| Nicht bei Trost
(Haiku, endlos) Z.17001 - |
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"... im Haiku will ich nichts fassen, mich keiner Sache
bemächtigen; statt dessen gibt es so etwas wie eine sinnliche Falte, das
glückliche Einverständnis mit dem Auf-leuchten des Realen, mit plötzlichen
affekti-ven Wendungen, Gefühlsumschwüngen ...” Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans. |
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| 17001: Emily Dickinson in einem Brief an T.W. Higginson (Januar 1874): “News of dying goes no further than the breeze. The ear is the last face.” |
das letzte Gesicht ist das Ohr was hier ankommt ist nur ein Lufthauch es versteht was sich aufbäumt in mir und auch das was nicht mehr zu mir gehört bis zuletzt werden die Wörter versuchen mich zu erreichen obwohl sie wie Schneeflocken schmelzen im Innern meines unruhig werdenden Leibs wo die Organe auszukühlen beginnen wie früh am Morgen in der Backstube das Brot weit unten am Fluss im Dunst liegt die Stadt das Ohr tastet nach ihren Geräuschen sucht die Richtung aus der nach Einbruch der Nacht das Lichterfunkeln zu hören sein wird |
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17024-17034: „Am Spiegelgrund“ (heute „Am Steinhof“) hieß die psychiatrische Heilanstalt auf der Baumgartner Höhe bei Wien. Während der NS Herrschaft wurden hier in der „Städtischen Nervenklinik für Kinder“ ca. 750 kranke, behinderte oder sozialauffällige Kinder umgebracht. Heute befindet sich vor Ort eine Gedenkstätte bestehend aus kurzen, oben mit einer Glasleuchte versehenen Stäben, je einen für jedes getötete Kind. |
ein Schimmer liegt über dem Spiegelgrund über der kleinen Wiese am Hang einige hundert Stäbe leuchten schwach jeder steht für ein grausam zu Tode gequältes Kind heute haben sich drei Mohnblüten geöffnet inmitten der vielen Lichter drei Blüten nicht mehr während ich begann die Stäbe zu zählen zog über der Kirche |
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Sankt Leopold am Steinhof hoch auf dem Hügel ein schweres Gewitter auf ein Gebirge aus dunklen Wolken wölbten sich über die Kuppel und ihr vergoldetes Dach es gibt schwelende Haftstellen des Erinnerns deren Verschwinden wir nicht zulassen dürfen meinetwegen mag [17050] der Grabstein zerbröckeln des Hof-Kammerraths und Guardarobba Inspectors auf dem Salzburger Sankt Sebastiansfriedhof doch muss es Narben geben die sichtbar bleiben die sich für immer eintragen als Zeichnung auf unserem Antlitz |
![]() 17037: Anstaltskirche St. Leopold am Steinhof (1904-07) von Otto Wagner. |
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17060-17067: Vgl. Buch Jesaja 45,7f. |
viel Tau müsste jetzt fallen ich lege den Kopf in den Nacken ich warte dass aus den Wolken Unerwartetes rieselt es heißt einer sei der Licht und Finsternis Heil schaffe und Übel während ich an Erdbeeren denke an einen Silberlöffel und schwarzes Haar |
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| 17072-17074: Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.521: „Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.“ |
in diesem Moment scheint mir es sei das Problem des Lebens gelöst weil es plötzlich verschwindet und ich atme auf dieser Blaseblag in mir dessen Bewegung nirgendwohin führt er bläht sich auf im Dunkeln und sackt wieder zusammen die Atemzüge sind längst festgelegt es wird kein Aufschub gewährt sinnlos der Versuch die Luft anzuhalten und vergeblich die Mühe die Zählung durch Husten durcheinander zu bringen unerbittlich will etwas sich wenden in mir ein schwacher Windstoß übt das Wechseln der Richtung dieses Ein und Aus auf das Flüche und Lieder sich betten Seufzen Geflüster Lustgezeter das Deklarieren von dem was ist beginnt mit dem Holen von Luft [17100] ob er redet oder schweigt selbst Gott braucht unser Gebläse wenn er uns meint |
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besonders wenn er scheinbar endgültig verstummt ohne dass wir aus seinem Blickfeld geraten es ist die Nähe des ganz Fremden die unser Atmen beschleunigt Luftsäulen füllen mit Sand sich wie schwere Säcke liegen sie mir auf der Brust ein Gewicht aus Nichts das Gewissheit und Zweifel aus mir herauspresst wenn der Druck nachlässt entsteht eine Leerstelle die wie ein Löschblatt sich des Raumes bemächtigt den mein Körper beansprucht eine Hohlform bleibt deren Rand wahrzunehmen jetzt nicht mehr gelingt wie kleine Inseln bilden Empfindungen sich deren Lichtzellen etwas aufscheinen lassen doch ohne dass es sich zeigt dieses etwas treibt Luftwurzeln ins Gehege in die Umfriedung die ich war es entstünde ein frei schwebender und allseits zugänglicher Garten ein Chortos unabhängig vom Toten das verrottet um als Erde Wurzeltrieben Halt vorzugaukeln eine Wolke aus Kräutern und blassfarbigen Blüten von Nesselseide locker umwunden gleitet über Vorsprünge Kuhlen und Nischen einer Mauer entlang die vor langem hier stand Vergessenes könnte ihr sich anschließen jetzt [17150] bevor die Erwärmung sie hoch- und davontreibt irgendwo unten hör ich ein kurzes Klopfen das verhaltene Zittern eines Kühlschrankes der sich ausschaltet von selbst dieses lächerliche Geräusch stört nicht weil es mich an nichts erinnert an nichts außer an diesen Kühlschrank der zitternd das Kühlen kurz unterbricht widerstandslos legt mein Luftschiff sich jetzt in den aufkommenden Wind eine Montgolfière aus Blüten und Kräutern die schnell an Höhe gewinnt über dem dunkel vor sich hinbrütenden Wald |
![]() Filminstallation von N. Six und P. Petritsch Ursulinenkirche Linz (2009). |
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ein Sperling beginnt mit dem Bau eines Nestes im Flechtwerk meiner nicht mehr wachsenden Haare später setzt er sich brütend auf die trockenen Äpfel meiner weit aufgerissenen Augen was wird sich zeigen wenn das Sehen zurückkehrt was schlüpft aus dem Blick ins Freie um die Bilder neu abzutasten ohne allem entgegen zu eilen ohne Entfernung einzuüben so dass Ankommen gar nicht mehr in Betracht kommt schauen im späten |
![]() Ka'ō (1. Hälfte 14. Jh.): Sperling |
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| 17189: οπώρα (gr.), Bezeichnung für die Jahreszeit zwischen Sommer und Herbst. |
Sommer (Opora) nochmals genau hinschauen im Herbst im Winter entsteht der Text der daliegt wie ein entwurzelter Baum |
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| 17195-17197: Ikkyū Sōjun, Gedichte von der verrückten Wolke, Frankfurt a. M. 2006, S. 74: „Spalte einen Kirschbaum / und du wirst keine Blüten finden. / Doch der Frühlingswind / bringt Myriaden Blüten hervor.“ Bild: (Ikkyū Sōjun, 1394-1481, bekanntester Exzentriker unter den Zen-Meistern, dem Wein zugeneigt und Gast in Bordellen, voll tiefsinnigen Witzes und Erleuchtungs-Erfahrung. „So viele Jahre habe ich Zen geübt und den Weg praktiziert, jetzt habe ich neue Probleme.“) |
sinnlos seinen Stamm aufzusägen um darin Blüten zu finden dieser Text führt an allem vorbei unterwegs [17200] hilft er nichts zu erreichen er steuert hin zu einer Bedeutung doch biegt er kurz vorher ab und verfolgt eine Richtung die nirgendwohin führt die vielen Wörter müssten längst abgenutzt sein und sich leicht wie Sandkörner ausstreuen lassen bis dass die einsinkende Ferse die Sohle der Fuß den Klang des Quarzes zu hören beginnt und ihn überträgt auf das |
![]() Hisashi Sakaguchi, Ikkyu, Hamburg (Carlsen Manga) 2009, Bd. 3, S. 249. |
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| 17215: G.W.F. Hegel, Naturphilosophie (Bd.1: Die Vorlesungen von 1819/20), Napoli 1982, S. 62: „Der eigentliche Klang ist das innere Beben des Körpers …“ |
innere Beben unseres Körpers wenn er dem Meer entlang geht diese leise Erregung springt in die Dünung und von hier in den Rhythmus der Wellen die sich an den Strand werfen an ihm auflaufen um so den Sand zu beruhigen und zugleich jede Spur auszulöschen von mir zurückbleiben dicht geraffte feuchte Rippen ein Ornament nachts mit einsetzender Ebbe sorgfältig plissiert (ähnlich hat die Mutter das Kartoffelpüree mit dem Messer zu einem gewellten Kegel geformt in dessen weiche Spitze steckte sie ein Petersilienbäumchen) etwas erscheint um gleich wieder zu verschwinden eine Fährte wird angelegt damit wir uns später erinnern |
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| 17244-17251: Anlehnung an Stellen in: Dōgen Zenji, Shōbōgenzō, 1. Kapitel (Genjōkōan). |
es scheint als ob das Ufer sich bewege doch es ist unser Boot das weit draußen vorbeizieht trotzdem bedauern wir das Welken der Blüten [17250] und ärgern uns über das Unkraut im Garten |
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17253-17255: Vgl. dazu die wichtigen Stellen zum Weißdorn
bei Proust. (Zum Beispiel Marcel Proust, Auf der Suche nach der
verlorenen Zeit [Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a.M.
2004, S. 202-206.) – Auf die mögliche Verwechslung wird hingewiesen in:
Andreas Maier und Christine Büchner, Bullau. Versuch über Natur,
Frankfurt a.M. 2008, S. 96f. |
in Erinnerung bleiben die Weißdornblüten deren Geheimnis so schnell nicht zu entdecken (und die nicht zu verwechseln sind mit dem Schlehdorn) die Ahnung dass alles auch anders sein könnte und vielleicht anders schon ist ohne dass wir es zu erkennen vermögen diese Ahnung ist vielleicht eine Täuschung und wir sind am Ufer und zugleich draußen im See die Rötelzeichnung in der Blüte des Weißdorns wäre also nichts als die Färbung in einer blühenden Hecke ein zartes Rosa vor dem tiefblauen Himmel und da sind wir an einem Ort angekommen |
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| 17276-17278: Der Wüstenvater Sisoes (ca. 340-430) antwortet einem ratsuchenden Bruder: „Was zwingst du mich, unnütz zu reden? Gib acht! tue, was du siehst!“ |
wo man sich fragt: was zwingt mich unnütz zu reden "da ist es tu was du siehst" welch eine hohe Meinung vom Sehen war nicht am Anfang das Wort das Wort mit der Kraft uns die Augen zu öffnen sollte es umgekehrt nicht möglich sein sehend wieder zurück zu finden zum Wort und zum Klang mit dem einst alles begann möglicherweise sollte ich öfters wieder |
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| 17291-17300: Buch Jesaja 45,8f: „Ergieße dich Himmel von oben, und die Wolken sollen überfließen vor Recht! ...“ – Vgl. auch die Introitus-Antiphon der Messe zu Ehren Marias: „Rorate caeli desuper …“ („Tauet Himmel, von oben …“) |
hinaufschauen an den Himmel um zu sehen ob er noch taut und wie Gerechtigkeit regnen könnte aus Wolken um den Töpfer zu fragen weshalb mir dem Lehm der Scherbe unter Scherben zu staunen doch nicht [17300] nachzudenken erlaubt sei unbestreitbar schön tönt das leichte Aufbäumen der Stimme wenn sie eine Frage formuliert schön auch die Stille wenn sie unbeantwortet bleibt |
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so wünschte ich mir dieses wuchernde Sprachwerk könnte daliegen ruhig wie die zweitausend Gipselemente von Walter de Maria als weiß rauschende Körper reihten die Zeilen sich aneinander geduldig und anspruchslos in einer Passform die Gleichgültigkeit vortäuscht Buchstabenreihen verzierten die Stirnseiten kleinster Skulpturen eine endlose Folge von Textfragmenten Fluchtpunkte erkundend doch ohne die Absicht diese je zu erreichen |
![]() Walter de Maria: The 2000 sculpture |
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| vgl. Z. 17258. |
so wird die Ahnung (alles könnte anders sein) zu einer Hoffnung verdichtet so dass schließlich ein Übergang zur Gewissheit entsteht etwas regt an zum Dasein ohne dass es selbst da ist und legt sich wie Tau über die Furcht zu scheitern ein Noch-nicht glitzernd plötzlich wird vieles erkannt und neu gesehen Dinge Zeichen auf Blättern nichts Besonderes vielleicht das Vorsatzpapier |
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17342-17356: Vgl. Anmerkung zu Z. 12553: „die Welt, die
kommt“ (hebr. ‚olam ha-ba). S. auch Ernst Bloch, Das Prinzip der
Hoffnung (1938-1947), Vorwort: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu
lernen. [… ] So brach die Perspektiv ab, so entspannte Erinnerung die
Hoffnung.“ „docta spes“ (gelehrte Hoffnung), a.a.O. S. 7. 17348-17355: Reiter, Florian C., Die Verbindung von Menschlichkeit und Göttlichkeit. Taoistische Ansichten des Lebens, Wiesbaden 2010, S. 29f. („Die Reise auf dem gelben Hund“) und S. 40-43 („Die magische Schildkröte“), S. 49-51 („Der Strohrock“). |
einer Welt die kommt nicht ohne Erinnern doch ohne dass dieses die Hoffnung entspannt ein Rad das wächst das sich dreht bis der gelbe Hund fliegt hoch über den Himmel [17350] neben ihm die Schildkröte im Jadepanzer auf den Wellen des Wei-Shun schwimmt mit der Strömung eine große Steinplatte flussabwärts davon „docta spes“ unruhig bleibt alles und offen vielfach begabt unterwegs nach vorne zu sein unerwartet und selten taucht sie auf aus dem kalten trübgrauen Wasser |
![]() Laxey Wheel (1854) |
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die alte Brücke (wenn der Stausee fast leer ist) noch verbindet sie die zwei Seiten des Tals noch immer ließe sich Gegenüberliegendes erreichen doch liegt die Brücke schon bald wieder tief unten im See der Weg hinunter über das Geröll und die abgeschliffenen Buckel wird verschwinden wie auf der anderen Seite er wieder ansteigt dem Ufer entlang das wird keiner mehr sehen nochmals scheint mir ich hörte den hellen Aufschlag des Pickeleisens und das Knirschen der Schaufel im verklumpten Kies und den hellen Metallklang wenn der Hammer den Meißel in den Granit treibt |
![]() Grimsel-Stausee (Foto: Elisabeth Huber) |
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| 17388: André Leroi-Gourhan, Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt a.M. 1980, S. 43: „...[es] scheinen genügend Belege dafür vorzuliegen, dass die Fortschritte in der Anpassung des Bewegungsapparates eher dem Gehirn genützt haben, als dass sie von diesem hervorgerufen worden wären.“ – S. 320: „Mit seinen Händen nicht denken können bedeutet einen Teil seines normalen und phylogenetisch menschlichen Denkens verlieren.“ |
was lernt das Gehirn heute noch von den Händen von unseren Fingerkuppen die ständig zucken als ob sie zurückschreckten vor der Berührung von Zeichen die leuchten und kleinsten Tasten eine andere Weise ans Ziel zu kommen hat dieser Sperling gewählt der gestern Abend [17400] in das große Fenster flog darin der Himmel sich noch hell gespiegelt hat ein Übergang der vielleicht auch uns bevorsteht denn wir sind weder im Wesen noch in der Form so beständig wie die durchsichtigen Quallen seit Millionen von Jahren sind sie nur Mund der Nahrung aufnimmt und diese verdaut |
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| 17413-17416: Gregor von Nyssa, De opificio hominis (um 379), c. X: „Dank dieser Anordnung schafft der Geist wie ein Musiker in uns die Sprache. Diese Auszeichnung wäre uns zweifellos nie zugekommen, wenn unsere Lippen, um der Bedürfnisse des Körpers willen, [ausschließlich] die aufwendige und mühsame Aufgabe der Ernährung hätten auf sich nehmen müssen. Diese Aufgabe haben die Hände übernommen und dadurch haben sie den Mund befreit, damit er sich in den Dienst der Sprache stelle.“ |
ohne je von befreiten Lippen zu träumen die der Sprache die Laut wird dienlich sein könnten auch nach Füssen und Flügeln drängt sie ihr Leib nicht Raum und Zeit bleiben wage noch spiegelt sich nichts lautlos und ohne den geringsten Widerstand sterben die Tiere im Paläozikum die Nautiliden Seeigel Pfeilschwanzkrebse und die Medusen tief unter Wasser sterben sie alle ohne sich auseinandersetzen zu müssen mit den Anziehungskräften eines tiefblauen Himmels |
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| 17434-17441: Vgl. Frontispiz und Titelseite in: Johann Christoph Gottscheden, Erste Gründe der gesammten Weltweisheit..., Leipzig 1739. |
nie verspürten sie den Wunsch irgendeine Welt mit Geraden und Kreisen zu vermessen um der „gesammten Weltweisheit erste Gründe“und „des Meisters Größe“ vielleicht kennenzulernen unverständlich bis heute bleibt ihnen unser Hunger nach Bildung und das erinnert mich jetzt an meinen Urgroßvater |
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neunzehnhundertneun steht Joseph Anton Dodel Lehrer zu Kempten [17450] vor dem Fotografen mit seiner Schulklasse vierundsiebzig Kinder und kein einziges lacht als ob all die Schrecken der kommenden Jahre sich unter dem schwarzen Tuch (des Fotografen) sprungbereit hielten in die Reihen und Glieder der Kinder zu fahren die ahnen: es wird kein Entrinnen geben für sie falls sie nicht fliehen wie mein Großvater es tat heute müssten wir Zuflucht suchen in Höhlen hoch im Gebirge in der Wüste vielleicht um den Raum und die Zeit ohne die wild wachsenden Städte und Straßen zu erfahren und dem auf uns einschlagenden Rhythmus der Uhren zu entgehen um eine ältere Ordnung wieder zu finden der erste Pfad und das Haus zu dem er geführt dieses Kommen und Gehen am sicheren Ort war das ein Verlust oder vielleicht ein Gewinn der Wechsel vom Durchqueren unbegrenzt weiter Räume zum Wohnsitznehmen unter dem Zentrum der Himmelskuppel was hat das in uns bewirkt gleich weit entfernt zu sein von allen Rändern vom Sonnenauf- und untergang |
![]() 17445-17464: Mein Urgroßvater Joseph Anton Dodel, Lehrer in Kempten, mit seiner Schulklasse. |
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17495-17499: Vgl. André Leroi-Gourhan, Hand und Wort,
Frankfurt a.M. 2006, S. 410: „… die fundamentale Eigenschaft der
Städte liegt darin, ein geordnetes Bild vom Universum zu entwerfen.“
17500-17506: Marcel Proust, À la recherche du temps
perdu. II: Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 1012: „… je
fermais les yeux pour bien penser que ce que j’allais voir, c’était bien
la plaintive aïeule de la terre, poursuivant, comme au temps qu’il n’existait
pas encore d’être vivants, sa démente et immémoriale agitation.“ („… die
Augen schloss, um mir recht vorzustellen dass, was ich sehen würde, die
klagende Ahne der Erde war, die wie in den Zeiten, da noch keine Lebewesen
existierten, in ihrer wahnwitzigen, unvordenklichen Erregung verharrte.“
Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und
Gomorrha], Frankfurt a.M. 2004, S. 605.) |
woher kommt der Wunsch eine kosmische Ordnung zu übertragen auf die flache Welt bei der Planung von Städten Proust schließt die Augen um sich [17501] vorzustellen wie die Ahne der Erde in urvordenklicher wahnwitziger Erregung klagend verharrte weil nichts Lebendes da war einst wurde er von einem ähnlichen Taumel erfasst während er hört wie die Brandung ohne dass er sie sieht mit an- und abschwellender Wucht die Wellen an die Klippen und Felswände wirft jetzt ist ihm der Weg der dem Ufer entlang führt nur noch Entfernung die Strecke die ihn von der Geliebten trennt und ihn doch mit ihr verbindet weitergehend auf dem eingeschlagenen Weg gelangt man vielleicht eines Tages in dieses gastfreundliche Land |
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| 17526-17530: Ikkyū Sōjun, Zen-Gedichte von der Verrückten Wolke, Frankfurt 2007, S. 8: „Mein Mönchsfreund hat eine seltsam-liebenswerte Angewohnheit: Er flicht Sandalen und stellt sie heimlich an den Wegrand.“ |
in welchem ein Mönch lebt mit einer seltenen Gewohnheit er flicht fleißig Sandalen und stellt sie heimlich an den Wegrand von Beginn an ist jeder Weg auch ein Irrweg nur so komme ich vorwärts und nirgendwo hin ich zögere nicht abzubiegen um einem Pfad zu folgen der sich alsbald verliert zwischen graugrünen Buckeln als weiche Decke liegt das Zackenmützenmoos über den scharfen Kanten der Lavabrocken hier ist der Boden noch warm und hier will ich mich unter mein Schaffell legen um nachzudenken während der Nieselregen die Landschaft auslöscht immer noch versucht der Sturm [17551] die feuchte Asche aufzuwirbeln mit der er farbige Wände aus Wellblech blankgefegt hat ich stelle mir vor ich schliefe verborgen in den weichen Daunen eines Eiderentennests „Somateria mollissima“ schon dieser Name macht schläfrig und mich dünkt es begänne gleich das Versinken |
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17564: ummyndanir (isl.) = Metamorphosen. (So auch der
Titel der isländischen Ausgabe von Ovids Metamorphosen.) |
„ummyndanir“ dieses Wort das zweimal ansetzt das Dunkle aufzuhellen hat sich festgesetzt irgendwo in meinem Kopf "Metamorphosen" unruhiger Wesen die hoch im Norden sich immer noch häufig zeigen Elfen und Trolle verborgenes Nebelvolk und die Toten die als „Afturganga“ lange nicht sterben können für die lichtlosen Tage gilt es jetzt Träume vorzubereiten wie aus den Toteislöchern Bambussprossen hochschießen mit glatten Knoten im schnell wachsenden Stängel wie die Dorschleber sich wieder mit Tran füllt und das getrocknete Fleisch zurückfindet ins Meer |
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| 17590 „Tskubai“ nennt man in Japan die kleinen Wasserbecken, die zum rituellen Waschen der Hände (zum Beispiel vor der Teezeremonie) dienen. |
das klein ist im Traum ein Wasserbecken aus Stein ein Tsukubai um sich die Hände zu waschen in einem stillen wohlgeordneten Garten |
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| 17596: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 213: „Er trieb einen kleinen Finsternishandel.“ |
aufgewacht wird mein kleiner Finsternishandel wieder beginnen in den ich mit diesem Text Partikel von Licht [17600] einzuschleusen versuche |
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aus Lichtvorräten kalter Wüsten wo Helles weniger schnell im Flimmern der Hitze verglüht hier sind die Ränder vom Gletschereis überdacht die Nebelbänke und Wolken leuchten auch nachts überschüssiges Schimmern wird abgelagert im hellgrauen Staub in den Poren des Gerölls ein Eiland entsteht gegen das Dunkle das kommt noch vor dem Winter werden Lautmelodien aus dem Lichtlager exzerpiert und tagelang nachgesungen bis |
![]() Springisandur |
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| 17620: In Tenga Bithnua (= Die immer neue Sprache/Zunge). Titel eines altirischen apokryphen Textes. Darin predigt ein Apostel Philipp, dass Gott ihn zu den Heiden gesandt habe, diese ihm neunmal die Zunge herausschnitten und er trotzdem jedesmal in einer Engelssprache weiter gepredigt habe. Deshalb sein Name „Ever-new tongue“. Vgl. In Tenga Bithnua. The ever-new tongue, cura et studio John Carey. (Apocrypha hiberniae II; CCSA 16) Turnhout 2009. |
die neue Sprache entsteht Tenga Bithnua Wort für Wort Satz für Satz wird artikuliert ein nicht endender Singsang der alles was ist und wie es entstanden bespricht ein unsichtbarer Faden (an welchem entlang das Erinnern selbst sich in Erinnerung ruft) verknüpft das Geflecht so dass Spuren sich zeigen von allem was war und von allem was sein wird |
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| Im Gegensatz zu Marcel taucht Tante Leonie ihr Madeleine in Lindenblütentee. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a. M. 2004, S. 66-68 und 76f.) -Vgl.: Z. 3993-3996. |
jetzt aber gilt es die Art herauszufinden des Tees in welchen Proust sein Madeleine tunkte diese bis anhin noch nicht geklärte Frage beschäftigt mich und auch die Blüten der Linden die Proust ausführlich in getrocknetem Zustand beschreibt: ihr jetzt fast farbloses vermindertes halb erloschenes Leben scheint ihm nur noch ein schwaches Leuchten und [17650] ein Blumendämmern zu sein in dem harmlosen Lindenblütentee haben sich Unwissenheit verbunden mit Leidenschaft niemand vermutet soviel Glück in einem Tee der vordergründig sich als fiebersenkend und schweißtreibend ausgibt doch vermag dieses schlichte blassgelbe Getränk Träume neu zu erhitzen Wünsche beginnen zu knistern im Schatten duftender Bäume |
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„Elle envoya chercher un de ces gâteau courts et dodus
appelés Petites Madeleines qui semblent avoir été moulés dans la valve
rainurée d’une coquille de Saint-Jacques. Et bientôt, machinalement,
accablé par la morne journée et la perspective d’un triste lendemain, je
portai à mes lèvres une cuillerée du thé où j’avais laissé s’amollir un
morceau de madeleine.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. I: Du coté de chez
Swann, Paris 1954, S. 45. 17677-17687: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 292. |
aufgeweicht vollgesogen zerfällt sie langsam die Muschelform des Gebäcks nichts Gewöhnliches haftet mehr an dem Vorgang wenn ein Madeleine still auf der Zunge vergeht auf diesem Organ das uns zur Sprache verhilft und zum Wissen dass jeder Mensch ansprechbar ist in seinem Essay „über Physiognomik“ verlangt Lichtenberg Antwort auf Fragen die sich zur Beantwortung nicht eignen trotzdem fragt er: „warum Tausende mit Gebrechen geboren werden einige Jahre durchwinseln und dann wegsterben“ öfter als heißer Tee brennt Sprache mir auf der Zunge |
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| 17690-17693: Franz Kafka, Forschungen eines Hundes (1921/22). |
„Jeder Hund hat wie ich den Drang zu fragen und ich habe wie jeder Hund den Drang zu schweigen“ es ist also wie immer: Bilder schachteln sich in- und hintereinander wieder und wieder steh ich hinter mir selbst und frage mich: musst du [17700] eigentlich sehen was du zu sehen bekommst ich vermeide ängstlich und so gut als ich kann mich von vorne zu sehen: mein Gesicht legt sich in Falten greisenhaft schwankt mein Leib aus dem Bild jedem Blickkontakt mit mir weicht er jetzt aus schon |
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kriechen die blinden Würmer mir aus den Augen schleppen mein Bilderlager für immer hinab ins Dunkle und stellen es Flechten und Pilzen vielleicht auch Moosen anheim restliche Farben nochmals zu verwenden sie wieder hinauf- und hineinzutreiben ins Licht das jetzt befreit ist von der Pflicht Verborgenes hervorzuholen oder beim Einsichtnehmen Hilfe zu leisten sicherer Leitzins zu sein bis zur Erleuchtung Licht wird nichts anderes sein als eine ganz leicht zu verdauende Nahrung im Schatten wartend wird das Helle mich finden |
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| 17733: Vgl. Platon, Charmides 154d-155a. |
weil ich sichtbar bin ohne reden zu müssen in diesem Bergwald vielleicht nochmals beginnen zu unterscheiden den Fluglärm der Insekten vom Knistern wenn sich Blütenblätter entfalten das feine Raspeln wenn ein langhalmiges Gras die Baumrinde streift vom Krümelschieben eines Pilzes der hochschießt die Reststille versickert im Torf beruhigt sich endgültig erst auf dem kühleren Mergel [17750] jetzt ist anfangen möglich hier tief unten wo ich nichts mehr begreife hier |
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| 17753-1760: Zitate aus Gedichten von César Vallejo. Aus Dobla el dos de Noviembre: „Vosotros, difuntos, de las nítidas rodillas“ („Ihr Toten mit den deutlichen Knien“); aus Los nueve monstros: „jamás … la migraña extrajo tant frente de la frente!“ („Niemals zog der Kopfschmerz soviel Stirn aus der Stirn!“); aus Pequeño responso a un héroe de la república: „también sudaba de tristeza el muerto“ („Auch der Tote schwitzte, vor Trauer“); aus Un hombre pasa: „Un hombre pasa con un pan al hombro“ („Ein Mann geht vorbei mit einem Brot auf der Schulter“). |
neben den Toten mit den deutlichen Knien denen der Kopfschmerz soviel Stirn aus der Stirn zog schwitzend vor Trauer bleibe ich hier bis er kommt der Mann mit dem Brot auf der schimmernden Schulter unaufhaltsam treibt das schwer Gewordene hoch schon steht da ein Mensch und bürstet seine Kleider |
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09.09.2010 |