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Nicht bei Trost
(Haiku, endlos)
Z.1001 - 2000
Index / Anmerkungen
/ Kommentar
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das Verstehen ist älter
als das Verstehen
des Nicht-Verstehens in uns
lagert noch immer
das Handwerk mit weichen
Kanten den weiten
Horizont zu ordnen stets
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Hans-Georg
Gadamer: "Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache."
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verstehen wir mehr
als wir zugeben können
stirbt ein Schlafender
wissen wir nicht ob sein Traum
aufhört oder nicht
wer träumt kümmert sich kaum noch
um den Leib im Bett
wer nicht mehr aufwacht sieht sich
nicht mehr veranlasst
Traum und Wirklichkeit künftig
noch zu vergleichen
mittelfristig könnte so
träumen auch Trost sein
sogar bei bedrohlichem
Inhalt solange
ich lebe darf ich hoffen
noch zu erwachen
im Einklang mit der Erde
ist nur mein Gewicht
ich gehe um es stetig
zu verringern nicht
ankommen hab ich im Sinn
eine Melodie
aus wenigen Tönen bringt
das Wässerige
in mir an den Rand dort rafft
eine Bö schläfrig
alles kürzlich Gebuchte
hinweg ich bin nur
Ballast und nichts als Verlust
da draussen im Smog
der Wellen weit ausgespannt
ein Frass den Hackern
denen entgeht nichts auch nicht
das Wenige das
mir noch tönt diese kurze
Melodie ohne
Bedeutung sie entgeht nicht
dem Netz im Blutsturz
der Daten doch verstehen
wortlos wie geht das?
bei aller Sympathie für
[1050] die nonverbalen
Gespräche rein pflanzliches
Nicken das Gurren
der Liebe (bei Mensch und Tier)
man sollte Sprache
die spricht nicht unterschätzen
es lässt sich zeigen
beim Rechtsvortritt im Verkehr
zum Beispiel genügt
ein Satz zur Lösung einer
ziemlich komplexen
Situation: ich kommen
rechts – haben Vortritt
(Verständnisabsicherung:
du kommen rechts – du
haben Vortritt – alles klar?)
so viel zum Beitrag
der Sprache ans Verstehen
innert Sekunden
hat sie das Problem
einer Lösung zugeführt
die genaue Beschreibung
dieses Vorzugs hat
länger gedauert und mit
dem vorliegenden
Text stehen wir vermutlich
noch ganz am Anfang
so wie leider obiges
Beispiel Unfälle
nicht auszuschliessen vermag
Sprache ist Anfang
folgenschwerer vielleicht als
Zu- und Eingriffe
bei den Stammzellen nämlich
nicht vorzustellen
was wäre hätten wir uns
leichtfertig schweigen
angewöhnt uns entschlossen
zum stillen Kriechgang
durch Naturgeschichten als
ob Fleisch es eilig
hätte etwas zu merken
Trauer etwa die
jenseits lagert seiner selbst
und des Trosts bedarf
Liebe die mehr verzaubert
als das eigene
Geschlechtsorgan beim Tun und
Sattsein ist genug
sprachlos bleibt Sorge versperrt
[1100] die ist ja nie nur
die unsrige der Kummer
der Lachse am Wehr
muss uns zwingen zu reden
der unruhige
Schlaf überhaupt der Tiere
auch Menschen haben
oft Müh mit dem Schlaf doch mehr
will ich nicht sagen
zugunsten des geschwächten
Vertrauens in das
humanistische Erbe
auch darüber wurden
Worte gemacht zu viele
ohne zu reden
was bleibt sind spitze Winkel
über dem Flachen
Absichten gute das ist
bestimmt nicht wenig
warum sollte der Wind sich
nicht einmal legen
so dass die Düne nicht mehr
zurückweht ins Meer
und das Rieseln des Sandes
kaum mehr zu hören
im Innern des Eis wo die
Schildkröte wartet
beschäftigt Koordinaten
des Alls zu spiegeln
auf die Segmente ihres
noch weichen Panzers
doch dies bleibt ein Versuch der
vorläufig scheitert
weil wir nicht mehr verstehen
eine Mitteilung
deren Ausbleiben wir nicht
abschätzen können
ich weiss nicht ob ihr später
noch etwas entspricht
weniger Vergängliches
die versteinerten
Spuren im Fels irgendwo
(nicht vorstellbar wie
das was uns ausmacht und meint
ablesbar wäre
an den Strahlen des Abfalls
tief unten im Berg)
etwas Unentschlossenes
fastet in mir und
übernimmt mich gewaltlos
[1150] zielstrebig sicher
was ich ergreife lass ich
vorher schon los und
was ich gelassen nach dem
halte ich Ausschau
nur selten nehm ich den Schritt
gemacht nicht zurück
trotzdem komme ich langsam
schwankend und ziellos
voran und nirgendwo hin
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Friedrich
Hölderlin: Patmos (in den Ansätzen zur letzten Fassung)
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"und von Gewürzen
fast schläfrig der Garten..."
nie ist Nüchternheit
glatt und abschüssig genug
einem solchen Satz
dass er nicht vergessene
Unebenheiten
aufzurauhen vermöchte
während die Gärten
wie alles was ist kaum sind
schliessen sich Bilder
lange uns an samt Worten
Zeichen der Zeichen
und sind nie unsinniger
als der Ort wo sie
sich kurzfristig mit etwas
verknüpften von dem
wir meinten es sei wirklich
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Emmaus-Perikope
(Lk 24,13ff.)
Vgl. orthodoxe
Auferstehungsikonen ("Christi Höllenfahrt").
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wenn zwei
unterwegs
einem begegnen der war
erst noch ein Toter
und im Frühlingsgras liegen
aufgebrochene
Ketten Fesseln und Werkzeug
zum Öffnen der fest
verschlossnen Natur und noch
während ihr Reden
sich löst wächst Zuversicht in
sich fremden Menschen
für lange Zeit – noch am Rand
aller Erzählung
ist der Nachhall uns wichtig
damals aber warf
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Der
Begriff "Symbol" als der zentraler Zugangsbegriff zum Religiösen
kommt vom gr. Wort "symballein" (zusammenwerfen; urspr. zwei zerbrochene
Teilstücke, deren Zusammenfügen Empfänger und Überbringer
als autorisiert auswiesen).
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das Verlorene sich dem
Gefundnen ans Herz
berührt sein also von etwas
das Sehen das sieht
hat seinen Preis: das Wissen
um den Tod da vorn
vom Menschsein kann man sich so
[1200] nie mehr erholen
und doch letztlich gesteh ich:
good prize good deal ja
vielleicht ist's möglich dass wir
uns mögen – später
falls Ostern etcetera
dann immer noch gilt
auch bei niederwehenden
Fahnen bleibt die Schrift
lesbar: "Keine Versöhnung
mit dem Tod" nichts scheint
geneigt und standhaft genug
sich zu versöhnen
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Giacomo
Leopardi (1798-1837), ital. Dichter, der die Nichtigkeit des Jetzt nüchtern
als Faktum der Existenz erkennt.
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"was ist" – sagt Giacomo –
"ist
eigentlich nicht mehr"
jedoch damit etwas ist
braucht es nicht zu sein
(in wirklicher Wirklichkeit)
es genügt wenn wir
es einvernehmlich brauchen
beim Reden – "Hilfe!"
rufen macht Sinn, aber was
steckt greifbar wirklich
hinter dem Wort? da ist nichts
trotzdem: Hilfe kommt
woher hat das Wort Nachhall
genug fremden Raum
dass wir wagen zu rufen?
Schachspieler glauben
sie spielten zu zweit aber
da ist ein drittes
im Spiel: das Spiel die Regeln
etwas hält immer
ohne dass wir es merken
alles zusammen
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Psalm
121
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dann stimmt
es doch dass Hilfe
kommt von den Bergen
aus der Unzugänglichkeit
der geriebenen
Tusche chinesischer Berg-
landschaften vielleicht
man brauche, sagt Shih-T'ao, nichts
als loszulassen
den Pinsel und schon fegt er
über Tausende
von Klippen all die Täler
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Shih-T'ao (17.Jh.)
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Das
philosophische Problem der Identität von Erkennendem und Erkanntem
(Bild - Landschaft, Wort - Objekt; adaequatio rei et intellectus).
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die Landschaft das Bild
welche Verbindung besteht
zwischen ihnen so
dass eine gemeinsame
[1250] Gegenwart da ist?
Berg und Bild bezeugen nur:
der Pinsel hat recht
mir fehlt die Schnur mein fahrig-
struppiges Denken
festzubinden an einem
kräftigen Stiel um
dann mit nur klarem Wasser
die Welt zu malen
hinter Glas so wie sie ist
die gleicht einer Braut
denn schaubar gläsern zieht sie
die Blicke auf sich
losgelöst allumfassend
ist sie die reine
Theorie die nichts mehr klärt
endlich kann ich mich
auf den Druck konzentrieren
der Kontinente
immer noch langsam verschiebt
und nichtsahnende
Ebenen rhythmisch verformt
bis sie zerbrechen
übereinander lautlos
sich schieben und sich
steil aufrichten bis zum Sturz
während im Innern
langsam Kristalle wachsen
Erinnerungen
die niemandem gehören
und noch klar sind denn
wir erinnern uns nicht erst
während wir leben
sondern wir leben dadurch
dass wir erinnern
merkwürdig diese Stille
die so farblos und
unentschlossen den Sonntag
Nachmittag wiegt bis
das noch fremde Erinnern
ankommt das Geräusch
wenn jemand eine Treppe
leise hinunter
stürzt sich überschlägt entsetzt
eilt man hinaus: da ist nichts
nur die Messingstange die
den Teppich festhielt
hat sich gelöst ich weiss nicht
bin ich es der noch
da steht und sich erinnert
[1300] hoch oben der Ton
eines langsamen Flugzeugs
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Die
jüdische Gotteserfahrung: Gott als der immer zukünftige, der
sein Antlitz nie zeigt (Ex 33,23) und sein Volk aus der Gegenwart in eine
nie zu erreichende Zukunft lockt. Vgl. auch Gregor von Nyssa (Der Aufstieg
des Moses, Freiburg i.Br. 1963, S. 117): "Du sollst den Führer nicht
von Angesicht zu Angesicht sehen. Denn sonst würdest du in die entgegengesetzte
Richtung gehen ..."
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Gott zeigt sich mir nie
und dann nur von hinten stets
läuft er weit vorn mit
die Mütze tief im Gesicht
lockt er noch immer
in wüste Leere hinaus
mir fehlt jede Art
von Vergleich ich setze nichts
gegen etwas nie
deshalb ist mir die Leere
noch leerer als leer
ihre Ränder sind weiter
als unendlich weit
da vorne der Läufer bleibt
unerreichbar und
einsam für immer mir fehlt
wie gesagt die Art
auch die Zeit ich suche Stand
meine Standpunkte
sind aber unstet leider
hoffnungslos vielfach
und wo ich zugleich bin ist
Zeit nur noch Dauer
von nah oder fern nichts als
Gewöhnung und Schreck
das heisst überall Wahnsinn
mich wundert wirklich
wie sanft im Frühling alles
so grün wird und fett
nichts spricht gegen etwas ja
sogar der Verdruss
ist gemütlich und heiter
solche Stimmungen
wirken Wunder entsprechen
etwa dem Lesen
eines sehr langen Gedichts
mit gleichbleibender
Silbenzahl laut gelesen
wird die Bewegung
des Schluckens mit dem Atem
gut koordiniert
schlechtes Schlucken im Alter
führt öfters zum Tod
es zählt also auch hier nicht
der Inhalt sondern
was sich abspielt dazwischen
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Claude
Monet: "Das Motiv ist für mich zweitrangig; was ich widergeben möchte
ist, was sich zwischen mir und dem Motiv abspielt."
Agnes
Martin (geb. 1912): "My interest is in experience that is wordless and
silent, and in the fact that this experince can be expressed for me in
art work which is also wordless and silent." (from "The Still and Silent
in Art").
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zwischen
dem Maler
und seinem Motiv zwischen
[1350] der Stimme die liest
und dem Text wie er da steht
diese schwere Frau
aus Kalifornien (mit braunem
Gesicht und das Haar
ganz kurz) trotz ihres Alters
müht sie sich täglich
ab mit der Leinwand sie legt
geduldig Streifen
in wässrigem Blau möglichst
gleichmässig still
auf den noch stilleren Grund
mit achtundachtzig
malt sie gleich zweimal das Glück
'I love the whole world'
(je sechzehn schmale Streifen
rosa und hellblau
sechzig auf sechzig Inches)
Bahnen und Schienen
wirken beruhigend solang
als sie sich willig
einordnen im Horizont
es scheint uns etwas
sei erreichbar da draussen
erst wenn wir rücklings
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stürzen
mitten im Bahnhof
und alle Gleise
stehen unverhofft senkrecht
zum Himmel erst jetzt
sieht man dass alle Wege
abbrechen früher
oder später im stillen
Schneegestöber doch
was mich beunruhigt ist dies:
die Gleise hängen
von oben herab (steigen
nicht auf von unten)
die Wege enden also
bevor sie festen
Boden und uns erreichen
besser nicht stürzen
den Blick in der Waagrechten
halten beim Gehen
ein Vorgang schwer verständlich
geheimnisvoll fast:
man entschliesst sich zu gehen
und dann geht man – ja
man setzt einfach Schritt für Schritt
und bedenkt keinen
Moment die Ökonomie
[1400] dieser Bewegung
nur Afrikanerinnen
optimieren das
Natürliche und gehen
unnachahmlich klug
aber nur wenn sie schwere
Lasten weit tragen
doch auch Gehörtes wiegt schwer
und müsste den Gang
uns verändern: der letzte
Schrei und der erste
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Deborah Oropallo:
Ascension, 1996
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Meret Oppenheim:
Le déjeuner en fourroure (Frühstück im Pelz), 1936,
und Das Frühlingsfest (le festin), 1959 [Festessen auf einer nackten
Frau].
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eines Menschen
– Salvador
Dalis Madonna
entgleitet in die Muschel
des Ohrs verbirgt sich
im Geschlecht im Raster der
alles überlegt
wie kommt in das erschreckte
Hören Gewicht ins
Gehen Begehren?
auf allen Tassen
wächst plötzlich der Frühstückspelz
erst wenn sich die Frau
hinlegt gelingt es auf ihr
ruhig zu essen
erst wenn sie schwebt die Göttin
serviert man Trauben
mein Muskel reagiert auch
wenn die Wirklichkeit
nur ein Bild ist Wirklichkeit
beginnt immer erst
mit meiner Wahrnehmung hier
ändert sich etwas
unabhängig davon ob
wahr oder falsch ist
was ankommt bei mir: es wirkt
alles trägt bei und
zu der Verunsicherung
auf die kein Verlass
ist denn das Grau des Morgens
noch dasselbe Grau
wenn der erste Vogel jetzt
zu singen beginnt?
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Salvador Dali: La madone sixtine ou l'oreille de la
Madone, 1958 (Metropolitan Museum New York)

Meret Oppenheim: Le déjeuner en fourroure,1936
Matthew Barney: Cremaster 1 (1995)
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erwachen
bleibt zwar ein Sprung
ins Leere und doch
werd ich den Vogel das Grau
später vermissen
wohl auch das Kindergeschrei
das helle Heulen
der Motoren am Sonntag
[1450] in San Marino
(auf dem Autodromo von
Enzo e Dino
dem Circuit in Form eines
geknickten Phallus)
vor allem aber Kinder-
geschrei man weiss nie
ist es jetzt Lust oder Schmerz
oder meint es nur
seht ich bin hier (obwohl ich
mich gut versteckte)
was empfindet man genau
wenn man Gehörtes
vermisst und was sind das für
Reste die einen
erinnern dass etwas tönt?
das Atemholen
setzt an den Anfang immer
wieder ein Knacken
etwas Ungeduldiges
seufzt und bricht ab noch
vor dem Benennen zeigt so
das Kind auf das Ding
doch wie tönt dieses Drängen
ohne Kind als
blosser erinnerter Klang?
Lieder zum Beispiel
hat die Mutter gesungen
grundlos und täglich
zur Arbeit oder einfach
weil ihr schien Leben
brauche von ihr auch Singen
doch wenn ich mich jetzt
zu erinnern versuche
sieht mein Gehör nur
ausgeschnittene Flächen
am Himmel wo einst
Wolken leichtfertig zogen
was uns zusteht ist
gut und längst abgewogen
Scheitern Gelingen
unterscheiden sich kaum noch
es stimmt nämlich nicht
dass Fades nicht schmeckt weshalb
sollte der Alltag
ein Gedicht das nicht aufhört
langweilig werden?
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Yves Klein: Le saut dans le vide (1960)

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Haiku
aus dem Reisetagebuch des japanischen Dichters Bashô (1644-1694):
Nichts als Flöhe und Läuse! Und nah meinem Kopfkissen pisst
auch noch ein Pferd! (Kp.31) Hier wird eine Stimmung beschrieben, die
derjenigen, die in der Welt Prousts herrscht, diametral gegenüber
zu stehen scheint. Beiden ist aber gemeinsam das präzise Beobachten
der nächsten Umgebung.
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Bashô findet es wichtig
vom Pferd zu schreiben
das nah seinem Kopfkissen
[1500] pisst von den Läusen
und Flöhen die ihn ärgern
man hört das Rauschen
des Alls im Rauschen des Alls
und das ist nichts als
die lärmende Stille wenn
die Dinge plötzlich
sich ordnen am Ort wo sie
immer schon waren
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"Dass
das Selbst sich selbst und alle Dinge praktiziert und bestätigt, ist Illusion.
Dass alle Dinge herbeikommen und das Selbst praktizieren und es bestätigen,
ist Erleuchtung." Dogen Zenji, 1200-1253. (Vgl. Keiji Nishitani: Was ist
Religion? Frankfurt 1982, S.259.)
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und sich einfinden also
um mich selbst zu sein
mich mir freundlich zu zeigen
in einer Landschaft
die stets nur eine Ansicht
des Winds ist und kein
Ort der ankert unterwegs
ist alles was sich
flüchtig aufreiht und anlehnt
am Horizont die
Berge die Wälder der Fluss
nirgends gibt es Raum
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"Ort"
bezeichnete ursprünglich die Spitze einer Waffe.
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für keine Speerspitze
nicht
so dicht so leer so
unvergleichlich und mild reisst
das Jahr durch die Zeit
ich weiss wie schwierig es ist
an Blütenzweige
zu denken wenn Bulldozer
Häuser einreissen
in denen sich Kinder noch
ängstlich verstecken
es fällt mir wahrlich nicht leicht
auf das Abendlied
einer Amsel zu hören
wenn ich altersschwach
weggestellt still und sprachlos
im Rollstuhl warte
(auf dem hellgrünen Gang)
bis mir nach Stunden
jemand die Windeln wechselt
Blüten und Amseln
sind wahr auch aus der Ferne
auch wenn wir zweifeln
trotz verschiedener Sichten
ist es nur einer
der sieht und der nicht versteht
an dieser Einsicht
die nicht versteht halte ich
mich vorläufig fest
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Auch
der jap. Dichter Nôin-hôshi (geb.989) täuschte auf diese
Weise die Reise vor, die ihn an die berühmte Schranke von Shirakawa
(Tor zum Hinterland, den Nordprovinzen) geführt haben soll.
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und ich lasse die Hände
[1550] auf dem Fensterbrett
an der Sonne lass ich sie
wärmen und bräunen damit man glaubt ich sei weit
und lange gereist
doch ich versuche mich nur
im Wandern an Ort
und im Wohnen auf Treppen
ich finde mich kaum
auf der Karte zurecht und
auch auf ihr zwingt mich
eine natürliche Scheu
weg von den Rändern
das Hinterland bleibt für mich
immer verschlossen
doch was mein Unterwegssein
betrifft: ich wende
den Blick nicht von dem Finger
von dem was er tut
auf der Karte das stille
Verharren schnelles
Huschen gebrochnen Küsten-
linien entlang dann
langsamer werdend schiebe
ich Flüsse hinauf
ins Gebirge umkreise
selbstbewusst Inseln
ich lege die Routen fest
für Schmuggler Schiffe
Karawanen und Ralleys
das Fliegen jedoch
möcht' ich vermeiden es scheint
mir unklug ja dumm
den Finger wegzuheben
vom sicheren Blatt
und plötzlich ist die Reise
zu Ende bevor
sie richtig begann ich weiss
nicht wo und nicht wann
ich die Bilder vertauschte
müde vom Fragen
begann ich die Antworten
frei zu erfinden
solch gehörloses Reden
leert aus und macht wund
ein kahler Herbstzweig schnellt hoch
ein Krächzen im Wind
viel Weite – alles könnte
sich einfinden jetzt
während ich auf dem Weg bin
[1600] es zu verlieren
womit auch immer der Mensch
umgeht es ergibt
sich stets ein langer Umweg
dem Pferd das er hält
muss man das Maul gewaltsam
aufsperren um die
scharfkantigen Molaren
sorgsam zu schleifen
mit der handlichen Raspel
eigenartig ist
wie weit wir uns entfernen
um nahe zu sein
mich fasziniert die vage
Vermutung aufgrund
derer wir ein Leben lang
abschweifen von dem
was ist und alles wird so
Anlass nach etwas
Verborgnem zu suchen selbst
was wir tun beweist
die Mechanik des Verdachts
aber da ist nichts
hinter dem was schon da ist
Sterben zum Beispiel
ist ein Geschehen das stirbt
und das ist genug
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"Hier
ruhen meine Hunde / .... / Unter der Erde benagen sie / In der Finsternis
ohne Ende / Benagen die Knochen, ihre Knochen, / Sie hören nicht
auf , ihre Knochen zu benagen ...." Gabriele d'Annunzio, Oktober 1935
[In: Die Religion, J. Derrida ... et al., Frankfurt, 2001, S.208]
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ich weiss nicht ob ein toter
Hund an den eignen
Knochen nagt oder ob er
sich immer noch duckt
vor seinem Herrn dessen Hand
ausholt man weiss nie
ob nicht auch den Menschen ein
grausamer Vater
lieber ist als ein Bruder
Unversöhnliches
oder der Stimme Nachhall
den Sturz durchdringend
etwas unreif Getrenntes
unverhofft schneidet
ein Messer versucht Menschen
und Rechte wieder
zu verschlüsseln human ist
der Verzicht auf die Lösung
aber gerade klamme
Finger hören nicht
auf das doch Unmögliche
zu versuchen sie
gehorchen dem blanken Zwang
[1650] einer Ahnung die
meistens nur langsam leerläuft
an dieser Stelle
löst sich die Rinde des Baums
und das weisse Holz
glänzt feucht und verträgt sich gut
mit der Axt – scheitern
muss das nicht sein auch was fällt
kann noch gelingen
an gewissen Abenden
drängt alles heran
was farbig ist und zeigt sich
nochmals dem Hellen
doch die farbige Summe
ist längst noch kein Licht
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Li
Po (699-762), im Vorspann zu der berühmten Dichtung: Frühlingsnachtgelage
unter Pflaumen- und Pfirsichblüten.
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Li Po sagte die Alten
hätten nachts Kerzen
angezündet und ehrten
so die Dunkelheit
Helles dient zwar dem Sehen
und macht die Schranken
sichtbar bevor sich der Blick
im Fernen verliert
nur die Nacht ist weit genug
und gütig lässt sie
das Licht gewähren und uns
Auf- und Untergang
geschieht schon vor dem ersten
Glimmen der Saft steigt
in die finsteren Äste
sinkt wenn es kalt wird
die Kirschblüten öffnen sich
weil sie es lieben
weiss zu sein vor dem Blau doch
dieses lichtlose
Auf und Ab in den Zweigen
kümmert sie wenig
Landschaft bewegt sich langsam
man merkt kaum wie sie
sich wölbt und wieder abträgt
schau ich hinüber
zu den Hügeln und Kuppen
zum Wald der düster
die Talflanken beschattet
der sich oben erst
lichtet wo die Wölbungen
wieder Weideland
sind und sanftere Linien
erinnert mich dies
an den Schlaf schöner Frauen
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[1700] Odalisken
die
sich hinräkeln als Hügel
Zonen die sich kaum
noch bewirtschaften lassen
und trotzdem kommt man
immer wieder zurück und
setzt sich an den Rand
des Waldes beginnt nochmals
mit dem Betrachten
der grauen Wurzelstöcke
und der zaghaften
Flechten gelbliche Röhrchen
weissgraue Krümel
sind sie scheues Gedenken
des Baums an den Stamm
an die Kette die plötzlich
den Keil hineinfrisst
in die aufrechte Stille
die Richtung des Falls
zu sichern wenn die Wolken
und Hügel später
an den Ästen vorbei weg-
kippen und stürzen
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Jean Auguste Dominique Ingres: Grande Odalisque
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Vgl.
die Entmannung des Uranus durch seinen Sohn Zeus.
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ein verschnittener Gott ist
der Himmel seither
lieben wir Kahles – mir scheint
der Augenblick sei
günstig für das Auftauchen
eines Hundes am
linken Bildrand struppig grau
und mit nassem Fell
schnürt er mit wunden Augen
ruhelos hin und her
über die Insel die treibt
langsam stromabwärts
ein abgebrochenes Stück
felsiges Brachland
der Hund setzt sich zu mir schaut
mich an und wartet
auf mein Vertrauen lehnt sich
an meine Beine
ich ziehe die Schultern hoch
wie ein Kind mit Wind
in den ratlosen Händen
endlich steht er auf
der Hund und läuft aus dem Bild
während ich schreibe
und so an meinem Auftritt
festhalte im Text
was ein Versuch ist zurück
[1750] zu finden ans Ziel
der Sprache zu diesem "Ja"
das ich fand kurz nach
dem ersten Schritt ein "Jaja"
das war noch allem
vertraut und jede Regung
wandte dem Einen
also dem Ganzen sich zu
erst nach gründlichem
Scheitern fühl ich mich wieder
frei aufrecht genug
brauch ich nichts mehr zu wagen
Erfahrung ist immer
hinreichend umfasst weit mehr
als das Fassbare
das Dehnen der Wahrnehmung
ist übbar täglich
das Ausgleiten am Rand gilt
dem Trittfassen als
Übergriff der Gewöhnung
ich halte Boten
nicht für verlässlich weshalb
sollte ihr Reden
das offenbaren was ich
geheimnisvoll bin?
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Elias
Canetti: "Ich kannte ihn noch, wie er aus lauter schönen Tieren bestand.
Jetzt ist er zum Schachtelhalm herangewachsen." (Aufzeichnungen 1954/56)
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ich bestehe fast gänzlich
aus Tieren doch wer
kann verhindern dass ich bald
ein Schachtelhalm bin?
noch kann ich nicht wählen doch
wäre ich gerne
ein filigraner Schatten
zwischen den Kieseln
der seinen Umriss entzieht
dem zeichnenden Stift
vieles begann ja damals
mit dem Schatten den
der Geliebte an die Wand
warf (vor dem Abschied)
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Legende
vom Ursprung der Zeichnung bei Plinius, Naturalis Historiae (XXXV,
67).
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an dessen Rand die erste
Zeichnung entstand und
auch Raum voller Entfernung
der Schatten wirft sich
und die Linie flieht immer
es scheint als müsste
was anhält misslingen
unbewegt denkt man
es fehle etwas zum Glück
doch Glück ist oft auch
das Schwere das schläft Berge
[1800] zum Beispiel sind schön
unerschütterlich halten
sie sich fest am Rand
und hindern den Blick daran
sich zu verlieren
in der Ferne im Fremden
jede Begrenzung
ist schön weckt Verdacht und ist
Anlass zu Aufbruch
Überschreitung von etwas
Unzugänglichem
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Friedrich
Hölderlin, Patmos: "Wo aber Gefahr ist, wächst / Das
Rettende auch."
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man ahnt sie noch die Gefahr
in der einst auch das
Rettende wuchs so sicher
wie Moos im Feuchten
heute ist gerade was
rettet gefährlich
und kein vernünftiger Gott
steigt freiwillig ab
ins Flachland wo die Frommen
einander eifrig
behüten und drohen mit
Frieden und Rettung
während der Tod aufrecht die
Ebene abmäht
und uns geduldig ermahnt
freundlich einander
zu begegnen im Alltag
ich sehe Himmel
die bewaldeten Hügel
bald wird es regnen:
ich rieche Karton der kocht
in der Fabrik weit
vorne im Tal Westwind weht
und ich weiss nicht recht
wo Schwieriges eigentlich
herkommen sollte
vielleicht aus dem Trockenen
der Schattenmangel
wie damals in Ägypten
Seth aus der Wüste
Böses das uns überfällt
ist vielleicht nichts als
eine Form des Zerfalls die
notwendige Spur
der Vergänglichkeit die wir
um ein Weniges
zu verzögern doch da sind
nach langem Suchen
habe ich nichts Besseres
[1850] gefunden als das
was da oder nicht da ist
meinen Antworten
fehlt es stets an Gewissheit
die Verknüpfung bleibt
unerkennbar mit dem was
gelingt und missrät
die Antwort auf die Frage
ob mein Leben glückt
ist nicht bedeutsam aber
dieses Auftauchen
der Frage – woher kommt sie
die Ungewissheit?
es ist der Zweifel der mich
am Boden festhält
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Fledermäuse und z.T. auch Vögel
erreichen ein vergelichsweise weit überdruchschnittliches Alter.
(Wellensittiche, Fledermäuse können bis 18 Jahre alt werden,
Papageien leben mit etwas Glück wesentlich länger als der Mensch.)
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Fliegen würde das Leben
merklich verlängern
die Fledermäuse dehnen
energisch die Zeit
werden fast biblisch alt vor
lauter Anstrengung
und Vorsicht beim Hängen und
fliegenden Hören
meine Wahrnehmung aber
mein Kopf verfängt sich
in den Seilen verwirbelt
schnellt schreckhaft zurück
die Fluchtlinien sind hohle
Kabel für Schüsse
Sichtweisen des Festhaltens
nur langsam lern ich
den Blick wieder schweifen weit
und ruhig im Flug
bleibe den Göttern eine
versäumte Last ein
unentschlossen geformtes
Tier ein rohes Fleisch
noch nah am Schlaf so dass es
glücklich ermüdet
rasch beim Denken beim Lieben
beim Flattern im Wind
wenn Orte also Bilder
sich stets entfernen
oder nähern und nie sind
wo sie sein sollten
wie entgehe ich schadlos
der Verpflichtung zur
Geschwindigkeit die den Leib
zum Rasen anhält
zwischen allem was wegzieht
[1900] denn darum geht es:
wie kommt Berührung zustand?
wer holt wen wie ein?
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Mumonkan, Die Schranke ohne Tor, Meister
Wu-men's Sammlung der achtundvierzig Koan, hg. von H. Dumoulin, Mainz
(Grünewald), 1975: Drittes Beispiel: Chü-chih hebt den Finger,
S.45.
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Fragen dieser Art drohen
zu eskalieren
enden nicht selten grausam
mit dem Abschneiden
eines Fingers und stummen
Verstümmelungen
doch erregte Hingabe
des Lebens ersetzt
nicht das tägliche Üben
der Wahrnehmung von
Wirklichkeit und von sich selbst
es gibt keinen Grund
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"Leib und Geist
ablegen" ist eine Forderung, die in der Praxis des Zen-Buddhismus immer
wieder erhoben wird. (Z.B. von DMgen in ShMbMgenzM Zuimonki.I/20,
II/1.)
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der nichts zerbricht "Leib
und Geist"
soll ich ablegen
dem Unbegabten vielleicht
ist alles möglich
es gibt keinen Anfang der
ihm wirklich vertraut
davon handelt dieser Text
der ein Versuch ist
Wörter bei jedem Wetter
lange zu rechen
durch die Jahre müsste ein
Muster entstehen
das alle Bilder enthält
die Kiesel bilden
beim Bewegen samt diesem
lockeren Netzwerk
dazwischen wo sie nicht sind
ich höre ihn gern
den Kies wie er sich ordnet
unter den Zinken
im Hin und Her des Rechens
was ich anstrebe
ist Ratlosigkeit der Form
zum Beispiel wenn sie
ausweicht statt zupackt sich schämt
wenn der reine Blick
was er sieht schnell verändert
und dieses den Blick
mich beschäftigt das Wenden
ich übe die Kunst
nicht sicher zu sein (ob sich
doch etwas abspielt
hinter meinem Rücken? nur
deshalb reihe ich
Wort an Wort jedoch ohne
[1950] etwas zu deuten)
was ich wünsche ist Landschaft
zu werden um mich
der Vergänglichkeit ungestört
lange zu widmen
es scheint dass meine Geduld
etwas zu tun hat
am Horizont ganz am Rand
sucht sie ein Rinnsal
nippt am gestreckten Wasser
und das ist salzig
damit auch schwere Träume
nicht untergehen
an dieser Linie hängen
Landschaft und Himmel
halten sich irgendwie fest
wahrscheinlich an mir
und an jener Birke dort die
sich so leichtfertig
hinstellt doch viel mehr Wasser
benötigt als ich
im Verborgenen zechen
die Bäume leeren
im Schotterbett stillschweigend
Becher um Becher
kippen die dunklen Ströme
in den Durst des Winds
befeuchten das schwarze All
gefährlich mit Blau
al fresco täuschen Bilder
auf gebranntem Kalk
etwas vor was sich füllt zur
prallen Übersicht
mit mattem Glanz später erst
das Getrocknete
zeigt Strukturen des Haltens
Gerüst Verstrebung
und feinkörnige Haut die
Vergangnes umspannt
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Immer wieder taucht das kurze Thema aus
der Sonate von Vinteuil, das für die Beziehung von Swann und Odette
so bedeutsam war, in Prousts Roman auf. Die kurze Melodie erinnert ihn
an die Kirchtürme von Martinville, an die Bäume an der Landstrasse
in Balbec und vor allem an die in Tee getauchten Madeleines, übertrifft
aber als "fruchtbarer Rausch" alle andern Empfindungen.
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Erinnerung aber braucht
viel Dürres das Laub
im Herbst Kirchtürme mittags
das Geräusch wenn der
Fahrstuhl ganz unten anhält
das alles steigert
sich plötzlich zum Rausch dieser
kurzen Melodie
in der Sonate Vinteuils
die uns sogar noch
als Text (den Proust schreibt) berührt
[2000] und irgendwo trifft
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