Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.15001 - 16000

Index / Anmerkungen / Kommentar


„Der bedingungslose Verlust der Sprache beginnt. Man schreibt nicht mehr aus diesem oder jenem Grund, sondern der Akt des Schreibens wird von dem Bedürfnis nach Sinn getrieben."
Roland Barthes 
ich übe Geduld
mit den Dingen die sich nur
widerspenstig hier
aufzählen lassen die sich
nicht fügen wollen
diesem Ordnen das doch auf
nichts einwirken will
und nichts anstrebt nahezu
desinteressiert
wächst meine Aufmerksamkeit
(dieses dürftige
Innehalten das einen
Augenblick lang der
Zeit widersteht bevor sie
mich unerbittlich
ins Unerträgliche treibt)
ich sehe und bin
doch verunsichert: ob die
Zeichnung der Dinge
mich angeht und ob diese
auf mich zu treiben
oder auf unsichtbaren
Linien sich schnell
von mir entfernen sobald
mein Blick sie festhält
und abzutasten beginnt  
sicherer wäre
sich dem Hören zu widmen
den Klängen die mich
finden ohne dass ich mich
ihnen zuwende
und ohne dass ich ihnen
entgegenstürze
die sich arglos einnisten
unter der Haut und
meine Zellen in Schwingung
versetzen Löcher
rei
ßen in die Membranen
damit die kalte
Schlammasche ausflie
ßen kann
15041-15052: Der chinesische Maler Luo Ping (1733-1799) malte um 1763 das Bild „Pflaumenblüten“. Seine Frau Fang Wanyi ergänzte das Bild, indem sie mit dem Saft der Trichterwinde die Blüten rot färbte.   Luo Ping malte
Pflaumenzweige anderntags
färbte seine Frau
die Blüten rot mit dem Saft
der Trichterwinde
es sind mit Leben und Tod 
beide beschäftigt:
ein Gedicht schreiben einen
Wasserkrug zeichnen
[15050] etwas Gutes tun heute
man müsste alles
miteinander verbinden
15054: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 7. Gesang 121-123). ich muss mich aus dem
accidïoso fummo
retten in einen
hellen Zorn ein Gebläse
ist einzurichten
mit Pfeifen die in klaren
Bächen stehen ein
organon hydraulikon
das mir Zuversicht
und Abstoßkraft gleichmäßig
in die Lungen pumpt
15065-15068: Augustinus, De libero arbitrio, II,34.44 in einem Rhythmus der mich
Zahlen finden lässt
so dass der Zerfall der Form
aufgeschoben wird
für ein paar Augenblicke
15069-15071: dire – dédire – redire – autrement dire: ein Grundthema bei Emmanuel Lévinas, s. z.Bsp.: Autrement qu’être ou au-delà de l’essence [1974]. sprechen und nochmals 
sprechen und widersprechen 
und anders sprechen
auch in vierfachem Anlauf
gelingt diesem Text
weder Überblick noch Schluss
die Landschaft erträgt
dass man sie belastet mit
Wasser und Luft ja
selbst das Licht ist ihr oft schwer
sie wird bestimmt nicht
gleichgültig bleiben unter
unseren Blicken
unserem Tritt an ihr geht
nichts spurlos vorbei
ohne Aufhebens lässt sie
über uns Büsche
wachsen deren Wurzeln still
hinuntertreiben
in die eingefallenen
Brustkörbe ohne
dass wir es merken beginnt
ein Leib sich wieder
aufzurichten dieses Mal
schwerelos und stumm
15094-15101: „I went and i returned. / it was nothing special. / Rozan famous for its misty mountains; / Sekko for its water.“ (Chinesisches Gedicht). an einem Ort der weder
berühmt ist für den
nebelverhangenen Berg
noch für seinen Fluss
der je nach Jahreszeit an-
oder abschwillt wo
[15100] keiner der kommt oder geht
sagt das sei alles
hier ist Zuversicht unnütz
und ein Glück ist es
keine Ahnung zu haben
endlich kann ich mich
konzentrieren auf eine
einzige Frage:
15108-15111: In Armenien wird aus dem Holz des Aprikosenbaums das Duduk, ein traditionelles Blasinstrument, hergestellt.

15112-15117: „...  immer wenn wir meinen, was wir sagen, erheben wir für das Gesagte einen Anspruch, dass es wahr oder richtig oder wahrhaftig ist; damit bricht ein Stück Idealität in unseren Alltag ein.“ Jürgen Habermas, Was Theorien leisten können – und was nicht.

 

die Aprikosenbäume
in Armenien
vermag ich den Klang ihres
Holzes zu hören?
(indem ich diese Frage
für sinnvoll halte
zeigt sich ohne mein Zutun
etwas Neues als
ganz Anderes bricht es ins
Alltägliche ein)
wie ist es möglich dass ein 
nur vorgestelltes
Geräusch mich an den Tod zu
erinnern vermag
das Aufschwingen einer Tür
von der ich meinte
sie sei verschlossen ein kaum
spürbarer Luftzug
reißt sie auf während draußen
doch Windstille herrscht
oder das leise Knistern
der Spelzen die im
gleißenden Nachmittagslicht
die Weizenkörner
freilegen und der Hitze
aussetzen in der
sich das Feld sträubt wie ein Fell
an den Haarwurzeln
spürt die Haut dass der Austausch
abbricht dass sie sich
spannt über etwas was sich
zurückzieht ohne
den Ort anzugeben wo
eine Beschreibung
neu versucht werden könnte
wo Wörter wieder
als osmotische Ketten
den Durchlass sichern
für die Erfahrung wenn sie
im Tageslicht sich
verzettelt verschachtelt als
Raupe will ich nachts
[15150] das Blattwerk vermessen mich
strecken krümmen
als
weißer Linienspanner
werde ich später
meine schwarz geaderten
Flügel ausbreiten
15156-15159: Taiemhotep (1. Jh. v. Chr.), die Frühverstorbene, klagt über ihr Schicksal. (Bibliographie s. Anmerkungen) 

15160-15167: Stellen aus William Blake, The Book of Thel und America.

 

und mich an Taiemhoteps 
Klage erinnern:
„was den Tod betrifft“ schreibt sie
„’Komm’ ist sein Name“
ich steige hoch und zeige
als kleine Wolke
schaukelnd meine goldne Stirn
when I pass away 
it is to tenfold life and 
to raptures holy
schon sehe ich den Wal der
meine Seele trinkt
rieche das Salz das sich auf
Kiesel und Schlick legt
bevor es am Ufer als
weißes Gebirge
ausbleicht im gleißenden Licht

Salzberg, Lesbos (GR)
15173-15175: "Denn der hat viel gewonnen, der das Leben verstehen kann, ohne zu trauern."
Friedrich Hölderlin, Reflexion
jemand empfiehlt mir
das Leben zu verstehen
ohne zu trauern
was mir schwer fällt wenn ich mir
Bilder vorstelle
 

15180: Arvo Pärt: fratres (1977), bes. die Version für 12 Celli.

von stolz lächelnden Henkern
wieder und wieder
höre ich „fratres“ um mich
zu beruhigen
beim Einsammeln von allem
was vergeht aber nicht stirbt:
Wolken und Blüten
das Erinnern das wie ein
Ton langsam verklingt
alles andere legt sich
mir in den Weg wie
15190-15192: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 30,136f.).

15192: Hohelied 5,2: „Ich schlief, doch wach war mein Herz.“

15194-15201: Aratos [ca. 310 - 245 v. Chr.], Phainomena. Sternbilder und Wetterzeichen.

 

einem der vom Unheil träumt 
der sich im Traum wünscht  
dass er nur träume er wacht
während sein Herz schläft
die Not der Menschen beweint
die uralte Nacht
unter den Flanken des blau
schimmernden Hasen
der gehetzt vom großen Hund
zu fliehen versucht
[15200] ihn verfolgt des Sirius
glitzerndes Auge
15202-15215: Giambattista Vico, Prinzipien einer neuen Wissenschaft, Nr. 239: „Die Ordnung der menschlichen Dinge schritt so vorwärts: zunächst gab es die Wälder, dann die Hütten, darauf die Dörfer, später die Städte und schließlich die Akademien.“ (Nr. 239) - „... denn Vulkan hatte Feuer an die Wälder gelegt, um bei offenem Himmel zu beobachten, woher Jupiter seine Blitze senden würde.“ (Nr. 564). fast wünsche ich dass sich der
gelichtete Wald
wieder über mir schließe
und ich unter dem
dichten Astwerk verschwinde
im schattigen Laub
nichts wissend von den Zeichen
oben am Himmel
die bewirken dass alles
etwas bedeutet 
ich beobachte am Teich
lieber das Zucken
der Wasserläufer als die
Blitze am Himmel
die kleinen Dellen die sie
mit ihren Füßen
schwimmend ins Wasser treiben
wie mag das klingen
für die Fische darunter
15223: Nimrod: Buch Genesis 10,8-10: „Der [Nimrod] war der erste Held auf Erden. ... Und der Anfang seiens Reiches war Babel.“ N. büßt bei Dante im 9. Höllenkreis (Hölle, 31. Gesang). es ist noch kein Held
geboren und Nimrod baut
in Babel noch nicht
keiner merkt dass er alles
noch immer versteht
und der große Wirbel im
Stillen Ozean
treibt geduldig nur Plankton
und Algen im Kreis
noch fehlen die Inseln der
farbige Teppich
15226-15234: „The great Pacific Garbage Patch“: riesige Abfall-Insel im Pazifik. the Garbage Patch ausgerollt
lautlos als totes 
Neuland im todkranken Meer
noch ist der Tau Tau
und das Schilf nichts als ein Gras
das sich im Wind biegt
noch muss niemand zum Gipfel 
aufsteigen mühsam
(durch das Purgatorium)
um zu erkennen
dass Sehen wie Nicht-Sehen
sich verwandeln lässt
in eine lesbare Schrift
15245-15249: Vgl. Stefan Bauernschmitt, Operative Behandlung des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms durch Zungengrundzügelung, Regensburg 2008. jetzt aber quälen
mich Atemstillstände und
dem Zungengrund droht
die Zügelung nachts bin ich
zu knapp belüftet
[15250] es fehlt mir der Wind mit dem
doch alles begann
15254: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 33. Gesang, 42): „E se pon piangi, di che pianger suoli?“ jeder Traum endet indem
einer ins Ohr mir
flüstert: wenn du hier nicht weinst
wann willst du weinen?
ich antworte nicht weil ich
nicht mehr im Traum bin
15259: „... Die [Augen] sind wie zwey uberaus helle, klare und schöne Liechter, welche da führen und erlüchten den gantzen Leib ...  daß Galenus sie nicht unbillich Divina memba, das ist göttliche Gliedmaß nennet.“ Wilhelm Fabricius Hildanus, Von der Fürtrefflichkeit und Nutz der Anatomy, Bern 1624. schon reizt der Lichtstaub meine
membra divina
ich sehe zum ersten Mal
wie der Tag ankommt:
grau und im Rauschen versteckt
des Regens unter
den schweren Tropfen zittern
die Blätter des Farns
über die Mauer rippeln
kaum sichtbar kleine
Wellen verschwinden im Kies
Feuchtigkeit legt sich
als Schatten ins Erdreich steigt
erst wieder aufwärts
durch die Schachtelhalmknoten
mich einzufügen
in Kreisläufe fällt mir schwer
ab- und wegsinkend
stets freundlich zuzustimmen
besser wäre nichts
mehr zu berühren alles
hinauszuschieben
aus dem Bereich dessen was
möglich und wirklich 
sein könnte wie leicht ließe 
sich nichts erreichen 
würde der Blick nicht gestört 
und abgelenkt durch
die unruhigen Zweige
15287: Giacomo Leopardi: L’Infinito:  „... il naufragar m’è dolce in questo mare.“ [„Und so versinken / im Unermesslichen mir die Gedanken, / und Schiffbrunch ist mir süß in diesem Meere.“] il naufragar m’è
dolce in questo mare
jede Vorstellung
verdoppelt etwas zwingt mich
mir gegenüber
wahrzunehmen was da ist
15293-15295: „Alles zeigt sich und wird sagbar im Sein um der Gerechtigkeit willen …“ Emmanuel Lévinas, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht,  Freiburg 1992, S. 354. dies Andere um
der Gerechtigkeit willen
heißt es mich sprechen
von den blassen Blüten der
Steinrosen am Berg
von der Geometrie der
Schuttkegel vom Durst
[15300] der Schmetterlinge und vom
15301: Emmanuel Lévinas, Die Philosophie und die Idee des Unendlichen: „Die Idee des Unendlichen ist ein Denken, das in jedem Augenblick mehr denkt, als es denkt." Denken das mehr denkt
als es denkt allzu vieles
drängt in den Haushalt
meiner Vernunft wo sich das
Ungeordnete
mühsam zu ordnen versucht
noch bin ich lange
nicht fertig mit diesem und
mit dem Anderen
15310-15312: Emmanuel Lévinas: „Sie [die Totalität des Gesagten; F.D.] bewahrt jene Bewegung zwischen dem Sehen und Sagen, jene Sprache reiner Transzendenz ohne Korrelat – wie das von keinem Erwarteten noch zerstörte Warten – Noesis ohne Noema – von reiner Verschwendung ...“ in: ders., Eigennamen, München 1988, S. 52. ich warte und hoffe dass
das Erwartete
mein Warten möglichst nicht stört
indem ich die Spur
die ich lege verwische
lege ich sie neu
um die Welt zu beschreiben
scheint unabdingbar
dass sie in Unordnung bleibt
jenseits von Ordnung
und Unordnung dort wo ich
mir selbst begegne
15322: mors immatura = frühzeitiger Tod. droht als mors immatura
etwas in mir mit
wuchernder Ungewissheit
vielleicht liegt ein Trost
im Denken wenn es an die
Unendlichkeit denkt
es schlägt einen Weg in die
senkrechte Felswand
talwärts hinunter zum Bach
der dem Gefälle
sich hingibt sorglos ohne
Schatten zu werfen
(bedürftig einer Ankunft
bin ich unterwegs
ohne zu wissen wohin
für mein Denken ist
dieser Bach vielleicht mehr als
ein Bach der sorglos
dem Gefälle sich hingibt
doch weshalb sollte
irgendein Bach mehr sein als 
ein Bach der sorglos
dem Gefälle sich hingibt)
was spielt sich ab wenn
mein Denken den Bach erreicht
der bis anhin ein
nicht festgestelltes Abbild
der Ewigkeit war
15351: Franz Rosenzweig: „Die Zeit nämlich wird ihm ganz wirklich. Nicht in ihr geschieht, was geschieht, sondern sie, sie selber geschieht.“ [15350] nur einen Augenblick lang
ist es die Zeit die
als sie selbst geschieht und die
etwas zurücklässt
was sich gleich wieder entzieht
15355: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Der Läuterungsberg, 13. Gesang, 70-71): „Sie alle [die Neidischen] trugen einen Eisenfaden / Durch ihre Lider, wie ein wilder Sperber / Genäht wird, weil er anders nicht zu zähmen.“ mit zugenähten
Augen schreibe ich weiter
ohne Überblick
stelle ich mir vor wie es
sein wird wenn ich einst
mit weit ausgebreiteten
Flügeln kreisend mich
entschließe zum Sturz auf das
was ich bis anhin
nicht zu sagen vermochte
auf die schweigsamen
Buckel im wilden Gestrüpp
unter denen sich
nie gehörte Wörter und
Sätze verstecken
15370: Dante, a.a.O., 13,132.  noch atme ich beim Reden
noch werden meine
Höhlen belüftet mischt sich
die Aussenwelt ein
meinerseits wird vorläufig
keinerlei Ankunft
in Erwägung gezogen
ich beobachte
die Verfärbungen der Zeit
wenn sie Anteil nimmt
an uns und den Dingen bis
das Sehen nur noch
sieht was es sieht und nichts mehr
15385-15387: Immanuel Kant, opus postumum, A. A., Bd. 21, S. 103: „Das Denken ist ein Sprechen und dieses ein Höhren.“ mit geschlossenen
Augen aber übe ich
stets das Verwandeln
von Denken in Sprechen und
dieses in Hören
15388-15390: Zu "Gedanke" und "Dank" vgl.. J. und W. Grimm, Deutsches Wörterbuch. – Erwähnt wird folgendes Zitat von Heidegger: „Lernt erst danken, dann könnt ihr denken.“ (jedoch: vielleicht gelingen
Gedanken nur im
langen Atem des Dankens)
von der Mitte aus
verbindet die Sprache und
setzt in Bewegung
was bei mir ankommen will
15395: Psalm 50,17 (51,17: „Herr, tue meine Lippen auf ...“) labia mea
Domine aperies
als dunkles Gelenk
dient uns die Sprache auch noch
wenn wir als Schatten
[15400] den Schatten berichten von
diesem Lichtschwachen
doch Hellen das wir erst vor
kurzem noch waren
ich will mir nicht vorstellen
was sein wird falls die
Sprache endgültig verstummt
wenn kein Atem mehr
sich zurückhält um Laut und
Stimme zu werden
wenn der Rückbau einsetzt und
die Hörorgane
in der Stille verkümmern
15413: Val Nüglia („Tal des Nichts“): Seitental kurz vor dem Ofenpass in Richtung Nordost. im Val Nüglia
das baum- und weglos sich vom
Übergang wegdreht
unter einem riesigen
Felsblock wird versucht
mit Zeichen und Strich die Welt
wieder näher an
den Himmel zu binden ein

Grotto im Val Bavona (TI)
Hexenzettel zwingt
die vergessenen Dinge
als Sorge zurück
die Schrift spreizt den Raum verstrebt
den Taumel zwischen
Vernunft und Unvernunft sie
ordnet und lenkt was
zu zirkulieren beginnt

"Hexenzettel", 18. Jh.
15431-15435: Roland Barthes, Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980, S. 78. doch zugleich zeigt sich:
kein Text hält was er verspricht
zugleich flach und tief
ohne Konturen am Rand
ohne Merkpunkte
bietet er Teilstücke an
zur Beobachtung
schließlich zeigt er nur noch sein
eigenes Zeigen
es liegt ihm nichts mehr daran
mehr zu bedeuten
an der Textoberfläche
haften ab und zu
als Sinnpartikel kleine
noch leere Rähmchen
15444: Siehe die Schrifttafel imVordergrund der Zeichnung Engelsmesse von Albrecht Dürer, wo Dürer handschriftlich den zitierten Satz einfügt. „do schreib herein was ihr wollt“
noch vor jeder Schrift
sehe ich auf rotem Grund
ein spielendes Kind
(auf die Rückseite des Bilds
„Kreuztragung Christi“
[15450] hat es Hieronymus Bosch
samt Spielzeug gemalt)
man findet weder Haupt- noch
Nebeneingänge
zu diesem Text der nur als
Beleuchtungskörper
flackernd einige Nischen
kurzfristig erhellt
schon verlassen viele nachts
ihre Wohnungen
und steigen auf die Dächer
pressen verzweifelt
die Handflächen auf ihre
kalten Ohrmuscheln

15446-14451: Hieronymus Bosch, Kind mit Windrädchen (um 1480); auf der Rückseite des Bildes: Kreuztragen Christi.
15468: „Uschebti“ („Antwortende“) sind Grabbeigaben, die im Alten Ägypten als Symbol für den Verstorbenen beim Totengericht Antwort geben und an seiner Stelle Arbeiten verrichten sollten. Oft wurden sehr viele solcher Figürchen, zum Beispiel für jeden Tag des Jahres eines, ins Grab gelegt.
der kleiner werdende Leib
verwandelt sich schnell
in eines der Figürchen
aus Terrakotta
einen der Uschbeti die
als Grabbeigaben
Antwort geben an Stelle
derer die tot sind
dreihundertfünfundsechzig
Händchen schreiben im 
Dunkeln diesen Text fort als
spirituale
simulacrum wird nochmals
alles sich zeigen
doch heller als es je war
15479-15484: Roland Bartes: „Man schreibt nicht mehr aus diesem oder jenem Grund, sondern der Akt des Schreibens wird von dem Bedürfnis nach Sinn getrieben.“ In: ders., Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980, Frankfurt a.M. 2002, S. 271f.

15485-15491: a.a.O. S.230f.: "Es [das Haiku] erzeugt keinen Sinn, befindet sich aber gleichzeitig nicht im Nicht-Sinn. Es ist immer wieder das gleiche Problem: der Sinn darf nicht greifen, er darf jedoch auch nicht aufgegeben werden.“ [s. ausführliche Anmerkungen]

15496-15500: Marcel Proust:  „Du reste, quand le sommeil l’emmenait si loin hors du monde habité par le souvenir et la pensée, à travers un éther où il était seul, plus que seul, n’ayant mème pas ce compagnon où l’on aperçoit soi-même, il était hors du temps et de ses mesures.“

1500115505: Franz Rosenzweig: „Im Denken schlägt wirkich ein Schlag tausend Verbindungen; im Schreiben müssen diese tausend säuberlich auf die Schnur von Tausenden Zeilen gereiht werden.“

befreit vom Anspruch
des Mitteilen-Müssens zählt
nur die Geste der
beharrlich schreibenden Hand
angetrieben von
dem Bedürfnis nach Sinn doch
zersetzt diese Form
zum Glück (in ihrer Mattheit)
jedes Erreichen
von Sinn oder Nicht-Sinn das
Ungeordnete
wird zwar vermieden doch stellt
sich Ordnung nicht ein
ich schreibe eingebettet
im Torf der Sätze 
ich schwebe im leuchtenden 
Plankton der Wörter
allein unterwegs zwischen
Erinnern und nichts
ohne diesen Gefährten
in welchem ich mich
[15500] selbst zu erkennen vermag
die Verbindungen
die das Denken gleichzeitig
wahrnimmt müssen hier
schreibend und nacheinander
aufgereiht werden
doch was zu zeigen sich lohnt
findet sich noch nicht 
in dem was hier steht sondern
in dem was erst kommt
hier wird ein Denken das schreibt
eingeübt ohne
zu wissen was sich daraus
ergibt Stichworte
fallen mir zu das Sammeln
braucht Zeit und Geduld
15516: Roland Barthes wider die Gemeinplatze: „Avantgarde ist immer dann anzutreffen, wenn es der Körper ist, der schreibt, und nicht die Ideologie.“ schließlich ist es mein Körper
der schreibt nicht mein Kopf
es sind meine Augen die
nicht alles sehen
meine Ohren sind es die
wenig verstehen
eine Ungewissheit fällt
ein Zögern mich an
das die Zeit verlangsamt und
das Dauern verwischt
das Schneelicht des Mondes bleibt
unberührt liegen
das kurze Rascheln im Schilf
was teilt es mir mit
meine Wahrnehmung treibt wie
15531: Conrad Gesner, Historiae animalium Liber III qui est de avium natura, Zürich 1555, S. 611-614. Paradiesvögel [„Lufftvogel“] haben keine Füße [„pedes nulli“], halten sich ständig in der Luft auf und ernähren sich vom Tau des Himmels.

15537-15541: Gustave Flaubert, Bouvard und Pécuchet: „Um die Wetterzeichen im voraus deuten zu können, studierten sie die Wolkenformen ....; die Formen wandelten sich, bevor sie überhaupt die richtigen Namen gefunden hatten."

ein Vogel im Wind
der seine Füße vergisst
er weiß er findet 
nichts was ihm Stillstand gewährt
unter ihm spiegelt
ein stehendes Gewässer
Wolken und alles
was dem Blick sich schnell wieder
entzieht schneller als
man dafür einen Namen
zu finden vermag
mich dünkt die Flut unter mir
läuft selten mehr auf
das Brackwasser versickert
im dunklen Schlickwatt
schon verkrusten die feinen
Röhrchen und Krater
der sandfressenden Würmer
die Seegraswiese 
[15550] sinkt in einen steinschweren
heutrockenen Schlaf
erstarrt im Licht und im Wind
erinnern sich jetzt
nur noch die Innenseiten 
der Schalen an ihr
einst seidig-schlüpfriges Fleisch
Muscheln und Schnecken
weit offen voll Mehlsand und
düsterem Quarzstaub
bereiten sich vor nur noch
ein Abdruck zu sein
unter Tag später hier setzt
ihr leises Wiegen
und Rollen endlos sich fort
jede Bewegung
möchte Neues beginnen
und lange ahmt sie 
Vorangegangenes nach
bis eines Morgens 
aus dem scharfkantigen Kalk
die ersten Zeichen
als feine Schattenrisse
aufsteigen ans Licht
15575-15577: Dante Die Göttliche Komödie (Paradies, 2,10-14): „Ihr andern wenigen, die ihre Häupter / Beizeiten nach dem Brot der Engel kehrten, / Von dem man hier, doch ohne Sattheit, lebet, / Ihr möget gerne eure Segel wenden / zum hohen Meer ...“ Als „Panis angelorum“ hat Thomas von Aquin die Hostie in der Liturgie bezeichnet. eine erste Anleitung
vielleicht für Engel
zum Backen des Brotes das
nährt doch nicht sättigt
trotzdem lerne ich lesen
und erwarte jetzt
stündlich des Wassers Rückkehr
ich werde mein Boot
in der Not aus Binsen und
Sätzen geflochten
abdriften lassen hinaus
aufs offene Meer
und ohne auf die Augen
zu hören weiß ich
Wasserstaub fällt und es schiebt
ein Lichtschleier sich
durch mein Gesicht unter mir
kippen Eisschollen
träge ins schäumende Meer
15596-15599: Buch Josua 5,15: „Nimm deine Sandalen von den Füßen, denn der Ort, wo du stehst, ist heilig.“


15599: Rudolf Steiner: „Der Kopf denkt viel zu langsam und der Bauch viel zu schnell.“

Nachbilder tilgen:
Städte in Asche und Schutt
Stimmen löschen die
heilige Orte nennen
(wo ich die Schuhe
ausziehen müsste) endlich
wird vielleicht mein Kopf
schneller denken als mein Bauch
[15601] schon kommt mir diese
Bäckerei in den Sinn die
eingerichtet bar
jeden Geschmacks immerhin
duftet nach Brot da
steht dicht neben der Kasse
die Sparbüchse in
der Geld gesammelt wird für
krebskranke Kinder
dieses ganze Ensemble
berührt mich ohne
dass ich verstehe weshalb
mein Erkennen bleibt
flackernd und voller Lücken
doch das Empfinden
wird schmiegsamer und spannt sich
mühelos zwischen
allem aus was die Sinne
wahrnehmen zwischen
diesen Inseln die kaum noch
herausragen aus
dem ansteigenden Wasser
vielleicht ist dieses
Unterscheiden unnötig
unterliegt einer
Täuschung verursacht durch den
Einbruch der Kälte
und das Grau der schnell kürzer
werdenden Tage
plötzlich bricht auch Gewohntes
unerwartet als
Rätsel herein über mich 
verwirrt mich zutiefst 
15635-15640: Paul Barié, Sappho und Archilochos: Zauber des Anfangs. Ursprünge der europäischen Lyrik, Annweiler am Trifels, 2008, S. 21f. Das Textfragment des Gedichtes von Archilochos bezieht sich auf die Sonnenfinsternis vom 5. April 648 v. Chr. wie die Sonnenfinsternis
den Archilochos:
„künftig soll keiner sich noch 
wundern wenn er sieht
wie die Landtiere ihren
Weideplatz tauschen
mit den Delphinen im Meer“
ob die Wirklichkeit
(und ihr Geschmack) mir immer
so fremd bleiben wird
15644-15647: gr. lysimelēs = gliederlösend. Paul Barié, a.a.O., S. 57: „Bei Homer ist es der Schlaf, der die Glieder löst, d. h. die Menschen willen- und wehrlos macht, aber auch jeden Stress und jede Anspannung von ihnen nimmt, weil er den Frieden der Erschöpfung schenkt. Hesiod überträgt die Vorstellung vom Schlaf auf den Eros.“ In diesem Zusammenhang kommt der Begriff sowohl bei Archilochos als auch bei Sappho immer wieder vor. löst sie einst meine Glieder
und lässt mich kraftlos
jenseits des Schlafes jenseits
des Eros zurück
meine Gedanken pendeln
vom Rand zur Mitte
und wieder hinaus zum Rand
[15651] unerreichbar die
wirbelsäulige Wolke
die vor mir schwebt mit
hellen Splittern durchsetzt wie
ein Lichtnelkenstrauch
der im Sturm sich losreißt und
nirgends mehr festhält
sich aber auch nicht entfernt
wie zurückfinden
zur Unbeschwertheit die sich
abfindet mit dem
was unabänderlich ist
15663-15669: Dieses Tanka (= jap. Kurzgedicht mit 5-7 5-7 7 Silben) stammt von Ariwara no Narihira (825-880). „gäbe es keine
Kirschblüten in dieser Welt 
wie gelassen und 
heiter könnte im Frühling
mein Herz sein“ heißt es
in einem Tanka aus dem
neunten Jahrhundert
15671-15674: Sappho: „Eros hat mir die Sinne durchgeschüttelt wie der Wind, der vom Gebirg herab in die Eichen fällt.“ Vgl. Paul Barié, a.a.O., S. 74.

15674-15680: Horaz, Carmina I,9: „alles andere überlass der Sorge der Götter: wenn sie / dem Sturm gebieten, der in des Meeres Gebraus / sich austobt, regen die alten Zypressen, / Regen sich nimmer die Eschen.“

doch ist es vielleicht nötig
dass der Wind auch uns
durchschüttelt wenn er herab
vom Gebirge in
die Eichen sich stürzt und sich
austobt über dem 
wild aufschäumenden Meer erst
wenn Götter den Sturm
niederringen regen sich
die alten Eschen
und die Zypressen nicht mehr
fast scheint es als ob
Totenstille eintrete
doch setzt das Gespräch
zwischen uns und den Bäumen
sich fort alles bleibt
miteinander verbunden
15687-15690: Gerard Manley Hopkins, Journal [Eintrag vom 19. Juni 1866]: „They are not dead who die, they are but lost who live.“ zwar sind wir obwohl
wir noch leben verloren
andererseits wenn 
wir sterben sind wir nicht tot
selbst jene Bilder
an die sich ein Erinnern
nie anschließen wird
lassen Leerstellen nicht zu
aus eigener Kraft
halten sie sich im Stillstand
vergessener Zeit
irgendwo kommen auch wir
in ihnen noch vor
[15700] als ein opakes Schimmern
das sich farbigen
Zonen zu nähern versucht
ein Vorgang der sich
in diesem endlosen Text
endlos wiederholt
15707-15709: Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen über die Farben (Nr.15): „In jedem ernsten Problem reicht die Unsicherheit bis in die Wurzeln hinab.“

15710: Diese Frage stellt Leo Löwenthal in einem Brief vom 29.06.1943 Herbert Marcuse.

die Ratlosigkeit mit der
er seine Zweifel
ins Ungewisse vortreibt
zerrt an den Wurzeln
„warum die Juden warum
nicht die Radfahrer“
eine Frage bestehend aus
harmlosen Wörtern
kaum aneinandergereiht
ist sie ein Abgrund
ob wirklich vieles nichts mehr
und nichts anderes
bedeutet als was es ist
15719.15725: Vgl. die Aktion von Tomas Schmit (1962): zyklus für wassereimer (oder flaschen). (einer der Wasser 
umfüllt von einem Gefäß
in ein anderes
füllt er nichts ab als Wasser
von einem Gefäß
in ein anderes) ob es
überhaupt etwas
gibt insofern es sich zeigt
das stets bei sich und
also bedeutungslos bleibt
ausgesetzt einer
so in sich gestimmten Welt
bliebe noch etwas
was verstanden sein möchte
sehen: reinstes Weiß
die ebenso farblose
vollkommene Zahl
 

 

 

 

 

15744-15751: Anspielungen auf Stellen im Gedicht Brot und Wein von Friedrich Hölderlin

die Schale mit Früchten die 
schräg auf dem üppig
bunten Bettüberwurf liegt 
wie er sich aufwellt
hin zum offenen Fenster
da steht ein Mädchen
(im Profil hell das Gesicht)
das einen Brief liest
in dieser dürftigen Zeit
hält solches Sehen
mich wach weil es anzeigt dass
sich vieles verbirgt
(wir kommen vielleicht zu spät
„aber das Irrsal 
hilft wie Schlummer und stark macht 
[17551] die Not und die Nacht“)
trotz schwer lastendem Dunkel
meine ich draußen
auf dem Meer zu erkennen
wie die Schaumtatzen
auf ihren Wellenkämmen
ins Leere greifen
wie sie hastig ausfransen
sich überstürzen
und träge wegsinken in
das rauschende Schwarz
das sich gleich wieder aufbäumt
Finsternis liegt wie
ungewaschene Wolle
mir warm auf der Haut 
riecht streng und zerkratzt mir die
offenen Poren
denen die Fähigkeit fehlt
sich dem Sonnenstand
anzupassen die einmal
geöffnet sich zu
nichts mehr entschließen deren
Membranen erstarrt
jeden Druck weiterreichen
ins Innere wo
die Bewegung als Hitze
sich sammelt und staut

 Jan Vermeer: Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster (um 1659). 
15778-15783: Vgl.: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 25. Gesang, 118-120): „Wie einer, der hinschaut und eine kleine / Verfinsterung der Sonne sehen möchte, / Und weil er sehen will, gar nichts mehr sehen kann.“  ich schaue hin wie einer
der eine kleine
Verfinsterung der Sonne
sehen möchte und
weil er sehen will kann er
gar nichts mehr sehen
so gleitet mein Blick an den
Schornsteinen vorbei
und über die hohe und
scharf gezeichnete
Kante des Hauses hinweg
in eine Nacht die
mit ihrem tiefschwarzen Saum
sich festhält vielleicht
für immer an den Rändern
der lichtlosen Welt
nicht nur Sichtbares gilt es
auszulöschen auch 
das Hörbare soll in eine
Stille verrauschen
und sich lösen vom Grund der
Lesbarkeit vortäuscht
[15800] dieser Text hält an seiner
Unlesbarkeit fest
er beginnt immer neu und
schreibt endlos sich fort
auf leere Flächen oder
den Balken entlang
ausgeschnittener Kreuze
wieder und wieder
hole ich Atem halte
einige kleinste
Luftpartikel zurück die
meine Zuversicht
stärken mit der Zeit leichter
zu werden bis ich
aus dem eigenen Blickfeld
schließlich verschwinde
15816-15828: Vgl. Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 27. Gesang, 97-108). nahe am schnellsten Himmel
„der Welt Natur
die ihre eigne Mitte
in Ruhe hält und
alles ringsum beweget
hier liegt ihr Anfang
hier kommt sie an ihr Ende“
hell lachend erklärt
Beatrice so Dante 
das Paradies mir
genügt zu wissen dass es
dieses Lachen gibt
und irgendwo ein Ende
15829-15833: Buch der Könige I 18,41ff.
inzwischen hocke
ich mich hin auf die Erde
das Gesicht zwischen
den Knien erwarte ich
Wolken und Regen
15845-15847: Vgl. Vergil, Aeneis, III, 441ff.: Die Sibylle von Cumae schreibt weissagend auf ihre Blätter, die der Wind aber immer wieder durcheinander und fort bläst. und Wind der mir die Seiten
wegfegt kaum dass ich
zu schreiben beginne ich
binde zwar Wörter
streng aneinander höre
aufmerksam auf das
Geräusch meines Stifts auf die
Pausen dazwischen
wenn der Kopf leer wird und ein
diminuendo
quasi al niente einsetzt
doch wirbelt all das
mit dem leisesten Luftzug
davon und eine
gedankenfliehende Kraft
15850: Freidrich Hölderlin, Der Spaziergang: „ ... / Ihr lieblichen Bilder im Tale, / Zum Beispiel Gärten und Baum, / Und dann der Steg, der schmale, / ...“ zerrt mich über den
[15850] schmalen Steg in die Gärten
zu den Bäumen die
wie Baustützen den Himmel
hochstemmen schwankend
diese gräuliche Platte
aus zerkratztem Blei
darin die Welt sich spiegelt 
kaum noch erkennbar
als undeutliches Bild das
in der Milchstraße
schwer geworden jetzt keine
Lichtung mehr anzeigt

Peter Iseli, Bleiblech
2008.
15848-15853: G. Chr. Lichtenberg: „Hier nimm meinen Stoff wieder, Natur, knete ihn in die Masse der Wesen wieder ein, mache einen Busch, eine Wolke, alles, was du willst, aus mir, auch einen Menschen, aber mich nicht mehr.“

 

„hier nimm meinen Stoff wieder 
Natur knete ihn
mach einen Busch eine Wolke
alles was du willst
aus mir auch einen Menschen
aber mich nicht mehr“
nicht dass ich unzufrieden
wäre mit dem was
ich meine ich sei es nein
ich versuche nur
eine Lücke zu finden
ein Fluchtweg aus der
Beschreibung der Beschreibung
15875-15880: Vgl. Friedrich Hölderlin, Im Walde
George Steiner, Von realer Gegnwart, 1990, S. 13f.: „Die These lautet, dass jede logische Auffassung dessen, was Sprache ist und wie Sprache funktioniert, dass jede logisch stimmige Erklärung des Vermögens der menschlichen Sprache, Sinn und Gefühl zu vermitteln, letzlich auf der Annahme einer Gegenwart Gottes beruhen muss."
denn die Sprache bleibt
„der Güter gefährlichstes“
sagt Hölderlin „dem
Menschen gegeben“ damit
er eine Ahnung
bekäme vom Göttlichen
doch ruft sie oft auch
vor die Augen ein Flimmern
ein Funkenstieben
und ein doppeltes Sehen
führt uns zur Blindheit
(eine Vergiftung wie sie
die Scopolina
hervorruft das Bilsenkraut
mit seinen blauen
hängenden Kelchen und der
bitteren Wurzel)
15892: Gerard Manley Hopkins, Tagebucheintrag vom 8. April 1868. In: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London (Oxford University Press) 1959, S. 163.

15897-15904: Ders., Tagebucheintrag vom 27. April 1868. a.a.O., S. 164. („...etwas graue Bewölkung zwischen Schauern gerippt und faltenfallend und einiger wilder leuchtender großer Zausflaum an der Grenze einer weiten Drift mit dahinter aufsteigendem Blau ...“ (Übersetzung: Peter Waterhouse).

15909-15911: Hopkins notiert am 15. März 1868 in sein Tagebuch: „Venus like an apple of light.“ a.a.O., S. 162.

„the word to concelebrate“
was Hopkins damit
in seinem Tagebuch meint
wird mir nicht so klar
wie wenn er Wolken beschreibt:
„some grey cloud between
showers ribbed and draped and some
wild bright big blown flix
[15900] at the border of a great
rack with blue rising 
behind“ so lag der Himmel
über England an
diesem einen Frühlingstag
und indem Hopkins
Beobachtetes festhält
zeigt sich ihm während
des Schreibens mehr als er weiß
am fünfzehnten März
sieht er die Venus hell wie
ein Apfel aus Licht
wie könnte ein Stern für mich
der ich dies las je
wieder nichts als ein Stern sein
der Anblick einer
langsam wachsenden Eibe
die vielleicht seit mehr
als tausend Jahren krumm und
immergrün dasteht
lässt mich Klangtrauben hören
einzelne Töne
lösen sich ab um Reihen
zu bilden kurze
flüchtige Melodien
die im Gedächtnis
nichts hinterlassen und bloß
Stille erzeugen
um ein Geringes dehnt sich
meine Zeit und wird
zur Zeit dieser bedächtig
wachsenden Eibe
unter schwerem Schatten und
hellroten Beeren
sink ich in traumlosen Schlaf
bis der Flügelschlag 
einer Taube mich aufweckt
bedürftig hat mich
Gott in weiser Voraussicht

G.M. Hopkins: Clouds (1863)
15939-15960: Meister Eckhart zitiert Sant Dionysius: „Das ist nicht paradox, dass Gott die Seele seines Angesichts bedürftig gemacht hat, da doch schon die Sonne ohne Auftrag den Maden und Würmern im faulen Holz Leben verleiht.“ In: Meister Eckhart, hg. von Franz Pfiffer, 1. Abt., Leipzig 1857, S. 536f.,  hier auch die weiteren zitierten Stellen. geschaffen und „daz 
ist niht wunder, daz got diu 
sêle nôtdürftic 
gemachet hat mit sîner 
angesiht sît daz 
diu sunne âne gebôt 
den maden unde
den würmen leben gît in
dem vûlen holze“
Meister Eckhart leidet an
nichts in seinem Nichts
[15950] „dô ich herre in dir was“
bedürftig jedoch
wird er wenn Gott ihn anschaut
scheidet die Seele
sich von Gott „ist daz ein tôt“
also ist alle
Beweglichkeit sterben und
so muss die Seele
„von zît ze zît" sterben weil
sie Gott nicht begreift
im Nichts steigt sie hinüber
Ekharts Liebe muss
berauschend gewesen sein
erfasst von einem
mächtigen Sehnen reißt er
in uns etwas auf
in das zu stürzen sich lohnt
heute bleibe ich
sitzen am langen Holztisch 
und höre nicht auf
mit meinen Fingerkuppen
die Ahornbretter
abzutasten auf denen
ein Bäcker früher
seinen Teig ausgewallt hat
während Tagen nur 
dieses Tischblatt betrachten
die ausgebleichten
Flecken verschütteten Weins
Ölschlieren Kratzer
von Übergriffen auf das
geduldige Holz
Brosamen wenige und
hart schon wie Kiesel
und plötzlich sitzen alle
wortlos und hungrig 
noch einmal am Tisch alle
die je an diesem
Tisch saßen doch bleibt es still 
in der Küche kein
Duft breitet sich aus mich dünkt
es könnte eine
jähe Bewegung oder
ein zu lauter Ton
dieses Zusammensein für
immer beenden
15991-16000: „Zum ersten Mal begriff ich, dass der starre und tränenlose Blick (...) den sie [die Mutter] seit dem Tod meiner Großmutter hatte, auf dem unbegreiflichen Widerspruch zwischen Erinnerung und Nichts haften geblieben war.“ M. Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV], Frankfurt a.M. 2004, S. 250f. wie durch eine Nebelwand 
gleitet mein Blick auf
diese unbegreifliche
"contradiction du 
[16000] souvenir et du néant.“

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Z. 6001-12000 bei  Edition Korrespondenzen Wien (als "Eines der schönsten Bücher Österreichs 2008" zusätzlich ausgezeichnet mit dem Österreichischen Staatspreis).

20.01.2010