Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.12001 - 13000

Index / Anmerkungen / Kommentar


..., mein endloser Weg wird mich von seiner Endlosigkeit überzeugen,
Thomas Bernhard, In der Höhe
12002-12004: Schon im Mittelalter nachgewiesener Brauch am Karfreitag das Glockengeläut durch Schlagplatten, Klapperbretter oder Rätschen zu ersetzen.
im Vorübergang:
"am karfritac ravelt man
und man liutet niht"
tabulas percussoras
klappern nächtelang
jahrelang Jahrtausende
bis sich vor dem Grab
der Stein wieder beruhigt
12010-12014: Vgl. das babylonische Atram-hasīs-Epos [18. Jh. v. Chr.], das so beginnt: "Als die Götter Mensch waren, / leisteten sie Fronarbeit, trugen sie den Tragkorb." 

12015-12017: Arthur Rimbaud, Une saison en enfer / Eine Zeit in der Hölle, (Délires II, Faim).

nochmals beginnen:
vor der Zeit: als die Götter
noch Menschen waren
und Fronarbeit leisteten
für den einen Gott
der schlief noch lärmte niemand 
und keiner musste
Geröll fressen "les galets
des vieux déluges"
Erinnerungsanfang setzt
spät erst ein mit dem
Wiederfinden der Sprache
nach Sintflut und Brand
wird es immer schwieriger
nichts zu erreichen?
zum Glück fehlt mir die Sprungkraft
der Heuschrecke nur
ihr kaum sichtbares Zittern
kommt mir bekannt vor
mit dem das Zirpen einsetzt
zwischen den Kräutern
in der Nachmittagshitze
der Weg führt hinauf
durch die lichten Brotwälder
hinauf bis zu den
hingewürfelten Blöcken
aus dunklem Granit
dem grasvernarbten Rücken
dem Wind ausgesetzt
hinauf zum scharfkantigen
Übergang ins Blau
der Geschmack der Kastanien
in Namensschalen
bleibt er zurück: Lüina
Marun Brunella
Vescuv Ensat Rossera
12045-12050: C. Plinius Secundus d. Ä., Naturalis historia , XXXV, § 145. wieder ist es die
tabula imperfecta
diese flüchtige
Skizze die ihren Meister
zurücklässt frei vom
Zwang zur Vollendung auch ich
[12051] möchte die Grobheit
vermeiden mit den Wörtern
hartnäckig auf das 
zu zeigen was sie meinen
reden ist leer und
kann die Welt nicht verändern
Schriftzeichen sind nur
die zurechtgebogenen
Linien die sich
auch auf Schildkrötenpanzern
und auf dem Rücken
finden lassen von Drachen
statt einer Regel
zu folgen versuche ich
den Klang zu wählen
und zugleich Ähnlichkeiten
strikt zu vermeiden
Getöse Staub sind der Rand
dieses Textes der
keine Verdoppelung ist
von irgendetwas
und der die Geometrie
der Wahrheit ausschliesst
Übereinstimmung genügt
um zu beginnen
und fortzufahren endlos:
"es gibt – es gibt nicht"
ohne Überanstrengung
die alles verdirbt
beim Wahrnehmen zum Beispiel
wenn der Blick nicht mehr
abzuschweifen vermag und
sich an den Dingen
festhält an ihnen anwächst
ohne zu merken
dass sie nur noch ein Ort sind
im Trichter der schaut
bis die Augen erstarrt zu
bluten beginnen
meine Vorgehensweise
ist das Hinstreuen
alltäglicher Wörter sie
bringen die Sprache
zum Glimmen stecken in Brand
was sich eben erst 
aneinanderzureihen
begann ein Versuch
der plötzlich nicht mehr gelingt
weil Fabelwesen
auftauchen in Landschaften
[12101] die sich im Nebel
ablösen vom Grund deren
Felswände sich in
Wolkenberge verwandeln
aus denen Quellen
hervorwirbeln die erst in
breiten Flussbetten
sich wieder beruhigen
(so reisst die Sprache
das Denken mit wenn sie spricht
und entscheidet selbst
was sie uns mitteilen will)
begrenzt man die Sicht
so sieht man viel weniger
als das was man sieht
hinter dem Haus im Garten
was verbergen die
Kletterpflanzen und Hecken?
ich vergesse stets
es entdecken zu wollen
der Blaugurkenwein
die Waldrebe goldblühend
duftend das Geissblatt
die Clematis montana
emporgetrieben
vom dumpfen Gewicht vom Trotz
der Felswand vor der
auch mein Blick zurückschreckt und
Zuflucht sucht unter
Blättern oder im schlanken
Kelch einer Blüte
bald neigt der Berg sich vielleicht
zum Sturz empört weil
am Saum seiner Flanken jetzt

Bilderdecke in Zillis 
(um 1140)
12135: Als "fliegendes Weiss" (fei bai) werden in der chinesischen Malerei die weissen Stellen des Untergrunds bezeichnet, die der wenig durchnässte Tuschpinsel
in der Linie hinterlässt.
 
das fliegende Weiss
aufscheint und sich hinunter
schwingt in die Klüfte
über die dunklen Flächen
hinflackernd so dass
das dichte Schattengeflecht
eingeschleustes Licht
wieder freigibt Leerstellen
wie sie der Pinsel
auf dem Papier hinterlässt
(er reisst das Blatt auf
und schliesst den Untergrund ein)
unbeständige
Inseln auf deren Rücken
Wörter anwachsen
die stets dazu neigen sich
[12151] geheimnisvoll still
aneinanderzureihen
sich zu ordnen bis
sie mir soviel bedeuten
dass es mich auf die
Seite der Sprechenden treibt
 

 

 


Berg

12157-12159: Vgl. Evangelium nach Matthäus 7,27 ("Da gingen Regengüsse nieder, Sturzbäche kamen, Winde wehten und schlugen gegen das Haus, und es stürzte ein, und sein Sturz war gewaltig.")

wo auch das Hören
besser gelingt des Hauses
gewaltiger Sturz
lässt sich vielleicht vermeiden
obwohl Bäche jetzt
schon unter grossen Steinen
hervorsprudeln und
sich tiefe Rinnen graben
ins Brachland den Damm
unterspülen am Dorfrand
sich erinnernd schreibt
12169-12173: Eimly Dickison (1830-1886). "ich hörte eine
Fliege summen – / als ich starb der Raum / war still wie wenn vor seinem Wüten / noch Atem holt – ein Sturm", übersetzt von Gunhild Kübler.

 

 

12180: Horaz, Ars poetica, 25: "brevis esse laboro, obscures fio."

Emily Dickinson dort
"I heard a Fly buzz – 
when I died – / The Stillness in
the Room / Was like the 
Stillness in the Air – / Between 
the Heaves of Storm"
langanhaltendem
und nicht endendem Schreiben
bin ich verpflichtet
ausgeliefert dem Hören
das wie ein Sandsturm
Kanten und Ritzen blankfegt
bis auch in kurzen
Sätzen nichts Dunkles mehr ist
den Dingen wird so
hinzugefügt was sie sich
immer schon wünschten
sich in Wörtern und Sätzen
wiederzufinden
als eine Hörform des Lichts
(des ur-ersten das
vom Anfang her scheint sichtbar
jedoch nur ohne
Nötigung zum Betrachten)
12191: Jean-Paul Sartre, Die Wörter [les mots, 1964], Hamburg 1980, S. 137f.: „Man schreibt für seine Nachbarn oder für Gott. Ich beschloss für Gott zu schreiben, mit dem Ziel, meine Nachbarn zu retten.“ ich schreibe weder
für Gott noch für die Nachbarn 
sondern weil Dinge
erheitert sein wollen wenn
sie sich mir zeigen
während ich unterwegs bin
stets bedacht mich auf
keine bestimmte Richtung
festzulegen und
das Falten zur Gewohnheit
[12201] strikt zu vermeiden
12202: Verweigerungssatz, den Bartleby der Schreiber im Roman Bartleby, the Scrivener von Herman Melville immer wiederholt. „I prefer not to “ ist ein
schwerblütiger Satz
der das Spiel verweigert das
doch schon im Gang ist
so müsste reden sein wie
nicht-reden damit
Offenes zugänglich bleibt?
weder das eine
noch das andere sondern
es zählt das etwas
der Sprache anheimfällt sich
übersetzen lässt
aus dem verschwiegenen Einst
(mit Laut und Zeichen)
in das besprochene Jetzt
wobei die Herkunft
das Hören anlocken soll
diese Textarbeit
(die mich öfters entmutigt)
dient einzig dazu
die aufdringliche Buntheit
und das sich wuchernd
auftürmende Gerede
in meinem Innern
herabzustimmen wieder
hin zum Verstummen
die Übersicht ergibt sich
gewinnt an Schärfe
am Horizont taucht dieses
auf was nicht ich ist
also das Ich und die Andern
eine Beschreibung
der Welt genau wie sie ist
12235-12238: „Before an affliction is digested, consolation ever comes too soon; and after it is digested, it comes too late.“ Laurence Stern, The Life and Opinions of Tristran Shandy, Gentlemen, London 1759-67, v. III, c. 29. („bevor ein Kummer
verdaut ist kommt der Trost stets
zu früh und wenn er
verdaut ist kommt er zu spät “
könnte sein dass dies
auch Antrieb ist für Texte
die meinen ohne
Ende bleiben zu müssen
denen Gefahr droht:
Text kann stocken gerinnen
und nur noch eines
Wachhundes Ausharren sein)
der ab und an sein
heiseres Husten abbellt
freudlos Arpeggien
durchhechelt hinaufheult und
[12251] wieder hinunter
Fahrplanränder beschnüffelt 
die nur verzeichnen
was ohne Sprache ankommt
das heisst vor allem
Formen der Gleichgültigkeit
Schranken festgeschraubt 
die zu nichts verpflichten die
nur danach trachten
jegliches Atemholen
ausser Reichweite
der Wörter zu halten doch 
meine Wortherde
lässt sich nicht aussperren sie
bricht durch die Zäune
umringt die verlorenen
Laute und Silben
holt sie zurück in den Satz
(den ich hier schreibe
im Café Centrál an der
Károlyi utca
während im Városliget
eine junge Frau
in den Büschen sorgfältig
ihre Wolldecke
und ein Plastictuch versteckt
nicht dieselbe Not
doch ähnlich der Umgang mit
dem was viel wert ist)
mag wohl sein dass leichter reist
wer alles los lässt
doch beunruhigen mich
solche Sätze nicht
ich frage mich nur wie kann
einer behaupten
er lasse alles und braucht
doch Wörter dazu?
nur wem es schliesslich gelingt
auch das Loslassen
zu lassen mag beruhigt
wieder reden und
das tun die meisten zum Glück
das Thema Mystik
ist somit umfassend zur
Sprache gekommen
Meister Eckehart predigt
deutsch und deutlich denn
er will dass wir festhalten
an dieser Übung:
etwas nicht zu verstehen
123001-12309: Wolfgang Bächler (1925-2007), Der Baum. („Als ich einschlief dachte ich, / es wäre eine Bronchitis / oder ich hätte nur zuviel geraucht, / Doch dann wuchs mir / ein Baum aus der Brust, ….“)
[12301] auch Wolfgang Bächler
übt wenn er beim Einschlafen
meint es wachse ihm
ein Baum aus der Brust (wobei
er an Bronchitis
und ans Zu-viel-Rauchen denkt)
mit dem Baum wächst er
durch die Decke durchs Dach und
hinaus aus dem Haus 
12310: Vgl. Z. 09719! mir stösst kein Baum aus der Brust
eher wächst Gestrüpp
und Unkraut im mich hinein
zufrieden mit der
mageren Krume webt es
durch Schotter und Kies
haarig durstig sein Flechtwerk
durchwuchert vergnügt
mein Inneres die Inseln
werden umgarnt wo
die Empfindung mich wahrnimmt
aus dem Leib löst sich
wolkig heraus das Gewicht
trübt mir die Sinne
bis ich endlich erwache
mich wieder finde
in der Anziehungskraft der
wartenden Dinge
die mich erschrecken so dass
sich etwas losreisst 
eine Art Schmerz der erkennt 
der eine Wendung
erzwingt die das Nichts fernhält
12333-12335: Horaz, "singula de nobis anni praedantur euntes: …" ("Jedes Jahr, das an uns vorbeifliesst, nimmt etwas von uns weg: ...") jeder Augenblick 
entreisst uns etwas wenn er
an uns vorbeigeht
Wunden entstehen deren
Zusammenschluss wird
einst zur Pupille endlich
erkennt was sie sieht 
das Licht frühmorgens im Herbst
ist mehr als eine
jahreszeitlich bedingte
Restmenge von Licht
unbemerkt bleibt oft lange
was sich hinzufügt
und doch immer schon da war
hier aber: Wortbruch
weggeschlagen vom Sprachblock
splittern die Zeilen
Sinnplatten abgesprengt den
[12351] Satzadern entlang
Rohlinge auf dem Papier
wirre Schriftkeile
selbst die Lautstuckatur fällt
dem Bröckeln anheim
löst sich vom Innenraumgrund
alles Sagbare
muss gesagt werden bevor
das Unerhörte
sich zeigt und übrigbleibt als
Reststille nach dem
Erlahmen der Stimmbänder
wenn endlich der Griff
der Gedanken sich lockert
und mich mein Atem
unbefrachtet belüftet
vorläufig jedoch
12368:  Francesco Pertrarca, Canzoniere, 168.
vivomi intra due
né sì né no und
es erwacht mit mir täglich
ein neuer Zweifel
der nichts bestätigt der nichts
zu tun hat mit mir
der ein Schleifpapier ist das
die Oberfläche
bearbeitet des Wassers
grobkörnig krampfhaft
will er den Durchstoss hemmen
der Dinge die zum
Auftauchen entschlossen sich
einschleusen in den
Sturzbach meiner Empfindung
ich will den Dingen
ein Ding sein und an ihnen
mich festhalten bis
sie sich abwenden von mir
unser Schattenwurf
zeigt in dieselbe Richtung
die Zeit zerreibt uns
zu Staub mit derselben Kraft
das Blätterrauschen
im Sommer unterscheidet
sich nicht vom Rascheln
meiner Gedanken im Herbst
diese kärgliche
Ding-Redlichkeit erklärt nichts
doch reibt sich an ihr
unbeholfen das Denken
so dass es immer
mehr nicht versteht als versteht
12442-12448: Vgl. Warlam Schalamow, Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1, Berlin 2007, S. 222-224. [12401] ich hole Atem
atme den immergrünen
Schatten der Zirbel
die ihre Äste biegt und
sich hinlegt lange
bevor der Schneefall einsetzt
und Winterstürme
über die Felder fegen
der Atem holt mich
mit der verwirbelten Luft
die ein Sperling mir
zufächelt flügelschlagend
und sorglos (senza
12413-12415: "liberi da vana ansia e stolta cura" ("frei von leerer Angst und törichter Sorge") Giordano Bruno, De l'infinito, universo et mondi.

12417-12423: Vgl. Beschreibungen des sog. "hippokratischen Gesichts", des Gesichts von Sterbenden kurz vor dem Tod.

stolta cura e senza
vana ansia)
zugleich seh ich von innen
wie meine Stirnhaut
sich glättet ich erkenne
Wangen und Lippen
verfärben sich bläulich und
die Nase das Kinn
werden spitzig die Augen
verlieren den Glanz
es ist als wäre ich kurz
vor dem Erwachen
12426: Psalm 139,18b. (und wache ich auf bin ich
noch immer bei dir?)
12429-12432: : "Denn wir kennen eine Welt, in der immer eine Sache der anderen folgt, ohne dass es einen letzten Abgrund gäbe ... ) Giordano Bruno, De l'infinito, universo et mondi, S.  36f. so folgt eines dem andern
es gibt keinen Tod
kein Abgrund ist der letzte
nichts trennt uns von der
copia de le cose
alles bleibt fruchtbar
in unzähligen Welten
davon sind Steine
und die Flechten an ihnen
zutiefst überzeugt
ihre Stille zeigt dass sie
frei sind von Zweifel
diese Übersicht bleibt mir
verwehrt ich selbst steh
mir im Weg als blinder Fleck
von dem aus wird zwar
gedacht doch gerade dies
macht es unmöglich
etwas ganz zu verstehen
unbeeinträchtigt
davon bleiben Bilder wahr
sie erinnern an
[12450] Hügel die abgeweidet
im Nebel treiben
frierend im Novemberwind
im Chor der Kirche
weisse Atemfahnen und
aus bestem Leinen
steif das Taufkleidchen wie Schnee
darauf das Gesteck
aus Hagebuttenzweigen
glänzend die roten
Früchte auf dem Kind das schläft
eine Zeit vergeht
12463: "benedicamus domino" ("lasst uns den Herrn preisen"), wurde – wie das "ite missa est" – als Entlassungswort am Ende der Liturgie verwendet. die auftürmt: stille Bilder
benedicamus
domino bis der Turm stürzt
und Lärm hereinbricht
der uns wachschleudert bis dass
der cantus firmus
tief im Innenohr verstummt
(wie ein Docht der sich
im eignen Wachs ertränkt und
so sein Licht auslöscht)
von der Dunkelheit löst sich
später die Stille
die sich wegkrümmt und einrollt
das Verlorene
wieder an sich zieht: das Licht
und dessen Tonfall
Laute Silben alles was
Helligkeit bewahrt

Albert Anker: Das Mädchen mit den Dominosteinen
12480-12485: Aus der Motette "Jesu meine Freude" von J.S.  Bach (BWV 227). "Trotz dem alten Drachen trotz
des Todes Rachen
trotz der Furcht dazu! Tobe
Welt und springe ich
steh hier und singe in gar
sichrer Ruh" diese
löbliche Standfestigkeit
bleibt musikalisch
Unbegabten verschlossen
in überfüllten
Zügen die geschmeidig durch
Landschaften gleiten
gelingt es einigen nicht
ihre Tränen ihr
Schluchzen zu unterdrücken
alle Geschichten
möglichen Unglücks schreiben
sich deutlich an die 
schallgedichteten Fenster
12499-12504: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu, (t.I: À l'ombre des jeunes filles en fleurs), Paris 1955, S. 655. nirgends ein Bahnhof
[12500] kein von der Morgensonne
beschienener Pfad
aus dem Haus kommt kein Mädchen
um den Reisenden
Milchkaffee anzubieten
(auch Abwesendes
dessen Abwesenheit uns
bewusst wird kann zum
Vorgeschmack werden des Glücks)
Gott zeigt sich wieder
als Unruhestifter als
Wegelagerer
der noch dem Schatten meiner
Fährte auflauert
der während Jahrtausenden
beobachtet wie
meine Fingerspitzen sich
abmühen mit den
Dingen bis Sprache entsteht
schliesslich sammelt er
alles flink wieder ein lässt
nichts übrig zum Glück
über dem Spielfeld hält sich
ein Nachklang Töne
die sich schnell voneinander
entfernen so schnell
dass man sie überall hört
der Hörsturz kehrt um
das grosse Innehalten
schiebt sich ins Blickfeld
auf der blauen Linie
des Horizontes
gleitet ein Schiffsrumpf vorbei
12533-12538: "... en voyant ce portrait magique, on ne pensait plus qu'à courir le monde pour retrouver la journée enfuie, dans sa grâce instantanée et dormante." Marcel Proust, À l'ombre des jeunes filles en fleurs.
nichts anderes mehr
habe ich im Sinn als den
entflohenen Tag
"dans sa grâce instantanée
et dormante" möglichst
wiederzufinden ohne
Eile und ohne
jede Erinnerungslast
12543-12551: Gedicht des israelischen Lyrikers Dan Pagis (1930-1986) " Mit Bleitsitft geschrieben im verplombten Waggon."
doch gibt es Worte
deren Schatten die Wunden
offen halten "hier
in diesem Transport / bin ich
Eva / mit Abel
meinem Sohn / wenn ihr meinen
grossen Sohn seht / Kain
Adams Sohn / sagt ihm dass ich" 
diese Botschaft wird
[12550] "mit Bleitstift geschrieben im
verplombten Waggon"
unterwegs und weit entfernt
von der Welt die kommt
(von der einige meinten
sie wäre schon da
und unser Erwarten sei
das Unvermögen
sie wahrzunehmen weil sie
immer schon da war)
12562: Von Thales (um 600 v.Chr.), dem vielleicht ersten jonischen Naturphilosophen, heisst es, dass er die Vielheit der Erscheinung auf den einen Urstoff Wasser zurückführte. 
doch eine gedachte Welt
koloriert mit der
Farbe des Wassers was hat
sie mit mir zu tun?
contingentia mundi
verantwortungslos
zufällig scheint es werden
über uns Fäden
verknüpft doch solange ich
'ich' sagen kann ist
alles nicht alles und nichts
auch nicht ganz nichts
schwierig weiter zu denken
ich verneige mich
vor dem Stein der sich wundert
vor dem Gras das sich
freut wenn es Fleisch wird und Milch
ich richte mich auf
und sogleich legt sich der Text
als Kummet wieder
um Schultern und Hals schiebt sich
Zeile um Zeile
dem Gebissriemen entlang
erst weiter oben
biegen Wörter und Sätze
die Scheuklappen weg
so dass der Blick sich gewöhnt 
an das Erschrecken
das Resonanz ist eines
grösseren Schreckens
mit dem Gott im Zorn allzu
leichtfertig umgeht
ob der Sprache Umweg ein
gutes Ende nimmt?
12594-12599: Vgl. die kabbalisitische Lehre vom Lus scheba-Schidra, dem untersten unzerstörbaren Knöchelchen am Ende der Wirbelsäule. Aus diesem unvergänglichen Samenkorn wird in den Tagen der Auferstehung die Gestalt des Menschen wieder herauswachsen. 

12600-12605: Vgl. Gn 6,16: [Gott zu Noah:] "Einen Lichteinfall mache dem Kasten [ tewa =Arche] ..." Das selbe hebr. Wort tewa wird auch für das Körbchen gebraucht, in welchem Moses ausgesetz wurde. Tewa bedeutet aber auch "Wort".
12606-12608: Jorge Luis Borges, Das geheime Wunder [1943].

12612-12617: Vgl. das Gedicht Trauer um Jahnn von Johannes Bobrowski. 

nisten die Wörter sich ein
im Knöchelchen das
am Wirbelsäulenende
wie ein Mandelkern
ausharrt um ganz am Ende
wieder zu sprossen?
auf den eisfreien Flüssen
[12601] schwimmen die Wörter
wie kleine Archen heran
ein Licht fällt in sie 
wenn sie ankommen bei mir
(Ausgesetzte doch
diesmal ohne die Schwächen
und die Beschwerden
des geschriebenen Wortes)
Regengesänge
hörbar unter den Dächern
anhebend leise
"Raute mein Trauergift komm
leb ich so lieb ich"
diese Stimme bringt keiner
mehr zum Verstummen
hängt er kopfunter wächst ihm
kein Fels in den Mund
12618: Seneca, Ep. 77,2: "olim iam nec perit quicquam mihi nec adquiritut ..." ("schon lange verliere ich weder noch gewinne ich etwas ....") er hat nichts zu verlieren
nichts zu gewinnen
nichts hinter sich doch vor sich
blankliegend das Ja
den Tod zu überwinden
indem man ihn denkt
bleibt ein sinnloser Versuch
das Denken scheint mir
ein Leuchtturm zu sein der mit
seinem kreisenden
schwarzen Lichtstrahl die Küsten
verdunkelt spät erst
frühmorgens legen sich die
helleren Schichten
die kein Denken mehr brauchen
über die Falten
der aufgestossenen Nacht
am Dämmerungssteg
löscht ein Sterntrawler die Fracht
ins Eisschotterbett:
mit starr offenen Augen
zuckend Ersticktes
aus dem Schlamm gezerrt selten
ein farbloses Bein
ein abgebrochener Arm
aus Terrakotta
eine kleine Schale für
das Öl aus dem Harz
fiebriger Wurzelstöcke
die während Jahren
das Krummholz aufrecht hielten 
damit nichts den Fluss
des Balsams hindert im Holz
[12651] (pinus sylvestris)
die schwankenden Kiefern sind
voll Wärme und Licht
in mir jedoch trabt ein Pferd
davon durch den Schnee
dieser Text ist auch ein Brief
aus einem Lager
ein Entwurf nur gekritzelt
auf die Innenwand
einer Satteltasche dort
endlos ins Dunkle
schreibt die Wortfolge sich fort
bis durch die Nähte
Lichtstäbe splittern es ist
Zeit aufzubrechen
und das Wortgepäck auf dem
schweissnassen Rücken
festzuschnallen Laut für Laut
überzuführen
und zurück zu den Dingen
eine Prosodie
die das Verstehen nicht braucht
über dem Packeis
festgeschraubter Begriffe
taumeln die Wörter
im Nordlicht ohne Gewicht
und stehen mir bei
wenn ich aufwache später:
12679: Vgl. Buchtitel in der folgenden Anmerkung!
das Eis die Algen
die Lochbohrung der Flöte
hochwirbelnd das Laub
die Schaumkronen im Herbststurm
ich weiss nicht wohin
mich dieser Text führt vielleicht
werde ich schliesslich
verstehen wie Flechten sich
festhalten am Stein
die Sprache die Zeit müssten
umkehrbar sein so
dass wir zurückfänden zur
ersten Berührung
an der Anfangsbruchstelle
ich habe den Punkt
der Umkehr noch nicht erreicht
dröhnend kreist in mir
ein canto ostinato
es ist ein Stampfen
an Ort während die Landschaft
lautlos vorbeizieht
12700-12713: Pawel Florenski (1882-1936), Brief an seine Frau Anna vom 27. April - 3. Mai 1936, Solowki, Nr. 59; in: ders., Eis und Algen. Briefe aus dem Lager 1933-1937, Dornach 2001. [12700] immer wieder entfernt sich
dieser Satz aber
nicht das was er sagt: "Habt ihr
meine Zeichnungen
vom Polarlicht bekommen?"
Pawel Florenski
schrieb ihn seiner Frau Anna
aus dem Straflager
auf den Solowki-Inseln
"aber die Leiden"
so endet der Brief "bleiben
immer die gleichen"
ein Jahr später im Winter
wird er erschossen
frühmorgens während er sieht
wie im weissen Meer
Sonnenwinde sich spiegeln
12717: Anspielung an die grosse 7-teilige Komposition "Licht" von Karlheinz Stockhausen. (kein Mittwoch aus Licht)
ein Tag eine Nacht als ob
nichts Besonderes
jemals diesen Ablauf zu 
stören vermöchte
schnell wächst das Gras ein grünes
Fell des Vergessens

ins Heidekraut hingestreckt
und von zerzausten
Wacholdersträuchern bewacht:
Inseln aus rosa
schimmerndem Gneis blassgraue
Kappen und Höcker
irgendeinmal wird sich noch
etwas verschieben
und der sandige Abrieb
der Urgesteinsstaub
wird am glitzernden Ufer
nochmals befeuchtet
geknetet und von Kindern
in Förmchen gepresst:
12740-12746: "Wir kennen etwas nicht deshalb, weil wir es sehen, hören, riechen, fühlen, sondern umgekehrt, ..."
 Pawel Florenski an seinen Sohn Kirill, 21. Februar 1937.

 

12750: J.W. Goethe: "Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall."

eine neue Welt der ich
blindlings vertraue
die ich meine zu kennen
nicht weil ich sehe
höre rieche und fühle
sondern ich sehe
höre rieche und fühle
weil ich sie immer
und seit langem schon kenne
eine Welt die selbst
ohne Gewicht das Lose
anzieht die nie zu
[12750] diesem einzelnen Fall wird

 12751-12761: Buch Numeri 22-24.

12762-12766: Bileam büsst als falscher Prophet seine Strafe in der Hölle im kochenden Sperma, Jesus im kochenden Kot (seiner Jünger). Vgl. Peter Schäfer, Jesus im Talmud, Tübingen 2007, S. 167-189.

 

nirgends ein Bote
der das Schwert zückt im Hohlweg
den Esel erschreckt
auf dem Bileam durch die
Weinberge reitet
unsinnig Fluch und Segen
vermischt den einen
das Nagen an den Knochen
der Feinde verheisst
den andern das Zerschmettern
der Schläfen androht
Propheten falsche enden
in der Hölle im
kochenden Sperma oder
im brodelnden Kot
(bis die Seelen vergehen)
wenig Heiteres
zeigt diese Dramaturgie
aus deren Drehbuch
ist das Textfeld der Mitte
verschwunden nichts mehr
hält die Achse des Blattes
an den Randzonen
drängen sich Kommentare
Verweise Noten
eine Hermeneutik die
die Seitenflächen
ausdehnt ganze Weltteile
werden vereinnahmt
kaum bleiben die Umrisse
sichtbar der Dinge
alles ist nur noch Hinweis
Zeichen auf etwas
was vielleicht nicht mehr da ist
(nur drei Schildkröten
erinnern an die Hauptstadt
Karakorum drei
gepanzerte Findlinge
binden noch immer
die Erde an den Himmel
trotz Steppe und Wind)

Schildkröte, Kamakorum
12793-12806: Vgl. dazu den rabbinischen Midrasch von den Dingen, die vor der Welt erschaffen wurden. ich muss mich um die Stimme
kümmern mit der Gott
die Menschen zur Umkehr rief
bevor er sie schuf:
"du kehrst den Menschen zum Mulm
und sprichst: kehret um!"
diese himmlische Stimme
schuf Dinge für die
noch nicht geschaffene Welt:
[12801] die Schrift und den Thron
einen Garten die Hölle
das Heiligtum und
den Namen dessen der kommt
Gott braucht Menschen um
in die Zeit zu gelangen

seine Rundgänge
sind geheime Querungen
wachgerüttelten
Bruchstellen entlang er flieht
das Hügelflimmern
zieht nordwärts mit der auf- und
abtauchenden Schicht
aus dem Urmeer verweilt im
zerklüfteten Karst
unter dem Schildfarn und auf
bemoosten Ästen
am einbrechenden Schachtrand
an den Quelltöpfen
im Schatten wo die Fichten
knorrig schief wachsen
12822-12826: 
Jacques Derrida:  "Doch der andere, dem ich gehorche, dessen Verfügung ich gehorche, dieser andere muss unendlich weit entfernt sein – oder ein Gespenst. Oder tot. Den Toten gehorchen, das ist das Problem." In: ders, As if I were Dead  / Als ob ich tot wäre, Wien 2000, S.41.

12827-12829: 
J. T. Tabernaemontanus, New Kreuterbuch, 1588: "Etlichi Medici und Apothecker legen einen Todtenkopff eine zeitlang an einen feuchten Orth, auss welchem endtlich ein Mooss herfür wächst ...."

ist er plötzlich wieder ein
ganz anderer der
weit entfernt ist und dem ich
wie einem Toten
zu gehorchen versuche
(auf dessen Schädel
der Bärlapp wächst mit seinen
staubigen Sporen
vielleicht auch im Schleier
eines Wasserfalls
finsterbläulich ein Scheinmohn)
aufgeregt blüht im Schleier
eines Wasserfalls
finsterbläulich ein Scheinmohn
während am Steilhang
das herabrinnende Gries
Felsplatten zudeckt
Geröllbrocken langsam und
fast lautlos umfliesst
Grasnarben überzuckert
mit weissmattem Sand 
oben scheuert der Berg sich
am Lichtwind rieselt
knisternd hinunter ins Tal
wo er stillgelegt
leise im grünrauschenden
Dickicht versickert
ich meine irgendeinmal
müsse in diesem
nicht geschriebenen sondern
selbstwachsenden Text
[12850] etwas grundlos auftauchen
eine Perlmutter
die aus der Schale einen
Schein wirft auf alles
was nicht gesagt werden kann
 

 

 


Tabernaemontanus zum Bärlapp

12856:  Cattleya-Blüten spielen eine wichtige Rolle in der Beziehung zwischen Swann und Odette (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd.I: Unterwegs zu Swann.) 
Zur Geschichte dieser Orchidee vgl. Anita Albus, Das botanische Schauspiel, Frankfurt a.M. 2007, S. 163f.

12862-12872: Vgl. Linné's eigenhändige Anzeichnungen über sich selbst, Berlin 1826, S. 91. Hier auch der Hinweis auf die Heilung Linnés von Podagra durch den exzessiven Verzehr von Erdbeeren.

nicht auf die Blüte
Cattleya labiata
deren bläuliches
Schimmern ganze Städte in
Aufregung versetzt
sondern auf den Wegrand wenn
ich unterwegs bin
auf den Herbationes
von denen ich nichts
Neues heimbringe immer
dieselben Gräser
krautiges Binsengewächs
selten Erdbeeren
aus dem Wald gegen die Gicht
(mit ihnen heilte
Linné seine Podagra
"Numen adest" stand
über der Schlafkammertür)
was ich hier flechte
ist ein Ornament eine
Kette aus Wörtern
12867f.: Paul Cézanne (Über die Kunst) schwärmt vor einem Bild von Veronese und beklagt die minderwertige Malweise seit dem französischen Klassiszismus: "Man hat diese Wissenschaft der Vorbereitungen verloren, diese flüssige Kraft ..." eine Wissenschaft also
der Vorbereitung
eine Übung auch um die
unmerklich kleinen
Bewegungen der Augen
rhythmisch in eine
bildgebende Melodie
zu überführen
(bei gänzlich erstarrtem Blick
verschwindet das Bild)
die sich wiederholenden
Tonfolgen schleusen
"Je voyais de côté les joues étaient arrosées d'un sang clair qui les alluminait, leur donnait ce brillant qu'ont certaines matinées d'hiver où les pierres partiellèment ensoleillées semblent être du granit rose et dégagent de la joie." Marcel Proust, À l'ombre des jeunes filles en fleurs. Lichttkraft ins Blutrauschen in 
die blassen Wangen
die sich röten leuchten wie
rosa Granit an
gewissen Wintermorgen:
Steine die von der
Sonne beschienen gleichsam
Freude ausstrahlen
zwischen den Zeilen lagern
die verschatteten
Zwischenräume mit Purpur
illuminiert und
[12900] durchlässig führen sie uns
hinaus aus dem Text
12902-12914: Bartolommeo Fazio beschreibt das nicht mehr existierende Bild eines Frauenbades von Jan van Eyck in De Viris Illustribus, 1456. in eine Landschaft van Eycks
die unendlich weit
hinausstrebt aus dem Fenster
und doch im Bild bleibt
wie die badenden Frauen
im Spiegel auf dem
dieser kleine Hund Wasser
verspritztes aufleckt
dieses verlorene Bild
beschrieb Fazio
im fünfzehnten Jahrhundert
und seither hat es
nie mehr jemand gesehen
12916: Vgl. Nikolaus von Kues, De beryllo (1458). dieser Text versucht
einen Beryll zu schleifen
der die Verbindung
von allem ins Blickfeld rückt
eine Linse die zeigt
wie auch noch das Geringste
im weit Offenen
sich entfaltet und aufblüht
12924: Carl von Linné beschreibt 1751 in Philosophia botanica das "Aufwachen" und "Einschlafen" der Pflanzen im Tagesablauf und legt 1770 im botanischen Garten von Uppsala einen Garten als Blumenuhr (horologium florae) an. die Zeit anzeigt als
horologium florae
bis es kalt wird und
das Feuer in den Steinen
verdunkelt (jedoch
nie ganz erlischt) bis der Schnee
über dem Frostriss
in der trockenen Luft schnell
und lautlos verdampft
ein kleiner Fleck scharlachrot
schwebt über dem Wald
unsichtbar für die Bienen
lockt er nur noch die
kleinen kostbaren Vögel
empor damit der
schwarze Himmel bestäubt wird
ein kurzes Beben
kaum wahrnehmbar durchzittert
die Luft vom Turm her
meint man Glocken zu hören
der Botaniker
notiert in sein Tagebuch:
Hymenocallis
keine Art dieser Gattung
mag winterfest sein
und in Klammern ergänzt er:
12949-12953: Der Komponist Pietro Locatelli (1695-1764) schrieb "Introduzione Teatrali" (Ouvertüren zu nichtexistierenden Opern). (introduzione
[12950] teatrali: Abgesang
als Ouvertüre
zu einer kurzen Oper
die nicht existiert)
das Erscheinen der Dinge
als Wörter verrückt
diese um ein Geringes
(scheinbar verdoppelt
die Wirklichkeit sich) aber
genau besehen
bin ich es der ständig ein
wenig verrückt wird
die lichtsammelnde Linse
irgendwo in mir
ist sie unsichtbar scheu doch
woher sonst käme
dieses Leuchten das über
die Dinge hinhuscht
als Widerschein von etwas
was mir vertraut ist
12970: Leuchtmoos (Schistostega pennata): Die linsenförmigen Zellen des Leuchtmoos fokussieren das in die dunklen Felsspalten und Grotten einfallende Licht und werfen es bläulich-goldgrün zurück.

12974f.: Louis-Bertrad Castel (1688-1757), L'Optiques des Couleurs [1740].

12976-12981: Juan de la Cruz (1542-1591), Cántico Espiritual (aus der 12. u. 32. Strophe).

 

wie beim Leuchtmoos müsste so
eine Prise Licht
bläulichgrün eingefärbt und
freigesetzt werden:
alles kommt aus dem Schwarz und
verliert sich im Weiss
"escóndete carillo
und sage nichts mehr
lange ist meine Seele
durch wundersame
Inseln gegangen sie fliegt
jetzt auf und davon"
diese Vorstellung verblasst
angesichts der wild
duftenden Restfarbe die
12984-12987: Chr. K. Sprengel entdeckte 1787, dass Blüten auf verschiedene Weise Insekten zwecks Befruchtung anlocken.

12990: Margarta Porete (um 1250-1310) spricht immer wieder vom "Fernnahen" ("Loingprés") als Person, auf die sich ihre ganze mystische Sehnsucht bezieht.
mir aufblüht so dass
ich zurücktaumle wie ein
betäubtes Insekt
auf die Tierra caliente
wo das Wechselspiel
zwischen Ferne und Nähe
von neuem beginnt
wieder nehme ich Anlauf
mit dem Wortrechen
ordne ich tagelang Kies
(ich hoffe Gott sagt
von mir einst: „he was a Mensch“)
12999: Marcel Proust, Contre Sainte-Beuve, Paris (Pléjade) 1971, S. 309: „Ne pas oublier: les livres sont l’oeuvre de la solitude et les enfants du silence."
doch bleibt der Zweifel
ob es – wie Proust sagt – Sinn macht
Einsamkeit Schweigen
zu verwandeln in Bücher

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19.08.2009