Nicht bei Trost. Mikrologien 
Z.18001 - 19000
Index / Anmerkungen / Kommentar  
„Wer also etwas nicht versteht, darf die Aufklärung am sichersten erwarten, wenn er mutig weiterliest. Der Grund für diese ... Regel steckt darin, dass Denken und Schreiben nicht eins sind. Im Denken schlägt wirklich ein Schlag tausend Verbindungen; im Schreiben müssen diese tausend säuberlich auf die Schnur von Tausenden Zeilen gereiht werden."
Franz Rosenzweig, Zweistromland. Kleinere Schriften zu Glauben und Denken , Dordrecht 1984.
  es bleibt wenig Zeit
nochmals versuch ich einen
Anfang zu finden
und die Fortsetzung dazu
diese dazwischen
liegende Lücke gilt es
zu beschreiben wie
das eine ins andere
hinüber findet
ich meinte einem Faden
folgen zu können
doch es sind Sprünge über
Nebelstreifen und
unbegründete Tiefen
u
nheimlich wie sich
eines ans andere knüpft
   
18017-18028: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le temps retrouvé, Paris 1954, S. 911: „En réalité, chaque lecteur est, quand il lit, le propre lecteur de soi-même. L’ouvrage de l’écrivain n’est qu’une espèce d’instrument optique qu’il offre au lecteur afin de lui permettre de discerner ce que, sans ce livre, il n’eût peut-être pas vu en soi-même.“ es gilt weiterhin
Linsen zu schleifen diese
hintereinander
zu reihen und dem Leser
anzubieten als
ein optisches Instrument
dieser Text möchte
eine Art Sehhilfe sein
etwas wird sichtbar
was man bis jetzt so nicht sah
wobei der Leser
stets Leser bleibt seiner selbst
und so wiederum
etwas sieht was anderen
zu zeigen sich lohnt
 
18032-18048: Der Distelfink in der Hand des Jesuskindes wird in der christlichen Symbolik einerseits als gerettete Seele des Gläubigen gedeutet, andererseits verweist seine Vorliebe für Disteln auf die Passion Christi. Vgl. Bernardo Daddi: Triptychon (1335/1340);  Tempera auf Pappelholz, rechter Flügel: Maria mit dem Kind in der Wiege (Madonna della culla). mir hat kürzlich der Maler
Bernardo Daddi
von einem Vogel erzählt
ein kleiner Vogel
mit rotem Köpfchen war es
in der Hand eines
Kindes das hinaufschaut um
den scheuen Vogel
seiner Mutter zu zeigen
das ist lange her
seit Daddi diese Szene
malte länger noch
seit das Bild Wirklichkeit war
ein Kind ein Vogel
eine Mutter mehr braucht es nicht
damit das Gefühl
sich einstellt eines Verlusts
 
18049-18060: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 11: „Da nun das Ich unablässig eine große Zahl von Dingen denkt und selbst nur das Denken dieser Dinge ist, trifft es, wenn es zufällig, anstatt Dinge vor sich zu haben, plötzlich an sich selbst denkt, nur auf eine leere Apparatur, etwas, was es nicht kennt …“ eines Entschwindens
[18050] das der Dinge Gesamtheit
in seinen Sog zieht
was bleibt weil es sich vielleicht
irgendwo festhält
scheint jedoch schon jenseitig
der Dinghaftigkeit
leere Stellen erinnern
an alles was sich
einst hier herumtrieb und sich
angefreundet hat
mit einem mir fremden Ich
ich muss mich wieder
anlocken lassen von der
   
18061-18069: Vgl. Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen 1919-1924, hg. von Walter Kugler, Köln 1999, S. 125: „Die Erde lockt gewissermaßen den Menschen zur Wiederverkörperung herein, indem sie die Ausstrahlung der Schmetterlingskorona und die Strahlung der Vogelkorona hinausschickt in den Weltraum.“ Vogelkorona
die sich aus Flügelschlägen
bildet seit vielen
Millionen von Jahren
ein unsichtbarer
vibrierender Gürtel weit
draußen im Weltall
locker geflochten dem Sturz
hinunter in die
baumlose Steppe wird nichts
entgegengesetzt
mit hochgeklapptem Visier
lausche ich auf das
Heranrauschen der Schwerkraft
ein Ton umkreist mich
stumpf und dicht wie ein Nebel
kein einziges Wort
kommt mir in den Sinn nur ein
Erinnern an nichts
zeigt mir an dass ich da bin
 

 

 

18083-18088: Stellen aus: Ralph Dutli, Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters, Göttingen 2010, S. 30-32. ein Lerchenfalke
fächelt mir Luft zu ich bin
aus Kreide ein Mönch
noch fehlt mir nichts vorsorglich
rufe ich Gott an
„te rogamus audi nos“
aus der Einöde
schweben mir grosse Früchte
lautlos entgegen
birnenförmige Quitten
grobgerippt und mit
pelzig wolligem Anflug
duftend nach Äpfeln
Zitronen und vielleicht nach
Landstrichen am Meer
steinhart und bitter das Fleisch
möglicherweise
[18100] sind es Schmetterlinge die
übergewichtig
und zu träge zum Flattern
mich überfliegen
   
18105-18108: Giorgio Agamben, Nacktheiten, Frankfurt a. M. 2010, S. 20: „Deshalb heißt es, dass die höchste Erkenntnis jene ist, die zu spät kommt, die erst kommt, wenn sie uns nicht mehr nutzt.“ auch ohne mich zu rühren
und ohne den Text
zu behindern komme ich
immer zu spät was
mir klar wird nützt mir nichts mehr
ohne Zuversicht
das sich eines aus einem
andern ergäbe
überrascht mich jederzeit
auch das Geringste
aber auch dies: wie kommt es
dass Lebendiges
für immer aufhört zu sein
   
18117-18131: Vgl. dazu: Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 16. Januar 1922: „Diese ganze Literatur ist Ansturm gegen die Grenze …“ das beharrliche
Hintereinandersetzen
von Wörtern bildet
ein Gehege und zugleich
ist es ein Ansturm
gegen jede Art Grenzen
gegen die Grenze
die quer durch mich hindurchläuft
ein Unterfangen
das einzig im Erinnern
Spuren hinterlässt
wenig Druckerschwärze bleibt
auf blassem Papier
ein winziges Mahnmal aus
vergänglichem Stoff
länger bleiben die kleinen
Luftwirbel die sich
fortsetzen bis an den Rand
tropischer Stürme
die meine schreibende Hand
hervorruft aufrührt
(Luft schnell weggestoßen und
wieder einströmend
in den Raum den Hand und Stift
nicht mehr besetzen)
dieser Text müsste also
lesbar bleiben noch
im stratosphärischen Wind
   
18145-18160: Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 1. Januar 1922: „Mit primitivem Blick gesehen ist die eigentliche, unwidersprechliche, durch nichts von außerhalb (Martyrium, Opferung für einen Menschen) gestörte Wahrheit nur der körperliche Schmerz." – Ders., In der Strafkolonie: „Kein Misston störte die Arbeit der Maschine. Manche sahen nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand; alle wussten: Jetzt geschieht Gerechtigkeit.“ - Vgl. auch: The word made flesh. Literary tattoos from bookworms worldwide, New York 2010.
 
und angenommen
dieses Bewegen der Hand
riefe heftigen
körperlichen Schmerz hervor
läge in diesem
Schmerz nicht eine Wahrheit die
[18151] unwidersprechlich
sich zeigt vielleicht in der Schrift
und später im Text
wie aber wenn das Leiden
ausginge vom Text
der den Leib foltert und quält
von einer Schrift die
sich einschreibt in unser Fleisch
(kein Misston stört und
ohne zu schauen meinen
alle zu wissen:
Jetzt geschieht Gerechtigkeit)
   
18163-18175 [Bild]: Weltrundschau 1963. Kilchberg/ZH 1964, S. 48. Text: „4. März. Die Tierwelt hatte unter dem langen Winter schwer zu leiden. Dieser Fuchs, der sich auf der Jagd zu weit vom Festland weggetraut hatte und auf einer Eisscholle vor der Insel Havering angetrieben wurde, musste erschossen werden. Das halbverhungerte Tier hatte aus Scheu vor den Menschen alle Rettungsversuche vereitelt.“

18176: Cicero, Orationes. In Verrem, 2, 3, 165: „tupis enim est et periculosa confessio.“
 

ich frage mich was
mich standhalten lässt dem Blick
dieses Fuchses der
mich anschaut (aus einem Bild)
der halbverhungert
zitternd dasteht und wegtreibt
auf der Eisscholle
die kleiner und kleiner wird
bürgt auch dieser Schmerz
ausgelöst von einem Bild
für eine Wahrheit
oder sind Bilder doch nur
optische Fallen
turpis periculosa
wie ein Geständnis
irreführend wie das Wort
„Elfenbeinschwarz“ was
mögen Elefanten sich
vorstellen dabei
wenn sie dieses Wort hören
das ein Pigment meint
verbrannte Knochen Kohle
die ihre Leuchtkraft
zurückhält schwarz bleibt im Bild
damit Licht umso
heller im Dunkeln aufscheint
 
18189: viaticum = Wegzehrung, Reisegeld; [kirchlich:] Sterbesakrament. ein Viaticum
ein Dunkelheitsspeicher sind
unsere Knochen
ein Notvorrat mit dem wir
das Licht unterwegs
wieder anlocken könnten
   
18195-18197: Aus dem Gedicht-Zyklus Den Weg aller Welt von Anna Achmatowa: „Er stürzte herunter / Die Strickleiter, machte / Gelassen die Runde / Durchs einsame Haus …“ wenn die Strickleiter
gelassen ihre Runde macht
durchs einsame Haus
draußen die schlanken Birken
sie halten sich fest
[18200] an den letzten flammenden
Blättern im Wipfel
jahreszeitlich begünstigt
lass ich mich sinken
ins stille Baumwurzelwerk
einen Winter lang
bleib ich dort unten lausche
auf die Geräusche
der Untergrundbahn wenn die
Türen aufschnellen
und zuschlagen es nochmals
sehen das Gesicht
am Fenster bevor es für
immer verschwindet
   
18215-18224: Giorgio Agamben, Nacktheiten, Frankfurt a. M. 2010, S. 189: „Auf welche Weise wir etwas nicht wissen, ist nicht weniger wichtig als unsere Erkenntnisweise.“ in der Stille die eintritt
wird am Katalog
weiter gearbeitet der
alles verzeichnet
was ich nicht weiß und was ich
auch nie wissen will
es wird alles beschrieben
was von Anfang an
dem Vergessen anheimfällt
festgehalten was
auch künftig unbedacht bleibt
möglicherweise
treibt der Frühling mich wieder
hinauf und zurück
an die Oberfläche wo
   
  das Nicht-Wissen sich
streckt und verdreht ein Seil wird
auf dem ich tanze
ohne vorwärts zu kommen
schwankend im Stillstand
und das ist ein Vergnügen
ich stehe sicher
 
Peter Gysi: Seiltänzer, 2009
18236-18240: Zitat aus: Heiner Müller: Der Horatier (1968).

 

„aber die Wörter fallen
in das Getriebe
der Welt uneinholbar [und]
kenntlich machend die
Dinge oder unkenntlich“
da sind sie wieder
die „Dinge“ (die bei Stifter
glimmen im Dunkeln)
die sich Wörtern verweigern
obwohl sie doch nur
in unserem Sprechen ins
Helle geraten
und auf unserem Atem
schwimmend in den Leib
[18250] einströmen der uns allen
gemeinsam gehört
in den Luftleib in welchem
Meteoriten
und Kometen verglühen
den ich aufwirble
in meinem Innern in den
Bläschen der Lunge
hier bleibe ich durchlässig
wie nirgendwo sonst
vielleicht dass hier das Formen
der Wörter beginnt
die weit draußen irgendwo
wieder zerfallen
es bleibt nichts als das Mahlen
des Wortwerks als ein
Werk der Erlösung von nichts
   
18267-18269: In der rabbinischen Literatur wird der Begriff Bath-Kol („Tochter der Stimme“) verwendet für die hörbare Stimme Gottes, die jedoch nur ein Widerhall der eigentlichen Gottesstimme ist, und auch nicht mehr dem unmittelbaren prophetischen Wort entspricht.

18273-18275: Evangelium nach Johannes 1,1 – Eric Voegelin, Realitätsfinsternis, Berlin 2010, S. 78: „Philosophie im klassischen Sinne – die erotische Spannung auf die Weisheit hin, die Gott ist – .....“

eine Stimme wird
als Widerhall laut einer
anderen Stimme
Dinge werden beleuchtet
und zugleich legt sich
ein erster Schatten auf sie
diese Spannung hin
auf die Weisheit entsteht die
einmal Gott selbst war
die Berührung durch Wörter
die sich entziehen
schafft eine Stille die mich
an eine Wahrheit
erinnert die kommt und die
vielleicht schon da ist
die den Geschmack hat jenes
zweifachen Jas das
die Vermutung bestätigt
es sei doch „esse
melius quam non esse“
es sei also gut
dass etwas ist und nicht nichts
dass jemand hier sei
der spricht dass ein Stürzender
innehält und den
Zweifel beatmet dem das
   
18293-18296: William Shakespeare, Macbeth, 5.Akt, 5. Szene (Macbeth:) „Out, out, brief candle! / Life's but a walking shadow, a poor player / That struts and frets his hour upon the stage / And then is heard no more: it is a tale / Told by an idiot, full of sound and fury, / Signifying nothing.“

18298: Ralph Dutli, Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters, Göttingen 2010, S. 60.

 

Leben „eine Mär
aus einem Tölpelmund ist
voll von Getön und
Toben und nichts bedeutet“
einer behauptet
„je versefie en dormant“
doch nur wenigen
[18300] gelingt das Dichten im Schlaf
an den prekären
Grenzen des Mitteilbaren
herrscht unruhige
Schlaflosigkeit und Husten
unterbricht ständig
das gleichmäßige Atmen
nur widerspenstig
legt sich der Text auf das Blatt
trotz Widrigkeiten
und Mühe versuche ich
freundlich zu bleiben
   
  zu dem feisten Koloss der
mir im Nacken sitzt
mit dem Gewicht von dem was
noch zu verzeichnen
und dieser Neuordnung hier
einzufügen ist
ein Unterfangen das zum
Scheitern verurteilt
mich veranlasst heute am
 
Goya: Der Koloss
18321: Die katholische Kirche feiert am 8. Dezember das Marienfest „immaculata conceptio“.
18327: Vgl. die Zeile aus dem Salve Regina: „Ad te clamamus, exsules filii Evae“.
achten Dezember
mir vorzustellen auch ich
würde mitsingen
(versuchsweise nur) bei dem
Salve Regina
und ich wäre immer noch
eines von Evas
vielen verbannten Kindern
mein Blick verliert sich
   
  im bunten Gewand einer
schwarzen Madonna
im weit ausgebreiteten
Garten filigran
gestickt auf wertvolles Tuch
hinter dem Gesang
wo der Garten aufhört wo
das Dickicht beginnt
 
 Manteau de la Vierge.
Italien, Mitte 18. Jh.
18340 u. 18358: Zu den Schwirrhölzern vgl. z. Bsp. Paul Wirz, Die Marind-anim von Holländisch-Süd-Neu-Guinea, 2. Bd., Teil 3: Das soziale Leben der Marind-anim, Hamburg 1925, S. 44-46. höre ich deutlich das An-
und Abschwellen der
sirrenden Schwirrhölzer ihr
wirbelndes Brummen
legt sich unter den Cantus
leichteste Dünung
zieht durch die Lagune ruft
Unruhe hervor
in der Caldera dieses
Vibrieren legt sich
mir wie ein Schleier auf den
Film meiner Tränen
[18350] so dass die krumme Hornhaut
sich langsam entspannt
und ich sehe diesen Satz
vor mir als Schriftband:
 
18354-18357: Eric Voegelin, Weisheit und die Magie des Extrems: eine Meditation. In: ders., Mysterium, Mythos und Magie. Wien 2006, S. 40. „wenn die Lebenden tot sind
haben die Toten
die leben niemanden mehr
der ihnen zuhört“
und die Schwirrhölzer kreisen
rasend um sich selbst
wiederholen beharrlich
in einer Sprache
die mir fremd ist diesen Satz
von den Lebenden
die tot sind und den Toten
die leben wartend
auf dass jemand sie höre
   
18367: Mischna-Traktat Avot (mAv): „O ihr Weisen seid vorsichtig mit den Worten, denn ihr könntet ... verbannt werden an einen Ort schlechten Wassers ....(1,11).“

18369: „Jene religiöse Erhebung und die Heiligung des empirischen Daseins, der Sabbath der Welt, ist verschwunden, und das Leben ein gemeiner, unheiliger Werkeltag geworden.“ J. Hoffmeister, Dokumente zu Hegels Entwicklung, S. 323.

18372-18375: Mischna-Traktat Avot (mAv):
“Mein ganzes Leben habe ich verbracht unter den Weisen und fand nichts besser für den Sterblichen als das Schweigen (1,17).“
nein dieser Ort hier
ist kein Ort schlechten Wassers
noch kein „gemeiner
unheiliger Werkeltag“
würgt hier das Leben
Schim‛on ben Gamaliel
sagt: für den Menschen
lasse sich nichts Besseres
finden als Schweigen
eine Bemerkung die nicht
auf das Verstummen
sondern aufs Hören abzielt
das der Möglichkeit
Wörter Sätze zu bilden
vorausgeht und das
der Stille wenn sie eintritt
noch lange standhält
in der sich ausbreitenden
Lautlosigkeit wird
dieser Text mir ein Trost sein
auf seinem schmalen
trotz Windstille flatternden
Band wird er nochmals
an mir vorbeiziehen als
gezeichnete Welt
scribere necesse est
vivere non est
mein Confabulator nickt
mir zu und ich weiß
das leiser gewordene
Gespräch bricht nicht ab
dieses Gespräch das einem
Stein gleicht im Flug der
[18400] nichts im Sinn hat als sich der
Erde zu nähern
bis sein Gewicht sich schließlich
irgendwo festhält
und er ein wenig verweilt
   
18408-18410: Eric Voegelin, Mysterium, Mythos und Magie, hg. von Peter J. Opitz, Wien 2006, S. 90: „Die Praxis der Philosophie im sokratisch-platonischen Sinne ist das Äquivalent zur christlichen Heiligung des Menschen, sie ist das Wachsen des Bildes von Gott im Menschen.“

181414-18423: Vgl. das Gedicht Because von R.S. Thomas: „... the way the world / digest itself and the thin flame / scours ... That is what / life is, and on it your eye / sets tearless, and the dark / is dear to you as the light.“ In: ders., Mit Fängen aus Feuer. Gedichte, Denklingen  2010, S. 18f.

Reinhold Schneider, Winter in Wien. Aus meinen Notizbüchern 1957/58, Freiburg 1958, S. 127: „Was ist die Mitte des Wirbels? Keineswegs das Nichts. Die Welt verzehrt sich selbst.“

ein Zustand der sich
eignet um nachzudenken
sich zu besinnen
in früheren Zeiten wuchs
so das Bild Gottes
im Menschen der sich zwischen
Anruf und Antwort
wusste beides hielt er für
möglich und wirklich
jetzt aber zwingen wir Gott
zuzusehen wie
die dünne Flamme scheuert
die blinden Hände
der Alten das Sonnenlicht
müde durchkämmen
nach Mitleid während die Welt
sich selber verdaut
ob IHM wirklich das Dunkel
lieb ist wie das Licht
mich tröstet dass dieser Text
nur Vorläufiges
bereit zu stellen vermag
so fordert er auf
zu neuer Lektüre und
zur Fortsetzung in
jede mögliche Richtung
   
18435-18448: Vgl. Roland Barthes, Cy Twombly oder Non multa sed multum: „... dass das Wesen der Schrift weder in einer Form noch in einer Verwendung liegt, sondern bloß in der Geste, die sie hervorbringt ....“ In: ders., Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, Frankfurt a. M. 1990, S. 165-183; hier S. 166. ich fülle ihn ab
in Gefäße deren Form
das Fassen als auch
das Weggießen begünstigt
das Wesen dieses
endlosen Textes zeigt sich
weder in der Form
noch in seiner Verwendung
es ist die Geste
der Unzumutbarkeit die
ihn vorantreibt die
Mattheit der Nicht-Übersicht
die er zurücklässt
und die Sorglosigkeit mit
der man sich schließlich
abwendet von ihm nur so
lässt sich Leichtigkeit
anlocken vielleicht auch Licht
 
Francisco de Zurbarán, Stillleben mit Vasen (1636)
 
18449: Hugo von St. Victor, Didascalicon, 6, 5 (PL 176, 805C): „omnis natura rationem parit, et nihil in universitate infecundum est.“ („Alle Natur ist sinnträchtig, und nichts in der Welt ist unfruchtbar.“)

18452: lucubratiuncula (lat.): kleine Nachtarbeit bei Kerzenlicht.

18456-18463: Jean Paul, Kraft der Worte (Museum, II. Sedez-Aufsätze, 1. u. 2. Lfg.): „... das Wort wohnt auf der leichten Zunge fester als dessen Sinn im Gehirn; denn es bleibt, ... indes der ewig wechsel-hafte Gedanke ohne Zeichen umfliegt und sich sein Wort erst sucht.“

denn in dieser Welt
[18450] kann nichts bedeutungslos sein
Gedankensplitter
(lucunbratiunculae)
vom Kerzenlicht nachts
nur kurz und dürftig erhellt
sammeln Wörter weil
Wörter fester wohnen auf
der leichten Zunge
als deren Sinn im Gehirn
nicht aus Gedanken
sei der Mensch gemacht heißt es
sondern aus Worten
in denen das Denken sich
niederlässt später
ohne heimisch zu werden
zu viele Zungen
reden stets durcheinander
doch es genügt nicht
davon zu reden damit
etwas sich zeige
wie auch das Lesen nicht vom
Schauen entbindet
   

 

 

 

 

 

 

 

 


Cinq sortes des mauvaises langues,
aus: "Ci nous dit" (14. Jh.).

18473-18476: Buch Daniel 10,16: „Und sieh, einer, der einem Menschen ähnlich war, berührte meine Lippen, und ich öffnete meinen Mund, und ich redete und sprach ...“
18480-18483: Buch Sacharja 11,2: „Wehklagt, ihr Eichen des Baschan, denn der unzugängliche Wald ist zu Boden gegangen.“
18484-18486: Friedrich Nietzsche, Fröhliche Wissenschaften, Aphorismus 125.
 
man müsste warten können
auf das Erscheinen
eines Menschen der bevor
wir den Mund öffnen
unsere Lippen berührt
damit das Fragen
stark bleibt auch wenn es sich der
Antwort nicht nähert
ob die Eichen von Baschan
noch klagen dass der
undurchdringliche Wald zu
Boden sinkt und wir
„stürzen wir nicht fortwährend
und rückwärts seitwärts
vorwärts nach allen Seiten“
   
18487-18491: Augustinus, Confessiones XI, 11: „Wer wird es [das Herz] festhalten, dass es ein wenig stehen bleibe und ein wenig erfasse vom Glanz der allzeit feststehenden Ewigkeit.“

18492-18494: Blaise Pascal: "... j'ai dit souvent que tout le malheure des hommes vient de ne savoir pas demeurer en repos dans une chambre." In: ders., Pensées,  Nr. 128.

18494-18500: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Fugitive, Paris 1954, S. 486: „Mais, ce jour là, en sentant Albertine qui ... venait docilement vers moi, j’avais respiré, disséminée comme un poudroiement dans le soleil, une de ces substances qui, comme d’autres sont salutaires au corps, font du bien à l’âme.“

18502: Der Begriff „Taumelschale“ kommt vor im Buch Sacharja 12,2 und im Buch Jesaja 51,22.

wer wird unser Herz
festhalten und zur Ruhe
bringen damit es
ein wenig erfasse vom
Glanz der Ewigkeit
es lohnt sich zu warten und
ruhig im Zimmer
zu bleiben hoffend jemand
komme den man liebt
das tat auch Proust und plötzlich
hatte er eine
jener in den Strahlen der
Sonne zerstäubten
[18500] Substanzen eingeatmet
ein Quäntchen Lichtstaub
reicht und die Taumelschale
gerät für einen
Augenblick ins Gleichgewicht
und man meint Wurzeln
schlagen zu können wie die
schnellwachsenden und
durstigen Pappeln deren
zitternde Blätter
Widerstand leisten dem Wind
in kleinste Wirbel
fächert das Laubwerk ihn auf
schließlich legt er sich
kraftlos in seinen Schatten
um neuen Anlauf
zu nehmen und abzudriften
hinunter zum See
dessen Spiegel er kräuselt
und später aufwühlt
   
18521-18523: Augustinus, Confessiones, VII, 1,1: „Ich bezweifle nicht, dass etwas, was keinem Wandel unterliegt, besser sei als etwas, was dem Wandel unterliegt.“

18526-18529: Eric Voegelin, Realitätsfinsternis, Berlin 2010, S. 57: „Der Denker, der den Gedanken denkt, er sei ein Selbst, hat die Durchsichtigkeit und mit der Durchsichtigkeit die Identität seiner Existenz als Mensch verloren.“

18530-18533: Augustinus, Confessiones, X, 8,13: „Ich unterscheide den Duft der Lilie von dem des Veilchens, obgleich ich nichts davon rieche, und ziehe in bloßer Erinnerung, nichts schmeckend oder befühlend, Honig dem Most, das Glatte dem Rauen vor.“

18534-18536: Augustinus, Confessiones, II, 2,2: "Ich tue es auch nicht mit Worten meines Fleisches, nicht mit Lauten der Stimme, nur in Worten der Seele und im Aufschrei der Gedanken: ihn kennt dein Ohr.“
 

nichts bleibt geordnet wer meint
Unwandelbares
sei grundsätzlich besser als
das was sich wandelt
(Ruhe besser als Taumel)
täuscht sich vermutlich
ich weigere mich ein Selbst
zu entwerfen ein
weiteres Ich das jede
Durchsichtigkeit löscht
so dass ich Most und Honig
nicht mehr vermöchte
zu unterscheiden oder
Glattes von Rauem
ja es müsste mein Denken
aufschreien lautlos
aber deutlich mit Worten
das Nicht-Verstehen
immer wieder und ohne
vorwärts zu drängen
artikulieren bis dass
einfache Sätze
sich in Bilder verwandeln
(ein Satz wie dieser:
„nothing is lighter than light“
behauptet das Licht
sei sowohl schwer als auch leicht
jenes Bild jedoch
das diesen Sachverhalt zeigt
ist einfach und klar)
 
Markus Raetz:
nothing is lighter than light
18556-18559: Marcel Mauss, Die Gabe. Frankfurt a. M. 1990, S. 165: „So gibt es in der ganzen menschlichen Entwicklung nur eine Weisheit ...: wir sollten aus uns herausgehen, Gaben geben, freiwillig und obligatorisch, denn darin liegt kein Risiko.“ [18550] diese hier vorliegende
endlose Reihung
von Sätzen und Bildern bleibt
ziellos und führt zu
keiner Annäherung an
etwas Entferntes
es geht um die Bewegung
des Hinausgehens
den Versuch eine Gabe
einander zu sein
die vielleicht nicht ankommt doch
   
18561-18564: William Blake, There is No Natural Religion: „Reason or the ratio of all we have already known, is not the same that it shall be when we know more.“ („Vernunft oder die Ratio all dessen, wovon wir wissen, ist nicht dieselbe, die sie sein wird, wenn wir mehr wissen.“)

 

das Werkzeug mit dem
mein Wissen hantiert wird nicht
mehr dasselbe sein
wenn ich vielleicht einst mehr weiß
eine seltsame
Hobelbank ist dieser Text
der eine Zeit lang
teilhat an einem Gespräch
das ohne Anfang
unbeendbar sich fortsetzt
sozusagen als
ein vor sich hinträllernder
Rhythmus der Erde
 
18574: „Weltmaschine“ (in positivem Sinne) s. z.Bsp. Nikolaus von Kues, De docta ignorantia (Buch 2, Kp. 11 u. 12); Lukrez, De rerum natura, V, 96.

18577-18588: Herodot, Historien, VII, 31: „Xerxes, der diese Strasse zog, fand hier eine Platane, die er ihrer Schönheit wegen mit goldenem Schmuck beschenkte ...“  – 18581-18584: „Nie war der Schatten eines teuren, lieblichen Gewächses angenehmer.“ Die Vertonung des italienischen Textes durch Giovanni Bononcini in Xerse (1694 ) wurde Vorbild für Händels berühmte Arie „Ombra mai fu“ in der Oper Serse von 1738.

18589-18595: Eine Platane stand unter andern Bäumen auch in dem üppigen Rasen, auf welchen Orpheus Bäume und Tiere herbeisang. (Ovid, Metamorphosen 10, 86-144).
 

der Weltmaschine deren
einstiger Wohlklang
unser Ohr kaum noch erreicht
es sei denn man liegt
(wie einst Xerxes) im Schatten
unter den zarten
Blättern einer Platane
„ombra mai fu di
vegetabile
cara ed amabile
soave più“ bei dieser
Melodie löst sich
sachte die Borke vom Stamm
dieses heiteren
festlich geschmückten Baumes
nie wird der Schatten
kühler weicher gestimmt sein
als in dem Garten
in dem sich die Bäume die
Tiere der Wildnis
und Scharen von Vögeln um
Orpheus versammelt
vielleicht war auch ich … doch
wie kommt es dass ich
jetzt in den Innenräumen
der Dunkelheit bin
[18600] in deren zarten Färbung
ich mich verliere
   
18602-18607: Augustinus, Confessiones, X, 8,14. wiederfinde in dieser
Falte der Seele
wo die Bilder lagern als
Erinnerungsschatz
ohne den mir das Sprechen
kaum je gelänge
   
18608-18610: Kungfutse, Gespräche. Lun Yü, Buch XVII, 19: „Wahrlich, redet etwa der Himmel? Die vier Jahreszeiten gehen (ihren Gang), alle Dinge werden erzeugt. Wahrlich, redet etwa der Himmel?“ während die Jahreszeiten
kommen und gehen
schweigt der Himmel beharrlich
möglicherweise
fällt es ihm schwerer als uns
sich zu krümmen sich
einwärts zu biegen damit
die Dinge merken
dass sie gemeint sind ohne
diese Zuwendung
bleiben sie lichtlos und stumm
   
18620-18623: „Die Gewohnheit zu denken legt manchmal das Gefühl für das Wirkliche lahm, macht dagegen immun und lässt es uns nur als etwas Gedachtes erscheinen.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 278. sie entziehen sich
auch unserer Gewohnheit
zu denken die so
oft das Gefühl für ihre
Wirklichkeit lahmlegt
solches Denken verhandelt
mit Helligkeiten
die nicht weit genug reichen
deren nur mattes
Leuchten uns etwas vortäuscht
   
18629-18631: Diese Formulierung verwendet Eric Voegelin immer wieder in dem Text Realitätsfinsternis, Berlin 2010.

18632-18639: Kungfutse, Gespräche. Lun Yü, Buch VI, 20 u. 21, Düsseldorf 1972, S. 78: „Seiner Pflicht gegen Menschen sich weihen, Dämonen und Götter ehren und ihnen fern bleiben, das mag man Weisheit nennen.“ – „Der Wissende freut sich am Wasser, der Fromme (‚Sittliche’) freut sich am Gebirge. Der Wissende ist bewegt, der Fromme ist ruhig.“

(leicht gewöhnt man sich
an eine aufrichtige
Unaufrichtigkeit)
Kungfutse meint es sei gut
Geister und Götter
zu ehren jedoch nicht sich
ihnen zu nähern
so kreise ich beharrlich
um denselben Ort
freue mich am Gebirge
wie auch am Wasser
ich lege mich vorläufig
auf keine Form fest
doch meine Antwort auf das
was sich zeigt wählt stets
dieselbe Gestalt nur so
gelingt es vieles
zu verbinden mit vielem
eine längst nicht mehr
wahrnehmbare Harmonie
wird mit diesem Text
[18650] neu zu erkunden versucht
ein Unterfangen
am Rand der Vernunft und mit
rückläufigem Sinn
ein Gefühl bemächtigt sich
meiner als ob ich
mit jeder Zeile kleiner
geringer würde
   
18665-18672: Vgl. Dante, Die Göttliche Komödie (Läuterungsberg, 9. Gesang, 19-33). Die Szene erinnert an den Raub des Jünglings Ganymed durch Zeus (Ovid, Metamorphosen, 10, 155-160).

18673: Der Begriff „Werkstätte von allem“ („officina omnium“) kommt bei Johannes Scotus Eriugena (9. Jh.) in Periphyseon vor. CCCM Bd. 165, Liber V, 893C.

18674: Nikolaus von Kues, De non aliud. Hier wird „non aliud“ („nichts anderes“) als Gottesbezeichnung eingeführt.

bis ich in diesem Modell
einer offenen
weiten Landschaft verschwinde
zwischen dem Flackern
Blitze sammelnder Stangen
mitten im Donnern
des wegfließenden Himmels
an welchem Dante
einst im Traum den Adler sah
der herniederbrach
schrecklich wie ein Blitz und ihn
hoch ins Feuer riss
so dass er glaubte zugleich
mit ihm zu brennen
und er hochfuhr aus dem Schlaf
eine Werkstätte
von allem nichts anderes
möchte ich sein wo
 
Walter de Maria:
The Lightning field

 

 


 


18674: "nichts anderes". Cusanus: coincidentia oppositorum

18675-18689: Marcel Proust, Essays, Chroniken und andere Schriften, Frankfurt a. M. 1992, S. 472: „Es geht darum, aus dem Unbewussten eine Realität zu schöpfen, ... die ... durch das blosse Licht des Verstandes zerstört würde. ... Es ist etwa dieselbe Art von umsichtiger, gelehriger, kühner Anstrengung, die jemand nötig hat, der noch im Schlaf diesen mit dem Verstand untersuchen möchte, ohne durch solchen Eingriff aufzuwachen.“
Zur Löffel-Stelle: vgl. Bd.
VII: Die wiedergefundene Zeit), S. 256-262.
(s. Anmerkung)
ich den Schlaf untersuche
während ich schlafe
es gilt etwas ins Helle
zu schieben ohne
dass es zerstört wird im Licht
selten geschieht dass
alles wie ein Erinnern
gleichzeitig auftaucht
so dass man meint aufwachen
müsste gelingen
vielleicht weil jemand leise
unbeabsichtigt
mit einem Löffel gegen
den Tellerrand schlägt
auf dem hellblauen Grund wie
gefügig legen
Blüten und Blätter sich hin
während die letzten
Reste von Farbe und Duft
hinübergleiten
und hinein in die schlichte
kurze Melodie
die mir nicht aus dem Sinn geht
 
Philipp Otto Runge:
Scherenschnitt
18699-18701: Erstes Buch der Könige 1,1-4: Das schöne, jungfräuliche Mädchen Abischag wurde zum hochbetagten König David gebracht, um ihn zu wärmen und zu pflegen.

18702-18705: Du Fu, Gedichte, aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Raffael Keller, Mainz 2009. S. 124.

es ist als legte
[18700] sich Abischag zu mir ins Bett
um mich zu wärmen
man sagt Blumen und Blätter
(vielleicht auch Töne)
gehorchten in China dem
Willen des Himmels
unter diesen Gesetzen
könnte doch auch mein
vegetatives Leben
noch stehen und dies
wäre irgendwie tröstlich
denn ich gehöre
zu den ánthrōpoi also
   
18711-18714: Eine der Deutungen des griechischen Wortes für „Mensch“ (ánthrōpos) leitet sich ab von „ánō“ (hinauf) du „trépō“ (sich wenden). zu denen die sich
nach oben wenden um des
Unerreichbaren
bleierne Aufmerksamkeit
auf sich zu lenken
diese Zuversicht ist beim
Aufrichten hilfreich
   
18720-18728: Vielleicht waren die ersten Wörter solche des Staunens und setzten mit einem Vokal ein, dem der sogenannte Glottisschlag (Kehlkopfverschlusslaut) vorangeht. und beim Finden der Wörter
die sich einen Weg
zu bahnen versuchen durch
den Nachtmattenfilz
hinauf in den Mundraum mit
glottalem Plosiv
mit einem kaum hörbaren
stimmlosen Knacklaut
beginnt ihr Auftritt auf der
Bühne auf der auch
Gott zu erscheinen beliebt
Gott der ursprünglich
nichts als Musik war eine
Tonfolge im Raum
so einfach und klar dass sie
mit der Zeit hätte
als Modell dienen können
für alles und dies
tut sie auch meistens ohne
dass wir es merken
zugleich verhindert sie das
Hören von Allem
denn beim Hören von Allem
gäbe es keinen
Nachhall jede Differenz
ginge verloren
und wir würden im Dasein
sogleich verschwinden
also wäre Gottes Wort
eine Schwundstufe
[18750] eines der Lieder das Gott
von Sphärenklängen
leise begleitet einst sang
es wäre damals
hören und gehört werden
eines gewesen
doch reicht unser Erinnern
nicht so weit zurück
   
18759: „videre et videri unum sunt“. Diese Formulierung verwendet u. a. Meister Eckhart (in: Joh., n. 107, Lat. Werke, Bd. III, 92) und Nikolaus von Kues in De visione Dei (Das Sehen Gottes), c. V und X

 

man versucht uns zu trösten:
wir würden wenn wir
sehen zugleich gesehen
dieser Vorgang bleibt
schwierig zu überprüfen
jedoch es scheint mir
unklug zu tun als ob ich
unsichtbar wäre
   
18766-18786: Nikolaus von Kues: De visione Dei. Im Vorwort erwähnt Kues Bilder (u.a. von Rogier van der Weyden), deren Augen so gemalt sind, dass der Betrachter sich in jeder Position angeschaut sieht. Das Zitat („et cum videre tuum sit esse tuum, ideo ego sum, quia tu me respicis, ...“) ist aus c. 4 (n. 10). Zum Bild s. Anmerkung. den Mönchen von Tegernsee
wurde empfohlen
(von Nikolaus von Kues)
ein Bild an der Wand
zu befestigen eines
„Alles-Sehenden“
aus dessen Blick gerät man
nur wenn man ihn flieht
so doch vollkommener noch
wirkt Gottes Sehen
von welchem Cusanus sagt:
„Und da dein Sehen
dein Sein ist bin ich also
weil du mich anschaust“
dieses Gesehen-Werden
scheint mir doch etwas
ganz anderes zu sein als
die Allgegenwart
der Kameras mit denen
man uns überwacht
und zu beschützen vorgibt
unsere Blöße
wird observiert doch niemand
nimmt Anteil es sagt
keiner dass wir gemeint sind
preisgegeben der
Sichtbarkeit wird uns jede
Art Einsicht verwehrt
 
  Geldwechsler Zöllner sind wir
sitzen in dunklen
Hinterhöfen und meinen
es käme einer
die Tür aufzustoßen und
riefe: Kommt mit mir!
[18800] ach wir tumben Irrläufer
der Evolution
besser wäre wir gingen
freiwillig nochmals
zurück ganz an den Anfang
 
Caravaggio: La vocazione di San Matteo.

 

18806: Buch Jesus Sirach 5,13.


18808: „… die versunken ächzende Stummheit der Fische.“ Hugo Ball, Byzantinisches Christentum, Zürich 1958, S. 215f.
 
sprachlos geworden
(nämlich des Menschen Zunge
ist sein Untergang)
übten wir die ächzende
Stummheit der Fische
das Zuhören wenn einer
immer und immer
wieder dasselbe sagt bis
aus dem Innern der
unverständlichen Laute
ein erstes Schimmern
herauszusickern beginnt
Lichtpartikel die
in unserem Gedächtnis
längst Vergessenes
aufglimmen lassen erste
Gegenstände die
lautlos und unbenannt noch
von der Dämmerung
sich abstoßen um an uns
vorbeizuschaukeln
bevor sie aus dem Blickfeld
wieder verschwinden
oder in die randlose
Tiefe abtauchen
wie Fische deren Bäuche
aufblitzen im Licht
   
18832-18836: Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, Zürich 1992, S. 58 (24.10.1915): „Was nützt es mir, dass ich mich fallen lasse? Ich werde ja doch nicht so sehr den Kopf verlieren, dass ich nicht fallend die Fallgesetze studiere.“
 
jetzt sich fallen lassen im
Stürzen entstünde
eine Art des Verstehens
die (ohne dass man
das Fallgesetz überprüft)
Zunge und Lippen
in Bewegung versetzt so
dass im Atem die
Wörter mitschwimmen können
   
18842-18848: Augustinus spricht im Zusammenhang mit seinen Erläuterungen über das Gedächtnis von diesem als dem "Magen der Seele" ("memoria quais venter est animi"), bringt den Vergleich mit dem Wiederkäuen („sicut de ventre cibus ruminando“) und erwähnt den „Mund des Denkens“ („ore cogitationis“). In: ders., Confessiones, X, 14. und sozusagen
aufsteigen aus dem Dunkel
des Gedächtnisses
das doch quasi venter est
animi es steigt
das Erinnern und mit ihm
die Sprache aus dem
Magen der Seele hinauf
zum Mund dieser Text
[18850] wäre nichts anderes als
ein Wiederkäuen
lange gründlich bedächtig
ein Vorgang den man
nicht ungestraft unterbricht
denn er verhindert
die Ermüdung des Denkens
das sich gegen den
Trauerdruck stemmt der entsteht
wenn ich entlang der
Wirklichkeit wachbleiben soll
   
  manchmal fürchte ich
diese Sätze könnten als
Raubgut eingestuft
bald zurückverlangt werden
Wörter sind Gaben
und im Kreis auszutauschen
 
Raubkunst in einer Kirche
18865-18868: „Wenn der Einsichtige ein weises Wort hört, lobt er es und fügt ein weiteres hinzu.“ Buch Jesus Sirach 21,15.
S. auch Hugo Ball, Flucht aus der Zeit, Zürich 1992, S. 156: „... wo jedes Ding nur das andere durchleuchtet und durchlichtet, und wo es gleichgültig scheint, was ausgesagt wird; ....“
jedes einzelne
wirft Licht auf ein anderes
mit der Zeit müsste
ein breit geflochtener Ring
entstehen dessen
Helligkeit stetig zunimmt
bis alles gesagt
ist was gesagt werden kann
anzunehmen ist
dass es auch Schreibende braucht
die festhalten was
nicht wiederholt werden muss
   
  wobei mit Kindern
zu rechnen ist die lächelnd
wertvolle Seiten
zerknüllen so dass der Text
unleserlich wird
das heißt es gilt beharrlich
einiges nochmals
zu sagen und stets wieder
neu aufzuschreiben
möglicherweise ist es
notwendig dieses
 
Roger van der Weyden
(Detail)
18890: „... es gibt ein Finden zum Verlust.“
a.a.O. 20,9.
Finden das zum Verlust wird
und dass jemand die
gesetzten Zeichen auslöscht
damit sich deutlich
der Unterschied zeigt zwischen
Dingen und Wörtern
eine Lücke müsste sich
auftun für einen
Augenblick zwischen dem Licht
und dem Schatten (der
[18900] nie sich verspätet wenn er
Helles begleitet)
   
18905-18921: Vgl. die Rede der Weisheit im Buch Jesus Sirach 24,13-20. Die aufgeführten Duftstoffe und Räucherharze werden in der Bibel und in der antiken Literatur immer wieder erwähnt. durch diese Lücke wäre
ein Blick zu werfen
hinüber zum Gebirge
zum Hermon zu den
Zypressen den Zedern und
hinunter in die
Oase von Engendi
mit ihren Palmen
ins weitverzweigte Astwerk
der Terebinthe
von Mamre nicht zu reden
von den Düften des
Apalathus vom Balsam
der Myrrhe und dem
harzigen scharfen Milchsaft
Galbanum an mich
denken sagt die Weisheit ist
süßer als Honig
und besser als Honigseim
mich zu besitzen
es gab also Zeiten da
man von der Weisheit
von Gott und der Geliebten
ohne Bedenken
sprach mit denselben Worten
im Wissen darum
dass mit Worten weder Gott
noch die Geliebte
je erreicht werden kann doch
führt solches Reden
die Gefühle zumindest
in ihre Nähe
keine einzige von den
wichtigen Fragen
ist mir zu beantworten
bis jetzt gelungen
schon das Stellen von Fragen
überfordert und
verwirrt mich ich würde es
vorziehen wenn mir
die Antworten zufielen
ohne sie vorher
mit schwachsinnigen Fragen
quälen zu müssen
jedoch dies kümmert weder
Frage noch Antwort
und auch mich beunruhigt
sie nicht mehr diese
[18950] Konstellation die sprachlich
unausgewogen
und unbefriedigend bleibt
wie anderes auch
jedes so scheint es Streben
nach Übereinkunft
wird hintertrieben schließlich
lehnt alles sich auf
eine sinnvolle Übung
für das Denken und
vielleicht auch für die Seele
elend jedoch für
den sterblichen Leib der weiß
was ihm zuteil wird:
   
18964: Buch Jesus Sirach 10,11: „Stirbt der Mensch, was wird ihm zuteil: Maden, Geschmeiß und Gewürm.“
18965-18977: Stellen aus Psalm 6 und 22.
„Maden Geschmeiß und Gewürm“
deshalb klagt David:
sein Gebein sei verstört und
wie Wachs zerflossen
sein Herz in der Brust trocken
wie eine Scherbe
die Kehle und die Zunge
am Gaumen klebend
er erinnert Gott daran
dass im Totenreich
keiner seiner gedenkt und
ihn dort keiner preist
jede Nacht überschwemmt er
mit Tränen sein Bett
eine notwendige Not
treibt die Wörter in
seine Sätze hinein mit
einer Bedrängnis
beim Hören die an diese
Wirklichkeit anschließt
der man ausweichen möchte
was nie gelingt denn
   
18986: Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, Zürich 1992, S. 171 (24.06.1917).

18988-18994: Vgl. das im Jahr 2000 begonnene Projekt „I’m not alone“ unter www.franzdodel.ch.

„wo soll man sich aufhalten
wenn nicht auf der Welt“
ich weiß nicht: ist es sinnvoll
unbeirrt täglich
an die Toten zu denken
und ob die Namen
aufzurufen derer die
hier sind und leben
eine Art Gleichgewicht schafft
   
18995-19000: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Fugitive, Paris 1954, S. 508: „L’idée qu’on mourra est plus cruelle que mourir, mais moins que l’idée qu’un autre est mort  ...“ der Gedanke dass
man sterben wird ist vielleicht
grausamer als das
Sterben selbst aber doch nicht
so grausam wie der
dass andere schon tot sind
   
       
 

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09.12.2011