| Nicht bei Trost.
Mikrologien Z.18001 - 19000 Index / Anmerkungen / Kommentar |
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„Wer also etwas nicht versteht, darf die
Aufklärung am sichersten erwarten, wenn er mutig weiterliest. Der Grund
für diese ... Regel steckt darin, dass Denken und Schreiben nicht eins
sind. Im Denken schlägt wirklich ein Schlag tausend Verbindungen; im
Schreiben müssen diese tausend säuberlich auf die Schnur von Tausenden
Zeilen gereiht werden." Franz Rosenzweig, Zweistromland. Kleinere Schriften zu Glauben und Denken , Dordrecht 1984. |
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es bleibt wenig Zeit nochmals versuch ich einen Anfang zu finden und die Fortsetzung dazu diese dazwischen liegende Lücke gilt es zu beschreiben wie das eine ins andere hinüber findet ich meinte einem Faden folgen zu können doch es sind Sprünge über Nebelstreifen und unbegründete Tiefen unheimlich wie sich eines ans andere knüpft |
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| 18017-18028: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le temps retrouvé, Paris 1954, S. 911: „En réalité, chaque lecteur est, quand il lit, le propre lecteur de soi-même. L’ouvrage de l’écrivain n’est qu’une espèce d’instrument optique qu’il offre au lecteur afin de lui permettre de discerner ce que, sans ce livre, il n’eût peut-être pas vu en soi-même.“ |
es gilt weiterhin Linsen zu schleifen diese hintereinander zu reihen und dem Leser anzubieten als ein optisches Instrument dieser Text möchte eine Art Sehhilfe sein etwas wird sichtbar was man bis jetzt so nicht sah wobei der Leser stets Leser bleibt seiner selbst und so wiederum etwas sieht was anderen zu zeigen sich lohnt |
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| 18032-18048: Der Distelfink in der Hand des Jesuskindes wird in der christlichen Symbolik einerseits als gerettete Seele des Gläubigen gedeutet, andererseits verweist seine Vorliebe für Disteln auf die Passion Christi. Vgl. Bernardo Daddi: Triptychon (1335/1340); Tempera auf Pappelholz, rechter Flügel: Maria mit dem Kind in der Wiege (Madonna della culla). |
mir hat kürzlich der Maler Bernardo Daddi von einem Vogel erzählt ein kleiner Vogel mit rotem Köpfchen war es in der Hand eines Kindes das hinaufschaut um den scheuen Vogel seiner Mutter zu zeigen das ist lange her seit Daddi diese Szene malte länger noch seit das Bild Wirklichkeit war ein Kind ein Vogel eine Mutter mehr braucht es nicht damit das Gefühl sich einstellt eines Verlusts |
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| 18049-18060: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 11: „Da nun das Ich unablässig eine große Zahl von Dingen denkt und selbst nur das Denken dieser Dinge ist, trifft es, wenn es zufällig, anstatt Dinge vor sich zu haben, plötzlich an sich selbst denkt, nur auf eine leere Apparatur, etwas, was es nicht kennt …“ |
eines Entschwindens [18050] das der Dinge Gesamtheit in seinen Sog zieht was bleibt weil es sich vielleicht irgendwo festhält scheint jedoch schon jenseitig der Dinghaftigkeit leere Stellen erinnern an alles was sich einst hier herumtrieb und sich angefreundet hat mit einem mir fremden Ich ich muss mich wieder anlocken lassen von der |
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| 18061-18069: Vgl. Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen 1919-1924, hg. von Walter Kugler, Köln 1999, S. 125: „Die Erde lockt gewissermaßen den Menschen zur Wiederverkörperung herein, indem sie die Ausstrahlung der Schmetterlingskorona und die Strahlung der Vogelkorona hinausschickt in den Weltraum.“ |
Vogelkorona die sich aus Flügelschlägen bildet seit vielen Millionen von Jahren ein unsichtbarer vibrierender Gürtel weit draußen im Weltall locker geflochten dem Sturz hinunter in die baumlose Steppe wird nichts entgegengesetzt mit hochgeklapptem Visier lausche ich auf das Heranrauschen der Schwerkraft ein Ton umkreist mich stumpf und dicht wie ein Nebel kein einziges Wort kommt mir in den Sinn nur ein Erinnern an nichts zeigt mir an dass ich da bin |
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| 18083-18088: Stellen aus: Ralph Dutli, Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters, Göttingen 2010, S. 30-32. |
ein Lerchenfalke fächelt mir Luft zu ich bin aus Kreide ein Mönch noch fehlt mir nichts vorsorglich rufe ich Gott an „te rogamus audi nos“ aus der Einöde schweben mir grosse Früchte lautlos entgegen birnenförmige Quitten grobgerippt und mit pelzig wolligem Anflug duftend nach Äpfeln Zitronen und vielleicht nach Landstrichen am Meer steinhart und bitter das Fleisch möglicherweise [18100] sind es Schmetterlinge die übergewichtig und zu träge zum Flattern mich überfliegen |
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| 18105-18108: Giorgio Agamben, Nacktheiten, Frankfurt a. M. 2010, S. 20: „Deshalb heißt es, dass die höchste Erkenntnis jene ist, die zu spät kommt, die erst kommt, wenn sie uns nicht mehr nutzt.“ |
auch ohne mich zu rühren und ohne den Text zu behindern komme ich immer zu spät was mir klar wird nützt mir nichts mehr ohne Zuversicht das sich eines aus einem andern ergäbe überrascht mich jederzeit auch das Geringste aber auch dies: wie kommt es dass Lebendiges für immer aufhört zu sein |
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| 18117-18131: Vgl. dazu: Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 16. Januar 1922: „Diese ganze Literatur ist Ansturm gegen die Grenze …“ |
das beharrliche Hintereinandersetzen von Wörtern bildet ein Gehege und zugleich ist es ein Ansturm gegen jede Art Grenzen gegen die Grenze die quer durch mich hindurchläuft ein Unterfangen das einzig im Erinnern Spuren hinterlässt wenig Druckerschwärze bleibt auf blassem Papier ein winziges Mahnmal aus vergänglichem Stoff länger bleiben die kleinen Luftwirbel die sich fortsetzen bis an den Rand tropischer Stürme die meine schreibende Hand hervorruft aufrührt (Luft schnell weggestoßen und wieder einströmend in den Raum den Hand und Stift nicht mehr besetzen) dieser Text müsste also lesbar bleiben noch im stratosphärischen Wind |
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18145-18160: Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 1. Januar
1922: „Mit primitivem Blick gesehen ist die eigentliche,
unwidersprechliche, durch nichts von außerhalb (Martyrium, Opferung für
einen Menschen) gestörte Wahrheit nur der körperliche Schmerz." – Ders.,
In der Strafkolonie: „Kein Misston störte die Arbeit der Maschine. Manche sahen
nun gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand; alle
wussten: Jetzt geschieht Gerechtigkeit.“ - Vgl. auch: The word made
flesh. Literary tattoos from bookworms worldwide, New York 2010. |
und angenommen dieses Bewegen der Hand riefe heftigen körperlichen Schmerz hervor läge in diesem Schmerz nicht eine Wahrheit die [18151] unwidersprechlich sich zeigt vielleicht in der Schrift und später im Text wie aber wenn das Leiden ausginge vom Text der den Leib foltert und quält von einer Schrift die sich einschreibt in unser Fleisch (kein Misston stört und ohne zu schauen meinen alle zu wissen: Jetzt geschieht Gerechtigkeit) |
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18163-18175 [Bild]: Weltrundschau 1963. Kilchberg/ZH
1964, S. 48. Text: „4. März. Die Tierwelt hatte unter dem langen Winter
schwer zu leiden. Dieser Fuchs, der sich auf der Jagd zu weit vom Festland
weggetraut hatte und auf einer Eisscholle vor der Insel Havering
angetrieben wurde, musste erschossen werden. Das halbverhungerte Tier
hatte aus Scheu vor den Menschen alle Rettungsversuche vereitelt.“
18176: Cicero, Orationes. In Verrem, 2, 3,
165: „tupis
enim est et periculosa confessio.“ |
ich frage mich was mich standhalten lässt dem Blick dieses Fuchses der mich anschaut (aus einem Bild) der halbverhungert zitternd dasteht und wegtreibt auf der Eisscholle die kleiner und kleiner wird bürgt auch dieser Schmerz ausgelöst von einem Bild für eine Wahrheit oder sind Bilder doch nur optische Fallen turpis periculosa wie ein Geständnis irreführend wie das Wort „Elfenbeinschwarz“ was mögen Elefanten sich vorstellen dabei wenn sie dieses Wort hören das ein Pigment meint verbrannte Knochen Kohle die ihre Leuchtkraft zurückhält schwarz bleibt im Bild damit Licht umso heller im Dunkeln aufscheint |
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| 18189: viaticum = Wegzehrung, Reisegeld; [kirchlich:] Sterbesakrament. |
ein Viaticum ein Dunkelheitsspeicher sind unsere Knochen ein Notvorrat mit dem wir das Licht unterwegs wieder anlocken könnten |
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| 18195-18197: Aus dem Gedicht-Zyklus Den Weg aller Welt von Anna Achmatowa: „Er stürzte herunter / Die Strickleiter, machte / Gelassen die Runde / Durchs einsame Haus …“ |
wenn die Strickleiter gelassen ihre Runde macht durchs einsame Haus draußen die schlanken Birken sie halten sich fest [18200] an den letzten flammenden Blättern im Wipfel jahreszeitlich begünstigt lass ich mich sinken ins stille Baumwurzelwerk einen Winter lang bleib ich dort unten lausche auf die Geräusche der Untergrundbahn wenn die Türen aufschnellen und zuschlagen es nochmals sehen das Gesicht am Fenster bevor es für immer verschwindet |
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| 18215-18224: Giorgio Agamben, Nacktheiten, Frankfurt a. M. 2010, S. 189: „Auf welche Weise wir etwas nicht wissen, ist nicht weniger wichtig als unsere Erkenntnisweise.“ |
in der Stille die eintritt wird am Katalog weiter gearbeitet der alles verzeichnet was ich nicht weiß und was ich auch nie wissen will es wird alles beschrieben was von Anfang an dem Vergessen anheimfällt festgehalten was auch künftig unbedacht bleibt möglicherweise treibt der Frühling mich wieder hinauf und zurück an die Oberfläche wo |
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das Nicht-Wissen sich streckt und verdreht ein Seil wird auf dem ich tanze ohne vorwärts zu kommen schwankend im Stillstand und das ist ein Vergnügen ich stehe sicher |
![]() Peter Gysi: Seiltänzer, 2009 |
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18236-18240: Zitat aus: Heiner Müller: Der Horatier (1968).
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„aber die Wörter fallen in das Getriebe der Welt uneinholbar [und] kenntlich machend die Dinge oder unkenntlich“ da sind sie wieder die „Dinge“ (die bei Stifter glimmen im Dunkeln) die sich Wörtern verweigern obwohl sie doch nur in unserem Sprechen ins Helle geraten und auf unserem Atem schwimmend in den Leib [18250] einströmen der uns allen gemeinsam gehört in den Luftleib in welchem Meteoriten und Kometen verglühen den ich aufwirble in meinem Innern in den Bläschen der Lunge hier bleibe ich durchlässig wie nirgendwo sonst vielleicht dass hier das Formen der Wörter beginnt die weit draußen irgendwo wieder zerfallen es bleibt nichts als das Mahlen des Wortwerks als ein Werk der Erlösung von nichts |
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18267-18269: In der rabbinischen Literatur wird der Begriff
Bath-Kol („Tochter der Stimme“) verwendet für die hörbare Stimme Gottes,
die jedoch nur ein Widerhall der eigentlichen Gottesstimme ist, und auch
nicht mehr dem unmittelbaren prophetischen Wort entspricht.
18273-18275: Evangelium nach Johannes 1,1 – Eric Voegelin, Realitätsfinsternis, Berlin 2010, S. 78: „Philosophie im klassischen Sinne – die erotische Spannung auf die Weisheit hin, die Gott ist – .....“ |
eine Stimme wird als Widerhall laut einer anderen Stimme Dinge werden beleuchtet und zugleich legt sich ein erster Schatten auf sie diese Spannung hin auf die Weisheit entsteht die einmal Gott selbst war die Berührung durch Wörter die sich entziehen schafft eine Stille die mich an eine Wahrheit erinnert die kommt und die vielleicht schon da ist die den Geschmack hat jenes zweifachen Jas das die Vermutung bestätigt es sei doch „esse melius quam non esse“ es sei also gut dass etwas ist und nicht nichts dass jemand hier sei der spricht dass ein Stürzender innehält und den Zweifel beatmet dem das |
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18293-18296: William Shakespeare, Macbeth, 5.Akt, 5.
Szene (Macbeth:) „Out, out, brief candle! / Life's but a walking shadow, a
poor player / That struts and frets his hour upon the stage / And then is
heard no more: it is a tale / Told by an idiot, full of sound and fury, /
Signifying nothing.“ 18298: Ralph Dutli,
Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters, Göttingen 2010, S. 60. |
Leben „eine Mär aus einem Tölpelmund ist voll von Getön und Toben und nichts bedeutet“ einer behauptet „je versefie en dormant“ doch nur wenigen [18300] gelingt das Dichten im Schlaf an den prekären Grenzen des Mitteilbaren herrscht unruhige Schlaflosigkeit und Husten unterbricht ständig das gleichmäßige Atmen nur widerspenstig legt sich der Text auf das Blatt trotz Widrigkeiten und Mühe versuche ich freundlich zu bleiben |
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zu dem feisten Koloss der mir im Nacken sitzt mit dem Gewicht von dem was noch zu verzeichnen und dieser Neuordnung hier einzufügen ist ein Unterfangen das zum Scheitern verurteilt mich veranlasst heute am |
![]() Goya: Der Koloss |
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18321: Die katholische Kirche feiert am 8. Dezember das
Marienfest „immaculata conceptio“. 18327: Vgl. die Zeile aus dem Salve Regina: „Ad te clamamus, exsules filii Evae“. |
achten Dezember mir vorzustellen auch ich würde mitsingen (versuchsweise nur) bei dem Salve Regina und ich wäre immer noch eines von Evas vielen verbannten Kindern mein Blick verliert sich |
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im bunten Gewand einer schwarzen Madonna im weit ausgebreiteten Garten filigran gestickt auf wertvolles Tuch hinter dem Gesang wo der Garten aufhört wo das Dickicht beginnt |
![]() Manteau de la Vierge. Italien, Mitte 18. Jh. |
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| 18340 u. 18358: Zu den Schwirrhölzern vgl. z. Bsp. Paul Wirz, Die Marind-anim von Holländisch-Süd-Neu-Guinea, 2. Bd., Teil 3: Das soziale Leben der Marind-anim, Hamburg 1925, S. 44-46. |
höre ich deutlich das An- und Abschwellen der sirrenden Schwirrhölzer ihr wirbelndes Brummen legt sich unter den Cantus leichteste Dünung zieht durch die Lagune ruft Unruhe hervor in der Caldera dieses Vibrieren legt sich mir wie ein Schleier auf den Film meiner Tränen [18350] so dass die krumme Hornhaut sich langsam entspannt und ich sehe diesen Satz vor mir als Schriftband: |
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| 18354-18357: Eric Voegelin, Weisheit und die Magie des Extrems: eine Meditation. In: ders., Mysterium, Mythos und Magie. Wien 2006, S. 40. |
„wenn die Lebenden tot sind haben die Toten die leben niemanden mehr der ihnen zuhört“ und die Schwirrhölzer kreisen rasend um sich selbst wiederholen beharrlich in einer Sprache die mir fremd ist diesen Satz von den Lebenden die tot sind und den Toten die leben wartend auf dass jemand sie höre |
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18367: Mischna-Traktat Avot (mAv): „O ihr Weisen
seid vorsichtig mit den Worten, denn ihr könntet ... verbannt werden an
einen Ort schlechten Wassers ....(1,11).“ 18369: „Jene religiöse Erhebung und die Heiligung des empirischen Daseins, der Sabbath der Welt, ist verschwunden, und das Leben ein gemeiner, unheiliger Werkeltag geworden.“ J. Hoffmeister, Dokumente zu Hegels Entwicklung, S. 323. 18372-18375: Mischna-Traktat Avot (mAv): “Mein ganzes Leben habe ich verbracht unter den Weisen und fand nichts besser für den Sterblichen als das Schweigen (1,17).“ |
nein dieser Ort hier ist kein Ort schlechten Wassers noch kein „gemeiner unheiliger Werkeltag“ würgt hier das Leben Schim‛on ben Gamaliel sagt: für den Menschen lasse sich nichts Besseres finden als Schweigen eine Bemerkung die nicht auf das Verstummen sondern aufs Hören abzielt das der Möglichkeit Wörter Sätze zu bilden vorausgeht und das der Stille wenn sie eintritt noch lange standhält in der sich ausbreitenden Lautlosigkeit wird dieser Text mir ein Trost sein auf seinem schmalen trotz Windstille flatternden Band wird er nochmals an mir vorbeiziehen als gezeichnete Welt scribere necesse est vivere non est mein Confabulator nickt mir zu und ich weiß das leiser gewordene Gespräch bricht nicht ab dieses Gespräch das einem Stein gleicht im Flug der [18400] nichts im Sinn hat als sich der Erde zu nähern bis sein Gewicht sich schließlich irgendwo festhält und er ein wenig verweilt |
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18408-18410: Eric Voegelin, Mysterium, Mythos und Magie,
hg. von Peter J. Opitz, Wien 2006, S. 90: „Die Praxis der Philosophie im
sokratisch-platonischen Sinne ist das Äquivalent zur christlichen
Heiligung des Menschen, sie ist das Wachsen des Bildes von Gott im
Menschen.“ 181414-18423: Vgl. das Gedicht Because von R.S. Thomas: „... the way the world / digest itself and the thin flame / scours ... That is what / life is, and on it your eye / sets tearless, and the dark / is dear to you as the light.“ In: ders., Mit Fängen aus Feuer. Gedichte, Denklingen 2010, S. 18f. Reinhold Schneider, Winter in Wien. Aus meinen Notizbüchern 1957/58, Freiburg 1958, S. 127: „Was ist die Mitte des Wirbels? Keineswegs das Nichts. Die Welt verzehrt sich selbst.“ |
ein Zustand der sich eignet um nachzudenken sich zu besinnen in früheren Zeiten wuchs so das Bild Gottes im Menschen der sich zwischen Anruf und Antwort wusste beides hielt er für möglich und wirklich jetzt aber zwingen wir Gott zuzusehen wie die dünne Flamme scheuert die blinden Hände der Alten das Sonnenlicht müde durchkämmen nach Mitleid während die Welt sich selber verdaut ob IHM wirklich das Dunkel lieb ist wie das Licht mich tröstet dass dieser Text nur Vorläufiges bereit zu stellen vermag so fordert er auf zu neuer Lektüre und zur Fortsetzung in jede mögliche Richtung |
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| 18435-18448: Vgl. Roland Barthes, Cy Twombly oder Non multa sed multum: „... dass das Wesen der Schrift weder in einer Form noch in einer Verwendung liegt, sondern bloß in der Geste, die sie hervorbringt ....“ In: ders., Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, Frankfurt a. M. 1990, S. 165-183; hier S. 166. |
ich fülle ihn ab in Gefäße deren Form das Fassen als auch das Weggießen begünstigt das Wesen dieses endlosen Textes zeigt sich weder in der Form noch in seiner Verwendung es ist die Geste der Unzumutbarkeit die ihn vorantreibt die Mattheit der Nicht-Übersicht die er zurücklässt und die Sorglosigkeit mit der man sich schließlich abwendet von ihm nur so lässt sich Leichtigkeit anlocken vielleicht auch Licht |
![]() Francisco de Zurbarán, Stillleben mit Vasen (1636) |
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18449: Hugo von St. Victor, Didascalicon, 6, 5 (PL
176, 805C): „omnis natura rationem parit, et nihil in universitate
infecundum est.“ („Alle Natur ist sinnträchtig, und nichts in der Welt ist
unfruchtbar.“) 18452: lucubratiuncula (lat.):
kleine Nachtarbeit bei Kerzenlicht. |
denn in dieser Welt [18450] kann nichts bedeutungslos sein Gedankensplitter (lucunbratiunculae) vom Kerzenlicht nachts nur kurz und dürftig erhellt sammeln Wörter weil Wörter fester wohnen auf der leichten Zunge als deren Sinn im Gehirn nicht aus Gedanken sei der Mensch gemacht heißt es sondern aus Worten in denen das Denken sich niederlässt später ohne heimisch zu werden zu viele Zungen reden stets durcheinander doch es genügt nicht davon zu reden damit etwas sich zeige wie auch das Lesen nicht vom Schauen entbindet |
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18473-18476: Buch Daniel 10,16: „Und sieh, einer,
der einem Menschen ähnlich war, berührte meine Lippen, und ich öffnete
meinen Mund, und ich redete und sprach ...“ 18480-18483: Buch Sacharja 11,2: „Wehklagt, ihr Eichen des Baschan, denn der unzugängliche Wald ist zu Boden gegangen.“ 18484-18486: Friedrich Nietzsche, Fröhliche Wissenschaften, Aphorismus 125. |
man müsste warten können auf das Erscheinen eines Menschen der bevor wir den Mund öffnen unsere Lippen berührt damit das Fragen stark bleibt auch wenn es sich der Antwort nicht nähert ob die Eichen von Baschan noch klagen dass der undurchdringliche Wald zu Boden sinkt und wir „stürzen wir nicht fortwährend und rückwärts seitwärts vorwärts nach allen Seiten“ |
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18487-18491: Augustinus, Confessiones XI, 11: „Wer
wird es [das Herz] festhalten, dass es ein wenig stehen bleibe und ein
wenig erfasse vom Glanz der allzeit feststehenden Ewigkeit.“
18492-18494: Blaise Pascal: "... j'ai dit souvent que tout
le malheure des hommes vient de ne savoir pas demeurer en repos dans une
chambre." In: ders., Pensées, Nr. 128. 18502: Der Begriff „Taumelschale“ kommt vor im Buch Sacharja 12,2 und im Buch Jesaja 51,22. |
wer wird unser Herz festhalten und zur Ruhe bringen damit es ein wenig erfasse vom Glanz der Ewigkeit es lohnt sich zu warten und ruhig im Zimmer zu bleiben hoffend jemand komme den man liebt das tat auch Proust und plötzlich hatte er eine jener in den Strahlen der Sonne zerstäubten [18500] Substanzen eingeatmet ein Quäntchen Lichtstaub reicht und die Taumelschale gerät für einen Augenblick ins Gleichgewicht und man meint Wurzeln schlagen zu können wie die schnellwachsenden und durstigen Pappeln deren zitternde Blätter Widerstand leisten dem Wind in kleinste Wirbel fächert das Laubwerk ihn auf schließlich legt er sich kraftlos in seinen Schatten um neuen Anlauf zu nehmen und abzudriften hinunter zum See dessen Spiegel er kräuselt und später aufwühlt |
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18521-18523: Augustinus, Confessiones, VII, 1,1: „Ich
bezweifle nicht, dass etwas, was keinem Wandel unterliegt, besser sei als
etwas, was dem Wandel unterliegt.“ 18526-18529: Eric Voegelin, Realitätsfinsternis, Berlin 2010, S. 57: „Der Denker, der den Gedanken denkt, er sei ein Selbst, hat die Durchsichtigkeit und mit der Durchsichtigkeit die Identität seiner Existenz als Mensch verloren.“ 18530-18533:
Augustinus, Confessiones, X, 8,13: „Ich unterscheide den Duft der
Lilie von dem des Veilchens, obgleich ich nichts davon rieche, und ziehe
in bloßer Erinnerung, nichts schmeckend oder befühlend, Honig dem Most,
das Glatte dem Rauen vor.“ |
nichts bleibt geordnet wer meint Unwandelbares sei grundsätzlich besser als das was sich wandelt (Ruhe besser als Taumel) täuscht sich vermutlich ich weigere mich ein Selbst zu entwerfen ein weiteres Ich das jede Durchsichtigkeit löscht so dass ich Most und Honig nicht mehr vermöchte zu unterscheiden oder Glattes von Rauem ja es müsste mein Denken aufschreien lautlos aber deutlich mit Worten das Nicht-Verstehen immer wieder und ohne vorwärts zu drängen artikulieren bis dass einfache Sätze sich in Bilder verwandeln (ein Satz wie dieser: „nothing is lighter than light“ behauptet das Licht sei sowohl schwer als auch leicht jenes Bild jedoch das diesen Sachverhalt zeigt ist einfach und klar) |
![]() Markus Raetz: nothing is lighter than light |
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| 18556-18559: Marcel Mauss, Die Gabe. Frankfurt a. M. 1990, S. 165: „So gibt es in der ganzen menschlichen Entwicklung nur eine Weisheit ...: wir sollten aus uns herausgehen, Gaben geben, freiwillig und obligatorisch, denn darin liegt kein Risiko.“ |
[18550]
diese hier vorliegende endlose Reihung von Sätzen und Bildern bleibt ziellos und führt zu keiner Annäherung an etwas Entferntes es geht um die Bewegung des Hinausgehens den Versuch eine Gabe einander zu sein die vielleicht nicht ankommt doch |
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18561-18564: William Blake, There is No Natural Religion:
„Reason or the ratio of all we have already known, is not the same that it
shall be when we know more.“ („Vernunft oder die Ratio all dessen, wovon
wir wissen, ist nicht dieselbe, die sie sein wird, wenn wir mehr wissen.“)
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das Werkzeug mit dem mein Wissen hantiert wird nicht mehr dasselbe sein wenn ich vielleicht einst mehr weiß eine seltsame Hobelbank ist dieser Text der eine Zeit lang teilhat an einem Gespräch das ohne Anfang unbeendbar sich fortsetzt sozusagen als ein vor sich hinträllernder Rhythmus der Erde |
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18574: „Weltmaschine“ (in positivem Sinne) s. z.Bsp.
Nikolaus von Kues, De docta ignorantia (Buch 2, Kp. 11 u. 12); Lukrez,
De rerum natura, V, 96. 18577-18588: Herodot, Historien, VII, 31: „Xerxes, der diese Strasse zog, fand hier eine Platane, die er ihrer Schönheit wegen mit goldenem Schmuck beschenkte ...“ – 18581-18584: „Nie war der Schatten eines teuren, lieblichen Gewächses angenehmer.“ Die Vertonung des italienischen Textes durch Giovanni Bononcini in Xerse (1694 ) wurde Vorbild für Händels berühmte Arie „Ombra mai fu“ in der Oper Serse von 1738.
18589-18595: Eine Platane stand unter andern Bäumen auch in dem üppigen
Rasen, auf welchen Orpheus Bäume und Tiere herbeisang. (Ovid, Metamorphosen
10, 86-144). |
der Weltmaschine deren einstiger Wohlklang unser Ohr kaum noch erreicht es sei denn man liegt (wie einst Xerxes) im Schatten unter den zarten Blättern einer Platane „ombra mai fu di vegetabile cara ed amabile soave più“ bei dieser Melodie löst sich sachte die Borke vom Stamm dieses heiteren festlich geschmückten Baumes nie wird der Schatten kühler weicher gestimmt sein als in dem Garten in dem sich die Bäume die Tiere der Wildnis und Scharen von Vögeln um Orpheus versammelt vielleicht war auch ich … doch wie kommt es dass ich jetzt in den Innenräumen der Dunkelheit bin [18600] in deren zarten Färbung ich mich verliere |
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| 18602-18607: Augustinus, Confessiones, X, 8,14. |
wiederfinde in dieser Falte der Seele wo die Bilder lagern als Erinnerungsschatz ohne den mir das Sprechen kaum je gelänge |
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| 18608-18610: Kungfutse, Gespräche. Lun Yü, Buch XVII, 19: „Wahrlich, redet etwa der Himmel? Die vier Jahreszeiten gehen (ihren Gang), alle Dinge werden erzeugt. Wahrlich, redet etwa der Himmel?“ |
während die Jahreszeiten kommen und gehen schweigt der Himmel beharrlich möglicherweise fällt es ihm schwerer als uns sich zu krümmen sich einwärts zu biegen damit die Dinge merken dass sie gemeint sind ohne diese Zuwendung bleiben sie lichtlos und stumm |
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| 18620-18623: „Die Gewohnheit zu denken legt manchmal das Gefühl für das Wirkliche lahm, macht dagegen immun und lässt es uns nur als etwas Gedachtes erscheinen.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VI: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 278. |
sie entziehen sich auch unserer Gewohnheit zu denken die so oft das Gefühl für ihre Wirklichkeit lahmlegt solches Denken verhandelt mit Helligkeiten die nicht weit genug reichen deren nur mattes Leuchten uns etwas vortäuscht |
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18629-18631: Diese Formulierung verwendet Eric Voegelin
immer wieder in dem Text Realitätsfinsternis, Berlin 2010. 18632-18639: Kungfutse, Gespräche. Lun Yü, Buch VI, 20 u. 21, Düsseldorf 1972, S. 78: „Seiner Pflicht gegen Menschen sich weihen, Dämonen und Götter ehren und ihnen fern bleiben, das mag man Weisheit nennen.“ – „Der Wissende freut sich am Wasser, der Fromme (‚Sittliche’) freut sich am Gebirge. Der Wissende ist bewegt, der Fromme ist ruhig.“ |
(leicht gewöhnt man sich an eine aufrichtige Unaufrichtigkeit) Kungfutse meint es sei gut Geister und Götter zu ehren jedoch nicht sich ihnen zu nähern so kreise ich beharrlich um denselben Ort freue mich am Gebirge wie auch am Wasser ich lege mich vorläufig auf keine Form fest doch meine Antwort auf das was sich zeigt wählt stets dieselbe Gestalt nur so gelingt es vieles zu verbinden mit vielem eine längst nicht mehr wahrnehmbare Harmonie wird mit diesem Text [18650] neu zu erkunden versucht ein Unterfangen am Rand der Vernunft und mit rückläufigem Sinn ein Gefühl bemächtigt sich meiner als ob ich mit jeder Zeile kleiner geringer würde |
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18665-18672: Vgl. Dante, Die Göttliche Komödie (Läuterungsberg, 9. Gesang, 19-33). Die Szene erinnert an den Raub des
Jünglings Ganymed durch Zeus (Ovid, Metamorphosen, 10, 155-160). 18673: Der Begriff „Werkstätte von allem“ („officina omnium“) kommt bei Johannes Scotus Eriugena (9. Jh.) in Periphyseon vor. CCCM Bd. 165, Liber V, 893C. 18674: Nikolaus von Kues, De non aliud. Hier wird „non aliud“ („nichts anderes“) als Gottesbezeichnung eingeführt. |
bis ich in diesem Modell einer offenen weiten Landschaft verschwinde zwischen dem Flackern Blitze sammelnder Stangen mitten im Donnern des wegfließenden Himmels an welchem Dante einst im Traum den Adler sah der herniederbrach schrecklich wie ein Blitz und ihn hoch ins Feuer riss so dass er glaubte zugleich mit ihm zu brennen und er hochfuhr aus dem Schlaf eine Werkstätte von allem nichts anderes möchte ich sein wo |
![]() Walter de Maria: The Lightning field
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18675-18689: Marcel Proust, Essays, Chroniken und andere
Schriften, Frankfurt a. M. 1992, S. 472: „Es geht darum, aus dem
Unbewussten eine Realität zu schöpfen, ... die ... durch das
blosse Licht des Verstandes zerstört würde. ... Es ist etwa dieselbe Art
von umsichtiger, gelehriger, kühner Anstrengung, die jemand nötig hat, der
noch im Schlaf diesen mit dem Verstand untersuchen möchte, ohne durch
solchen Eingriff aufzuwachen.“ Zur Löffel-Stelle: vgl. Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit), S. 256-262. (s. Anmerkung) |
ich den Schlaf untersuche während ich schlafe es gilt etwas ins Helle zu schieben ohne dass es zerstört wird im Licht selten geschieht dass alles wie ein Erinnern gleichzeitig auftaucht so dass man meint aufwachen müsste gelingen vielleicht weil jemand leise unbeabsichtigt mit einem Löffel gegen den Tellerrand schlägt auf dem hellblauen Grund wie gefügig legen Blüten und Blätter sich hin während die letzten Reste von Farbe und Duft hinübergleiten und hinein in die schlichte kurze Melodie die mir nicht aus dem Sinn geht |
![]() Philipp Otto Runge: Scherenschnitt |
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18699-18701: Erstes Buch der Könige 1,1-4: Das
schöne, jungfräuliche Mädchen Abischag wurde zum hochbetagten König David
gebracht, um ihn zu wärmen und zu pflegen. 18702-18705: Du Fu, Gedichte, aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Raffael Keller, Mainz 2009. S. 124. |
es ist als legte [18700] sich Abischag zu mir ins Bett um mich zu wärmen man sagt Blumen und Blätter (vielleicht auch Töne) gehorchten in China dem Willen des Himmels unter diesen Gesetzen könnte doch auch mein vegetatives Leben noch stehen und dies wäre irgendwie tröstlich denn ich gehöre zu den ánthrōpoi also |
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| 18711-18714: Eine der Deutungen des griechischen Wortes für „Mensch“ (ánthrōpos) leitet sich ab von „ánō“ (hinauf) du „trépō“ (sich wenden). |
zu denen die sich nach oben wenden um des Unerreichbaren bleierne Aufmerksamkeit auf sich zu lenken diese Zuversicht ist beim Aufrichten hilfreich |
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| 18720-18728: Vielleicht waren die ersten Wörter solche des Staunens und setzten mit einem Vokal ein, dem der sogenannte Glottisschlag (Kehlkopfverschlusslaut) vorangeht. |
und beim Finden der Wörter die sich einen Weg zu bahnen versuchen durch den Nachtmattenfilz hinauf in den Mundraum mit glottalem Plosiv mit einem kaum hörbaren stimmlosen Knacklaut beginnt ihr Auftritt auf der Bühne auf der auch Gott zu erscheinen beliebt Gott der ursprünglich nichts als Musik war eine Tonfolge im Raum so einfach und klar dass sie mit der Zeit hätte als Modell dienen können für alles und dies tut sie auch meistens ohne dass wir es merken zugleich verhindert sie das Hören von Allem denn beim Hören von Allem gäbe es keinen Nachhall jede Differenz ginge verloren und wir würden im Dasein sogleich verschwinden also wäre Gottes Wort eine Schwundstufe [18750] eines der Lieder das Gott von Sphärenklängen leise begleitet einst sang es wäre damals hören und gehört werden eines gewesen doch reicht unser Erinnern nicht so weit zurück |
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18759: „videre et videri unum sunt“. Diese Formulierung
verwendet u. a. Meister Eckhart (in: Joh., n. 107, Lat. Werke, Bd. III,
92) und Nikolaus von Kues in De visione Dei (Das Sehen Gottes), c.
V und X
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man versucht uns zu trösten: wir würden wenn wir sehen zugleich gesehen dieser Vorgang bleibt schwierig zu überprüfen jedoch es scheint mir unklug zu tun als ob ich unsichtbar wäre |
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| 18766-18786: Nikolaus von Kues: De visione Dei. Im Vorwort erwähnt Kues Bilder (u.a. von Rogier van der Weyden), deren Augen so gemalt sind, dass der Betrachter sich in jeder Position angeschaut sieht. Das Zitat („et cum videre tuum sit esse tuum, ideo ego sum, quia tu me respicis, ...“) ist aus c. 4 (n. 10). Zum Bild s. Anmerkung. |
den Mönchen von Tegernsee wurde empfohlen (von Nikolaus von Kues) ein Bild an der Wand zu befestigen eines „Alles-Sehenden“ aus dessen Blick gerät man nur wenn man ihn flieht so doch vollkommener noch wirkt Gottes Sehen von welchem Cusanus sagt: „Und da dein Sehen dein Sein ist bin ich also weil du mich anschaust“ dieses Gesehen-Werden scheint mir doch etwas ganz anderes zu sein als die Allgegenwart der Kameras mit denen man uns überwacht und zu beschützen vorgibt unsere Blöße wird observiert doch niemand nimmt Anteil es sagt keiner dass wir gemeint sind preisgegeben der Sichtbarkeit wird uns jede Art Einsicht verwehrt |
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Geldwechsler Zöllner sind wir sitzen in dunklen Hinterhöfen und meinen es käme einer die Tür aufzustoßen und riefe: Kommt mit mir! [18800] ach wir tumben Irrläufer der Evolution besser wäre wir gingen freiwillig nochmals zurück ganz an den Anfang |
![]() Caravaggio: La vocazione di San Matteo.
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18806: Buch Jesus Sirach 5,13. 18808: „… die versunken ächzende Stummheit der Fische.“ Hugo Ball, Byzantinisches Christentum, Zürich 1958, S. 215f. |
sprachlos geworden (nämlich des Menschen Zunge ist sein Untergang) übten wir die ächzende Stummheit der Fische das Zuhören wenn einer immer und immer wieder dasselbe sagt bis aus dem Innern der unverständlichen Laute ein erstes Schimmern herauszusickern beginnt Lichtpartikel die in unserem Gedächtnis längst Vergessenes aufglimmen lassen erste Gegenstände die lautlos und unbenannt noch von der Dämmerung sich abstoßen um an uns vorbeizuschaukeln bevor sie aus dem Blickfeld wieder verschwinden oder in die randlose Tiefe abtauchen wie Fische deren Bäuche aufblitzen im Licht |
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18832-18836: Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit,
Zürich 1992, S. 58 (24.10.1915): „Was nützt es mir, dass ich mich fallen
lasse? Ich werde ja doch nicht so sehr den Kopf verlieren, dass ich nicht
fallend die Fallgesetze studiere.“ |
jetzt sich fallen lassen im Stürzen entstünde eine Art des Verstehens die (ohne dass man das Fallgesetz überprüft) Zunge und Lippen in Bewegung versetzt so dass im Atem die Wörter mitschwimmen können |
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| 18842-18848: Augustinus spricht im Zusammenhang mit seinen Erläuterungen über das Gedächtnis von diesem als dem "Magen der Seele" ("memoria quais venter est animi"), bringt den Vergleich mit dem Wiederkäuen („sicut de ventre cibus ruminando“) und erwähnt den „Mund des Denkens“ („ore cogitationis“). In: ders., Confessiones, X, 14. |
und sozusagen aufsteigen aus dem Dunkel des Gedächtnisses das doch quasi venter est animi es steigt das Erinnern und mit ihm die Sprache aus dem Magen der Seele hinauf zum Mund dieser Text [18850] wäre nichts anderes als ein Wiederkäuen lange gründlich bedächtig ein Vorgang den man nicht ungestraft unterbricht denn er verhindert die Ermüdung des Denkens das sich gegen den Trauerdruck stemmt der entsteht wenn ich entlang der Wirklichkeit wachbleiben soll |
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manchmal
fürchte ich diese Sätze könnten als Raubgut eingestuft bald zurückverlangt werden Wörter sind Gaben und im Kreis auszutauschen |
![]() Raubkunst in einer Kirche |
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18865-18868: „Wenn der Einsichtige ein weises Wort hört,
lobt er es und fügt ein weiteres hinzu.“ Buch Jesus Sirach 21,15. S. auch Hugo Ball, Flucht aus der Zeit, Zürich 1992, S. 156: „... wo jedes Ding nur das andere durchleuchtet und durchlichtet, und wo es gleichgültig scheint, was ausgesagt wird; ....“ |
jedes einzelne wirft Licht auf ein anderes mit der Zeit müsste ein breit geflochtener Ring entstehen dessen Helligkeit stetig zunimmt bis alles gesagt ist was gesagt werden kann anzunehmen ist dass es auch Schreibende braucht die festhalten was nicht wiederholt werden muss |
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wobei mit Kindern zu rechnen ist die lächelnd wertvolle Seiten zerknüllen so dass der Text unleserlich wird das heißt es gilt beharrlich einiges nochmals zu sagen und stets wieder neu aufzuschreiben möglicherweise ist es notwendig dieses |
![]() Roger van der Weyden (Detail) |
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18890: „... es gibt ein Finden zum Verlust.“ a.a.O. 20,9. |
Finden das zum Verlust wird und dass jemand die gesetzten Zeichen auslöscht damit sich deutlich der Unterschied zeigt zwischen Dingen und Wörtern eine Lücke müsste sich auftun für einen Augenblick zwischen dem Licht und dem Schatten (der [18900] nie sich verspätet wenn er Helles begleitet) |
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| 18905-18921: Vgl. die Rede der Weisheit im Buch Jesus Sirach 24,13-20. Die aufgeführten Duftstoffe und Räucherharze werden in der Bibel und in der antiken Literatur immer wieder erwähnt. |
durch diese Lücke wäre ein Blick zu werfen hinüber zum Gebirge zum Hermon zu den Zypressen den Zedern und hinunter in die Oase von Engendi mit ihren Palmen ins weitverzweigte Astwerk der Terebinthe von Mamre nicht zu reden von den Düften des Apalathus vom Balsam der Myrrhe und dem harzigen scharfen Milchsaft Galbanum an mich denken sagt die Weisheit ist süßer als Honig und besser als Honigseim mich zu besitzen es gab also Zeiten da man von der Weisheit von Gott und der Geliebten ohne Bedenken sprach mit denselben Worten im Wissen darum dass mit Worten weder Gott noch die Geliebte je erreicht werden kann doch führt solches Reden die Gefühle zumindest in ihre Nähe keine einzige von den wichtigen Fragen ist mir zu beantworten bis jetzt gelungen schon das Stellen von Fragen überfordert und verwirrt mich ich würde es vorziehen wenn mir die Antworten zufielen ohne sie vorher mit schwachsinnigen Fragen quälen zu müssen jedoch dies kümmert weder Frage noch Antwort und auch mich beunruhigt sie nicht mehr diese [18950] Konstellation die sprachlich unausgewogen und unbefriedigend bleibt wie anderes auch jedes so scheint es Streben nach Übereinkunft wird hintertrieben schließlich lehnt alles sich auf eine sinnvolle Übung für das Denken und vielleicht auch für die Seele elend jedoch für den sterblichen Leib der weiß was ihm zuteil wird: |
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18964: Buch Jesus Sirach 10,11: „Stirbt der Mensch,
was wird ihm zuteil: Maden, Geschmeiß und Gewürm.“ 18965-18977: Stellen aus Psalm 6 und 22. |
„Maden Geschmeiß und Gewürm“ deshalb klagt David: sein Gebein sei verstört und wie Wachs zerflossen sein Herz in der Brust trocken wie eine Scherbe die Kehle und die Zunge am Gaumen klebend er erinnert Gott daran dass im Totenreich keiner seiner gedenkt und ihn dort keiner preist jede Nacht überschwemmt er mit Tränen sein Bett eine notwendige Not treibt die Wörter in seine Sätze hinein mit einer Bedrängnis beim Hören die an diese Wirklichkeit anschließt der man ausweichen möchte was nie gelingt denn |
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18986: Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, Zürich
1992, S. 171 (24.06.1917). 18988-18994: Vgl. das im Jahr 2000 begonnene Projekt „I’m not alone“ unter www.franzdodel.ch. |
„wo soll man sich aufhalten wenn nicht auf der Welt“ ich weiß nicht: ist es sinnvoll unbeirrt täglich an die Toten zu denken und ob die Namen aufzurufen derer die hier sind und leben eine Art Gleichgewicht schafft |
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| 18995-19000: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: La Fugitive, Paris 1954, S. 508: „L’idée qu’on mourra est plus cruelle que mourir, mais moins que l’idée qu’un autre est mort ...“ |
der Gedanke dass man sterben wird ist vielleicht grausamer als das Sterben selbst aber doch nicht so grausam wie der dass andere schon tot sind |
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09.12.2011 |