| Nicht bei Trost
(Haiku, endlos) Z.14001 - 15000 |
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dieses Fortschreiben ohne vorwärts zu kommen ist ein Vergnügen Dinge tauchen auf die mich nichts angehen die von Bedeutung noch frei sind die sich unbeschwert leise wieder entfernen etwas länger bleibt der verkrüppelte Kirschbaum die Jahreszeiten das Wetter der Welt will er vom Asphaltrand aus nochmals organisieren |
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14016-14024: Ilse Weber, Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus
Theresienstadt, München 2008, S. 326f.
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unverrückbar steht das Bild vor mir dieser Frau die mit den Kindern wartet in der Kolonne „also werden wir nicht duschen“ und sie umarmt eines der Kinder dies geschah nur kurz bevor ich auf die Welt kam einer Mutter in Auschwitz „rira rirarutsch“ (so beginnt Ilse Weber den Kinderreim aus Theresienstadt) „wir fahren in der Leichenkutsch" über Nacht hat der Himmel weisse Haufen sanft auf die Welt geschissen quält mit sturem Tropfen die schwer atmende Stille lacht wenn das Holz ächzt bevor es aufschreit und bricht unerwartet hetzt der Winter heran und peitscht mit seiner Kälte in den Gräbern die Knochen mein Leib wärmt sich selbst nur noch mit Mühe es fehlt jeglicher Aufruhr in den Stängeln den Blättern verebbt und erstarrt jeder Drang zur Entfaltung schon die Vorstellung einer Umarmung scheint jetzt unmöglich und treibt [14050] Liebende auseinander nochmals beginnen mit den Tieren den Schafen zum Beispiel die sind genügsam und gleichgültig gegenüber den Hunden die sie laut kläffend umkreisen deren Pfoten und Lefzen zucken beim Schnüren im Schlaf als Unkraut Wurzeln schlagen nur das Aufrichten im Sinn nicht das Fortkommen als Pflanze nochmals mit den Blättern ausgreifen um den Blüten Licht zuzufächeln und Farbe (dem Tier im Versteck scheint diese zu fehlen nur die Schmetterlinge illustrieren sich bunt und einige Vögel) ein Stein sein der sich nicht rührt der Jahrtausende ohne geringste Absicht daliegt der täglich das Wetter beobachtet und während der Nacht sein Schwersein prüft und geniesst etwas sein das mehr über mich weiss als ich selbst eines der Dinge die beständiger da sind selbstloser als ich |
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| 14084-14094: Vgl. Robert Walser: Asche, Nadel, Bleistift und Zündhölzchen. |
wie die Asche die keinen Widerstand leistet auseinanderzufliegen wenn man sie anbläst was jedoch das Schönste ist: die Asche selbst ist durchdrungen von dem Glauben dass sie zu nichts taugt und Robert Walser fährt fort: kann man haltloser schwächer armseliger sein ganz ohne Gewicht gelingt es mir besser im fremden Gelände Herbstklänge einzusammeln und diese sachte [14100] in Bewegung zu setzen |
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| 14095-14112: "Biwa" heisst die japanische Kurzhalslaute. Aus der Bambuswurzel wird die japanische Flöte ("Shakuhachi") hergestell. |
ahnungslos dass sich jemand daran festhält zur Reise entschlossen über den Biwa-See sich losreißt mit dem Schrei aus einer Bambuswurzel wie ein Peitschenhieb trifft mich die Lautensaite die reisst der Ton der hochschwirrt und in der Ferne auseinanderstiebt wie in der Windbö der Staub |
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| 14113-14116: Vgl. G.W.F. Hegel: Naturphilosophie, Bd. 1, Vorlesungen von 1819/20, Napoli 1982, S. 62 (§233). |
(vielleicht ist der Klang die Zeit des Körpers die Form die aus der Schwere herauszutreten versucht) |
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14117-14124: Vgl. Mark Wallinger: „Theshold to the Kingdom“ (2000), Video, untermalt mit dem
"Miserere"von Gregorio Allegri (Psalm 51; hier Bezug auf Vers
9.
14124-14128: Laut U. J. stehen in Australien die weissen Stämme der Eukalyptusbäume in einem deutlich sichtbaren bläulichen Dunst.
(„Blauer Eukalyptus“). 14131-14133: Pawel Florenski an seine Tochter Olga [„Oljen“]: „Ich sende dir ein wenig Rentiermoos, des Namens wegen“. [Oljen, angelehnt an den Kosenamen Olja, heisst russisch Rentier.] |
von überall her schwebend und weisser als Schnee kommen sie an nach Ysop duftend und Zedern sie überschreiten die Schwelle und gleiten mir wortlos entgegen in diesem Garten leuchten die Baumstämme hell schweben aufrecht gehalten in ihrem bläulich schimmernden Blätter-Atem nicht jeder Tag wird schließlich ein guter Tag sein deshalb sende ich dir ein wenig Rentiermoos des Namens wegen ich fand es Olja als ich behutsam über die weichen Teppichpolster hinausschritt in die Landschaft aus lauterstem Nichts fast vergessend schon |
![]() Mark Wallinger: "Thershold of the Kingdom" |
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| 14140: Zeile aus dem Salve Regina. |
das lacrimarum valle das war vor kurzem als es mir erstmals gelang das Licht auf dem See einzuatmen und so den Anbruch des Tages etwas hinauszuzögern gerade heute |
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| 14148-14155: Vgl. das Landschaftsaquarell „Traumgesicht“ von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1525 und den von ihm angefügten Text. (S. ausführliche Anmerkungen) |
könnte „fill grosser wassern vom himmell fillen“ [14150] und ich so erschrecken dass beim Erwachen „mir all mein leichnam zittrete“ ob ich je wieder zu denen fände die ich liebe und zu mir? erinnern Ungeklärtes: als ich nichts ahnend mich verabschiedet abends von meinem Vater sagte ich zu ihm: „du hast kalte Hände“ – „nein“ sagte er „mich dünkt es sind deine Hände die kalt sind“ am nächsten Morgen starb er in der Früh beide also spürten wir die Kälte die sich heranschlich aber zu wem sie gehörte und woher sie so plötzlich kam erkannten wir nicht heute frage ich mich was hätten wir uns noch sagen sollen worüber hätten wir nochmals ausführlich geschwiegen wenn der Tod den Maulkorb abgenommen und uns laut angebellt hätte |
![]() A. Dürer: Traumgesicht |
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| 14180: Im japanischen Theater wurden unter dem Bühnenboden bis zu 13 Schallgefässe angebracht. Solche „Theater-Vasen“ existierten auch im antiken griechischen Theater, wie Vitruv (Baukunst, 5. Buch, 5. Kp.) berichtet. |
so dass die Schallgefässe unter der Bühne an deren Rand wir standen zersprungen wären auseinandergebrochen auf einen Schlag: das tote Leben lebendig wie vorher noch nie ein Anfang der uns vielleicht überrascht aber nicht in Verlegenheit bringt so wenig wie die Vorstellung dass wir uns als Perlmutterschimmer wieder finden könnten in den Rückenfedern eines jungen Fasans in den Staubgefässen einer Blüte die das Licht zwingt sich zu zeigen |
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| 14200-14203: „Der Mensch stirbt an der Gewohnheit des Lebens.“ G.W.F. Hegel, Naturphilosophie, Bd. 1, Vorlesungen von 1819/20, Napoli 1982, S. 145 (§296, 297, 298). |
[14200]
doch habe ich mich noch nicht ans Leben gewöhnt unzeitig käme der Tod mir wieder zuvor noch hat mein Blut das Luftbild von mir nicht verdaut noch kämpfe ich ungeschickt |
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| 14207: Mittelalterliche Darstellungen zeigen den Schreiber mit Gänsekiel und dem Messer, das zum Schneiden desselben nötig war. |
mit Messer und Kiel gegen die Mutlosigkeit gegen die Ahnung da zu sein könnte sich als Irrtum erweisen doch bin ich schon jetzt stolz hier gewesen zu sein dieses Gefühl lasse ich anwachsen in mir bis es mich einhüllt wie der Bernstein den Käfer der ohne Ziel durch das Gras über Erdklumpen und steinige Wege kroch dessen Glück vielleicht darin bestand nicht auf den Rücken zu fallen und im wortlosen Wandern hintereinander wenn er seinesgleichen traf dessen Flugträume feine Adern und Risse fleckige Inseln hineintrieben ins langsam erstarrende Harz in die entzündlich stille Goldfarbe des Harns der sich blank scheuert am Staub |
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| 14235-14242: Aus dem Gedichtszyklus alfabet von Inger Christensen: „... og der hverken er sejr / eller nederlag til, kun ingentings trøst; / navnenes trøst, at ingenting kaldes ved / navn, at navnløshed kaldes ved navn / at navnene findes ...“ |
„und weder siege noch niederlagen sind da nur von nichts der trost der trost der namen dass nichts beim namen genannt wird dass namenlosigkeit beim namen genannt wird dass es die namen gibt“ Namen an die wir uns erinnern und Dinge die sie begleiten |
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12246-12252: Aus der amtlichen Bekanntmachung des Todes von Fanz Schubert (1828).
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als Franz Schubert Tonkünstler und Compositeur im zweiunddreissigsten Jahr seines Alters starb [14250] hinterließ er: 1 Hut 5 Paar Schuh 2 Paar Stiefel: da hätt er weit noch gehen können doch warf er Messer und Gabel auf den Teller es ekele ihn gewaltig vor diesem Fische („eine Krähe war mit mir wunderliches Tier“) durch die Eisschollen brechen zarte Linien Gitter die sich strecken und unendlich viele Räume lose verbinden |
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| 14265-14267: In memoriam Inger Christensen (1935-2009). Aus dem Gedichtzyklus alfabet: „... istiderne findes, / ishavets is og isfuglens is; ...“ |
„eiszeiten gibt es das eis des eismeers und das eis des eisvogels“ den Atem gibt es den Hauch der kälter wird der sich niederschlägt in der eng gefächerten Luft auf dem blindbleichen Spiegel |
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| 14269-14272: Solche Färbeschablonen aus Papier heissen in Japan „Katagami“ und werden (seit dem 8.Jh.) zum Bedrucken von Stoff, Leder und Papier verwendet. |
(wie eine sorgsam geschnittene Schablone mit der man teure Seide in Japan bedruckt) im Nordwind reissen die Baumrinden und der Frost greift ins Holz und packt die erschrockenen Adern die klirren kurz wie das Armierungseisen wenn der Beton erstarrt im Boden aus Glas krallen die Wurzeln sich fest der Bach wirft sein Wasser in Blasen und Schleifen von unten lautlos ans Eis wie weiße Kiemen legen sich Eisblätter dicht übereinander glitzernde Lamellen aus Nachtfrost und Schneestaub Schichten von gefrorenen Seidenpapieren auftauchen ist keinem der Wörter mehr möglich erst im Frühling binden sich Laute und Wörter [14300] wieder neu aneinander möchten in Sätzen sich wieder erkennen und etwas bedeuten von neuem sagen wir uns dass wir hungern nach |
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| 14306: Fisch, Kraut und Hülsenfrüchte galten als Hauptnahrung in den Klöstern. Susanne Fritsch, Das Refektorium im Jahreskreis. Norm und Praxis des Essens in Klöstern des 14. Jahrhunderts, Wien, München 2008, S. 43-89. |
piscis olus legumen und dass wir einen Faden denken zu spinnen uns zu verpuppen später um uns den Dingen neu zuzuwenden wenn wir mit starken Flügeln aufwachen und uns allem entgegenstürzen was uns bis jetzt nicht zu erkennen vermochte die Wolken treiben bald wieder Wind vor sich her der scheinbar sorglos sich ein- und ausrollt der sich unbemerkt leise aufwühlt bevor er losbricht hoch im Nordwesten und schnell die Küste erreicht wo er das Wasser landeinwärts zurückstemmt wenn es abfliessen will als Windstau schiebt er den Fluss zurück in den See zwingt den Bach zu versickern in seiner Quelle |
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in der Ruhe die eintritt torkeln Schneeflocken zwischen den roten Blüten der Kamelie kein Erinnern stört mehr das Löschblatt der Stille ich denke wie der Lichtschein der Taschenlampe mit der ein Obdachloser die Abfalleimer im Bahnhof durchwühlt sein Blick huscht über Dinge die schon fast nicht mehr da sind und die man bevor sie für immer verschwinden aufbrechen sollte |
![]() Ritsu O (1662-1747) |
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| 14348-14352: Vgl. dazu auch: Plinius Secundus d. Ä., Naturalis historia [Naturkunde], Buch 10, 7 u. 30: Hier wird Ähnliches vom Adler erzählt, der Schildkröten zerbricht, indem er sie aus der Höhe herabfallen lässt. Auf diese Weise sei übrigens der Dichter Aischylos ums Leben gekommen. Auf ähnliche Weise öffnen Krähen Nüsse. |
so wie der Austernfischer bei Ebbe Muscheln aus dem Schlick holt auffliegt und [14351] sie auf den Felsen zersplittern lässt so denken dass etwas sich zeigt so denken dass im Versteck die Langeweile sich ausstrecken kann und das Wieder-Holen von nichts Besonderem sich fügt in die Gewöhnung bis das Gleichgewicht plötzlich auseinander bricht: das Dach wird abgetragen der Keller füllt sich mit Erde und die Wände legen sich nieder wie Halme unter den Schnee jetzt denken eine Haaresbreite über der in Jahrtausenden abgelagerten Nachtschicht noch einmal dieses Erste denken das weder Werkzeug noch Waffe und unnütz war zum Gebrauch offen für jede Bedeutung wollte es für etwas anderes Zeichen sein und Helligkeit sammeln ahnend dass alles was leuchtet auch sieht ein Pollenbericht war das Denken am Anfang Blütenstaub der die Innennebel durchwehte als lichtsatter Wind die ersten Worte aber galten den Toten die sich langsam entfernten |
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| 14389: Sacra convesazione (heilige Unterhaltung): in der Kunstgeschichte verwendeter Begriff für die Darstellung der Madonna mit dem Jesuskind und einigen Heiligen. |
als eine sacra conversazione setzt das Gespräch ein es endet weil es verstummt wie beispielsweise |
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als diese Karte eintraf (Feldpost vom vierten Mai neunzehnhundertachtzehn) ich lese: „meine liebe Mutter umseitig eine Ansicht des Schlachtfeldes von Flandern“ mir [14401] fehlen die Worte beim Anblick dieser Landschaft die keine mehr ist wie erst der Mutter ihr wird der Atem stocken da sie nicht weiss ob ihr Sohn inzwischen nicht längst aufgedunsen in einem der Schlammlöcher liegt oder ob er nach Hause käme vielleicht bald vielleicht schon morgen und mit dem eisernen Kreuz dekoriert zweiter Klasse sie hofft noch immer die Welt sei ein Wohlklang trotz Dissonanzen und letztlich mit sich im Einklang ich stelle mich taub meine Hellhörigkeit ist eine Synapse ein Leerraum zwischen dem was sein könnte und dem was nicht ist ich erwarte stille Bilder und eins ums andere müsste sich abheben vom lauten Wirklichkeitsrauschen was ich liebe ist das sanfte Absinken der mit heissem Wasser vollgesogenen Kräuter im Glaskrug und wie das Wasser sich färbt zu Tee ich beobachte die Stille in meinem Mund nach dem Abbeissen und dem Kauen des letzten Stücks eines Apfels den ich im nassen Gras fand nachts widme ich mich der Herstellung seltenen feinstofflichen Schmucks aus gehärtetem Safran aus aufgerollten Fasern von Ingwer und Dill eingelegt darin Perlen aus kaltgepresstem Koriander und [14450] dem Pulver versteinerter Knospen der Nelke Gewürzschmuck nie getragen vererbt jedoch gemäss der verzeichneten Astgabelfolge unbekannter fruchtloser Niederstammbäume tagsüber bin ich damit beschäftigt meine Erregung zu verwandeln in Wahrnehmungen die ich zu deuten vermag ich beobachte die unsichtbaren Bahnen auf denen das Licht Schallwellen Druck und Geruch mich erreichen wie der Reiz eines inneren nervösen Organs mich findet wer entscheidet in mir was ankommt was unberücksichtigt bleibt? wie ist es möglich dass belanglose Laute mich berühren weil ich sie höre als Worte? |
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| 14477-14481: „... dass ich, wenn sie‚ Salon Arpajon’ sagte, einen gelben Schmetterling sah, bei ‚Salon Swann’ aber (Madame Swann empfing im Winter von sechs bis sieben Uhr) einen schwarzen Schmetterling mit schneegepolsterten Flügeln.“ („un papillon noir aux ailes feutrées de neige“) Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.IV: Sodom und Gomorrha), hg. von Luzius Keller, Frankfurt a.M. 2004, S. 223. |
„schneegepolstert der schwarze Schmetterlingsflügel“ dieses Bild das bei Proust auftaucht wenn er sich den „Salon Swann“ vorstellt erzeugt bei mir ein Gefühl ganz anderer Art eine Empfindung vielleicht des verspäteten Abreisens das für lange nicht mehr gelingt doch mildert die Weichheit des Schnees und die Schönheit der nicht vorhandenen Farben die Not der Stille die das Bild auslöst in mir |
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| 14496-14502: „Car aux troubles de la mémoire sont liées les intermittences du cœur.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 756. |
was jedoch wenn sich der Erinnerungsanteil den Bildern entzieht? „mit den Störungen nämlich des Gedächtnisses ist eine Arhythmie des Herzens verbunden.“ [14500] „Intermittenzen“ der Zeit die Proust beharrlich wiederzufinden versucht da ist nichts was nicht ständiger Unterbrechung ausgesetzt wäre überall Zwischenfälle die wir versuchen aneinanderzureihen das Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt doch den Dingen scheint es zu gefallen wenn wir reden von ihnen den Ereignissen ist es nicht gleichgültig ob wir über sie nachdenken oder nicht deshalb lohnt sich auch die geringste Zuwendung immer selbst wenn es stimmen sollte was gesagt wird dass die Welt und die Sonne nur ein Zucken seien im schwarzen schweigenden All Wörter und Sätze ergreifen die Wirklichkeit und zeigen sie neu: |
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| 14528-14535: Gedicht von Welimir Chlebnikow. Luigi Nono vertonte diese Zeilen in: Quando stanno morendo, Diario Polacco No. 2 (1982). [„Wenn sie am Sterben sind ...“] |
quando stanno morendo schnauben die Pferde quando stanno morendo welken die Gräser quando stanno morendo erlöschen Sonnen quando stanno morendo singen die Menschen weshalb gelingt es mir nicht mir vorzustellen dass jemand nicht mehr da sei |
![]() Karte aus der Sammlung Peter Gysi. |
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| 14539: „Car comme les morts n’existent plus qu’en nous ...“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 759. |
es existieren die Toten nur noch in uns ausserhalb von uns sind sie randlose Lücken wo sie sind muss man an ihnen vorbeischauen um die Wirklichkeit die an der Erinnerung immer noch festhält in den Blick zu bekommen auch an diesem Text [14550] ist ja vorbeizuhören ins Leere damit hörbar wird manchmal vielleicht wovon er nicht spricht |
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| 14554-14565: Emmanuel Lévinas, Maurice Blanchot – der Blick des Dichters, in: ders., Eigennamen. Meditationen über Sprache und Literatur. München/Wien 1988, S. 32. |
unablässiges Rauschen des Seins sei der Tod das der Text zu Gehör bringt (der Tod als das nicht enden könnende Enden) die Sprache soll sich den Übergängen nähern zum Unsagbaren wie ein Gemurmel hört sie von Weitem sich an in meinem Innern ist sie ein Wiederkäuen von unverbrauchter Stille von Geräuschen und Klängen im Ungleichgewicht je weniger ich unterscheide beim Hören desto deutlicher zeigt sich eine Art Ordnung eine Schüchternheit bemächtigt sich meiner und |
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14575-14577: Zhuangzi: „Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein, und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.“
145578f.: „Wunderbar! Die Grundeigenschaft des Heiligen: für nichts gut sein!“ Roland Barthes, Das Neutrum, 2005, S. 294. 14580-14582: Portug. Sprichwort: „Deus escreve direito por linhas tortas.“ |
mich dünkt es könnte ein Vorteil sein als für nichts tauglich zu gelten (nur weil es für nichts gut ist sei etwas heilig heisst es weshalb sollte Gott also gerade schreiben auf krummen Zeilen) ich schreibe damit möglichst wenig herumliegt so geht Gehörtes vielleicht nicht mehr verloren |
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| 14588-14593: „... lass die ¦ dinge liegen; leg ¦ die worte dazu, aber lass die ¦ dinge liegen; ...“ Inger Christensen, Alfabet / Alphabet, Münster 2001, S. 74f. |
andererseits rät Inge Christensen: lass sie liegen die Dinge leg die Wörter dazu („lad tingene ligge laeg ordene til men lad tingene ligge...“) ich jedoch lege zu den Wörtern die Dinge zu den Wörtern die noch laut- und bedeutungslos nur Leerstellen sind bereit jedoch dass endlich [14600] sich etwas zu ihnen legt: |
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ein Mottenflügel einige Kieselalgen eine Handfläche woher kommen die Wörter die sich erst später festsetzen in mir als Klang als kürzestes Lied das im graukalten Morgen anhebt und anschwillt wie das Singen der Vögel im Frühling (obwohl doch noch Schnee liegt und viele von ihnen diesen Winter nicht überlebten) was mag geschehen wenn in meinem Gehirn sich Wörter mit Dingen zu verbinden beginnen |
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vorerst ein Vorgang vergleichbar vielleicht mit der Zerstäubung eines Eisenstabes durch starken elektrischen Strom |
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| 14624-14639: Shitao berichtet (1685) von seiner Suche nach Pflaumenblüten. In: Shitao, Aufgezeichnete Worte des Mönchs Bittermelone zur Malerei, Mainz 2009, S. 108. |
ähnliches wird später von Shitao verlangt: „der Pflaumenbaum im Garten während des Abends ist er zu voller Blüte beinahe gelangt würde der Mönch doch bitte kommen um diese Sache zu erledigen?“ so bittet einer Shitao nachdem dieser die Gegend lange durchstreift hat auf der Suche nach Pflaumenblüten erst um Mitternacht schreibt er neun Gedichte die vielleicht die aufgespreizten Blüten beschreiben das ungeordnete Holz unter dem Vordach |
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14644-14646: Shitao: „Ich angle nicht nach Weißfischen, ich angle nach zartem Grün.“ a.a.O. S. 37. |
heute Nacht angelt er nicht nach Weißfischen nein er angelt nach zartem Grün inzwischen wird hier der Text weitergeschrieben unerbittlich mit [14650] der Eisenstange in den unruhigen Sand zugleich frage ich mich: wer sollte hier jemals etwas geschrieben haben? (ich brauche diese Ungewissheit ohne sie bin ich nicht fähig zu sehen was sich mir zeigt) jetzt ist Frühling und die Geduld fehlt mir wieder das Schmelzen des Schnees an den schattigen Hängen zu beobachten diese kleiner werdenden weissen Stellen nicht aus den Augen zu lassen wenn sie sich langsam zurückziehen verschwinden unter dem Waldrand an der Flanke des Hügels |
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| 14672-14676: Abū Nuwās (757-815) erhält die Erlaubnis Gedichte zu schreiben erst nachdem er „tausend Stücke alter Poesie“ auswendig gelernt und wieder vergessen hat. Daniel Heller-Roazen, Echolalien. Über das Vergessen von Sprache, Frankfurt 2008, S. 205-207 (Eine Geschichte von Abū Nuwās). |
und plötzlich weiss ich ich müsste eigentlich jetzt mit der Rückschreibung dieses Textes beginnen Zeile um Zeile auslöschen vergessen Blatt für Blatt sollte sich hinlegen makellos weiss damit die Schichten abgehobener Wörter ein letztes Mal wild durcheinandergewirbelt darüber hinweg fegen könnten bevor sie schliesslich verschwinden über dem Grasnarbenfeld |
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14687-14689:
In Bezug auf die Zerstörung des Turms zu Babel sagt Rabbi Johanan:
"Die Luft des Turms macht vergesslich." In: Der
babylonische Talmud: Sanhedrin
109a. |
nichts als ein Windstoss der durch die Überreste weht eines Turms mehr war es nicht das Gerede verwirrt gelingt mir seither das Vergessen das Unvergessliches aufbewahrt ohne Verlust |
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| 14696-14698: „Hinter Wolkenblättern bleibt der helle Mond dunkel / die versinkende Sonne klart den Himmel am Regenrand auf.“ Verspaar aus dem Gedicht Huizhou za shi (Vermischte Gedicht aus Huizhou) von Cheng Bo (1071-11219). |
ich vermute die untergehende Sonne klart am Regenrand den Himmel schliesslich noch auf doch vorerst gilt es [14700] weitere Einzelheiten hier aufzuzeichnen eine Anleitung will ich verfassen damit die Ordnung die nicht herrscht als Hilfe erkannt wird mit einiger Übung mag das Lesen dieses Texts als eine Liste von Allem gelingen |
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14710-17714: Sigmund Freud, Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie [1891], Frankfurt a.M. 1992; zur hier erwähnten Stelle s. S. 105. |
„list complete“ war der Sprachrest der dem Schreiber blieb er hatte den Katalog fertig geschrieben nach anstrengender Arbeit deshalb ohne an einen Abschluss zu denken will ich festhalten was mir erwähnenswert scheint gleichzeitig muss ich die Fähigkeit zu scheitern verfeinern obwohl |
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| 14721-14728: Vgl. Al-Jahiz (ca. 781-868) in Kitab al-Hayawan (Buch der Lebewesen). |
ich Schwieriges anstrebe gelingt mir doch nur das weniger Schwierige wie ich die Tiere manchmal beneide die das was sie können nie auch weniger gut können |
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| 14730: Felsen gelten in der chinesischen Tradition als statische Formen (xing) und werden als „Knochen der Erde“ (digu) bezeichnet. |
oder die Berge die als Knochen der Erde in vollkommener Schönheit langsam verwittern Entsetzen packt mich: während ich Wörter ordne auf diesem Papier |
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14736-14738: Vgl. z.B. Jean Améry, Die Tortur. S. auch Z. 6856-6854.) 14739: Mehr zum Begriff "Luftmensch" bei Nicolas Berg, Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher, Göttingen 2008. 14744-14746: Buch Ezechiel 37,1-10. 14741-14753: Vgl. die Erzählung Sentenz; in: Warlam Schalamow, Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma 2, Berlin 2008, S. 285-294.
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zerreissen eines Menschen Schultergelenke weil er nichts sagt ausgerenkt bleibt er ein Luftmensch hinter dem Asche herweht nach vielen Wintern erwacht er vielleicht und hat sich ausgeschlafen langsam bildet sich wieder Fleisch auf den Knochen und neue Haut überzieht und schliesst die Wunden mit den Tieren empfindet er Mitleid aber noch nicht mit den Menschen nur [14751] langsam merkt er dass etwas Wichtiges zu ihm zurückgekehrt ist das vergessliche Gras wächst immer wieder im ausgetrockneten Bachbett die Feindseligkeit der Steine kümmert es nicht es will nichts wissen weder von Glut noch von Frost seine Kraft spart es für die Zwischenzeiten wenn etwas dazukommt von aussen zu dem was es von sich aus vollbringt nicht alles muss vorkommen |
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14768: Ossip Mandelstam: „Der besitzlose Intellektuelle braucht keine Erinnerungen, es soll genügen, von den Büchern zu erzählen, die er gelesen hat ..." 14770: „Schlaflosigkeit“: zu diesem literarischen Topos vgl. z.B. Alexander Puschkins „Verse, geschrieben nachts während der Schlaflosigkeit“... 14776: Vitex agnus castus (Mönchspfeffer,
Keuschlamm): Heilpflanze, hilft u.a. gegen Verzagtheit (gr. Akedia) und
Schläfrigkeit am Tag.
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vielleicht genügt es von gelesenen Büchern zu erzählen die Schlaflosigkeit der Wörter zu untersuchen (wenn sie mich wachhalten nachts) nur noch Bläuliches beschreiben eine Zeit lang die Blütenstände des Vitex agnus castus zum Beispiel und die Mönchspfefferfrüchte darin den Unterleib der Totenfliege und dessen grünbläulichen Glanz die Fauna der Schläfrigkeit wie sie vom Hellblau hinüber sich schiebt ins Grau die Übergänge zur Sprache bringen sprechend ich mühe mich ab Wörter zu finden die sich in der Unschärfe der Satzflut behaupten dass da Staub ist und ich ihn als solchen benenne beseitigt in mir jeden Zweifel: Gott gibt es (Zweifel kommen mir wenn ich sehe wie die Welt verkommt zu einer Agentur der Verblödung) ich will mich an die [14800] Bienen halten an ihre Flugkraft mit der sie leidenschaftlich Geringes einsammeln (fast nichts) goldig schimmernde Tropfen hinterlassen sie auf Persephones Schleier und dunklem Gewand |
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14809: „Bitte halten Sie mich nicht für einen Schatten. Noch werfe ich Schatten.“
Ossip Mandelstam. an Jurij Tynjanow am 21. Januar 1937 aus der Woronescher Verbannung.
14811-14821: „Das Wort lässt, wie Aspirinpulver, einen Kupfergeschmack in meinem Mund zurück.“ – „Bücher schmelzen wie Eisstücke,die ins Zimmer gebracht wurden.“ – „Ihr Holzstösse, schwarze Bibliotheken der Stadt – wir werden noch lesen, wir werden noch sehen!“ Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke. |
ohne sich vor den Schatten zu fürchten die selbst keine Schatten mehr werfen Holzstösse schwarze Bibliotheken der Stadt wir werden lesen wir werden noch sehen wir werden dabei sein wenn der Farn sich ausrollt wie eine Zunge dem matten Streulicht entgegen wenn das Wort im Mund Kupfergeschmack hinterlässt und die Bücher wie Eisstücke schmelzen im Hirn das dicht gepresste Stroh in den Ballen zerstiebt durch die Nacht zischen kurz geschnittene Halme brennend verglühend wie der Schrott von Satelliten Raketenteile abweichend von ihrer Bahn beleuchten ganz kurz die Fettränder der Wolken man erkennt die Naht an der sich dieser Text hält mit kurzen Stichen wird er an ein Gewebe aus Wasser genäht bis er sich schwer geworden losreisst zurückstürzt in das nüchterne Dickicht |
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14841-14843: „Mit zunehmender Länge entfernt sich das Poem von seinem Ende, und das Ende selber kommt unerwartet und klingt wie ein Anfang.“ Ossip Mandelstam,
Gespräch über Dante.
14845-14860: Dante, Die göttliche Komödie, Die Hölle, 26. Gesang |
unerwartet kommt das Ende des Poems und klingt wie ein Anfang auch am Weltrand noch rufen: O frati dissi che per cento milia perigli siete giunti a l'occidente fatti non foste [14850] a viver come bruti (so treibt Ulysses die Gefährten an weiter der Sonne folgend furchtlos zu segeln ihrem Untergang zu doch in Dantes Hölle büsst er nicht dafür sondern er beklagt die Hinterlist des Pferdes die er vor Troja ausgeheckt hat) ich schrecke zurück vor dem Überblick der mir Passagen vortäuscht die aus Lücken bestehen ich will mich lieber zwischen die Dinge legen die sich nur langsam an mich gewöhnen und die wieder verschwinden falls ich ihnen vertraue wir kämen vom Licht sagst du und ich glaube dir weil ich die Adern auf deinem Handrücken durch die Haut schimmern sah die Kunst Schweigen zu zeigen |
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| 14877: Vgl. Anmerkung zu Z. 13095-13106. |
in zerbrochenen Krügen Funken zu sammeln irgendwo zwischen Himmel und Hölle die Kunst ohne Anstrengung nichts Besonderes zu sein nur dieses vielleicht: etwas Helles einander ohne am Abend das zinnoberrote Gras zu übersehen das uns so unaufdringlich daran erinnert: wir leben weil wir stürzen beeil dich und nimm den fast trockenen Pinsel male den Schatten den wir auf den Schaum werfen der Bugwelle die unser Schiff vor sich herstösst nimm ein mattes Grau damit sich das schwarze Meer nicht spiegelt darin [14900] (von Constanta hinüber |
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| 14901-14903: Vgl. Ossip Mandelstam, Batumi. In: Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 133. |
nach Batumi mit seiner zimmerwarmen frisch gemolkenen Luft die seit der Sowjetzeit schal an den hässlichen Bauruinen sich staut und missmutig hochsteigt in den staubigen Himmel) Reisenotizen wie diese halte ich fest sie helfen mir die |
![]() Batumi: Bauruine aus der Sowjetzeit |
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| 14912: Der Naturforscher Albert Heim schreibt 1874 einen Bericht über die “Töne der Wasserfälle“. |
Tonart der Wasserfälle aufzubewahren damit ich sie jederzeit anstimmen kann wenn auf meinen Trommelfellen das Wirbeln einsetzt |
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14919-14229:
Vgl. F.W.J. von Schelling, Über das
Wesen der menschlichen Freiheit [1809]. „Daher der Schleier der
Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist ... “ (S. 495)
– „... alle Persönlichkeit ruht auf einem dunklen Grunde, der also
allerdings auch Grund der Erkenntnis sein muss. [...] Wenn ...der
Erkenntnistrieb die grösste Analogie mit dem Zeugungstrieb hat, so gibt
es auch in der Erkenntnis ... eine Un-Zucht und Schamlosigkeit ...“ (S. 509f.) 14929-14936: [Buchtitel:] Emile Cioran: Vom Nachteil, geboren zu sein. [1973] und Die verfehlte Schöpfung [1969]. Vgl. auch Anmerkung zu Z. 6161-6163. 14937-14941: Franz von Baader: „Zu wünschen freilich wäre es, dass die Verderbtheit im Menschen nur so weit, nämlich bis zu reiner – schuldenfreier – Thierwerdung ginge. Aber es ist nicht so." |
mit dem weissen Gischt hebt sich vielleicht der Schleier der Schwermut ein wenig der ausgebreitet ist über die ganze Natur doch ohne dass sich dieser vom dunklen Grund löst der auch Grund sein muss der Erkenntnis – mahnt Schelling (zur Unzucht verkommt der Erkenntnistrieb sonst und zur Schamlosigkeit) doch dieselbe Dunkelheit lässt mich am Vorteil zweifeln geboren zu sein und nächtelang quält in ihren Falten sie mich mit der Vorstellung einer verfehlten Schöpfung unsere Bosheit und auch unsere Dummheit wären erträglich geblieben hätten wir uns aufs Tiersein beschränkt auf ein Dasein zum Beispiel als Singvögel die nachts allein unterwegs sind fast ohne Gewicht zwischen den Kontinenten sie haben gelernt: je schwieriger für sie das Überleben wird [14950] desto ausgeklügelter gilt es zu singen |
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14952-14956: „... ach, wir alle gehen der Richtung nach, in die wir geworfen worden sind. Steine! Steine! Steine!“ Christine Lavant,
Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus, Salzburg-Wien 2002, S. 47. 14957-14959: „Raum Zeit. Unsere Empfindungen sind ja nichts, als unsere Empfindungen.“ Georg Christoph Lichtenberg, Noctes. Ein Notizbuch, (p.6). |
während wir nur der Richtung nach gehen in die wir geworfen worden sind irgendwie sind wir Steine Steine geblieben und noch sind sie nichts unsere Empfindungen als Empfindungen ich versuche mich trotzdem aufrecht zu halten in Erwartung von etwas was schon ganz nah ist ohne Hast widme ich mich der Ventilation und beobachte dieses Heben und Senken meines schwächlichen Brustkorbs in dessen Innern verwandle ich Sauerstoff in Helligkeiten unterschiedlicher Dichte ich versuche ein farbgebendes Element zu sein in einem grossen noch dunklen Gehirn in welchem unser Sonnensystem als Kurzschluss aufblitzt als müdes Wetterleuchten an das sich niemand erinnert doch die Farben die Farben die sich ablagern an den Bluträndern die sich verwandeln in noch nie gesehene Bilder (Pigmente eines Denkens das von sich nichts weiss) Bekleidung sind sie getragen unter der Haut zwischen dem was ich als Eigenes fühle und dem was weit draussen aufbricht und auf mich zukommt (was spielt sich hier ab?) nicht was ich denke ist mir ein Trost sondern dass ein Gedanke mich findet |
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| 14999: „Cela fait souvent de la peine de penser“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Le côté de Guermantes. Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 762. |
doch stimmt auch dies: es macht oft Kummer wenn man denkt |
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23.08.2010 |