| Nicht bei Trost
(Carmen infinitum) Z.16001 - 17000 |
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"Die Bedeutungen von Dichtung und die Musik dieser Bedeutungen, die wir Metrik nennen, sind auch solche des menschlichen Körpers. Der Widerhall der Empfindungen, die sie hervorrufen, geht in die Eingeweide und ist taktiler Art.” George Steiner, Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Gegenwart?, München 1990, S. 20. |
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| 16003: Taku Sugimoto und Moe Kamura: Saritote. Das 4. Stück dieser Aufnahme von 2007 heißt „a chair 1“ und dauert 1:32. |
sprechen so lange wie irgendwie möglich von diesem kurzen Stück für Gitarre und Stimme zwei Strophen zu je vierzehn einsamen Tönen sollte mein Körper doch noch zu mir gehören versuche ich ihn zu vermessen mit dieser schlichten Melodie die an den Innenseiten der Epidermis eine Landkarte erstellt |
![]() Cover: Taku Sugimoto [Ton] |
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16015: G. M. Hopkins verwendet den Ausdruck
"inscape" (P. Waterhouse übersetzt mit „Inbild“ ) in seinem Tagebuch;
s. Anmerkungen.
16019-16021: Swetlana Geier zitiert Sergej A. Jessenin im Film Die Frau mit den 5 Elefanten von Vadim Jendreyko, 2009: „Ich traure nicht, ich rufe nicht, ich weine nicht – alles verfliegt wie weißer Rauch aus Apfelgärten.“ 16022-16025: A.Breton: „La beauté sera CONVULSIVE ou ne sera pas.“ 16026-16028: Diese Bemerkung in Bezug auf das Wort „Gnade“ macht Swetlana Geier (im erwähnten Film). |
eine Art inscape auf der winzige Sonnen Licht von sich schleudern zwischen den Tönen: Stille und alles verfliegt wie der weiße Rauch über den Apfelgärten es stimmt also doch nicht was Breton behauptet Schönheit wird auch sein wenn sie nicht konvulsiv ist es gilt Wörter wie Gnade (ein Wort das tönt wie eine pralle Matratze) zu vermeiden sie löschen viel aus wenn man sie unbedacht ausspricht eine Verwerfung entsteht in das ohnehin schon geschwächte Vertrauen das beim Sprechen mit Wörtern vorausgesetzt wird nicht nur auf Liedern auch auf Texten liegt jetzt oft eine Traurigkeit die mir nicht fremd ist es scheint das Bewusstsein sich von sich selbst zu entfernen ein Zustand der dem lautlosen Atemholen gleicht zwischen Tönen die weit auseinander sich niedergelassen schwerelos beginnen sie etwas durch die Luft [16050] sich zuzufächeln wie Glück leichteste Vögel die unsichtbar irgendwo oben am Himmel mit kleinsten Turbulenzen blaue Lichtfetzen in das schwere schlammige Wolkendach reißen frühmorgens am Horizont türkis leuchtende Schlitze die den Nachtbalken hochstemmen sachte beginne ich die ersten hellen Partikel in meine Schädelgrube einzuschleusen auf den spröden Keilbeinflügeln bilden sie Krusten wie silbern glitzernder Schnee |
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| 16071-16073: Vgl. Franz Schubert: Winterreise: Frühlingstraum. |
(hinter mir sirren winddürre Zweige dort bleibt es finster und kalt und es schreien noch immer die Raben vom Dach) zwischen Helligkeiten spannt sich der Bogen der |
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16076-16079: Jacques Derrida, Grammatologie: „...
Ce logos absolu était dans la théologie médiévale une subjectivité créatrice infinie: la face intelligible du signe reste tournée du côté du verbe et de la face de Dieu.“
16082: „Ach“: vgl. Nikos Kazantzakis, Rechenschaft vor El Greco, 1. Bd.: Kindheit und Jugend, Berlin 1964, S. 152. (Auf die Frage, wie er Gott anrufe, antwortet ein Derwisch: „Ach! nicht Allah. Ach! werde ich ihn rufen.“) |
Bedeutung anlockt und der zum Zeichen wird das dem Wort zugewandt bleibt und Gottes Antlitz da geschieht mir ein Aufatmen das sich wendet und dieses „Ach!“ wird das alles fasst was sagbar ist und auch was unsagbar bleibt das unserem Glück im Unglück Ausdruck verleiht eine Empfindung flackert kurz auf als wären wir fest entschlossen uns nur noch mit den Vögeln zu unterhalten die ohne Furcht und keiner Hoffnung bedürftig frei sind sich in den leeren Himmel zu werfen nicht wie wir die nur mühsam Höhe gewinnen |
| 16098-16102: Im Spätmittelalter wurden in der Passionsliturgie Kruzifixe mit beweglichen Gliedmaßen eingesetzt.
– Der Chronist Widmann berichtet 1548 von einem „crucifix, dem ausz den funff wunden rotter wein
sprang“.
16103f.: Evangelium nach Johannes 19,30.34. |
(als Kruzifixus mit kaum noch beweglichen [16100] Gliedern mit schlecht geölten Scharnieren springt uns „rotter wein ausz den wunden“ statt Wasser und Blut und das Neigen des Hauptes widerstrebt uns auch noch unter den tödlichen Hieben der Schwerkraft) nur unser Blick tastet sich unbeirrt aufwärts hält sich fest an den Wolken hofft dass die blauen Zwischenräume sich weiten eine Gewohnheit die uns das Aufrichten im Stürzen ermöglicht ein farbiger Schatten sein über den Feldern den weiß gebrannten und den milchigen Flüssen |
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| 16122: lactea ubertas = milchige Fülle |
deren breite Trägheit mich an die lactea ubertas erinnert doch erinnert diese weiße Fülle mich auch an die Mutterbrust die der heilige Nikolaus als Säugling meinte verweigern zu müssen am Mittwoch und Freitag (wie früh denn wenn überhaupt soll man sich zwingen nicht das Ganze zu wollen?) zu hören ist jetzt auch das Donnern oben am schneebedeckten Hang und das eigenartige Pfeifen des Windes den die Schneemassen im Sturz vor sich her jagen ein weißer Staubsturm der wild schäumende Wolken auftürmt ein Gewoge das nur widerwillig wie ein losgerissenes Segel sich hinlegt am nächsten Morgen glitzert wieder die Stille es vermag keine Wucht das Unschuldsgemurmel [16150] zu unterbrechen des Bachs unbeirrt bespricht er sich mit seinem eisig verkrusteten Rand ein nicht endendes Nachwort ergänzt fortlaufend das Ganze ein Selbstgespräch mit vielen Stimmen wie bei diesem Text geht es um die Beschreibung von allem um das Eine nicht zu verpassen |
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| 16162-16169: The Journal and Papers of Gerard Manley
Hopkins, ed. by Humphry House, London 1959, S. 191: „The sunset June 20 was wine-coloured with pencillings of purple, and next day there was rain.“ 16172-16177: a.a.O., S. 192: „Westward under the sun the heights and groves in Richmond Park looked like dusty velvet being all flushed into a piece by the thick-hoary golden light which slanted towards me over them.“ |
deshalb ist es wichtig dass Hopkins festhält wie die Sonne unterging am zwanzigsten Juni: weinfarben mit purpurnen Strichelungen am Tag darauf regnete es und Hopkins versucht während er am Fenster steht sich vorzustellen wie das dicht-seifige und goldene Licht die Hügel und Haine alle zusammenspült wie staubigen Samt und sich ihm über sie zuneigt auch mir könnte sich also das Licht zuneigen falls der Sonnenstand tief ist und am Horizont der Hügel nicht allzu hoch |
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| 16183-16188: Buch Genesis 32,25-33 [Jakobs Kampf am Jabbok]. 16190-16193: Augustinus, Confessiones X, 5: „tamen est aliquid hominis, quod nec ipse scit spiritus hominis, qui in ipso est ...“ („etwas steckt doch im Menschen, worum auch der eigene Geist des Menschen nicht weiss ...“) |
nachts wache ich auf im Hüftgelenk der dumpfe Erinnerungsschmerz und aus der tiefsten Stelle des Traumes ruft mich keiner mit neuem Namen Stille herrscht dort und unklar bleibt weiterhin wie dieses Etwas das in mir ohne mich sein kann in mich gelangt ist |
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| 16195-16203: Ei des (ausgestorbenen) Riesenalks. Anita Albus vermutet, dass die Riesenalk-Eltern ihr Ei wieder erkannten, falls es unter andere geriet, weil sie dessen „Kalligrafie“ lesen konnten. In: Anita Albus,
Von seltenen Vögeln, Frankfurt a. M. 2005, S. 27-36.
16212-16217: a.a.O., S. 11-20. |
möglicherweise hat es die Form eines Eis auf dessen Schale jemand alles verzeichnet was mit mir zu tun hat ein wildes Gekritzel [16200] eine nicht lesbare Schrift trotzdem erkenn ich dieses Ei immer wieder auch unter vielen wenn ich es suche es liegt da als wäre es nie abhanden gekommen wie Gott bin auch ich unfähig zum Monolog ich bespreche mich als Ornithologe mit dem was mir zufliegt mit den schlingernden Wolken der Wandertauben die rötlich und schieferblau schillernd den Himmel verdunkeln niederschweben in großen Kreisen |
![]() Ei des Riesenalks |
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| 16218-16222: Paul Feyerabend spricht mit Blick auf die archaische Kunst und die frühen Epen von einem Wissen, das die Kenntnisse aufaddiert und von einer Kunst der sichtbaren Listen. „Die Natur erscheint nicht in den Ereignissen, sie ist in ihnen auseinandergelgt.“ In: ders., Naturphilosophie, Frankfurt a. M. 2009. |
wie die Alten versuch ich alles Mögliche aneinanderzureihen eine Aufzählung planlos und ohne System (Stoff gibt es genug hinlänglich genug um für immer zu schweigen) obwohl der Text eingerollt bleiben könnte jetzt entwickelt er sich und wird ein Text im Schlepptau dieses größeren Textes der standhaft jeder Niederschrift sich widersetzt das geflochtene Wortwerk das sich hier ausstreckt lässt sich auch lesen als Anleitung die zeigt wie mit wenig Aufwand ein Garten angelegt wird und dies ohne dass man vorher mühselig die Finsternis ausmisst |
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| 16242-16252: Bei Anita Albus (Von seltenen Vögeln) findet sich der Ausdruck . „Schnäkäker“ als eine der vielen volkstümlichen Bezeichnungen für den Wachtelkönig. |
ich selbst bleibe vorläufig im Pfeifengrasried sitze als Wachtelkönig unsichtbar zwischen den reglosen Halmen die aufrecht stehen auch noch nach Gewitter und Sturm ich verharre still [16250] doch bereit aufzuflattern und wegzuhuschen als schnäkäkender Schatten ich versuche mich in der Längsrichtung auf die Zeilen zu legen ich muss unsichtbar werden |
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| 16257: „Doudevull“ (=Totenvogel) heisst der Ziegenmelker im Luxemburgischen. Vgl. Anita Albus, a. a .O., S. 135-162. |
wie der Doudevull auf seinem Ast ich will mir nicht im Weg stehen beim Schreiben nur beim Denken stell ich mich quer nicht nur zum Text nein zu allem was etwas festhält beide Stellungen die des Verschwindens wie auch die des Aufruhrs sind Orte wo Erinnern sich der Entlastung widersetzt (durch fremde Speicher) es gräbt sich immer tiefer und beharrlich ein bis der Atem stockt und die Zunge flattert im |
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| 16274: Der Begriff „kawwanah“ aus dem rabbinischen Judentum mit der Bedeutung von „Konzentration“ und „Aufmerksamkeit“ gilt als bedingungslose Voraussetzung des Betens. |
trockenen Mund „kawwanah“ die Stille bevor sich das Stoßgebet absetzt als Nadelstich in den Filz des Jurtenhimmels ans Abdecksegel werden die ausgebleichten die rußgeschwärzten vom Entschwinden bedrohten Bilder appliziert noch sehe ich sie später wird nur mein Gehör sie noch einmal orten kurz bevor unter den Nebelbänken das große Gelächter beginnt das die blassgraue Decke hinauftreiben wird über narbige Rücken in die Felsschründe den feuchten Wänden entlang die Wasserfälle samt ihren Quellen werden ertrinken im Meer dann bleibt nur noch des Lachens lautloser Nachhall |
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| 16300-16306: John Gay (1685-1732), englischer Dichter. Er schrieb den Text zu The Beggar’s Opera, der als Vorlage für die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill diente. |
auf John Gays Grabstein steht: „Life [16301] is a jest and all things show it I thought so once and now I know it“ vorher und nachher sind und bleiben wir Bettler in einer Oper vielleicht |
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| 16307-16311: Vergil, Aeneis, IV, 63f.: „[Dido] besucht ... die reichen Altäre, ... blickt in die Herzen der Tiere, und mit bangendem Blick befragt sie die atmenden Lungen.“ |
oder am Fuße eines Altars mit bangem Blick befragen wir die atmenden Lungen die Herzen der Tiere |
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| 16312-16320: Textstücke aus der Schlussszene von
Endspiel von Samuel Beckett.
16325: Vgl. dazu Johann Friedrich Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, neu bearbeitet von G. Berg ... [et al.]; hrsg. von Carl R. Hennicke, Gera-Untermhaus 1897-1905, Bd. II, S. 224-229 (Das gelbköpfige Goldhähnchen. Regulus regulus) und Tafel 15. |
auch ich sage mir: du musst noch besser da sein damit man dich gehen lässt eines Tages wenn die Erde erlischt: die Türe öffnen und gehen fallen und weinen ... vor Glück sich nicht umdrehen das nennen wir abtreten ich zögere denn ein gelbes Strichlein blitzt auf im dunklen Geäst einer Zirbelkiefer ein Wintergoldhähnchen mit leuchtendem Scheitelstreif blickt an mir vorbei es könnte sein dass es gleich durch mich hindurchfliegt |
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mir fehlen der Malkasten die Farbe der Stift ich rieche weder Öl noch Terpentin keine Leinwand spannt sich über den Rahmen und es liegt kein Papier auf dem Tisch wie sollte mir also das Festhalten gelingen des Flüchtigen wie das Aufzeichnen einer Art Zuneigung auf Zeit Farbiges vermag sich nicht festzuhalten an dem kalten Porzellanblau des Winters auf der Folie aus lauterem Nichts am Waldrand stechen wie missratene Nadeln Bäume aus dem Schnee [16350] ins Leere leicht verschleiert mit bräunlichem Dunst eine Tasse schwebt vor mir aus ihr steigt dampfend der Duft heißen Tees mir scheint eine Leichtigkeit bemächtige sich meiner die mir erlaubt mich abzustoßen von allem und anzukommen wo und wann immer ich will (die Dinge der Welt entgleiten mir ohne mich ganz zu verlassen) |
![]() Malkasten von J.F. Naumann (1780-1857).s |
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| 16364-16376: „Diser Vogel ist im Winter zu Ende anno 1641, da wohl Schnee gelegen, in einem Meisenschlag gefangen worden, hat nichts wollen recht essen, der ist in 2 oder 3 Tagen darnach gestorben ...“ Text zum Bild einer Alpenbraunelle (Blatt f.142) von Jakob Graviseth. |
diese Alpenbraunelle die einer festhielt als Bild sie bleibt lebendig auch wenn sie tot ist gefangen im Winter da wohl Schnee gelegen hat sie nichts wollen essen und ist gestorben die Eiseskälte trieb sie vom Hochgebirge hinunter ins Flachland wo sie Zuflucht suchte in einem Meisenkasten zu viele Bäume zu wenig Neigung am Hang zu viele Häuser voll abgestandener Luft |
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| 16384-16388: Vgl. Hopkins Tagebucheintrag vom 21. April 1871; in: „The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, ed. by Humphry House, London 1959, S. 207. |
nahe am Ende steigt sie flügelschlagend hoch hinauf und nochmals ins prachtvoll gekörnte Blau taucht ein in Wolken voll violetter Blässe streunende Packen glänzend nahe am Zenit wo frage ich mich wird sie wieder auftauchen wann mit dem Schnabel nochmals eine Dunkelheit aufritzen um sich herauszuquälen ans Licht überhaupt woher und wieso geschieht immer wieder ein Anfang |
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| 16398-16408: Vgl. Shakespeare, Sonett LXV. |
o fearful meditation klagt Shakespeare niemand [16400] vermag Schönheit vor der Wut der Zeit zu schützen how shall summer’s honey breath hold out against the wreckful siege of battering days nur im Mirakel aus schwarzer Tinte leuchtet längst Vergangenes zaghaft schwach noch einmal auf auch diesem Text der sich endlos auftürmt gelingt ab und zu vielleicht ein schimmerndes Erinnern doch Schwerkraft und Licht durchdringen das Gewebe der vielen Zeilen nur dort wo Stille eintritt am Zeilenumbruch am Anfang und am Ende ich nähere mich dieser Zone ohne in sie einzudringen was sich im Morgengrauen abzuzeichnen scheint ist der schwach erhellte Rand des Wendeplatzes auf dem wird umgetauscht und schließlich eingelöst so dass nichts mehr übrig bleibt kaum mehr erkennbar letzte luftige Wirbel windlichtig unstet verschwinden sie zwischen den biegsamen Ästen einer zerzausten Feder |
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| 16435-16443: Zu der von Darwin (1835) auf den Galápagosinseln entdeckten Finkenart vgl. z. B. Julia Voss, Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie. 1837 bis 1874, Frankfurt a. M. 2007. |
der tote Vogel: nie mehr hüpft er über die Kakteenblüten seiner kleinen Insel nie werde ich wissen was er selbst über seinen Schnabel gedacht hat das Wort „Galápagos“ hat ihm nichts bedeutet |
toter Darwinfink |
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| 16444-16448:
Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La
Prisonnière, Paris 1954, S. 24: „La réalité n’est jamais qu’une amorce
à une inconnu sur la voie duquel nous ne pouvons aller bien loin.“
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die Wirklichkeit ist stets nur der Anfang eines Weges ins Unbekannte auf dem wir nicht sehr weit voranschreiten können als in die Irre [16450] geleiteter Taxonom erkenne ich jetzt beim vermeintlichen Ordnen ordne ich doch nur meine eigene Ordnung die weiße Wolke die aufsteigend das matte Wiesengrün freigibt dieser dichte Schleier von über den Himmel schweifender Seeschwalben wie soll ich diese nie gleiche Ordnung verstehen und wenn die Sturmflut der Seeschwalben ganze Brut hinausspült ins Meer so dass die Hallig öd und leer wieder auftaucht beginnen selbst die Vögel zu zweifeln an der Ordnung der sie vertrauen ihr wildes Kreischen das auch noch die Nacht durchgellt beweist auch ihnen zeigt sich das wovor uns graut doch im Gegensatz zu uns finden sie nicht Trost in klugen Sätzen |
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| 16478-16480:
[Edgar in:] William Shakespeare, King Lear, 4. Akt, 1. Szene. 16481-16484: Ludwig Hohl, Die Notizen oder von der unvoreiligen Versöhnung, Frankfurt a. M. 1981, S. 205 (Die Notizen II/333). |
wie in diesem hier „the worst is not so long as we can say 'this is the worst'“ „Unglück allein ist noch nicht das ganze Unglück“ und „das Glück allein ist noch nicht das ganze Glück“ |
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| 16490-16498:
Schlag einer Nachtigall nach Johann Matthäus Bechstein (1757-1822);
zitiert in: Johann Friedrich Naumann, Die Vögel Mitteleuropas. Eine
Auswahl hg. und mit einem Essay von Arnulf Conradi, Frankfurt a. M. 2009,
S. 246. Vgl. auch das Gedicht The Woodlark von Gerard Manley Hopkins; in: ders., Geliebtes Kind der Sprache, Hörby, 2009, S 32-35. |
an dieser Stelle unterbreche ich den Text um den kurzen Schlag einer Nachtigall die singt hier einzufügen tiuu tiuu tiuu tiuu spe tiu squa, tiō tiō tiō tiō tix quotio quotio quotio zquō tzü tzü tzü tzü tzi quorror tiu zqua pipiqui zozozozozo zirrhading lü lü lü lü ly ly ly ly lî lî lî lî et cetera |
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| 16499-16507:
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV:
Sodom und Gomorrha], Frankfurt a. M. 2004, S. 233.) vgl. Anmerkung. |
unsere Freuden [16500] unsere Schmerzen werden zurückgedrängt von Erinnerungen einer anderen Ordnung behauptet Proust und dieses Erinnern bricht mit ganz anderer Zeitlichkeit in mein Bewusstsein wo das Nebeneinander der Dinge sich nur selten zu Wohlklang vermischt |
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Iris Narzisse Schachtelblume Hornisse malt Flegel auf ein von Stockflecken verfärbtes Papier sie rücken hier nahe an uns heran die Dinge so dass wir meinen sie würden sich an uns gewöhnen doch das tun sie erst wenn wir auch geduldig und lange mit ihnen reden |
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| 16523-16526:
Plinius Secundus d. Ä., Naturalis historia [Naturkunde],
Buch 10, 118: [von den Elstern:] „Sie finden gefallen an den Worten, die
sie sprechen; sie lernen sie nicht nur, sondern tun es auch mit Freude....
Es ist bekannt, dass sie sterben, wenn sie der Schwierigkeit eines Wortes
nicht gewachsen sind, dass ihr Gedächtnis sie im Stich lässt ...“ 16532: Zwei Gedichtanfänge von Christine Lavant, Gedichte, Frankfurt a. M. 1988: „So eine wildfremde Sonne! Die war wohl noch nie in unserem Dorf ...“ (S. 57) und „So eine kopflose Nacht! Kein Hund verbellt den gedunsenen Mond ...“ (S. 18). |
ohne Furcht und nicht wie die Elstern die sterben wenn ihnen ein Wort nicht sofort in den Sinn kommt sie verstehen nicht dass Wörter untergehen nicht nur weil wir sie vergessen sondern auch weil sie die Beschreibung wildfremder Sonnen oder kopfloser Nächte ermüdet es fällt ihnen nicht leicht da zu sein für alles was wir meinen sagen zu müssen seit Jahren arbeite ich an dem Plan einen einfachen kleinen Garten anzulegen für Wörter und Vögel die der Stille bedürfen |
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| 16545: Vgl. das ernste und traurige Gedicht An den Schnittlauch von Karl Kraus, das am 16. November 1916 in der „Fackel“ erschien. |
wild und unbeschnitten wächst der Schnittlauch darin an den Rändern beruhigt das Zittergras sich und die Steine traumlos schwer beleuchten den Weg [16550] aus den offenen Fenstern torkeln die Wörter bei Tagesanbruch herbei |
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| 16553: Zefiro torna ist der Titel eines Madrigals von Monteverdi. – Vgl. auch Lukrez, De rerum natura, I, 10f.: „nam simul ac species patefactast verna diei / et reserata viget genitabilis aura favoni, ...“ („Kaum ist nämlich der lenzliche Anblick des Tages eröffnet / und, entriegelt, herrscht das trächtige Wehen des Zephyrs ...“). |
Zefiro torna entriegelt wirft der Westwind die ersten Vögel aus dem Schlaf in den Himmel ein Vorortszug quält sich durch das bleibleiche Tal nur hoch über mir leuchtet makellos flockig die Salzspur eines Streifzugs von Frankfurt nach Rom die Erinnerung an einen Traum ist eine Konstruktion des Traums die mit dem geträumten Traum nichts mehr zu tun hat |
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| 16568: „nil posse creari de nihilo“ ist die Grund- und Ausgangsthese des Werkes De rerum natura von Lukrez. |
obwohl aus nichts nichts entsteht scheint es mir wichtig die Dinge voneinander abzukoppeln und ihre scheinbare Ordnung zu hinterfragen ein Weg der steil abwärts führt der Himmelsausschnitt über dem Tal verengt sich die Schatten feuchter Felsabbrüche erinnern an Häuserschluchten mithin an schnurgerade Straßenverläufe die die Städte zerschneiden und sie einteilen in rechteckige Blöcke nur mit viel Mühe und in verwirrtem Zustand gelingt es wieder Höhe zu gewinnen sich |
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| 16589: Zum
Begriff „Inbild“ vgl. Anmerkung Z. 16015. |
das Inbild einer Übersicht anzueignen das heißt hoch über dem Horizont das Nordlicht zu sehen das den Glanz der Heringe spiegelt in den milchigen Lichtflechten am Himmel nachts zu erkennen wie |
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| 16598: Lukrez, De rerum natura I, 231: „unde aether sidera pascit?“ |
der Äther die Sterne nährt in deren Umkreis [16600] man uns vielleicht erwartet die Wirklichkeit die beim Sicherinnern auftaucht versucht vergeblich zurückzufinden zu dem was für sie längst schon unerreichbar geworden sie drängt heran und ist doch nichts als ein schwächer werdender Umriss der sich hinter uns ausstreckt dessen Ränder schon längst nicht mehr scharf genug sind die einsickernde Helligkeit abzuweisen Farbe verfeinert |
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| 16616-16622:
Lichtenberg schreibt am 7. Oktober 1793 an Goethe: „Heute um zwölf Uhr, da
die Umstände ... den vorigen sensibiliter gleich waren, hielt ich den
Schlüssel an dieselbe Wand und der Schatten war schmutzig gelblich. Haben
Ew. Hochwürden wohl auch schon die herrlichen lila Schatten gesehen?“ 16624-16626: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Prisonnière, Paris 1954, S. 83: „le son doré des cloches ne contenait pas seulement, comme le miel, de la lumière, mais la sensation de la lumière …“ 16627-16634: Ovid, Metamorphosen, 11, 741-748. |
so ihr Gesicht Lichtenbergs Schlüssel wirft einen schmutzig gelblichen Schatten und er fragt Goethe „haben Hochwürden wohl auch schon die herrlichen lila Schatten gesehen?“ jede Dunkelheit enthält nicht nur Licht sondern (fast wie der Honig) auch die Empfindung von Licht die Erinnerung an weißrosa gefärbte Eisvogeleier hellt mein Inneres auf und ich sehe wie ein Nest an windstillen Tagen über dem Wasser dahinschwebt dabei ist mir weder das eine noch das andere jemals wirklich begegnet |
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| 16638-16655:
Vgl. Farīd ad-Dīn Attār, Vogelgespräche und andere klassische Texte,
hg. von A. Schimmel, München 1999, S. 145-232; hier bes. 158-170, wo der
Wiedehopf die Vögel auffordert, sich mit ihm zum Gottesvogel Simurgh
aufzumachen. - Im Koran (Sure 27,16ff.) spricht Salomo (Sulaiman)
in der Sprache der Vögel mit dem Wiedehopf, der als Mittler zwischen ihm
und der Königin von Saba auftritt. - „dunkle Merkzeichen auf der Stirn
Gottes“: Anspielung auf den einen der jüdischen Gebetsriemen (Tfillin),
der auf die Stirn gebunden wird zum Gedenken daran, dass Gott die
Israeliten aus Ägypten herausgeführt hat. (Vgl. Ex 13,16 und Dt 6,8.) Hier
umgedeutet: das Merkzeichen (Totafot) soll Gott auf der Stirn tragen,
damit er nicht vergisst, dass er mit uns unterwegs ist. 16656-16666: Heiliger Segen zum Gebrauch frommer Christen, um in allen Gefahren, worein sowohl Menschen als Vieh oft gerathen, gesichert zu seyn. Gedruckt im Jahre Christi 1840, [S. 159]. |
diese Bilder befördern meine Zuversicht dass die Sprache der Vögel lernbar sein könnte ich bitte den Wiedehopf mich mitzunehmen als Verwirrter zwar wandernd auf dem Weg fallend stehend und wieder fallend sind wir unterwegs zum Sultan der Vögel nichts zu sein meinen wir [16650] als eine Hand voller Staub „ihr Ahnungslosen“ ruft uns der Wiedehopf zu „Sulaimans Schatten seid ihr dunkle Merkzeichen auf der Stirn Gottes“ ein befremdlicher Ratschlag kommt mir in den Sinn: binde mit einem roten seidenen Faden das Herz einer Fledermaus an deinen Arm und du wirst gewinnen im Spiel („Heiliger Segen zum Gebrauch frommer Christen“ gedruckt im Jahre achtzehnhundertundvierzig) doch was für ein Spiel gilt es zu gewinnen und ist die Fledermaus nicht mit den Vögeln und mir unterwegs stemmt sie nicht auch für mich mit ihrem schwarz blitzenden Flug filigranes Gestänge zwischen die Decken die schweren der Nacht deren Gewicht belastet ihr schnell pochendes Herz und meine Passagen durch den zerklüfteten Traum bis tief in den Schlaf |
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| 16682-16694: Emmanuel Levinas, Humanismus des anderen Menschen, Hamburg 2005, S. 55: „Alles fügt sich in eine Ordnung, in eine Welt ein, in der jedes Ding das andere offenbart oder sich selbst als Funktion des anderen erweist. Doch wenn sie in dieser Weise als Zeichen genommen wird, dann weist die Spur gegenüber den anderen Zeichen immer noch den folgenden Unterschied auf: sie bedeutet, ohne dass sie die Intention hat, ein Zeichen zu geben, und ohne dass sie einen Plan verfolgt.“ |
folgt mein Text einer Spur wie sie mag auch er etwas bedeuten jedoch irgendein Zeichen zu hinterlassen liegt nicht in seiner Absicht mir scheint als führte die Spur von hier weg und auf etwas ganz anderes zu planlos und ohne dem Unbekannten jemals näher zu kommen stört sie die Ordnung der Welt ihr folgt dieser Text der mich beunruhigt und mich wach hält bis er wieder zurückkommt zu mir |
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| 16669-16708: Gerard Manley Hopkins notiert am 14.09.1871 in sein Tagebuch: „On this walk I came to a cross road I had been at in the morning carrying it in another ‚running instress’. I was surprised to recognise it and the moment I did it lost its present instress, breaking off from what had immediately gone before, and fell into the morning’s.“ (Peter Waterhouse übersetzt „running instress“ mit „fließende Inwucht“.) |
„running instress“ nennt [16700] Hopkins jenes Aufleuchten in uns das über ein Ereignis hinweghuscht von dem wir meinen es wieder zu erkennen eine Kraft löst mich („eine fließende Inwucht“) von den Bildern die meine Gegenwart sichern über mir plötzlich randloses Porzellanblau von nirgendwoher mit einem in die Tiefe ziehenden Sog auf eine Bahn die kaum merklich sich krümmt wie das Licht das an Schwerem vorbeizieht genau so biegt sich das Gebet (das ich selbst bin) das schließlich wieder unerhört eintrifft bei mir ich leide unter zu viel Gleichzeitigkeit noch während ich einen Sparwasserhahn kaufe schluchzt hinten im Laden die junge Verkäuferin laut auf soeben hat sie vernommen dass ihr Großvater starb was soll ich jetzt tun was geschieht als nächstes soll ich schnell bezahlen und gehen mir ist als sei mein Leib abhanden gekommen nur Körperteile umstellen mich ungelenk und ohne Mut zur Empfindung für einander und zur Bewegung man müsste Anschluss suchen an die Vorstellung bald wieder etwas zu tun: Schnittblumen kaufen stoßlüften zu Hause auf dem Binsenfeuer im Garten Fladen backen aus Buchweizenmehl Ereignisse finden hier Erwähnung auch wenn [16750] sie nie stattfinden werden jede Erfahrung wird gesammelt geordnet damit sie später vielleicht Verwendung findet wenn die Wirklichkeit sich nur noch bruchstückhaft zeigt Listen wie diese die ordnen ohne Rücksicht auf das Verständnis ermöglichen mir später eine feinere Abstimmung innerhalb der Strukturen die noch niemand als solche erkennt mich erschreckt jeder uneinholbar nach vorne gerichtete Blick in der Ferne was könnte Halt ermöglichen dem unruhigen Auge selbst in mir dünkt mich der Grund von dem mein Sehen hinauspeilt nichts als eine Leerstelle zu sein |
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ich schiebe zaghaft den rechten Fuß vor zum Schritt noch nicht entschlossen ohne mein Gewicht Neuem anzuvertrauen die kurzen Schattenstäbe fest mit den Händen umklammert zögere ich zeitlos doch aufrecht auf meinen Schultern leuchten die Sonnenscheiben rot auf elfenbeinschwarzem Schlüsselbeingrund doch nur mit verklebten und nach innen gekehrten Augen sehe ich sie und spüre den langsam einsetzenden Schub aufwärts dem hoch gespannten Tagleib des Himmels entlang jede Verschattung die tief unten vorbeihuscht jedes Funkeln wird liebevoll nochmals erklärt |
![]() Statue des Snofrunefer, 2400 v. Chr. |
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| 16800: „Mameloschn“ (jidisch) = Muttersprache. |
es ist als lernte [16800] ich eine Mameloschn eine mit der ich mich selbst endlich verstehe |
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| 16804-16820: Zitate
aus: Adalbert Stifter, Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842. Stifter beobachtete in Wien (vom Haus Nr. 495 am Ruprechtsplatz aus) diese Sonnenfinsternis. |
jetzt müsste sie sich zu erkennen geben „die Magie des Schönen die Gott den Dingen mitgab“ und die ansonsten leicht sich begreifen lassen „ein Körper leuchtet einen anderen an der wirft seinen Schatten auf einen dritten: "es war ein so einfach Ding“ schreibt Adalbert Stifter doch in seinem Leben hat ihn nichts so erschüttert wie die zwei finstern Minuten als er in Wien am achten Juli die Sonnenfinsternis sah auch mir scheint manches was mir zuweilen geschieht auf den ersten Blick etwas anderes zu sein unter dem Vordach der eiserne Haken und die schwere Kette wirken irgendwie kraftlos wenn hinter ihnen im Garten der Kirschbaum ins Blühen gerät aus seinen Schneeballästen fliegt eine Amsel auf und hinüber mit einer Botschaft für den noch hellgrün verschleierten Wald das tönt – ich weiß es – unerträglich friedlich und ich füge deshalb nahtlos die Mitteilung an dass schon beim ersten Frühlingsgewitter der Blitz eine still vor sich hinstaunende Kuh zerriss dieses Unglück kommt zwar noch aus ohne Bosheit trotzdem versperrt es jede mögliche Nähe eine Ebene [16850] zeigt sich die zu erreichen mir unmöglich bleibt |
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| 16852: :
„Es handelt sich hier nicht um eine Frage des sich irgendwie Näherkommens;
die Sachen liegen auf einer ganz anderen Ebene; man könnte das ausdrücken,
indem man sagt: ‚Du meinst etwas ganz und gar anderes, Wittgenstein!’“ In:
Ludwig Wittgenstein, Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik,
Psychologie und Religion, Göttingen 1968, S. 88. 16858: Die berühmte Mitleidsfrage, die Parzival an den kranken Gralskönig Anfortas richten soll: 16861-16864: Hildegard von Bingen, Physica. Liber VII: De Unicorni: „ac in eundo quasi saltus habent“ (PL 197, 1317ff.) |
„du meinst vielleicht etwas ganz und gar anderes“ unerklärlicherweise krallt sich dieser Satz in meinen wortarmen Sinn unausrottbar bleibt der Zweifel „waz wirret dir?“ frage ich mich selbst und werde doch nicht gesund man müsste gleichsam diesen Sprung in sich haben mit dem das Einhorn flieht und unauffindbar bleibt jederzeit müsste man auffliegen können mit locker baumelnden Krallen wie der Kolkrabe der die blauschwarzen Federn unter der Kehle aufspreizt wenn er kräht |
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16873: Sinaasappel (nld.) = Apfel aus China: Apfelsine, Orange. |
man sollte versuchen wie ein Sinaasappel Bitterstoffe im Innern umzuwandeln in einen die Schale süßlich umleuchtenden Duft der ätherisch leicht hochsteigt |
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| 16878-18885: Vgl. Ovid, Metamorphosen, 2, 340-366: Die Heliaden trauern um ihren mit dem Sonnenwagen des Helios abgestürzten Bruder Phaëton. Um ihre Trauer zu beenden, werden sie in Pappeln verwandelt, ihre Tränen zu Bernstein. |
zu den erstarrten Ästen der dunklen Pappeln so dass sich deren Bernsteintränen auflösen in der warmen Luft unter dem verlässlichen Umlauf der Sonne man müsste sich festhalten an den Bildern die in sich zurückfallen wo versammeln sie sich bevor die Erinnerung sie wieder aufscheut an diesem lichtscheuen Ort ließe sich vielleicht mancher Entwurf auslöschen der sich jahrelang vom Erinnern genährt hat der seine Leuchtkraft vorauseilend verschwendet um uns zu zeigen [16900] was wir ohnehin wissen andächtig denken (eine Andenken-Andacht) |
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den Modellbogen „Kruzifixsonnenuhr“ des Mathematikers Georg Hartmann aus Nürnberg ausschneiden falten kleben und als Tischstandkreuz hinstellen dort auf die Kredenz wo noch nie ein Sonnenstrahl hinfiel eine Bastelarbeit mit Karton und Schere eine Meditation am Sonntagnachmittag und am Kalvarienbergfuß über den Esel den Alexamenos in Rom einst verehrt hat schneiden falten und kleben ritzen und schreiben sind grobschlächtige Formen des Umgangs mit dem Erinnern das mich findet das darauf besteht bei mir unterzukommen ich brauche ein Tuch weicher als Leinen fester als Flanell um es einzubetten und später weiterzureichen |
![]() ältester Karton-Modellbaubogen der Welt
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16932-16941: The Journal and Papers of Gerard Manley Hopkins, London 1959, S. 231 (16.06.1873): „Shadows sharp in the quarry and on the shoulders of our two young white pigeons. There is some charm about a thing such as these pigeons or ….” |
ohne die scharfen Schatten die Hopkins auf den Schultern sah weißer Tauben oder im Steinbruch immer weicher zeichnen sich in die Zeit die flieht die Erinnerungskanten über die Dinge (wie diese Tauben) legt sich ein Zauber von dem ich nicht weiß woher er kommt im dichten Innern der Gegenstände hält sich ein Schimmern obwohl diese längst nicht mehr da sind ein schwaches Leuchten schiebt sich unter die Landschaft die mir noch fremd ist [16950] wie eine wilde Katze die ansetzt zum Sprung aber nicht springt so kauert oft das Erinnern irgendwo dunkel in mir es fehlt jeglicher Glanz in den Augen nur um die Härchen am Rand der dünnhäutigen Ohren tanzt etwas Lichtstaub nur kleinste Blitze fädeln planlos leichtfertig durch den Ohrmuschelschatten Kurzschlüsse zirkeln um meinen Schädel (diesen Faraday-Käfig) versuchen einzudringen in die Archive zucken durch die entspannten Lagen und Schichten vieler Jahre unverhofft huscht ein Verglimmen durch ein dunkles Verzeichnis doch selbst bei hellstem Tageslicht ließe sich die Ordnung als Ordnung nicht mehr erkennen obwohl |
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| 16976-16979: Thomas von Aquin, Summa contra gentiles, III, 74. |
Ungefähres und Zufälle regelmäßig eingefügt sind wo klares Wasser sein sollte liegt schattige Luft regungslos lastet sie schwer |
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| 16983-16990: Vgl. Buch Ezechiel 37. |
auf der Ebene auf dem geistlosen Gebein das trocken und weit verstreut wartet auf ein Wort ein Fleischwort eines das Sehnen und Haut neu spannt ein anderes das etwas wie Geist hinzufügt ein Wort schließlich das die Erinnerung weckt sie hervorlockt und stützt damit sie hineintreibt in die Lautlosigkeit |
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16996-17000:
Marcel Proust, Pastiches et Mélanges, Paris 1921, S. 235: „où chaque bruit
ne sert qu’à faire apparaître le silence en le déplaçant ...“ |
in diesen Text der nichts ist als ein Geräusch das Stille hervortreten lässt und zugleich schiebt es sie beharrlich zur Seite |
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09.12.2011 |