| Nicht bei Trost
(Haiku, endlos) Z.13001 - 14000 |
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„Es nahm kein Ende. Sie hob die Gewichte. Nirgends ein Anzeichen, ob das Sinn machte.“ Evi Kliemand, Blätterwerk I, Sequenzen Bl I/14. |
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| 13004-13006: In der jüdischen Esoterik
entstand der literarische Topos des Schiur Koma ("Mass des Körpers"). Darin werden
mit geheimnisvollen Namen die Gliedmassen Gottes aufgezählt und deren immense Grösse
angegeben. – Vgl. auch die Kantaten Membra Jesu Nostri von Dietrich Buxtehude (1680). 13009-13012: Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve: " .... wenn ich einen Augenblick wieder zu Atem käme, würde ich singen und der kleine Kapuziner des Optikers, der das einzige ist, was ich geblieben bin, nimmt seinen Hut ab und kündigt die Sonne an.“ 13014-13016: zum umgekehrten Baum vgl.Anmerkung zu Z.6407 |
am Anfang wäre also nichts als schwarzes Schwarz im Dunkeln müsste das Ausmessen beginnen und die Beschreibung von Gottes riesigem Leib eine Vorstellung die in der Helligkeit schrumpft zu einem kleinen Barometermännchen das seinen Hut abnimmt und die Sonne ankündigt ich schäle Rinde Gerberlohe vom Baum der verkehrt vom Himmel herabwächst das Wortleder überspannt hauchdünn alles worauf ich noch nicht zu zeigen vermag um mehr zu sehen müsste ich weniger sein |
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13022-13033: Vgl dazu z.B. die Darstellungen zur Versuchung des heiligen Antonius Ignis Sacer = Mutterkornvergiftung, Aschmodaj=Dämon |
ein Unterfangen bei dem ich auf den Beistand vertraue der Heiligen überall drohen Gestalten ohne Schatten Diablerien aus Nasenklarinetten Flatulenzen und mutterkorngiftig entflammt das ignis sacer Aschmodaj hahnenfüssig zerzaust mir das Haar |
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13036-13038: Luca Nando im Gespräch mit der Künstlerin Gilgi Guggenheim. |
mehr sehen bringt mich vorerst keinen Schritt weiter es bleibt die Frage: weshalb eigentlich ist die Steckdose so weit oben? Fragen gibt es die zeigen Erfahrungen an die noch ausstehen Kinderfragen zum Beispiel die unser Geschwätz unterbrechen: sie treiben das Erinnern den leeren Wänden entlang ein |
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13047-13051: Vgl. Walter Benjamin, Zu nahe, in: ders., Schriften,
Bd. 2, Frankfurt a.M. 1955, S. 15. 13052-13055: Ovid, Metamorphosen, 11,384-748. (Alcyone und Ceyx). |
Sehnen das Bilder nicht mehr zu halten vermag nur Namen bleiben: [13050] bildlose Zuflucht aller möglichen Bilder Windstille jetzt noch betet Alkymone da wendet mich schon die Sonne ins Eisvogelblau schliess ich die Augen stieben mir Schneegraupen aus grauen Wolken entgegen der Mandelraute zerfetzte Blüten Schleier |
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13062: In der Kabbala gilt die Trennung der beiden Paradiesbäume (des Lebensbaumes vom Erkenntinsbaum) als Grund dafür, dass der Satan Israel zur Sünde verführen konnte. Dieser Vorgang wird als „Abhaung der Pflanzungen“ bezeichnet. |
hochgewirbelt aus abgehauener Pflanzung weisser Pollenstaub in der zerriebenen Luft die sich nur langsam wieder beruhigt still wird wie milchiges Glas dahinter Flammen Wellen aus reiner Wolle |
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| 13068-13074: Buch Daniel 7,9. Zum „Attika Kadischa“ („der Heilige Alte“) in der Kabbala vgl. Gershom Scholem, a.a.O., S. 38-47. |
(das Haar des Hochbetagten schlaflos besonnen als Attika Kadischa thront er hoch über den wild brennenden Rädern) eine Stimme wie ein Wetterumsturz schlägt ein treibt meinen Restleib in die leblosen Dinge zurück ins Sandkorn in das noch ungeteilte Dunkel des Anfangs |
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| 13084-13092: Erik Satie, „Sonatine bureaucratique“ (1917). |
wo ich mich dem Erinnern hingebe diese „Sonatine bureaucratique“ möchte ich nochmals ungestört hören diese „vieil air péruvien recueilli en Basse-Bretagne chez un sourd-muet“ (der Bürolist summt das Lied während er wieder von der Beförderung träumt) |
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13095-13106: Anspielungen an das kosmosophische Modell der lurianischen Kabbala (des Jizchak Luria, 1534-1572). Vgl. Anmerkungen.
13100-13102: Buch Genesis, 1,31: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe es war tov me’od (sehr gut)“, was tönt wie tov mot („gut ist der Tod“). |
Summen und Schreiben frei vom Zwang zum Gelingen der Urteilsrückzug: endlich Raum um Gefässe aus Licht und voll Licht ins Leere zu stellen an den Innenwänden sagt die Schrift: „alles sehr gut“ [13101] im Gleichklang aber höre ich :„gut ist der Tod“ die Krüge Gottes zerbrechen und wir kehren zusammen zurück an den düsteren Anfang |
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| 13107-13111: Buch Hiob 37,21. |
ein schwaches Schimmern glüht noch hinter den Wolken wir warten der Wind wird herbeirauschen und der Himmel sich klären |
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| 13112-13119: Die Farbe Zinnober besteht aus einer Mischung aus Drachen- und Elefantenblut. |
Staub Blutstaub zinnoberrot liegt auf dem Schnee vom Südwind nordwärts getrieben Kampfspuren erst vor kurzem noch hingeschleudert als feinstoffliche Warnung an die Übersicht wenn sie sich abkühlt Zeit haben genug Kammern sich vorzustellen: Fenster Türen vernagelt die Söhne des Schlafs (Phobetor Phantasos und Morpheus) eingesperrt alles ist nur was es ist (ungeträumt traumlos) es nähert sich nichts und nichts entfernt sich von mir mein Denken schallmauert Klang Melodien aus festgehaltenen Tönen unverrückbar scheint die Befestigungslage eine Art Schwermut lässt die Gräser erzittern und ich erwache: alles wird wieder gesund |
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13139-13141: Vgl. Sefer Jezira (Buch der Schöpfung). [Näheres s. Anm.]
13142-13144: Buch Hiob 37,6. |
meine Zunge ist frisch beschnitten und Gottes Buchstabenräder mahlen den harstigen Schnee zu feuchtem Lehmstaub zu Frühlingserde ich bin schon schwer betrunken von allem was ich nicht trank auf den Stimmbändern regt sich der letzte Tonfall |
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| 13149: Jean Cocteau, La voix de Marcel Proust: "Il servait sa ruche. Il obéissait à des lois de miel et de nuit." |
aus Honig und Nacht [13150] in meiner Mundhöhle liegt der fremde Geschmack eines chinesischen Tees (grüne Blattspitzen pelzig silberne Nadeln vom heiligen Berg) noch ist mein Leib ein Lichtturm eine Säule aus Luft es fehlt ihm der Schatten der |
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13158-13162: Anlehnung an Vorstellungen eines astralischen Leibes (Zelem) in der Kabbala, der u.a. in Form des Schattens oder eines Gewandes vorgestellt wird.
13166: Buch Genesis 9,2. |
ein Abbild sein wird des funkensprühenden Kleids das geheimnisvoll vor dem Verbrennen mich schützt mein Engel steht noch ohne mich da ich warte ich will nicht dass die Tiere wieder erschrecken |
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13168-13172: Der altägyptische Gott Anubis führt, wie in der christlichen Legende Christophorus, die Seelen von einer Welt in die andere. Er (und ab und zu auch Christophorus) wird hundsköpfig
dargestellt
13173: Vgl. Georg Büchner, Lenz [Schluss]: „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin ...“ 13175: Nachmanides sagt, es sei von der Seelenwanderung (Gilgul) „schriftlich zu reden verboten, in Andeutungen zu reden nutzlos“. |
von weither führt mich Anubis Christophorus zurück auf die Welt durch die Windstille schwimmend ohne Eile auf dem Silberrücken des Fischs Dasein ist mir noch keine notwendige Last unaufgeregt sind die Bilder ohne Botschaft von Eigenem frei noch ist Schreiben verboten und Reden nutzlos der der ich nicht bin spricht schon in mir und er spricht dieselbe Sprache wie ich die Erde im Mund lockert sich und die Wurzeln in mir beschliessen nochmals Zweige zu werden schon wieder wächst mir aus dem Brustbein ein Baumstamm das Hämmern des Spechts verlangsamt sich und wird zum eigenen Herzschlag dieses Klopfen schlägt Funken aus all den Dingen die ich mitnehmen werde nach oben ans Licht noch sind die Füsse zu schwer kein Schritt weit und breit |
![]() Hieronymus Bosch |
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und der Blick verweilt über dem sandigen Weg [13200[ an dessen Rändern halten sich Grasnarben fest magere Rispenbüschel zum Weizenfeld hin am Waldrand rötlich schimmert der Sauerampfer kein decorum weit und breit nirgends ein Zentrum das die Bildfläche trichtert unvorstellbar dass hinter Wänden sich Räume ausschliessen könnten gottlos friedlich scheint die Welt sie krümmt sich lustvoll unter dem nüchternem Blau ohne Rücksicht auf logische Stabilität nichts hält sich zurück auf dem verfleckten Wachstuch blühen Kornblumen und isländischer Mohn das giftige Geissblatt duftet von irgendwoher Hundsrosen leuchten farblich fein abgestimmt im Versandkatalog ich richte mich ein obwohl sich meine Ankunft immer wieder verzögert |
![]() Foto: Arno Schmidt |
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| 13229-13232: Anlehnung an zwei Zeilen aus dem Gedicht Myrtho von Gérard de Nerval |
die grüne Myrte die bleiche Hortensia im Aschenregen ineinander verwurzelt erinnern sie mich dass ich es immer wieder vergesse: es bleibt weder der Stoff noch die Form nur dieser Schwung ist immer derselbe mit dem einer weit ausholt heute morgen werde ich unter den Flechten eines Steines erwachen Zeile um Zeile dieses rauschenden Textes will ich ersetzen durch einfaltige Streifen wässriger Farbe ohne Aufregung wird so alles beruhigt |
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13250: Letzte Zeile im Gedicht El Desdichado: „J’ai deux fois vainqueur traversé l’Achéron: / Modulant tour à tour sur la lyre d’Orphée / Les soupirs de la sainte et les cris de la fée.“ Gérard de Nerval, a.a.O. S. 288.
13259-13262: Vgl. die Beschreibung des Gewandes von Aron im
Buch Genesis 28 (Übersetzung Martin Buber). |
[13250]
„les soupirs de la sainte les cris de la fée“ wenn ich erwache soll mir nichts mehr vertraut sein durch das Rückenmark tropfen Gedanken aufwärts glänzend wie Dattelhonig Klangkugeln schon von Konsonanten umrundet Bänder aus Purpur Hyazinth Karmesin und gezwirntem Byssus flattern mir dann aus dem Mund vorläufig aber habe ich immer mehr Lust auf weniger auf das was sich nicht oder kaum verändert alles muss geringer werden und sich dem Überblick und der Ordnung entziehen so schäme ich mich wenn sich am Waldrand unter rostigem Wellblech das Brennholz stapelt diese zur Schau gestellten Gebeine toter Bäume |
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| 13277-13285: Vgl. Chaïm Soutine: La route de la colline (1924), Nature morte au violon, pain et poisson (1926/27), Poulet et tomates (1924). |
die Landschaft sollte aus dem Lot geraten aus dem Rahmen wirbeln wie auf den Bildern Soutines Geige Fisch und Brot mir vor die Füsse stürzen vom Tisch der einknickt aufgespreizt starr hängt das Fleisch vor der Backsteinwand |
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von weit her rollt Donner und beim Sehen scheint es mir den Schädel zu spalten etwas befreit sich und nähert sich mir friedlich |
![]() Lorenzo Lotto: Hl. Petrus Märtyrer (1503) |
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| 13291-13298: Vgl. die griechischen Sagen um Kadmos, den Gründer der Staat Theben, der als Phönizier (gr.: phoinix, von phoinios=purpurrot) den Griechen die Buchstabenschrift brachte. Herodot, Historien, V, 58. |
unbewacht sprudelt die Quelle im Wald nirgends ein Drache dessen Zähne später ausgesät Unruhe stiften purpurrot wachsen langsam neue Buchstaben über die alten Felle |
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| 13300-13309: Venezia, Shlomo, Sonderkommando. Dans l’enfer des chambres à gaz, Paris 2007. |
aufzuschreiben ist [13300] was Shlomo Venezia berichtet (Jude Sonderkommando Auschwitz) in der Gaskammer überleben? einmal ja ein Kind an der Brust seiner Mutter die tot war hungrig vergass es beim Saugen zu atmen es wurde erschossen nur sechs Jahre später hat meine Mutter mich sorglos in die Welt gesetzt wie viele Mütter glaubte sie jedes Kind sei ein Geschenk Gottes der doch sogar die Schritte der Ameisen kennt deren Arbeit im Dunkeln der andererseits ganze Felder zum Himmel gestreckter Arme zu übersehen vermag zu lieben vielleicht doch geeignete Menschen allem fehlt schliesslich die Vernunft der Mechanik: dem Brand der Sonnen den verstrahlten Gedanken mich verwirren die Anziehungskräfte der Nacht sitzend im Holzkahn verbrenn ich weisses Papier erzeuge ich Dampf in der Brennkammer am Bug während das Heck schon langsam im Wasser versinkt reglos lauscht das Schilf über die Wasserfläche das Vorbeihuschen kleiner Wellen erwartend dem Ufer entlang flussaufwärts berichten sie von meiner Ankunft während in mir Gestänge sich langsam verbiegt in noch fremden Hohlräumen |
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13347: „dröhnen“: etymologisch verwandt mit gr. thrénos (Totenklage). |
ein Dröhnen Nieten aus Stahlplatten gerissen stürzen ins Leere [13350] Rost rieselt Rändern entlang in einem Lichtstrahl schwebt meine Fahne aus Staub Hand an mich legen möchte ich jetzt mich nochmals zwingen zum Aufstieg im engen Schachtelhalmschaft als grünfeuchtes Korn im Blickfeld stehen bleiben eines blinden Tiers wieder einüben: erstens das kurze Zucken mit der Schwanzflosse dem ein langes Gleiten folgt durch den stillen Teich zweitens das Blitz-Tanz-Huschen der verliebten Libellen drittens als Käfer Melodien erfinden Flügelquartette die den Luftraum verschlüsseln |
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13371: Buchtitel eines Werkes von Athansius Kircher: Musurgia universalis, sive ars magna consoni et dissoni (1650). In deutscher Übersetzung 1684 erschienen unter dem Titel:
Neue Hall- und Thon-Kunst ...
13378: Historia calamitatum: Titel der Autobiografie von Peter Abaelard (1079-1142). |
(die Musurgia universalis vertont) schliesslich habe ich auch eine Liste erstellt die alles enthält was mir zustossen könnte ein Handbuch eine Historia sämtlicher Kalamitäten in dorischer Tonlage gesetzt und als Text auf Seidenbänder gestickt: frühmorgens bin ich aufgestanden und abends beinah gestorben alles ist möglich zum Glück unerreichbar sind für den Körper die Bilder die mein Blick abholt die flach ausufernd randlos sind wie dieser Text: nichts sticht hervor und es gibt nichts Wichtigeres ein Geschmack breitet sich aus unbestimmt kräftig und durchdringt schliesslich alles nirgends ein Fluchtpunkt |
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| 13398: Ein flügelschlagendes Auge war das Emblem des Humanisten Leon Battista Alberti (1401-1472). |
nirgends ein Auge das kalt und flügelschlagend den Raum angreift und ausmisst [13401] rastlos die Orte festlegt wo etwas sein soll obwohl die Dinge doch selbst bestimmen wo und wann sie sich zeigen leicht verschleiert vom Anfang der alles verstimmt die tiefhängenden Zweige über dem Bergbach geraten ins Wippen und schnellen hoch wenn sie eine der Wellen erfasst ich übe Warten während der Wind die Büschel die ich denke weit zurückbiegt und die Blätter stossweise berauscht auf meinem Hals sitzt der Kopf eines Pferdes schon frühmorgens umwölkt vom Schwarm ekliger Fliegen im hirnfressenden Brummen gilt all mein Warten dem grossen Gewitter und dem Raum der entsteht wenn plötzlich Stille eintritt den Arabesken aus gleissendem Licht die sich unbeschwert halten im niederschwebenden Staub im blauem Äther ein feinmaschiges Gitter aus kleinsten blanken Gelenken: Hüften Schultern kunstvoll verknotet ein Geflecht eine Windhaut die schnell davonweht ich öffne die Augen: jetzt zum ersten Mal schlägt eine Atemluftwelle an meine Rippen leckt mir übers Brustbein und durchflutet den Stamm wirbelt abwärts als Rinnsal in meine Zweige ich entfalte und spreize das Blatt meiner Hand "ihr Zurückgebliebenen" steht auf dem matten [13450] von Linien durchfurchten Spiegel geschrieben "ihr Toten wann vergesst ihr dass ihr tot seid kommt zurück man wartet auf euch" im Wald über mir reitet unsichtbar einer und singt ein Lied mit wenigen Tönen in den graugrünen Morgen mir kommt in den Sinn vielleicht ist es umgekehrt ich bin tot und rufe die Lebenden zu mir vielleicht gibt es gar keine Seiten zu wechseln was entschwindet verschiebt sich nur aus dem Blickfeld und taucht wieder auf wenn der Sehwinkel weit wird |
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13470-13475: Siehe z.Bsp. die Bilder von Agnes Martin (1912-2004), auf die schon in Z. 1352-1367 Bezug genommen wird. |
und das Auge unbeschwert von praller Farbe lichtdurchtränkten Streifen folgt Bändern Linien die sich aufschichten ohne Türme zu bilden deren Leuchten die Ränder verwischt und auflöst es entsteht eine Landschaft die zu beschreiben mir diese Lichttinte fehlt die ich brauche um Dinge festzuhalten die unbeschrieben sich meiner nicht mehr erinnern die sich abwenden und als Luftspiegelungen jede Art Schwerkraft verweigern und dem Staunen die Form entziehen der Blick verwirrt sich erstarrt bis vielleicht nochmals ein kleiner Wirbel hochschiesst der Blasen wirft und den Äther aufschäumt mit Nichts ein stiller Anfang unheimlich und wortlos Proust |
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| 13496-13500: “Gibt es eine schrecklichere Beleuchtung als die des Schweigens, die uns nicht eine, sondern tausend Abwesende zeigt …” Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.III: Guermantes), Frankfurt a.M. 2004, S. 167 |
fragt: gibt es eine schrecklichere Beleuchtung als die des Schweigens wenn es Abwesendes zeigt noch fehlt der Wind der sich herabstürzt im Schlepptau den Einfall des Lichts der Ornamente verbiegt und sie wieder streckt nahe am Brechen lässt er Stäbe und Ringe zurückschnellen und spannt sie neu in die Form bis mit einem Schrei einem Wort einem ersten Satz diese Testreihe endet |
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| 13513-13516: Marcel Proust beschreibt ausführlich seine Empfindungen gegenüber einer vertrauten Stimme, die jedoch nur am andern Ende der Telefonleitung zu hören ist. „Bien souvent, écoutant de la sorte, sans voir celle qui me parlait de si loin, il m’a semblé que cette voix clamait des profondeurs d’où l’on ne remonte pas...“ |
aus einer Tiefe rufen Stimmen in die sie kaum gehört wieder und für immer versinken irdene Töpfe: nicht das dichte Wurzelwerk lässt sie zerspringen sondern im Winter der Frost nicht der Thesaurus dieses Archivs ist wichtig sondern das Speichern der gewonnenen Wärme (sogar der Zweifel ob dies gelinge erzeugt glaube ich Wärme) ich rudere oft wie auf einer Galeere durch diesen Text nur wenn ich aus dem Takt falle meine ich müde zu sein mit diesem Rundholz in den Händen quält meine Muskulatur mein gekrümmter Rücken sich ab und dies alles um den Verkehrswegen des Lichts durch die Dunkelheit zu folgen atemlos oft unsicher ob nicht Hier und Dort auswechselbar keine Orte sind sondern erregte Stellen einer Bewegung die sich von etwas ablöst jeder Aufenthalt wird unterbrochen endet indem er beginnt erst wenn ich tot bin lässt sich [13551] das Ganze und zwar mit der angemessenen Ruhe betrachten vorläufig lauert mir auf: Kopfwehgetrommel altes im Schädel versteckt das den Blick verzerrt ein vor sich hin schwelender Brandherd legt sich mir auf das Brustbein beschattet meine blauroten Luftzonen mit Dunst mir scheint |
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13563: Peter Abaelard, Planctus David super Saul et
Ionatha, Z. 77ff.: „... nec ad vitam anima / satis sit dimidia.“ |
zum Leben genügt eine halbe Seele nicht es müsste sich auch die andere Hälfte die sich weit ausserhalb von mir herumtreibt wieder einfinden hier und sich wie ein Kontrastmittel ausbreiten im Leib mit dem Blut sich verteilen heiss-kalt wie eine Freude ein grosses Glück das über mich herfällt so weiche ich getrost ab vom geraden Weg |
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| Marquis de Sade, Gedanken zum Roman: „Der Mensch ist zwei Schwächen unterworfen ... Er hat stets und überall das Bedürfnis zu beten, und überall das Bedürfnis zu lieben." |
nicht ohne zu beten nicht ohne zu lieben beides aber ohne dass Schwäche mich drängte wieder und wieder will ich den Text zerlegen (der mein Leben sein könnte) seine Fragmente |
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| 13586-13588: „Rhapsodie“ von griech. „raptein“ (nähen) und „ōdē“ (Gesang). |
nähe ich zu einem Tuch neu aneinander eine Rhapsodie planlos und aus einem Stoff der nichts Besonderes will (es gibt keinen Sinn der sich feststellen liesse) tangibilia: alles Mögliche aber will ich berühren mit diesem Zögern das den Wörtern vorangeht mit dem Nachklang der sie nur kurz überdauert [13600] zwei Helligkeiten legen sich lautlos auf die noch geschlossenen Augen nur langsam wälzt der Milchstrasse Schatten heran die Ausschweifung der Stimmen die unerbittlich alles benennen leise ohne Eile hat matter Glanz sich auf der Hirschzunge Blatt gelegt ein Tropfen hält sich am grünen Rand fest Wedel vom Farn rollen aus |
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| 13614: Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans, Frankfurt a.M. 2008, S. 178f. |
Liebe und Tod sind da mehr lässt sich nicht sagen ein mir unbegreifliches Gelenk dazwischen ein Bote ohne Botschaft der sich schämt trotzdem immer noch Bote zu sein |
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13621-13625: Marcel Proust: „La malade fait la connaissance de l’Étranger qu’elle entend aller et venir dans son cerveau.“
Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 316f.
13627-13629: Vgl. Laozi, Daodejing, Kp. 77. |
ich höre wie ein Fremder in meinem Gehirn auf und ab geht und lange stillsteht als habe er mich vergessen möglich dass gerade jetzt der Bogen sich spannt (Hohes wird niedergedrückt Tiefes gehoben) findet jetzt der Ausgleich statt so dass wahrnehmen nicht mehr wund macht ein Vorgang den ich letztlich doch bedauern müsste weil der Klang dieses Textes kein berauschender sein soll ungeeignet zum Untermalen der Glückspost |
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13639-13642: Kafka (27.01.1904, an Oskar Pollak): „Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten.
... ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“
13643: Paul Valéry, lettre à Jeannie Valéry, juillet 1909: „C’est étrange comme la suite des temaps transforme toute œuvre – donc tout homme – en fragments. Rien d’entier ne survit ....“ |
frisst er sich heulend wie eine Kettensäge unaufhaltsam stur durch das gefrorene Meer nichts Geordnetes Ganzes kann überleben ich fragmentiere alles und füge alles wieder zusammen ein Vorgang der sich fortsetzt während ich merke: [13650] alles passt aber nur fast ich sei gestorben so träumte ich und merkte als ich erwachte dass ich tatsächlich tot war (doch wem gelingt es: morgens tot zu erwachen) an diesem Satz ist nichts auszusetzen jeder einzelne Teil stimmt insgesamt wirkt er sogar irgendwie tröstlich als gelungene Fälschung ist er ein Satz wie jeder andere auch er stammt von einem Ich |
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| 13665: Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve „... dass ein Buch das Erzeugnis eines anderen Ich ist als dessen, das wir in unseren Gewohnheiten, in der Gesellschaft, in unseren Lastern zutage treten lassen.“ |
das sich vielfach zerlegt hat der Leib täuscht nur vor ein Ganzes zu sein vielleicht hoffend so länger im Erinnern zu haften doch was zurückbleibt wird zur Rekonstruktion nicht mehr genügen: |
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| 13674-13677: Körperreliquien Christi, die in der ehemaligen Abtei Saint-Médard in Soissons aufbewahrt wurden. |
Nabelschnur Vorhaut und ein einzelner Milchzahn selbst Auferstandene sind nicht mehr ein Ganzes |
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| 13679-13681: Homer, Odyssee, 1,161. |
dies gilt fürchte ich auch von unseren weissen Gebeinen die vielleicht einst faulen im Regen von den Hautflocken die der Sturmwind aufwirbelt um sie im hohen Norden nachlässig wieder hinzustreuen auf langsam südwärts treibende Eisschollen eine Reise wie eine Krankheit unter der Frostdecke vom Fieber geschüttelt sinnlos meint man gerade jetzt aufzubrechen wo die Rastzeit gekürzt wird und die Richtungen mehrmals täglich sich ändern doch ist die Reise unaufschiebbar zu lange habe ich mich auf |
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13700-13705: Das Bild – nicht der Inhalt – spielt an auf die Geschichte der Moabiterin Rut.
Das Buch Ruth, 2.Kp.
13704: Zum „Begehren“ in literarischer Hinsicht s. Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans. |
dem Stoppelfeld zwischen Schlaf [13701] und Langeweile schadlos gehalten ohne mich zu bücken und ohne Begehren stieg ich vom Tag in die Nacht und schob mich wieder hinaus in einen der stets kürzer werdenden Tage zunehmend berauscht von dem was zu erreichen mir niemals gelingt aus Purpur und hellem Blau eine Landschaft wie eine Folge von immer denselben Tönen ein Klang der sich wiederholt während die Hügel (hintereinander gereiht) warten bis es aus dem Dunst zu regnen beginnt plötzlich hörte ich etwas Neues und seither scheint mir es könne nie mehr etwas zugleich auch ein anderes sein |
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| 13726-13730: Laozi, Daodejing, Kp. 11 |
die Leere des Kruges der einfach nur dasteht die Nabe eines Rades das sich um nichts dreht (jedes hat seinen Nicht-Ort) keine Leere gleicht der andern keine sich selbst |
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| 13734-13736: „Ganz anders interessiert mich die Frage, an der mehr das ‚Heil der Menschheit’ hängt, als an irgendeiner Theologen-Kuriosität: die Frage der Ernährung.“ Freiderich Nietzsche, Warum ich so klug bin. |
unbeantwortet bleibt weiterhin die Frage wie die Ernährung unser Denken beeinflusst ob der Lichtanteil nicht erhöht werden müsste ob nicht die Tiefe des Schlafes abhängt davon wie nahe von uns ein Espenblatt zittert still kniet plötzlich wieder ein Einhorn vor mir und bohrt sich in meinen Traum |
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wie andere Tiere auch erinnert es mich nochmals tief einzuatmen vor Tagesanbruch wenn der Nachtspeicher sich leert [13751] und der Atem kurz wird flatterig und kaum noch reicht um Gras und Kraut ordentlich zu belüften während die Wälder vor sich hinbrüten bis es wieder dunkel wird und die Fledermäuse sich aus den Dachluken in die Dämmerung stürzen wie verworfene Gedankensplitter zucken sie mir entgegen erst wenn ich mich ducke knickt ihre Flugbahn ab |
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| 13766-13770: Muqarnas: ornamentales Stilelement in der islamischen Architektur (ab 11. Jh.); häufig als hochkomplexes Wabendekor in Kuppeln und Nischen. |
in die Nachtkuppel hinauf wo sie in Nischen Ornamente planen die die Räume langsam durchwachsen als Muqarnas (aus dem Gewächshaus der Geometrie) zielen deren Linien auf mich von überall her obwohl ich jeden festen Standort vermeide nach Sonnenaufgang (und der Ausleuchtung der Welt) wird mein Blick trüb nichts mag er sich aneignen jetzt verblendet tastet er Wirklichkeit ab ohne Anschluss zu finden irrt von Knoten zu Knoten im Schneefeld des Lichts ich komme vom Weg ab der überbelichtet richtungslos nirgends hin führt |
![]() Muqarnas |
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13789-13791: Dante Alighieri, Divina Commedia (Hölle, 1. Gesang) |
(andere kommen im Finsteren vom Weg ab mich täuscht das Helle) ich warte auf die Klänge die langgestreckt sich wie Silberdisteln über Bergrücken legen die in Mulden sich winden |
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| 13798: Johannes Ocheghem (gest. 1497), berühmter flämischer Komponist. |
wie Melismen in Ockeghems Missa Caput auf den Klangschleier der sich aufschwingt im Herbst wie [13801] ein Schwarm Vögel wie die unruhige Wolke die in der Ferne sich auflöst und schnell wegsinkt unter die stille |
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| 13806: „Hoizontis linea“ findet sich als Bezeichnung auf einem Holzschnitt bei Vitruv, De architectura. |
horizontis linea dahinter wüten Götter und Ungeheuer (aus Kot und aus Blut wie wir) gegen sich selbst und gegen die Menschen ich warte auf den Schleuser der wenn er kommt mich überredet zu bleiben |
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obwohl ich vielleicht längst nicht mehr da bin nur noch ein Bild ist da das mich diesseits und jenseits zeigt eines Spiegels nur im Spiegel erkenne ich auch den der mich malt doch in Wirklichkeit ist da kein Spiegel kein Bild was hier ist: ein Wasserfall |
![]() Bernardino Licinio(?) 1520/30 |
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der Schläfer im Moor ein Tier das springt das Beben tief unten im Meer eine Erinnerung die mir bekannt vorkommt |
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| 13830-13833: Ino Leukothea rettet Odysseus aus den Sturmfluten, indem sie ihm ein Tuch gibt, das er sich um die Brust bindet. So erreicht er schwimmend das Land der Phaiaken. Homer, Odyssee, 5,333ff. |
auf die Netzhaut legt sich nachts bleiweisser Salzschaum ohne Leukos Tuch schwimmend bleibt es unmöglich Land zu erreichen im Sturm und festen Boden unter den Füssen deren Sohlen die Schwere des Leibes wieder spüren entdecken wie man das Gleichgewicht findet und es wieder verliert |
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| 13842-13846: Paracelsus, Über das Wort Sursum corda - Erhebet die Herzen!, Wald 2007, S. 18. |
der Mensch nämlich „is nitt alß wie ain holtz wurmb nitt wie ein Spin die vom lufft wyrdt der mensch ist gemacht aus erden vnnd laymen" mit Mühe hält er sich aufrecht (nicht wie die lautlos wachsenden Wälder) [13850] einer Stille entgegen schreibt sich dehnend die Abschrift die dieser Text ist je nahtloser weit das Tuch sich ausspannt desto enger schmiegen sich aneinander die Zeilen die Wörter rücken immer dichter zusammen |
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| 13859-13869: Die folgenden Zeilen nehmen Satzteile auf aus: Henri Thomas, Das Vorgebirge [Le Promontiore], übertragen aus dem Französischen von Paul Celan, Frankfurt a.M. 2008, S. 42, 87-90. |
(nur in den Häusern ohne Licht hat niemand Lust Worte zu machen) blind für die Einzelheiten auf die die Wörter so gut zutreffen fühl ich was von weither kommt im Einklang mit dem was beim Aufwachen da ist seh ich seither als ob ich ständig erwachte |
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| 13870-13877: Agnes Martin (1912-2004). Z. 1352-1367. |
wie wunderbar ungenau legt Agnes Martin ihre zarten wässrigen Farben den grauen Bleistiftlinien entlang (dass doch auch am Rand meiner Sätze ein wenig Farbe sich zeigte |
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| 13878-13886: Alpsegen („Bättruef“) von der Brunnalp (Kanton Uri): „Allhier auf dieser Alp, da steht ein goldener Ring, darin wohnt die lieb Müetter Gottes mit üserem herzallerliebsten Jesuschind. Ave Maria ...“ Vgl. Z. 2127-2146 und Z. 10346-10356. |
ähnlich dem goldenen Ring der sich als Schimmer um die Alp legt am Abend ein schützender Kreis um die Hütten der Menschen um die Tiere die weiden im taunassen Gras um die lockeren Felsbrocken oben am Berg dass dieser Text doch als Montanlitanei und als Bättruef wirke gegen das aus den Tälern steigende Dunkel und den Nachhall der Spiele um Beute und Bett) wenn ich hier hinschreibe „rot“ wo ist die Farbe die ich mir vorstelle die jedoch nicht da ist? was ich denke bleibt hängen im Nebel der dicht [13900] über der Waldgrenze liegt auf das Hörbare will ich mich konzentrieren: spät erst ankommen und jemand sagt zu mir: iss! (es gibt kaum eine kürzere Aufforderung und keine die mehr Zuversicht auslösen kann) über Nacht fällt Schnee in die goldgelben Lärchen im Grau des Morgens dampfen die schwarzen Buckel die weissen Rücken erheben sich langsam und streben dem Stall zu eine Katze tappt dem Zaun des Gartens entlang der in der Stille versinkt mir ist als ob ich ohne Beine dastünde |
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schwerelos schwebend als ob ich unter Wasser mit Hacke und Korb etwas einsammeln müsste: kleinste Splitter aus venezianischem Glas ein Schimmern im Sand nicht mehr im Bild finde ich nichts mehr bin schneeblind geworden am ganzen Leib |
![]() Tauchgrabung (1854) |
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13931: "Nichts ist der beste Trost: Entzeucht GOtt seinen Schein / So muss das blosse Nichts dein Trost im Untrost seyn." Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann. 13936-13939: [„[ist] keine andere Gnade bei uns, als allein [dies], dass wir den Buchstaben erkennen, so ist dies schon unser Tod.“] Paracelsus, Über das Wort Sursum corda - Erhebet die Herzen, Wald 2007.
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(soll das blosse Nichts mir jetzt Trost im Untrost seyn?) nur noch Wörter sind abzustossen zu lesen nicht ohne Gefahr: ist khain annder gnadt bey vnns allß allain das wir den buchstab sehenntt so ist das schon vnnser dott ich will nochmals auftauchen arglos wie ein Kind und nach der weissen Tasse am Tischrand greifen ich will nochmals Schränke und Schubladen öffnen und mich betäuben lassen von dem Duftgemisch aus Kampfer und Lavendel ich warte dass mir jemand weiche Butter bringt vermischt mit Honig wie die Mutter wenn ich krank fiebrig und hustend unter schweren Decken lag dieses Warten auf ein Nochmals jenseits jeder Möglichkeit fällt mir aufzugeben schwer es bleibt als ein Wärmekeim das Gefühl der Zuversicht mich beunruhigt jede Art von Übergang von etwas zu nichts das Leiserwerden und der Tonfall aus dem Takt |
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| 13966-13968: So die Anekdote, die berichtet, wie der Naturforscher und Gelehrte Albrecht von Haller (1708-1777) den eigenen Pulsschlag sterbend kommentierte. |
il bat il bat il bat – plus so konstatierte einer den eigenen Tod mich erschreckt schon ein ausgefranster Wolkenrand der Atem stockt mir wenn ein fünffaches letztes Pianissimo den Klang auszulöschen droht nur das Gebet darf |
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13980: Galina Ustwolskaja (1919-2006), russische
Komponistin. - Hermannus Contractus (1013-1054), lebte fast völlig
gelähmt und schwer sprachbehindert als Dichter und Gelehrter im Kloster Reichenau. |
laut sein wie ein Paukenschlag auf Fellen wirbeln am Blechrand der Trompeten Stille zerfetzen Galina Ustwolskaja fleht mit Hermannus dem gelähmten Mönch: „Jesus Messias rette uns!“ wie zwischen leise und laut diesem und jenem soll ich unterscheiden mit |
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13987: Von Adam wird gesagt, nachdem er von der verbotenen Frucht gegessen hat: „Da wurden seine Augen aufgetan und seine Zähne stupf.“ 13990-13995: Königskerzen (Wollkraut) wurden früher in Pech oder Teer getaucht und als Fackeln verwendet. Als Heilmittel empfiehlt sie Hildegard von Bingen gegen ein „traurig Herz“. 13996: Psalm 130. 13998-14000: Marcel Proust: „Nous n’avons pas assez de place dans notre pensée actuelle pour y garder les morts à côté des vivants.“ |
stumpfen Zähen und weit geöffneten Augen hin und her irrend trage ich Königskerzen nachts durch den Garten Fackeln aus Wollkraut Blüten mit Pech bestrichen ein Licht das die Traurigkeit kurzfristig aufhellt de profundis clamavi ad te Domine in unserem Denken bleibt so hoffe ich Platz für Tote und Lebende |
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14.09.2009 |