Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.14001 - 15000

Index / Anmerkungen / Kommentar

dieses Fortschreiben
ohne vorwärts zu kommen
ist ein Vergnügen
Dinge tauchen auf die mich
nichts angehen die
von Bedeutung noch frei sind
die sich unbeschwert
leise wieder entfernen
etwas länger bleibt
der verkrüppelte Kirschbaum
die Jahreszeiten
das Wetter der Welt will er
vom Asphaltrand aus
nochmals organisieren
14016-14024: Ilse Weber, Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt, München 2008, S. 326f.

 

 

 


14025-14030: a.a.O., S. 230 (Theresienstädter Kinderreim).

unverrückbar steht
das Bild vor mir dieser Frau
die mit den Kindern
wartet in der Kolonne
„also werden wir
nicht duschen“ und sie umarmt
eines der Kinder
dies geschah nur kurz bevor
ich auf die Welt kam
einer Mutter in Auschwitz
„rira rirarutsch“
(so beginnt Ilse Weber
den Kinderreim aus
Theresienstadt) „wir fahren
in der Leichenkutsch"
über Nacht hat der Himmel
weisse Haufen sanft
auf die Welt geschissen quält
mit sturem Tropfen
die schwer atmende Stille
lacht wenn das Holz ächzt
bevor es aufschreit und bricht
unerwartet hetzt
der Winter heran und peitscht
mit seiner Kälte
in den Gräbern die Knochen
mein Leib wärmt sich selbst
nur noch mit Mühe es fehlt
jeglicher Aufruhr
in den Stängeln den Blättern
verebbt und erstarrt
jeder Drang zur Entfaltung
schon die Vorstellung
einer Umarmung scheint jetzt
unmöglich und treibt
[14050] Liebende auseinander
nochmals beginnen
mit den Tieren den Schafen
zum Beispiel die sind
genügsam und gleichgültig
gegenüber den
Hunden die sie laut kläffend
umkreisen deren
Pfoten und Lefzen zucken
beim Schnüren im Schlaf
als Unkraut Wurzeln schlagen
nur das Aufrichten
im Sinn nicht das Fortkommen
als Pflanze nochmals
mit den Blättern ausgreifen
um den Blüten Licht
zuzufächeln und Farbe
(dem Tier im Versteck
scheint diese zu fehlen nur
die Schmetterlinge
illustrieren sich bunt und
einige Vögel)
ein Stein sein der sich nicht rührt
der Jahrtausende
ohne geringste Absicht
daliegt der täglich
das Wetter beobachtet
und während der Nacht
sein Schwersein prüft und geniesst
etwas sein das mehr
über mich weiss als ich selbst
eines der Dinge
die beständiger da sind
selbstloser als ich
14084-14094: Vgl. Robert Walser: Asche, Nadel, Bleistift und Zündhölzchen. wie die Asche die keinen
Widerstand leistet
auseinanderzufliegen
wenn man sie anbläst 
was jedoch das Schönste ist: 
die Asche selbst ist 
durchdrungen von dem Glauben 
dass sie zu nichts taugt
und Robert Walser fährt fort:
kann man haltloser
schwächer armseliger sein
ganz ohne Gewicht
gelingt es mir besser im
fremden Gelände
Herbstklänge einzusammeln
und diese sachte
[14100] in Bewegung zu setzen
14095-14112:  "Biwa" heisst die japanische Kurzhalslaute. Aus der Bambuswurzel wird die japanische Flöte ("Shakuhachi") hergestell. ahnungslos dass sich
jemand daran festhält zur
Reise entschlossen
über den Biwa-See sich
losreißt mit dem Schrei
aus einer Bambuswurzel
wie ein Peitschenhieb
trifft mich die Lautensaite
die reisst der Ton der
hochschwirrt und in der Ferne
auseinanderstiebt
wie in der Windbö der Staub
14113-14116: Vgl. G.W.F. Hegel: Naturphilosophie, Bd. 1, Vorlesungen von 1819/20, Napoli 1982, S. 62 (§233). (vielleicht ist der Klang
die Zeit des Körpers die Form
die aus der Schwere
herauszutreten versucht)
14117-14124: Vgl. Mark Wallinger: „Theshold to the Kingdom“ (2000), Video, untermalt mit dem "Miserere"von Gregorio Allegri (Psalm 51; hier Bezug auf Vers 9.

14124-14128: Laut U. J. stehen in Australien die weissen Stämme der Eukalyptusbäume in einem deutlich sichtbaren bläulichen Dunst. („Blauer Eukalyptus“).

14130: Yün-men (Ummon), chinesischer Zenmeister (864-949). "Tag für Tag ist guter Tag."  Vgl. auch Z. 00330.

14131-14133: Pawel Florenski an seine Tochter Olga [„Oljen“]: „Ich sende dir ein wenig Rentiermoos, des Namens wegen“. [Oljen, angelehnt an den Kosenamen Olja, heisst russisch Rentier.]

von überall her
schwebend und weisser als Schnee 
kommen sie an nach
Ysop duftend und Zedern
sie überschreiten
die Schwelle und gleiten mir
wortlos entgegen
in diesem Garten leuchten
die Baumstämme hell
schweben aufrecht gehalten
in ihrem bläulich
schimmernden Blätter-Atem
nicht jeder Tag wird
schließlich ein guter Tag sein
deshalb sende ich
dir ein wenig Rentiermoos
des Namens wegen
ich fand es Olja als ich
behutsam über
die weichen Teppichpolster
hinausschritt in die
Landschaft aus lauterstem Nichts
fast vergessend schon

Mark Wallinger: "Thershold of the Kingdom"
14140: Zeile aus dem Salve Regina. das lacrimarum valle
das war vor kurzem
als es mir erstmals gelang
das Licht auf dem See
einzuatmen und so den
Anbruch des Tages
etwas hinauszuzögern
gerade heute
14148-14155: Vgl. das Landschaftsaquarell „Traumgesicht“ von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1525 und den von ihm angefügten Text. (S. ausführliche Anmerkungen) könnte „fill grosser wassern
vom himmell fillen“
[14150] und ich so erschrecken dass
beim Erwachen „mir
all mein leichnam zittrete“
ob ich je wieder
zu denen fände die ich
liebe und zu mir?
erinnern Ungeklärtes:
als ich nichts ahnend
mich verabschiedet abends
von meinem Vater
sagte ich zu ihm: „du hast
kalte Hände“ – „nein“
sagte er „mich dünkt es sind
deine Hände die
kalt sind“ am nächsten Morgen
starb er in der Früh
beide also spürten wir
die Kälte die sich
heranschlich aber zu wem
sie gehörte und
woher sie so plötzlich kam
erkannten wir nicht
heute frage ich mich was
hätten wir uns noch
sagen sollen worüber
hätten wir nochmals
ausführlich geschwiegen wenn
der Tod den Maulkorb
abgenommen und uns laut
angebellt hätte

A. Dürer: Traumgesicht
14180: Im japanischen Theater wurden unter dem Bühnenboden bis zu 13 Schallgefässe angebracht. Solche „Theater-Vasen“ existierten auch im antiken griechischen Theater, wie Vitruv (Baukunst, 5. Buch, 5. Kp.) berichtet. so dass die Schallgefässe
unter der Bühne
an deren Rand wir standen
zersprungen wären
auseinandergebrochen
auf einen Schlag: das 
tote Leben lebendig
wie vorher noch nie
ein Anfang der uns vielleicht
überrascht aber
nicht in Verlegenheit bringt
so wenig wie die
Vorstellung dass wir uns als
Perlmutterschimmer
wieder finden könnten in
den Rückenfedern
eines jungen Fasans in
den Staubgefässen
einer Blüte die das Licht
zwingt sich zu zeigen
14200-14203: „Der Mensch stirbt an der Gewohnheit des Lebens.“ G.W.F. Hegel, Naturphilosophie, Bd. 1, Vorlesungen von 1819/20, Napoli 1982, S. 145 (§296, 297, 298). [14200] doch habe ich mich noch nicht
ans Leben gewöhnt
unzeitig käme der Tod
mir wieder zuvor
noch hat mein Blut das Luftbild
von mir nicht verdaut
noch kämpfe ich ungeschickt
14207: Mittelalterliche Darstellungen zeigen den Schreiber mit Gänsekiel und dem Messer, das zum Schneiden desselben nötig war. mit Messer und Kiel
gegen die Mutlosigkeit
gegen die Ahnung
da zu sein könnte sich als
Irrtum erweisen
doch bin ich schon jetzt stolz hier
gewesen zu sein
dieses Gefühl lasse ich
anwachsen in mir
bis es mich einhüllt wie der
Bernstein den Käfer
der ohne Ziel durch das Gras
über Erdklumpen
und steinige Wege kroch
dessen Glück vielleicht
darin bestand nicht auf den
Rücken zu fallen
und im wortlosen Wandern
hintereinander
wenn er seinesgleichen traf
dessen Flugträume
feine Adern und Risse
fleckige Inseln
hineintrieben ins langsam
erstarrende Harz
in die entzündlich stille
Goldfarbe des Harns
der sich blank scheuert am Staub
14235-14242: Aus dem Gedichtszyklus alfabet von Inger Christensen: „... og der hverken er sejr / eller nederlag til, kun ingentings trøst; / navnenes trøst, at ingenting kaldes ved / navn, at navnløshed kaldes ved navn / at navnene findes ...“ „und weder siege
noch niederlagen sind da
nur von nichts der trost
der trost der namen dass nichts
beim namen genannt
wird dass namenlosigkeit
beim namen genannt
wird dass es die namen gibt“
Namen an die wir
uns erinnern und Dinge
die sie begleiten

12246-12252: Aus der amtlichen Bekanntmachung des Todes von Fanz Schubert (1828).
14253-13257: Ferdinand Schubert, über die letzten Tage seines Bruders Franz.
14258f.: Aus: Franz Schubert: Winterreise (Die Krähe).

 

als Franz Schubert Tonkünstler
und Compositeur
im zweiunddreissigsten Jahr
seines Alters starb
[14250] hinterließ er: 1 Hut
5 Paar Schuh 2 Paar 
Stiefel: da hätt er weit noch
gehen können doch
warf er Messer und Gabel
auf den Teller es
ekele ihn gewaltig
vor diesem Fische
(„eine Krähe war mit mir
wunderliches Tier“)
durch die Eisschollen brechen
zarte Linien
Gitter die sich strecken und
unendlich viele
Räume lose verbinden
14265-14267: In memoriam Inger Christensen (1935-2009). Aus dem Gedichtzyklus alfabet: „... istiderne findes, / ishavets is og isfuglens is; ...“ „eiszeiten gibt es
das eis des eismeers und das
eis des eisvogels“
den Atem gibt es den Hauch
der kälter wird der
sich niederschlägt in der eng
gefächerten Luft
auf dem blindbleichen Spiegel
14269-14272: Solche Färbeschablonen aus Papier heissen in Japan „Katagami“ und werden (seit dem 8.Jh.) zum Bedrucken von Stoff, Leder und Papier verwendet. (wie eine sorgsam
geschnittene Schablone
mit der man teure
Seide in Japan bedruckt)
im Nordwind reissen
die Baumrinden und der Frost
greift ins Holz und packt
die erschrockenen Adern
die klirren kurz wie
das Armierungseisen wenn
der Beton erstarrt
im Boden aus Glas krallen
die Wurzeln sich fest
der Bach wirft sein Wasser in
Blasen und Schleifen
von unten lautlos ans Eis
wie weiße Kiemen
legen sich Eisblätter dicht
übereinander
glitzernde Lamellen aus
Nachtfrost und Schneestaub
Schichten von gefrorenen
Seidenpapieren
auftauchen ist keinem der
Wörter mehr möglich
erst im Frühling binden sich
Laute und Wörter
[14300] wieder neu aneinander
möchten in Sätzen
sich wieder erkennen und
etwas bedeuten
von neuem sagen wir uns
dass wir hungern nach
14306: Fisch, Kraut und Hülsenfrüchte galten als Hauptnahrung in den Klöstern. Susanne Fritsch, Das Refektorium im Jahreskreis. Norm und Praxis des Essens in Klöstern des 14. Jahrhunderts, Wien, München 2008, S. 43-89. piscis olus legumen
und dass wir einen
Faden denken zu spinnen
uns zu verpuppen
später um uns den Dingen 
neu zuzuwenden
wenn wir mit starken Flügeln
aufwachen und uns
allem entgegenstürzen
was uns bis jetzt nicht
zu erkennen vermochte
die Wolken treiben
bald wieder Wind vor sich her
der scheinbar sorglos
sich ein- und ausrollt der sich
unbemerkt leise
aufwühlt bevor er losbricht 
hoch im Nordwesten
und schnell die Küste erreicht
wo er das Wasser
landeinwärts zurückstemmt wenn 
es abfliessen will
als Windstau schiebt er den Fluss
zurück in den See
zwingt den Bach zu versickern
in seiner Quelle
  in der Ruhe die eintritt
torkeln Schneeflocken
zwischen den roten Blüten
der Kamelie
kein Erinnern stört mehr das
Löschblatt der Stille
ich denke wie der Lichtschein
der Taschenlampe
mit der ein Obdachloser
die Abfalleimer
im Bahnhof durchwühlt sein Blick
huscht über Dinge
die schon fast nicht mehr da sind
und die man bevor
sie für immer verschwinden
aufbrechen sollte
 
Ritsu O (1662-1747)
14348-14352: Vgl. dazu auch: Plinius Secundus d. Ä., Naturalis historia [Naturkunde], Buch 10, 7 u. 30: Hier wird Ähnliches vom Adler erzählt, der Schildkröten zerbricht, indem er sie aus der Höhe herabfallen lässt. Auf diese Weise sei übrigens der Dichter Aischylos ums Leben gekommen. Auf ähnliche Weise öffnen Krähen Nüsse. so wie der Austernfischer
bei Ebbe Muscheln
aus dem Schlick holt auffliegt und
[14351] sie auf den Felsen
zersplittern lässt so denken
dass etwas sich zeigt
so denken dass im Versteck
die Langeweile
sich ausstrecken kann und das
Wieder-Holen von 
nichts Besonderem sich fügt
in die Gewöhnung
bis das Gleichgewicht plötzlich
auseinander bricht:
das Dach wird abgetragen
der Keller füllt sich
mit Erde und die Wände
legen sich nieder
wie Halme unter den Schnee
jetzt denken eine
Haaresbreite über der
in Jahrtausenden
abgelagerten Nachtschicht
noch einmal dieses 
Erste denken das weder
Werkzeug noch Waffe
und unnütz war zum Gebrauch
offen für jede
Bedeutung wollte es für
etwas anderes
Zeichen sein und Helligkeit
sammeln ahnend dass
alles was leuchtet auch sieht
ein Pollenbericht
war das Denken am Anfang
Blütenstaub der die
Innennebel durchwehte
als lichtsatter Wind
die ersten Worte aber
galten den Toten
die sich langsam entfernten

 
14389: Sacra convesazione (heilige Unterhaltung): in der Kunstgeschichte verwendeter Begriff für die Darstellung der Madonna mit dem Jesuskind und einigen Heiligen. als eine sacra
conversazione setzt
das Gespräch ein
es endet weil es verstummt
wie beispielsweise
als diese Karte eintraf
(Feldpost vom vierten
Mai neunzehnhundertachtzehn)
ich lese: „meine
liebe Mutter umseitig
eine Ansicht des
Schlachtfeldes von Flandern“ mir
[14401] fehlen die Worte
beim Anblick dieser Landschaft
die keine mehr ist
wie erst der Mutter ihr wird
der Atem stocken
da sie nicht weiss ob ihr Sohn
inzwischen nicht längst
aufgedunsen in einem
der Schlammlöcher liegt
oder ob er nach Hause
käme vielleicht bald
vielleicht schon morgen und mit 
dem eisernen Kreuz
dekoriert zweiter Klasse
sie hofft noch immer
die Welt sei ein Wohlklang trotz
Dissonanzen und
letztlich mit sich im Einklang
ich stelle mich taub
meine Hellhörigkeit ist
eine Synapse
ein Leerraum zwischen dem was
sein könnte und dem
was nicht ist ich erwarte
stille Bilder und
eins ums andere müsste
sich abheben vom
lauten Wirklichkeitsrauschen
was ich liebe ist
das sanfte Absinken der
mit heissem Wasser
vollgesogenen Kräuter
im Glaskrug und wie
das Wasser sich färbt zu Tee
ich beobachte
die Stille in meinem Mund
nach dem Abbeissen
und dem Kauen des letzten 
Stücks eines Apfels 
den ich im nassen Gras fand
nachts widme ich mich
der Herstellung seltenen
feinstofflichen Schmucks
aus gehärtetem Safran
aus aufgerollten
Fasern von Ingwer und Dill
eingelegt darin
Perlen aus kaltgepresstem
Koriander und
[14450] dem Pulver versteinerter
Knospen der Nelke
Gewürzschmuck nie getragen
vererbt jedoch
gemäss der verzeichneten
Astgabelfolge
unbekannter fruchtloser
Niederstammbäume
tagsüber bin ich damit
beschäftigt meine
Erregung zu verwandeln
in Wahrnehmungen
die ich zu deuten vermag
ich beobachte
die unsichtbaren Bahnen
auf denen das Licht
Schallwellen Druck und Geruch
mich erreichen wie
der Reiz eines inneren
nervösen Organs
mich findet wer entscheidet
in mir was ankommt
was unberücksichtigt bleibt?
wie ist es möglich
dass belanglose Laute
mich berühren weil
ich sie höre als Worte?


 Karte aus der Sammlung Peter Gysi.

14477-14481: „... dass ich, wenn sie‚ Salon Arpajon’ sagte, einen gelben Schmetterling sah, bei ‚Salon Swann’ aber (Madame Swann empfing im Winter von sechs bis sieben Uhr) einen schwarzen Schmetterling mit schneegepolsterten Flügeln.“ („un papillon noir aux ailes feutrées de neige“) Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.IV: Sodom und Gomorrha), hg. von Luzius Keller, Frankfurt a.M. 2004, S. 223. „schneegepolstert der
schwarze Schmetterlingsflügel“
dieses Bild das bei
Proust auftaucht wenn er sich den
„Salon Swann“ vorstellt
erzeugt bei mir ein Gefühl
ganz anderer Art
eine Empfindung vielleicht
des verspäteten
Abreisens das für lange
nicht mehr gelingt doch
mildert die Weichheit des Schnees
und die Schönheit der
nicht vorhandenen Farben
die Not der Stille
die das Bild auslöst in mir
14496-14502: „Car aux troubles de la mémoire sont liées les intermittences du cœur.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 756. was jedoch wenn sich
der Erinnerungsanteil
den Bildern entzieht?
„mit den Störungen nämlich
des Gedächtnisses 
ist eine Arhythmie des
Herzens verbunden.“
[14500] „Intermittenzen“ der Zeit
die Proust beharrlich
wiederzufinden versucht
da ist nichts was nicht
ständiger Unterbrechung
ausgesetzt wäre
überall Zwischenfälle
die wir versuchen
aneinanderzureihen
das Unterfangen
ist zum Scheitern verurteilt
doch den Dingen scheint
es zu gefallen wenn wir
reden von ihnen
den Ereignissen ist es
nicht gleichgültig ob
wir über sie nachdenken
oder nicht deshalb
lohnt sich auch die geringste
Zuwendung immer
selbst wenn es stimmen sollte
was gesagt wird dass
die Welt und die Sonne nur
ein Zucken seien
im schwarzen schweigenden All
Wörter und Sätze
ergreifen die Wirklichkeit 
und zeigen sie neu:
14528-14535: Gedicht von Welimir Chlebnikow. Luigi Nono vertonte diese Zeilen in: Quando stanno morendo, Diario Polacco No. 2 (1982). [„Wenn sie am Sterben sind ...“] quando stanno morendo
schnauben die Pferde
quando stanno morendo
welken die Gräser
quando stanno morendo
erlöschen Sonnen
quando stanno morendo
singen die Menschen
weshalb gelingt es mir nicht
mir vorzustellen
dass jemand nicht mehr da sei

Karte aus der Sammlung Peter Gysi.
14539: „Car comme les morts n’existent plus qu’en nous ...“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 759. es existieren
die Toten nur noch in uns
ausserhalb von uns
sind sie randlose Lücken
wo sie sind muss man
an ihnen vorbeischauen
um die Wirklichkeit
die an der Erinnerung
immer noch festhält
in den Blick zu bekommen
auch an diesem Text
[14550] ist ja vorbeizuhören
ins Leere damit
hörbar wird manchmal vielleicht
wovon er nicht spricht
14554-14565: Emmanuel Lévinas, Maurice Blanchot – der Blick des Dichters, in: ders., Eigennamen. Meditationen über Sprache und Literatur. München/Wien 1988, S. 32. unablässiges Rauschen
des Seins sei der Tod
das der Text zu Gehör bringt
(der Tod als das nicht
enden könnende Enden)
die Sprache soll sich
den Übergängen nähern
zum Unsagbaren
wie ein Gemurmel hört sie
von Weitem sich an
in meinem Innern ist sie
ein Wiederkäuen
von unverbrauchter Stille
von Geräuschen und
Klängen im Ungleichgewicht
je weniger ich
unterscheide beim Hören
desto deutlicher
zeigt sich eine Art Ordnung
eine Schüchternheit
bemächtigt sich meiner und
14575-14577: Zhuangzi: „Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein, und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.“ 

145578f.: „Wunderbar! Die Grundeigenschaft des Heiligen: für nichts gut sein!“ Roland Barthes, Das Neutrum, 2005, S. 294.

14580-14582: Portug. Sprichwort: „Deus escreve direito por linhas tortas.“

mich dünkt es könnte
ein Vorteil sein als für nichts
tauglich zu gelten
(nur weil es für nichts gut ist
sei etwas heilig
heisst es weshalb sollte Gott
also gerade
schreiben auf krummen Zeilen)
ich schreibe damit
möglichst wenig herumliegt
so geht Gehörtes
vielleicht nicht mehr verloren
14588-14593: „... lass die ¦ dinge liegen; leg ¦ die worte dazu, aber lass die ¦ dinge liegen; ...“ Inger Christensen, Alfabet / Alphabet, Münster 2001, S. 74f. andererseits rät
Inge Christensen: lass sie 
liegen die Dinge
leg die Wörter dazu („lad
tingene ligge
laeg ordene til men lad
tingene ligge...“)
ich jedoch lege zu den
Wörtern die Dinge
zu den Wörtern die noch laut-
und bedeutungslos
nur Leerstellen sind bereit
jedoch dass endlich
[14600] sich etwas zu ihnen legt:
ein Mottenflügel
einige Kieselalgen
eine Handfläche
woher kommen die Wörter
die sich erst später
festsetzen in mir als Klang
als kürzestes Lied
das im graukalten Morgen
anhebt und anschwillt
wie das Singen der Vögel
im Frühling (obwohl
doch noch Schnee liegt und viele
von ihnen diesen
Winter nicht überlebten)
was mag geschehen
wenn in meinem Gehirn sich
Wörter mit Dingen
zu verbinden beginnen

vorerst ein Vorgang
vergleichbar vielleicht mit der
Zerstäubung eines
Eisenstabes durch starken
elektrischen Strom
14624-14639: Shitao berichtet (1685) von seiner Suche nach Pflaumenblüten. In: Shitao, Aufgezeichnete Worte des Mönchs Bittermelone zur Malerei, Mainz 2009, S. 108. ähnliches wird später von
Shitao verlangt:
„der Pflaumenbaum im Garten
während des Abends
ist er zu voller Blüte
beinahe gelangt
würde der Mönch doch bitte
kommen um diese
Sache zu erledigen?“
so bittet einer
Shitao nachdem dieser
die Gegend lange
durchstreift hat auf der Suche
nach Pflaumenblüten
erst um Mitternacht schreibt er
neun Gedichte die
vielleicht die aufgespreizten 
Blüten beschreiben
das ungeordnete Holz
unter dem Vordach
14644-14646: Shitao: „Ich angle nicht nach Weißfischen, ich angle nach zartem Grün.“ a.a.O. S. 37.
heute Nacht angelt er nicht
nach Weißfischen nein
er angelt nach zartem Grün
inzwischen wird hier
der Text weitergeschrieben 
unerbittlich mit
[14650] der Eisenstange in den
unruhigen Sand
zugleich frage ich mich: wer
sollte hier jemals
etwas geschrieben haben?
(ich brauche diese
Ungewissheit ohne sie
bin ich nicht fähig 
zu sehen was sich mir zeigt)
jetzt ist Frühling und
die Geduld fehlt mir wieder
das Schmelzen des Schnees
an den schattigen Hängen
zu beobachten
diese kleiner werdenden
weissen Stellen nicht
aus den Augen zu lassen
wenn sie sich langsam
zurückziehen verschwinden
unter dem Waldrand
an der Flanke des Hügels
14672-14676: Abū Nuwās (757-815) erhält die Erlaubnis Gedichte zu schreiben erst nachdem er „tausend Stücke alter Poesie“ auswendig gelernt und wieder vergessen hat. Daniel Heller-Roazen, Echolalien. Über das Vergessen von Sprache, Frankfurt 2008, S. 205-207 (Eine Geschichte von Abū Nuwās). und plötzlich weiss ich
ich müsste eigentlich jetzt
mit der Rückschreibung
dieses Textes beginnen
Zeile um Zeile
auslöschen vergessen Blatt
für Blatt sollte sich
hinlegen makellos weiss
damit die Schichten
abgehobener Wörter
ein letztes Mal wild
durcheinandergewirbelt
darüber hinweg
fegen könnten bevor sie
schliesslich verschwinden
über dem Grasnarbenfeld
14687-14689: In Bezug auf die Zerstörung des Turms zu Babel sagt Rabbi Johanan: "Die Luft des Turms macht vergesslich." In: Der babylonische Talmud: Sanhedrin 109a. nichts als ein Windstoss
der durch die Überreste
weht eines Turms mehr
war es nicht das Gerede
verwirrt gelingt mir
seither das Vergessen das
Unvergessliches
aufbewahrt ohne Verlust
14696-14698: „Hinter Wolkenblättern bleibt der helle Mond dunkel / die versinkende Sonne klart den Himmel am Regenrand auf.“ Verspaar aus dem Gedicht Huizhou za shi (Vermischte Gedicht aus Huizhou) von Cheng Bo (1071-11219). ich vermute die
untergehende Sonne
klart am Regenrand
den Himmel schliesslich noch auf
doch vorerst gilt es
[14700] weitere Einzelheiten
hier aufzuzeichnen
eine Anleitung will ich
verfassen damit
die Ordnung die nicht herrscht als
Hilfe erkannt wird
mit einiger Übung mag
das Lesen dieses
Texts als eine Liste von
Allem gelingen
14710-17714: Sigmund Freud, Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie [1891], Frankfurt a.M. 1992; zur hier erwähnten Stelle s. S. 105.
„list complete“ war der Sprachrest
der dem Schreiber blieb
er hatte den Katalog
fertig geschrieben
nach anstrengender Arbeit
deshalb ohne an
einen Abschluss zu denken
will ich festhalten
was mir erwähnenswert scheint
gleichzeitig muss ich
die Fähigkeit zu scheitern
verfeinern obwohl
14721-14728: Vgl. Al-Jahiz (ca. 781-868) in Kitab al-Hayawan (Buch der Lebewesen). ich Schwieriges anstrebe
gelingt mir doch nur
das weniger Schwierige
wie ich die Tiere
manchmal beneide die das
was sie können nie
auch weniger gut können
14730: Felsen gelten in der chinesischen Tradition als statische Formen (xing) und werden als „Knochen der Erde“ (digu) bezeichnet. oder die Berge
die als Knochen der Erde
in vollkommener
Schönheit langsam verwittern
Entsetzen packt mich:
während ich Wörter ordne
auf diesem Papier

14736-14738: Vgl. z.B. Jean Améry, Die Tortur. S. auch Z. 6856-6854.)

14739: Mehr zum Begriff "Luftmensch" bei Nicolas Berg, Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher, Göttingen 2008.

14744-14746: Buch Ezechiel 37,1-10.

14741-14753: Vgl. die Erzählung Sentenz; in: Warlam Schalamow, Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma 2, Berlin 2008, S. 285-294.

 

 

zerreissen eines Menschen
Schultergelenke
weil er nichts sagt ausgerenkt
bleibt er ein Luftmensch
hinter dem Asche herweht
nach vielen Wintern
erwacht er vielleicht und hat
sich ausgeschlafen
langsam bildet sich wieder
Fleisch auf den Knochen
und neue Haut überzieht
und schliesst die Wunden
mit den Tieren empfindet
er Mitleid aber
noch nicht mit den Menschen nur
[14751] langsam merkt er dass
etwas Wichtiges zu ihm 
zurückgekehrt ist
das vergessliche Gras wächst
immer wieder im
ausgetrockneten Bachbett
die Feindseligkeit
der Steine kümmert es nicht
es will nichts wissen
weder von Glut noch von Frost
seine Kraft spart es
für die Zwischenzeiten wenn
etwas dazukommt
von aussen zu dem was es
von sich aus vollbringt
nicht alles muss vorkommen

14768: Ossip Mandelstam: „Der besitzlose Intellektuelle braucht keine Erinnerungen, es soll genügen, von den Büchern zu erzählen, die er gelesen hat ..."

14770: „Schlaflosigkeit“: zu diesem literarischen Topos vgl. z.B. Alexander Puschkins „Verse, geschrieben nachts während der Schlaflosigkeit“...

14776: Vitex agnus castus (Mönchspfeffer, Keuschlamm): Heilpflanze, hilft u.a. gegen Verzagtheit (gr. Akedia) und Schläfrigkeit am Tag.

 

vielleicht genügt es
von gelesenen Büchern
zu erzählen die
Schlaflosigkeit der Wörter
zu untersuchen
(wenn sie mich wachhalten nachts)
nur noch Bläuliches
beschreiben eine Zeit lang
die Blütenstände
des Vitex agnus castus
zum Beispiel und die
Mönchspfefferfrüchte darin
den Unterleib der
Totenfliege und dessen
grünbläulichen Glanz
die Fauna der Schläfrigkeit
wie sie vom Hellblau
hinüber sich schiebt ins Grau
die Übergänge
zur Sprache bringen sprechend
ich mühe mich ab
Wörter zu finden die sich
in der Unschärfe
der Satzflut behaupten dass
da Staub ist und ich
ihn als solchen benenne
beseitigt in mir
jeden Zweifel: Gott gibt es
(Zweifel kommen mir
wenn ich sehe wie die Welt
verkommt zu einer
Agentur der Verblödung)
ich will mich an die
[14800] Bienen halten an ihre
Flugkraft mit der sie
leidenschaftlich Geringes
einsammeln (fast nichts)
goldig schimmernde Tropfen
hinterlassen sie
auf Persephones Schleier
und dunklem Gewand
14809: „Bitte halten Sie mich nicht für einen Schatten. Noch werfe ich Schatten.“ Ossip Mandelstam. an Jurij Tynjanow am 21. Januar 1937 aus der Woronescher Verbannung.

14811-14821: „Das Wort lässt, wie Aspirinpulver, einen Kupfergeschmack in meinem Mund zurück.“ – „Bücher schmelzen wie Eisstücke,die ins Zimmer gebracht wurden.“ – „Ihr Holzstösse, schwarze Bibliotheken der Stadt – wir werden noch lesen, wir werden noch sehen!“ Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke.

ohne sich vor den Schatten
zu fürchten die selbst
keine Schatten mehr werfen
Holzstösse schwarze
Bibliotheken der Stadt
wir werden lesen 
wir werden noch sehen wir
werden dabei sein
wenn der Farn sich ausrollt wie
eine Zunge dem
matten Streulicht entgegen
wenn das Wort im Mund
Kupfergeschmack hinterlässt
und die Bücher wie
Eisstücke schmelzen im Hirn
das dicht gepresste
Stroh in den Ballen zerstiebt
durch die Nacht zischen
kurz geschnittene Halme
brennend verglühend
wie der Schrott von Satelliten
Raketenteile
abweichend von ihrer Bahn
beleuchten ganz kurz
die Fettränder der Wolken
man erkennt die Naht
an der sich dieser Text hält
mit kurzen Stichen
wird er an ein Gewebe
aus Wasser genäht
bis er sich schwer geworden
losreisst zurückstürzt
in das nüchterne Dickicht
14841-14843: „Mit zunehmender Länge entfernt sich das Poem von seinem Ende, und das Ende selber kommt unerwartet und klingt wie ein Anfang.“ Ossip Mandelstam, Gespräch über Dante. 

14845-14860: Dante, Die göttliche Komödie, Die Hölle, 26. Gesang

unerwartet kommt
das Ende des Poems und
klingt wie ein Anfang
auch am Weltrand noch rufen:
O frati dissi
che per cento milia
perigli siete
giunti a l'occidente
fatti non foste
[14850] a viver come bruti
(so treibt Ulysses
die Gefährten an weiter
der Sonne folgend
furchtlos zu segeln ihrem
Untergang zu doch
in Dantes Hölle büsst er
nicht dafür sondern
er beklagt die Hinterlist
des Pferdes die er
vor Troja ausgeheckt hat)
ich schrecke zurück
vor dem Überblick der mir
Passagen vortäuscht
die aus Lücken bestehen
ich will mich lieber
zwischen die Dinge legen
die sich nur langsam
an mich gewöhnen und die
wieder verschwinden
falls ich ihnen vertraue
wir kämen vom Licht
sagst du und ich glaube dir
weil ich die Adern
auf deinem Handrücken durch
die Haut schimmern sah
die Kunst Schweigen zu zeigen
14877: Vgl. Anmerkung zu Z. 13095-13106.  in zerbrochenen
Krügen Funken zu sammeln
irgendwo zwischen
Himmel und Hölle die Kunst
ohne Anstrengung
nichts Besonderes zu sein
nur dieses vielleicht:
etwas Helles einander
ohne am Abend
das zinnoberrote Gras
zu übersehen
das uns so unaufdringlich
daran erinnert:
wir leben weil wir stürzen
beeil dich und nimm
den fast trockenen Pinsel
male den Schatten
den wir auf den Schaum werfen 
der Bugwelle die
unser Schiff vor sich herstösst
nimm ein mattes Grau
damit sich das schwarze Meer
nicht spiegelt darin
[14900] (von Constanta hinüber
14901-14903: Vgl. Ossip Mandelstam, Batumi. In: Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 133. nach Batumi mit
seiner zimmerwarmen frisch
gemolkenen Luft
die seit der Sowjetzeit schal
an den hässlichen
Bauruinen sich staut und
missmutig hochsteigt
in den staubigen Himmel)
Reisenotizen
wie diese halte ich fest
sie helfen mir die

Batumi: Bauruine aus der Sowjetzeit
14912: Der Naturforscher Albert Heim schreibt 1874 einen Bericht über die “Töne der Wasserfälle“. Tonart der Wasserfälle
aufzubewahren
damit ich sie jederzeit
anstimmen kann wenn
auf meinen Trommelfellen
das Wirbeln einsetzt
14919-14229: Vgl. F.W.J. von Schelling, Über das Wesen der menschlichen Freiheit [1809]. „Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist ... “ (S. 495) – „... alle Persönlichkeit ruht auf einem dunklen Grunde, der also allerdings auch Grund der Erkenntnis sein muss. [...] Wenn ...der Erkenntnistrieb die grösste Analogie mit dem Zeugungstrieb hat, so gibt es auch in der Erkenntnis ... eine Un-Zucht und Schamlosigkeit ...“ (S. 509f.)  

14929-14936: [Buchtitel:] Emile Cioran: Vom Nachteil, geboren zu sein. [1973] und Die verfehlte Schöpfung [1969]. Vgl. auch Anmerkung zu Z. 6161-6163.

14937-14941: Franz von Baader: „Zu wünschen freilich wäre es, dass die Verderbtheit im Menschen nur so weit, nämlich bis zu reiner – schuldenfreier – Thierwerdung ginge. Aber es ist nicht so."

mit dem weissen Gischt hebt sich
vielleicht der Schleier
der Schwermut ein wenig der 
ausgebreitet ist
über die ganze Natur
doch ohne dass sich
dieser vom dunklen Grund löst
der auch Grund sein muss
der Erkenntnis – mahnt Schelling
(zur Unzucht verkommt
der Erkenntnistrieb sonst und
zur Schamlosigkeit)
doch dieselbe Dunkelheit
lässt mich am Vorteil
zweifeln geboren zu sein
und nächtelang quält
in ihren Falten sie mich
mit der Vorstellung
einer verfehlten Schöpfung
unsere Bosheit
und auch unsere Dummheit
wären erträglich
geblieben hätten wir uns
aufs Tiersein beschränkt
auf ein Dasein zum Beispiel 
als Singvögel die
nachts allein unterwegs sind
fast ohne Gewicht
zwischen den Kontinenten
sie haben gelernt:
je schwieriger für sie das
Überleben wird 
[14950] desto ausgeklügelter
gilt es zu singen
14952-14956: „... ach, wir alle gehen der Richtung nach, in die wir geworfen worden sind. Steine! Steine! Steine!“ Christine Lavant, Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus, Salzburg-Wien 2002, S. 47.

14957-14959: „Raum Zeit. Unsere Empfindungen sind ja nichts, als unsere Empfindungen.“ Georg Christoph Lichtenberg, Noctes. Ein Notizbuch, (p.6).
während wir nur der Richtung
nach gehen in die
wir geworfen worden sind
irgendwie sind wir 
Steine Steine geblieben
und noch sind sie nichts
unsere Empfindungen
als Empfindungen
ich versuche mich trotzdem
aufrecht zu halten
in Erwartung von etwas
was schon ganz nah ist
ohne Hast widme ich mich
der Ventilation
und beobachte dieses
Heben und Senken
meines schwächlichen Brustkorbs
in dessen Innern
verwandle ich Sauerstoff
in Helligkeiten
unterschiedlicher Dichte
ich versuche ein
farbgebendes Element
zu sein in einem
grossen noch dunklen Gehirn
in welchem unser
Sonnensystem als Kurzschluss
aufblitzt als müdes
Wetterleuchten an das sich
niemand erinnert
doch die Farben die Farben
die sich ablagern
an den Bluträndern die sich
verwandeln in noch
nie gesehene Bilder
(Pigmente eines
Denkens das von sich nichts weiss)
Bekleidung sind sie
getragen unter der Haut
zwischen dem was ich
als Eigenes fühle und
dem was weit draussen
aufbricht und auf mich zukommt
(was spielt sich hier ab?)
nicht was ich denke ist mir
ein Trost sondern dass
ein Gedanke mich findet
14999: „Cela fait souvent de la peine de penser“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 762. doch stimmt auch dies: es
macht oft Kummer wenn man denkt

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23.08.2010