| Nicht bei Trost
(Haiku, endlos) Z.15001 - 16000 |
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„Der bedingungslose Verlust der Sprache beginnt. Man schreibt nicht mehr aus diesem oder jenem Grund, sondern der Akt des Schreibens wird von dem Bedürfnis nach Sinn getrieben." Roland Barthes |
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ich übe Geduld mit den Dingen die sich nur widerspenstig hier aufzählen lassen die sich nicht fügen wollen diesem Ordnen das doch auf nichts einwirken will und nichts anstrebt nahezu desinteressiert wächst meine Aufmerksamkeit (dieses dürftige Innehalten das einen Augenblick lang der Zeit widersteht bevor sie mich unerbittlich ins Unerträgliche treibt) ich sehe und bin doch verunsichert: ob die Zeichnung der Dinge mich angeht und ob diese auf mich zu treiben oder auf unsichtbaren Linien sich schnell von mir entfernen sobald mein Blick sie festhält und abzutasten beginnt sicherer wäre sich dem Hören zu widmen den Klängen die mich finden ohne dass ich mich ihnen zuwende und ohne dass ich ihnen entgegenstürze die sich arglos einnisten unter der Haut und meine Zellen in Schwingung versetzen Löcher rei damit die kalte Schlammasche ausfließen kann |
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| 15041-15052: Der chinesische Maler Luo Ping (1733-1799) malte um 1763 das Bild „Pflaumenblüten“. Seine Frau Fang Wanyi ergänzte das Bild, indem sie mit dem Saft der Trichterwinde die Blüten rot färbte. |
Luo Ping malte Pflaumenzweige anderntags färbte seine Frau die Blüten rot mit dem Saft der Trichterwinde es sind mit Leben und Tod beide beschäftigt: ein Gedicht schreiben einen Wasserkrug zeichnen [15050] etwas Gutes tun heute man müsste alles miteinander verbinden |
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| 15054: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 7. Gesang 121-123). |
ich muss mich aus dem accidïoso fummo retten in einen hellen Zorn ein Gebläse ist einzurichten mit Pfeifen die in klaren Bächen stehen ein organon hydraulikon das mir Zuversicht und Abstoßkraft gleichmäßig in die Lungen pumpt |
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| 15065-15068: Augustinus, De libero arbitrio, II,34.44 |
in einem Rhythmus der mich
Zahlen finden lässt so dass der Zerfall der Form aufgeschoben wird für ein paar Augenblicke |
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| 15069-15071: dire – dédire – redire – autrement dire: ein Grundthema bei Emmanuel Lévinas, s. z.Bsp.: Autrement qu’être ou au-delà de l’essence [1974]. |
sprechen und nochmals sprechen und widersprechen und anders sprechen auch in vierfachem Anlauf gelingt diesem Text weder Überblick noch Schluss die Landschaft erträgt dass man sie belastet mit Wasser und Luft ja selbst das Licht ist ihr oft schwer sie wird bestimmt nicht gleichgültig bleiben unter unseren Blicken unserem Tritt an ihr geht nichts spurlos vorbei ohne Aufhebens lässt sie über uns Büsche wachsen deren Wurzeln still hinuntertreiben in die eingefallenen Brustkörbe ohne dass wir es merken beginnt ein Leib sich wieder aufzurichten dieses Mal schwerelos und stumm |
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| 15094-15101: „I went and i returned. / it was nothing special. / Rozan famous for its misty mountains; / Sekko for its water.“ (Chinesisches Gedicht). |
an einem Ort der weder berühmt ist für den nebelverhangenen Berg noch für seinen Fluss der je nach Jahreszeit an- oder abschwillt wo [15100] keiner der kommt oder geht sagt das sei alles hier ist Zuversicht unnütz und ein Glück ist es keine Ahnung zu haben endlich kann ich mich konzentrieren auf eine einzige Frage: |
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15108-15111: In Armenien wird aus dem Holz des Aprikosenbaums das Duduk,
ein traditionelles Blasinstrument, hergestellt.
15112-15117: „... immer wenn wir meinen, was wir sagen, erheben wir für das Gesagte einen Anspruch, dass es wahr oder richtig oder wahrhaftig ist; damit bricht ein Stück Idealität in unseren Alltag ein.“ Jürgen Habermas, Was Theorien leisten können – und was nicht.
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die Aprikosenbäume in Armenien vermag ich den Klang ihres Holzes zu hören? (indem ich diese Frage für sinnvoll halte zeigt sich ohne mein Zutun etwas Neues als ganz Anderes bricht es ins Alltägliche ein) wie ist es möglich dass ein nur vorgestelltes Geräusch mich an den Tod zu erinnern vermag das Aufschwingen einer Tür von der ich meinte sie sei verschlossen ein kaum spürbarer Luftzug reißt sie auf während draußen doch Windstille herrscht |
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oder das leise Knistern der Spelzen die im gleißenden Nachmittagslicht die Weizenkörner freilegen und der Hitze aussetzen in der sich das Feld sträubt wie ein Fell an den Haarwurzeln spürt die Haut dass der Austausch abbricht dass sie sich spannt über etwas was sich zurückzieht ohne den Ort anzugeben wo eine Beschreibung neu versucht werden könnte wo Wörter wieder als osmotische Ketten den Durchlass sichern für die Erfahrung wenn sie im Tageslicht sich verzettelt verschachtelt als |
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Raupe will ich nachts [15150] das Blattwerk vermessen mich strecken krümmen als weißer Linienspanner werde ich später meine schwarz geaderten Flügel ausbreiten |
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15156-15159: Taiemhotep (1. Jh. v. Chr.), die Frühverstorbene, klagt über ihr Schicksal.
(Bibliographie s. Anmerkungen)
15160-15167: Stellen aus William Blake, The Book of
Thel und America.
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und mich an Taiemhoteps Klage erinnern: „was den Tod betrifft“ schreibt sie „’Komm’ ist sein Name“ ich steige hoch und zeige als kleine Wolke schaukelnd meine goldne Stirn when I pass away it is to tenfold life and to raptures holy schon sehe ich den Wal der meine Seele trinkt |
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rieche das Salz das sich auf Kiesel und Schlick legt bevor es am Ufer als weißes Gebirge ausbleicht im gleißenden Licht |
![]() Salzberg, Lesbos (GR) |
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15173-15175: "Denn der hat viel gewonnen, der das Leben verstehen kann, ohne zu trauern." Friedrich Hölderlin, Reflexion |
jemand empfiehlt mir das Leben zu verstehen ohne zu trauern was mir schwer fällt wenn ich mir Bilder vorstelle |
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15180: Arvo Pärt: fratres (1977), bes. die Version für 12 Celli. |
von stolz
lächelnden Henkern wieder und wieder höre ich „fratres“ um mich zu beruhigen beim Einsammeln von allem |
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was vergeht aber nicht stirbt: Wolken und Blüten das Erinnern das wie ein Ton langsam verklingt alles andere legt sich mir in den Weg wie |
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15190-15192: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle,
30,136f.).
15192: Hohelied 5,2: „Ich schlief, doch wach war mein Herz.“ 15194-15201: Aratos [ca. 310 - 245 v. Chr.], Phainomena. Sternbilder und Wetterzeichen.
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einem der vom Unheil träumt der sich im Traum wünscht dass er nur träume er wacht während sein Herz schläft die Not der Menschen beweint die uralte Nacht unter den Flanken des blau schimmernden Hasen der gehetzt vom großen Hund zu fliehen versucht [15200] ihn verfolgt des Sirius glitzerndes Auge |
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| 15202-15215: Giambattista Vico, Prinzipien einer neuen Wissenschaft, Nr. 239: „Die Ordnung der menschlichen Dinge schritt so vorwärts: zunächst gab es die Wälder, dann die Hütten, darauf die Dörfer, später die Städte und schließlich die Akademien.“ (Nr. 239) - „... denn Vulkan hatte Feuer an die Wälder gelegt, um bei offenem Himmel zu beobachten, woher Jupiter seine Blitze senden würde.“ (Nr. 564). |
fast wünsche ich dass sich der gelichtete Wald wieder über mir schließe und ich unter dem dichten Astwerk verschwinde im schattigen Laub nichts wissend von den Zeichen oben am Himmel die bewirken dass alles etwas bedeutet ich beobachte am Teich lieber das Zucken der Wasserläufer als die Blitze am Himmel die kleinen Dellen die sie mit ihren Füßen schwimmend ins Wasser treiben wie mag das klingen für die Fische darunter |
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| 15223: Nimrod: Buch Genesis 10,8-10: „Der [Nimrod] war der erste Held auf Erden. ... Und der Anfang seiens Reiches war Babel.“ N. büßt bei Dante im 9. Höllenkreis (Hölle, 31. Gesang). |
es ist noch kein Held geboren und Nimrod baut in Babel noch nicht keiner merkt dass er alles noch immer versteht und der große Wirbel im Stillen Ozean treibt geduldig nur Plankton und Algen im Kreis noch fehlen die Inseln der farbige Teppich |
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| 15226-15234: „The great Pacific Garbage Patch“: riesige Abfall-Insel im Pazifik. |
the Garbage Patch ausgerollt lautlos als totes Neuland im todkranken Meer |
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noch ist der Tau Tau und das Schilf nichts als ein Gras das sich im Wind biegt noch muss niemand zum Gipfel aufsteigen mühsam (durch das Purgatorium) um zu erkennen dass Sehen wie Nicht-Sehen sich verwandeln lässt in eine lesbare Schrift |
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| 15245-15249: Vgl. Stefan Bauernschmitt, Operative Behandlung des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms durch Zungengrundzügelung, Regensburg 2008. |
jetzt aber quälen mich Atemstillstände und dem Zungengrund droht die Zügelung nachts bin ich zu knapp belüftet [15250] es fehlt mir der Wind mit dem doch alles begann |
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| 15254: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Die Hölle, 33. Gesang, 42): „E se pon piangi, di che pianger suoli?“ |
jeder Traum endet indem einer ins Ohr mir flüstert: wenn du hier nicht weinst wann willst du weinen? ich antworte nicht weil ich nicht mehr im Traum bin |
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| 15259: „... Die [Augen] sind wie zwey uberaus helle, klare und schöne Liechter, welche da führen und erlüchten den gantzen Leib ... daß Galenus sie nicht unbillich Divina memba, das ist göttliche Gliedmaß nennet.“ Wilhelm Fabricius Hildanus, Von der Fürtrefflichkeit und Nutz der Anatomy, Bern 1624. |
schon reizt der Lichtstaub meine membra divina ich sehe zum ersten Mal wie der Tag ankommt: grau und im Rauschen versteckt des Regens unter den schweren Tropfen zittern die Blätter des Farns über die Mauer rippeln kaum sichtbar kleine Wellen verschwinden im Kies Feuchtigkeit legt sich als Schatten ins Erdreich steigt erst wieder aufwärts durch die Schachtelhalmknoten mich einzufügen in Kreisläufe fällt mir schwer ab- und wegsinkend stets freundlich zuzustimmen besser wäre nichts mehr zu berühren alles hinauszuschieben aus dem Bereich dessen was möglich und wirklich sein könnte wie leicht ließe sich nichts erreichen würde der Blick nicht gestört und abgelenkt durch die unruhigen Zweige |
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| 15287: Giacomo Leopardi: L’Infinito: „... il naufragar m’è dolce in questo mare.“ [„Und so versinken / im Unermesslichen mir die Gedanken, / und Schiffbrunch ist mir süß in diesem Meere.“] |
il naufragar m’è dolce in questo mare jede Vorstellung verdoppelt etwas zwingt mich mir gegenüber wahrzunehmen was da ist |
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| 15293-15295: „Alles zeigt sich und wird sagbar im Sein um der Gerechtigkeit willen …“ Emmanuel Lévinas, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg 1992, S. 354. |
dies Andere um der Gerechtigkeit willen heißt es mich sprechen von den blassen Blüten der Steinrosen am Berg von der Geometrie der Schuttkegel vom Durst [15300] der Schmetterlinge und vom |
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| 15301: Emmanuel Lévinas, Die Philosophie und die Idee des Unendlichen: „Die Idee des Unendlichen ist ein Denken, das in jedem Augenblick mehr denkt, als es denkt." |
Denken das mehr denkt als es denkt allzu vieles drängt in den Haushalt meiner Vernunft wo sich das Ungeordnete mühsam zu ordnen versucht noch bin ich lange nicht fertig mit diesem und mit dem Anderen |
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| 15310-15312: Emmanuel Lévinas: „Sie [die Totalität des Gesagten; F.D.] bewahrt jene Bewegung zwischen dem Sehen und Sagen, jene Sprache reiner Transzendenz ohne Korrelat – wie das von keinem Erwarteten noch zerstörte Warten – Noesis ohne Noema – von reiner Verschwendung ...“ in: ders., Eigennamen, München 1988, S. 52. |
ich warte und hoffe dass das Erwartete mein Warten möglichst nicht stört indem ich die Spur die ich lege verwische lege ich sie neu um die Welt zu beschreiben scheint unabdingbar dass sie in Unordnung bleibt jenseits von Ordnung und Unordnung dort wo ich mir selbst begegne |
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| 15322: mors immatura = frühzeitiger Tod. |
droht als mors immatura etwas in mir mit wuchernder Ungewissheit vielleicht liegt ein Trost im Denken wenn es an die Unendlichkeit denkt es schlägt einen Weg in die senkrechte Felswand talwärts hinunter zum Bach der dem Gefälle sich hingibt sorglos ohne Schatten zu werfen (bedürftig einer Ankunft bin ich unterwegs ohne zu wissen wohin für mein Denken ist dieser Bach vielleicht mehr als ein Bach der sorglos dem Gefälle sich hingibt doch weshalb sollte irgendein Bach mehr sein als ein Bach der sorglos dem Gefälle sich hingibt) was spielt sich ab wenn mein Denken den Bach erreicht der bis anhin ein nicht festgestelltes Abbild der Ewigkeit war |
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| 15351: Franz Rosenzweig: „Die Zeit nämlich wird ihm ganz wirklich. Nicht in ihr geschieht, was geschieht, sondern sie, sie selber geschieht.“ |
[15350] nur einen Augenblick lang ist es die Zeit die als sie selbst geschieht und die etwas zurücklässt was sich gleich wieder entzieht |
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| 15355: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Der Läuterungsberg, 13. Gesang, 70-71): „Sie alle [die Neidischen] trugen einen Eisenfaden / Durch ihre Lider, wie ein wilder Sperber / Genäht wird, weil er anders nicht zu zähmen.“ |
mit zugenähten Augen schreibe ich weiter ohne Überblick stelle ich mir vor wie es sein wird wenn ich einst mit weit ausgebreiteten Flügeln kreisend mich entschließe zum Sturz auf das was ich bis anhin nicht zu sagen vermochte auf die schweigsamen Buckel im wilden Gestrüpp unter denen sich nie gehörte Wörter und Sätze verstecken |
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| 15370: Dante, a.a.O., 13,132. |
noch atme ich beim Reden noch werden meine Höhlen belüftet mischt sich die Aussenwelt ein meinerseits wird vorläufig keinerlei Ankunft in Erwägung gezogen ich beobachte die Verfärbungen der Zeit wenn sie Anteil nimmt an uns und den Dingen bis das Sehen nur noch sieht was es sieht und nichts mehr |
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| 15385-15387: Immanuel Kant, opus postumum, A. A., Bd. 21, S. 103: „Das Denken ist ein Sprechen und dieses ein Höhren.“ |
mit geschlossenen Augen aber übe ich stets das Verwandeln von Denken in Sprechen und dieses in Hören |
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| 15388-15390: Zu "Gedanke" und "Dank" vgl.. J. und W. Grimm, Deutsches Wörterbuch. – Erwähnt wird folgendes Zitat von Heidegger: „Lernt erst danken, dann könnt ihr denken.“ |
(jedoch: vielleicht
gelingen Gedanken nur im langen Atem des Dankens) von der Mitte aus verbindet die Sprache und setzt in Bewegung was bei mir ankommen will |
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| 15395: Psalm 50,17 (51,17: „Herr, tue meine Lippen auf ...“) |
labia mea Domine aperies als dunkles Gelenk dient uns die Sprache auch noch wenn wir als Schatten [15400] den Schatten berichten von diesem Lichtschwachen doch Hellen das wir erst vor kurzem noch waren ich will mir nicht vorstellen was sein wird falls die Sprache endgültig verstummt wenn kein Atem mehr sich zurückhält um Laut und Stimme zu werden wenn der Rückbau einsetzt und die Hörorgane in der Stille verkümmern |
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| 15413: Val Nüglia („Tal des Nichts“): Seitental kurz vor dem Ofenpass in Richtung Nordost. |
im Val Nüglia das baum- und weglos sich vom Übergang wegdreht |
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unter einem riesigen Felsblock wird versucht mit Zeichen und Strich die Welt wieder näher an den Himmel zu binden ein |
![]() Grotto im Val Bavona (TI) |
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Hexenzettel zwingt die vergessenen Dinge als Sorge zurück die Schrift spreizt den Raum verstrebt den Taumel zwischen Vernunft und Unvernunft sie ordnet und lenkt was zu zirkulieren beginnt |
![]() "Hexenzettel", 18. Jh. |
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| 15431-15435: Roland Barthes, Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980, S. 78. |
doch zugleich zeigt sich: kein Text hält was er verspricht zugleich flach und tief ohne Konturen am Rand ohne Merkpunkte bietet er Teilstücke an zur Beobachtung schließlich zeigt er nur noch sein eigenes Zeigen es liegt ihm nichts mehr daran mehr zu bedeuten an der Textoberfläche haften ab und zu als Sinnpartikel kleine noch leere Rähmchen |
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| 15444: Siehe die Schrifttafel imVordergrund der Zeichnung Engelsmesse von Albrecht Dürer, wo Dürer handschriftlich den zitierten Satz einfügt. |
„do schreib
herein was ihr wollt“ noch vor jeder Schrift sehe ich auf rotem Grund ein spielendes Kind (auf die Rückseite des Bilds „Kreuztragung Christi“ [15450] hat es Hieronymus Bosch samt Spielzeug gemalt) man findet weder Haupt- noch Nebeneingänge zu diesem Text der nur als Beleuchtungskörper flackernd einige Nischen kurzfristig erhellt schon verlassen viele nachts ihre Wohnungen und steigen auf die Dächer pressen verzweifelt die Handflächen auf ihre kalten Ohrmuscheln |
![]() 15446-14451: Hieronymus Bosch, Kind mit Windrädchen (um 1480); auf der Rückseite des Bildes: Kreuztragen Christi. |
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15468: „Uschebti“ („Antwortende“) sind Grabbeigaben, die im Alten Ägypten als Symbol für den Verstorbenen beim Totengericht Antwort geben und an
seiner Stelle Arbeiten verrichten sollten. Oft wurden sehr viele solcher Figürchen, zum Beispiel für jeden Tag des Jahres eines, ins Grab gelegt. |
der kleiner werdende Leib verwandelt sich schnell in eines der Figürchen aus Terrakotta einen der Uschbeti die als Grabbeigaben Antwort geben an Stelle derer die tot sind dreihundertfünfundsechzig Händchen schreiben im Dunkeln diesen Text fort als spirituale simulacrum wird nochmals alles sich zeigen doch heller als es je war |
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15479-15484: Roland Bartes: „Man schreibt nicht mehr aus diesem oder jenem Grund, sondern der Akt des Schreibens wird von dem Bedürfnis nach Sinn
getrieben.“ In: ders., Die Körnung der Stimme. Interviews 1962-1980,
Frankfurt a.M. 2002, S. 271f.
15485-15491: a.a.O. S.230f.: "Es [das Haiku] erzeugt keinen Sinn, befindet sich aber gleichzeitig nicht im Nicht-Sinn. Es ist immer wieder das gleiche Problem: der Sinn darf nicht greifen, er darf jedoch auch nicht aufgegeben werden.“ [s. ausführliche Anmerkungen] 15496-15500: Marcel Proust: „Du reste, quand le sommeil l’emmenait si loin hors du monde habité par le souvenir et la pensée, à travers un éther où il était seul, plus que seul, n’ayant mème pas ce compagnon où l’on aperçoit soi-même, il était hors du temps et de ses mesures.“ 1500115505: Franz Rosenzweig: „Im Denken schlägt wirkich ein Schlag tausend Verbindungen; im Schreiben müssen diese tausend säuberlich auf die Schnur von Tausenden Zeilen gereiht werden.“ |
befreit vom Anspruch des Mitteilen-Müssens zählt nur die Geste der beharrlich schreibenden Hand angetrieben von dem Bedürfnis nach Sinn doch zersetzt diese Form zum Glück (in ihrer Mattheit) jedes Erreichen von Sinn oder Nicht-Sinn das Ungeordnete wird zwar vermieden doch stellt sich Ordnung nicht ein ich schreibe eingebettet im Torf der Sätze ich schwebe im leuchtenden Plankton der Wörter allein unterwegs zwischen Erinnern und nichts ohne diesen Gefährten in welchem ich mich [15500] selbst zu erkennen vermag die Verbindungen die das Denken gleichzeitig wahrnimmt müssen hier schreibend und nacheinander aufgereiht werden doch was zu zeigen sich lohnt findet sich noch nicht in dem was hier steht sondern in dem was erst kommt hier wird ein Denken das schreibt eingeübt ohne zu wissen was sich daraus ergibt Stichworte fallen mir zu das Sammeln braucht Zeit und Geduld |
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| 15516: Roland Barthes wider die Gemeinplatze: „Avantgarde ist immer dann anzutreffen, wenn es der Körper ist, der schreibt, und nicht die Ideologie.“ |
schließlich ist es mein Körper der schreibt nicht mein Kopf es sind meine Augen die nicht alles sehen meine Ohren sind es die wenig verstehen eine Ungewissheit fällt ein Zögern mich an das die Zeit verlangsamt und das Dauern verwischt |
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das Schneelicht des Mondes bleibt unberührt liegen das kurze Rascheln im Schilf was teilt es mir mit meine Wahrnehmung treibt wie |
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15531: Conrad Gesner, Historiae animalium Liber III qui est de avium
natura, Zürich 1555, S. 611-614. Paradiesvögel [„Lufftvogel“] haben keine
Füße [„pedes nulli“], halten sich ständig in der Luft auf und ernähren sich vom Tau des Himmels.
15537-15541: Gustave Flaubert, Bouvard und Pécuchet: „Um die Wetterzeichen im voraus deuten zu können, studierten sie die Wolkenformen ....; die Formen wandelten sich, bevor sie überhaupt die richtigen Namen gefunden hatten." |
ein Vogel im Wind der seine Füße vergisst er weiß er findet nichts was ihm Stillstand gewährt unter ihm spiegelt ein stehendes Gewässer Wolken und alles was dem Blick sich schnell wieder entzieht schneller als man dafür einen Namen zu finden vermag mich dünkt die Flut unter mir läuft selten mehr auf das Brackwasser versickert im dunklen Schlickwatt schon verkrusten die feinen Röhrchen und Krater der sandfressenden Würmer die Seegraswiese [15550] sinkt in einen steinschweren heutrockenen Schlaf erstarrt im Licht und im Wind erinnern sich jetzt nur noch die Innenseiten der Schalen an ihr einst seidig-schlüpfriges Fleisch Muscheln und Schnecken weit offen voll Mehlsand und düsterem Quarzstaub bereiten sich vor nur noch ein Abdruck zu sein unter Tag später hier setzt ihr leises Wiegen und Rollen endlos sich fort jede Bewegung möchte Neues beginnen und lange ahmt sie Vorangegangenes nach bis eines Morgens aus dem scharfkantigen Kalk die ersten Zeichen als feine Schattenrisse aufsteigen ans Licht |
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| 15575-15577: Dante Die Göttliche Komödie (Paradies, 2,10-14): „Ihr andern wenigen, die ihre Häupter / Beizeiten nach dem Brot der Engel kehrten, / Von dem man hier, doch ohne Sattheit, lebet, / Ihr möget gerne eure Segel wenden / zum hohen Meer ...“ Als „Panis angelorum“ hat Thomas von Aquin die Hostie in der Liturgie bezeichnet. |
eine erste Anleitung vielleicht für Engel zum Backen des Brotes das nährt doch nicht sättigt trotzdem lerne ich lesen und erwarte jetzt stündlich des Wassers Rückkehr ich werde mein Boot in der Not aus Binsen und Sätzen geflochten abdriften lassen hinaus aufs offene Meer und ohne auf die Augen zu hören weiß ich Wasserstaub fällt und es schiebt ein Lichtschleier sich durch mein Gesicht unter mir kippen Eisschollen träge ins schäumende Meer |
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15596-15599: Buch Josua 5,15: „Nimm deine Sandalen von den
Füßen, denn der Ort, wo du stehst, ist heilig.“
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Nachbilder tilgen: Städte in Asche und Schutt Stimmen löschen die heilige Orte nennen (wo ich die Schuhe ausziehen müsste) endlich wird vielleicht mein Kopf schneller denken als mein Bauch [15601] schon kommt mir diese Bäckerei in den Sinn die eingerichtet bar jeden Geschmacks immerhin duftet nach Brot da steht dicht neben der Kasse die Sparbüchse in der Geld gesammelt wird für krebskranke Kinder dieses ganze Ensemble berührt mich ohne dass ich verstehe weshalb mein Erkennen bleibt flackernd und voller Lücken doch das Empfinden wird schmiegsamer und spannt sich mühelos zwischen allem aus was die Sinne wahrnehmen zwischen diesen Inseln die kaum noch herausragen aus dem ansteigenden Wasser vielleicht ist dieses Unterscheiden unnötig unterliegt einer Täuschung verursacht durch den Einbruch der Kälte und das Grau der schnell kürzer werdenden Tage plötzlich bricht auch Gewohntes unerwartet als Rätsel herein über mich verwirrt mich zutiefst |
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| 15635-15640: Paul Barié, Sappho und Archilochos: Zauber des Anfangs. Ursprünge der europäischen Lyrik, Annweiler am Trifels, 2008, S. 21f. Das Textfragment des Gedichtes von Archilochos bezieht sich auf die Sonnenfinsternis vom 5. April 648 v. Chr. |
wie die Sonnenfinsternis den Archilochos: „künftig soll keiner sich noch wundern wenn er sieht wie die Landtiere ihren Weideplatz tauschen mit den Delphinen im Meer“ ob die Wirklichkeit (und ihr Geschmack) mir immer so fremd bleiben wird |
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| 15644-15647: gr. lysimelēs = gliederlösend. Paul Barié, a.a.O., S. 57: „Bei Homer ist es der Schlaf, der die Glieder löst, d. h. die Menschen willen- und wehrlos macht, aber auch jeden Stress und jede Anspannung von ihnen nimmt, weil er den Frieden der Erschöpfung schenkt. Hesiod überträgt die Vorstellung vom Schlaf auf den Eros.“ In diesem Zusammenhang kommt der Begriff sowohl bei Archilochos als auch bei Sappho immer wieder vor. |
löst sie einst meine Glieder und lässt mich kraftlos jenseits des Schlafes jenseits des Eros zurück meine Gedanken pendeln vom Rand zur Mitte und wieder hinaus zum Rand [15651] unerreichbar die wirbelsäulige Wolke die vor mir schwebt mit hellen Splittern durchsetzt wie ein Lichtnelkenstrauch der im Sturm sich losreißt und nirgends mehr festhält sich aber auch nicht entfernt wie zurückfinden zur Unbeschwertheit die sich abfindet mit dem was unabänderlich ist |
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| 15663-15669: Dieses Tanka (= jap. Kurzgedicht mit 5-7 5-7 7 Silben) stammt von Ariwara no Narihira (825-880). |
„gäbe es keine Kirschblüten in dieser Welt wie gelassen und heiter könnte im Frühling mein Herz sein“ heißt es in einem Tanka aus dem neunten Jahrhundert |
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15671-15674: Sappho: „Eros hat mir die Sinne durchgeschüttelt wie der Wind, der vom Gebirg herab in die Eichen fällt.“ Vgl. Paul Barié,
a.a.O., S. 74.
15674-15680: Horaz, Carmina I,9: „alles andere überlass der Sorge der Götter: wenn sie / dem Sturm gebieten, der in des Meeres Gebraus / sich austobt, regen die alten Zypressen, / Regen sich nimmer die Eschen.“ |
doch ist es vielleicht nötig dass der Wind auch uns durchschüttelt wenn er herab vom Gebirge in die Eichen sich stürzt und sich austobt über dem wild aufschäumenden Meer erst wenn Götter den Sturm niederringen regen sich die alten Eschen und die Zypressen nicht mehr fast scheint es als ob Totenstille eintrete doch setzt das Gespräch zwischen uns und den Bäumen sich fort alles bleibt miteinander verbunden |
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| 15687-15690: Gerard Manley Hopkins, Journal [Eintrag vom 19. Juni 1866]: „They are not dead who die, they are but lost who live.“ |
zwar sind wir obwohl wir noch leben verloren andererseits wenn wir sterben sind wir nicht tot selbst jene Bilder an die sich ein Erinnern nie anschließen wird lassen Leerstellen nicht zu aus eigener Kraft halten sie sich im Stillstand vergessener Zeit irgendwo kommen auch wir in ihnen noch vor [15700] als ein opakes Schimmern das sich farbigen Zonen zu nähern versucht ein Vorgang der sich in diesem endlosen Text endlos wiederholt |
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15707-15709: Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen über die
Farben (Nr.15): „In jedem ernsten Problem reicht die Unsicherheit bis in die Wurzeln hinab.“
15710: Diese Frage stellt Leo Löwenthal in einem Brief vom 29.06.1943 Herbert Marcuse. |
die Ratlosigkeit mit der er seine Zweifel ins Ungewisse vortreibt zerrt an den Wurzeln „warum die Juden warum nicht die Radfahrer“ eine Frage bestehend aus harmlosen Wörtern kaum aneinandergereiht ist sie ein Abgrund ob wirklich vieles nichts mehr und nichts anderes bedeutet als was es ist |
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| 15719.15725: Vgl. die Aktion von Tomas Schmit (1962): zyklus für wassereimer (oder flaschen). |
(einer der Wasser umfüllt von einem Gefäß in ein anderes füllt er nichts ab als Wasser von einem Gefäß in ein anderes) ob es überhaupt etwas gibt insofern es sich zeigt das stets bei sich und also bedeutungslos bleibt ausgesetzt einer so in sich gestimmten Welt bliebe noch etwas was verstanden sein möchte sehen: reinstes Weiß die ebenso farblose vollkommene Zahl |
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15744-15751: Anspielungen auf Stellen im Gedicht Brot und Wein von Friedrich Hölderlin |
die Schale mit Früchten die schräg auf dem üppig bunten Bettüberwurf liegt wie er sich aufwellt hin zum offenen Fenster da steht ein Mädchen (im Profil hell das Gesicht) das einen Brief liest in dieser dürftigen Zeit hält solches Sehen mich wach weil es anzeigt dass sich vieles verbirgt (wir kommen vielleicht zu spät „aber das Irrsal hilft wie Schlummer und stark macht [17551] die Not und die Nacht“) trotz schwer lastendem Dunkel meine ich draußen auf dem Meer zu erkennen wie die Schaumtatzen auf ihren Wellenkämmen ins Leere greifen wie sie hastig ausfransen sich überstürzen und träge wegsinken in das rauschende Schwarz das sich gleich wieder aufbäumt Finsternis liegt wie ungewaschene Wolle mir warm auf der Haut riecht streng und zerkratzt mir die offenen Poren denen die Fähigkeit fehlt sich dem Sonnenstand anzupassen die einmal geöffnet sich zu nichts mehr entschließen deren Membranen erstarrt jeden Druck weiterreichen ins Innere wo die Bewegung als Hitze sich sammelt und staut |
![]() Jan Vermeer: Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster (um 1659). |
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| 15778-15783: Vgl.: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 25. Gesang, 118-120): „Wie einer, der hinschaut und eine kleine / Verfinsterung der Sonne sehen möchte, / Und weil er sehen will, gar nichts mehr sehen kann.“ |
ich schaue hin wie einer der eine kleine Verfinsterung der Sonne sehen möchte und weil er sehen will kann er gar nichts mehr sehen so gleitet mein Blick an den Schornsteinen vorbei und über die hohe und scharf gezeichnete Kante des Hauses hinweg in eine Nacht die mit ihrem tiefschwarzen Saum sich festhält vielleicht für immer an den Rändern der lichtlosen Welt nicht nur Sichtbares gilt es auszulöschen auch das Hörbare soll in eine Stille verrauschen und sich lösen vom Grund der Lesbarkeit vortäuscht [15800] dieser Text hält an seiner Unlesbarkeit fest er beginnt immer neu und schreibt endlos sich fort auf leere Flächen oder |
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den Balken entlang ausgeschnittener Kreuze wieder und wieder hole ich Atem halte einige kleinste Luftpartikel zurück die meine Zuversicht stärken mit der Zeit leichter zu werden bis ich aus dem eigenen Blickfeld schließlich verschwinde |
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| 15816-15828: Vgl. Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies, 27. Gesang, 97-108). |
nahe am schnellsten Himmel „der Welt Natur die ihre eigne Mitte in Ruhe hält und alles ringsum beweget hier liegt ihr Anfang hier kommt sie an ihr Ende“ hell lachend erklärt Beatrice so Dante das Paradies mir genügt zu wissen dass es dieses Lachen gibt und irgendwo ein Ende |
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15829-15833: Buch der Könige I 18,41ff. |
inzwischen hocke ich mich hin auf die Erde das Gesicht zwischen den Knien erwarte ich Wolken und Regen |
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| 15845-15847: Vgl. Vergil, Aeneis, III, 441ff.: Die Sibylle von Cumae schreibt weissagend auf ihre Blätter, die der Wind aber immer wieder durcheinander und fort bläst. |
und Wind der mir die Seiten wegfegt kaum dass ich zu schreiben beginne ich binde zwar Wörter streng aneinander höre aufmerksam auf das Geräusch meines Stifts auf die Pausen dazwischen wenn der Kopf leer wird und ein diminuendo quasi al niente einsetzt doch wirbelt all das mit dem leisesten Luftzug davon und eine gedankenfliehende Kraft |
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| 15850: Freidrich Hölderlin, Der Spaziergang: „ ... / Ihr lieblichen Bilder im Tale, / Zum Beispiel Gärten und Baum, / Und dann der Steg, der schmale, / ...“ |
zerrt mich über den [15850] schmalen Steg in die Gärten zu den Bäumen die wie Baustützen den Himmel hochstemmen schwankend |
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diese gräuliche Platte aus zerkratztem Blei darin die Welt sich spiegelt kaum noch erkennbar als undeutliches Bild das in der Milchstraße schwer geworden jetzt keine Lichtung mehr anzeigt |
![]() Peter Iseli, Bleiblech 2008. |
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15848-15853: G. Chr. Lichtenberg: „Hier nimm meinen Stoff wieder, Natur, knete ihn in die Masse der Wesen wieder ein, mache einen Busch, eine Wolke, alles, was du willst, aus mir, auch einen Menschen, aber mich nicht mehr.“
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„hier nimm meinen Stoff wieder Natur knete ihn mach einen Busch eine Wolke alles was du willst aus mir auch einen Menschen aber mich nicht mehr“ nicht dass ich unzufrieden wäre mit dem was ich meine ich sei es nein ich versuche nur eine Lücke zu finden ein Fluchtweg aus der Beschreibung der Beschreibung |
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15875-15880: Vgl. Friedrich Hölderlin, Im Walde. George Steiner, Von realer Gegnwart, 1990, S. 13f.: „Die These lautet, dass jede logische Auffassung dessen, was Sprache ist und wie Sprache funktioniert, dass jede logisch stimmige Erklärung des Vermögens der menschlichen Sprache, Sinn und Gefühl zu vermitteln, letzlich auf der Annahme einer Gegenwart Gottes beruhen muss." |
denn die Sprache bleibt „der Güter gefährlichstes“ sagt Hölderlin „dem Menschen gegeben“ damit er eine Ahnung bekäme vom Göttlichen doch ruft sie oft auch vor die Augen ein Flimmern ein Funkenstieben und ein doppeltes Sehen führt uns zur Blindheit (eine Vergiftung wie sie die Scopolina hervorruft das Bilsenkraut mit seinen blauen hängenden Kelchen und der bitteren Wurzel) |
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15892: Gerard Manley Hopkins, Tagebucheintrag vom 8. April 1868. In: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London (Oxford University Press) 1959, S. 163. 15897-15904: Ders., Tagebucheintrag vom 27. April 1868. a.a.O., S. 164. („...etwas graue Bewölkung zwischen Schauern gerippt und faltenfallend und einiger wilder leuchtender großer Zausflaum an der Grenze einer weiten Drift mit dahinter aufsteigendem Blau ...“ (Übersetzung: Peter Waterhouse). 15909-15911: Hopkins notiert am 15. März 1868 in sein Tagebuch: „Venus like an apple of light.“ a.a.O., S. 162. |
„the word to concelebrate“ was Hopkins damit in seinem Tagebuch meint wird mir nicht so klar wie wenn er Wolken beschreibt: „some grey cloud between showers ribbed and draped and some wild bright big blown flix [15900] at the border of a great rack with blue rising behind“ so lag der Himmel über England an diesem einen Frühlingstag und indem Hopkins Beobachtetes festhält zeigt sich ihm während des Schreibens mehr als er weiß am fünfzehnten März sieht er die Venus hell wie ein Apfel aus Licht wie könnte ein Stern für mich der ich dies las je wieder nichts als ein Stern sein der Anblick einer langsam wachsenden Eibe die vielleicht seit mehr als tausend Jahren krumm und immergrün dasteht lässt mich Klangtrauben hören einzelne Töne lösen sich ab um Reihen zu bilden kurze flüchtige Melodien die im Gedächtnis nichts hinterlassen und bloß Stille erzeugen um ein Geringes dehnt sich meine Zeit und wird zur Zeit dieser bedächtig wachsenden Eibe unter schwerem Schatten und hellroten Beeren sink ich in traumlosen Schlaf bis der Flügelschlag einer Taube mich aufweckt bedürftig hat mich Gott in weiser Voraussicht |
![]() G.M. Hopkins: Clouds (1863) |
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| 15939-15960: Meister Eckhart zitiert Sant Dionysius: „Das ist nicht paradox, dass Gott die Seele seines Angesichts bedürftig gemacht hat, da doch schon die Sonne ohne Auftrag den Maden und Würmern im faulen Holz Leben verleiht.“ In: Meister Eckhart, hg. von Franz Pfiffer, 1. Abt., Leipzig 1857, S. 536f., hier auch die weiteren zitierten Stellen. |
geschaffen und „daz ist niht wunder, daz got diu sêle nôtdürftic gemachet hat mit sîner angesiht sît daz diu sunne âne gebôt den maden unde den würmen leben gît in dem vûlen holze“ Meister Eckhart leidet an nichts in seinem Nichts [15950] „dô ich herre in dir was“ bedürftig jedoch wird er wenn Gott ihn anschaut scheidet die Seele sich von Gott „ist daz ein tôt“ also ist alle Beweglichkeit sterben und so muss die Seele „von zît ze zît" sterben weil sie Gott nicht begreift im Nichts steigt sie hinüber Ekharts Liebe muss berauschend gewesen sein erfasst von einem mächtigen Sehnen reißt er in uns etwas auf in das zu stürzen sich lohnt heute bleibe ich sitzen am langen Holztisch und höre nicht auf mit meinen Fingerkuppen die Ahornbretter abzutasten auf denen ein Bäcker früher seinen Teig ausgewallt hat während Tagen nur dieses Tischblatt betrachten die ausgebleichten Flecken verschütteten Weins Ölschlieren Kratzer von Übergriffen auf das geduldige Holz Brosamen wenige und hart schon wie Kiesel und plötzlich sitzen alle wortlos und hungrig noch einmal am Tisch alle die je an diesem Tisch saßen doch bleibt es still in der Küche kein Duft breitet sich aus mich dünkt es könnte eine jähe Bewegung oder ein zu lauter Ton dieses Zusammensein für immer beenden |
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| 15991-16000: „Zum ersten Mal begriff ich, dass der starre und tränenlose Blick (...) den sie [die Mutter] seit dem Tod meiner Großmutter hatte, auf dem unbegreiflichen Widerspruch zwischen Erinnerung und Nichts haften geblieben war.“ M. Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV], Frankfurt a.M. 2004, S. 250f. |
wie durch eine Nebelwand gleitet mein Blick auf diese unbegreifliche "contradiction du [16000] souvenir et du néant.“ |
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20.01.2010 |