Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.13001 - 14000

Index / Anmerkungen / Kommentar


„Es nahm kein Ende. Sie hob die Gewichte. Nirgends ein Anzeichen, ob das Sinn machte.“
Evi Kliemand, Blätterwerk I, Sequenzen Bl I/14.
13004-13006: In der jüdischen Esoterik entstand der literarische Topos des Schiur Koma ("Mass des Körpers"). Darin werden  mit geheimnisvollen Namen die Gliedmassen Gottes aufgezählt und deren immense Grösse angegeben.
– Vgl. auch die Kantaten Membra Jesu Nostri von Dietrich Buxtehude (1680).

13009-13012: Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve:  " .... wenn ich einen Augenblick wieder zu Atem käme, würde ich singen und der kleine Kapuziner des Optikers, der das einzige ist, was ich geblieben bin, nimmt seinen Hut ab und kündigt die Sonne an.“

13014-13016: zum umgekehrten Baum vgl.Anmerkung zu Z.6407

am Anfang wäre
also nichts als schwarzes Schwarz
im Dunkeln müsste
das Ausmessen beginnen
und die Beschreibung
von Gottes riesigem Leib
eine Vorstellung
die in der Helligkeit schrumpft
zu einem kleinen
Barometermännchen das
seinen Hut abnimmt
und die Sonne ankündigt
ich schäle Rinde
Gerberlohe vom Baum der
verkehrt vom Himmel
herabwächst das Wortleder
überspannt hauchdünn
alles worauf ich noch nicht
zu zeigen vermag
um mehr zu sehen müsste
ich weniger sein
13022-13033: Vgl dazu z.B. die Darstellungen zur Versuchung des heiligen Antonius
Ignis Sacer = Mutterkornvergiftung,
Aschmodaj=Dämon 
ein Unterfangen bei dem
ich auf den Beistand
vertraue der Heiligen
überall drohen
Gestalten ohne Schatten
Diablerien
aus Nasenklarinetten
Flatulenzen und
mutterkorngiftig entflammt
das ignis sacer
Aschmodaj hahnenfüssig
zerzaust mir das Haar
13036-13038: Luca Nando im Gespräch mit der Künstlerin Gilgi Guggenheim.

mehr sehen bringt mich vorerst
keinen Schritt weiter
es bleibt die Frage: weshalb
eigentlich ist die
Steckdose so weit oben?
Fragen gibt es die
zeigen Erfahrungen an
die noch ausstehen
Kinderfragen zum Beispiel
die unser Geschwätz 
unterbrechen: sie treiben
das Erinnern den
leeren Wänden entlang ein
13047-13051: Vgl. Walter Benjamin, Zu nahe, in: ders., Schriften, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1955, S. 15.

13052-13055: Ovid, Metamorphosen, 11,384-748. (Alcyone und Ceyx).
Sehnen das Bilder
nicht mehr zu halten vermag
nur Namen bleiben:
[13050] bildlose Zuflucht aller
möglichen Bilder
Windstille jetzt noch betet
Alkymone da
wendet mich schon die Sonne
ins Eisvogelblau
schliess ich die Augen stieben
mir Schneegraupen aus
grauen Wolken entgegen
der Mandelraute
zerfetzte Blüten Schleier

13062: In der Kabbala gilt die Trennung der beiden Paradiesbäume (des Lebensbaumes vom Erkenntinsbaum) als Grund dafür, dass der Satan Israel zur Sünde verführen konnte. Dieser Vorgang wird als „Abhaung der Pflanzungen“ bezeichnet. 

hochgewirbelt aus
abgehauener Pflanzung
weisser Pollenstaub
in der zerriebenen Luft
die sich nur langsam
wieder beruhigt still wird 
wie milchiges Glas
dahinter Flammen Wellen
aus reiner Wolle
13068-13074: Buch Daniel 7,9. Zum „Attika Kadischa“ („der Heilige Alte“) in der Kabbala vgl. Gershom Scholem, a.a.O., S. 38-47. (das Haar des Hochbetagten
schlaflos besonnen
als Attika Kadischa
thront er hoch über 
den wild brennenden Rädern)
eine Stimme wie
ein Wetterumsturz schlägt ein
treibt meinen Restleib
in die leblosen Dinge
zurück ins Sandkorn
in das noch ungeteilte 
Dunkel des Anfangs
13084-13092: Erik Satie, „Sonatine bureaucratique“ (1917). wo ich mich dem Erinnern
hingebe diese
„Sonatine bureaucratique“
möchte ich nochmals 
ungestört hören diese
„vieil air péruvien
recueilli en Basse-Bretagne
chez un sourd-muet“
(der Bürolist summt das Lied
während er wieder
von der Beförderung träumt)
13095-13106: Anspielungen an das kosmosophische Modell der lurianischen Kabbala (des Jizchak Luria, 1534-1572).
Vgl. Anmerkungen

 

13100-13102: Buch Genesis, 1,31: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe es war tov me’od (sehr gut)“, was tönt wie tov mot („gut ist der Tod“).

Summen und Schreiben
frei vom Zwang zum Gelingen
der Urteilsrückzug:
endlich Raum um Gefässe
aus Licht und voll Licht
ins Leere zu stellen an
den Innenwänden
sagt die Schrift: „alles sehr gut“
[13101] im Gleichklang aber
höre ich :„gut ist der Tod“
die Krüge Gottes
zerbrechen und wir kehren
zusammen zurück
an den düsteren Anfang
13107-13111: Buch Hiob 37,21. ein schwaches Schimmern
glüht noch hinter den Wolken
wir warten der Wind
wird herbeirauschen und der
Himmel sich klären
13112-13119: Die Farbe Zinnober besteht aus einer Mischung aus Drachen- und Elefantenblut. Staub Blutstaub zinnoberrot
liegt auf dem Schnee vom
Südwind nordwärts getrieben
Kampfspuren erst vor
kurzem noch hingeschleudert
als feinstoffliche
Warnung an die Übersicht
wenn sie sich abkühlt
Zeit haben genug Kammern
sich vorzustellen:
Fenster Türen vernagelt
die Söhne des Schlafs
(Phobetor Phantasos und 
Morpheus) eingesperrt
alles ist nur was es ist
(ungeträumt traumlos)
es nähert sich nichts und nichts
entfernt sich von mir
mein Denken schallmauert Klang
Melodien aus
festgehaltenen Tönen
unverrückbar scheint
die Befestigungslage
eine Art Schwermut
lässt die Gräser erzittern
und ich erwache:
alles wird wieder gesund
13139-13141: Vgl. Sefer Jezira (Buch der Schöpfung). [Näheres s. Anm.]

13142-13144: Buch Hiob 37,6.

meine Zunge ist
frisch beschnitten und Gottes
Buchstabenräder
mahlen den harstigen Schnee
zu feuchtem Lehmstaub 
zu Frühlingserde ich bin
schon schwer betrunken 
von allem was ich nicht trank
auf den Stimmbändern
regt sich der letzte Tonfall
13149: Jean Cocteau, La voix de Marcel Proust: "Il servait sa ruche. Il obéissait à des lois de miel et de nuit." aus Honig und Nacht
[13150] in meiner Mundhöhle liegt
der fremde Geschmack
eines chinesischen Tees
(grüne Blattspitzen
pelzig silberne Nadeln
vom heiligen Berg)
noch ist mein Leib ein Lichtturm
eine Säule aus Luft
es fehlt
ihm der Schatten der
13158-13162: Anlehnung an Vorstellungen eines astralischen Leibes (Zelem) in der Kabbala, der u.a. in Form des Schattens oder eines Gewandes vorgestellt wird.

13166: Buch Genesis 9,2.  

ein Abbild sein wird
des funkensprühenden Kleids
das geheimnisvoll
vor dem Verbrennen mich schützt
mein Engel steht noch
ohne mich da ich warte
ich will nicht dass die
Tiere wieder erschrecken
13168-13172: Der altägyptische Gott Anubis führt, wie in der christlichen Legende Christophorus, die Seelen von einer Welt in die andere. Er (und ab und zu auch Christophorus) wird hundsköpfig dargestellt

13173: Vgl. Georg Büchner, Lenz [Schluss]: „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin ...“

13175: Nachmanides sagt, es sei von der Seelenwanderung (Gilgul) „schriftlich zu reden verboten, in Andeutungen zu reden nutzlos“.

von weither führt mich
Anubis Christophorus
zurück auf die Welt
durch die Windstille schwimmend
ohne Eile auf
dem Silberrücken des Fischs
Dasein ist mir noch
keine notwendige Last
unaufgeregt sind
die Bilder ohne Botschaft
von Eigenem frei
noch ist Schreiben verboten
und Reden nutzlos
der der ich nicht bin spricht schon
in mir und er spricht
dieselbe Sprache wie ich
die Erde im Mund
lockert sich und die Wurzeln
in mir beschliessen
nochmals Zweige zu werden
schon wieder wächst mir
aus dem Brustbein ein Baumstamm
das Hämmern des Spechts
verlangsamt sich und wird zum
eigenen Herzschlag
dieses Klopfen schlägt Funken
aus all den Dingen
die ich mitnehmen werde
nach oben ans Licht
noch sind die Füsse zu schwer
kein Schritt weit und breit

Hieronymus Bosch
und der Blick verweilt über
dem sandigen Weg
[13200[ an dessen Rändern halten
sich Grasnarben fest
magere Rispenbüschel
zum Weizenfeld hin
am Waldrand rötlich schimmert
der Sauerampfer
kein decorum weit und breit
nirgends ein Zentrum
das die Bildfläche trichtert
unvorstellbar dass
hinter Wänden sich Räume
ausschliessen könnten
gottlos friedlich scheint die Welt
sie krümmt sich lustvoll
unter dem nüchternem Blau
ohne Rücksicht auf
logische Stabilität
nichts hält sich zurück
auf dem verfleckten Wachstuch
blühen Kornblumen
und isländischer Mohn das
giftige Geissblatt
duftet von irgendwoher
Hundsrosen leuchten
farblich fein abgestimmt im
Versandkatalog
ich richte mich ein obwohl
sich meine Ankunft
immer wieder verzögert

Foto: Arno Schmidt
13229-13232: Anlehnung an zwei Zeilen aus dem Gedicht Myrtho von Gérard de Nerval  die grüne Myrte
die bleiche Hortensia
im Aschenregen
ineinander verwurzelt
erinnern sie mich
dass ich es immer wieder
vergesse: es bleibt
weder der Stoff noch die Form
nur dieser Schwung ist
immer derselbe mit dem
einer weit ausholt
heute morgen werde ich
unter den Flechten
eines Steines erwachen
Zeile um Zeile
dieses rauschenden Textes
will ich ersetzen
durch einfaltige Streifen
wässriger Farbe
ohne Aufregung wird so 
alles beruhigt
13250: Letzte Zeile im Gedicht El Desdichado: „J’ai deux fois vainqueur traversé l’Achéron: / Modulant tour à tour sur la lyre d’Orphée / Les soupirs de la sainte et les cris de la fée.“ Gérard de Nerval, a.a.O. S. 288.

13259-13262: Vgl. die Beschreibung des Gewandes von Aron im Buch Genesis 28 (Übersetzung Martin Buber).

[13250] „les soupirs de la sainte
les cris de la fée“
wenn ich erwache soll mir
nichts mehr vertraut sein
durch das Rückenmark tropfen
Gedanken aufwärts 
glänzend wie Dattelhonig
Klangkugeln schon von
Konsonanten umrundet
Bänder aus Purpur
Hyazinth Karmesin und
gezwirntem Byssus
flattern mir dann aus dem Mund
vorläufig aber
habe ich immer mehr Lust
auf weniger auf
das was sich nicht oder kaum
verändert alles
muss geringer werden und
sich dem Überblick
und der Ordnung entziehen
so schäme ich mich 
wenn sich am Waldrand unter
rostigem Wellblech
das Brennholz stapelt diese
zur Schau gestellten
Gebeine toter Bäume
13277-13285: Vgl. Chaïm Soutine: La route de la colline (1924), Nature morte au violon, pain et poisson (1926/27), Poulet et tomates (1924). die Landschaft sollte
aus dem Lot geraten aus
dem Rahmen wirbeln
wie auf den Bildern Soutines
Geige Fisch und Brot
mir vor die Füsse stürzen
vom Tisch der einknickt
aufgespreizt starr hängt das Fleisch
vor der Backsteinwand
von weit her rollt Donner und
beim Sehen scheint es
mir den Schädel zu spalten
etwas befreit sich
und nähert sich mir friedlich

Lorenzo Lotto:
Hl. Petrus Märtyrer (1503)
13291-13298: Vgl. die griechischen Sagen um Kadmos, den Gründer der Staat Theben, der als Phönizier (gr.: phoinix, von phoinios=purpurrot) den Griechen die Buchstabenschrift brachte. Herodot, Historien, V, 58. unbewacht sprudelt
die Quelle im Wald nirgends
ein Drache dessen
Zähne später ausgesät
Unruhe stiften
purpurrot wachsen langsam
neue Buchstaben 
über die alten Felle
13300-13309: Venezia, Shlomo, Sonderkommando. Dans l’enfer des chambres à gaz, Paris 2007. aufzuschreiben ist
[13300] was Shlomo Venezia
berichtet (Jude
Sonderkommando Auschwitz)
in der Gaskammer
überleben? einmal ja
ein Kind an der Brust
seiner Mutter die tot war
hungrig vergass es
beim Saugen zu atmen es
wurde erschossen
nur sechs Jahre später hat
meine Mutter mich
sorglos in die Welt gesetzt

wie viele Mütter
glaubte sie jedes Kind sei
ein Geschenk Gottes
der doch sogar die Schritte
der Ameisen kennt
deren Arbeit im Dunkeln
der andererseits
ganze Felder zum Himmel
gestreckter Arme
zu übersehen vermag
zu lieben vielleicht
doch geeignete Menschen

allem fehlt schliesslich
die Vernunft der Mechanik:
dem Brand der Sonnen
den verstrahlten Gedanken
mich verwirren die
Anziehungskräfte der Nacht
sitzend im Holzkahn
verbrenn ich weisses Papier
erzeuge ich Dampf
in der Brennkammer am Bug
während das Heck schon
langsam im Wasser versinkt 
reglos lauscht das Schilf
über die Wasserfläche
das Vorbeihuschen
kleiner Wellen erwartend
dem Ufer entlang
flussaufwärts berichten sie
von meiner Ankunft
während in mir Gestänge
sich langsam verbiegt
in noch fremden Hohlräumen
13347: „dröhnen“: etymologisch verwandt mit gr. thrénos (Totenklage). 
ein Dröhnen Nieten
aus Stahlplatten gerissen
stürzen ins Leere
[13350] Rost rieselt Rändern entlang
in einem Lichtstrahl
schwebt meine Fahne aus Staub
Hand an mich legen
möchte ich jetzt mich nochmals
zwingen zum Aufstieg
im engen Schachtelhalmschaft
als grünfeuchtes Korn
im Blickfeld stehen bleiben
eines blinden Tiers
wieder einüben: erstens
das kurze Zucken
mit der Schwanzflosse dem ein
langes Gleiten folgt
durch den stillen Teich zweitens
das Blitz-Tanz-Huschen
der verliebten Libellen
drittens als Käfer
Melodien erfinden
Flügelquartette
die den Luftraum verschlüsseln
13371: Buchtitel eines Werkes von Athansius Kircher: Musurgia universalis, sive ars magna consoni et dissoni (1650). In deutscher Übersetzung 1684 erschienen unter dem Titel: Neue Hall- und Thon-Kunst ...

13378: Historia calamitatum: Titel der Autobiografie von Peter Abaelard (1079-1142).

(die Musurgia
universalis vertont)
schliesslich habe ich
auch eine Liste erstellt
die alles enthält
was mir zustossen könnte
ein Handbuch eine
Historia sämtlicher
Kalamitäten
in dorischer Tonlage
gesetzt und als Text
auf Seidenbänder gestickt: 
frühmorgens bin ich
aufgestanden und abends
beinah gestorben
alles ist möglich zum Glück
unerreichbar sind
für den Körper die Bilder
die mein Blick abholt
die flach ausufernd randlos
sind wie dieser Text:
nichts sticht hervor und es gibt
nichts Wichtigeres
ein Geschmack breitet sich aus
unbestimmt kräftig
und durchdringt schliesslich alles
nirgends ein Fluchtpunkt
13398: Ein flügelschlagendes Auge war das Emblem des Humanisten Leon Battista Alberti (1401-1472). nirgends ein Auge das kalt
und flügelschlagend
den Raum angreift und ausmisst
[13401] rastlos die Orte
festlegt wo etwas sein soll
obwohl die Dinge
doch selbst bestimmen wo und
wann sie sich zeigen
leicht verschleiert vom Anfang
der alles verstimmt
die tiefhängenden Zweige
über dem Bergbach
geraten ins Wippen und
schnellen hoch wenn sie
eine der Wellen erfasst
ich übe Warten
während der Wind die Büschel
die ich denke weit
zurückbiegt und die Blätter
stossweise berauscht
auf meinem Hals sitzt der Kopf
eines Pferdes schon
frühmorgens umwölkt vom Schwarm
ekliger Fliegen
im hirnfressenden Brummen
gilt all mein Warten 
dem grossen Gewitter und
dem Raum der entsteht
wenn plötzlich Stille eintritt
den Arabesken
aus gleissendem Licht die sich
unbeschwert halten
im niederschwebenden Staub
im blauem Äther
ein feinmaschiges Gitter
aus kleinsten blanken
Gelenken: Hüften Schultern
kunstvoll verknotet
ein Geflecht eine Windhaut
die schnell davonweht
ich öffne die Augen: jetzt
zum ersten Mal schlägt
eine Atemluftwelle
an meine Rippen
leckt mir übers Brustbein und
durchflutet den Stamm
wirbelt abwärts als Rinnsal
in meine Zweige
ich entfalte und spreize
das Blatt meiner Hand
"ihr Zurückgebliebenen"
steht auf dem matten
[13450] von Linien durchfurchten
Spiegel geschrieben
"ihr Toten wann vergesst ihr
dass ihr tot seid kommt
zurück man wartet auf euch"
im Wald über mir
reitet unsichtbar einer
und singt ein Lied mit
wenigen Tönen in den 
graugrünen Morgen
mir kommt in den Sinn vielleicht
ist es umgekehrt
ich bin tot und rufe die
Lebenden zu mir
vielleicht gibt es gar keine
Seiten zu wechseln
was entschwindet verschiebt sich
nur aus dem Blickfeld
und taucht wieder auf wenn der
Sehwinkel weit wird
13470-13475: Siehe z.Bsp. die Bilder von Agnes Martin (1912-2004), auf die schon in Z. 1352-1367 Bezug genommen wird.
und das Auge unbeschwert
von praller Farbe
lichtdurchtränkten Streifen folgt
Bändern Linien
die sich aufschichten ohne
Türme zu bilden
deren Leuchten die Ränder
verwischt und auflöst
es entsteht eine Landschaft
die zu beschreiben

mir diese Lichttinte fehlt
die ich brauche um
Dinge festzuhalten die
unbeschrieben sich
meiner nicht mehr erinnern
die sich abwenden
und als Luftspiegelungen
jede Art Schwerkraft
verweigern und dem Staunen
die Form entziehen
der Blick verwirrt sich erstarrt
bis vielleicht nochmals
ein kleiner Wirbel hochschiesst
der Blasen wirft und
den Äther aufschäumt mit Nichts
ein stiller Anfang
unheimlich und wortlos Proust
13496-13500: “Gibt es eine schrecklichere Beleuchtung als die des Schweigens, die uns nicht eine, sondern tausend Abwesende zeigt …” Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.III: Guermantes), Frankfurt a.M. 2004, S. 167 fragt: gibt es eine
schrecklichere Beleuchtung
als die des Schweigens
wenn es Abwesendes zeigt
noch fehlt der Wind der
sich herabstürzt im Schlepptau
den Einfall des Lichts
der Ornamente verbiegt
und sie wieder streckt
nahe am Brechen lässt er
Stäbe und Ringe
zurückschnellen und spannt sie
neu in die Form bis
mit einem Schrei einem Wort
einem ersten Satz
diese Testreihe endet
13513-13516: Marcel Proust beschreibt ausführlich seine Empfindungen gegenüber einer vertrauten Stimme, die jedoch nur am andern Ende der Telefonleitung zu hören ist. „Bien souvent, écoutant de la sorte, sans voir celle qui me parlait de si loin, il m’a semblé que cette voix clamait des profondeurs d’où l’on ne remonte pas...“ aus einer Tiefe
rufen Stimmen in die sie
kaum gehört wieder
und für immer versinken
irdene Töpfe:
nicht das dichte Wurzelwerk
lässt sie zerspringen
sondern im Winter der Frost
nicht der Thesaurus
dieses Archivs ist wichtig
sondern das Speichern
der gewonnenen Wärme
(sogar der Zweifel
ob dies gelinge erzeugt
glaube ich Wärme)
ich rudere oft wie auf
einer Galeere
durch diesen Text nur wenn ich
aus dem Takt falle
meine ich müde zu sein
mit diesem Rundholz
in den Händen quält meine
Muskulatur mein
gekrümmter Rücken sich ab
und dies alles um
den Verkehrswegen des Lichts
durch die Dunkelheit
zu folgen atemlos oft
unsicher ob nicht
Hier und Dort auswechselbar
keine Orte sind
sondern erregte Stellen
einer Bewegung
die sich von etwas ablöst
jeder Aufenthalt
wird unterbrochen endet
indem er beginnt
erst wenn ich tot bin lässt sich
[13551] das Ganze und zwar
mit der angemessenen
Ruhe betrachten
vorläufig lauert mir auf:
Kopfwehgetrommel
altes im Schädel versteckt
das den Blick verzerrt
ein vor sich hin schwelender
Brandherd legt sich mir
auf das Brustbein beschattet
meine blauroten
Luftzonen mit Dunst mir scheint
13563: Peter Abaelard, Planctus David super Saul et Ionatha, Z. 77ff.:
„... nec ad vitam anima / satis sit dimidia.“ 
zum Leben genügt
eine halbe Seele nicht
es müsste sich auch
die andere Hälfte die
sich weit ausserhalb
von mir herumtreibt wieder
einfinden hier und
sich wie ein Kontrastmittel
ausbreiten im Leib
mit dem Blut sich verteilen
heiss-kalt wie eine
Freude ein grosses Glück das
über mich herfällt
so weiche ich getrost ab
vom geraden Weg
Marquis de Sade,  Gedanken zum Roman: „Der Mensch ist zwei Schwächen unterworfen ... Er hat stets und überall das Bedürfnis zu beten, und überall das Bedürfnis zu lieben." nicht ohne zu beten nicht
ohne zu lieben
beides aber ohne dass
Schwäche mich drängte
wieder und wieder will ich
den Text zerlegen
(der mein Leben sein könnte)
seine Fragmente
13586-13588: „Rhapsodie“ von griech. „raptein“ (nähen) und „ōdē“ (Gesang). nähe ich zu einem Tuch
neu aneinander
eine Rhapsodie planlos
und aus einem Stoff
der nichts Besonderes will
(es gibt keinen Sinn
der sich feststellen liesse)
tangibilia:
alles Mögliche aber
will ich berühren
mit diesem Zögern das den
Wörtern vorangeht
mit dem Nachklang der sie nur
kurz überdauert
[13600] zwei Helligkeiten legen
sich lautlos auf die
noch geschlossenen Augen
nur langsam wälzt der
Milchstrasse Schatten heran
die Ausschweifung der
Stimmen die unerbittlich
alles benennen
leise ohne Eile hat
matter Glanz sich auf
der Hirschzunge Blatt gelegt
ein Tropfen hält sich
am grünen Rand fest Wedel
vom Farn rollen aus
13614: Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans, Frankfurt a.M. 2008, S. 178f. Liebe und Tod sind da mehr
lässt sich nicht sagen
ein mir unbegreifliches
Gelenk dazwischen
ein Bote ohne Botschaft
der sich schämt trotzdem
immer noch Bote zu sein
13621-13625: Marcel Proust:  „La malade fait la connaissance de l’Étranger qu’elle entend aller et venir dans son cerveau.“  Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 316f.

13627-13629: Vgl. Laozi, Daodejing, Kp. 77.

ich höre wie ein 
Fremder in meinem Gehirn
auf und ab geht und
lange stillsteht als habe
er mich vergessen
möglich dass gerade jetzt
der Bogen sich spannt
(Hohes wird niedergedrückt
Tiefes gehoben)
findet jetzt der Ausgleich statt
so dass wahrnehmen
nicht mehr wund macht ein Vorgang
den ich letztlich doch
bedauern müsste weil der
Klang dieses Textes
kein berauschender sein soll
ungeeignet zum
Untermalen der Glückspost
13639-13642: Kafka (27.01.1904, an Oskar Pollak): „Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten. ... ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ 

13643: Paul Valéry, lettre à Jeannie Valéry, juillet 1909: „C’est étrange comme la suite des temaps transforme toute œuvre – donc tout homme – en fragments. Rien d’entier ne survit ....“

frisst er sich heulend
wie eine Kettensäge
unaufhaltsam stur
durch das gefrorene Meer
nichts Geordnetes
Ganzes kann überleben
ich fragmentiere
alles und füge alles
wieder zusammen
ein Vorgang der sich fortsetzt
während ich merke:
[13650] alles passt aber nur fast
ich sei gestorben
so träumte ich und merkte
als ich erwachte
dass ich tatsächlich tot war
(doch wem gelingt es:
morgens tot zu erwachen)
an diesem Satz ist
nichts auszusetzen jeder
einzelne Teil stimmt
insgesamt wirkt er sogar
irgendwie tröstlich
als gelungene Fälschung
ist er ein Satz wie
jeder andere auch er
stammt von einem Ich
13665: Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve „... dass ein Buch das Erzeugnis eines anderen Ich ist als dessen, das wir in unseren Gewohnheiten, in der Gesellschaft, in unseren Lastern zutage treten lassen.“ das sich vielfach zerlegt hat
der Leib täuscht nur vor
ein Ganzes zu sein vielleicht
hoffend so länger
im Erinnern zu haften
doch was zurückbleibt
wird zur Rekonstruktion
nicht mehr genügen:
13674-13677: Körperreliquien Christi, die in der ehemaligen Abtei Saint-Médard in Soissons aufbewahrt wurden.  Nabelschnur Vorhaut und ein
einzelner Milchzahn
selbst Auferstandene sind
nicht mehr ein Ganzes
13679-13681: Homer, Odyssee, 1,161. dies gilt fürchte ich auch von
unseren weissen
Gebeinen die vielleicht einst
faulen im Regen
von den Hautflocken die der
Sturmwind aufwirbelt
um sie im hohen Norden
nachlässig wieder
hinzustreuen auf langsam
südwärts treibende
Eisschollen eine Reise
wie eine Krankheit
unter der Frostdecke vom
Fieber geschüttelt
sinnlos meint man gerade
jetzt aufzubrechen
wo die Rastzeit gekürzt wird
und die Richtungen
mehrmals täglich sich ändern
doch ist die Reise
unaufschiebbar zu lange
habe ich mich auf
13700-13705: Das Bild – nicht der Inhalt – spielt an auf die Geschichte der Moabiterin Rut. Das Buch Ruth, 2.Kp.

13704: Zum „Begehren“ in literarischer Hinsicht s. Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans.

dem Stoppelfeld zwischen Schlaf
[13701] und Langeweile
schadlos gehalten ohne
mich zu bücken und
ohne Begehren stieg ich
vom Tag in die Nacht
und schob mich wieder hinaus
in einen der stets
kürzer werdenden Tage
zunehmend berauscht
von dem was zu erreichen
mir niemals gelingt
aus Purpur und hellem Blau
eine Landschaft wie
eine Folge von immer
denselben Tönen
ein Klang der sich wiederholt
während die Hügel
(hintereinander gereiht)
warten bis es aus
dem Dunst zu regnen beginnt
plötzlich hörte ich
etwas Neues und seither
scheint mir es könne
nie mehr etwas zugleich auch
ein anderes sein
13726-13730: Laozi, Daodejing, Kp. 11 die Leere des Kruges der
einfach nur dasteht
die Nabe eines Rades
das sich um nichts dreht
(jedes hat seinen Nicht-Ort)
keine Leere gleicht
der andern keine sich selbst
13734-13736: „Ganz anders interessiert mich die Frage, an der mehr das ‚Heil der Menschheit’ hängt, als an irgendeiner Theologen-Kuriosität: die Frage der Ernährung.“ Freiderich Nietzsche, Warum ich so klug bin. unbeantwortet
bleibt weiterhin die Frage
wie die Ernährung
unser Denken beeinflusst
ob der Lichtanteil
nicht erhöht werden müsste
ob nicht die Tiefe
des Schlafes abhängt davon
wie nahe von uns
ein Espenblatt zittert still
kniet plötzlich wieder 
ein Einhorn vor mir und bohrt
sich in meinen Traum
 

 

 

 

 

wie andere Tiere auch
erinnert es mich
nochmals tief einzuatmen
vor Tagesanbruch
wenn der Nachtspeicher sich leert
[13751] und der Atem kurz
wird flatterig und kaum noch
reicht um Gras und Kraut
ordentlich zu belüften
während die Wälder 
vor sich hinbrüten bis es
wieder dunkel wird und die Fledermäuse sich
aus den Dachluken
in die Dämmerung stürzen
wie verworfene 
Gedankensplitter zucken
sie mir entgegen
erst wenn ich mich ducke knickt
ihre Flugbahn ab
13766-13770: Muqarnas: ornamentales Stilelement in der islamischen Architektur (ab 11. Jh.); häufig als hochkomplexes Wabendekor in Kuppeln und Nischen. in die Nachtkuppel hinauf
wo sie in Nischen
Ornamente planen die
die Räume langsam
durchwachsen als Muqarnas
(aus dem Gewächshaus
der Geometrie) zielen 
deren Linien 
auf mich von überall her
obwohl ich jeden 
festen Standort vermeide
nach Sonnenaufgang
(und der Ausleuchtung der Welt)
wird mein Blick trüb nichts
mag er sich aneignen jetzt
verblendet tastet
er Wirklichkeit ab ohne
Anschluss zu finden
irrt von Knoten zu Knoten
im Schneefeld des Lichts
ich komme vom Weg ab der
überbelichtet
richtungslos nirgends hin führt

Muqarnas
13789-13791: Dante Alighieri, Divina Commedia (Hölle, 1. Gesang)
(andere kommen
im Finsteren vom Weg ab 
mich täuscht das Helle)
ich warte auf die Klänge
die langgestreckt sich
wie Silberdisteln über
Bergrücken legen
die in Mulden sich winden
13798: Johannes Ocheghem (gest. 1497), berühmter flämischer Komponist. wie Melismen in
Ockeghems Missa Caput
auf den Klangschleier
der sich aufschwingt im Herbst wie
[13801] ein Schwarm Vögel wie
die unruhige Wolke
die in der Ferne
sich auflöst und schnell wegsinkt
unter die stille
13806: „Hoizontis linea“ findet sich als Bezeichnung auf einem Holzschnitt bei Vitruv, De architectura. horizontis linea
dahinter wüten
Götter und Ungeheuer
(aus Kot und aus Blut
wie wir) gegen sich selbst und
gegen die Menschen
ich warte auf den Schleuser
der wenn er kommt mich
überredet zu bleiben
obwohl ich vielleicht
längst nicht mehr da bin nur noch
ein Bild ist da das
mich diesseits und jenseits zeigt
eines Spiegels nur
im Spiegel erkenne ich
auch den der mich malt
doch in Wirklichkeit ist da
kein Spiegel kein Bild
was hier ist: ein Wasserfall

Bernardino Licinio(?) 1520/30
der Schläfer im Moor
ein Tier das springt das Beben
tief unten im Meer
eine Erinnerung die
mir bekannt vorkommt
13830-13833: Ino Leukothea rettet Odysseus aus den Sturmfluten, indem sie ihm ein Tuch gibt, das er sich um die Brust bindet. So erreicht er schwimmend das Land der Phaiaken. Homer, Odyssee, 5,333ff. auf die Netzhaut legt sich nachts 
bleiweisser Salzschaum 
ohne Leukos Tuch schwimmend
bleibt es unmöglich
Land zu erreichen im Sturm
und festen Boden
unter den Füssen deren
Sohlen die Schwere
des Leibes wieder spüren
entdecken wie man
das Gleichgewicht findet und
es wieder verliert
13842-13846: Paracelsus, Über das Wort Sursum corda - Erhebet die Herzen!, Wald 2007, S. 18.  der Mensch nämlich „is nitt alß 
wie ain holtz wurmb nitt 
wie ein Spin die vom lufft wyrdt
der mensch ist gemacht
aus erden vnnd laymen" mit
Mühe hält er sich
aufrecht (nicht wie die lautlos 
wachsenden Wälder)
[13850] einer Stille entgegen
schreibt sich dehnend die
Abschrift die dieser Text ist
je nahtloser weit
das Tuch sich ausspannt desto
enger schmiegen sich
aneinander die Zeilen
die Wörter rücken
immer dichter zusammen
13859-13869: Die folgenden Zeilen nehmen Satzteile auf aus: Henri Thomas, Das Vorgebirge [Le Promontiore], übertragen aus dem Französischen von Paul Celan, Frankfurt a.M. 2008, S. 42, 87-90. (nur in den Häusern
ohne Licht hat niemand Lust
Worte zu machen)
blind für die Einzelheiten
auf die die Wörter
so gut zutreffen fühl ich
was von weither kommt
im Einklang mit dem was beim
Aufwachen da ist
seh ich seither als ob ich
ständig erwachte
13870-13877: Agnes Martin (1912-2004). Z. 1352-1367.  wie wunderbar ungenau
legt Agnes Martin
ihre zarten wässrigen
Farben den grauen
Bleistiftlinien entlang
(dass doch auch am Rand
meiner Sätze ein wenig
Farbe sich zeigte
13878-13886: Alpsegen („Bättruef“) von der Brunnalp (Kanton Uri): „Allhier auf dieser Alp, da steht ein goldener Ring, darin wohnt die lieb Müetter Gottes mit üserem herzallerliebsten Jesuschind. Ave Maria ...“ Vgl. Z. 2127-2146 und Z. 10346-10356. ähnlich dem goldenen Ring
der sich als Schimmer
um die Alp legt am Abend
ein schützender Kreis
um die Hütten der Menschen
um die Tiere die
weiden im taunassen Gras
um die lockeren
Felsbrocken oben am Berg
dass dieser Text doch
als Montanlitanei und
als Bättruef wirke
gegen das aus den Tälern
steigende Dunkel
und den Nachhall der Spiele
um Beute und Bett)
wenn ich hier hinschreibe „rot“
wo ist die Farbe
die ich mir vorstelle die
jedoch nicht da ist?
was ich denke bleibt hängen
im Nebel der dicht
[13900] über der Waldgrenze liegt
auf das Hörbare 
will ich mich konzentrieren:
spät erst ankommen 
und jemand sagt zu mir: iss!
(es gibt kaum eine
kürzere Aufforderung
und keine die mehr
Zuversicht auslösen kann)
über Nacht fällt Schnee
in die goldgelben Lärchen
im Grau des Morgens
dampfen die schwarzen Buckel
die weissen Rücken
erheben sich langsam und
streben dem Stall zu
eine Katze tappt dem Zaun
des Gartens entlang
der in der Stille versinkt
mir ist als ob ich
ohne Beine dastünde
schwerelos schwebend
als ob ich unter Wasser
mit Hacke und Korb
etwas einsammeln müsste:
kleinste Splitter aus
venezianischem Glas
ein Schimmern im Sand
nicht mehr im Bild finde ich
nichts mehr bin schneeblind
geworden am ganzen Leib

Tauchgrabung (1854)

13931: "Nichts ist der beste Trost: Entzeucht GOtt seinen Schein / So muss das blosse Nichts dein Trost im Untrost seyn." Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann.

13936-13939: [„[ist] keine andere Gnade bei uns, als allein [dies], dass wir den Buchstaben erkennen, so ist dies schon unser Tod.“] Paracelsus, Über das Wort Sursum corda - Erhebet die Herzen, Wald 2007.

 

(soll das blosse Nichts
mir jetzt Trost im Untrost seyn?)
nur noch Wörter sind
abzustossen zu lesen
nicht ohne Gefahr:
ist khain annder gnadt bey vnns 
allß allain das wir 
den buchstab sehenntt so ist 
das schon vnnser dott
ich will nochmals auftauchen
arglos wie ein Kind
und nach der weissen Tasse
am Tischrand greifen
ich will nochmals Schränke und
Schubladen öffnen
und mich betäuben lassen
von dem Duftgemisch
aus Kampfer und Lavendel
ich warte dass mir
jemand weiche Butter bringt
vermischt mit Honig
wie die Mutter wenn ich krank
fiebrig und hustend
unter schweren Decken lag
dieses Warten auf
ein Nochmals jenseits jeder
Möglichkeit fällt mir
aufzugeben schwer es bleibt
als ein Wärmekeim
das Gefühl der Zuversicht
mich beunruhigt
jede Art von Übergang
von etwas zu nichts
das Leiserwerden und der
Tonfall aus dem Takt
 

 

 

 

 

 


Henri Fantin-Latour 
(1864)

13966-13968: So die Anekdote, die berichtet, wie der Naturforscher und Gelehrte Albrecht von Haller (1708-1777) den eigenen Pulsschlag sterbend kommentierte. il bat il bat il bat – plus
so konstatierte 
einer den eigenen Tod
mich erschreckt schon ein
ausgefranster Wolkenrand
der Atem stockt mir
wenn ein fünffaches letztes
Pianissimo
den Klang auszulöschen droht
nur das Gebet darf
13980: Galina Ustwolskaja (1919-2006), russische Komponistin. -  Hermannus Contractus (1013-1054), lebte fast völlig gelähmt und schwer sprachbehindert als Dichter und Gelehrter im
Kloster Reichenau
.
laut sein wie ein Paukenschlag
auf Fellen wirbeln
am Blechrand der Trompeten
Stille zerfetzen
Galina Ustwolskaja
fleht mit Hermannus
dem gelähmten Mönch: „Jesus
Messias rette uns!“
wie zwischen leise und laut
diesem und jenem
soll ich unterscheiden mit
13987: Von Adam wird gesagt, nachdem er von der verbotenen Frucht gegessen hat: „Da wurden seine Augen aufgetan und seine Zähne stupf.“ 

13990-13995: Königskerzen (Wollkraut) wurden früher in Pech oder Teer getaucht und als Fackeln verwendet. Als Heilmittel empfiehlt sie Hildegard von Bingen gegen ein „traurig Herz“.
13996: Psalm 130.
13998-14000: Marcel Proust: „Nous n’avons pas assez de place dans notre pensée actuelle pour y garder les morts à côté des vivants.“
stumpfen Zähen und
weit geöffneten Augen
hin und her irrend
trage ich Königskerzen
nachts durch den Garten
Fackeln aus Wollkraut Blüten
mit Pech bestrichen
ein Licht das die Traurigkeit 
kurzfristig aufhellt
de profundis clamavi
ad te Domine
in unserem Denken bleibt
so hoffe ich Platz
für Tote und Lebende

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14.09.2009