Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.17001 - 

Index / Anmerkungen / Kommentar  

"... im Haiku will ich nichts fassen, mich keiner Sache bemächtigen; statt dessen gibt es so etwas wie eine sinnliche Falte, das glückliche Einverständnis mit dem Auf-leuchten des Realen, mit plötzlichen affekti-ven Wendungen, Gefühlsumschwüngen ...”
Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans.
17001: Emily Dickinson in einem Brief an T.W. Higginson (Januar 1874):  “News of dying goes no further than the breeze. The ear is the last face.” das letzte Gesicht
ist das Ohr was hier ankommt
ist nur ein Lufthauch
es versteht was sich aufbäumt
in mir und auch das
was nicht mehr zu mir gehört
bis zuletzt werden
die Wörter versuchen mich
zu erreichen obwohl
sie wie Schneeflocken schmelzen
im Innern meines
unruhig werdenden Leibs
wo die Organe
auszukühlen beginnen
wie früh am Morgen
in der Backstube das Brot
weit unten am Fluss
im Dunst liegt die Stadt das Ohr
tastet nach ihren
Geräuschen sucht die Richtung
aus der nach Einbruch
der Nacht das Lichterfunkeln
zu hören sein wird
   

17024-17034: „Am Spiegelgrund“ (heute „Am Steinhof“) hieß die psychiatrische Heilanstalt auf der Baumgartner Höhe bei Wien. Während der NS Herrschaft wurden hier in der „Städtischen Nervenklinik für Kinder“ ca. 750 kranke, behinderte oder sozialauffällige Kinder umgebracht. Heute befindet sich vor Ort eine Gedenkstätte bestehend aus kurzen, oben mit einer Glasleuchte versehenen Stäben, je einen für jedes getötete Kind.

ein Schimmer liegt über dem
Spiegelgrund über
der kleinen Wiese am Hang
einige hundert
Stäbe leuchten schwach jeder
steht für ein grausam
zu Tode gequältes Kind
heute haben sich
drei Mohnblüten geöffnet
inmitten der vielen
Lichter drei Blüten nicht mehr
während ich begann
die Stäbe zu zählen zog
über der Kirche
 
  Sankt Leopold am Steinhof
hoch auf dem Hügel
ein schweres Gewitter auf
ein Gebirge aus
dunklen Wolken wölbten sich
über die Kuppel
und ihr vergoldetes Dach
es gibt schwelende
Haftstellen des Erinnerns
deren Verschwinden
wir nicht zulassen dürfen
meinetwegen mag
[17050] der Grabstein zerbröckeln des
Hof-Kammerraths und
Guardarobba Inspectors
auf dem Salzburger
Sankt Sebastiansfriedhof
doch muss es Narben
geben die sichtbar bleiben
die sich für immer
eintragen als Zeichnung auf
unserem Antlitz
 
17037: Anstaltskirche St. Leopold am Steinhof (1904-07) von Otto Wagner.
17060-17067: Vgl. Buch Jesaja 45,7f.
 
viel Tau müsste jetzt fallen
ich lege den Kopf
in den Nacken ich warte
dass aus den Wolken
Unerwartetes rieselt
es heißt einer sei
der Licht und Finsternis Heil
schaffe und Übel
während ich an Erdbeeren
denke an einen
Silberlöffel und schwarzes Haar
   
17072-17074: Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.521: „Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.“ in diesem Moment
scheint mir es sei das Problem
des Lebens gelöst
weil es plötzlich verschwindet
und ich atme auf
dieser Blaseblag in mir
dessen Bewegung
nirgendwohin führt er bläht
sich auf im Dunkeln
und sackt wieder zusammen
die Atemzüge
sind längst festgelegt es wird
kein Aufschub gewährt
sinnlos der Versuch die Luft
anzuhalten und
vergeblich die Mühe die
Zählung durch Husten
durcheinander zu bringen
unerbittlich will
etwas sich wenden in mir
ein schwacher Windstoß
übt das Wechseln der Richtung
dieses Ein und Aus
auf das Flüche und Lieder
sich betten Seufzen
Geflüster Lustgezeter
das Deklarieren
von dem was ist beginnt mit
dem Holen von Luft
[17100] ob er redet oder schweigt
selbst Gott braucht unser
Gebläse wenn er uns meint
   
  besonders wenn er
scheinbar endgültig verstummt
ohne dass wir aus
seinem Blickfeld geraten
es ist die Nähe
des ganz Fremden die unser
Atmen beschleunigt
Luftsäulen füllen mit Sand sich
wie schwere Säcke
liegen sie mir auf der Brust
ein Gewicht aus Nichts
das Gewissheit und Zweifel
aus mir herauspresst
wenn der Druck nachlässt entsteht
eine Leerstelle
die wie ein Löschblatt sich des
Raumes bemächtigt
den mein Körper beansprucht
eine Hohlform bleibt
deren Rand wahrzunehmen
jetzt nicht mehr gelingt
wie kleine Inseln bilden
Empfindungen sich
deren Lichtzellen etwas
aufscheinen lassen
doch ohne dass es sich zeigt
dieses etwas treibt
Luftwurzeln ins Gehege
in die Umfriedung
die ich war es entstünde
ein frei schwebender
und allseits zugänglicher
Garten ein Chortos
unabhängig vom Toten
das verrottet um
als Erde Wurzeltrieben
Halt vorzugaukeln
eine Wolke aus Kräutern
und blassfarbigen
Blüten von Nesselseide
locker umwunden
gleitet über Vorsprünge
Kuhlen und Nischen
einer Mauer entlang die
vor langem hier stand
Vergessenes könnte ihr
sich anschließen jetzt
[17150] bevor die Erwärmung sie
hoch- und davontreibt
irgendwo unten hör ich
ein kurzes Klopfen
das verhaltene Zittern
eines Kühlschrankes
der sich ausschaltet von selbst
dieses lächerliche
Geräusch stört nicht weil es mich
an nichts erinnert
an nichts außer an diesen
Kühlschrank der zitternd
das Kühlen kurz unterbricht
widerstandslos legt
mein Luftschiff sich jetzt in den
aufkommenden Wind
eine Montgolfière aus
Blüten und Kräutern
die schnell an Höhe gewinnt
über dem dunkel
vor sich hinbrütenden Wald
 
Filminstallation von N. Six und P. Petritsch
Ursulinenkirche Linz (2009).
  ein Sperling beginnt
mit dem Bau eines Nestes
im Flechtwerk meiner
nicht mehr wachsenden Haare
später setzt er sich
brütend auf die trockenen
Äpfel meiner weit
aufgerissenen Augen
was wird sich zeigen
wenn das Sehen zurückkehrt
was schlüpft aus dem Blick
ins Freie um die Bilder
neu abzutasten
ohne allem entgegen
zu eilen ohne
Entfernung einzuüben
so dass Ankommen
gar nicht mehr in Betracht kommt
schauen im späten
 
Ka'ō (1. Hälfte 14. Jh.):
Sperling
17189: οπώρα (gr.), Bezeichnung für die Jahreszeit zwischen Sommer und Herbst. Sommer (Opora) nochmals
genau hinschauen
im Herbst im Winter entsteht
der Text der daliegt
wie ein entwurzelter Baum
   
17195-17197: Ikkyū Sōjun, Gedichte von der verrückten Wolke, Frankfurt a. M. 2006, S. 74: „Spalte einen Kirschbaum / und du wirst keine Blüten finden. / Doch der Frühlingswind / bringt Myriaden Blüten hervor.“ Bild:   (Ikkyū Sōjun, 1394-1481, bekanntester Exzentriker unter den Zen-Meistern, dem Wein zugeneigt und Gast in Bordellen, voll tiefsinnigen Witzes und Erleuchtungs-Erfahrung. „So viele Jahre habe ich Zen geübt und den Weg praktiziert, jetzt habe ich neue Probleme.“) sinnlos seinen Stamm
aufzusägen um darin
Blüten zu finden
dieser Text führt an allem
vorbei unterwegs
[17200] hilft er nichts zu erreichen
er steuert hin zu
einer Bedeutung doch biegt
er kurz vorher ab und
verfolgt eine Richtung die
nirgendwohin führt
die vielen Wörter müssten
längst abgenutzt sein
und sich leicht wie Sandkörner
ausstreuen lassen
bis dass die einsinkende
Ferse die Sohle
der Fuß den Klang des Quarzes
zu hören beginnt
und ihn überträgt auf das
 
Hisashi Sakaguchi, Ikkyu, Hamburg (Carlsen Manga) 2009, Bd. 3, S. 249.
17215: G.W.F. Hegel, Naturphilosophie (Bd.1: Die Vorlesungen von 1819/20), Napoli 1982, S. 62: „Der eigentliche Klang ist das innere Beben des Körpers …“ innere Beben
unseres Körpers wenn er
dem Meer entlang geht
diese leise Erregung
springt in die Dünung
und von hier in den Rhythmus
der Wellen die sich
an den Strand werfen an ihm
auflaufen um so
den Sand zu beruhigen
und zugleich jede
Spur auszulöschen von mir
zurückbleiben dicht
geraffte feuchte Rippen
ein Ornament nachts
mit einsetzender Ebbe
sorgfältig plissiert
(ähnlich hat die Mutter das
Kartoffelpüree
mit dem Messer zu einem
gewellten Kegel
geformt in dessen weiche
Spitze steckte sie
ein Petersilienbäumchen)
etwas erscheint um
gleich wieder zu verschwinden
eine Fährte wird
angelegt damit wir uns
später erinnern
   
17244-17251: Anlehnung an Stellen in: Dōgen Zenji, Shōbōgenzō, 1. Kapitel (Genjōkōan). es scheint als ob das Ufer
sich bewege doch
es ist unser Boot das weit
draußen vorbeizieht
trotzdem bedauern wir das
Welken der Blüten
[17250] und ärgern uns über das
Unkraut im Garten
   
17253-17255: Vgl. dazu die wichtigen Stellen zum Weißdorn bei Proust. (Zum Beispiel Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a.M. 2004, S. 202-206.) – Auf die mögliche Verwechslung wird hingewiesen in: Andreas Maier und Christine Büchner, Bullau. Versuch über Natur, Frankfurt a.M. 2008, S. 96f.
 
in Erinnerung bleiben
die Weißdornblüten
deren Geheimnis so schnell
nicht zu entdecken
(und die nicht zu verwechseln
sind mit dem Schlehdorn)
die Ahnung dass alles auch
anders sein könnte
und vielleicht anders schon ist
ohne dass wir es
zu erkennen vermögen
diese Ahnung ist
vielleicht eine Täuschung und
wir sind am Ufer
und zugleich draußen im See
die Rötelzeichnung
in der Blüte des Weißdorns
wäre also nichts
als die Färbung in einer
blühenden Hecke
ein zartes Rosa vor dem
tiefblauen Himmel
und da sind wir an einem
Ort angekommen
   
17276-17278: Der Wüstenvater Sisoes (ca. 340-430) antwortet einem ratsuchenden Bruder: „Was zwingst du mich, unnütz zu reden? Gib acht! tue, was du siehst!“ wo man sich fragt: was zwingt mich
unnütz zu reden
"da ist es tu was du siehst"
welch eine hohe
Meinung vom Sehen war nicht
am Anfang das Wort
das Wort mit der Kraft uns die
Augen zu öffnen
sollte es umgekehrt nicht
möglich sein sehend
wieder zurück zu finden
zum Wort und zum Klang
mit dem einst alles begann
möglicherweise
sollte ich öfters wieder
   
17291-17300: Buch Jesaja 45,8f: „Ergieße dich Himmel von oben, und die Wolken sollen überfließen vor Recht! ...“ – Vgl. auch die Introitus-Antiphon der Messe zu Ehren Marias: „Rorate caeli desuper …“ („Tauet Himmel, von oben …“) hinaufschauen an
den Himmel um zu sehen
ob er noch taut und
wie Gerechtigkeit regnen
könnte aus Wolken
um den Töpfer zu fragen
weshalb mir dem Lehm
der Scherbe unter Scherben
zu staunen doch nicht
[17300] nachzudenken erlaubt sei
unbestreitbar schön
tönt das leichte Aufbäumen
der Stimme wenn sie
eine Frage formuliert
schön auch die Stille
wenn sie unbeantwortet bleibt
   
  so wünschte ich mir
dieses wuchernde Sprachwerk
könnte daliegen
ruhig wie die zweitausend
Gipselemente
von Walter de Maria
als weiß rauschende
Körper reihten die Zeilen
sich aneinander
geduldig und anspruchslos
in einer Passform
die Gleichgültigkeit vortäuscht
Buchstabenreihen
verzierten die Stirnseiten
kleinster Skulpturen
eine endlose Folge
von Textfragmenten
Fluchtpunkte erkundend doch
ohne die Absicht
diese je zu erreichen
 
Walter de Maria:
The 2000 sculpture
vgl. Z. 17258. so wird die Ahnung
(alles könnte anders sein)
zu einer Hoffnung
verdichtet so dass schließlich
ein Übergang zur
Gewissheit entsteht etwas
regt an zum Dasein
ohne dass es selbst da ist
und legt sich wie Tau
über die Furcht zu scheitern
ein Noch-nicht glitzernd
plötzlich wird vieles erkannt
und neu gesehen
Dinge Zeichen auf Blättern
nichts Besonderes
vielleicht das Vorsatzpapier
   
17342-17356: Vgl. Anmerkung zu Z. 12553: „die Welt, die kommt“ (hebr. ‚olam ha-ba). S. auch Ernst Bloch, Das Prinzip der Hoffnung (1938-1947), Vorwort: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. [… ] So brach die Perspektiv ab, so entspannte Erinnerung die Hoffnung.“
„docta spes“ (gelehrte Hoffnung), a.a.O. S. 7.

17348-17355: Reiter, Florian C., Die Verbindung von Menschlichkeit und Göttlichkeit. Taoistische Ansichten des Lebens, Wiesbaden 2010, S. 29f. („Die Reise auf dem gelben Hund“) und S. 40-43 („Die magische Schildkröte“), S. 49-51 („Der Strohrock“).

einer Welt die kommt
nicht ohne Erinnern doch
ohne dass dieses
die Hoffnung entspannt ein Rad
das wächst das sich dreht
bis der gelbe Hund fliegt hoch
über den Himmel
[17350] neben ihm die Schildkröte
im Jadepanzer
auf den Wellen des Wei-Shun
schwimmt mit der Strömung
eine große Steinplatte
flussabwärts davon
„docta spes“ unruhig bleibt
alles und offen
vielfach begabt unterwegs
nach vorne zu sein
unerwartet und selten
taucht sie auf aus dem
kalten trübgrauen Wasser
 
Laxey Wheel (1854)
  die alte Brücke
(wenn der Stausee fast leer ist)
noch verbindet sie
die zwei Seiten des Tals noch
immer ließe sich
Gegenüberliegendes
erreichen doch liegt
die Brücke schon bald wieder
tief unten im See
der Weg hinunter über
das Geröll und die
abgeschliffenen Buckel
wird verschwinden wie
auf der anderen Seite
er wieder ansteigt
dem Ufer entlang das wird
keiner mehr sehen
nochmals scheint mir ich hörte
den hellen Aufschlag
des Pickeleisens und das
Knirschen der Schaufel
im verklumpten Kies und den
hellen Metallklang
wenn der Hammer den Meißel
in den Granit treibt
 
Grimsel-Stausee
(Foto: Elisabeth Huber)
17388: André Leroi-Gourhan, Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt a.M. 1980, S. 43: „...[es] scheinen genügend Belege dafür vorzuliegen, dass die Fortschritte in der Anpassung des Bewegungsapparates eher dem Gehirn genützt haben, als dass sie von diesem hervorgerufen worden wären.“ –  S. 320: „Mit seinen Händen nicht denken können bedeutet einen Teil seines normalen und phylogenetisch menschlichen Denkens verlieren.“ was lernt das Gehirn heute
noch von den Händen
von unseren Fingerkuppen
die ständig zucken
als ob sie zurückschreckten
vor der Berührung
von Zeichen die leuchten
und kleinsten Tasten
eine andere Weise
ans Ziel zu kommen
hat dieser Sperling gewählt
der gestern Abend
[17400] in das große Fenster flog
darin der Himmel
sich noch hell gespiegelt hat
ein Übergang der
vielleicht auch uns bevorsteht
denn wir sind weder
im Wesen noch in der Form
so beständig wie
die durchsichtigen Quallen
seit Millionen
von Jahren sind sie
nur Mund der Nahrung aufnimmt
und diese verdaut
   
17413-17416: Gregor von Nyssa, De opificio hominis (um 379), c. X:  „Dank dieser Anordnung schafft der Geist wie ein Musiker in uns die Sprache. Diese Auszeichnung wäre uns zweifellos nie zugekommen, wenn unsere Lippen, um der Bedürfnisse des Körpers willen, [ausschließlich] die aufwendige und mühsame Aufgabe der Ernährung hätten auf sich nehmen müssen. Diese Aufgabe haben die Hände übernommen und dadurch haben sie den Mund befreit, damit er sich in den Dienst der Sprache stelle.“ ohne je von befreiten
Lippen zu träumen
die der Sprache die Laut wird
dienlich sein könnten
auch nach Füssen und Flügeln
drängt sie ihr Leib nicht
Raum und Zeit bleiben wage
noch spiegelt sich nichts
lautlos und ohne
den geringsten Widerstand
sterben die Tiere
im Paläozikum
die Nautiliden
Seeigel Pfeilschwanzkrebse
und die Medusen
tief unter Wasser sterben
sie alle ohne
sich auseinandersetzen
zu müssen mit den
Anziehungskräften eines
tiefblauen Himmels
   
17434-17441: Vgl. Frontispiz und Titelseite in: Johann Christoph Gottscheden, Erste Gründe der gesammten Weltweisheit..., Leipzig 1739. nie verspürten sie den Wunsch
irgendeine Welt
mit Geraden und Kreisen
zu vermessen um
der „gesammten Weltweisheit
erste Gründe“und
„des Meisters Größe“ vielleicht
kennenzulernen
unverständlich bis heute
bleibt ihnen unser
Hunger nach Bildung und das
erinnert mich jetzt
an meinen Urgroßvater
 
 
  neunzehnhundertneun
steht Joseph Anton Dodel
Lehrer zu Kempten
[17450] vor dem Fotografen mit
seiner Schulklasse
vierundsiebzig Kinder und
kein einziges lacht
als ob all die Schrecken der
kommenden Jahre
sich unter dem schwarzen Tuch
(des Fotografen)
sprungbereit hielten in die
Reihen und Glieder
der Kinder zu fahren die
ahnen: es wird kein
Entrinnen geben für sie
falls sie nicht fliehen
wie mein Großvater es tat
heute müssten wir
Zuflucht suchen in Höhlen
hoch im Gebirge
in der Wüste vielleicht um
den Raum und die Zeit
ohne die wild wachsenden
Städte und Straßen
zu erfahren und
dem auf uns einschlagenden
Rhythmus der Uhren
zu entgehen um
eine ältere Ordnung
wieder zu finden
der erste Pfad und das Haus
zu dem er geführt
dieses Kommen und Gehen
am sicheren Ort
war das ein Verlust oder
vielleicht ein Gewinn
der Wechsel vom Durchqueren
unbegrenzt weiter
Räume zum Wohnsitznehmen
unter dem Zentrum
der Himmelskuppel was hat
das in uns bewirkt
gleich weit entfernt zu sein von
allen Rändern vom
Sonnenauf- und untergang
 
17445-17464: Mein Urgroßvater Joseph Anton Dodel, Lehrer in Kempten, mit seiner Schulklasse.
17495-17499: Vgl. André Leroi-Gourhan, Hand und Wort, Frankfurt a.M. 2006, S. 410: „… die fundamentale Eigenschaft der Städte liegt darin, ein geordnetes Bild vom Universum zu entwerfen.“

17500-17506: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. II: Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 1012: „… je fermais les yeux pour bien penser que ce que j’allais voir, c’était bien la plaintive aïeule de la terre, poursuivant, comme au temps qu’il n’existait pas encore d’être vivants, sa démente et immémoriale agitation.“ („… die Augen schloss, um mir recht vorzustellen dass, was ich sehen würde, die klagende Ahne der Erde war, die wie in den Zeiten, da noch keine Lebewesen existierten, in ihrer wahnwitzigen, unvordenklichen Erregung verharrte.“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und Gomorrha], Frankfurt a.M. 2004, S. 605.)
 

woher kommt der Wunsch
eine kosmische Ordnung
zu übertragen
auf die flache Welt bei der
Planung von Städten
Proust schließt die Augen um sich
[17501] vorzustellen wie
die Ahne der Erde in
urvordenklicher
wahnwitziger Erregung
klagend verharrte
weil nichts Lebendes da war
einst wurde er von
einem ähnlichen Taumel
erfasst während er
hört wie die Brandung ohne
dass er sie sieht mit
an- und abschwellender Wucht
die Wellen an die
Klippen und Felswände wirft
jetzt ist ihm der Weg
der dem Ufer entlang führt
nur noch Entfernung
die Strecke die ihn von der
Geliebten trennt und
ihn doch mit ihr verbindet
weitergehend auf
dem eingeschlagenen Weg
gelangt man vielleicht
eines Tages in dieses
gastfreundliche Land
   
17526-17530: Ikkyū Sōjun, Zen-Gedichte von der Verrückten Wolke, Frankfurt 2007, S. 8: „Mein Mönchsfreund hat eine seltsam-liebenswerte Angewohnheit: Er flicht Sandalen und stellt sie heimlich an den Wegrand.“ in welchem ein Mönch lebt mit
einer seltenen
Gewohnheit er flicht fleißig
Sandalen und stellt
sie heimlich an den Wegrand
von Beginn an ist
jeder Weg auch ein Irrweg
nur so komme ich
vorwärts und nirgendwo hin
ich zögere nicht
abzubiegen um einem
Pfad zu folgen der
sich alsbald verliert zwischen
graugrünen Buckeln
als weiche Decke liegt das
Zackenmützenmoos
über den scharfen Kanten
der Lavabrocken
hier ist der Boden noch warm
und hier will ich mich
unter mein Schaffell legen
um nachzudenken
während der Nieselregen
die Landschaft auslöscht
immer noch versucht der Sturm
[17551] die feuchte Asche
aufzuwirbeln mit der er
farbige Wände
aus Wellblech blankgefegt hat
ich stelle mir vor
ich schliefe verborgen in
den weichen Daunen
eines Eiderentennests
„Somateria
mollissima“ schon dieser
Name macht schläfrig
und mich dünkt es begänne
gleich das Versinken
   
17564: ummyndanir (isl.) = Metamorphosen. (So auch der Titel der isländischen Ausgabe von Ovids Metamorphosen.)
 
„ummyndanir“ dieses Wort
das zweimal ansetzt
das Dunkle aufzuhellen
hat sich festgesetzt
irgendwo in meinem Kopf
"Metamorphosen"
unruhiger Wesen die
hoch im Norden sich
immer noch häufig zeigen
Elfen und Trolle
verborgenes Nebelvolk
und die Toten die
als „Afturganga“ lange
nicht sterben können
für die lichtlosen Tage
gilt es jetzt Träume
vorzubereiten wie aus
den Toteislöchern
Bambussprossen hochschießen
mit glatten Knoten
im schnell wachsenden Stängel
wie die Dorschleber
sich wieder mit Tran füllt und
das getrocknete
Fleisch zurückfindet ins Meer
   
17590 „Tskubai“ nennt man in Japan die kleinen Wasserbecken, die zum rituellen Waschen der Hände (zum Beispiel vor der Teezeremonie) dienen. das klein ist im Traum
ein Wasserbecken aus Stein
ein Tsukubai um
sich die Hände zu waschen
in einem stillen
wohlgeordneten Garten
   
17596: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 213: „Er trieb einen kleinen Finsternishandel.“ aufgewacht wird mein
kleiner Finsternishandel
wieder beginnen
in den ich mit diesem Text
Partikel von Licht
[17600] einzuschleusen versuche
   
  aus Lichtvorräten
kalter Wüsten wo Helles
weniger schnell im
Flimmern der Hitze verglüht
hier sind die Ränder
vom Gletschereis überdacht
die Nebelbänke
und Wolken leuchten auch nachts
überschüssiges
Schimmern wird abgelagert
im hellgrauen Staub
in den Poren des Gerölls
ein Eiland entsteht
gegen das Dunkle das kommt
noch vor dem Winter
werden Lautmelodien
aus dem Lichtlager
exzerpiert und tagelang
nachgesungen bis
 
Springisandur
17620: In Tenga Bithnua (= Die immer neue Sprache/Zunge). Titel eines altirischen apokryphen Textes. Darin predigt ein Apostel Philipp, dass Gott ihn zu den Heiden gesandt habe, diese ihm neunmal die Zunge herausschnitten und er trotzdem jedesmal in einer Engelssprache weiter gepredigt habe. Deshalb sein Name „Ever-new tongue“. Vgl. In Tenga Bithnua. The ever-new tongue, cura et studio John Carey. (Apocrypha hiberniae II; CCSA 16) Turnhout 2009. die neue Sprache entsteht
Tenga Bithnua
Wort für Wort Satz für Satz wird
artikuliert ein
nicht endender Singsang der
alles was ist und
wie es entstanden bespricht
ein unsichtbarer
Faden (an welchem entlang
das Erinnern selbst
sich in Erinnerung ruft)
verknüpft das Geflecht
so dass Spuren sich zeigen
von allem was war
und von allem was sein wird
   
Im Gegensatz zu Marcel taucht Tante Leonie ihr Madeleine in Lindenblütentee. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a. M. 2004, S. 66-68 und 76f.) -Vgl.: Z. 3993-3996. jetzt aber gilt es
die Art herauszufinden
des Tees in welchen
Proust sein Madeleine tunkte
diese bis anhin
noch nicht geklärte Frage
beschäftigt mich und
auch die Blüten der Linden
die Proust ausführlich
in getrocknetem Zustand
beschreibt: ihr jetzt fast
farbloses vermindertes
halb erloschenes
Leben scheint ihm nur noch ein
schwaches Leuchten und
[17650] ein Blumendämmern zu sein
in dem harmlosen
Lindenblütentee haben
sich Unwissenheit
verbunden mit Leidenschaft
niemand vermutet
soviel Glück in einem Tee
der vordergründig
sich als fiebersenkend und
schweißtreibend ausgibt
doch vermag dieses schlichte
blassgelbe Getränk
Träume neu zu erhitzen
Wünsche beginnen
zu knistern im Schatten
duftender Bäume
   
„Elle envoya chercher un de ces gâteau courts et dodus appelés Petites Madeleines qui semblent avoir été moulés dans la valve rainurée d’une coquille de Saint-Jacques. Et bientôt, machinalement, accablé par la morne journée et la perspective d’un triste lendemain, je portai à mes lèvres une cuillerée du thé où j’avais laissé s’amollir un morceau de madeleine.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. I: Du coté de chez Swann, Paris 1954, S. 45.

17677-17687: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 292.

aufgeweicht vollgesogen
zerfällt sie langsam
die Muschelform des Gebäcks
nichts Gewöhnliches
haftet mehr an dem Vorgang
wenn ein Madeleine
still auf der Zunge vergeht
auf diesem Organ
das uns zur Sprache verhilft
und zum Wissen dass
jeder Mensch ansprechbar ist
in seinem Essay
„über Physiognomik“
verlangt Lichtenberg
Antwort auf Fragen die sich
zur Beantwortung
nicht eignen trotzdem fragt er:
„warum Tausende
mit Gebrechen geboren
werden einige
Jahre durchwinseln und dann
wegsterben“ öfter
als heißer Tee brennt Sprache
mir auf der Zunge
   
17690-17693: Franz Kafka, Forschungen eines Hundes (1921/22). „Jeder Hund hat wie ich den
Drang zu fragen und
ich habe wie jeder Hund
den Drang zu schweigen“
es ist also wie immer:
Bilder schachteln sich
in- und hintereinander
wieder und wieder
steh ich hinter mir selbst und
frage mich: musst du
[17700] eigentlich sehen was du
zu sehen bekommst
ich vermeide ängstlich und
so gut als ich kann
mich von vorne zu sehen:
mein Gesicht legt sich
in Falten greisenhaft schwankt
mein Leib aus dem Bild
jedem Blickkontakt mit mir
weicht er jetzt aus schon
   
  kriechen die blinden Würmer
mir aus den Augen
schleppen mein Bilderlager
für immer hinab
ins Dunkle und stellen es
Flechten und Pilzen
vielleicht auch Moosen anheim
restliche Farben
nochmals zu verwenden sie
wieder hinauf- und
hineinzutreiben ins Licht
das jetzt befreit ist
von der Pflicht Verborgenes
hervorzuholen
oder beim Einsichtnehmen
Hilfe zu leisten
sicherer Leitzins zu sein
bis zur Erleuchtung
Licht wird nichts anderes sein
als eine ganz leicht
zu verdauende Nahrung
im Schatten wartend
wird das Helle mich finden
   
17733: Vgl. Platon, Charmides 154d-155a. weil ich sichtbar bin
ohne reden zu müssen
in diesem Bergwald
vielleicht nochmals beginnen
zu unterscheiden
den Fluglärm der Insekten
vom Knistern wenn sich
Blütenblätter entfalten
das feine Raspeln
wenn ein langhalmiges Gras
die Baumrinde streift
vom Krümelschieben eines
Pilzes der hochschießt
die Reststille versickert
im Torf beruhigt
sich endgültig erst auf dem
kühleren Mergel
[17750] jetzt ist anfangen möglich
hier tief unten wo
ich nichts mehr begreife hier
   
17753-1760: Zitate aus Gedichten von César Vallejo.  Aus Dobla el dos de Noviembre: „Vosotros, difuntos, de las nítidas rodillas“ („Ihr Toten mit den deutlichen Knien“); aus Los nueve monstros: „jamás … la migraña extrajo tant frente de la frente!“ („Niemals zog der Kopfschmerz soviel Stirn aus der Stirn!“); aus Pequeño responso a un héroe de la república: „también sudaba de tristeza el muerto“ („Auch der Tote schwitzte, vor Trauer“); aus Un hombre pasa: „Un hombre pasa con un pan al hombro“ („Ein Mann geht vorbei mit einem Brot auf der Schulter“). neben den Toten
mit den deutlichen Knien
denen der Kopfschmerz
soviel Stirn aus der Stirn zog
schwitzend vor Trauer
bleibe ich hier bis er kommt
der Mann mit dem Brot
auf der schimmernden Schulter
unaufhaltsam treibt
das schwer Gewordene hoch
schon steht da ein Mensch
und bürstet seine Kleider
   
       
 

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Z. 6001-12000 bei  Edition Korrespondenzen Wien (als "Eines der schönsten Bücher Österreichs 2008" zusätzlich ausgezeichnet mit dem Österreichischen Staatspreis).

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09.09.2010