|
|
Nicht bei Trost
(Carmen infinitum)
Z.17'001 - 18'000
Index
/ Anmerkungen /
Kommentar
|
|
|
|
|
|
"... im Haiku will ich nichts fassen, mich keiner Sache
bemächtigen; statt dessen gibt es so etwas wie eine sinnliche Falte, das
glückliche Einverständnis mit dem Auf-leuchten des Realen, mit plötzlichen
affekti-ven Wendungen, Gefühlsumschwüngen ...”
Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
17001: Emily Dickinson in einem Brief an T.W. Higginson
(Januar 1874): “News of dying goes no further than the
breeze. The ear is the last face.” |
|
das letzte Gesicht
ist das Ohr was hier ankommt
ist nur ein Lufthauch
es versteht was sich aufbäumt
in mir und auch das
was nicht mehr zu mir gehört
bis zuletzt werden
die Wörter versuchen mich
zu erreichen doch
sie schmelzen wie Schneeflocken
im Innern meines
jetzt
unruhigen Leibes
wo die Organe
auszukühlen beginnen
wie früh am Morgen
in der Backstube das Brot
weit unten am Fluss
im Dunst liegt die Stadt das Ohr
tastet nach ihren
Geräuschen sucht die Richtung
aus der nach Einbruch
der Nacht das Lichterfunkeln
zu hören sein wird |
|
|
|
17024-17034: „Am Spiegelgrund“ (heute „Am Steinhof“)
hieß die psychiatrische Heilanstalt auf der Baumgartner Höhe bei Wien.
Während der NS Herrschaft wurden hier in der „Städtischen Nervenklinik für
Kinder“ ca. 750 kranke, behinderte oder sozialauffällige Kinder
umgebracht. Heute befindet sich vor Ort eine Gedenkstätte bestehend aus
kurzen, oben mit einer Glasleuchte versehenen Stäben, je einen für jedes
getötete Kind. |
|
ein Schimmer liegt über dem
Spiegelgrund über
der kleinen Wiese am Hang
einige hundert
Stäbe leuchten schwach jeder
steht für ein grausam
zu Tode gequältes Kind
heute haben sich
drei Mohnblüten geöffnet
drei Blüten nicht mehr
zwischen den vielen Lichtern
während ich begann
die Stäbe zu zählen zog
über der Kirche |
|
|
|
|
|
Sankt Leopold am Steinhof
hoch auf dem Hügel
ein schweres Gewitter auf
ein Gebirge aus
dunklen Wolken wölbte sich
über die Kuppel
und ihr vergoldetes Dach
es gibt schwelende
Haftstellen des Erinnerns
deren Verschwinden
wir nicht zulassen dürfen
meinetwegen mag
[17050]
der Grabstein zerbröckeln des
Hof-Kammerraths und
Guardarobba Inspectors
auf dem Salzburger
Sankt Sebastiansfriedhof
doch muss es Narben
geben die sichtbar bleiben
die sich für immer
eintragen als Zeichnung auf
unserem Antlitz |
|

17037: Anstaltskirche St. Leopold am
Steinhof (1904-07) von Otto Wagner. |
17060-17067: Vgl. Buch Jesaja 45,7f.
|
|
viel Tau müsste jetzt fallen
ich lege den Kopf
in den Nacken ich warte
dass aus den Wolken
Unerwartetes rieselt
es heißt einer sei
der Licht und Finsternis Heil
schaffe und Übel
ich denke ich an Erdbeeren
an schwarzes Haar und
einen Löffel aus Silber |
|
|
|
17072-17074: Ludwig Wittgenstein, Tractatus
logico-philosophicus, 6.521: „Die Lösung des Problems des Lebens merkt
man am Verschwinden dieses Problems.“ |
|
in diesem Moment
scheint mir es sei das Problem
des Lebens gelöst
weil es plötzlich verschwindet
und ich atme auf
dieser Blasebalg in mir
dessen Bewegung
nirgendwohin führt er bläht
sich auf im Dunkeln
und sackt wieder zusammen
die Atemzüge
sind längst festgelegt es wird
kein Aufschub gewährt
sinnlos der Versuch die Luft
anzuhalten und
vergeblich die Mühe die
Zählung durch Husten
durcheinanderzubringen
unerbittlich will
etwas sich wenden in mir
ein schwacher Windstoß
übt das Wechseln der Richtung
dieses Ein und Aus
auf das Flüche und Lieder
sich betten Seufzen
Geflüster Lustgezeter
das Deklarieren
von dem was ist beginnt mit
dem Holen von Luft
[17100]
ob er redet oder schweigt
selbst Gott braucht Atem
wenn er uns angeht und meint |
|
|
|
|
|
er haucht noch wenn er
scheinbar endgültig verstummt
ohne dass wir aus
seinem Blickfeld geraten
es ist die Nähe
des ganz Fremden die unser
Atmen beschleunigt
Luftsäulen voll Sand schwanken
wie schwere Säcke
auf meiner keuchenden Brust
ein Gewicht aus Nichts
das Gewissheit und Zweifel
aus mir herauspresst
wenn der Druck nachlässt entsteht
eine Leerstelle
die wie ein Löschblatt sich des
Raumes bemächtigt
den mein Körper beansprucht
eine Hohlform bleibt
deren Rand wahrzunehmen
jetzt nicht mehr gelingt
wie kleine Inseln bilden
Empfindungen sich
deren Lichtzellen etwas
aufscheinen lassen
doch ohne dass es sich zeigt
dieses Etwas treibt
Luftwurzeln ins Gehege
in die Umfriedung
die ich war es entstünde
ein frei schwebender
und allseits zugänglicher
Garten ein Chortos
unabhängig vom Toten
das verrottet um
als Erde Wurzeltrieben
Halt vorzugaukeln
eine Wolke aus Kräutern
und blassfarbigen
Blüten von Nesselseide
locker umwunden
gleitet über Vorsprünge
Kuhlen und Nischen
einer Mauer entlang die
vor langem hier stand
Vergessenes könnte sich
anschließen dem was
[17150]
die Erwärmung tagsüber
hoch- und davontreibt
irgendwo unten hör ich
ein kurzes Klopfen
das verhaltene Zittern
eines Kühlschrankes
der sich ausschaltet von selbst
lächerlich dieses
Geräusch das nicht stört weil es
an nichts erinnert
an nichts außer an einen
Kühlschrank der zitternd
das Kühlen kurz unterbricht
widerstandslos legt
mein Luftschiff sich jetzt in den
aufkommenden Wind
eine Montgolfiere aus
Blüten und Kräutern
die schnell an Höhe gewinnt
über dem dunkel
vor sich hinbrütenden Wald |
|

Filminstallation von N. Six und P. Petritsch
Ursulinenkirche Linz (2009). |
|
|
|
ein Sperling beginnt
mit dem Bau eines Nestes
im Flechtwerk meiner
nicht mehr wachsenden Haare
später setzt er sich
brütend auf die trockenen
Äpfel meiner weit
aufgerissenen Augen
was wird sich zeigen
wenn das Sehen zurückkehrt
was schlüpft aus dem Blick
ins Freie um die Bilder
neu abzutasten
ohne allem entgegen
zu eilen ohne
Entfernung einzuüben
so dass Ankommen
gar nicht mehr in Betracht kommt
schauen im späten |
|

Ka'ō (1. Hälfte 14. Jh.):
Sperling |
|
17190: οπώρα (gr.), Bezeichnung für die Jahreszeit zwischen
Sommer und Herbst. |
|
Sommer (Opora) nochmals
genau hinschauen
im Herbst im Winter entsteht
der Text der daliegt
wie ein entwurzelter Baum |
|
|
|
17195-17197: Ikkyū Sōjun, Gedichte von der verrückten
Wolke, Frankfurt a. M. 2006, S. 74: „Spalte einen Kirschbaum / und du
wirst keine Blüten finden. / Doch der Frühlingswind / bringt Myriaden
Blüten hervor.“ Bild: (Ikkyū Sōjun, 1394-1481, bekanntester
Exzentriker unter den Zen-Meistern, dem Wein zugeneigt und Gast in
Bordellen, voll tiefsinnigen Witzes und Erleuchtungs-Erfahrung. „So viele
Jahre habe ich Zen geübt und den Weg praktiziert, jetzt habe ich neue
Probleme.“) |
|
sinnlos seinen Stamm
aufzusägen um darin
Blüten zu finden
dieser Text führt an allem
vorbei unterwegs
[17200]
hilft er nichts zu erreichen
er steuert hin zu
einer Bedeutung doch biegt
er kurz vorher ab
verfolgt eine Richtung die
nirgendwohin führt
die vielen Wörter müssten
längst abgenutzt sein
und sich leicht wie Sandkörner
ausstreuen lassen
bis dass die einsinkende
Ferse die Sohle
der Fuß den Klang des Quarzes
zu hören beginnt
und ihn überträgt auf das |
|

Hisashi Sakaguchi, Ikkyu, Hamburg (Carlsen Manga)
2009, Bd. 3, S. 249. |
|
17215: G.W.F. Hegel, Naturphilosophie (Bd.1: Die
Vorlesungen von 1819/20), Napoli 1982, S. 62: „Der eigentliche Klang ist
das innere Beben des Körpers …“ |
|
innere Beben
unseres Körpers wenn er
dem Meer entlanggeht
diese leise Erregung
springt in die Dünung
und von hier in den Rhythmus
der Wellen die sich
an den Strand werfen an ihm
auflaufen um so
den Sand zu beruhigen
und zugleich jede
Spur auszulöschen von mir
zurückbleiben dicht
geraffte feuchte Rippen
ein Ornament nachts
mit einsetzender Ebbe
sorgfältig plissiert
(ähnlich hat die Mutter das
Kartoffelpüree
mit dem Messer zu einem
gewellten Kegel
geformt in dessen weiche
Spitze steckte sie
ein Petersilienbäumchen)
etwas erscheint um
gleich wieder zu verschwinden
eine Fährte wird
angelegt damit wir uns
später erinnern |
|
|
|
17244-17251: Anlehnung an Stellen in: Dōgen Zenji,
Shōbōgenzō, 1. Kapitel (Genjōkōan). |
|
es scheint als ob das Ufer
sich bewege doch
es ist unser Boot das weit
draußen vorbeizieht
trotzdem bedauern wir das
Welken der Blüten
[17250]
und ärgern uns über das
Unkraut im Garten |
|
|
17253-17255: Vgl. dazu die wichtigen Stellen zum Weißdorn
bei Proust. (Zum Beispiel Marcel Proust, Auf der Suche nach der
verlorenen Zeit [Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a.M.
2004, S. 202-206.) – Auf die mögliche Verwechslung wird hingewiesen in:
Andreas Maier und Christine Büchner, Bullau. Versuch über Natur,
Frankfurt a.M. 2008, S. 96f.
|
|
in Erinnerung bleiben
die Weißdornblüten
deren Geheimnis so schnell
nicht zu entdecken
(und die nicht zu verwechseln
sind mit dem Schlehdorn)
die Ahnung dass alles auch
anders sein könnte
und vielleicht anders schon ist
ohne dass wir es
zu erkennen vermögen
diese Ahnung ist
vielleicht eine Täuschung und
wir sind am Ufer
und zugleich draußen im See
die Rötelzeichnung
in der Blüte des Weißdorns
wäre also nichts
als die Färbung in einer
blühenden Hecke
ein zartes Rosa vor dem
tiefblauen Himmel
und da sind wir an einem
Ort angekommen |
|
|
|
17276-17278: Der Wüstenvater Sisoes (ca. 340-430) antwortet
einem ratsuchenden Bruder: „Was zwingst du mich, unnütz zu reden? Gib
acht! tue, was du siehst!“ |
|
wo man sich fragt: was zwingt mich
unnütz zu reden
"da ist es tu was du siehst"
welch eine hohe
Meinung vom Sehen war nicht
am Anfang das Wort
das Wort mit der Kraft uns die
Augen zu öffnen
sollte es umgekehrt nicht
möglich sein sehend
wieder zurückzufinden
zum Wort und zum Klang
mit dem einst alles begann
möglicherweise
sollte ich öfters wieder |
|
|
|
17291-17300: Buch Jesaja 45,8f: „Ergieße dich Himmel
von oben, und die Wolken sollen überfließen vor Recht! ...“ – Vgl. auch
die Introitus-Antiphon der Messe zu Ehren Marias: „Rorate caeli desuper …“
(„Tauet Himmel, von oben …“) |
|
hinaufschauen an
den Himmel um zu sehen
ob er noch taut und
wie Gerechtigkeit regnen
könnte aus Wolken
um den Töpfer zu fragen
weshalb mir dem Lehm
der Scherbe unter Scherben
zu staunen doch nicht
[17300]
nachzudenken erlaubt sei
unbestreitbar schön
tönt das leichte Aufbäumen
der Stimme wenn sie
eine Frage formuliert
schön auch die Stille
die unbeantwortet bleibt |
|
|
|
|
|
so wünschte ich mir
dieses wuchernde Sprachwerk
könnte daliegen
ruhig wie die zweitausend
Gipselemente
von Walter de Maria
als weiß rauschende
Körper reihten die Zeilen
sich aneinander
geduldig und anspruchslos
in einer Passform
die Gleichgültigkeit vortäuscht
Buchstabenreihen
verzierten die Stirnseiten
kleinster Skulpturen
eine endlose Folge
von Textfragmenten
Fluchtpunkte erkundend doch
ohne die Absicht
diese je zu erreichen |
|

Walter de Maria:
The 2000 sculpture |
|
vgl. Z. 17258. |
|
so wird die Ahnung
(alles könnte anders sein)
zu einer Hoffnung
verdichtet so dass schließlich
ein Übergang zur
Gewissheit entsteht etwas
regt an zum Dasein
ohne dass es selbst da ist
und legt sich wie Tau
über die Furcht zu scheitern
ein Noch-nicht glitzernd
plötzlich wird vieles erkannt
und neu gesehen
Dinge Zeichen auf Blättern
nichts Besonderes
vielleicht das Vorsatzpapier |
|
|
17342-17356: Vgl. Anmerkung zu Z. 12553: „die Welt, die
kommt“ (hebr. ‚olam ha-ba). S. auch Ernst Bloch, Das Prinzip der
Hoffnung (1938-1947), Vorwort: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu
lernen. [… ] So brach die Perspektive ab, so entspannte Erinnerung die
Hoffnung.“
„docta spes“ (gelehrte Hoffnung), a.a.O. S. 7.17348-17355: Reiter, Florian C., Die Verbindung
von Menschlichkeit und Göttlichkeit. Taoistische Ansichten des Lebens,
Wiesbaden 2010, S. 29f. („Die Reise auf dem gelben Hund“) und S. 40-43
(„Die magische Schildkröte“), S. 49-51 („Der Strohrock“). |
|
einer Welt die kommt
nicht ohne Erinnern doch
ohne dass dieses
die Hoffnung entspannt ein Rad
das wächst das sich dreht
bis der gelbe Hund fliegt hoch
über den Himmel
[17350]
neben ihm die Schildkröte
im Jadepanzer
auf den Wellen des Wei-Shun
schwimmt mit der Strömung
eine große Steinplatte
flussabwärts davon
„docta spes“ unruhig bleibt
alles und offen
vielfach begabt unterwegs
nach vorne zu sein
unerwartet und selten
taucht sie auf aus dem
kalten trübgrauen Wasser |
|

Laxey Wheel (1854) |
|
|
|
die alte Brücke
(wenn der Stausee fast leer ist)
noch verbindet sie
die zwei Seiten des Tals noch
immer ließe sich
Gegenüberliegendes
erreichen doch liegt
die Brücke schon bald wieder
tief unten im See
der Weg hinunter über
das Geröll und die
abgeschliffenen Buckel
wird verschwinden wie
auf der anderen Seite
er wieder ansteigt
dem Ufer entlang das wird
keiner mehr sehen
nochmals scheint mir ich hörte
den hellen Aufschlag
des Pickeleisens und das
Knirschen der Schaufel
im verklumpten Kies und den
hellen Metallklang
wenn der Hammer den Meißel
in den Granit treibt |
|

Grimsel-Stausee
(Foto: Elisabeth Huber) |
|
17388: André Leroi-Gourhan, Hand und Wort. Die Evolution von
Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt a.M. 1980, S. 43: „...[es]
scheinen genügend Belege dafür vorzuliegen, dass die Fortschritte in der
Anpassung des Bewegungsapparates eher dem Gehirn genützt haben, als dass
sie von diesem hervorgerufen worden wären.“ – S. 320: „Mit seinen
Händen nicht denken können bedeutet einen Teil seines normalen und
phylogenetisch menschlichen Denkens verlieren.“ |
|
was lernt das Gehirn heute
noch von den Händen
unseren Fingerkuppen
die ständig zucken
als ob sie zurückschreckten
vor der Berührung
von kleinsten Tasten und vor
Zeichen die leuchten
eine andere Weise
ans Ziel zu kommen
hat dieser Sperling gewählt
der gestern Abend
[17400]
in das große Fenster flog
darin der Himmel
sich noch hell gespiegelt hat
ein Übergang der
vielleicht auch uns bevorsteht
denn wir sind weder
im Wesen noch in der Form
so beständig wie
die durchsichtigen Quallen
seit Millionen
von Jahren sind sie nur Mund
der Nahrung aufnimmt
und diese verdaut ohne |
|
|
|
17408-17419: Vgl. die wunderschöne Beschreibung der Quallen
in Jules Michelet, La Mer, Paris 1861.
17413-17416: Gregor von Nyssa, De opificio hominis (um
379), c. X: „Dank dieser Anordnung schafft der Geist wie ein Musiker
in uns die Sprache. Diese Auszeichnung wäre uns zweifellos nie zugekommen,
wenn unsere Lippen, um der Bedürfnisse des Körpers willen,
[ausschließlich] die aufwendige und mühsame Aufgabe der Ernährung hätten
auf sich nehmen müssen. Diese Aufgabe haben die Hände übernommen und
dadurch haben sie den Mund befreit, damit er sich in den Dienst der
Sprache stelle.“ |
|
je von befreiten
Lippen zu träumen die der
Sprache die Laut wird
dienlich sein könnten
auch nach
Füßen und Flügeln
drängt ihre Leiblichkeit nicht
Raum und Zeit bleiben
wage
noch spiegelt sich nichts
lautlos und ohne
den geringsten Widerstand
sterben die Tiere
im Paläozoikum
die Nautiliden
Seeigel Pfeilschwanzkrebse
und die Medusen
tief unter Wasser sterben
sie alle ohne
sich auseinandersetzen
zu müssen mit den
Anziehungskräften eines
tiefblauen Himmels |
|
|
|
17434-17441: Vgl. Frontispiz und Titelseite in: Johann
Christoph Gottscheden, Erste Gründe der gesammten Weltweisheit...,
Leipzig 1739. |
|
nie verspürten sie den Wunsch
irgendeine Welt
mit Geraden und Kreisen
zu vermessen um
der „gesammten Weltweisheit
erste Gründe“und
„des Meisters Größe“ vielleicht
kennenzulernen
unverständlich bis heute
bleibt ihnen unser
Hunger nach Bildung und das
erinnert mich jetzt
an meinen Urgroßvater |
|

|
|
|
|
neunzehnhundertneun
steht Joseph Anton Dodel
Lehrer zu Kempten
[17450]
vor dem Fotografen mit
seiner Schulklasse
vierundsiebzig Kinder und
kein einziges lacht
als ob all die Schrecken der
kommenden Jahre
sich unter dem schwarzen Tuch
(des Fotografen)
sprungbereit hielten in die
Reihen und Glieder
der Kinder zu fahren die
ahnen: es wird kein
Entrinnen geben für sie
falls sie nicht fliehen
wie mein Großvater es tat
heute müssten wir
Zuflucht suchen in Höhlen
hoch im Gebirge
in der Wüste vielleicht um
den Raum und die Zeit
ohne die wild wachsenden
Städte und Straßen
zu erfahren und dem auf
uns einschlagenden
harten
Rhythmus der Uhren
zu entgehen um
eine ältere Ordnung
wieder zu finden
der erste Pfad und das Haus
zu dem er geführt
dieses Kommen und Gehen
am sicheren Ort
war das ein Verlust oder
vielleicht ein Gewinn
der Wechsel vom Durchqueren
unbegrenzt weiter
Räume zum Wohnsitznehmen
unter dem Zentrum
der Himmelskuppel was hat
das in uns bewirkt
gleich weit entfernt zu sein von
allen Rändern vom
Sonnenauf- und untergang |
|

17445-17464: Mein Urgroßvater Joseph Anton Dodel, Lehrer in
Kempten, mit seiner Schulklasse. |
|
17495-17499: Vgl. André Leroi-Gourhan, Hand und Wort,
Frankfurt a.M. 2006, S. 410: „… die fundamentale Eigenschaft der
Städte liegt darin, ein geordnetes Bild vom Universum zu entwerfen.“
17500-17506: Marcel Proust, À la recherche du temps
perdu. II: Sodome et Gomorrhe, Paris 1954, S. 1012: „… je
fermais les yeux pour bien penser que ce que j’allais voir, c’était bien
la plaintive aïeule de la terre, poursuivant, comme au temps qu’il n’existait
pas encore d’être vivants, sa démente et immémoriale agitation.“ („… die
Augen schloss, um mir recht vorzustellen dass, was ich sehen würde, die
klagende Ahne der Erde war, die wie in den Zeiten, da noch keine Lebewesen
existierten, in ihrer wahnwitzigen, unvordenklichen Erregung verharrte.“
Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. IV: Sodom und
Gomorrha], Frankfurt a.M. 2004, S. 605.)
|
|
woher kommt der Wunsch
eine kosmische Ordnung
zu übertragen
auf die flache Welt bei der
Planung von Städten
Proust schließt die Augen um sich
[17501]
vorzustellen wie
die Ahne der Erde in
urvordenklicher
wahnwitziger Erregung
klagend verharrte
weil nichts Lebendes da war
einst wurde er von
einem ähnlichen Taumel
erfasst während er
hört wie die Brandung ohne
dass er sie sieht mit
an- und abschwellender Wucht
die Wellen an die
Klippen und Felswände wirft
jetzt ist ihm der Weg
der dem Ufer entlangführt
nur noch Entfernung
die Strecke die ihn von der
Geliebten trennt und
ihn doch mit ihr verbindet
weitergehend auf
dem eingeschlagenen Weg
gelangt man vielleicht
eines Tages in dieses
gastfreundliche Land |
|
|
|
17526-17530: Ikkyū Sōjun, Zen-Gedichte von der
Verrückten Wolke, Frankfurt 2007, S. 8: „Mein Mönchsfreund hat eine
seltsam-liebenswerte Angewohnheit: Er flicht Sandalen und stellt sie
heimlich an den Wegrand.“ |
|
in welchem ein Mönch lebt mit
einer seltenen
Gewohnheit er flicht fleißig
Sandalen und stellt
sie heimlich an den Wegrand
von Beginn an ist
jeder Weg auch ein Irrweg
nur so komme ich
vorwärts und nirgendwohin
ich zögere nicht
abzubiegen um einem
Pfad zu folgen der
sich alsbald verliert zwischen
graugrünen Buckeln
als weiche Decke liegt das
Zackenmützenmoos
über den scharfen Kanten
der Lavabrocken
hier ist der Boden noch warm
und hier will ich mich
unter mein Schaffell legen
um nachzudenken
während der Nieselregen
die Landschaft auslöscht
immer noch versucht der Sturm
[17551]
die feuchte Asche
aufzuwirbeln mit der er
farbige Wände
aus Wellblech blankgefegt hat
ich stelle mir vor
ich schliefe verborgen in
den weichen Daunen
eines Eiderentennests
„Somateria
mollissima“ schon dieser
Name macht schläfrig
und mich dünkt es begänne
gleich das Versinken |
|
|
17564: ummyndanir (isl.) = Metamorphosen. (So lautet auch der
Titel der isländischen Ausgabe von Ovids Metamorphosen.)
|
|
„ummyndanir“ dieses Wort
das zwei Mal ansetzt
das Dunkle aufzuhellen
hat sich festgesetzt
irgendwo in meinem Kopf
"Metamorphosen"
unruhiger Wesen die
hoch im Norden sich
immer noch häufig zeigen
Elfen und Trolle
verborgenes Nebelvolk
und die Toten die
als „Afturganga“ lange
nicht sterben können
für die lichtlosen Tage
gilt es jetzt Träume
vorzubereiten wie aus
den Toteislöchern
Bambussprossen hochschießen
mit glatten Knoten
im schnell wachsenden Stängel
wie die Dorschleber
sich wieder mit Tran füllt und
das getrocknete
Fleisch zurückfindet ins Meer |
|
|
|
17590 „Tsukubai“ nennt man in Japan die kleinen
Wasserbecken, die zum rituellen Waschen der Hände (zum Beispiel vor der
Teezeremonie) dienen. |
|
das klein ist im Traum
ein Wasserbecken aus Stein
ein Tsukubai um
sich die Hände zu waschen
in einem stillen
wohlgeordneten Garten |
|
|
|
17596: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays,
Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 213: „Er trieb einen
kleinen Finsternishandel.“ |
|
aufgewacht wird mein
kleiner Finsternishandel
wieder beginnen
in den ich mit diesem Text
Partikel von Licht
[17600]
einzuschleusen versuche |
|
|
|
|
|
aus Lichtvorräten
kalter Wüsten wo Helles
weniger schnell im
Flimmern der Hitze verglüht
hier sind die Ränder
vom Gletschereis überdacht
die Nebelbänke
und Wolken leuchten auch nachts
überschüssiges
Schimmern wird abgelagert
im hellgrauen Staub
in den Poren des Gerölls
ein Eiland entsteht
gegen das Dunkle das kommt
noch vor dem Winter
werden Lautmelodien
aus dem Lichtlager
exzerpiert und tagelang
nachgesungen bis |
|

Springisandur |
|
17620: In Tenga Bithnua (= Die immer neue Sprache/Zunge).
Titel eines altirischen apokryphen Textes. Darin predigt der Apostel
Philipp, dass Gott ihn zu den Heiden gesandt habe, diese ihm neunmal die
Zunge herausschnitten und er trotzdem jedes Mal in einer Engelssprache
weiter gepredigt habe. Deshalb sein Name „Ever-new tongue“. Vgl. In
Tenga Bithnua. The ever-new tongue, cura et studio John Carey, (Apocrypha
hiberniae II; CCSA 16), Turnhout 2009. |
|
die neue Sprache entsteht
Tenga Bithnua
Wort für Wort Satz für Satz wird
artikuliert ein
nicht endender Singsang der
alles was ist und
wie es entstanden bespricht
ein unsichtbarer
Faden (an welchem entlang
das Erinnern selbst
sich in Erinnerung ruft)
verknüpft das Geflecht
so dass Spuren sich zeigen
von allem was war
und von allem was sein wird |
|
|
|
17635-17650: Im Gegensatz zu Marcel taucht Tante Leonie ihr Madeleine in
Lindenblütentee. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
[Bd. I: Unterwegs zu Swann], Frankfurt a. M. 2004, S. 66-68 und
76f.) -Vgl.: Z. 3993-3996. |
|
jetzt aber gilt es
die Art herauszufinden
des Tees in welchen
Proust sein Madeleine tunkte
diese bis anhin
noch nicht geklärte Frage
beschäftigt mich und
auch die Blüten der Linden
die Proust ausführlich
in getrocknetem Zustand
beschreibt: ihr jetzt fast
farbloses vermindertes
halb erloschenes
Leben scheint ihm nur noch ein
schwaches Leuchten und
[17650]
ein Blumendämmern zu sein
in dem harmlosen
Lindenblütentee haben
sich Unwissenheit
verbunden mit Leidenschaft
niemand vermutet
so viel Glück in einem Tee
der vordergründig
sich als fiebersenkend und
schweißtreibend ausgibt
doch vermag dieses schlichte
blassgelbe Getränk
Träume neu zu erhitzen
Wünsche beginnen
zu knistern im Schattenriss
duftender Bäume |
|
|
|
17666-16672: a. a. O., S. 45: „Elle envoya chercher un de ces gâteau courts et dodus
appelés Petites Madeleines qui semblent avoir été moulés dans la valve
rainurée d’une coquille de Saint-Jacques. Et bientôt, machinalement,
accablé par la morne journée et la perspective d’un triste lendemain, je
portai à mes lèvres une cuillerée du thé où j’avais laissé s’amollir un
morceau de madeleine.“ Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. I: Du coté de chez
Swann, Paris 1954.
17677-17687: Georg
Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt
Batt, Leipzig 1965, S. 292. |
|
aufgeweicht vollgesogen
zerfällt sie langsam
die Muschelform des Gebäcks
nichts Gewöhnliches
haftet mehr an dem Vorgang
wenn ein Madeleine
still auf der Zunge vergeht
auf diesem Organ
das uns zur Sprache verhilft
und zum Wissen dass
jeder Mensch ansprechbar ist
in seinem Essay
„Über Physiognomik“
verlangt Lichtenberg
Antwort auf Fragen die sich
zur Beantwortung
nicht eignen trotzdem fragt er:
„warum Tausende
mit Gebrechen geboren
werden einige
Jahre durchwinseln und dann
wegsterben“ öfter
als heißer Tee brennt Sprache
mir auf der Zunge |
|
|
|
17690-17693: Franz Kafka, Forschungen eines Hundes
(1921/22). |
|
„Jeder Hund hat wie ich den
Drang zu fragen und
ich habe wie jeder Hund
den Drang zu schweigen“
es ist also wie immer:
Bilder schachteln sich
in- und hintereinander
wieder und wieder
steh ich hinter mir selbst und
frage mich: musst du
[17700]
eigentlich sehen was du
zu sehen bekommst
ich vermeide ängstlich und
so gut als ich kann
mich von vorne zu sehen:
mein Gesicht legt sich
in Falten greisenhaft schwankt
mein Leib aus dem Bild
jedem Blickkontakt mit mir
weicht er jetzt aus schon |
|
|
|
|
|
kriechen die blinden Würmer
mir aus den Augen
schleppen mein Bilderlager
für immer hinab
ins Dunkle und stellen es
Flechten und Pilzen
vielleicht auch Moosen anheim
restliche Farben
nochmals zu verwenden sie
wieder hinauf- und
hineinzutreiben ins Licht
das jetzt befreit ist
von der Pflicht Verborgenes
hervorzuholen
oder beim Einsichtnehmen
Hilfe zu leisten
sicherer Leitzins zu sein
bis zur Erleuchtung
Licht wird nichts anderes sein
als eine ganz leicht
zu verdauende Nahrung
im Schatten wartend
wird das Helle mich finden |
|
|
17733: Vgl. Platon, Charmides 154d-155a.
Siehe auch: Erasmus von Rotterdam Apophthegmata: Geistreiche
Aussprüche, hg. von Heribert Philips, Frankfurt a. M. 2005, S. 66f. |
|
weil ich sichtbar bin
ohne reden zu müssen
in diesem Bergwald
vielleicht nochmals beginnen
zu unterscheiden
den Fluglärm der Insekten
vom Rascheln wenn sich
Blütenblätter entfalten
das feine Raspeln
wenn ein langhalmiges Gras
die Baumrinde streift
vom Krümelschieben eines
Pilzes der hochschießt
die Reststille versickert
im Torf beruhigt
sich endgültig erst auf dem
kühleren Mergel
[17750]
jetzt ist anfangen möglich
hier tief unten wo
ich nichts mehr begreife hier |
|
|
|
17753-17760: Zitate aus Gedichten von César Vallejo.
Aus Dobla el dos de Noviembre: „Vosotros, difuntos, de las nítidas
rodillas“ („Ihr Toten mit den schimmernden Knien“); aus Los nueve
monstruos: „jamás … la migraña extrajo tant frente de la frente!“
(„Niemals zog der Kopfschmerz soviel Stirn aus der Stirn!“); aus
Pequeño responso a un héroe de la república: „también sudaba de
tristeza el muerto“ („Auch der Tote schwitzte, vor Trauer“); aus Un
hombre pasa: „Un hombre pasa con un pan al hombro“ („Ein Mann geht
vorbei mit einem Brot auf der Schulter“).
17776-17784: Walter Benjamin spricht (in seinem Essay
Über Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen, 1916) von „jener
Aufgabe, die Gott ausdrücklich dem Menschen selbst zuschreibt: nämlich die
Dinge zu benennen. Indem er die stumme namenlose Sprache der Dinge
empfängt und sie in den Namen in Lauten überträgt, löst der Mensch diese
Aufgabe.“ |
|
neben den Toten
mit den schimmernden Knien
denen der Kopfschmerz
so viel Stirn aus der Stirn zog
schwitzend vor Trauer
bleibe ich hier bis endlich
der Mann vorbeikommt
mit dem Brot
auf der Schulter
unaufhaltsam treibt
das schwer Gewordene hoch
schon steht da ein Mensch
und bürstet seine Kleider
wirbelt Staubwolken
auf wie ein finsteres Tier
über dem Schlafplatz
Starenschwärme schleiern hoch
über den Himmel
eine große Hand schüttelt
ein Seidentuch aus
tausendfach wird dort oben
ein Text rezitiert
werden Lieder gesungen
unhörbar für mich
der sich mit dem Benennen
abmüht einer Welt
die ohne Anruf nicht ist
und die zu Gehör
gebracht werden muss bevor
sie antworten kann
wobei ungewiss bleibt ob
ein Unterfangen
wie dieses jemals gelingt
vielleicht erweist sich
nichts zu erreichen doch als
tauglicheres Ziel |
|

Starenschwärme über Rom (Foto: P. Patrizi) |
17788-17790: Wisława Symborska, Zitat aus dem Gedicht Von oben
betrachtet: „Ein toter Käfer liegt auf dem Feldweg … / er liegt, als
wär ihm nichts von Bedeutung passiert.“
– Inger Christensen, det/das, Münster 2002, S. 103 (Die Bühne.
Konnexitäten 5): „Wie / bei hohem fieber wonne darüber dass man nichts
bedeutet.“
|
|
auch ich könnte daliegen
einst als wäre mir
nichts von Bedeutung passiert
die Geburt der Tod:
bemerkenswert sicher doch
nicht das dazwischen
was als Leben sich ausgibt
gleicht irgendwie auch
einer Lumpennovelle
die kaum begonnen
schon wieder abbricht scheinbar
gering an Gewicht
[17800]
wird sie überall wieder
von neuem erzählt
mit dem unbeirrbaren
Gefühl dafür dass
auch nichtig Geringes stets
teilhat am Wunder
ein Universum gibt es
den Grashalm Sonnen
die nie jemand sieht es gibt
Fliegen und Türme |
|
|
|
17810-17813: Inger Christensen, det/das, Münster
2002, S. 13: „Indessen, bisweilen während die sonne noch überschuss genug
hat den tod so langsam zu verteilen, dass er leben ähnelt, indessen hält
das leben die fiktion in gang.“ |
|
es gibt einen Tod der wird
so langsam verteilt
dass er schließlich dem Leben
zu gleichen beginnt
es gibt die Wörter es gibt
das Wortlose das
in den Zellen anwächst und
ins Blut übergeht
hinter allem liegt etwas
etwas liegt vor mir
der Ort wo ich bin hält sich
im Ungleichgewicht
(zwischen Schwerkraft und Auftrieb)
mein Begehren wird
jede Richtung verlieren
mich beunruhigt
dass ich trotz fehlender Sicht
gut unterwegs bin
in diesen Zonen dichter
werdenden Nebels
bei anhaltendem Regen
der auf das Blechdach
einer Holzhütte trommelt
spät im November
ist es die leise Ahnung
das Andere es
könnte sich zeigen milde
und freundlich gestimmt
das jetzt kaum mehr hörbare
Rieseln der Zeit rückt |
|
|
17839-17843: „Les causes sont peut-être inutiles aus effets
…“ Œuvres complètes du Marquis de Sade, t. 9: Histoire de
Juliette ou Les Prospérités du vice, parties IV à VI., Paris 1987, S.
143.
|
|
die Ereignisse weg von
ihren Ursachen
diese Verbindungen sind
nicht mehr erklärbar
es wird weiter berichtet
doch nur noch von dem
was unmittelbar vorliegt
es wird alles was
Nicht-Ich ist aufgerufen
und herangelockt
[17850]
damit das Unsagbare
in der Nähe bleibt
und Nicht-zu-Verstehendes
sich nicht zurückzieht
dieser Antrieb zur Freude
dass etwas da ist
wo doch ohne weiteres
auch nichts sein könnte |
|
|
17858: „Was die Götter abwenden mögen!“ Cicero in einem
Brief an Cassius. (Ders., Epistulae ad familiares, XII, 6.)
|
|
quod di omen avertant
seit bald neun Jahren
schreibe ich an diesem Text
das ist noch nicht lang
meine Bewunderung gilt
dem Reusser Fritz der
dreiundvierzig Jahre lang
mit Hut und Blume
im Knopfloch sein Amt versah
als Zuchtbuchführer
der Schafzuchtgenossenschaft
über dem Stammtisch
hängt im Holzrähmchen sein Bild
(Gasthof zur Säge
im Innereriz bei der
Bushaltestelle)
von hier aus steige ich hoch
in die schattige
Rinne zwischen den Felsen |
|
|
|
17877-17879: Die Argonautensage erzählt von den
Symplegaden, den in rascher Folge zusammenschlagenden Felsen, zwischen
denen durch das Schiff der Argonauten nur mit Unterstützung der Göttin
Athene gelangte. Apollonios von Rhodos, Argonautika, II, 317-344 u.
549-604. |
|
Klappfelsen vielleicht
die sich nur noch ganz langsam
öffnen und schließen
zwischen den kühlen Wänden
grasen Schafe und
arglos kreisen die Dohlen
jetzt deutet nichts mehr
auf die einst große Gefahr
doch Unheimliches
kauert immer noch in den
Spalten Rissen und
eingebrochenen Höhlen
im satten Dunkel
das aus der Tiefe hochquillt
der Felsen deren
helles Grau jetzt von der schnell
heranwehenden
Regenwolke verschluckt wird
kalt und düster legt
sich Nebel dicht an den Berg |
|
|
17897-17907: Vgl. Tanizaki Jun'ichiro, Lob des Schattens,
Zürich 1998, S. 60-62.
|
|
mir kommt in den Sinn
was ich vor langer Zeit las
über das Dunkle
[17900]
in japanischen Räumen
in denen Frauen
sitzen mit Gesichtern weiß
wie Schnee und versteckt
hinter schweren Vorhängen
umhüllt von einer
Dunkelheit in der jedes
Denken versickert
etwas verschwindet und taucht
wie ein Elektron
gleichzeitig anderswo auf
dieses Textgeflecht
schafft so lange Bezüge
bis deren Dichte
tief im Körper der Sprache
zu leuchten beginnt
es entsteht so ein Lichtstoff
eine Klangwolke
schwebend über der Restwelt
doch heute liegen
Nebelbänke kraftlos schwer
auf den Hügeln nichts
ist zu begreifen trotzdem
meine ich etwas
zu verstehen genug um
der Landschaft einen
Vorschlag zu unterbreiten
wie sie Wegrechte
mir abtreten könnte ich
will auch in Zukunft
mich jederzeit in jede
Richtung verirren
und bleibe uneinsichtig
in Bezug auf die
Hilfe der Kartographie
jede Art Ankunft
die bevorstehen könnte
stimmt mich traurig und
diese Restwelt die sprachlos
geblieben geht mir
nicht mehr aus dem Sinn es ist |
|
|
17940-17950: Peter Altenberg, Ashantee, Berlin 1897:
„Nah-Badûh setzte sich neben mich. ... Sie legte ihren Kopf an meine
Schulter, legte ihre Hand auf mein Knie.“ (S. 48f., aus: Ein Brief aus
Wien) – „Tioko steht da, in lila Kattun eingehüllt. Wie ein dunkler
Teichvogel, der friert, geduckt in lila Gefieder.“ (S. 31, aus: Der
Abend).
17952-17957: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie (Das Paradies,
17. Gesang, 7-12): „Lass heraus die Flamme / Der Sehnsucht“, sprach sie,
„dass sie offen zeige / Das rechte Zeichen ihrer Prägung; / Nicht damit
unser Wissen sich vermehre / Durch deine Rede, nein, damit du lernest, /
Den Durst zu sagen, und man ihn dir stille.“ |
|
als legte eine
Unbekannte ihren Kopf
an meine Schulter
und begänne zu singen
Lieder eines nicht
erreichbaren Kontinents
dann steht sie auf: ein
dunkler Teichvogel der friert
schnell treibt die Stille
[17950]
ihren Keil zwischen uns und
zwischen die Dinge
wieder neu reden lernen
ohne zu meinen
dies mehre unser Wissen
reden lernen nur
um den Durst zu sagen damit
man ihn stille doch
vorläufig gilt es alles
aufzuzählen und
sich dabei den Ordnungen
zu widersetzen
die sich einstellen wollen
ich versuche mich
festzuhalten hier unten
mit meinem Leib der
zwar aufbegehrt und den ich |
|
|
|
17965-17973: Herbarium des Pseudo-Apuleius (ca. 550-625), Österreichische
Staatsbibliothek, Wien; Cod. 93, Blatt 72v, zeigt die Wirkung von Herba Paeonia (Pfingstrose): Zur Heilung von Mondsüchtigen wird sie um deren
Hals gebunden. |
|
umwickeln müsste
mit Herba Paeonia
eine Pfingstrose
könnte den Blick mir hinaus
lenken ins Leere
wo sich nichts mehr schichtet als
Blau hinter Blau das
Unsagbare rückte so
unbeschwert nahe
von keinerlei Zuwendung
gestört und bedrängt
mir leuchtet ein ich brauche
nicht zu verstehen
wie und weshalb Etwas ist
und nicht vielmehr Nichts
mit größtmöglicher Sorgfalt
widme ich mich jetzt
dem was Verstehen möglich
und unmöglich macht
zur Anwendung kommt eine
Signaturlehre
die was sich gleicht auflistet
und in Beziehung
setzt zueinander und dies
ohne Bedenken |
|

|
|
17993-18000: Marcel Proust, À la recherche du temps
perdu. III: La Prisonnière, Paris 1954, S. 375: „... puisque,
quand au moment de s’endormir, on reçoit la caresse de leur [= la musique
de Vinteuil] irréel enchantement, à ce moment même, où la raison nous a
déjà abandonnés, les yeux se scellent et, avant d’avoir eu le temps de
connaître non seulement l’ineffable mais l’invisible, on s’endort.“ |
|
denn Proust hat Recht wenn er sagt:
in dem Augenblick
in welchem der Verstand uns
schon verlassen hat
schließen wir die Augen und
es bleibt keine Zeit
das Unsagbare oder
gar Unsichtbares
[18000]
doch noch kennenzulernen |
|
|
|
|
|
|
|
|