Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.0001 - 1000

Index / Anmerkungen / Kommentar

 
das Tun ist älter
als das Hören und reicher
weil es Gewalt ist
und die Dinge aufwiegelt
Freude zu zeigen
während wir stets ein wenig
neigen zum Stürzen
aber manchmal gelingt es
auf dünnem Mondschein
abzulegen was alt ist
damit beim Reden
vielleicht Knospen sich zeigen
am Nachtbaum der wächst
denn alles was ist reift ihm
das ist es was mir
Sternbilder brennt ins Gehirn
die Augen aussticht
ausser ich pfeife dem Wind
dass er die Vögel
abends zurückkehren lässt
wenn Helles verrauscht
im anschwellenden Wasser
und die Flut umkehrt
unerklärlicherweise
schont sie das Hohe
Hügel und Berge obwohl
gerade oben
die Sehnsucht wächst nach unten
dem Aufragenden
macht das Hinstrecken Mühe
das Niederbröckeln
ist schmerzhafter als man denkt
nachts aber gleicht sich
Auseinanderdriftendes
an und das Schilf träumt
das stille Gleiten des Schwans
nichts hält es am Grund
wenn sein Flaum blankfegt das Eis
dann endet die Zeit
und ich höre die steifen
Flügel die leise
an das Stirnbein mir klopfen
ein Lachen hebt an
das krallt sich fest am Stillen
wie ein Affenkind
auf dem Rücken der Mutter
ans Fell das sich sträubt
wenn die Leere sich auftut
unter den Bäumen
[0050] da ist erdig der Himmel
ist weiter dunkler
als das Endlose draussen
hier gibt es Wurzeln
die greifen aus spannen ab
jeglichen Schatten
den letzten Strahlen des Lichts
später dann dringt ein
mattes Leuchten aus Zellen
die gehen über
in Fäulnis wärmen Kiesel
die Schwerkraft zu spreizen
wenn wieder ein Herz entsteht
an Blütenrändern
wo die Rhythmen beschleunigt
vom Farbenschimmer
   
Vgl. Edward Estin Cummings: Yes is a pleasant country.
 
Wörter pochen ins Blut: Ja
ist eine Wetter-
lage des Glücks und eine
heitere Jahreszeit
in der die Nüsse harte
Schalen erst träumen
doch mir bleibt bis jetzt der Ort
Ja fremd wo mein Herz
mich schlägt bis zum Tod wo sich
vielleicht ängstlich dumpf
meine Auflehnung verschläft
und der tote Gott
das Auferstehen verpasst
mein Leib so scheint mir
liebt das Ungeborene
scheut alles was Zeit
sichtbar macht Anfang und Schluss
krümmt sich im Warmen
statt sich aufwärts zu strecken
er wendet sich ab
von allem was ihn entdeckt
nur selten tauchen
Inseln auf der Empfindung
wo im Ufersand
Schildkröteneier trotzen
der Flut den Dünen
innen härtet schon Schildpatt
als Himmelskarte
für die Bahnen der Sterne
die im dunklen Fleisch
mir auf- und untergehen
ich weiss nicht wohin
überhaupt spür ich Spuren
bengalischen Lichts
[0100] in den Adern vor allem
wo sie eng werden
und das Blut sich unmerklich
in tote Nerven
verwandelt: da find ich es
wieder das Glitzern
der Wellenkämme feinstes
Geschlitze im Aug
eine funkelnde Schlachtbank
hinter den Linsen
noch bedrängt mich der Angriff
von dem was sich zeigt
mein Ausfall des Blicks gerät
immer ins Stocken
verliert sich in den Ritzen
den zarten Flechten
eines Baumstamms schlüpft unter
die Rinde und kriecht
in verschlungnen Kanälen
des Holzwurms hinauf:
ich mag oben im Wipfel
den Ausblick aufs Meer
da endet schnell das Gerade
die Ferne leert sich
nur auf den Übergängen
kauern die Krähen
Geister Götter auch Teufel
die schütteln die Welt
wie einen Humpen saufen
die Nebelbänke
die uns verborgen hielten
wo wir uns wärmten
Liebe suchten im Düstern
geblendet find ich
   
Kerberos, der Höllenhund, bewacht den Eingang zur Unterwelt in der griechischen Mythologie.
 
meine räudige Hündin
nur tastend doch auch
mit wunder Nase führt sie
mich sicher zu dir
auf die andere Seite
des leeren Himmels
endlich hören statt sehen
die Stadt hat nämlich
abgebrochen: die Strassen
aufgeworfen sich
zum stillen Rand wo Fische
schattig im Gesicht
den Gärten hörig werden
auf ihren Schuppen
schimmern taktlose Töne
sie selbst verzichten
[0150] auf jegliche Lautgebung
sie warten schweigend
auf Buddha dass er nochmals
hochhält die Blume
und das Wasser färbt
mit Sanftmut und Mitleid
bevor die Menschen es trinken
Wälder verstehen
aber schneller als Menschen
merken sich leichter
was das Wasser berichtet
von Aufstieg und Fall
   
Laozi, Daodejing: das Weiche ist stärker als das Harte (z.B. Kp.76).
 
vom Überfluss und mildem
Umgang mit Kanten
so schroff wie wir ist sonst nichts
miteinander noch
beim Umarmen brechen wir
ein dringen ins Haus
des andern Schweiss auf der Stirn
   
Motiv aus "Graf Öderland" von Max Frisch.
 
im Rucksack das Beil
spät erst kühlen wir aus wenn
nämlich die Mehrheit
uns überwältigt hinlegt
Sandkorn zu Sandkorn
   
Wadi Natrun, Ägypten; Natron wurde in der Antike bei der Mumifizierung verwendet.
 
in der Natronsenke heilt
manch krankes Organ
und lernt die Stille des Winds
nochmals zu türmen
mit wild schlagenden Fächern
auf der Zunge glänzt
die reife Dattel und glüht
ratlos entstehen
die neuen Glieder Menschen
noch nicht wund im Kreuz-
Getriebe der Gelenke da presst
sich das Öl noch leicht
aus den Früchten beim Keltern
vermischt sich noch nichts
   
Zur Thematik des (agressive, rationalen?) Blicks vgl. das Werk von Rudolf Steiner, Biel (besonders die Werke, die unter dem Titel "Skeet & Trap" in der gleichnamigen Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen 2002, gezeigt wurden).
 
mit dem Licht das sich künstlich
aus Röhren am Seil
des Blicks denkend hinausquält
wie damals im Feld
nach der Ernte als Kälte...
jetzt ist ein guter
Tag einer Göttin Wölbung
ist der Himmel und
Bohrtürme fackeln ihr zu
alte Tiere sind
fest entschlossen zum Aufstieg
nach langem Ruhen
[0200] drängt es sie zur Bewegung
auf breiten Strassen
zur Form aus künstlichem Stoff
zu Faden und Kleid
Strick und Verpackung Hülle
dem neuen Menschen
die Urzeit ist ein Opfer
vom Tod nicht verdaut
ein Brand gigantisch masslos
was wir entfachen
 

Monaden: G.W. Lebniz (Das Individuum hat "überhaupt keine Fenster, durch welches etwas in sie [d.h. die Monade] eintreten oder herausgehen könnte". Monadologie § 7)

Zum Thema "der Andere" (als das grundsätzlich Fremde; das Göttliche oder der andere Mensch) vgl. das Werk von Emmanuel Lévinas.

 
als verstummte Monaden
ist ein Rasen quer
durch das All und Fremdsein bleibt
nichts was dem Andern
etwas bedeutet so kommt
niemand nach Hause
dein Antlitz fehlt mir damit
ich höre sein Wort
es muss doch Fenster geben
nicht übersehbar
die sagen: töte mich nicht!
noch bevor die Faust
ausholt zum Schlag hinüber
ins Unbekannte
vergeblich legt sich nichts hin
   
Kalk-Gebirge entsteht aus Ablagerungen v.a. von Schalentieren.
 
und stirbt und wird Schicht
buckelt sich Totes langsam
auf als Gebirg bis
in den Hängen Hügeln uns
etwas vertraut ist
das Schräge vielleicht das neigt
gleich unser Gewicht
und bedroht unsern Aufstieg
mit Sturz es sei denn
wir freunden kopflos uns an
mit der Leichtigkeit
die die Schultern belüftet
und das Licht einschleust
in unsre Muskeln denn
es reisst was uns hält
damit wir doch endlich noch
   
Zen-Meister schlafend über einen Tiger gelehnt ist ein bekanntes Zen-Motiv.
 
lachend erwachen
auf dem Rücken des Tigers
zweifellos bin ich
nicht ganz bei Trost und das ist
ruhig betrachtet
ein sehr friedlicher Zustand
auch in den Händen
unter den Füssen im Mund
glühen die Kohlen
[0250] wie also bliebe unklar
was das bedeutet
Gemütlichkeit am Kamin
was mir die Haut zupft
sind keine Liebesbisse
das ist der Sturmwind
der nicht weht die Kälte die
wie vertrockneter
Kleister das Nackte bedeckt
bis dann die kleinen
Muscheln gläsern zersplittern
und meine Poren
sich schliessen nur weil jemand
 

Teilansicht aus: Zwei Zen-Patriarchen, die ihren Geist in Harmonie bringen im Stil des Shi Ke (gest. nach 975) ca. im 13. Jh. gemalt
Den andern für ein Wesen zu halten, das dasselbe ist wie ich, heisst Gewalt an ihm auszuüben; E. Lévinas.
 
sagt: ich bin wie du
und ich hab dich verstanden
was Windstille ist
merkt man erst wenn man sie sieht
die Ratten wie sie
in den Luftschleusen hocken
wäre Vergänglichkeit
schön würde sie stillstehen
steht Schönheit still
ist sie sicher vergänglich
mich interessiert
mein Denken das nicht versteht
das stille Stehen
auf dem Kopf während die Welt
an mir vorbeirast
und sich dieser seltsame
ansichhaltende
Ton aus weisser Keramik
meiner bemächtigt
   
year / ear
 
Ohr für Ohr und Jahr für Jahr
wie ein scharfer Strahl
am tiefen Blattrand des Teichs
aus Licht und Wasser
auch im Traum sind die Toten
nicht immer im Recht
die Toten träumen erst recht
vom Fleisch am Gebein
niemand weiss jedoch wozu
nur dort wo Wurzeln
Knochen Erde schon nicht mehr
zu unterscheiden
oder hoch oben wo die Luft
so rein dass das Licht
wieder warm wird dort ist Fleisch
wirklich und nichts als
rohe wilde Begierde
aber solange
[0300] wir leben sind wir nie dort
ich verabscheue
jegliche Art des Abschieds
und jede Trennung
ist mir ein Greuel und Not
besonders wenn mir
das Leben den Leib abreisst
von der Seele und
wenn eine lautlose Tür
plötzlich ins Schloss fällt
irgendwie ist der Tod milder
ganzheitlicher auch
als das Leben vor dem nur
der langgestreckte
   

 

Alberto Giacometti 1962 im Gespräch mit André Parinaud: "Haben Sie bemerkt, dass ein Werk, je wahrer es ist, desto mehr 'Stil' hat? Das ist zwar seltsam, denn Stil entspricht ja nicht der Wirklichkeit der Erscheinung, und doch: Die Köpfe, die am ehesten dem Kopf von irgend jemandem, den ich auf der Strasse sehe, gleichen, sind jene, die am wenigsten naturalistisch sind: die Skulpturen der Ägypter, Chinesen, der archaischen Griechen und der Sumerer."

"Jeder Tag ist ein guter Tag", Yün-men (Ummon), chin. Zenmeister (864-949).

 
Anblick rettet des Andern
dieser heilige Griff
die hageren Gestalten
Giacomettis die
zum Beispiel kommen daher
wie Pharaonen
aufgestanden nach langem
einsamem Sitzen
kommen und gehen – fürcht ich –
ist ein Vergnügen
der Götter wir gelangen
so nirgendwo hin
den Berg kümmert es wenig
ob jemand den Weg
hinaufsteigt er ist schon da
oben wie unten
jeder Tag ein guter Tag
so weit der Vorteil
für uns die wir mehrheitlich
bleiben wo wir sind
man sagt es sei jetzt bewiesen:
beweisbar sei nichts
wir hätten also noch Zeit
Atem zu holen
zwischen den Häuserschluchten
 
 
doch manchmal macht sich
der Himmel schnell wieder weit
wenn sich die Häuser
hinlegen mitten am Tag
und Staub aufwirbelt
wie sich ballende Fäuste
während andernorts
ein Kind angestrengt versucht
mit seinen weichen
Fingerkuppen die kleinen
Löcher der Flöte
[0350] zu decken gut so es geht
die Luft so scheint es
lässt sich steuern in Flöten
dieser Gedanke
überflüssig und tonlos
ist nur der Anfang
langer denkender Ketten
bald schon verschwendet
an Motoren Raketen
an Rückstoss und Druck
als ob etwas gleichkäme
der ersten Wandlung
vom Wind zu Atem und Ton
nahe beim Lied zwar
aber noch unentschieden
ob Hund oder Wal
ob Geheul oder Pfiff ob
ein Aufbäumen schon
im noch stummen Wörterwald
"ich heisse Anna"
schliesslich welch Weg ohne Ziel!
seither umkreisen
die Wörter alles was ist
legen nur kurz an
zum Laden Löschen der Fracht
also Bedeutung
zu prüfen unten im Bauch
doch bleiben sie frei
jederzeit alles wieder
über Bord ins Meer
zu werfen: Bedeutung Sinn
den ganzen Plunder
ein Zauber ist's ein Glitzern
ein Missverständnis
beim Verführen spät abends
mit bösem Ende
meine Damen und Herren
wenn Sie verstehen
was ich meine übrigens
ist dies ein Haiku
ohne Ende und Anfang
und das erleichtert
die Sinnfindung nicht es ist
ein Treten an Ort
und bei Heraklit verpönt
als ob stiller Stand
nicht erstrebenswert wäre
dieses Verweilen
der Fische wenn die Meere
vorbeischwimmen samt
[0400] all den weggeworfenen
Wörtern und Sätzen
die beim Sinken zuweilen
das stille Plankton
zum Glimmen bringen fähig
noch des Glücks der Scham
was den Buchstaben alsdann
den Auftrieb verleiht
um oberflächentauglich
rasch zu verdunsten
damit wieder Ruhe herrscht
im Wasser unter
den aufgewühlten Decken
des Redens von nichts
was mein Leib redet mit dir
ist mir ein Rätsel
was dein Leib redet mit mir
etwas versteht es
in mir warum weiss ich nicht
Abgrundmelodien
vielleicht im Einfachheitstest
   
Auf der Insel La Gomera sind die Täler so tief zerklüftet, dass sich die einheimische Bevölkerung bei Be-darf einer Pfeifsprache bedient, die die Wortsprache (Spanisch) perfekt imitiert.
 
an steilen Hängen
zerklüfteter Inseln da
pfeift sich die Liebe
verweigert Sprache und Schrift
fliegt leicht wie ein Blick
über Täler und Schluchten
die Tiefe nämlich
behindert die Liebenden
und was sie wollen
selten genug ersetzen
Töne die Wege
fast immer unterscheidet
Empfindung Ausblick
über Aufstieg und Abstieg
obwohl Berg und Weg
sich nicht ändern im Dauern
holt uns die Sicht ein
verkürzt sich und stockt und rückt
vor – uns auf den Leib
wie merk ich dass ich tot bin?
ein dunkler Kanal
ist diese Frage endlos
am Anfang vielleicht
die blutverschmierten Beine
der Schrei einer Frau
und ein Mensch der sich abstösst
vom Brückenpfeiler
der wie ein Messer das Blau
des Himmels auftut
[0450] um zu reisen doch wohin
weiss er nicht noch nicht
meint er blindlings denn irgendwo
wird er sie finden
die ihm nah sind die achtsam
bleiben wenn die Luft
ihm knapp wird und die Wunde
am Himmel sich schliesst
während er kniend im Wein
mit blossen Händen
die Wurzelstöcke verdreht
   
Mt 26,36-46 (Garten Getsemani Szene)
 
aber keiner wacht
mit ihm der Schlaf mäht sie hin
(wie uns alle auch)
wie also merk ich dass ich ...
zum Beispiel im Schlaf
schon ein kleiner Unterbruch
verunsichert mich
wo bin ich wenn du blinzelst
mein Spiegel weghuscht?
wichtig ist die Erhitzung
von wenig und nicht
das Erwärmen von allem
die Temperatur
   
Bezieht sich auf eine Zen Geschichte.
 
zwischen Erdbeere Tiger
vermut ich steigt rasch
für den der an der Wurzel
(über dem Abgrund)
sich festhält während Mäuse
unbeirrt nagen
ihr irres Raffeln lautlos
fast schlicht als Geräusch
   
Jap. Ästhetik-Prinzip: wabi-sabi
 
das jetzt des Vergänglichen
Schönheit behauptet
des Unvollkommenen Reiz
nun drängt er sich auf
angemerkt sei noch dass dies
kein Diskurs über
Leben und Tod ist sondern
die schriftliche Spur
meines Stoffwechsels am Tag
es geht hier also
um ein innerleibliches
Geschehen gänzlich
unbefähigt zur Absicht
sich mitzuteilen
auch weiss ich nichts Gutes das
jemandem nützte
mich verwirren die Preise
gängiger Werte
   
Marcel Proust: A la recherche du temps perdu
 
[0500] Prousts verlorene Zeiten
viertausend Seiten
kosten gleichviel – les ich – wie
vergnügtes Spielen
mit zwei Hausfrauen nackten
was soll man wählen?
so kommt man endlich doch noch
zur Sache nämlich
alles entgleitet und wir
lächeln als merkten
wir nicht dass etwas von uns
unwiderruflich
mitgeht und dass wir uns selbst
langsam verlassen
da stehen wir nun wieder
   
(Gemeint ist der Anfang dieses Textes.)
 
haarscharf am Anfang
Tun ist die gewaltige
Erfahrung mächtiger
aber nicht als Nicht-mehr-Tun
es gibt doch Spiele
die entfalten sich dann erst
wenn man sie nicht spielt
ja das Sprachspiel zum Beispiel
(das Denken – daran
will ich nicht denken so wild
bin ich noch immer)
nichts ist im Kopf was nicht auch
im Blut ist ich sah
mikroskopisch vergrössert
Gedanken Wörter
millionenfach schwimmen
in einem Tropfen
ein Schnitt beim Rasieren füllt
Bibliotheken
mit dem Blut ist schlecht spielen
Blut ist ein Notfall
eine Wunde das Reden
stille das Blut mir
mit deiner weissen Schulter
lege deinen Blick
hinein wo ich mich öffne
mit deinem Schenkel
dämpfe mein Keuchen reiss auf
das Fenster damit
die Vorhänge hinauswehn
wie ein heiserer Schrei
vielleicht ein Fluch weil auch Blut
nie nirgends ankommt
Flüssiges ist unheimlich
wenn es sich hindrängt
[0550] ins Enge und dann aufwärts
in die Zärtlichkeit
der Kapillaren damit
auch Verborgenes
berührt wird und erinnert
alles ist Auge
will im Blick sein und leuchten
furchtlos wenn morgens
das Licht um die verkrümmten
Glieder den Weg sucht
um in die weite schwarze
Wölbung zu biegen
Dunkles scheint uns schlecht verteilt
das Schachbrett enttäuscht
immer einen der Spieler
und der Sieger ahnt
seine Ohnmacht erst später
alles fällt schliesslich
in seinen Schatten und steigt
der Tag war nichts da
oho das tönt traurig dabei
sind da Pupillen
die aus schwarzem Gekritzel
jetzt – im Augenblick
Bilder machen deren Klang
jemand versteht und
der kümmert sich keinen Deut
um Schatten und Licht
   
Diogenes von Sinope (gr. Kyniker, 412-323)
 
wie wunderbar das Lachen
dort aus der Tonne
der Wind hier im Bambushain
helles Abschweifen
gibt es das träge Schaukeln
der sonst gespannten
Schleuder die kurzfristige
Heimkehr der müden
Astgabeln in die Wälder
zum Unverzweigten
Leben ist ein Muttertier
ein Rückkehrruf ans
Erinnerungsfell das ist
nicht mehr warm nur der
Geruch nach Lange-nicht-mehr
(gewaschenem Stoff)
lockt mich heran und hält mich
sprungbereit nahe
auch ich bin ein Tier nur des
flüchtigen Lebens
es gibt keine Beweise
dass der der hier ist
[0600] ich bin der Zweifel zweifelt
ja auch an sich selbst
doch hingeben kann ich mich
trotzdem vergeblich
begehren und zornig mich
denken das gelingt
auch zweifelnd falls ich nicht bin
   
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus §1: "Die Welt ist alles, was der Fall ist."
 
alles was falls ist
ist die Welt und nicht wirklich
ich weiss es: Zweifel
und falls gefährden meine
Gesundheit aber
nur so entgeh ich diesem
verfluchten Gestrüpp
da vorn (da stimmt etwas nicht)
man sieht nur Wurzeln
im Leeren suchen sie Halt
und Wasser im Wind
das ist vermute ich die
sichere Zukunft
wenn man sie wahnwitzig denkt
dabei habe ich
alle Hände voll zu tun
die Gegenstände
an den Leib zu gewöhnen
   

"Passstücke": Bezeichnung einer Serie von Skulpturen, die Franz West an der Biennale (Venedig) 1990 zeigte. Der Begriff stammt aus einem Text von Reinhard Priessnitz.

Mk 3,29.

Begriffe (Wolke, Süsses, Gebete kauen = Mantra) aus der christlichen Mystik, z.B. bei Isaac von Ninive (Hom. 12).

 

 

 

 

Zucker auf Zucker: Bild für die Liebenden aus der arabischen Tradition

 

"Ich glaube, eine Sache ausdrücken heisst ihre Kraft bewahren und ihr den Schrecken nehmen."
Fernando Pessoa

 

 

 
"Passstücke" brauch ich
und Stühle aus dünnem Draht
rostig verbogen
das Einschlafen beim Sitzen
ist zu vermeiden
(die Sünde wider den Geist)
diese Mauer aus
rotem Backstein ist genau
zu beobachten
man lasse sich nicht täuschen
von Gottes Wolke
(dem weissen Quader) darauf
eine Liege steht
etwas Süsses entstehe
im Mund sagen die
Wiederholungsathleten
die kauen die Luft
vom Darm kurze Gebete
Unverdautes kommt
wieder und wieder hoch bis
alles erschlafft
Zucker auf Zucker das ist
etwas anderes:
eine Mauer zum Beispiel
fällt mir in den Blick
[0650] und ich ertrage das Bild
denn ich rede und
spüre Wörter: Mauer Stein
andererseits kann
ein Wort eine Mauer auch
zum Einsturz bringen
mich lebendig begraben
als ob mich die Welt
die so oft vor sich hinschweigt
ganz plötzlich verschluckt
verstehen nichtverstehen
haben denselben
Geschmack von dunklem Zucker
Schmerz ist nur da um
zu zeigen dass er da ist
weit aussen am Rand
 

"Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mässe an der unmessbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf." Theodor W. Adorno: Minima Moralia (1951), Frankfurt a.M. 1969, S.266.
 
wo die Kraft nachlässt zur Angst
zum Glück bin ich da
wieder ganz nahe beim Tier
ich weiss also nicht
wo ich bin oder nicht bin
woher und wohin
sind Fragen sprachlicher Art
und haben mit mir
wenig zu tun vermutlich
entsteht Unruhe
aus Worten und Gefühle
werden erst wirklich
beim Versuch der Beschreibung
also beim Scheitern
des kartographischen Blicks
von sich auf sich selbst
langsam zeigt sich diesem Text
ein bestimmter Plan
den keiner kennt und der
in der endlosen
Weite des sich schichtenden
Zeilenmaterials
auch niemals feststehen kann
eher zeigen sich
Ornamente die Ordnung
der Labyrinthe
jede Wendung kann lügen
und doch ist alles
was hier steht verständlich
und irgendwie schön
soweit diese Erklärung
die den Text nur kurz
unterbricht und selbst Text ist
etwas ist immer
[0700]
abzutragen besonders
Aufgeschichtetes
Berge hohe Ebenen
die Blätter im Herbst
Schnee und Regen Staub im Wind
alles versucht sich
niederzulegen selten
hat sich bewegen
so viel Erfolg ich denke
und das erodiert
mein Gehirn mein Bewusstsein
ist schon zerklüftet
und lagert sich ab vielleicht
in hohlen Knochen
oder im Blut und bleibt für
immer verschwunden
sogar das Licht nimmt stetig
ab wenn man es schaut
es versickert gern in uns
und kommt erst zu sich
im Dunkeln (nicht etwa beim
Rückwurf im Glanz)
es meidet die Stirnseite
und Oberflächen sind
ihm ein qualvoller Irrtum
Licht sucht die weichen
Innenseiten Stellen wo es
leicht wird und wenig
Orte zur Liebe geneigt
kurzfristig und wahr
Helligkeit ist eine Form
des Kontakts und dient
nicht der Erkenntnis Opfer
sein mag das Licht nicht
es vermittelt dem wachen
Auge Berührung
aber das Ganze vermag
niemand zu sehen
nirgends gibt es genügend
Abstand und vielleicht
auch keinen Ort zum Sagen
was dennoch da steht
das bin nicht ich das ist nur
vom Bild der Nachhall
der versucht und dann vergisst
sich zu erinnern
was sich durch all die Zeiten
weiterdrängt ist mir
ein Rätsel vielleicht ein Stoff
nur aus Leben doch
[0750]
bin ich verwoben? wie und wo?
die Dunkelziffer
meines Abschiedschwindels bleibt
unvermindert hoch
es liegt am Druck am Pulsschlag
es ist als ob man
sich nicht verdauen könnte
das ist – ich weiss es –
medizinisch unsinnig
die Forschung hat sich
dem frommen Hirn zugewandt
endlich Gewissheit
dank Neurotheologie
damit verzögert
sich die dringende Arbeit
an der eigenen
Verdauung – Götterfunke
der Affe klettert
und man sieht seinen Hintern
aber das Knistern
der Föhrenzapfen mittags
bleibt ein Geheimnis
denn die Sonne scheint lautlos
und dann die Stille
zwischen diesem Knacken hier
jenem dort oben
was geschieht wenn man nichts hört
was verbindet eins
mit dem andern die Stille
überwiegt immer
nicht nur vorher und nachher
auch mit der Ferne
eine der Krähen sah ich
sitzen ganz ruhig
auf dem Rücken eines Schafs
das Ungewohnte
ist schnell das Gewöhnliche
der Ton das Zeichen
auf lautlos endlosem Grund
als Kind im Winter
trug ich diese wollenen
Handschuhe vom Schnee
waren die verfilzt und feucht
hingen eisige
Zottel dran und auch an den
Schnürsenkelenden
das Eis die Krähe das Schaf
etwas mahnt immer
und stemmt sich in die Kälte
gegen ein andres
[0800] obwohl alles denselben
Lauf nimmt das Leben
der Katze unterscheidet
sich von dem der Maus
eigentlich nicht und trotzdem
jeder schlägt um sich
gerät etwas ins Stocken
auch die Schimpansen
suchen Kräuter und Rinden
gegen die Würmer
im Bauch im Kopf sind sie noch
ziemlich in Ordnung
ich aber bin voll Irrlicht
Orchideen Bernstein
alles am Brustbein nichts heilt
mein Flackern im Hirn
zuversichtlich möchte ich
vermuten dieses
ungeregelte Lichten
blicke als Vorspann
holprig auf das ganz nahe
Erleuchten Blinzeln
des Flutlichts wär all das was
täglich uns ärgert
gerade dann wenn Verstehen
strauchelt da knickt auch
die Bahn des Lichts und streift uns
das ist schön gesagt
trotzdem ist es wahr und wird
täglich bestätigt
die Wirklichkeit ist nämlich
dieses Missgeschick
das wir selten bestehen
der Apfelstrudel
rutscht vom Blech kippt weg zum Sturz
verzweifelt der Blick
hinauf in die heitere
Gleichgültigkeit der
Leuchtgasröhre und jemand
sagt "macht nichts" vielleicht
enthält dieser Augenblick
etwas was sich lohnt
vielleicht enthielte jeder
Augenblick etwas
oder alles was sich lohnt
gelänge das Inne-
halten besser wenn jeweils
etwas entgleitet
so dass hören und sagen
dasselbe wären
[0850] wie das was sich ereignet
keine Zeit bliebe
etwas andres zu meinen
der schnelle Wahnsinn
ist mir der liebste der klärt
alles auf einmal
(unterbricht meinen Blindflug)
ich rieche Pizza
die anbrennt schöne Beine
in grobmaschigen
Netzstrümpfen laufen vorbei
und das Kind dessen
Grossvater ich sein könnte
ist noch nicht im Bett
auf engstem Raum schweisst alles
plötzlich zusammen
und die Zeit zerbricht zu der
einen Empfindung
die ist auch ein Erschrecken
grundlos doch hält es
sich lange auf und wartet
als Berg auf die längst
versprochene Faltung auch
eine Verwerfung
ginge zur Not denn wir sind
knapp an Berührung
das Erhabene glüht aus
und das Gewicht drängt
nach unten noch sagt man es
sei alles im Lot
hält fest am Eindruck der täuscht
doch das Bewusstsein
der Täuschung ist selbst eine
nichts als Lüge die
uns zeigt doch die wir nicht sind
deshalb was immer
wir tun ist eine Hoffnung
und die nimmt Anlauf
beim Sehen das nicht sieht: hier
verflüchtigt sich was
Angst hat vor dem Berühren
im blossen Schauen
bindet sich etwas an mich
etwas was ich weiss
lange bevor das Denken
beginnt ein Denken
das noch malt und mich frei hält
vom nötigen Sinn
nur Schauen entlastet auch
die Bescheidenheit
[0900] die sich schämt wenn sie listig
das Scheitern verdeckt
ich habe sie gesehen
   
Gottfried Benn: "Keiner auch der grossen Lyriker unserer Zeit hat mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen ..."
 
die acht Gedichte
die ich nie schreiben werde
von der Liebe wie
sie sich abspielt samt ihrer
Mechanik und den
einsam werdenden Rücken
und von der Gewalt
die das Fleisch plötzlich erfasst
und verbiegt wenn es
mit sich nicht übereinstimmt
wie man sieht ist die
Illusion der Möglichkeit
wie ihr Überdruss
im hier vorliegenden Fall
produktiv und nichts
könnte mich hindern den Text
weiterzuschreiben
die Nichtigkeit sehen das
ist noch kein Unglück
es sträubt sich alles was ist
unterzugehen
das Sagen setzt sich über
die Ausschliesslichkeit
literarischer Werte
spielend hinweg so
gelange ich schreibend doch
noch irgendwo hin
Hiersein ist reisen genug
aber auch dies ist
vielleicht ein Trostversuch
der diesen Stillstand
verklärt von dem aus mir scheint
das Ganze kreise
sei unterwegs und rausche
so an mir vorbei
ein unsicherer Standort
leicht zu halten in
relativer Entrücktheit
aber wie bitte
   
"... because aesthetics is for me like ornithology must be for birds." (... denn Ästhetik bedeutet für mich soviel, wie Ornithologie für die Vögel bedeutet.) Barnett Newman, Selected writings and interviews, ed. by John P O’Neill, New York, 1990, S.304 (Interview mit Emile de Antonio, 1970).
 
lässt sich so klären ob die
Ornithologie
Vögeln etwas bedeutet?
schon beim Entfalten
der Flügel biegen Wände
die Federn zurück
und weisser Mauerabrieb
legt sich als feiner
[0950] Staub auf den Glanz im dunklen
Gefieder zerzaust
ins Formlose geknickt flug-
lahm von Anfang an
auf dem Balkon die Spatzen
picken Brosamen
also war ich vor kurzem
noch draussen ass Brot
schaute hinaus aufs Wasser
den Hügeln entlang
auf die Strasse hinunter
wo alles verkehrt
   
Maestro dei santi Severino e Sessio (zugeschr.): Nascita di sant’ Eligio di Noyon (?). 15.Jh. (1440-1470) In: Museo Amadeo Lia, La Spezia (I).
 
ich sehe vor mir ein Bild
klein in Öl aus dem
fünfzehnten Jahrhundert die
natività di
sant’ Eligio di Noyon
ein fast leerer Raum
ein Bett darin sitzt aufrecht
vor schwarzem Grund die
eben geboren staunend
blickt sie nach vorn wo
die Magd kniet das nackte Kind
auf dem Schoss während
eine zweite am Kamin
ein Wickeltuch wärmt
obwohl das Feuer kaum brennt
die Stille die sich
ausbreitet muss vom kleinen
Tisch kommen neben
dem Bett darauf befinden
sich Gegenstände
wenige in seltsamer
Stimmung wie manchmal
bei Morandi nur hinten
ein enger Ausblick
in eine Landschaft das Bild
hält mich fest es zeigt
eine Ankunft als Irrtum
 
Marcel Proust: A la recherche du temps perdu; Combray ist der Ort, an welchem der Autor sich als Knabe oft aufhielt und an den er sich später immer wieder zu erinnern versucht. Hier findet auch die berühmte Szene mit den in Tee getauchten Madeleines statt.
 
allein die Mutter
vermag vor dem Einschlafen
das Kind mit ihrem
Kuss zu trösten wehe
sie kommt nicht um die
Nacht zu beschwören die fällt
her über alles
auch den Flieder von Combray
das Leben scheint sich
schnell zu erschöpfen und fügt
sich einem Sehnen
[1000] das der Erinnerung folgt
   

 

Z.0001-6000 in 3 Bänden bei
Edition Haus am Gern

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09.12.2011