwohl wir noch so viel organisieren und sogar die Organisierung vervielfachen können, würde das Ganze auf jeden Fall eine Desorganisation ergeben!“

13665: Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve, Frankfurt 1997, S. 24: „... dass ein Buch das Erzeugnis eines anderen Ich ist als dessen, das wir in unseren Gewohnheiten, in der Gesellschaft, in unseren Lastern zutage treten lassen.“

13674: Körperreliquien Christi, die in der ehemaligen Abtei Saint-Médard in Soissons aufbewahrt wurden. Karin Fuchs, Zeichen und Wunder bei Guibert de Nogent. Kommunikation, Deutungen und Funktionalisierungen von Wundererzählungen im 12. Jahrhundert, München 2008, S. 205.

13679-13681: Homer, Odyssee, 1,161 (Telemachos vermutet den Tod seines Vaters Odysseus).

13700-13705: Das Bild – nicht der Inhalt – spielt an auf die Geschichte der Moabiterin Rut. Buch Ruth, 2. Kp.

13704: Zum „Begehren“ in literarischer Hinsicht s. Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans. Vorlesung am Collège de France 1978-1979 und 1979-1980, hrsg. von Éric Marty, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2008, S. 221-226, 415f. u. 452f.

13726-13730: Laozi, Daodejing, Kp. 11 (übers. Von Walter Jarven): “Dreissig Speichen treffen die Nabe / Die Leere dazwischen macht das Rad. / Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen / Das Leere darinnen macht das Gefäß. / Fenster und Türen bricht man in Mauern / Die Leere damitten macht die Behausung. / Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes. / Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.“ 

13734-13736: „Ganz anders interessiert mich die Frage, an der mehr das ‚Heil der Menschheit’ hängt, als an irgendeiner Theologen-Kuriosität: die Frage der Ernährung.“ Friedrich Nietzsche, Warum ich so klug bin, Kp. 1, in: Werke, Frankfurt a. M. 1999, Zweiter Teil, S. 415.

13766-13772: Muqarnas: ornamentales Stilelement in der islamischen Architektur (ab 11. Jh.); häufig als hochkomplexes Wabendekor in Kuppeln und Nischen. Vgl. Hans Belting, Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks, München 2008, S. 131-139 und 222-228. [Bild]

13789-13791: Dante Alighieri, Divina Commedia (Hölle, 1. Gesang): “Nel mezzo del cammin di nostra vita / mi ritrovai per una selva oscura / ché la diritta via era smarrita.“ („Den Pfad des Lebens hatt' ich bis zur Mitte / Durchlaufen schon, als sich in Waldesnacht, / Vom Wege fern, verirrrten meine Schritte ...“) – Vgl. Z. 3542-3544.

13798: Johannes Ockeghem (gest. 1497), berühmter flämischer Komponist. (Vgl. besonders die Aufnahme der Missa Caput des Ensembles Graindelavoix unter der Leitung von Björn Schmelzer.)

13806: „Hoizontis linea“ findet sich als Bezeichnung auf einem Holzschnitt bei Vitruv, De architectura libri decem, hg. von Cesare Cesariano, Como 1521, liber primus, fol. 11v. [Ansicht einer planetarischen Perspektive].

13809: Cesare Pavese, Gespräche mit Leuko, Düsseldorf 1989, S. 207: Mnemosyne erklärt Hesiod, was das Moor Boibeïs ist: „Eine neblige Heide von Schlamm und von Röhricht, wie am Anfang der Zeiten, in einer gurgelnden Stille. Sie erschuf Ungeheuer und Götter aus Kot und Blut ...“ – Vgl. auch Paracelsus (Theophrast Bombast von Hohenheim), Über das Wort Sursum corda - Erhebet die Herzen!, hg., übertr. und mit einem Nachw. versehen von Louise Gnädinger, Wald 2007, S. 10: „also ist der mensch allain ain oß vnnd ain koth.“ („Der Mensch für sich ist also ein Aas und ein Dreck.“) – Vgl. auch Z. 13846.

13816-13821 [Bild]: Bernardino Licinio(?), Bildnis eines Architekten(?) und Selbstbildnis des Malers, 1520/30, Martin von Wagner Museum, Würzburg. Vgl. Kommentar und Angaben in: Hans Belting, Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks, München 2008, S. 255f.

13830-13834: Die Meeresgöttin Ino Leukothea rettet Odysseus aus den Sturmfluten, indem sie ihm ein Tuch gibt, das er sich um die Brust bindet. So erreicht er schwimmend das Land der Phaiaken. Homer, Odyssee, 5,333ff.

13842-13846: Paracelsus (Theophrast Bombast von Hohenheim), Über das Wort Sursum corda - Erhebet die Herzen!, hg., übertr. und mit einem Nachw. versehen von Louise Gnädinger, Wald 2007, S. 18: „Der Mensch ist nicht wie ein Holzwurm oder wie eine Spinne, die aus Luft hervorgeht. Der Mensch ist gemacht aus Erde und Lehm, woraus weiter nichts wächst.“

13857-13867: Die folgenden Zeilen nehmen Satzteile auf aus: Henri Thomas, Das Vorgebirge [Le Promontiore], übertragen aus dem Französischen von Paul Celan, Frankfurt a. M. 2008, S. 42, 87-90.

13870-13877: Agnes Martin (1912-2004). – Vgl. Z. 1352-1367 und Z. 13470-13475.

13878-13886: Alpsegen („Bättruef“) von der Brunnalp (Kanton Uri): „Allhier auf dieser Alp, da steht ein goldener Ring, darin wohnt die lieb Müetter Gottes mit üserem herzallerliebsten Jesuschind. Ave Maria ...“ – In Heiliger Segen zum Gebrauch frommer Christen um in allen Gefahren, worein sowohl Menschen als Vieh oft gerathen, gesichert zu seyn, 1840: "... und macht ein Ring um sein Vieh: und den Ring hat gemacht Mariam ihr liebes Kind, und der Ring ist beschlossen mit 77 Schlösser, das behüt mir Gott mein Vieh, sein Blut, Milch und Fleisch ...“ – Vgl. Z. 2127-2146 und Z. 10346-10356.

13904: „Was ist die allerdringlichste Aussage?“ – „Iss!“ Meister Yunmen, Zen-Worte vom Wolkentor-Berg. Darlegungen und Gespräche des Zen-Meisters Yunmen Wenyan (864-949), München 1994, S. 105. – Vgl. auch Byung-chul Han, Philosophie des Zen-Buddhismus, Stuttgart, 2002, S. 35-37.

13931: "Nichts ist der beste Trost: Entzeucht GOtt seinen Schein / So muss das blosse Nichts dein Trost im Untrost seyn." Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, 2. Buch, 6.

13936-13939: „... [Ist] khain annder gnadt bey vnns allß allain das wir den buchstab sehenntt so ist dasselbig schon immer vnnser dott.“ („... [ist] keine andere Gnade bei uns, als allein [dies], dass wir den Buchstaben erkennen, so ist dies schon unser Tod.“) Paracelsus (Theophrast Bombast von Hohenheim), Über das Wort Sursum corda - Erhebet die Herzen, hg., übertr. und mit einem Nachw. versehen von Louise Gnädinger, Wald 2007, S. 16f.

13966-13968: So die Anekdote, die berichtet, wie der Naturforscher und Gelehrte Albrecht von Haller (1708-1777) den eigenen Pulsschlag sterbend kommentierte. Vgl.: Albrecht von Haller. Leben - Werk – Epoche, hg. von Hubert Steinke, Urs Boschung und Wolfgang Pross, Göttingen, 2008, S. 68.

13980: Galina Ustwolskaja (1919-2006), russische Komponistin, die nur wenige, aber umso bedeutsamere Werke hinterliess. In der Sinfonie Nr. 3 „Jesus Messias, errette uns!“ (für Bläser, Schlagzeug, Klavier und Kontrabass) wird ein Text rezitiert des Mönchs Hermannus Contractus (1013-1054), der fast völlig gelähmt und schwer sprachbehindert als Dichter und Gelehrter im Kloster Reichenau lebte.

13987: Von Adam wird gesagt, nachdem er von der verbotenen Frucht gegessen hat: „Da wurden seine Augen aufgetan und seine Zähne stumpf.“ Das Buch Bahir. Ein Schriftdenkmal aus der Frühzeit der Kabbala auf Grund der kritischen Neuausgabe von Gerhard Scholem [1923], Darmstadt 1989, §141 (S. 156).

13990-13995: Königskerzen (Wollkraut) wurden früher in Pech oder Teer getaucht als Fackeln verwendet. Als Heilmittel empfiehlt sie Hildegard von Bingen u.a. gegen Traurigkeit und Trübsinn („qui debile et triste cor habet“). Hildegard von Bingen, Naturkunde. Das Buch von dem inneren Wesen der verschiedenen Naturen in der Schöpfung, übers. und erläutert von Peter Riethe, Salzburg 1959, S. 42. [Physica I, 123: De Wullena.]

13996: Psalm 130 (Vulgata 129).

13998-14000: „Notre mémoire et notre coeur ne sont pas assez grands pour pouvoir être fidèles. Nous n’avons pas assez de place dans notre pensée actuelle pour y garder les morts à côté des vivants.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. (II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe), Paris 1954, S. 532. (“Unser Gedächtnis und unser Herz sind für die Treue nicht gross genug. Wir haben in unserem jeweils gegenwärtigen Denken nicht genügend Raum, um den Toten neben den Lebenden einen Platz zu bewahren.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. III: Guermantes], Frankfurt a. M. 2004, S. 744.)

*

14016-14024: Ilse Weber, Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt, hg. von Ulrike Migdal, München 2008, S. 326f.

14025-14029: a. a. O., S. 230 (Theresienstädter Kinderreim).

14084-14094: Robert Walser: Asche, Nadel, Bleistift und Zündhölzchen; in: Phantasieren. Prosa aus der Berliner Zeit, hg. von Jochen Greven, Das Gesamtwerk Bd.6, Genf 1978, S. 321: „In der Tat lässt sich über diesen scheinbar so uninteressanten Gegenstand bei nur einigermassen tiefem Eindringen manches sagen, was durchaus nicht uninteressant ist, wie z.B. das: wird Asche angeblasen, so ist nicht das Geringste an ihr, das sich weigert, augenblicklich auseinanderzufliegen. Asche ist die Demut, die Belanglosigkeit und die Wertlosigkeit selber, und was das Schönste ist: sie ist selbst durchdrungen von dem Glauben, dass sie zu nichts taugt. Kann man haltloser, schwächer und armseliger sein als Asche? Wohl nicht leicht."

14095-14112: Text bezieht sich u.a. auf folgende Musikstücke: Kyokusô Tachibana: Ritt über den Biwa-See, Tôru Takemitsu: Voyage. – "Biwa" heisst die japanische Kurzhalslaute. Aus der Bambuswurzel wird die japanische Flöte ("Shakuhachi") hergestell.

14113-14116: G.W.F. Hegel: „Der Klang ist die Zeit des Körpers, materialisierter Raum, das Schwingen seiner selbst insich selbst. Dies ist die Form, entwickelt zur Bewegung, so dass die Form heraustritt aus der Schwere, aber immateriell.“ Ders., Naturphilosophie, Bd. 1, Vorlesungen von 1819/20, Napoli (Bibliopolis) 1982, S. 62 (§233).

14117-14124: Vgl. Mark Wallinger: „Theshold to the Kingdom“ (2000), Video [Bild], untermalt mit dem „Miserere“ von Gregorio Allegri (Psalm 51; hier Bezug auf Vers 9: „Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich weisser werde als Schnee.“ [Allegri: Miserere]

14124-14128: Laut einer Beschreibung von U. J. stehen in Australien die weissen Stämme der Eukalyptusbäume in einem deutlich sichtbaren bläulichen Dunst. Daher wohl auch der Name „Blauer Eukalyptus“ (Eucalyptus globulus).

14130: Yün-men (Ummon), chinesischer Zenmeister (864-949): "Tag für Tag ist guter Tag." Yunmen Wenyan, Zen-Worte vom Wolkentor-Berg. Darlegungen und Gespräche des Zen-Meisters Yunmen Wenyan, aus dem Chines. übers. und hrsg. von Urs App, Bern etc. 1994, S. 220 (Nr. 243). – Siehe auch 6. Beispiel in: Bi-yän-lu, Meister Yüan-wu’s Niederschrift von der Smaragdenen Felswand, verdeutscht und erläutert von Wilhelm Gundert, Frankfurt 1982, S. 147ff. Vgl. auch Z. 00330.

14131-14133: Pawel Florenski (1882-1936), Brief an seine Tochter Olga [„Oljen“], vom 21. - 22. Juni 1935, Solowki, Nr. 22; in: ders., Eis und Algen. Briefe aus dem Lager 1933-1937, hrsg. von Fritz und Sieglinde Mierau, Dornach 2001, S. 199 : „Ich sende dir ein wenig Rentiermoos, des Namens wegen“. [Oljen, angelehnt an den Kosenamen Olja, heisst russisch Rentier.]

14140: Zeile aus dem Salve Regina, das im katholischen Stundengebet nach der Vesper oder der Komplet gesungen wird. („Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle.“)

14148-14152 [Bild]: Vgl. das Landschaftsaquarell „Traumgesicht“ von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1525 und den von ihm angefügten Text: "Im 1525 Jor nach dem pfinxstag zwischen dem Mitwoch und pfintzdag in der nacht im schlaff hab ich dis gesicht gesehen wy fill großer wassern vom himmell fillen […] und ich also erschrack do ich erwacht das mir all mein leichnam [=Körper] zittrete und lang nit recht zu mir selbs kam Aber do ich am morgen auff stund molet ich hy oben wy ichs gesehen het. Got wende alle ding zu[m] besten."

14180: Im japanischen Theater wurden unter dem Bühnenboden bis zu 13 Schallgefässe angebracht. Margret Dietrich, Japanisches Theater – europäisch gesehen, in: Japanisches Theater, Ausstellungskatalog (Österreichisches Theatermuseum), Wien 1978, S. 15. – Solche „Theater-Vasen“ existierten auch im antiken griechischen Theater, wie Vitruv (Baukunst, 5. Buch, 5. Kp.) berichtet.

14200-14203: „Der Mensch stirbt an der Gewohnheit des Lebens.“ G.W.F. Hegel, Naturphilosophie, Bd. 1, Vorlesungen von 1819/20, Napoli 1982, S. 145 (§296, 297, 298).

14207 [Bild]: Mittelalterliche Darstellungen zeigen den Schreiber mit Gänsekiel und dem Messer, das zum Schneiden desselben nötig war.

14235-142342: Aus dem Gedichtszyklus alfabet von Inger Christensen. In: Inger Christensen, alfabet / alphabet, Münster 2001, S. 115f. („... og der hverken er sejr / eller nederlag til, kun ingentings trøst; / navnenes trøst, at ingenting kaldes ved / navn, at navnløshed kaldes ved navn / at navnene findes ...“) 

14246-14252: Aus der amtlichen Bekanntmachung des Todes von Fanz Schubert (1828). Vgl. Dokumente im Sterbehaus, Kettenbrückengasse 6, Wien.

14253-13257: Ferdinand Schubert, über die letzten Tage seines Bruders Franz. Ferdinand Schubert, Aus Franz Schuberts Leben, in: „Neue Zeitschrift für Musik“, Bd. 10 (1839); Nr. 33-36 (hier S. 143).

14258f.: Aus: Franz Schubert: Winterreise (Die Krähe).

14265-14267: Christensen, alfabet / alphabet, Münster 2001, S. 29 („... istiderne findes, / ishavets is og isfuglens is; ...“)

14273-14276: Solche Färbeschablonen aus Papier heissen in Japan „Katagami“ und werden (seit dem 8. Jh.) zum Bedrucken von Stoff, Leder und Papier verwendet. (Eine grosse Sammlung davon besitzt das MAK in Wien.)

14306: Fisch, Kraut und Hülsenfrüchte galten als Hauptnahrung in den Klöstern. Susanne Fritsch, Das Refektorium im Jahreskreis. Norm und Praxis des Essens in Klöstern des 14. Jahrhunderts, Wien, München 2008, S. 43-89.

14348-14352: Vgl. dazu auch: Plinius Secundus d. Ä., Naturalis historia [Naturkunde], Buch 10, 7 u. 30: Hier wird Ähnliches vom Adler erzählt, der Schildkröten zerbricht, indem er sie aus der Höhe herabfallen lässt. Auf diese Weise sei übrigens der Dichter Aischylos ums Leben gekommen. Auf ähnliche Weise öffnen Krähen Nüsse.

14389: Sacra convesazione (heilige Unterhaltung): in der Kunstgeschichte verwendeter Begriff für die Darstellung der Madonna (im Gespräch) mit dem Jesuskind und einigen Heiligen.

14477-14481: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 750 : „... que quand elleme disait ‚salon Arpajon’ je voiais un papillon jaune et ‚salon Swann’ (Mme Swann était chez elle l’hiver de 6 à 7) un papillon noir aux ailes feutrées de neige.“ (... dass ich, wenn sie‚ Salon Arpajon’ sagte, einen gelben Schmetterling sah, bei ‚Salon Swann’ aber (Madame Swann empfing im Winter von sechs bis sieben Uhr) einen schwarzen Schmetterling mit schneegepolsterten Flügeln.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und Gomorrha], Frankfurt a. M. 2004, S. 223.)

14496-14502: Marcel Proust (a. a. O., S. 756, resp. S. 233): „Car aux troubles de la mémoire sont liées les intermittences du cœur.“ („Denn mit den Störungen des Gedächtnisses ist eine Intermittenz, eine Arhythmie des Herzens verbunden.“)

14528-14535: Gedicht von Welimir Chlebnikow. Luigi Nono vertonte diese Zeilen in: Quando stanno morendo, Diario Polacco No. 2 (1982). [„Wenn sie am Sterben sind ...“]

14539: „Car comme les morts n’existent plus qu’en nous, c’est nous-mêmes que nous frappons ....“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 759. („denn da die Toten nur mehr in uns existieren, treffen wir unermüdlich uns selbst ....“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd.IV: Sodom und Gomorrha], hg. von Luzius Keller, Frankfurt a. M. 2004, S. 236.)

14554-14565: Emmanuel Lévinas, Maurice Blanchot – der Blick des Dichters, in: ders., Eigennamen. Meditationen über Sprache und Literatur. München/Wien 1988, S. 32.

14575-14577: „Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein, und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.“ Dschuang Dsï [Zhuangzi], Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, aus dem Chinesischen übertragen von Richard Wilhelm, Düsseldorf, 1972, IV,8, S. 71.

14578: „Wunderbar! Die Grundeigenschaft des Heiligen: für nichts gut sein!“ Roland Barthes, Das Neutrum [Le Neutre]. Vorlesungen am Collège de France 1977-1978, Frankfurt a. M., 2005, S. 294.

14580-14582: Vgl. das portugiesische Sprichwort: „Deus escreve direito por linhas tortas.“ („Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“)

14588-14593: „... lass die ¦ dinge liegen; leg ¦ die worte dazu, aber lass die ¦ dinge liegen; ...“ Inger Christensen, Alfabet / Alphabet, aus dem Dän. von Hanns Grössel, Münster 2001, S. 74f.

14621-14623: Titel eine Fotografie von Albert von Obermayer: Die Zerstäubung eines zehn Zentimeter langen Eisendrahtes durch starken elektrischen Strom (um 1893); in: Fotografie und das Unsichtbare 1840-1900, hg. von C. Keller [et al.], Wien, 2009, Tf. 110. [Bild]

14624-14639: Shitao berichtet von seiner Suche nach Pflaumenblüten (auf der gleichnamigen Handrolle, die 1685 entstand): „Bei meiner Rückkehr war da jemand, der lange auf mich gewartet hatte, der sagte: ‚Der Pflaumenbaum im Garten ist während des Abends beinahe zu voller Blüte gelangt. Würde der Mönch bitte kommen und die Sache erledigen?’ So folgte ich ihm hinüber zu meinem Studio, öffnete die Läden und setzte mich in Kontemplation nieder. Als es aber Mitternacht war, stand der einsame Mond am Himmel und warf [den Schatten] eisiger Zweige auf den Boden. Ich nahm meinen Pinsel, und hinterliess insgesamt 9 Gedichte, die mir in den Sinn kamen.“ In: Shitao, Aufgezeichnete Worte des Mönchs Bittermelone zur Malerei, Mainz 2009, S. 108.

14644-14646: Shitao: „Gelassen sitze ich vor der Frühlingsflut und schaue mit einem Lächeln auf. Ich angle nicht nach Weißfischen, ich angle nach zartem Grün.“ a. a. O. S. 37.

14672-14676: Abū Nuwās (757-815) erhält die Erlaubnis Gedichte zu schreiben erst nachdem er „tausend Stücke alter Poesie“ auswendig gelernt und wieder vergessen hat. Daniel Heller-Roazen, Echolalien. Über das Vergessen von Sprache, Frankfurt 2008, S. 205-207 (Eine Geschichte von Abū Nuwās).

14687-14689: In Bezug auf die Zerstörung des Turms zu Babel sagt Rabbi Johanan: "Ein Drittel des Turmes wurde verbrannt, ein Drittel versank [in der Erde] und ein Drittel besteht noch. Rabh sagte: Die Luft des Turms macht vergesslich." In: Der babylonische Talmud, neu übertragen von Lazarus Goldschmidt, Bd. IX, S. 128 (Sanhedrin 109a), Berlin 1934.  

14696-14698: „Hinter Wolkenblättern bleibt der helle Mond dunkel / die versinkende Sonne klart den Himmel am Regenrand auf.“ Verspaar aus dem Gedicht Huizhou za shi (Vermischte Gedicht aus Huizhou) von Cheng Bo (1071-11219). In: Shitao, Aufgezeichnete Worte des Mönchs Bittermelone zur Malerei, Mainz 2009, S. 63f.

14710-17714: Sigmund Freud, Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie [1891], Frankfurt a. M. 1992; zur hier erwähnten Stelle s. S. 105.

14721-14728: Al-Jahiz (ca. 781-868), Kitab al-Hayawan [Buch der Lebewesen]: „L’homme est ainsi fait que, quand il accomplit une chose difficilement réalisable, il a la capacité d’en faire une moins ardue. Dieu l’a créé capable d’une telle performance, mais Il n’a pas donné ce pouvoir aux autres espèces animales ...“ Auszüge in Französisch in: Jâhiz, Le cadi et la mouche, Anthologie du Livres des Animaux, extraits choisis ... par Lakhdar Souami, Paris 1988. S. 64 (La supériorité de l’animal sur l’homme dans certains domaines).

14730: Felsen gelten in der chinesischen Tradition als statische Formen (xing) und werden als „Knochen der Erde“ (digu) bezeichnet. Vgl. Shitao, Aufgezeichnete Worte des Mönchs Bittermelone zur Malerei, Mainz 2009, S. 121f.

14736-14738: Bei einer häufig angewandten Foltermethode wird der zu Verhörende an den hinter dem Rücken zusammengebundenen Händen in die Höhe gezogen bis das eigene Gewicht die Schultern zerreisst und ausrenkt. (Vgl. z.B. Jean Améry, Die Tortur, in: ders., Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, München 1966. Vgl. Z. 6856-6854.)

14739: Mehr zum Begriff "Luftmensch"  in Bezug auf die jüdische Lebenswelt bei Nicolas Berg, Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher, Göttingen 2008.

14744-14746: Buch Ezechiel 37,1-10.

14741-14753: Vgl. die Erzählung Sentenz; in: Warlam Schalamow, Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma 2, Berlin 2008, S. 285-294.

14768: „Der besitzlose Intellektuelle braucht keine Erinnerungen, es soll genügen, von den Büchern zu erzählen, die er gelesen hat – und fertig ist seine Biographie.“ Ossip Mandelstam, Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 88.

14770: „Schlaflosigkeit“: zu diesem literarischen Topos vgl. z.B. Alexander Puschkins „Verse, geschrieben nachts während der Schlaflosigkeit“, in: ders., Ein Denkmal schuf ich mir. Ausgewählte Gedichte, Tübingen 1983, S. 82. – Unter jahrelang anhaltender Schlaflosigkeit litt der rumänische Philosoph Emil Cioran (1911-1995): „Als ich den Schlaf verlor, habe ich die andere Seite des Lebens entdeckt. (...) Wenn das monatelang anhält, jahrelang, bekommt man eine ganz andere Sicht auf das Leben. Ich war ein Aussätziger geworden." In: Bernd Mattheus, Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers, Berlin 2007, S. 45-49. , hier S. 48.

14776: Vitex agnus castus (Mönchspfeffer, Keuschlamm): Heilpflanze, hilft u.a. gegen Verzagtheit (gr. Akedia) und Schläfrigkeit am Tag.  

14809: Ossip Mandelstam an Jurij Tynjanow am 21. Januar 1937 aus der Woronescher Verbannung: „Bitte halten Sie mich nicht für einen Schatten. Noch werfe ich Schatten.“ In: ders., Du bist mein Moskau und mein Rom und mein kleiner David. Gesammelte Briefe 1907-1938, Zürich 1999, S. 259. Mandelstam, der sich eingehend mit Dante beschäftigt hat, denkt vielleicht an folgende Stelle (Die Göttliche Komödie, Der Läuterungsberg, 21. Gesang, 131f.): „Mein Bruder, / Lass ab, denn du bist so wie ich ein Schatten.“ („Frate, / non far, ché tu se' ombra e ombra vedi.“)

14811-14821: „Das Wort lässt, wie Aspirinpulver, einen Kupfergeschmack in meinem Mund zurück.“ – „Bücher schmelzen wie Eisstücke, die ins Zimmer gebracht wurden.“ –  „Ihr Holzstösse, schwarze Bibliotheken der Stadt – wir werden noch lesen, wir werden noch sehen!“ Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke. In: Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 229f.

14841-14843: „Mit zunehmender Länge entfernt sich das Poem von seinem Ende, und das Ende selber kommt unerwartet und klingt wie ein Anfang.“ Ossip Mandelstam, Gespräch über Dante, in: ders., Gespräch über Dante. Gesammelte Essays 2, 1925-1935, Zürich 1991, S. 126.

14845-14860: Dante, Die göttliche Komödie, Die Hölle, 26. Gesang (112-120): „O Brüder“, rief ich, „die durch hunderttausend / Gefahren hier im Westen angekommen, / .... / Ihr seid nicht da, zu leben wie die Tiere, / ...“ Vgl. auch Das Paradies, 5. Gesang 80: „Zeigt euch als Menschen, nicht als blöde Tiere...“ (Übers.: Hermann Gmelin). 

14901-14903: Vgl. Ossip Mandelstam, Batumi. In: Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 133.

14912: Der Naturforscher Albert Heim schreibt 1874 einen Bericht über die Töne der Wasserfälle. In: Verhandlungen der Schweizerischen naturforschenden Gesellschaft in Schaffhausen, 56. Jahresversammlung. Jahresbericht 1872-73, S. 209-214. Schaffhausen 1874.

14919-14229: Vgl. Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, Über das Wesen der menschlichen Freiheit, hg. von Otto Weiss [1809], Auswahl in drei Bänden, Bd. III, Leipzig 1911. „Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörliche Melancholie alles Lebens. Freude muss Leid haben, Leid in Freude verklärt werden.“ (S. 495) – „... alle Persönlichkeit ruht auf einem dunklen Grunde, der also allerdings auch Grund der Erkenntnis sein muss. [...] Wenn ...der Erkenntnistrieb die grösste Analogie mit dem Zeugungstrieb hat, so gibt es auch in der Erkenntnis etwas der Zucht und Verschämtheit Analoges, und dagegen auch eine Un-Zucht und Schamlosigkeit, eine Art faunischer Lust, die an allem herumkostet, ohne Ernst und ohne Liebe, etwas zu bilden oder zu gestalten.“ (S. 509f.)  

14930-14936: [Buchtitel:] Emile Cioran: Vom Nachteil, geboren zu sein: Gedanken und Aphorismen [1973] und Die verfehlte Schöpfung [1969]. Vgl. auch Anmerkung zu Z. 6161-6163.

14937-14941: „Zu wünschen freilich wäre es, dass die Verderbtheit im Menschen nur so weit, nämlich bis zu reiner – schuldenfreier – Thierwerdung ginge. Aber es ist nicht so. Der Mensch kann leider nur über oder unter dem Thiere stehen …“ Franz von Baader, Über die Behauptung: dass kein übler Gebrauch der Vernunft sein könne, (Morgenblatt für gebildete Stände, Tübingen, Cotta. Jg. 1807, Nr. 197), in: ders. Sämtliche Werke, hg. von F. Hoffmann, 1. Bd., Leipzig 1851, S. 33-38 (hier S. 36)., Über die Behauptung: dass kein übler Gebrauch der Vernunft sein könne, (Morgenblatt für gebildete Stände, Tübingen, Cotta. Jg. 1807, Nr. 197), in: ders. Sämtliche Werke, hg. von F. Hoffmann, 1. Bd., Leipzig 1851, S. 33-38 (hier S. 36).

14952-14956: „... ach, wir alle gehen der Richtung nach, in die wir geworfen worden sind. Steine! Steine! Steine!“ Christine Lavant, Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus, Salzburg-Wien 2002, S. 47.

14957-14959: „Raum Zeit. Unsere Empfindungen sind ja nichts, als unsere Empfindungen.“ Georg Christoph Lichtenberg, Noctes. Ein Notizbuch, Faksimile mit einem Nachwort ... hg. von Ulrich Joost, Göttingen 1992, S. 54 (p. 6).

14999: „Cela fait souvent de la peine de penser“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 762. („Es macht oft Kummer, wenn man denkt.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd.IV: Sodom und Gomorrha], hg. von Luzius Keller, Frankfurt a. M. 2004, S. 240.) – Vgl. auch George Steiner, Warum denken traurig macht, Frankfurt am Main, 2006.

*

15041-15052: Der chinesische Maler Luo Ping malte um 1763 das Bild „Pflaumenblüten“. Seine Frau Fang Wanyi ergänzte das Bild, indem sie mit dem Saft der Trichterwinde die Blüten rot färbte. In: Luo Ping. Visionen eines Exzentrikers (1733-1799), hg. v. Kim Karlsson ... [et al.], Zürich (Museum Rietberg) 2009, S. 122f. [Bild]

15054: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 7. Gesang 121-123): „Wir waren elend im süssen, sonnenfrohen Äther, da wir im Innern Unlustnebel (accidïoso fummo) trugen.“

15065-15068: Augustinus, De libero arbitrio, II,34: „Denn wenn jemand sagt, dass das Ewige würdiger sei als das Zeitliche, oder dass 7 und 3 gleich 10 ist, dann sagt er nicht, so solle es sein, sondern er weiß nur, dass es so ist – und er beurteilt es nicht wie ein Prüfer, sondern freut sich bloß wie ein Findender.“ („... non examinator corrigit, sed tantum laetatur inventor.“)  – II,44: „Was immer du Wandelbares erblickst, könntest du also weder mit dem Sinn des Körpers noch durch die Überlegung des Geistes fassen, wenn es nicht durch eine zahlhafte Form erhalten würde, ohne die es in nichts zerfiele.“ („... nisi aliqua numerorum forma teneatur, qua detracta in nihil recidat ...“)

15069-15071: dire – dédire – redire – autrement dire: ein Grundthema bei Emmanuel Lévinas. (S. z.Bsp.in: Autrement qu’être ou au-delà de l’essence [1974].)

15094-15101: „I went and i returned. / it was nothing special. / Rozan famous for its misty mountains; / Sekko for its water.“ (Chinesisches Gedicht). - Shunryu Suzuki zitiert: „Rozan ist berühmt für seine nebligen, regnerischen Tage und der grosse Sekko-Fluss für seine Gezeiten, die kommen und gehen. Das ist alles.“ In: Ders., Zen-Geist Anfänger-Geist, Berlin, 11. Aufl., 2002, S. 97.

15108-15111: In Armenien wird aus dem Holz des Aprikosenbaums das Duduk, ein traditionelles Blasinstrument, hergestellt.

15112-15117: Jürgen Habermas, Was Theorien leisten können – und was nicht: „Es ist ganz simpel: immer wenn wir meinen, was wir sagen, erheben wir für das Gesagte einen Anspruch, dass es wahr oder richtig oder wahrhaftig ist; damit bricht ein Stück Idealität in unseren Alltag ein.“  In: ders., Zeitdiagnosen. Zwölf Essays, 1980-2001, Frankfurt a. M. 2003, S. 150-160, hier S.152.

15148-15152: Weißer Linienspanner (Siona lineata): ein tagaktiver Falter, der zur Familie der Spanner (Geometridae) gehört. „Geometridae“ leitet sich in Anlehnung an die eigenartige Fortbewegung der Raupen von lat. „Geometria“ (Feldmesskunst) ab.

15156-15159: „Was den Tod anbetrifft, 'Komm' ist sein Name. Alle, die er zu sich ruft, kommen sofort zu ihm, obwohl ihre Herzen vor seiner Furchtbarkeit erschrecken ...“ [Aus der Biografie der Taiemhotep, 1. Jh. v. Chr. Die Frühverstorbene klagt über ihr Schicksal.] Heike Sternberg-el Hotabi, „Ich besiege das Schicksal“. Isis und das Schicksal in der ägyptischen Religion, in: Vorsehung, Schicksal und göttliche Macht. Antike Stimmen zu einem aktuellen Thema, hg. von Reinhard G. Kratz ... [et al.], Tübingen 2008, S. 40-60, hier S. 42.

15160-15167: Stellen aus William Blake, The Book of Thel: „’O little Cloud’ the vergin said [...] The Cloud then shew’d his golden head & his bright form emerg’d“ [...]’O maid, I tell thee, when I pass away / it is to tenfold life, to love, to peace and raptures holy’“ und ders., America: „I see a Whale in the South-sea, drinking my soul away.“ In: William Blake, Zwischen Feuer und Feuer, München 2003, S. 252 und 284.

15173-15175: Friedrich Hölderlin, Reflexion: "Denn der hat viel gewonnen, der das Leben verstehen kann, ohne zu trauern.“ In: Sämtliche Werke. (Kleine Stuttgarter Ausgabe), Bd. 4, Stuttgart 1962, S. 246f.

15178 [Bild]: Ausschnitte (Henker Josef Lang und seine beiden Gehilfen) einer Fotografie, gemacht anlässlich der Hinrichtung von Cesare Battisti (1875-1916). Die Fotografie ist Frontispiz-Seite bei Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, Verlag „Die Fackel“, Wien-Leipzig, 1922. „Man glaubt beim Heurigen zu sein. [...] Vor dem Stuhl des lachenden Sängers des Weines und des Weanerg’müts lehnt ein Pfahl – das Haupt, das einzige auf dem Bild, das nicht vergnügt lacht; kraftlos nach links gesenkt – hängt ein Mann. Er ist tot und der Tote ist Battisti. Der lachende Sänger ist der Scharfrichter.“ Alpheus, Der Henker, in: Der Abend, 26. November 1918, S. 3; zitiert aus: Anton Holzer, Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918, Darmstadt 2008, S. 24. [Bild]

15180: Arvo Pärt: fratres (1977), bes. die Version für 12 Celli.

15190-15192: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 30. Gesang 136f.): „Und so wie der, der träumt vom Unheil / und der sich wünscht, im Traume nur zu träumen“ („Qual è colui che suo dannaggio sogna / che sognando desidera sognare“).

15192: Hohelied 5,2: „Ich schlief, doch wach war mein Herz.“

15194-15201: Aratos [ca. 310 - 245 v. Chr.], Phainomena. Sternbilder und Wetterzeichen, Düsseldorf 2009, S. 29 (Z. 369): „... unter den Flanken des nachtblauen [glaukos] Hasen“); S. 31 (Z. 408f).: „... die uralte Nacht, die Not der Menschen beweinend ...“; S. 27 (Z. 338ff.): "Unter den beiden Füssen des Orion, wird der Hase unablässig alle Tage gehetzt: doch er, Sirius [im Sternzeichen des Grossen Hundes, F.D.], fährt immer hinter ihm her, einem Verfolgenden gleich ..."

15202-15215: Giambattista Vico, Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker, Hamburg 2009; 1. Buch, S. 116 (Nr. 239): „Die Ordnung der menschlichen Dinge schritt so vorwärts: zunächst gab es die Wälder, dann die Hütten, darauf die Dörfer, später die Städte und schließlich die Akademien.“ – 2. Buch, S. 307 (Nr. 564): „... denn Vulkan hatte Feuer an die Wälder gelegt, um bei offenem Himmel zu beobachten, woher Jupiter seine Blitze senden würde.“

15222-15225: Buch Genesis 10,8-10: „Und Kusch zeugte Nimrod. Der war der erste Held auf Erden. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn ... Und der Anfang seines Reiches war Babel.“ Nimrod büßt bei Dante im 9. Höllenkreis (Hölle, 31. Gesang): " Es ist Nimrod, durch dessen böses Denken / Auf Erden nicht nur eine Sprache gültig.“.

15226-15234: „The great Pacific Garbage Patch“: Riesige Inseln bestehend aus an die 100 Millionen Tonnen (vor allem Plastik¬)Abfällen, die im Pazifik kreisen und eine tödliche Gefahr für die Tierwelt bilden.

15245-15249: Vgl. Stefan Bauernschmitt, Operative Behandlung des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms durch Zungengrundzügelung, Regensburg (Univ., Medizinische Fakultät, Diss.) 2008.

15254: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 33. Gesang, 42): „Und wenn du hier nicht weinst, wann willst du weinen?“ („E se pon piangi, di che pianger suoli?“)

15259: Fabricius Hildanus: „... wie es am obren Firmament zwey große Liechter hat, welche den Erdkreis erleuchten, also hat auch Gott der Allmächtige an dem allerobersten Theil der kleinen Welt beide Augen erschaffen. Die sind wie zwey uberaus helle, klare und schöne Liechter, welche da führen und erlüchten den gantzen Leib [...] Und ist der Nutz, Nothwendigkeit und Fürtrefflichkeit der Augen so groß, daß Galenus sie nicht unbillich Divina membra, das ist göttliche Gliedmaß nennet.“ Ders., Von der Fürtrefflichkeit und Nutz der Anatomy von Wilhelm Fabry von Hilden, genannt Fabricius Hildanus, Stadtarzt in Bern von 1615-1634, [Bern 1624], reprint. Aarau 1936, S. 96.

15287: Giacomo Leopardi: L’Infinito, in: ders., Gesänge, Dialoge und andere Lehrstücke, Zibaldone, Zürich 1998, S. 92: „Cosi tra questa / immensità s’annega il pensier mio: / e il naufragar m’è dolce in questo mare.“ („Und so versinken / im Unermesslichen mir die Gedanken, / und Schiffbruch ist mir süss in diesem Meere.“)

15293-15295: Emmanuel Lévinas, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg 1992, S. 354: „Alles zeigt sich und wird sagbar im Sein um der Gerechtigkeit willen …“. – Ders., Eigennamen. Meditationen über Sprache und Literatur, München/Wien, 1988, S. 39: „... dann muss die Authentizität der Kunst eine Ordnung der Gerechtigkeit ankündigen.“ 

15301: Emmanuel Lévinas, Die Philosophie und die Idee des Unendlichen, in: ders., Die Spur des Andern, Freiburg 1983, S. 185-208, S. (197 und) 201: „Die Idee des Unendlichen ist ein Denken, das in jedem Augenblick mehr denkt, als es denkt. Ein Denken, das mehr denkt als es denkt, ist ein Begehren. Das Begehren ‚ermisst’ die Unendlichkeit des Unendlichen.“

15310-15312: Emmanuel Lévinas, Die Dienerin und ihr Herr, in: ders., Eigennamen. Meditationen über Sprache und Literatur. München/Wien 1988, S. 52: „Sie [die Totalität des Gesagten; F.D.] bewahrt jene Bewegung zwischen dem Sehen und Sagen, jene Sprache reiner Transzendenz ohne Korrelat – wie das von keinem Erwarteten noch zerstörte Warten ...“

15322: mors immatura = frühzeitiger Tod.

15351: Franz Rosenzweig, Zweistromland. Kleinere Schriften zu Glauben und Denken (Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften Bd.3), Dordrecht 1984, S. 148: „Die Zeit nämlich wird ihm [dem Erzählenden, F.D.] ganz wirklich. Nicht in ihr geschieht, was geschieht, sondern sie, sie selber geschieht.“ (Das neue Denken. Einige nachträgliche Bemerkungen zum „Stern der Erlösung“

15355: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Der Läuterungsberg, 13. Gesang, 70-71): „Sie alle [die Neidischen] trugen einen Eisenfaden / Durch ihre Lider, wie ein wilder Sperber / Genäht wird, weil er anders nicht zu zähmen.“

15370: Dante Alighieri, a. a. O. (Der Läuterungsberg,13. Gesang, 130-132): [Die Sienesin, die auf dem Läuterungsberg Buße tut, zu Dante:] „Doch wer bist du, der uns nach unsrem Leben / Zu fragen kommt, und gehst mit offnen Augen, / Wie es mir scheint, und atmest noch beim Reden?“

15385-15387: Immanuel Kant, Opus postumum, Akademie Ausgabe, Bd. 21, S. 103: „Das Denken ist ein Sprechen und dieses ein Hören.“

15388-15390: Vgl. Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 4, Leipzig 1878 („Gedanke“) und Bd. 2, Leipzig 1860 („Dank“). – Bernhard Casper erwähnt folgendes Zitat von Heidegger: „Lernt erst danken, dann könnt ihr denken.“ In: ders., Angesichts des Anderen. Emmanuel Levinas – Elemente seines Denkens, Paderborn 2009, S. 121.

15395: Psalm 50,17 (51,17: „Herr, tue meine Lippen auf ...“)

15413: Val Nüglia („Tal des Nichts“): Seitental kurz vor dem Ofenpass in Richtung Nordost.

15416 [Bild]: Grotto im Valle Bavona (TI).

15421 [Bild]: „Hexenzettel“, 18.Jh., Heimatmuseum Eningen unter Achalm, 10x8,5 cm. In: Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, hg. und red. von Sönke Lorenz und Gisela Grasmück, Karlsruhe (Badisches Landesmuseum) 1994, S. 47.  

15431-15435: Roland Barthes: „Der Text ist in seiner Masse dem Sternenhimmel vergleichbar, flach und tief zugleich, glatt, ohne Randkonturen, ohne Merkpunkte. So wie der Seher mit der Spitze seines Stabs darin ein fiktives Rechteck herausnimmt (abteilt), um darin nach bestimmten Prinzipien den Flug der Vögel zu erkunden, zeichnet der Kommentator [und der Leser; F.D.] dem Text entlang Lektürebereiche auf, um darin die Wanderwege der Bedeutungen, die sanfte Berührung der Kodes, das Vorbeigehen der Zitate zu beobachten.“ In: ders., Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980 [Le grin de la voix, 1981], Frankfurt a. M. 2002, S. 78 (Über „S/Z“ und „Das Reich der Zeichen“).

15444: Siehe die Schrifttafel im Vordergrund der Zeichnung Engelsmesse von Albrecht Dürer, wo dieser handschriftlich den zitierten Satz einfügt. (Musée des Beaux-Arts, Rennes).

15446-14451: Hieronymus Bosch, Kind mit Windrädchen (um 1480); auf der Rückseite des Bildes: Kreuztragen Christi, Kunsthistorisches Museum Wien. [Bild]

15468: „Uschebti“ („Antwortende“) sind Grabbeigaben, die im Alten Ägypten als Symbol für den Verstorbenen beim Totengericht Antwort geben und an seiner Stelle Arbeiten verrichten sollten. Oft wurden sehr viele solcher Figürchen, zum Beispiel für jeden Tag des Jahres eines, ins Grab gelegt.

15479-15484: Roland Bartes: „Man schreibt nicht mehr aus diesem oder jenem Grund, sondern der Akt des Schreibens wird von dem Bedürfnis nach Sinn getrieben; man nennt das heute Signifikanz.“ In: ders., Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980 [Le grin de la voix, 1981], Frankfurt a. M. 2002, S. 272 (Die Krise der Wahrheit).

15485-15491: Roland Barthes: „Im Verhältnis zum Geglätteten des konstruierten Diskurses ist das Fragment ein Störenfried, ein Diskontinuierliches, das eine Art Pulverisierung von Sätzen, Bildern und Gedanken herbeiführt, von denen keiner endgültig ‚greift’. [...] Vielleicht besteht – doch das ist eine etwas paradoxe Position im Verhältnis zum Stil der Avantgarde – das beste Mittel, diese Befriedigung zu verhindern, darin, so zu tun, als bliebe man innerhalb eines scheinbar klassischen Kodes, als wahre man den Anschein einer gewissen stilistischen Zwängen unterworfenen Schrift, um die Zersetzung des endgültigen Sinns durch die Form zu erreichen, die nicht in spektakulärer Weise ungeordnet ist und die Hysterie vermeidet. [...] Das Haiku ... ist das wesentliche, musikalische Werden des Fragments. [....] Das Haiku ist eine sehr kurze Form, die sich jedoch, im Gegensatz zur Maxime, einer ebenfalls sehr kurzen Form, durch ihre Mattheit auszeichnet. Es erzeugt keinen Sinn, befindet sich aber gleichzeitig nicht im Nicht-Sinn. Es ist immer wieder das gleiche Problem: der Sinn darf nicht greifen, er darf jedoch auch nicht aufgegeben werden.“ In: ders., Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980 [Le grin de la voix, 1981], Frankfurt a. M. 2002, S. 230f. (Analogie, Natur und Imaginäres).

Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 982: „Du reste, quand le sommeil l’emmenait si loin hors du monde habité par le souvenir et la pensée, à travers un éther où il était seul, plus que seul, n’ayant mème pas ce compagnon où l’on aperçoit soi-même, il était hors du temps et de ses mesures.“ („Indes, als der Schlaf ihn so weit aus der von Erinnerung und Denken bewegten Welt hinwegführte durch einen Äther hindurch, in dem er allein, ja mehr als allein war, da er ja nicht einmal jenen Gefährten hatte, in dem man sich selbst erkennt, befand er sich außerhalb der Zeit und ihrer Maßstäbe.“) Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und Gomorrha], Frankfurt a. M. 2004, S. 560.)

15501-15505: Franz Rosenzweig: „Im Denken schlägt wirklich ein Schlag tausend Verbindungen; im Schreiben müssen diese tausend säuberlich auf die Schnur von Tausenden Zeilen gereiht werden.“ In: ders., Zweistromland. Kleinere Schriften zu Glauben und Denken (Der Mensch und sein Werk. Gesammelte Schriften Bd.3), Dordrecht 1984, S. 142. (Das neue Denken. Einige nachträgliche Bemerkungen zum „Stern der Erlösung“).

15516: Roland Barthes wider die Gemeinplätze: „Avantgarde ist immer dann anzutreffen, wenn es der Körper ist, der schreibt, und nicht die Ideologie.“ In: ders., Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980 [Le grin de la voix, 1981], Frankfurt a. M. 2002, S. 211.

15531: Conrad Gesner, Historiae animalium Liber III qui est de avium natura, Zürich 1555, S. 611-614. Paradiesvögel [„Lufftvogel“] haben keine Füsse [„pedes nulli“], halten sich ständig in der Luft auf und ernähren sich vom Tau des Himmels.[Bild]

15537-15541: Gustave Flaubert, Bouvard und Pécuchet, Frankfurt a. M. 2003, S. 48: „Um die Wetterzeichen im voraus deuten zu können, studierten sie die Wolkenformen ....; die Formen wandelten sich, bevor sie überhaupt die richtigen Namen gefunden hatten."

15575-15577: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 2. Gesang, 10-14): „Ihr andern wenigen, die ihre Häupter / Beizeiten nach dem Brot der Engel kehrten, / Von dem man hier, doch ohne Sattheit, lebet, / Ihr möget gerne eure Segel wenden / zum hohen Meer ...“ Als „Panis angelorum“ hat Thomas von Aquin die Hostie in der Liturgie bezeichnet.

15596-15599: Buch Josua 5,15: „Nimm deine Sandalen von den Füssen, denn der Ort, wo du stehst, ist heilig.“

15599: Rudolf Steiner: „Der Kopf denkt viel zu langsam und der Bauch viel zu schnell.“ In: Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen 1919-1924, hg. von Walter Kugler, mit Beitr. von Taja Gut ... [et al.], Köln (DuMont) 1999, S. 112.

15635-15640: Paul Barié, Sappho und Archilochos: Zauber des Anfangs. Ursprünge der europäischen Lyrik, Annweiler am Trifels, 2008, S. 21f. Das Textfragment des Gedichtes von Archilochos bezieht sich auf die Sonnenfinsternis vom 5. April 648 v. Chr. (Das ist das erste genaue Datum der europäischen Literaturgeschichte.) Erst Thales gelang es 585 v. Chr., zum ersten Mal eine Sonnenfinsternis vorauszusagen. – Das ganze Textfragment in der Übersetzung von Barié lautet: „Kein Ding ist unerhofft, und abschwören kann man nichts mehr, / noch sich wundern, seit Zeus, der Vater der Olympier, / aus dem Mittag Nacht machte, da er das Licht verbarg / der strahlenden Sonne. Feuchte Angst kam da über die Menschen. / Seitdem ist alles glaubhaft und alles möglich / für die Menschen. Keiner von euch soll sich künftig wundern, wenn er sieht, / wie die Landtiere mit Delphinen den Weideplatz tauschen / im Meere und ihnen die tosenden Wogen der See / lieber sind als das Festland und diesen das waldreiche Gebirge.“

15644-15647: gr. lysimelēs = gliederlösend. Paul Barié, a. a. O., S. 57: „Bei Homer ist es der Schlaf, der die Glieder löst, d. h. die Menschen willen- und wehrlos macht, aber auch jeden Stress und jede Anspannung von ihnen nimmt, weil er den Frieden der Erschöpfung schenkt. Hesiod überträgt die Vorstellung vom Schlaf auf den Eros.“ In diesem Zusammenhang kommt der Begriff sowohl bei Archilochos als auch bei Sappho immer wieder vor.

15663-15669: Dieses Tanka (= jap. Kurzgedicht mit 5-7-5-7-7 Silben) stammt von Ariwara no Narihira (825-880). In: Gäbe es keine Kirschblüten ... Tanka aus 1300 Jahren, Japanisch/Deutsch, ausgew., übers. und hg. von Yukitsuna Sasaki ... [et al.], Stuttgart 2009, S. 37.

15671-15674: Sappho: „Eros hat mir die Sinne durchgeschüttelt wie der Wind, der vom Gebirg herab in die Eichen fällt.“  Paul Barié, Sappho und Archilochos: Zauber des Anfangs. Ursprünge der europäischen Lyrik, Annweiler am Trifels, 2008, S. 74.

15674-15680: Horaz, Carmina I,9: „permitte divis cetera qui simul / stravere ventos aequore fervido / deproeliantis nec cupressi / nec veteres agitantur orni.“ („alles andere überlass der Sorge der Götter: wenn sie / dem Sturm gebieten, der in des Meeres Gebraus / sich austobt, regen die alten Zypressen, / Regen sich nimmer die Eschen.“)

15687-15690: Gerard Manley Hopkins, Tagebucheintrag vom 19. Juni 1866: „They are not dead who die, they are but lost who live.“ In: The Jounal and Papers of Gerard Manley Hopkins, London 1959, S. 141.

15707-15709: Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen über die Farben (Nr. 15): „In jedem ernsteren philosophischen Problem reicht die Unsicherheit bis an die Wurzeln hinab.“ In: ders., Über Gewissheit, Werkausgabe Bd. 8, Frankfurt a. M. 1984, S. 16.

15710: Diese Frage stellt Leo Löwenthal in einem Brief vom 29.06.1943 Herbert Marcuse. In: Peter-Erwin Jansen (Hg.), Das Utopische soll Funken schlagen ... Zum hundertsten Geburtstag von Leo Löwenthal, Frankfurt a. M. 2000, S. 101-114.

15733: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 31. Gesang, 13-15): „Die Angesichter waren alle flammend, / Die Flügel golden, weiß war alles andre; / Kein Schnee kann jemals solch ein Weiß erreichen.“

15744-15751: Anspielungen auf Stellen im Gedicht Brod und Wein von Friedrich Hölderlin: „Aber Freund! Wir kommen zu spät.“ – „ Aber das Irrsal / Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Not und die Nacht“ – „... wozu Dichter in dürftiger Zeit.“

15778-15783: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 25. Gesang, 118-120): „Wie einer, der hinschaut und eine kleine / Verfinsterung der Sonne sehen möchte, / Und weil er sehen will, gar nichts mehr sehen kann.“ („Qual è colui ch'adocchia e s'argomenta / di vedere eclissar lo sole un poco, / che, per veder, non vedente diventa“).

15816-15828: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 27. Gesang, 97-108): „Und jene Kraft, die mir der Blick gewährte, / Hat mich vom Neste Ledas losgerissen / und mich zum schnellsten Himmel hingetrieben. / Dort sind die hohen, lebensvollen Teile / Solch gleicher Art, dass ich nicht sagen könnte / Den Ort, den Beatrice mir erkoren. / Doch sie, die meine Sehnsucht schon erkannte, / Begann mit einem solchen frohen Lachen, / Dass Gott in ihrem Antlitz schien zu leuchten: / «Der Welt Natur, die ihre eigne Mitte / In Ruhe hält und alles rings beweget, / Hat hier zugleich den Anfang und das Ende; ...’“ („E la virtù che lo sguardo m'indulse, / del bel nido di Leda mi divelse, / e nel ciel velocissimo m'impulse. / Le parti sue vivissime ed eccelse / sì uniforme son, ch'i' non so dire / qual Beatrice per loco mi scelse. / Ma ella, che vedea 'l mio disire, / cominciò, ridendo tanto lieta, / che Dio parea nel suo volto gioire: / «La natura del mondo, che quieta / il mezzo e tutto l'altro intorno move, / quinci comincia come da sua meta; ...“)

15829-15833: Buch der Könige I 18,41ff.

15845-15847: Vgl. Vergil, Aeneis, III, 441ff.: Die Sibylle von Cumae schreibt weissagend auf ihre Blätter, die der Wind aber immer wieder durcheinander und fort bläst.

15850: Friedrich Hölderlin: Der Spaziergang: „ ... / Ihr lieblichen Bilder im Tale, / Zum Beispiel Gärten und Baum, / Und dann der Steg, der schmale, / ...“

15848-15853: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 29: „Hier nimm meinen Stoff wieder, Natur, knete ihn in die Masse der Wesen wieder ein, mache einen Busch, eine Wolke, alles, was du willst, aus mir, auch einen Menschen, aber mich nicht mehr.“ (Aus der Rede eines Selbstmörders).

15875-15880: Friedrich Hölderlin: Im Walde: „Aber in Hütten wohnet der Mensch, und hüllet  sich ein ins verschämte Gewand, denn inniger  ist, achtsamer auch und daß er bewahre den Geist, wie die Priesterin die himmlische Flamme, dies ist sein Verstand. Und darum ist die Willkür ihm und höhere Macht  zu fehlen und zu vollbringen, dem Götterähnlichen, der Güter gefährlichstes, die Sprache, dem Menschen  gegeben, damit er schaffend, zerstörend, und  untergehend, und wiederkehrend zur ewiglebenden,  zur Meisterin und Mutter, damit er zeuge, was er sei, geerbet zu haben, gelernt von ihr, ihr Göttlichstes, die allerhaltende Liebe.“ 
Vgl. auch George Steiner, Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Gegenwart?, München 1990, S. 13f.: „Die These lautet, dass jede logische Auffassung dessen, was Sprache ist und wie Sprache funktioniert, dass jede logisch stimmige Erklärung des Vermögens der menschlichen Sprache, Sinn und Gefühl zu vermitteln, letztlich auf der Annahme einer Gegenwart Gottes beruhen muss. Ich stelle die These zur Diskussion, dass insbesondere auf dem Gebiet der Ästhetik, also dem der Literatur, der bildenden Künste und musikalischer Form die Erklärung von Sinn auf die notwendige Möglichkeit dieser ‚realen Gegenwart’ schließen lässt.“

15892: Gerard Manley Hopkins, Tagebucheintrag vom 8. April 1868. In: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London (Oxford University Press) 1959, S. 163.

15897-15904: Ders., Tagebucheintrag vom 27. April 1868. a. a. O., S. 164. („...etwas graue Bewölkung zwischen Schauern gerippt und faltenfallend und einiger wilder leuchtender grosser Zausflaum an der Grenze einer weiten Drift mit dahinter aufsteigendem Blau ...“ (Übersetzung: Peter Waterhouse). [Bild]

15909-15911: Hopkins notiert am 15. März 1868 in sein Tagebuch: „Venus like an apple of light.“ a. a. O., S. 162.

15939-15960: Meister Eckhart zitiert Sant Dionysius: „Das ist nicht paradox, dass Gott die Seele seines Angesichts bedürftig gemacht hat, da doch schon die Sonne ohne Auftrag den Maden und Würmern im faulen Holz Leben verleiht.“ In: Meister Eckhart, hg. von Franz Pfiffer, 1. Abt., Leipzig 1857, S. 536f. (Deutsche Mystiker des vierzehnten Jahrhunderts, 2. Bd. Meister Eckhart), hier auch die weiteren zitierten Stellen.

15991-16000: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 769: „Pour la première fois je compris que ce regard fixe et sans pleurs (...) qu’elle avait depuis la mort de ma grand’mère, était arrêté sur cette incompréhensible contradiction du souvenir et du néant.“ („Zum ersten Mal begriff ich, dass der starre und tränenlose Blick (...) den sie [die Mutter] seit dem Tod meiner Grossmutter hatte, auf dem unbegreiflichen Widerspruch zwischen Erinnerung und Nichts haften geblieben war.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und Gomorrha], Frankfurt a. M. 2004, S. 250f.)

*

16003: Taku Sugimoto und Moe Kamura: Saritote. Das 4. Stück dieser Aufnahme von 2007 heisst „a chair 1“ und dauert 1:32. - Cover: Taku Sugimoto [Bild]

16015: Gerard Manley Hopkins verwendet diesen Ausdruck (den Peter Waterhouse mit „Inbild“ übersetzt) in seinem Tagebuch (z. Bsp. 12. März 1870: „... before I had always taken the sunset and the sun as quite out of gauge with each other, [....] but today I inscaped them together and made the sun the true eye and ace of the whole, as it is.“) In: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London 1959, S. 196.

16019-16021: Swetlana Geier zitiert Sergej A. Jessenin im Film Die Frau mit den 5 Elefanten. Swetlana Geier – Dostojewskijs Stimme von Vadim Jendreyko, 2009: „Ich traure nicht, ich rufe nicht, ich weine nicht – alles verfliegt wie weißer Rauch aus Apfelgärten.“

16022-16025: André Breton: „La beauté sera CONVULSIVE ou ne sera pas.“ Ders.,  Œuvres Complètes, I-III, Paris 1988/92/99, hier I, S. 753 (letzter Satz im Roman Nadja).

1602616028: Diese Bemerkung in Bezug auf das Wort „Gnade“ macht Swetlana Geier (im oben erwähnten Film).

16071-16073: Vgl. Franz Schubert: Winterreise: Frühlingstraum.

16076-16079: Jacques Derrida, De la grammatologie, Paris 1967, S. 25: „Ce logos absolu était dans la théologie médiévale une subjectivité créatrice infinie: la face intelligible du signe reste tournée du côté du verbe et de la face de Dieu.“

16082: „Ach“: vgl. Nikos Kazantzakis, Rechenschaft vor El Greco, 1. Bd.: Kindheit und Jugend, Berlin 1964, S. 152. (Auf die Frage, wie er Gott anrufe, antwortet ein Derwisch: „Ach! nicht Allah. Ach! werde ich ihn rufen.“)

16098-16102: Im Spätmittelalter wurden in der Passionsliturgie Kruzifixe mit beweglichen Gliedmaßen eingesetzt. (Szenische Darstellung von Kreuzabnahme, Grablegung und Auferstehung.) – Der Chronist Widmann berichtet 1548 aus der Reichsstadt Schwäbisch Hall von einem „crucifix, dem ausz den funff wunden rotter wein sprang“. Aus: Johannes Tripps, „Ein Crucifix, dem ausz den funff Wunden rotter Wein sprang“. Die Inszenierung von Christusfiguren in Spätgotik und Frührenaissance. In: Das Bild Gottes in Judentum, Christentum und Islam. Vom Alten Testament bis zum Karikaturenstreit, Eckhard Leuschner und Mark R. Hesslinger (Hrsg.), Petersberg 2009, S. 117-127, hier S. 124 und S. 119 [Bild]. 

16103f.: Evangelium nach Johannes 19,30.34.

16121: lactea ubertas = milchige Fülle. So äußert sich Quintilian (Institutio orataoria, X, I,32) zum Stil von Livius.

16162-16177: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London 1959, S. 191: „The sunset June 20 was wine-coloured with pencillings of purple, and next day there was rain.“ -  S. 192: „Westward under the sun the heights and groves in Richmond Park looked like dusty velvet being all flushed into a piece by the thick-hoary golden light which slanted towards me over them.“ (Peter Waterhouse übersetzt: „Westwärts unter der Sonne sahen die Anhöhen und Haine im Richmond Park aus wie staubiger Samt alle zu einem Stück zusammengespült vom dicht-seifigen goldenen Licht das sich über sie hinweg mir zu neigte.“ )

16183-16188: Buch Genesis 32,25-33 [Jakobs Kampf am Jabbok].

16190-16193: Augustinus, Confessiones X, 5: „tamen est aliquid hominis, quod nec ipse scit spiritus hominis, qui in ipso est ...“ („etwas steckt doch im Menschen, worum auch der eigene Geist des Menschen nicht weiss ...“) – Sir Thomas Browne, Religio Medici. Ein Versuch über die Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben (1642), Berlin 1978, S. 70 (1. Teil, Nr. 36): „Also sind wir Menschen, und wissen nicht, wie; es ist etwas in uns, das auch außer uns sein kann und nach uns sein wird, obgleich ihm seltsamerweise die Kenntnis dessen abgeht, was es vor uns war, und es nicht zu sagen weiß, wie es in uns gekommen ist.“

16195-1616203:  Ei des (ausgestorbenen) Riesenalks. Anita Albus vermutet, dass die Riesenalk-Eltern ihr Ei wieder erkannten, falls es unter andere geriet, weil sie dessen „Kalligrafie“ lesen konnten. In: Anita Albus, Von seltenen Vögeln, Frankfurt a. M. 2005, S. 27-36. [Bild]

16212-16217: a. a. O., S. 11-20.

16218-16222: Paul Feyerabend spricht mit Blick auf die archaische Kunst und die frühen Epen von einem Wissen, das die Kenntnisse aufaddiert (S. 138) und von einer Kunst der sichtbaren Listen (S. 150). „Die Natur erscheint nicht in den Ereignissen, sie ist in ihnen auseinandergelegt ...“ (S. 149). In: Paul Feyerabend, Naturphilosophie, Frankfurt a. M. 2009.

16242-16252: Vgl. dazu: Anita Albus, Von seltenen Vögeln, Frankfurt a. M. 2005, S. 115-134. „Schnäkäker“ ist eine der vielen volkstümlichen Bezeichnungen für den Wachtelkönig.

16257: „Doudevull“ (= Totenvogel) heißt der Ziegenmelker im Luxemburgischen. Vgl. Anita Albus, a. a. O., S. 135-162.

16274: Der Begriff „kawwanah“ aus dem rabbinischen Judentum mit der Bedeutung von „Konzentration“ und „Aufmerksamkeit“ gilt als bedingungslose Voraussetzung des Betens. S. z.B. Karl Erich Grözinger, Jüdisches Denken, Bd. 2, S. 457f.

16300-16306: John Gay (1685-1732), englischer Dichter. Er schrieb den Text zu The Beggar’s Opera, der als Vorlage für die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill diente.

16307-16311: Vergil, Aeneis, IV, 63f.: „[Dido] besucht vor den Augen der Götter die reichen Altäre, / Heiligt mit Opfern den Tag und blickt in die Herzen der Tiere, / Und mit bangendem Blick befragt sie die atmenden Lungen.“

16312-16320: Textstücke aus der Schlussszene des Stücks Endspiel [Fin de Partie] von Samuel Beckett.

16325: Vgl. dazu Johann Friedrich Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, neu bearbeitet von G. Berg ... [et al.]; hrsg. von Carl R. Hennicke, Gera-Untermhaus 1897-1905, Bd. II, S. 224-229 (Das gelbköpfige Goldhähnchen. Regulus regulus) und Tafel 15.

16364-16376: „Diser Vogel ist im Winter zu Ende anno 1641, da wohl Schnee gelegen, in einem Meisenschlag gefangen worden, hat nichts wollen recht essen, der ist in 2 oder 3 Tagen darnach gestorben ...“ Text zum Bild einer Alpenbraunelle (Blatt f.142) von Jakob Graviseth. In: Die Vögel der Familie Graviseth. Ein ornithologisches Bilderbuch aus dem 17. Jahrhundert, hg. von der Burgerbibliothek Bern (Schriftenreihe Passepartout), Bern 2010, S. 49.[Bild]

16384-16388: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London 1959, S. 207 (Tagebucheintrag vom 21. April 1871): „... the sky a beautiful grained blue, silky lingering clouds in flat-bottomed loaves, others a little browner in ropes or in burly-shouldered ridges swanny and lustrous, more in the Zenith stray packs of a sort of violet paleness.“

16398-16408: Vgl.  Shakespeare, Sonett LXV.

16435-16443: Zu der von Darwin (1835) auf den Galápagosinseln entdeckten Finkenart vgl. z. B. Julia Voss, Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie. 1837 bis 1874, Frankfurt a. M. 2007, hier Abbildung 15: "Ein Fink der Galápagosinseln mit von Darwin beschrifteten Museumsetikette". (Bild)

16444-16448: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Prisonnière, Paris 1954, S. 24: „La réalité n’est jamais qu’une amorce à une inconnu sur la voie duquel nous ne pouvons aller bien loin.“ („Die Wirklichkeit ist immer nur der Anfang eines Weges ins Unbekannte, auf dem wir nicht sehr weit voranschreiten können.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. V: Die Gefangene], Frankfurt a. M. 2004, S. 29.)

16478-16480: [Edgar in:] William Shakespeare, King Lear, 4. Akt, 1. Szene. Ebenso gilt natürlich der Satz von Petrarca (Canzoniere, In vita di Madonna Laura, CLXX): „Chi pò dir com’egli arde, e ’n picciol foco.“ („Wer sagt er brenne, brennt auf kleiner Flamme.“)

16481-16484: Ludwig Hohl, Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung, Frankfurt a. M. 1981, S. 205 (Die Notizen II/333): „Das Unglück allein ist noch nicht das ganze Unglück; Frage ist noch, wie man es besteht. Erst wenn man es schlecht besteht, wird es ein ganzes Unglück. – Das Glück allein ist noch nicht das ganze Glück.“

16490-16498: Schlag einer Nachtigall nach Johann Matthäus Bechstein (1757-1822); zitiert in: Johann Friedrich Naumann, Die Vögel Mitteleuropas. Eine Auswahl hg. und mit einem Essay von Arnulf Conradi, Frankfurt a. M. 2009, S. 246. - Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S.143: „Die Nachtigallen singen und wissen wohl dabei nicht, was für Lärm die Verliebten und Dichter aus ihren Gesängen machen .... Vielleicht hält ein höheres Geschlecht von Geistern unsere Dichter wie wir die Nachtigallen und Kanarienvögel; ihr Gesang gefällt ihnen eben deswegen, weil sie keinen Verstand darin finden.“ – Vgl. auch das Gedicht The Woodlark von Gerard Manley Hopkins; in: ders., Geliebtes Kind der Sprache, Hörby, 2009, S 32-35.

16499-16507: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 757: „... si elles restent en nous c’est, la plupart du temps, dans un domaine inconnu où elles ne sont de nul service pour nous, et où même les plus usuelles sont refoulées par des souvenirs d’ordre différent et qui excluent toute simultanéité avec elles dans la conscience.“ („... wenn sie [die Freuden und Schmerzen, die sich vermeintlich in unserem Besitz befinden, F.D.] uns bleiben, so die meiste Zeit in einem unbekannten Bereich, in dem sie ohne Nutzen für uns sind und wo sogar die allervertrautesten von Erinnerungen einer anderen Ordnung zurückgedrängt werden, die jede Gleichzeitigkeit mit jenen in unserem Bewusstsein ausschließen.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und Gomorrha], Frankfurt a. M. 2004, S. 233.)

16523-16526: Plinius Secundus d. Ä., Naturalis historia [Naturkunde], Buch 10, 118: [von den Elstern:] „Sie finden gefallen an den Worten, die sie sprechen; sie lernen sie nicht nur, sondern tun es auch mit Freude ... Es ist bekannt, dass sie sterben, wenn sie der Schwierigkeit eines Wortes nicht gewachsen sind, wenn ihr Gedächtnis sie im

16532: Zwei Gedichtanfänge von Christine Lavant, Gedichte, Frankfurt a. M. 1988: „So eine wildfremde Sonne! Die war wohl noch nie in unserem Dorf ...“ (S. 57) und „So eine kopflose Nacht! Kein Hund verbellt den gedunsenen Mond ...“ (S. 18).

16545: Vgl. das ernste und traurige Gedicht An den Schnittlauch von Karl Kraus, das am 16. November 1916 in der „Fackel“ erschien.

16553: Zefiro torna ist der Titel eines zweistimmigen Madrigals von Monteverdi (nach einem Text von Ottavio Rinuccini). – Vgl. auch Lukrez, De rerum natura (1. Buch, Z. 10f.: „nam simul ac species patefactast verna diei / et reserata viget genitabilis aura favoni, ...“ („Kaum ist nämlich der lenzliche Anblick des Tages eröffnet / und, entriegelt, herrscht das trächtige Wehen des Zephyrs ...“).

16568: „nil posse creari de nihilo“ ist die Grund- und Ausgangsthese des Werkes De rerum natura von Lukrez.

16589: Zum Begriff „Inbild“ vgl. Anmerkung zu Z. 16015.

16598: Lukrez, De rerum natura I, 231: „unde aether sidera pascit?“ ("nährt Äther die Sterne?")

16616-16622: Georg Christoph Lichtenberg schreibt am 7. Oktober 1793 an Goethe: „Heute um zwölf Uhr, da die Umstände bis etwa die verschiedene Deklination der Sonne den vorigen sensibiliter gleich waren, hielt ich den Schlüssel an dieselbe Wand und der Schatten war schmutzig gelblich. Haben Ew. Hochwürden wohl auch schon die herrlichen lila Schatten gesehen?“

16624-16626: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Prisonnière, Paris 1954, S. 83: „le son doré des cloches ne contenait pas seulement, comme le miel, de la lumière, mais la sensation de la lumière …“ („der goldene Ton der Glocken enthielt wie der Honig nicht nur Licht, sondern auch die Empfindung von Licht …“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. V: Die Gefangene], Frankfurt a. M. 2004, S. 114.)

16627-16634: Ovid, Metamorphosen, 11,741-748: (Die Götter erbarmten sich der Liebenden Cëyx und Halcyone und verwandelten sie in Eisvögel.) „Ist der Winter gekommen, so brütet Alcyone sieben / Heitere Tage im Nest, das still auf dem Meere dahinschwebt. / Alsdann ruht das Gewoge; denn Aeolus hütet die Winde, / Hält sie in Schranken, und friedliche Fläche gewährt er den Enkeln.“) Vgl. auch Z. 13052-13055.

16638-16655: Vgl. Farīd ad-Dīn Attār, Vogelgespräche und andere klassische Texte, vorgestellt von Annemarie Schimmel, München 1999, S. 145-232; hier bes. S. 158-170, wo der Wiedehopf (hudhud) die Vögel auffordert, sich mit ihm zum Gottesvogel Simurgh aufzumachen. - Im Koran (Sure 27,16ff.) spricht Salomo (Suleiman) in der Sprache der Vögel mit dem Wiedehopf, der als Mittler zwischen ihm und der Königin von Saba auftritt. Vgl. auch Z. 9649. - „dunkle Merkzeichen auf der Stirn Gottes“: Anspielung auf den einen der jüdischen Gebetsriemen (Tfillin), der auf die Stirn gebunden wird zum Gedenken daran, dass Gott die Israeliten aus Ägypten herausgeführt hat. (Vgl. Exodus 13,16 und Deuteronomium 6,8.) Hier umgedeutet: das Merkzeichen (Totafot) soll Gott auf der Stirn tragen, damit er nicht vergisst, dass er mit uns unterwegs ist.

16656-16666: Heiliger Segen zum Gebrauch frommer Christen, um in allen Gefahren, worein sowohl Menschen als Vieh oft gerathen, gesichert zu seyn. Gedruckt im Jahre Christi 1840, [S. 159].

16682-16694: Emmanuel Levinas, Humanismus des anderen Menschen, Hamburg 2005, S. 55: „Alles fügt sich in eine Ordnung, in eine Welt ein, in der jedes Ding das andere offenbart oder sich selbst als Funktion des anderen erweist. Doch wenn sie in dieser Weise als Zeichen genommen wird, dann weist die Spur gegenüber den anderen Zeichen immer noch den folgenden Unterschied auf: sie bedeutet, ohne dass sie die Intention hat, ein Zeichen zu geben, und ohne dass sie einen Plan verfolgt.“

16669-16708: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London 1959, S. 215 (14.09.1871): „On this walk I came to a cross road I had been at in the morning carrying it in another ‚running instress’. I was surprised to recognise it and the moment I did it lost its present instress, breaking off from what had immediately gone before, and fell into the morning’s.“ (Peter Waterhouse übersetzt „running instress“ mit „fließende Inwucht“.)

16800: „Mameloschn“ (jiddisch) = Muttersprache.

16804-16820: Zitate aus: Adalbert Stifter, Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842. In: ders., Sämtliche Werke, Bd. XV: Vermischte Schriften, 2. Abteilung, hg. von Gustav Wilhelm, Hildesheim 1972, S. 5-16. Stifter beobachtete in Wien (vom Haus Nr. 495 am Ruprechtsplatz aus) diese einzige in der Neuzeit hier zu sehende Sonnenfinsternis.

16852: Ludwig Wittgenstein, Vorlesungen über den religiösen Glauben: „Es handelt sich hier nicht um eine Frage des sich irgendwie Näherkommens; die Sachen liegen auf einer ganz anderen Ebene; man könnte das ausdrücken, indem man sagt: ‚Du meinst etwas ganz und gar anderes, Wittgenstein!’“ In: ders., Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion, hg. von Cyrill Barrett, Göttingen 1968, S. 88.

16858: Die berühmte Mitleidsfrage, die Parzival an den kranken Gralskönig Anfortas richten soll: „Oheim, waz wirret [fehlt] dir?“ Wolfram von Eschenbach, Parzival, 795,29.

16861-16864: Hildegard von Bingen, Physica. Liber VII: De Unicorni: „ac in eundo quasi saltus habent ...“ Patrologia Latina (Migne) 197, 1317ff. – Zum Thema „Einhorn“ vgl. Das Tier, das es nicht gibt, hg. von Jochen Hörisch, Nördlingen 1986.

16873: Sinaasappel (nld.) = Apfel aus China: Apfelsine, Orange.

16878-18885: Ovid, Metamorphosen, 2, 340-366: Die Heliaden trauern um ihren mit dem Sonnenwagen des Helios abgestürzten Bruder Phaëton. Um ihre Trauer zu beenden, werden sie in Pappeln verwandelt, ihre Tränen zu Bernstein.


16932-16941: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London 1959, S. 231 (16.06.1873): „Shadows sharp in the quarry and on the shoulders of our two young white pigeons. There is some charm about a thing such as these pigeons or ….” („Schatten scharf im Steinbruch und auf den Schultern unserer beiden jungen weissen Tauben. Da ist einiger Zauber ¦ um ein Ding wie diese Tauben …“ (Übersetzung: Peter Waterhouse).

16976-16979: Thomas de Aquino, Summa contra Gentiles, III, 74.

16983-16990: Vgl. Buch Ezechiel 37.

16996-17000: Marcel Proust, Pastiches et Mélanges, Paris 1921, S. 235: „où chaque bruit ne sert qu’à faire apparaître le silence en le déplaçant, ..“ (wo jedes Geräusch nur dazu dient, die Stille hervortreten zu lassen, indem es sie von der Stelle schiebt …“ Ders., Nachgeahmtes und Vermischtes, Frankfurt a. M. 2003, S. 230.)
 

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17001: Emily Dickinson in einem Brief an T.W. Higginson (Januar 1874):  “News of dying goes no further than the breeze. The ear is the last face.”

17024-17034: „Am Spiegelgrund“ (heute „Am Steinhof“) hieß die psychiatrische Heilanstalt auf der Baumgartner Höhe bei Wien. Während der NS Herrschaft wurden hier in der „Städtischen Nervenklinik für Kinder“ ca. 750 kranke, behinderte oder sozialauffällige Kinder umgebracht. Heute befindet sich vor Ort eine Gedenkstätte bestehend aus kurzen, oben mit einer Glasleuchte versehenen Stäben, je einen für jedes getötete Kind. Vgl. dazu Alois Kaufmann, Totenwagen. Kindheit am Spiegelgrund, Wien 2007.

17037: Anstaltskirche St. Leopold am Steinhof (1904-07) von Otto Wagner.

17060-17067: Vgl. Buch Jesaja 45,7f.

17072-17074: Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.521: „Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.“

17195-17197: Ikkyū Sōjun, Gedichte von der verrückten Wolke, Frankfurt a. M. 2006, S. 74: „Spalte einen Kirschbaum / und du wirst keine Blüten finden. / Doch der Frühlingswind / bringt Myriaden Blüten hervor.“ Bild:  Hisashi Sakaguchi, Ikkyu, Hamburg (Carlsen Manga) 2009, Bd. 3 (Kp. 18), S. 249. (Ikkyū Sōjun, 1394-1481, bekanntester Exzentriker unter den Zen-Meistern, dem Wein zugeneigt und Gast in Bordellen, voll tiefsinnigen Witzes und Erleuchtungs-Erfahrung. „So viele Jahre habe ich Zen geübt und den Weg praktiziert, jetzt habe ich neue Probleme.“)

17190: οπώρα (gr.), Bezeichnung für die Jahreszeit zwischen Sommer und Herbst.

17195-17197: Ausspruch von Ikkyū Sōjun, 1394-1481, bekanntester Exzentriker unter den Zen-Meistern, dem Wein zugeneigt und Gast in Bordellen, voll tiefsinnigen Witzes und Erleuchtungs-Erfahrung. „So viele Jahre habe ich Zen geübt und den Weg praktiziert, jetzt habe ich neue Probleme.“) Bild: Vgl. Hisashi Sakaguchi, Ikkyu, Hamburg (Carlsen Manga) 2009, Bd. 3 (Kp. 18), S. 249.

17215: G.W.F. Hegel, Naturphilosophie (Bd.1: Die Vorlesungen von 1819/20), Napoli 1982, S. 62: „Der eigentliche Klang ist das innere Beben des Körpers …“

17244-17251: Anlehnung an Stellen in: Dōgen Zenji, Shōbōgenzō, 1. Kapitel (Genjōkōan).

17253-17255: Vgl. die wichtigen Stellen zum Weißdorn bei Proust. (Zum Beispiel Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a. M. 2004, S. 202-206.) – Auf die mögliche Verwechslung wird hingewiesen in: Andreas Maier und Christine Büchner, Bullau. Versuch über Natur, Frankfurt a. M. 2008, S. 96f.

17276-17278: Der Wüstenvater Sisoes (ca. 340-430) antwortet einem ratsuchenden Bruder: „Was zwingst du mich, unnütz zu reden? Gib acht [ιδού]! tue, was du siehst!“ Sisoes 45. Vgl. z.B. in Weisung der Väter. Apophthegmata Patrum …, übersetzt von Bonifaz Miller, Trier 1986, S. 278.

17291-17300: Buch Jesaja 45,8f: „Ergieße dich Himmel von oben, und die Wolken sollen überfließen vor Recht! Wehe dem der rechtet mit dem, der ihn gestaltet hat: eine Tonscherbe unter irdenen Scherben! Sagt denn der Lehm zu dem, der ihn gestaltet hat: Was tust du?“ – Vgl. auch die Introitus-Antiphon der Messe zu Ehren Marias: „Rorate caeli desuper, et nubes pluant justum …“ („Tauet Himmel, von oben, ihr Wolken regnet den Gerechten …“)

17327: vgl. Z. 17258.

17342-17346: Vgl. Anmerkung zu Z. 12553: „die Welt, die kommt“ (hebr. ‚olam ha-ba; jüdischer Begriff für das kommende Gottesreich). S. auch Ernst Bloch, Das Prinzip der Hoffnung (1938-1947). Ausg. Frankfut a. M. (Suhrkamp) 1977, Vorwort: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. [… ] So brach die Perspektive ab, so entspannte Erinnerung die Hoffnung.“ (S. 1 und 17)

17348-17355: Reiter, Florian C., Die Verbindung von Menschlichkeit und Göttlichkeit. Taoistische Ansichten des Lebens, Wiesbaden 2010, S. 29f. („Die Reise auf dem gelben Hund“) und S. 40-43 („Die magische Schildkröte“), S. 49-51 („Der Strohrock“).

17356: „docta spes“ (gelehrte Hoffnung): vgl. Ernst Bloch, a. a. O. S. 7.

17388: André Leroi-Gourhan, Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt a. M. 1980, S. 43: „...[es] scheinen genügend Belege dafür vorzuliegen, dass die Fortschritte in der Anpassung des Bewegungsapparates eher dem Gehirn genützt haben, als dass sie von diesem hervorgerufen worden wären.“ – S. 320: „Mit seinen Händen nicht denken können bedeutet einen Teil seines normalen und phylogenetisch menschlichen Denkens verlieren.“

17408-17419: Vgl. die wunderschöne Beschreibung der Quallen in Jules Michelet, La Mer, Paris 1861.

17413-17416: Gregor von Nyssa, De opificio hominis (um 379), [In c. VIII und IX wird dargestellt, wie sehr die menschliche Gestalt, vergleichbar einem Musikinstrument, auf die Sprache hin angelegt ist. In c. X fährt Gregor fort:] „Dank dieser Anordnung schafft der Geist wie ein Musiker in uns die Sprache. Diese Auszeichnung wäre uns zweifellos nie zugekommen, wenn unsere Lippen, um der Bedürfnisse des Körpers willen, [ausschließlich] die aufwendige und mühsame Aufgabe der Ernährung hätten auf sich nehmen müssen. Diese Aufgabe haben die Hände übernommen und dadurch haben sie den Mund befreit, damit er sich in den Dienst der Sprache stelle.“

17434-17441: Vgl. Frontispiz und Titelseite in: Johann Christoph Gottscheden, Erste Gründe der gesammten Weltweisheit, darinn alle philosophischen Wissenschaften in ihrer natürlichen Verknüpfung in zwei Theilen abgehandelt werden, Leipzig 1739.
Text unter dem Frontispiz: „Hier starret Sinn und Witz, der Geist verliert sich gantz / In aller Welten Heer, Pracht, Ordnung, Lauf und Glantz. / O! was ist hier der Mensch? Er wäre nichts zu nennen, / Könnt er am Wercke nicht des Meisters Größe kennen.“ (Bild)

17495-17499: Vgl. Dazu z.B.: André Leroi-Gourhan, Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt a. M. 2006, S. 410: „… die fundamentale Eigenschaft der Städte liegt darin, ein geordnetes Bild vom Universum zu entwerfen.“

17500-17506: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 1012: „… je fermais les yeux pour bien penser que ce que j’allais voir, c’était bien la plaintive aïeule de la terre, poursuivant, comme au temps qu’il n’existait pas encore d’être vivants, sa démente et immémoriale agitation.“ („… die Augen schloss, um mir recht vorzustellen dass, was ich sehen würde, die klagende Ahne der Erde war, die wie in den Zeiten, da noch keine Lebewesen existierten, in ihrer wahnwitzigen, unvordenklichen Erregung verharrte.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und Gomorrha], Frankfurt a. M. 2004, S. 605.)

17526-17530: Ikkyū Sōjun, Zen-Gedichte von der Verrückten Wolke, Frankfurt 2007, S. 8: „Mein Mönchsfreund hat eine seltsam-liebenswerte Angewohnheit: Er flicht Sandalen und stellt sie heimlich an den Wegrand.“

17564: ummyndanir (isl.) = Metamorphosen. (So lautet auch der Titel der isländischen Ausgabe von Ovids Metamorphosen.)

17590 „Tsukubai“ nennt man in Japan die kleinen Wasserbecken, die zum rituellen Waschen der Hände (zum Beispiel vor der Teezeremonie) dienen.

17596: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 213: „Er trieb einen kleinen Finsternishandel.“

17620: In Tenga Bithnua (= Die immer neue Sprache/Zunge). Titel eines altirischen apokryphen Textes. Darin predigt der Apostel Philipp, dass Gott ihn zu den Heiden gesandt habe, diese ihm neunmal die Zunge herausschnitten und er trotzdem jedes Mal in einer Engelssprache weiter gepredigt habe. Deshalb sein Name „Ever-new tongue“. Vgl. In Tenga Bithnua. The ever-new tongue, cura et studio John Carey, (Apocrypha hiberniae II; CCSA 16), Turnhout 2009.

17635-17650: In der berühmten Schlüsselszene, bei der Marcel an einem Wintertag auf Geheiss seiner Mutter einen Tee (un peu de thé) trinkt, in welchen er das berühmte Madeleine tunkt, bleibt vielleicht unklar, um was für eine Sorte Tee es sich gehandelt haben mag, sehr wahrscheinlich jedoch um Schwarztee. Wenn nämlich die bettlägrige Tante Leonie ihr Madeleine in Tee tunkt, wird ihr (jedenfalls wenn sie sich erregt fühlt) Lindenblütentee (sa tisane) gereicht, bei dessen Zubereitung Marcel die Lindenblüten bereit legt. Anschliessend folgt die grossartige und ausfühlriche Beschreibung der getrockneten Lindenblüten: „Cette flamme rose de cierge, c’était leur couleur encore, mais à demi éteinte et assoupie dans cette vie diminuée qu’était la leur maintenant et qui est comme le crépuscule des fleurs.“ („Dieses wachsrosa Leuchten war noch ihre Farbe, freilich halb erloschen und gedämpft in dieser Art von vermindertem Leben, das sie nun führten und das so etwas wie eine Blumendämmerung ist.“) Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a. M. 2004, S. 66-68 und 76f.) Ders., À la recherche du temps perdu. I: Du coté de chez Swann, Paris 1954, S. 44f. und 51f. – Vgl.: Z. 3993-3996.

17666-16672: a. a. O., S. 45: „Elle envoya chercher un de ces gâteau courts et dodus appelés Petites Madeleines qui semblent avoir été moulés dans la valve rainurée d’une coquille de Saint-Jacques. Et bientôt, machinalement, accablé par la morne journée et la perspective d’un triste lendemain, je portai à mes lèvres une cuillerée du thé où j’avais laissé s’amollir un morceau de madeleine.“

17677-17687: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 292.

17690-17693: Franz Kafka, Forschungen eines Hundes (1921/22).

17733: Vgl. Platon, Charmides 154 d - 155 a: Sokrates will die Schönheit des Jünglings Charmides nicht durch Beschauen seines Körpers, sondern durch bloßlegen seiner Seele im Gespräch erkennen. Auf diese Stelle bezieht sich das oft verwendetet Zitat „Sprich, damit ich dich sehe“, das so bei Platon nicht vorkommt, aber z. B. bei Erasmus von Rotterdam auftaucht (der in seinen Apophthegmata Sokrates zitiert) . (In: ders., Apophthegmata: Geistreiche Aussprüche, hg. von Heribert Philips, Frankfurt a. M. 2005, S. 66f.)

17753-1760: Zitate aus Gedichten von César Vallejo. (Zitiert aus: ders., Gedichte, Spanisch und Deutsch, Übertragung und Nachwort von Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt a. M. 1989.) Aus Dobla el dos de Noviembre: „Vosotros, difuntos, de las nítidas rodillas“ („Ihr Toten mit den schimmernden Knien“); aus Los nueve monstruos: „jamás … la migraña extrajo tant frente de la frente!“ („Niemals zog der Kopfschmerz soviel Stirn aus der Stirn!“); aus Pequeño responso a un héroe de la república: „también sudaba de tristeza el muerto“ („Auch der Tote schwitzte, vor Trauer“); aus Un hombre pasa: „Un hombre pasa con un pan al hombro“ („Ein Mann geht vorbei mit einem Brot auf der Schulter“).

17776-17784: Walter Benjamin spricht (in seinem Essay Über Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen, 1916) von „jener Aufgabe, die Gott ausdrücklich dem Menschen selbst zuschreibt: nämlich die Dinge zu benennen. Indem er die stumme namenlose Sprache der Dinge empfängt und sie in den Namen in Lauten überträgt, löst der Mensch diese Aufgabe.“ In: ders., Sprache und Geschichte. Philosophische Essays, ausgewählt von Rolf Tiedemann, Stuttgart 2010, S. 42.

17788-17790: Wisława Szymborska, Deshalb leben wir. Gedichte übertragen, und herausgegegeben von Karl Dedecius, Frankfurt a. M. 1980, S. 56; Zitat aus dem Gedicht: Von oben betrachtet: „Ein toter Käfer liegt auf dem Feldweg … / er liegt, als wär ihm nichts von Bedeutung passiert.“ – Inger Christensen, det/das, Münster 2002, S. 103 (Die Bühne. Konnexitäten 5): „Wie / bei hohem fieber wonne darüber dass man nichts bedeutet.“

17810-17813: Inger Christensen, det/das, Münster 2002, S. 13: „Indessen, bisweilen während die sonne noch überschuss genug hat den tod so langsam zu verteilen, dass er leben ähnelt, indessen hält das leben die fiktion in gang.“

17839-17843: „Les causes sont peut-être inutiles aux effets …“ Œuvres complètes du Marquis de Sade, t. 9: Histoire de Juliette ou Les Prospérités du vice, parties IV à VI., Paris 1987, S. 143.

17858: „Was die Götter abwenden mögen!“ Cicero in einem Brief an Cassius. (Ders., Epistulae ad familiares, XII, 6.) In: Cicero, Epistulae ad familiares, ed. by D.R. Shackleton Bailey, vol. II, 47-43 B.C., Cambridge 1977, S. 235.

17877-17879: Die Argonautensage erzählt von den Symplegaden, den in rascher Folge zusammenschlagenden Felsen, zwischen denen durch das Schiff der Argonauten nur mit Unterstützung der Göttin Athene gelangte. Apollonios von Rhodos, Argonautika, II, 317-344 u. 549-604.

17897-17907: Vgl. Tanizaki Jun'ichiro, Lob des Schattens, Zürich 1998, S. 60-62.

17940-17950: Peter Altenberg, Ashantee, Berlin 1897: „Nah-Badûh setzte sich neben mich. ... Sie legte ihren Kopf an meine Schulter, legte ihre Hand auf mein Knie.“ (S. 48f., aus: Ein Brief aus Wien) – „Tioko steht da, in lila Kattun eingehüllt. Wie ein dunkler Teichvogel, der friert, geduckt in lila Gefieder.“ (S. 31, aus: Der Abend).

17952-17957: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 17. Gesang, 7-12): „Lass heraus die Flamme / Der Sehnsucht“, sprach sie, „dass sie offen zeige / Das rechte Zeichen ihrer Prägung; / Nicht damit unser Wissen sich vermehre / Durch deine Rede, nein, damit du lernest, / Den Durst zu sagen, und man ihn dir stille.“

17965-17973: Herbarium des Pseudo-Apuleius (ca. 550-625), Österreichische Staatsbibliothek, Wien; Cod. 93, Blatt 72v, zeigt die Wirkung von Herba Paeonia (Pfingstrose): Zur Heilung von Mondsüchtigen wird sie um deren Hals gebunden. (Bild)

17993-18000: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Prisonnière, Paris 1954, S. 375: „... puisque, quand au moment de s’endormir, on reçoit la caresse de leur [= la musique de Vinteuil] irréel enchantement, à ce moment même, où la raison nous a déjà abandonnés, les yeux se scellent et, avant d’avoir eu le temps de connaître non seulement l’ineffable mais l’invisible, on s’endort.“ („... wenn man nämlich im Augenblick, da man einschläft, die Liebkosungen ihrer [= Vinteuils Musik] unwirklichen Verzauberung erfährt, in ebenjenem Augenblick, da der Verstand uns bereits verlassen hat, da schließen sich die Augen, und bevor man noch Zeit findet, nicht nur das Unsagbare, sondern auch das Unsichtbare kennenzulernen, schläft man ein.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. V: Die Gefangene, Frankfurt a. M. 2004, S. 536.)

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18017-18028: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le temps retrouvé, Paris 1954, S. 911: „En réalité, chaque lecteur est, quand il lit, le propre lecteur de soi-même. L’ouvrage de l’écrivain n’est qu’une espèce d’instrument optique qu’il offre au lecteur afin de lui permettre de discerner ce que, sans ce livre, il n’eût peut-être pas vu en soi-même.“ („In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, eigentlich der Leser seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a. M. 2004, S. 323f.)

18032-18048: Der Distelfink in der Hand des Jesuskindes wird in der christlichen Symbolik einerseits als gerettete Seele des Gläubigen gedeutet, andererseits verweist seine Vorliebe für Disteln auf die Passion Christi. Vgl. Bernardo Daddi: Triptychon (1335/1340);  Tempera auf Pappelholz, rechter Flügel (33x9,5 cm): Maria mit dem Kind in der Wiege (Madonna della culla) von zwei Franziskanerheiligen und der Stifterfamilie angebetet.  Kunstmuseum Bern. (S. auch: Marc Fehlmann und Gaudenz Freuler, Die Sammlung Adolf von Stürler, Schriftenreihe Kunstmuseum Bern Nr. 7, Bern 2003, S. 62-69.) (Bild)

18061-18069: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 11: „Da nun das Ich unablässig eine grosse Zahl von Dingen denkt und selbst nur das Denken dieser Dinge ist, trifft es, wenn es zufällig, anstatt Dinge vor sich zu haben, plötzlich an sich selbst denkt, nur auf eine leere Apparatur, etwas, was es nicht kennt …“

18061-18069 [Bild]: Vgl. Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen 1919-1924, hg. von Walter Kugler, mit Beitr. von Taja Gut ... [et al.], Köln 1999, S. 125: „Die Erde lockt gewissermaßen den Menschen zur Wiederverkörperung herein, indem sie dieAusstrahlung der Schmetterlingskorona und die Strahlung der Vogelkorona hinausschickt in den Weltraum.“ (Vortrag vom 28. Oktober 1923).

18083-18088: Stellen aus: Ralph Dutli, Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters, Göttingen 2010, S. 30: „Ein runder Baum / schleppte das Meer / über Soissons hinauf. / Ein Lerchenfalke / ging ihm mit seinen Flügelchen / Luft zufächeln.“ („Uns arbres reons / Pardesus soissons / Traïnoit la mer. / Uns esmerillons / Des ces allerons / L’aloit esventer.“) – S. 32: „Ein Mönch aus Kreide / zappelt vor Freude, / einen Schinken fickend.“ („Uns moines de croie / Faisoit molt grant joie / De foutre un bacon.“ – S. 31: „Te rogamus, audi nos [Wir bitten dich, erhöre uns].“

18105-18108: Giorgio Agamben, Nacktheiten, Frankfurt a. M. 2010, S. 20: „Deshalb heisst es, dass die höchste Erkenntnis jene ist, die zu spät kommt, die erst kommt, wenn sie uns nicht mehr nutzt.“

18117-18131: Vgl. dazu: Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 16. Januar 1922: „Diese ganze Literatur ist Ansturm gegen die Grenze und sie hätte sich, wenn nicht der Zionismus dazwischen gekommen wäre, leicht zu einer neuen Geheimlehre, einer Kabbala entwickeln können. Ansätze dazu bestehen. Allerdings ein wie unbegreifliches Genie wird hier verlangt, das neu seine Wurzeln in die alten Jahrhunderte treibt oder die alten Jahrhunderte erschafft und mit dem allen sich nicht ausgibt, sondern jetzt erst sich auszugeben beginnt.“ In: Franz Kafka, Tagebücher in der Fassung der Handschrift, hg. von Hans-Gerd Koch [et al.], Frankfurt a. M. 1990, S. 878.

18145-18160: Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 1. Januar 1922: „Mit primitivem Blick gesehen ist die eigentliche, unwidersprechliche, durch nichts von außerhalb (Martyrium, Opferung für einen Menschen) gestörte Wahrheit nur der körperliche Schmerz. Merkwürdig dass nicht der Gott des Schmerzes der Hauptgott der ersten Religion war (sondern vielleicht erst der späteren). Jedem Kranken sein Hausgott, dem Lungenkranken der Gott des Erstickens. Wie kann man sein Herankommen ertragen, wenn man nicht an ihm Anteil hat noch vor der schrecklichen Vereinigung.“ – Ders., In der Strafkolonie (1914). In: Die Erzählungen, Zürich (o.J.), S. 108: „Kein Misston störte die Arbeit der Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand; alle wussten: Jetzt geschieht Gerechtigkeit.“ - Vgl. auch: The word made flesh. Literary tattoos from bookworms worldwide, [ed. by] Eva Talmadge & Justin Taylor, New York 2010.

18163-18175 [Bild]: Bild aus: Hans K. Studer, Weltrundschau 1963. Kilchberg/ZH 1964, S.48. Text: „4. März. Die Tierwelt hatte unter dem langen Winter schwer zu leiden. Dieser Fuchs, der sich auf der Jagd zu weit vom Festland weggetraut hatte und auf einer Eisscholle vor der Insel Havering angetrieben wurde, musste erschossen werden. Das halbverhungerte Tier hatte aus Scheu vor den Menschen alle Rettungsversuche vereitelt.“

18176: Cicero, Orationes. In Verrem [Die Reden gegen Verres], 2, 3, 165: „tupis enim est et periculosa confessio.“ („denn schimpflich und gefährlich wäre das Geständnis.“)

18189: viaticum = Wegzehrung, Reisegeld; [kirchlich:] Sterbesakrament.

18195-18197: Aus dem Gedicht-Zyklus Den Weg aller Welt von Anna Achmatowa: „Er stürzte herunter / Die Strickleiter, machte / Gelassen die Runde / Durchs einsame Haus …“ In: Dies., Gedichte, russisch und deutsch, Frankfurt a. M. 1988, S. 111.

18215-18224: Giorgio Agamben, Nacktheiten, Frankfurt a.M. 2010, S. 189: „Auf welche Weise wir etwas nicht wissen, ist nicht weniger wichtig als unsere Erkenntnisweise.“

18236-18240: Zitat aus: Heiner Müller: Der Horatier (1968). In: ders., Werke 4 (Die Stücke 2), hg. von Frank Hörnigk, Fankfurt a. M. 2001, S. 73-85.

18267-18269: In der rabbinischen Literatur wird der Begriff Bath-Kol („Tochter der Stimme“) verwendet für die hörbare Stimme Gottes, die jedoch nur ein Widerhall der eigentlichen Gottesstimme ist, und auch nicht mehr dem unmittelbaren prophetischen Wort entspricht. Vgl. dazu z. Bsp.: Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch von Hermann L. Strack und Paul Billerbeck (1. Bd.: Das Evangelium nach Matthäus), München 1922, S. 125-134 (zu Mt 3,17).

18273-18275: Evangelium nach Johannes 1,1: „Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.“ – Eric Voegelin, Realitätsfinsternis, Berlin 2010, S. 78: „Philosophie im klassischen Sinne – die erotische Spannung auf die Weisheit hin, die Gott ist – wird von Hegel überwunden und ersetzt durch einen spannungslosen Wissensbesitz in Form eines wissenschaftlichen Systems.“

18293-18296: William Shakespeare, Macbeth, 5.Akt, 5. Szene (Macbeth:) „She should have died hereafter; / There would have been a time for such a word. / To-morrow, and to-morrow, and to-morrow, / Creeps in this petty pace from day to day / To the last syllable of recorded time, / And all our yesterdays have lighted fools / The way to dusty death. Out, out, brief candle! / Life's but a walking shadow, a poor player / That struts and frets his hour upon the stage / And then is heard no more: it is a tale / Told by an idiot, full of sound and fury, / Signifying nothing.“

18298: Ralph Dutli, Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters, Göttingen 2010, S. 60.

18321: Die katholische Kirche feiert am 8. Dezember das Marienfest „immaculata conceptio“.

18327: Vgl. die Zeile aus dem Salve Regina: „Ad te clamamus, exsules filii Evae“.

18340 u. 18358: Zu den Schwirrhölzern vgl. z. Bsp. Paul Wirz, Die Marind-anim von Holländisch-Süd-Neu-Guinea, 2. Bd., Teil 3: Das soziale Leben der Marind-anim, Hamburg 1925, S. 44-46.

18354-18357: Eric Voegelin, Weisheit und die Magie des Extrems: eine Meditation. In: ders., Mysterium, Mythos und Magie. Bewusstseinsphilosophische Meditationen. Wien 2006, S. 40. Erschienen auch im Eranos-Jahrbuch 46 (1977).

18367: Mischna-Traktat Avot (mAv): „O ihr Weisen seid vorsichtig mit den Worten, denn ihr könntet ... verbannt werden an einen Ort schlechten Wassers ....(1,11).“

18369: „Jene religiöse Erhebung und die Heiligung des empirischen Daseins, der Sabbath der Welt, ist verschwunden, und das Leben ein gemeiner, unheiliger Werkeltag geworden.“ Hegel zu denFolgen der Reformation, in: Johannes Hoffmeister, Dokumente zu Hegels Entwicklung, S. 323.

18372-18375: Mischna-Traktat Avot (mAv): “Mein ganzes Leben habe ich verbracht unter den Weisen und fand nichts besser für den Sterblichen als das Schweigen (1,17).“ – Vgl. auch: Günter Stemberger, Judaica Minora, Teil II: Geschichte und Literatur des rabbinischen Judentums, Tübingen 2010, S. 389-396.

18408-18410: Eric Voegelin, Mysterium, Mythos und Magie. Bewusstseinsphilosophische Meditationen, hg. und mit einem Vorw. von Peter J. Opitz, Wien 2006, S. 90: „Die Praxis der Philosophie im sokratisch-platonischen Sinne ist das Äquivalent zur christlichen Heiligung des Menschen, sie ist das Wachsen des Bildes von Gott im Menschen.“ – Ivan D. Illich, Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand. Ein Kommentar zu Hugos „Didascalicon“, Frankfurt a. M. 1991, S. 82: „Studium [legendi = Lesen; F.D.] ist ... nach Hugos Meinung ein Mittel, das Bild Gottes in sich selbst wiederzufinden ...“.

18414-18423: Vgl. das Gedicht Because von R.S. Thomas: „I praise you because / I envy your ability to / see these things: the blind hands / of the aged combing sunlight / for pity; the starved fox and / the obese pet; the way the world / digest itself and the thin flame / scours ... That is what / life is, and on it your eye / sets tearless, and the dark / is dear to you as the light.“ In: ders., Mit Fängen aus Feuer. Gedichte, Denklingen 2010, S. 18f. - Reinhold Schneider, Winter in Wien. Aus meinen Notizbüchern 1957/58, Freiburg 1958, S. 127: Was ist die Mitte des Wirbels? Keineswegs das Nichts. Die Welt verzehrt sich selbst.“

18435-18448: Vgl. Roland Barthes, Cy Twombly oder Non multa sed multum: „... dass das Wesen der Schrift weder in einer Form noch in einer Verwendung liegt, sondern bloß in der Geste, die sie hervorbringt ....“ In: ders., Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, Frankfurt a. M. 1990, S. 165-183; hier S. 166.

18449: Hugo von St. Victor, Didascalicon, 6, 5 (PL 176, 805C): „omnis natura rationem parit, et nihil in universitate infecundum est.“ („Alle Natur ist sinnträchtig, und nichts in der Welt ist unfruchtbar.“)

18452: lucubratiuncula (lat.): kleine Nachtarbeit bei Kerzenlicht.

18456-18463: Jean Paul, Kraft der Worte (Museum, II. Sedez-Aufsätze, 1. u. 2. Lfg.): „Nicht aus Gemeinem ist der Mensch gemacht (wie Schiller sagt), sondern aus Worten. Vom Worte werden die Völker länger als vom Gedanken regiert; das Wort wohnt auf der leichten Zunge fester als dessen Sinn im Gehirn; denn es bleibt, ... indes der ewig wechselhafte Gedanke ohne Zeichen umfliegt und sich sein Wort erst sucht.“ In: ders., Jean Paul’s Werke, Berlin 1868-1879, Teil 44, S. 50.

18473-18476: Buch Daniel 10,16: „Und sieh, einer, der einem Menschen ähnlich war, berührte meine Lippen, und ich öffnete meinen Mund, und ich redete und sprach ...“

18480-18483: Buch Sacharja 11,2: „Wehklagt, ihr Eichen des Baschan, denn der unzugängliche Wald ist zu Boden gegangen.“

18484-18486: Friedrich Nietzsche, Fröhliche Wissenschaften, Aphorismus 125 (Der tolle Mensch).

18487-18491: Augustinus, Confessiones XI, 11: „quis tenebit illud et figet illud, ut paululum stet, et paululum rapiat splendorem semper stantis aeternitatis, ...“ („Wer wird es [das Herz] festhalten, dass es ein wenig stehen bleibe und ein wenig erfasse vom Glanz der allzeit feststehenden Ewigkeit, ...“)

18492-18494: Blaise Pascal: "... j'ai dit souvent que tout le malheure des hommes vient de ne savoir pas demeurer en repos dans une chambre." In: ders., Pensées, ed. par Z. Tourneur, Paris 1942, t. I, S. 71, Nr. 128.

18494-18500: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Fugitive, Paris 1954, S. 486: „Mais, ce jour là, en sentant Albertine qui, tandis que j’étais seul dans ma chambre à faire de la musique, venait docilement vers moi, j’avais respiré, disséminée comme un poudroiement dans le soleil, une de ces substances qui, comme d’autres sont salutaires au corps, font du bien à l’âme.“ („Als ich an jenem Tag wusste, dass Albertine, während ich allein in meinem Zimmer sass und Musik machte, gefügig auf dem Weg zu mir war, hatte ich eine jener in den Strahlen der Sonne zerstäubten Substanzen eingeatmet, die wie andere für den Körpert heilsam sind, statt dessen die Seele erquicken.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 106.)

18502: Der Begriff „Taumelschale“ kommt vor im Buch Sacharja 12,2 und im Buch Jesaja 51,22.

18521-18523: Augustinus, Confessiones, VII, 1,1: „certus eram ... quod nullam patitur mutationem, melius esse quam id quod mutari potest.“ („ich bezweifle nicht, dass etwas, was keinem Wandel unterliegt, besser sei als etwas, was dem Wandel unterliegt.“)

18526-18529: Eric Voegelin, Realitätsfinsternis, Berlin 2010, S. 57: „Der Denker, der den Gedanken denkt, er sei ein Selbst, hat die Durchsichtigkeit und mit der Durchsichtigkeit die Identität seiner Existenz als Mensch verloren.“

18530-18533: Augustinus, Confessiones, X, 8,13: „Ita cetera quae per sensus ceteros ingesta atque congesta sunt, recordor prout libet at auram liliorum discerno a violis nihil olfaciens et mel defrito, lene aspero, nihil tum gustando neque contrectando, sed reminiscendo antepono.“ („Ich unterscheide den Duft der Lilie von dem des Veilchens, obgleich ich nichts davon rieche, und ziehe in bloßer Erinnerung, nichts schmeckend oder befühlend, Honig dem Most, das Glatte dem Rauen vor.“)

18534-18536: Augustinus, Confessiones, II, 2,2: „Neque einim id ago verbis carnis et vocibus, sed verbis animae et clamore cogitationis, quem novit auris tua.“ („Ich tue es auch nicht mit Worten meines Fleisches, nicht mit Lauten der Stimme, nur in Worten der Seele und im Aufschrei der Gedanken: ihn kennt dein Ohr.“)

18556-18559: Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften [Essai sur le don, 1950], Frankfurt a. M. 1990, S. 165: „So gibt es in der ganzen menschlichen Entwicklung nur eine Weisheit, und wir täten gut daran, als Prinzip unseres Lebens das anzunehmen, was schon immer ein Handlungsprinzip war und es immer sein wird: wir sollten aus uns herausgehen, Gaben geben, freiwillig und obligatorisch, denn darin liegt kein Risiko.“

18561-18564: William Blake, There is No Natural Religion: „Reason or the ratio of all we have already known, is not the same that it shall be when we know more.“ („Vernunft oder die Ratio all dessen, wovon wir wissen, ist nicht dieselbe, die sie sein wird, wenn wir mehr wissen.“) In: ders., The Early Illuminated Books, ed. by Morris Eaves ... et al., (Blake’s illuminated Books Vol. 3), Princeton (New Jersey) 1993, S. 60 (Plate b4). (Bild)

18574: „Weltmaschine“ (in positivem Sinne) s. z.Bsp. Nikolaus von Kues, De docta ignorantia (Buch 2, Kp. 11 und 12); Lukrez, De rerum natura, V, 96.

18577-18588: Herodot, Historien, VII, 31: „Xerxes, der diese Strasse zog, fand hier eine Platane, die er ihrer Schönheit wegen mit goldenem Schmuck beschenkte und der Obhut eines seiner Unsterblichen anbefahl ...“  – 18581-18584: „Nie war der Schatten eines teuren, lieblichen Gewächses angenehmer.“ Die Vertonung des italienischen Textes von Giovanni Bononcini in Xerse (1694 ) wurde Vorbild für Händels berühmte Arie „Ombra mai fu“ in der Oper Serse von 1738.

18589-18595: Eine Platane stand unter andern Bäumen auch in dem üppigen Rasen, auf welchen Orpheus Bäume und Tiere herbeisang. (Ovid, Metamorphosen 10, 86-144).

18602-18607: Augustinus, Confessiones, X, 8,14: „’Faciam hoc et illud’ dico apud me in ipso ingenti sinu animi mei pleno tot et tantarum rerum imaginibus, … dico apud me ista et, cum dico, paesto sunt imagines omnium quae dico ex eodem thesauro memoriae, nec omnino aliquid eorum dicerem, si defuissent.“ („’Das und jenes will ich tun’, so spreche ich in der Meeresweite meiner Seele, wo alles voll von Bildern grosser Dinge ist. …. während ich es sage, sind die Bilder alles dessen, was ich sage, vom nämlichen Erinnerungsschatze her schon gegenwärtig; ja ich könnte, wären sie nicht da, von alledem nicht einmal reden.“

18608-18610: Kungfutse, Gespräche. Lun Yü, Buch XVII, 19: „Wahrlich, redet etwa der Himmel? Die vier Jahreszeiten gehen (ihren Gang), alle Dinge werden erzeugt. Wahrlich, redet etwa der Himmel?“

18620-18623: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu, (III: La Fugitive), Paris 1954, S. 602: „L’habitude de penser empêche parfois d’éprouver le réel, immunise contre lui, le fait paraître de la pensée encore.“ („Die Gewohnheit zu denken legt manchmal das Gefühl für das Wirkliche lahm, macht dagegen immun und lässt es uns nur als etwas Gedachtes erscheinen.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 278.)

18629-18631: Diese Formulierung verwendet Eric Voegelin immer wieder in dem Text Realitätsfinsternis, Berlin 2010.

18632-18639: Kungfutse, Gespräche. Lun Yü, Buch VI, 20 u. 21, Düsseldorf 1972, S. 78: „Seiner Pflicht gegen Menschen sich weihen, Dämonen und Götter ehren und ihnen fern bleiben, das mag man Weisheit nennen.“ – „Der Wissende freut sich am Wasser, der Fromme (‚Sittliche’) freut sich am Gebirge. Der Wissende ist bewegt, der Fromme ist ruhig.“

18658-18664: Anspielung auf die Installation The Lightning Field von Walter de Maria (New Mexico; USA, 1977). (Bild)

18665-18672: Vgl. Dantes Traum bei seiner Ankunft am Purgatorio. Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Läuterungsberg, 9. Gesang, 19-33). Die Szene erinnert an den Raub des Jünglings Ganymed durch Zeus (Ovid, Metamorphosen, 10, 155-160), im christlichen Kontext aber vielleicht auch an den Adler als allegorische Figur für den Apostel Johannes, sowie an Jesaja 40,31 („Die aber, die auf den Herrn hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Schwingen, sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und ermatten nicht.“)

18673: Der Begriff „Werkstätte von allem“ („officina omnium“) kommt bei Johannes Scotus Eriugena (9. Jh.) in Über die Einteilung der Natur (Periphyseon) vor. CCCM Bd. 165, Liber V, 893C; dt. Ausg. Hamburg 1994, Kp. 20, S. 221.

18674: Nikolaus von Kues schrieb ein Werk mit dem Titel De non aliud, in welchem er „non aliud“ („nichts anderes“) als Gottesbezeichnung einführt. „Non-aliud“ ist aber aber auch das „quod per oppositorum coincidentiam annis multis quaesivi“ („was ich durch die ‚Koinzidenz der Gegensätze’ viele Jahre gesucht habe“ (c. 4). Bild: Cusanus' coincidentia oppositorum; in: De docta ignoratia, Kusanus-Bibilothek, Kues (D).

18675-18680: Marcel Proust, Essays, Chroniken und andere Schriften, Frankfurt a. M. 1992, S. 472: „Es geht darum, aus dem Unbewussten eine Realität zu schöpfen, um sie in den Bereich des Verstandes einzubringen, aber im Bemühen ihr Leben zu bewahren, sie nicht zu verstümmeln, sie so wenig wie möglich zu verderben, eine Realität, die, wie es scheint, durch das blosse Licht des Verstandes zerstört würde. Um dieser Bergungsarbeit zum Erfolg zu verhelfen, sind sämtliche Geisteskräfte und selbst Körperkräfte erforderlich. Es ist etwa dieselbe Art von umsichtiger, gelehriger, kühner Anstrengung, die jemand nötig hat, der noch im Schlaf diesen mit dem Verstand untersuchen möchte, ohne durch solchen Eingriff aufzuwachen.“

18686-18689: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit), Frankfurt a. M. 2004, S. 256-262. Im Zentrum dieser Schlüsselstelle steht einerseits die Unebenheit der Pflastersteine, auf die Marcel beim Aussteigen aus dem Wagen tritt, sowie gleich darauf – wartend in der Bibliothek der Fürstin von Guermantes – das Geräusch eines Löffels, den ein Diener unbeabsichtigt an einen Tellerrand schlägt. In dichter Folge tauchen weitere Auslöser von Glücks- und Freudengefühlen im Bewusstsein auf: u.a. die Bäume in Balbec, die Kirchtürme von Martinville, das Eintauchen der Madeleine in Tee. Damit verwandelt sich das Gefühl äußerster Niedergeschlagenheit in Zuversicht, das literarische Werk endlich in Angriff nehmen zu können, mehr noch, es enden sogar alle Sorgen um den Tod (S. 265): „denn in diesem Augenblick war ich das Wesen, das ich gewesen war, ein außerzeitliches Wesen und stand daher den Wechselfällen der Zukunft unbesorgt gegenüber.“

18699-18701: Erstes Buch der Könige 1,1-4: Das schöne, jungfräuliche Mädchen Abischag wurde zum hochbetagten König David gebracht, um ihn zu wärmen und zu pflegen.

18702-18705: Du Fu, Gedichte, aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Raffael Keller, Mainz 2009. S. 124 (Tief im Winter): „Blumen und Blätter gehorchen dem Willen des Himmels …“

18711-18714: Eine der Deutungen des griechischen Wortes für „Mensch“ (ánthrōpos) leitet sichab von „ánō“ (hinauf) du „trépō“ (sich wenden). Vgl. Johannes Scotus Eriugena (9. Jh.), Über die Einteilung der Natur (Periphyseon) vor. CCCM Bd. 165, Liber V, 941D; dt. Ausg. Hamburg 1994, Kp. 31, S. 293.

18720-18728: Vielleicht waren die ersten Wörter solche des Staunens und setzten mit einem Vokal ein, dem der sogenannte Glottisschlag (Kehlkopfverschlusslaut) vorangeht.

18759: „videre et videri unum sunt“. Diese Formulierung verwendet u.a. Meister Eckhart in: Expositio sancti evangelii secundum Iohannem, n. 107, Lat. Werke, Bd. III, S. 92 und Nikolaus von Kues in: De visione Dei (Das Sehen Gottes), c. V und X. – Vgl. auch "videre et videri coincidunt" - Theorien des Sehens in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, hg. von Wolfgang Christian Schneider ... [et al.], Münster 2011. Johann Kreuzer, Der Raum des Sehens. In: ders., Gestalten mittelalterlicher Philosophie : Augustinus, Eriugena, Eckhart, Tauler, Nikolaus v. Kues, München 2000.

18766-18786: Nikolaus von Kues: De visione Dei (Das Sehen Gottes). Im Vorwort erwähnt Kues Bilder (u.a. von Rogier van der Weyden), deren Augen so gemalt sind, dass der Betrachter sich in jeder Position angeschaut sieht (der „Alles-Sehende“ = figura cuncta videntis). Das Zitat („et cum videre tuum sit esse tuum, ideo ego sum, quia tu me respicis, ...“) ist aus c. 4 (n. 10). Zwischen 1451 und 1452 besucht Kues wiederholt Brüssel und sieht die schon damals berühmten Gemälde von Rogier von der Weyden im Gerichtssaal des Rathauses (entstanden 1435-1439). Diese Gemälde, die 1695 bei der Beschießung Brüssels ein Opfer der Flammen wurden, dienten als Vorbild für die Burgundische Tapisserie (Trajan- und Herkinbaldteppich, Tournai um 1540), die sich im Besitze des Kunstmuseums Bern befinden. Bei dem von Kues erwähnten Gesicht soll es sich um ein Selbstbildnis von Rogier van der Weyden handeln. Vgl. Anna Rapp Buri und Monica Stucky-Schürer, Burgundische Tapisserien, München 2001, S. 46 (Bild: Gregorszene) und S. 68-70 (Text).

18794-18799 [Bild]: Caravaggio: La vocazione di San Matteo (1598-1601) in der Kirche S. Luigi dei Francesi, Rom. (Vgl. Evangelium nach Matthäus 9,9.)

18806: Buch Jesus Sirach 5,13.

18808: „… die versunken ächzende Stummheit der Fische.“ Hugo Ball, Byzantinisches Christentum, Zürich 1958, S. 215f.

18832-18836: Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, Zürich 1992, S. 58 (24.10.1915): „Was nützt es mir, dass ich mich fallen lasse? Ich werde ja doch nicht so sehr den Kopf verlieren, dass ich nicht fallend die Fallgesetze studiere.“

18842-18848: Augustinus spricht im Zusammenhang mit seinen Erläuterungen über das Gedächtnis von diesem als dem "Magen der Seele" ("memoria quais venter est animi"), bringt den Vergleich mit dem Wiederkäuen („sicut de ventre cibus ruminando“) und erwähnt den „Mund des Denkens“ („ore cogitationis“). In: ders., Confessiones, X, 14.

18865-18868: Buch Jesus Sirach 21,15: „Wenn der Einsichtige ein weises Wort hört, lobt er es und fügt ein weiteres hinzu.“ S. auch Hugo Ball, Flucht aus der Zeit, Zürich 1992, S. 156: „Den Grund der Symbole, wo jedes Ding nur das andere durchleuchtet und durchlichtet, und wo es gleichgültig scheint, was ausgesagt wird; weil die Aussagen sich selbst gruppieren, weil sie aus einem gemeinsamen Mittelpunkt kommen, wenn nur das Individuum selbst eine Achse hat.“

18890: a.a.O.:  „... es gibt ein Finden zum Verlust.“

18905-18921: Vgl. die Rede der Weisheit im Buch Jesus Sirach 24,13-20. Die aufgeführten Duftstoffe und Räucherharze werden in der Bibel und in der antiken Literatur immer wieder erwähnt.

18964: Buch Jesus Sirach 10,11: „Stirbt der Mensch, was wird ihm zuteil: Maden, Geschmeiß und Gewürm.“

18965-18977: Stellen aus Psalm 6 und 22.

18986: Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, Zürich 1992, S. 171 (24.06.1917).

18988-18994: Vgl. das im Jahr 2000 begonnene Projekt „I’m not alone“ unter www.franzdodel.ch.

18995-19000: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Fugitive, Paris 1954, S. 508: „L’idée qu’on mourra est plus cruelle que mourir, mais moins que l’idée qu’un autre est mort, que, redevenue plane après avoir englouti un être, s’étend, sans même un remous à cette place-là, une réalité d’où cet être est exclu ...“ („Der Gedanke, dass man sterben wird, ist grausamer als das Sterben selbst, aber weniger grausam als der, dass ein anderer tot ist, dass über einer Person, die von ihr verschlungen worden ist, wieder in unversehrter Glätte ohne die leiseste Welle eine Wirklichkeit sich breitet, aus der diese Person ausgeschlossen ist …“. Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 139.)

*

19001[Bild]: Collection Louis Darget: Photographie de la Pensée. Planète et Satellite (1896). Siehe auch:. Fotografie und das Unsichtbare, 1840-1900, Corey Keller (Hg.), Wien 2009, Abb. 151-155.

19066-19078 [Bild]: Max Liebermann: Schweinekoben (um 1887), Nationalgalerie Berlin.

19082: Das althochdeutsche Wort für Morgenröte lautet „Ostarun“; davon leitet sich möglicherweise unser Wort „Ostern“ ab.

19099-19102: Jules Michelet, La Mer, Paris 1861, S. 167 [im Kp. über die Quallen = Filles des Mers]: „… la branche d’une plante qui allait se charger de feuilles s’arrête dans son développement, se contracte, devient un organe d’amour, je veux dire une fleur, …“ Diese Formulierung bezieht sich wahrscheinlich auf die diesbezügliche Theorie Goethes im Text Versuch die Metamorphose der Pflanze zu erklären von 1790. Bild

19120-19127: Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert, in: ders., Gesammelte Schriften, Frankfurt a. M. 1972-1989, Bd. VII, S. 393: „Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man sich in einem Walde verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden sprechen wie das Knacken trockener Reiser …“

19129-19136: Walter Benjamin, Der Sürrealismus, a.a.O., Bd. II, S. 307: “… vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich erkennt.“ – Ders., Lehre vom Ähnlichen, a. a. O., S. 209: „Das Tempo aber, jene Schnelligkeit im Lesen oder Schreiben … wäre dann gleichsam das Bemühen, die Gabe, den Geist an jenem Zeitmaß teilnehmen zu lassen, in welchem Ähnlichkeiten, flüchtig und um sogleich wieder zu versinken, aus dem Fluss der Dinge hervorblitzen.“

19140-19150: Yan-Tsen-Tsai (1716-97): In tiefer Nacht. In der kalten Nacht habe ich über meinem / Buch die Stunde des Zubettgehens vergessen / Die Parfüms meiner goldgestickten Bettdecke / sind schon verflogen, der Kamin brennt nicht mehr. / Meine schöne Freundin, die mit Mühe bis dahin / Ihren Zorn beherrschte, reißt mir die Lampe weg / Und fragt mich : Weißt du, wie spät es ist? In: Hans Heilmann, Chinesische Lyrik vom 12. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart, Leipzig 1905. – Dieses Gedicht zitiert Franz Kafka in einem der ersten Briefe an Felice Bauer (24.11.1912; s. auch Briefe vom 14./15.01.1913 u. 22.01.1913).

19172-19175: „An incredible storm hit the Westman Islands … a lot of boats sank …You could listen to them talking together on the ship’s radio …“ Aus dem Bericht von Margrét Rósa Kjartansdóttir, in: Roni Horn, Weather reports you. A project of Vatnassafn/Library of water, Stykkishólmur, Iceland. London/Göttingen 2007, S. 173

19190-19195: Walter Benjamin, Berliner Chronik: „Wer einmal den Fächer der Erinnerung aufzuklappen begonnen hat … in den Falten erst sitzt das Eigentliche …“ In: ders., Gesammelte Schriften, Frankfurt a. M. 1972-1989, Bd. VI, S. 467f.

19220-19228: Vgl. Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers, a.a.O., Bd. II, S. 9-21: „In ihnen [den Sophokles-Übersetzungen Hölderlins, F.D.] stürzt der Sinn von Abgrund zu Abgrund, bis er droht in bodenlosen Sprachtiefen sich zu verlieren.“ – „In dieser reinen Sprache, die nichts mehr meint und nichts mehr ausdrückt, sondern als ausdrucksloses und schöpferisches Wort das in allen Sprachen Gemeinte ist, trifft endlich alle Mitteilung, aller Sinn und alle Intention auf eine Schicht, in der sie zu erlöschen bestimmt sind.“

19284: Yang Lian, Unendlich; in: Lexikon der sperrigen Wörter, hg. von Florian Höllerer und Jean-Baptiste Joly, Stuttgart 2010, S. 149-159. (Yang Lian zitiert seinerseits aus Sauberkeit von Cao Xueqin.)

19294-19297: Blaise Pascal, Pensées, opuscules et lettres, Paris 2010, Fragm. 708, S. 545: „Car la nature est telle, qu'elle marque partout un Dieu perdu, et dans l'homme et hors de l'homme.“

19298-19305: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 154: „Ich glaube, sehr viele Menschen vergessen über ihrer Erziehung für den Himmel die für die Erde. […] Was der Mensch zu seiner Glückseligkeit zu wissen nötig hat, das weiß er gewiss ohne alle Offenbarung, als die, die er seinem Wesen nach besitzt. Lasst ihn seinen Endzweck finden, wie sehr die Palliative von temporeller Ruhe Schaden gestiftet haben, hat man ja gesehen. ….“

19346-19351: Vgl. Tin-Tun-Ling (um 1830-1886): Der Schatten des Orangenzweigs; in: Hans Heilmann, Chinesische Lyrik vom 12. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart, München und Leipzig 1905, S. 114f.: „Die Jungfrau … ist zart bewegt, da plötzlich an ihr Ohr der Ton der Flöte klingt; / Und sie träumt, dass sie die Stimme des Jünglings höre. / Durch das Fensterpapier dringt der Schatten des Orangenzweigs und fällt auf ihre Knie; / Und sie träumt, ihr hätte jemand das seidene Kleid zerrissen.“ (Tin-Tun-Ling lebte als chinesischer Gelehrter in Paris.)

19353-19376: Sebald Beham: Schlafende, vom Tod überrascht, 1548. Titel: "O. DIE STUND IST AUS".

19369: Vgl. das Bild von Oswald Tschirtner: Gott und Mensch, 1971.

19412-19418: Vgl. den chinesischen Mythos, von dem Jorge Luis Borges in Spiegeltiere berichtet; in: ders., Einhorn, Sphinx und Salamander. Ein Handbuch der phantastischen Zoologie, München 1964, S. 11f.

19465-19486: Der Text nimmt Bezug auf das Gedicht Dayanhe, meine Amme von Ai Qing (1910-1996). In: Ai Qing, Auf der Waage der Zeit. Gedichte, Berlin 1988, S. 13-17.

19497: Der Kaiser fragt Bodhidharma (1. Zen-Patriarch in China, um 470-543) nach dem „höchsten Sinn der Heiligen Wahrheit“. Bodhidharma antwortet: „Offene Weite – nichts Heiliges.“ In: Bi-Yän-Lu. Meister Yüan-wu’s Niederschrift von der Smaragdenen Felswand [12. Jh.], Frankfurt a. M. 1983, 1. Beispiel, S. 37.

19498-19500: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le Temps retrouvé, Paris 1954, S. 989: „… car si notre vie est vagabonde notre mémoire est sédentaire, …“ („… denn so rastlos unser Leben ist, so sesshaft ist unser Gedächtnis, …“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a. M. 2004, S. 440.)

19521-19527: Martin Heidegger spricht davon, dass „im faktischen Leben ihm selbst ständig irgendwie etwas fehlt, und zwar so, dass zugleich mitfehlt die Bestimmung, was es eigentlich ist, das fehlt“ und vom „Sturzcharakter des faktischen Lebens“. Ders., Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles, Gesamtausgabe Bd. 61, Frankfurt a. M. 1985, S. 155 u. 121.

19530: „schwaches Denkens“ („pensiero debole“): ein Begriff, der mehrfach bei Gianni Vattimo im Zusammenhang mit seiner Metaphysik-Kritik Verwendung findet.

19558-19563: Die unbedingte Verantwortung gegenüber dem Andern ist nach Emmanuel Lévinas „ein erdrückender Auftrag, aber göttliche Mühsal [incomfort divin]“. Ders., Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg i. Br. 1992, S. 272.

19600-19609: Vgl. das Gedicht Nach Lukrez (Teil IV) von John Burnside: „… like the thought / that comes to mind, as winter closes in, // a thought you guard against for years / until you guess // that nothing matters less / than beiing seen.“ In: ders., Versuch über das Licht. Gedichte, zweisprachige Ausg., aus dem Engl. übers. von Iain Galbraith, München 2011, S. 65

19623-19634: Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 in d-moll D810 (Der Tod und das Mädchen).

19650-19654: „Ihr Mönche, sucht nicht nach Worten und jagt nicht Erklärungen nach! Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen, alle Verrichtungen des Alltags sind Werkzeuge eurer [eigenen] Natur. Wo seid ihr denn nicht im Einklang mit dem Weg? So hört doch auf [mit eurem Streben] und gönnt euch etwas Ruhe.“ Mazu Daoyi und Dazhu Huihai, Grundlegende Reden und Aufzeichnungen der Hongzhou-Schule des Chan-Buddhismus; aus dem Chinesischen übersetzt und hrsg. von Christian Wittern, Berlin 2011, S. 86f.

19662-19664: „Der Weg braucht keine Übung.“ [Wenn du sagst, du willst etwas durch Übung erreichen, dann ist, was du zu erreichen beabsichtigst, schon zum Vornherein verloren.] a.a.O., S. 18, 21.

19679-19691: Vgl. dazu: Jean-François Lyotard, Das Erhabene und die Avantgarde, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 38. Jg. (1984) H. 424, S. 151-164. „Ein Geschehnis, ein Vorkommnis … ist unendlich bloss, und dieser Blösse vermag man sich nur in Entäußerung zu nähern (S. 152).“ – „Das Werk beugt sich keinem Vorbild, es versucht darzustellen, dass es ein Nicht-Darstellbares gibt, es ahmt nicht die Natur nach, es ist ein Artefakt, ein Trugbild (S. 160).“

19704: „mysterium fascinosum et tremendum“ ist die berühmte Formel für das Heilige bei Rudolf Otto, Das Heilige (1917).

19733-19742: Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt a. M. 1970, S. 192: „Ihr [der Kunst] Rätselcharakter spornt dazu sie an, immanent derart sich zu artikulieren, dass sie durch die Gestaltung ihres emphatisch Sinnlosen Sinn gewinnt.“

19781-19789: Ralph Dutli, Meine Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam. Eine Biographie, Zürich 2003, S. 525.

19790-19795: Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke; in: ders., Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 238.

19823: Titel eines Bildes von Barnett Newman (Not There-Here, 1962).

19825: Martinisömmerchen: Sommertage in der ersten Hälfte des Novembers (Martinstag: 11. November).

19854-19857: „Denn weil / Die Seligsten nichts fühlen von selbst, / Muss wohl, wenn solches zu sagen / Erlaubt ist, in der Götter Namen / Teilnehmend fühlen ein Andrer, / Den brauchen sie; …“ Aus: Friedrich Hölderlin, Der Rhein.

19858-19863: „Wenn aber / Das Blau ist ausgelöschet, das Einfältige, scheint / Das Matte, das dem Marmelstein gleichet, wie Erz, / Anzeige des Reichtums.“ Aus: Friedrich Hölderlin, Was ist des Menschen Leben?

18865-19881: Aus dem Sektionsbericht von Dr. Rapp (1843); in. Hölderlin, der Pflegsohn. Texte und Dokumente 1806-1843 mit den neu entdeckten Nürtinger Pflegschaftsakten, hg. von Gregor Wittkop, Stuttgart [etc.] 1993, S. 329.

18882-18885: „So gib unschuldig Wasser, / O Fittiche gib uns, treuesten Sinns / Hinüberzugehn und wiederzukehren.“ Aus Friedrich Hölderlin: Patmos.

19890-19901: Vgl. den Brief von Georg Christoph Lichtenberg an Johann Andreas Schernhagen (Geheimer Kanzleisekretär in Hannover) vom 27. August 1778. In: ders., Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 461.

1991919930: David H. Hubel, Auge und Gehirn. Neurobiologie des Sehens, Heidelberg 1989, S. 91: „Wenn wir ein stillstehendes Bild betrachten und darin einen interessanten Punkt fixieren, heften sich unsere Augen … auf diesen Punkt. Doch die Verankerung ist nicht absolut. Auch wenn wir uns noch so bemühen – unsere Augen bleiben nicht vollkommen still stehen, sondern führen ständig kleinste Bewegungen, sogenannte Mikrosakkaden, aus.“

19938-19941: Die Macula lutea, der sogenannte Gelbe Fleck in der Mitte der Netzhaut, ist u. a. die Stelle der größten Sehschärfe.

19950-19952: „Man fragt: Ob der Mensch von Gott mehr durch Bejahung oder durch Verneinung erfahren kann. Die richtige Antwort lautet, dass er durch Bejahung mehr über ihn erfährt. Gott existiert nämlich nicht durch jene Dinge, ohne die er existiert, sondern duch jene, ohne die er nicht existieren kann.“ Raimundus Lullus, Ars brevis, lateinisch-deutsch, übersetzt, mit einer Einführung hg. von Alexander Fidora, Hamburg 1999, S. 118f.

19949: Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke; in: ders., Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 187: „Wie soll ich von dir loskommen, du geliebtes Ägypten der Dinge?“

19950-19952: Raimundus Lullus, Ars brevis, lateinisch-deutsch, übersetzt, mit einer Einführung hg. von Alexander Fidora, Hamburg 1999, S. 118f.: „Man fragt: Ob der Mensch von Gott mehr durch Bejahung oder durch Verneinung erfahren kann. Die richtige Antwort lautet, dass er durch Bejahung mehr über ihn erfährt. Gott existiert nämlich nicht durch jene Dinge, ohne die er existiert, sondern durch jene, ohne die er nicht existieren kann.“

19953-19956: Roland Barthes, Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn, Frankfurt a. M. 1990. Siehe auch: Gottfried Boehm, Das Zeigen der Bilder. In: Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren, hg. von Gottfried Boehm …[et al.] München 2010, S. 18-53.

19978: lat. „rarus“ = locker, dünn, lückenhaft, weit.

19981-19990: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le Temps retrouvé, Paris 1954, S. 970: „Mais certains défauts, certaines qualités sont moins attachés à tel individu, à tel autre, qu’à tel ou tel moment de l’existence considéré au point de vue social. Ils sont presque extérieurs aux individus, lesquels passent dans leur lumière comme sous des solstices variés, préexistants, généraux, inévitables.“ („Gewisse Fehler aber wie gewisse gute Eigenschaften haften weniger an diesem oder jenem Individuum als vielmehr an diesem oder jenem Moment der unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten betrachteten Existenz. Sie haben fast gar nichts mit den Individuen zu tun, die nur unter ihr Licht wie unter mannigfaltige, bereits vor ihnen existierende, alles erfassende, unausweichliche Sonnenwenden geraten.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a. M. 2004, S. 411.)

19995-20000: „Ein Landmann schleppt Eimer zum Haus und seine schmächtige Stute, resignierend, unruhig und träumend, lauscht ahnungsvoll den Gedanken ihres Hirns und atmet mit kurzen Zügen den starken Zug des Windes ein.“ Marcel Proust, Freuden und Tage und andere Erzählungen und Skizzen aus den Jahren 1892-1896, Frankfurter Ausgabe, hg. Von Luzius Keller, I, Bd. 1, Frankfurt 1988, S. 111f. (Paulus Potter).

*

20027: Georg Christoph Lichtenberg berichtet in einem Brief (vom 21. April 1786 an Gottfried Hieronymus Amelung) von seinen Eindrücken auf rauer See: „Das Unaufhaltsame im ganzen, die menschliche Verwegenheit und der Geist, der sich hierin zeigt, verbunden mit dem Donner der Wogen, was man aus der Ferne hört, haben mir in Wahrheit Tränen, ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll, der Andacht, des Entzückens oder der Demütigung vor dem großen Urheber ausgepresst. […] Es ist kein grösserer Anblick in der Natur …“ : Ders., Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 490.

20032: Titel eine Buches von Georges Didi-Huberman: Was wir sehen blickt uns an [Ce que nous voyons, ce qui nous regarde], München 1999.

20060-20062: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, München 1984, S. 58: „… wenn etwas gesagt werden soll, so darf es nie ganz gesagt sein.“

20102-20109: a.a.O., S. 88: „… eine Tradition, das heisst laut Husserl: das Vergessen der Ursprünge, die Pflicht, auf andere Weise neu zu beginnen, der Vergangenheit nicht ein Überleben zu verleihen …, sondern die Wirksamkeit einer Wiederaufnahme oder einer ‚Wiederholung’, welche die edle Form des Gedächtnisses ist.“

20133-20136: Ein zentraler Gedanke bei Nikolaus von Kues, wobei Gott nicht nur als Ausfaltung (explicatio) der Welt, sondern auch als deren Einfaltung zum absoluten Einen (complicatio) verstanden wird. Siehe z. Bsp.: Nikolaus von Kues, De docta ignorantia, (Buch 2, Kp.3): „Deus ergo est omnia complicans in hoc, quod omnia in eo. Est omnia explicans in hoc, quod ipse in omnibus.“ („Gott ist die Einfaltung von allem nsofern, als alles in ihm ist, er ist die Ausfaltung von allem insofern, als er in allem ist.“)

20139-20142: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, hg. von Claude Lefort, München 1984, S. 121: „Die erste Malerei inauguriert eine Welt, das erste Wort eröffnet ein Universum.“

20141-20143: Erstes Buch der Könige, 8,12: „Der Herr hat gesagt, dass er wohnen will im Wolkendunkel.“

20167-10170: Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, S. 214: „Ich greife zu einem Wort, wie meine Hand an eine plötzlich schmerzende Stelle meines Körpers fährt; …“

202208: Margareta Porete (um 1250-1310) spricht immer wieder vom „Fernnahen“ („Loingprés“) als Person, auf die sich ihre ganze mystische Sehnsucht bezieht. Dies., Der Spiegel der einfachen Seelen. Wege der Frauenmystik, Zürich 1987. Vgl. Z. 12990.

20230-20232: David Cranz, in einem Brief an Graf Zinzendorf vom 18.11.1757 aus Bern, in welchem er seinem Kummer über die bevorstehende Reise zu den Herrnhuterbrüdern im Engadin Ausdruck gibt: „Ich denke nicht viel dabey, als: ich gehe, weils der Heiland und die Brüder so haben wollen. […] Alles das contribuirt zur Melancholie, sobald ich denke.“ In: Reise durch Graubünden im Jahre 1757. Ein Zeugnis aus der Geschichte der Herrnhuter in der Schweiz, Zürich 1996, S. 166.

20234-20236: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 192: „Es können Dinge bei einem alt werden, obgleich man selbst jung bleibt.“

20254-20258: Auf die wesentliche (und im Deutschen durch zwei Begriffe angezeigte) Unterscheidung von Körper und Leib geht u. a. der Philosoph Hermann Schmitz ein. (Zum Beispiel in: ders., Der Leib, Belin 2011, S. 1-6.)

20280-20285: Vgl. das Gedicht The Last Man to Speak Ubykh von John Burnside: [die letzten zwei Strophen:]„yet later they memorise the word / he spoke that morning, just before he died: / a name for death, perhaps, / or meadow grass // or swimmig to the surface of his mind, / another word they had, when he was young, / a word they rarely spoke, though it was there / for all they knew that nobody remembered.“ In: ders., Versuch über das Licht. Gedichte, zweisprachige Ausg., aus dem Engl. übers. von Iain Galbraith, München 2011, S. 94ff. – Tevfik Esenç, der 1992 in seinem Dorf starb, war der letzte, der die westkaukasische Sprache Ubykh noch sprach.

20286: Zeile aus dem Gedicht A Villequier von Victor Hugo (in: Les Contemplations [1856]). Das vielstrophige Gedicht entstand im Zusamenhang mit dem Tod von Hugos Lieblingstochter Leopoldine, die 1843 in der Seine bei Villequier ertrank. Die ganze Strophe lautet: „Les mois, les jours, les flots des mers, les yeux qui pleurent, / Passent sous le ciel bleu; / Il faut que l'herbe pousse et que les enfants meurent; / Je le sais, ô mon Dieu!“

20333-20337: Vgl das Gedicht vom Tod von Inger Christensen „… / das Rauschen wo die Welt / der Toten und die der Nicht-Toten / im Trost des großen / Trostlosen zusammentreffen / …“ In: Inger Christensen, Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod. Essays, München 1999, S. 11.

20348-20350: Sei Shonagon, Skizzenbuch unterm Kopfkissen, um 1000. Zitiert aus: Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon, Frankfurt a.M 1975, S. 29 (Hübsche Dinge).

20397-20400: Marcel Proust, Melancholische Sommertage in Trouville: „Er spricht zu ihr mit jener fahlen Stimme des Traums, die uns verbietet zu glauben und gleichzeitig zwingt zuzuhören.“ In: ders., Freuden und Tage und andere Erzählungen und Skizzen aus den Jahren 1892-1896, Frankfurt a.M. 1998, S. 109.

20408-20410: Night of the Electric Insects und Sarabanda de la Muerte Obscura sind Untertitel in der Komposition Black Angels, Thirteen Images from the Dark Land von George Crumb (1970).

20412-20427: Vgl. Z. 10848ff.

20457-20460: Eine berühmte Fotografie von Julian Wasser zeigt Marcel Duchamp 1963 beim Schachspeil mit der nackten Autorin Eve Babitz im Pasanda Art Museum.

20496-20500: Vgl. Marcel Proust: Das Bekenntnis eines jungen Mädchens; in: Freuden und Tage und andere Erzählungen und Skizzen aus den Jahren 1892-1896,

20501-20515: Franz Kafka schreibt im Sommer1909 an Max Brod von der Arbeitslast (in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag), die ihn von einem Besuch bei Bekannten abhält: „Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen – von meinen übrigen Arbeiten abgesehen – wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leute rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.“ Franz Kafka, Briefe 1900-1912, hg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt a.M. 1999, S. 108. Frankfurt a.M. 1998, S. 118.

20514: Franz Kafka schreibt an Max Brod am 15. und 17.12.1910: „Mein ganzer Körper warnt mich vor jedem Wort; jedes Wort, ehe es sich von mir niederschreiben lässt, schaut sich zuerst nach allen Seiten um; die Sätze zerbrechen mir förmlich, ich sehe ihr Inneres und muss dann aber rasch aufhören.“

20552: Francesco Petrarca, Canzoniere (129): „… me freddo, pietra morta in pietra viva, / in guisa d’uom che pensi et pianga et scriva.“

20571-20574: Kafka schenkt Max Brod zum Geburtstag ein Steinchen und schreibt dazu (am 27. März 1910): „… da tut es gut, einen solchen Stein in die Welt zu werfen, um so das Sichere vom Unsicheren zu trennen.“ Franz Kafka, Briefe 1900-1912, hg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt a.M. 1999, S. 122.

20589: "con sordino": "mit dem Dämpfer zu spielen" (Anweisung in Partituren).

20610: Diese Satzbezeichnung hat Beethoven oft verwendet.

20611: Zitat aus Goethe, Faust, 2. Teil, Kp. 15 (während des Niedersteigens zu den Müttern; Mephisto zu Faust): „Hast du Begriff von öd’ und Einsamkeit?“

20627-20641: Die in Australien und Neuseeland lebenden Laubenvögel locken das Weibchen mit einem optisch auffällig gestalteten Vorplatz in ihre „Laube“. Die Gegenstände werden so hingelegt, dass für den Blick des Weibchens von der Laube aus sich ein möglichst gleichmäßiges Muster zeigt. Vgl. Science (20 January 2012): Vol. 335, Nr. 6066, S. 292-293.

20663-20669: Vgl. die Vita des Heiligen Gallus, aufgezeichent vom Mönch Wetti (gest. 824), Kp. 11. In: Der heilige Gallus 612|2012. Leben - Legende - Kult. Katalog zur Jahresausstellung in der Stiftsbibliothek St.Gallen. St.Gallen 2011, S. 174. Bild (a.a.O. S. 139): Sylvae sacrae, St. Gallen, Stiftsbibliothek, Graphische Sammlung, Paris 1620 (14 x 18 cm): Text (korrigiert): „Cernuus ante crucem proiecto corpore Gallus / Dum iacet astra tenem mente, stygemque premit …“ („Gallus, der gestolpert ist, erreicht, während er mit ausgestrecktem Köper da liegt, mit dem Geiste die Sterne und drückt die Hölle zu Boden.“)

20675-20679: Franz Kafka schreibt am 12. März 1910 an Max Brod: „So aber ist es mit allem, ich bestehe nur aus Spitzen, die in mich hinein gehn, will ich mich da wehren und Kraft aufwenden, heißt das nur die Spitzen besser hineindrücken. Gott weiß, wie ich überhaupt noch Schmerzen spüren kann, da ich vor lauter Dringlichkeit, sie mir zu verursachen, gar nicht dazu komme, sie aufzunehmen.“ Franz Kafka, Briefe 1900-1912, hg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt a.M. 1999, S. 119.
 

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01.02.2012

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