Nicht bei Trost. Mikrologien
Z.19'001 - 20'000
Index / Anmerkungen / Kommentar 
 
„Um zu überdauern, muss man sich Rhythmen anvertrauen, das heisst Systemen von Augenblicken.“
Gaston Bachelard, La dialectique de la durée.
       
  sichtbar gemachtes
Denken schafft keinen Mehrwert
für die Empfindung
die mir etwas bedeutet
was immer mein Hirn
preisgibt an Bildern hat nichts
mit mir zu tun was
auch immer aufblitzen mag
da draußen als Bild
entspricht meiner inneren
Weltwirklichkeit nicht
auf einer Dachterrasse
abends das dunkler
werdende Blau betrachten
des Himmels von dem
ich weiß dass er nichts ist als
immerwährendes
schwärzestes Schwarz er kümmert
sich nicht um das Licht
das ihn seit Millionen
von Jahren durchquert
und vielleicht auch nicht um mich
immer noch wird mir
beim Hereinbrechen der Nacht
ein klein wenig bang
und es tut mir leid um das
wegsinkende Blau
jetzt wäre der richtige
Zeitpunkt mit einem
Gebet möglichem Unglück
zuvorzukommen
nachsichtig zu sein mit dem
unmöglichen Glück
mit allem was unmöglich
und notwendig ist
wie dieser Text mit seinem
unerreichbaren
und unendlichen Ende
dem unaufhaltsam
er sich zu nähern beginnt
und wieder meldet
sich dieses Etwas in mir
das meinen Blick zwingt
im Wald die grau gefleckten
Stämme der Buchen
ganz genau zu betrachten
obwohl ich nicht weiß
wozu das gut sein könnte
ganz zu schweigen von
[19050] den Obstbäumen die ihre
schwarzen Zweige und
die rosa überhauchten
schneeweißen Blüten
ins Blau des Himmels strecken
schnell verliere ich
das Gleichgewicht während ich
hinaufschaue und
es ist mir als ob dieses
Etwas sich vielleicht
nicht in mir rege sondern
mich versuche von
draußen zu sich zu locken
solches Ansinnen
scheint mir übergriffig und
vorzeitig zu sein

Louis Darget: Photographie de la Pensée. Planète et Satellite (1896).
  ich schließe die Augen um
mich an den Geruch
zu erinnern von frischer
noch warmer Molke
die eine Frau jetzt in den
Schweinetrog schüttet
an das Quietschen der Ferkel
und das wohlige
Grunzen der Muttersau die
halb aufgerichtet
nur undeutlich wahrnimmt wie
gierig und durstig
Neues im Koben beginnt
ob auch die Tiere
Ausschau halten nach etwas
 
Max Liebermann: Schweinekoben (um 1887)
19082: Das althochdeutsche Wort für Morgenröte lautet „Ostarun“; davon leitet sich möglicherweise unser Wort „Ostern“ ab. vielleicht wie wir nach
einer Art Morgenröte
die sich ankündigt
in diesem schwachen Schimmern
das unter der Tür
hindurchsickert so dass des
Unerkennbaren
Rand sich ein klein wenig schärft
unerklärlich ist
woher dieses Gefühl kommt
auch noch die schwächste
Helligkeit führe dazu
dass jemand mich sieht
ich gerate in irgend
ein Blickfeld bevor
ich selbst etwas erkenne
   
19099-19102: Jules Michelet, La Mer, Paris 1861, S. 167 [im Kp. über die Quallen = Filles des Mers]: „… la branche d’une plante qui allait se charger de feuilles s’arrête dans son développement, se contracte, devient un organe d’amour, je veux dire une fleur, …“ Diese Formulierung bezieht sich wahrscheinlich auf die diesbezügliche Theorie Goethes im Text Versuch die Metamorphose der Pflanze zu erklären von 1790. es könnte sein dass
Pflanzen ähnlich empfinden
sie unterbrechen
dann den Rhythmus zwischen Blatt
[19101] und Stängel um sich
als Blüten zu zeigen dem
der sie betrachtet
doch diese Art Sichtbarkeit
unschuldig und kühn
wird mir nie mehr gelingen
viele Tausende
von Zeilen müssen hier noch
unbeirrt sinnlos
aneinander sich reihen
bis der Überblick
unmöglich wird und aus dem
Rauschen der Wörter
vielleicht ein Wort hervortritt
durch das wir plötzlich
alle andern verstehen
und so könnte der
babylonische Rückbau
endlich beginnen
 
19120-19127: Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert: „Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man sich in einem Walde verirrt, braucht Schulung."
 
doch den Überblick schließlich
zu verlieren ist
nicht dasselbe wie wenn man
nicht weiß wo man ist
eines ist eine Gabe
(nach langem Mühen)
das andere meistens ein
bloßes Versehen
   
19129-19136: Walter Benjamin, Der Sürrealismus: “… vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich erkennt.“ – Ders., Lehre vom Ähnlichen: „den Geist an jemem Zeitmaß teilnehmen zu lassen, in welchem Ähnlichkeiten, flüchtig und um sogleich wieder zu versinken, aus dem Fluss der Dinge hervorblitzen.“

19140-19150: Yan-Tsen-Tsai (1716-97): In tiefer Nacht. In der kalten Nacht habe ich über meinem / Buch die Stunde des Zubettgehens vergessen / Die Parfüms meiner goldgestickten Bettdecke / sind schon verflogen, der Kamin brennt nicht mehr. / Meine schöne Freundin, die mit Mühe bis dahin / Ihren Zorn beherrschte, reisst mir die Lampe weg / Und fragt mich : Weisst du, wie spät es ist?  – Dieses Gedicht zitiert Franz Kafka in einem der ersten Briefe an Felice Bauer (24.11.1912; s. auch Briefe vom 14./15.01.1913 u. 22.01.1913).
 

vorläufig genieße ich
das undurchdringlich
Alltägliche und wie das
Undurchdringliche
sich alltäglich zeigt wie aus
dem Fluss der Dinge
Ähnlichkeiten aufblitzen
und sogleich wieder
versinken dieses Flackern
an fernen Rändern
vom allerersten Anfang
das erst später zu
einem ruhigen Leuchten
wird unter dem Schirm
der Leselampe deren
sanftes Licht lässt mich
lesend das Bett vergessen
schon sind die Parfüms
der goldgestickten Decke
verflogen und kalt
geworden ist der Kamin
niemand ist zornig
[19150] und ich weiß wie spät es ist
mir genügt der Schlaf
der über mich herfällt beim
Wenden der Seiten
auf denen Wörter Sätze
langsam verschwimmen
in matt schimmernden Flächen
das Buch wird jetzt zum
Umschlagplatz auf dem meine
Wachheit geprüft wird
es ist als ob sich langsam
eine Wasserlache
ausbreite unter mir die
stetig ansteigt dann
   
19172-19175: „An incredible storm hit the Westman Islands … a lot of boats sank …You could listen to them talking together on the ship’s radio …“ Aus dem Bericht von Margrét Rósa Kjartansdóttir, in: Roni Horn, Weather reports you. A project of Vatnassafn/Library of water, Stykkishólmur, Iceland. London/Göttingen 2007, S. 173
 
unruhig wird und aufschäumt
die Wellenkämme
überstürzen sich brechend
bilden Mulden aus
bräunlich grauem Gewoge
dies alles seh ich
von weit oben undeutlich
nun hör ich den Sturm
und im Schiffsfunk die Stimmen
schreiender Männer
die sich auf den sinkenden
Schiffen befinden
 
I. K. Aiwasowski: Die Woge (1889)
  jetzt verdunkelt sich das Meer
glanzlose Schwärze
verschluckt Himmel und Wasser
nur noch die weißen
Schaumkronen spülen letzte
Lichtreste empor
Lichtblasen die auslaufen
schnell zerfasern und
wegsinken aufgesogen
lautlos vom Nachtschwamm
so bin ich schließlich doch noch
in einen Zustand
geraten der das Fallen
ermöglicht in Schlaf
 
Tacita Dean: Sea Inventory Drawings (Filthy Weather), 1998, Kreide auf Wandtafel
19190-19195: Walter Benjamin: „Wer einmal den Fächer der Erinnerung aufzuklappen begonnen hat … in den Falten erst sitzt das Eigentliche …“ In: ders., Gesammelte Schriften, Frankfurt a. M. 1972-1989, Bd. VI, S. 467f. in die Falten des Fächers
der aufgeklappt wird
so dass die Protokolle
des Erinnerns zwar
sichtbar werden und dennoch
unlesbar bleiben
die Dinge verwachsen mit
ihrem Gegenstand
unterscheiden sich kaum noch
von ihrem Schatten
[19200] der ohne auf die Sonne
Rücksicht zu nehmen
sich festhält dort wo er fällt
als blickte ich durch
das geschlossene Fenster
in das Atelier
von Giorgio Morandi wo
Alltagsgefäße
in vollkommener Schönheit
lautlos erhaben
durch das Abendlicht gleiten
ein Kupferkessel
neben der weißen Flasche
aus Alabaster
eine bleigraue Büchse
davor zierlich die
dunkelblaue Phiole
ein Krug mit dunklen
Streifen auf mattgelbem Grund
   
19220-19228: Vgl. Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers, a.a.O., Bd. II, S. 9-21: „In ihnen [den Sophokles-Übersetzungen Hölderlins, F.D.] stürzt der Sinn von Abgrund zu Abgrund, bis er droht in bodenlosen Sprachtiefen sich zu verlieren.“ – „In dieser reinen Sprache, die nichts mehr meint und nichts mehr ausdrückt ... trifft endlich alle Mitteilung, aller Sinn und alle Intention auf eine Schicht, in der sie zu erlöschen bestimmt sind.“ diese hilflose
Beschreibung versucht etwas
zu übersetzen
was unübersetzbar bleibt
noch stürzt der Sinn nicht
von Abgrund zu Abgrund noch
trifft die Mitteilung
und das Gemeinte nicht auf
die Schicht in der sie
zu erlöschen bestimmt sind
beunruhigend
sind Abweichungen des Blicks
von der Sehachse
mit ihrem naturgemäß
leichten Gefälle
jede Richtungsänderung
birgt eine Gefahr
es könnten bildgebende
Verfahren zeigen
wie bei ruhiggelegter
Gewohnheit das Blut
im Augapfel gerinnt der
Glaskörper trüb wird
aussichtslos jetzt nach oben
schauen zu wollen
ohne dass etwas uns zwingt
   
  im Durcheinander
eines wirren Wollknäuels
versucht das Auge
mit kleinsten Bewegungen
den bunten Fäden
[19250] zu folgen die irgendwo
verschwinden wieder
erscheinen sich verknüpfen
bis schließlich der Leib
sich beruhigt und man meint
zu erkennen wie
das Unsichtbare sich dem
Sichtbaren anschließt
ein Gefühl fast wie eine
kurze Umarmung
einen Augenblick lang schwebt
der Blick über den
Spitzen der Gräser über
dem Schaum der Ähren
dann schleudert der Wind mir Staub
und Sand ins Gesicht
 
Judith Scott (1943-2005) umarmt eine ihrer Skulpturen.
  erkennbar ist jetzt nur noch
dieses schneeweiße
Geländer mitten im Wald
mit roten Tupfen
darüber gut befestigt
ein Vogelhaus in
Türkis mit goldgelbem Dach
keine Ahnung was
im Innern geheimnisvoll
vor sich geht würde
mir Einsicht gewährt wäre
nichts zu erkennen
und doch könnte es sein dass
gerade hier sich
bald etwas ereignet was
uns beunruhigt
und dann in Schrecken versetzt
 
19284: Yang Lian, Unendlich; in: Lexikon der sperrigen Wörter, hg. von Florian Höllerer und Jean-Baptiste Joly, Stuttgart 2010, S. 149-159. (Yang Lian zitiert seinerseits aus Sauberkeit von Cao Xueqin.)

19294-19297: Blaise Pascal, Pensées, opuscules et lettres, Paris 2010, Fragm. 708, S. 545: „Car la nature est telle, qu'elle marque partout un Dieu perdu, et dans l'homme et hors de l'homme.“
 

irgendwo las ich:
im Verfall liegt die Rettung
daran erinnert
mich dieses einsame Haus
hier mitten im Wald
durch das Unterholz sickert
mattes Schimmern das
auf dem schwarzbraunen Panzer
des Eremiten
des Juchtenkäfers doch noch
zu glänzen beginnt
verweist die Natur wirklich
überall auf den
verlorenen Gott wie das
Pascal behauptet?
   
19298-19305: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, Leipzig 1965, S. 154: „Was der Mensch zu seiner Glückseligkeit zu wissen nötig hat, das weiß er gewiss ohne alle Offenbarung, als die, die er seinem Wesen nach besitzt. Lasst ihn seinen Endzweck finden, wie sehr die Palliative von temporeller Ruhe Schaden gestiftet haben, hat man ja gesehen. ….“
 
oder ist sie ein neues
Palliativum
[19300] von temporeller Ruhe
das Schaden stiftet
wie Offenbarungen die
die Sicht verstellen
auf das Unbedingte das
zu tun uns obliegt?
nämlich nochmals mit einem
brennenden Kienspan
einzudringen in Höhlen
mit weitverzweigten
Gängen um diese Halle
wieder zu finden
mit fast glatten Wänden hier
nochmals versuchen
mit einem Holzkohlestück
Tiere zu zeichnen
sie genau zu betrachten
um ihnen später
ohne Furcht zu begegnen
sie nochmals spüren
die Fingerkuppen wie sie
mit roter Farbe
(Eisenoxidpigmente
mit Speichel vermischt)
auf den kaltfeuchten Wänden
die leeren Formen
füllten mit rostigem Blut
mutig geworden:
draußen Tiere berühren
die noch nicht tot sind
eine Dunkelheit folgt der
anderen erst nach
Jahrtausenden weiten sich
Lücken dazwischen
im spärlichen Licht endlich
lässt sie sich stellen
die Frage: antworten wem?
eine Stille folgt
geeignet diese Frage
mit der Atemluft
zu vermischen so dass sie
sich festsetzt in uns
und mitschwingt als ein Rauschen
auch wenn wir meinen
jetzt endlich sei jemand da
wie leicht täuscht man sich
   
19346-19351: Vgl. Tin-Tun-Ling (um 1830-1886): Der Schatten des Orangenzweigs: „Die Jungfrau … träumt, dass sie die Stimme des Jünglings höre. / Durch das Fensterpapier dringt der Schatten des Orangenzweigs und fällt auf ihre Knie; / Und sie träumt, ihr hätte jemand das seidene Kleid zerrissen.“ durch das Fensterpapier dringt
der Schatten eines
Orangenzweiges und fällt
auf ihr Knie sie träumt
[19350] jemand hätte ihr Kleid aus
Seide zerrissen
doch nicht der Erwartete
der Andere kommt
vergebliche Mühe sich
schlafend zu stellen
unüberhörbar bleibt das
Rieseln des Sandes
denn neben dem Nachtgeschirr
steht „die Stund ist aus“
im Bild wird die „Schlafende
vom Tod überrascht“
ihre Nacktheit zeigt dass sie
benommen vielleicht
und ohne es zu wissen
längst unterwegs ist
sie unterscheidet nicht mehr
zwischen unbedeckt
und bedeckt zwischen leise
 
19353-19376: Sebald Beham: Schlafende, vom Tod überrascht, 1548.
  und laut zwischen Gott
und Mensch ihr gilt alles gleich
neben dem Nachttopf
kündigt das Ende sich an
sie liest es ohne
ihre Augen zu öffnen
und kümmert sich nicht
um die gespiegelte Schrift
die also nicht sie
sondern mich ansprechen will
den Betrachter der
außerhalb zu stehen meint
des Bildes und der
sich in Sicherheit wiegt der
nicht daran denkt dass
mit diesem Satz die Liste
beginnen könnte
auf der durchgestrichen wird
was sie verzeichnet
manchmal versuche ich mir
vorzustellen es
könnte die Intensität
dieses Textes sich
irgendwie steigern so dass
mit der Niederschrift
alles Gedankliche sich
löste von seinem
Gegenstand und dieser sich
jeder Wortfindung
entzöge für lange Zeit
schließlich liegt dichte
[19400] Stille und Sprachlosigkeit
über den Dingen
und ich beginne nochmals
in Ruhe Namen
zu verteilen und erste
Sätze zu bilden
zu beobachten wäre
ob die Welt die aus
dem Überallgleichzeitig
herbeigelockt wird
wieder dieselbe sei die
sie immer schon war
   
19412-19418: Vgl. den chinesischen Mythos, von dem Jorge Luis Borges in Spiegeltiere berichtet; in: ders., Einhorn, Sphinx und Salamander. Ein Handbuch der phantastischen Zoologie, München 1964, S. 11f. oder ob aus dem Spiegel
zum Beispiel Dinge
und Figuren vermöchten
herauszutreten
und wir sie nicht mehr nur als
Verdoppelung von
Diesseitigem erkennten
sondern es zeigte
sich von Anfang an alles
Sichtbare zweifach
ein Gleiches weggeschoben
von sich selbst wie wenn
wir Nahes betrachten und
die Linsen bleiben
auf weit Entferntes justiert
durch die Bewegung
eines kleinen Muskels im
Innern des Auges
wird Übereinstimmung des
Einen mit sich selbst
wieder hergestellt eine
Täuschung zu der uns
vielleicht das Sehen-Wollen
sowohl als auch das
Nicht–Sehen-Wollen verführt
   
  ich betrachte das
Bild einer schlichten Arbeit
aus geflochtenen
schwarzen und weißen Streifen
ein Kind schnitt diese
Bänder aus altem Papier
und schob sie sorgsam
in- und übereinander
während sich in ihm
die Frage: wann komme ich
wieder nach Hause
zu einem unlösbaren
Knoten verknüpft hat
[19450] damals in Theresienstadt
die Wirklichkeit die
hinter diesem Bild langsam
verblasst vermag sich
kaum noch in Erinnerung
zu rufen obwohl
gerade Rechtecke im
schwarz-weißen Wechsel
mit ihrer erzwungenen
Ordnung nachdrücklich
hinweisen auf Abgründe
die zu beschreiben
also festzuhalten sind
auf der noch warmen
Fleischseite des Pergaments
 
Flechtarbeit eines Kindes aus Theresienstadt
19465-19486: Der Text nimmt Bezug auf das Gedicht Dayanhe, meine Amme von Ai Qing (1910-1996). In: Ai Qing, Auf der Waage der Zeit. Gedichte, Berlin 1988, S. 13-17.
(Ai Qing war der Vater des bekannten zeitgenössischen Künstlers Ai Weiwei.)
aber auch dieses
Andenken erkaltet wenn
das schneeschwere Gras
Jahr für Jahr die wenigen
Gräber bedeckt und
der Regen die Asche ins
Erdreich hineinwäscht
der Tod seiner Amme ging
Ai Qing zu Herzen
und er schrieb im Gefängnis
für sie ein Gedicht
das ich – ich weiß nicht weshalb –
wieder und wieder
lese möglicherweise
weil ich das Lächeln
nicht mehr vergessen möchte
das sie verschenkte
obwohl sie unter Tränen
dahinging mit der
Schmach ihres Lebens in dem
kein Traum vermochte
jemals wirklich zu werden
was ihr blieb war die
Liebe des Kindes das sie
einst stillte für das
sie kochte dessen Kleider
sie flickte und wusch
durch die Zeilen glänzt Liebe
noch immer obwohl
der der sie schrieb längst tot ist
der Wind vermag es
nicht abzutragen das Grün
   
19497: Der Kaiser fragt Bodhidharma (1. Zen-Patriarch in China, um 470-543) nach dem „höchsten Sinn der Heiligen Wahrheit“. Bodhidharma antwortet: „Offene Weite – nichts Heiliges.“ In: Bi-Yän-Lu. Meister Yüan-wu’s Niederschrift von der Smaragdenen Felswand [12. Jh.],  1. Beispiel, S. 37.

19498-19500: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le Temps retrouvé, Paris 1954, S. 989: „… car si notre vie est vagabonde notre mémoire est sédentaire, …“ („… denn so rastlos unser Leben ist, so sesshaft ist unser Gedächtnis, …“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a. M. 2004, S. 440.)

der weit offenen
Landschaft unser Leben ist
rastlos sesshaft ist
[19500] nur unser Gedächtnis doch
die Wirklichkeit die
das Erinnern herstellt was
bedeutet sie noch
wenn wir das torlose Tor
durchschritten haben
das ohne Rahmen dasteht
wiegt das Erinnern
nicht zu schwer als Gepäck beim
Wechsel der Seiten
ohne zu vergessen wie
könnte ich trotzdem
unbeschwert unterwegs sein
vielleicht ordnen sich
die Dinge von selbst wenn wir
sie unbehindert
ein- und ausgehen lassen
dieselbe Tür dient
dem Vergessen Erinnern
gut ist wenn der Geist
beobachtet was vorgeht
   
19521-19527: Martin Heidegger spricht davon, dass „im faktischen Leben ihm selbst ständig irgendwie etwas fehlt, und zwar so, dass zugleich mitfehlt die Bestimmung, was es eigentlich ist, das fehlt“ und vom „Sturzcharakter des faktischen Lebens“. Ders., Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles, GA 61 (1985), S. 154 u. 121.

19530: „schwaches Denkens“ („pensiero debole“): ein Begriff, der mehrfach bei Gianni Vattimo im Zusammenhang mit seiner Metaphysik-Kritik Verwendung findet.

etwas fehlt immer
auch jeder Anhaltspunkt fehlt
was es sein könnte
was fehlt was als Unruhe
ein Gefühl wachhält
als ob man stürze nicht tief
aber beständig
diese Gesetzmäßigkeit
wird erträglich durch
Schwächung des Denkens es wird
der starken Vernunft
etwas entzogen so dass
Unmögliches wie
Mögliches wahrscheinlich wird
dieser Text versucht
zu beschreiben was vorkommt
ohne Theorie
die ihn maßregeln könnte
also ohne dass
etwas ausgelöscht würde
   
  was sich beharrlich
hier vor ein Größeres schiebt
sind Wolken die an
die Leerstellen erinnern
des Himmels dessen
Blau uns zu ephemeren
Étuden verführt
wie dieser endlos vor sich
hinflüchtende Text
[19550] der eine Art Übung ist
Vorursprüngliches
auf seiner Oberfläche
dingfest zu machen
das Aufzählen von Allem
wird immer wieder
von Neuem begonnen ein
auf den ersten Blick
 
Eugène Delacroix:
Étude de ciel
19558-19563: Die unbedingte Verantwortung gegenüber dem Andern ist nach Emmanuel Lévinas „ein erdrückender Auftrag, aber göttliche Mühsal [incomfort divin]“. Ders., Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg i. Br. 1992, S. 272. erdrückender Auftrag doch
ist es zugleich auch
eine göttliche Mühsal
die darin besteht
sich dem Anspruch des Andern
nicht zu entziehen
das hier genannt werden will
die Kluft jedoch muss
unüberbrückbar bleiben
so wie die Frage
zur vorläufigen Antwort
unerreichbar bleibt
doch in Sichtweite sich zeigt
unablässig und
weit ausholend mäandert
Schlaufe um Schlaufe
dieses Wortwerks durch ein Tal
das zu vermessen
mir ohne Anhaltspunkte
nie gelingen wird
zuversichtlich ohne Grund
bin ich unterwegs
in diesem Jammertal aus
herber Zeitlichkeit
hier blüht unbeirrt zwischen
Schotter Sand und Kies
Natternkopf Steinbrech Rauke
Fingerhut Ampfer
Huflattich und Nelkenwurz
weiß ein Hahnenfuß
genügsam widmen sie sich
ausschließlich ihrem
flüchtigen Vorhandensein
bedroht bei Sturm vom
anrollenden Geschiebe
in kalten Nächten
farblos ausgesetzt dem Frost
was mir Untergang
der Welt bedeutet für sie
ist es ein kurzes
Einnicken und Erwachen
   
19600-19609: Vgl. das Gedicht Nach Lukrez (Teil IV) von John Burnside: „… like the thought / that comes to mind, as winter closes in, // a thought you guard against for years / until you guess // that nothing matters less / than being seen.“ In: ders., Versuch über das Licht. Gedichte, zweisprachige Ausg., aus dem Engl. übers. von Iain Galbraith, München 2011, S. 65. ihnen ist dieser
[19600] Gedanke selbstverständlich
gegen den wir uns
wehren jahrelang bis wir
darauf kommen dass
nichts so unwichtig ist (that
nothing matters less)
wie gesehen zu werden
(than being seen) jetzt
da die Tage dunkler und
kürzer werden muss
das Erinnern sich zurecht
finden ohne Sicht
auf eine Wirklichkeit die
in guten Tagen
nicht selten aufzuleuchten
beliebte so dass
ein Schimmer auch über das
Unerreichbare
hinglitt so dass ich den Klang
zu hören meinte
von loser Stille die in
Bewegung gerät
Musik vielleicht der Musik
   
19623-19634: Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 in d-Moll (Der Tod und das Mädchen). ein Ankündigen
von Unerhörtem legt sich
auch jetzt noch manchmal
unter die ersten Takte
eines Streichquartetts
von Franz Schubert zum Beispiel
in d-moll wenn der
zweite Satz sich heranschiebt
leise und dringlich
meine ich es müsste jetzt
dieses Andere
ganz nahe sein nur etwas
Geringes trennte
mich noch von ihm „Andante
con moto“ stetig
vorwärts kreisend bin ich selbst
ein Teilchen davon
das sich Zeile für Zeile
zu orten versucht
als nachtleuchtendes Wölkchen
als ein Nichts also
das nur aus einem schwachen
Begehren besteht
dazuzugehören im
Geflecht des Leuchtwerks
und standzuhalten an der
Nahtstelle zur Nacht
   
19650-19654: „Ihr Mönche, sucht nicht nach Worten und jagt nicht Erklärungen nach! Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen, alle Verrichtungen des Alltags sind Werkzeuge eurer [eigenen] Natur. ...  So hört doch auf [mit eurem Streben] und gönnt euch etwas Ruhe.“ Mazu Daoyi und Dazhu Huihai, Grundlegende Reden und Aufzeichnungen der Hongzhou-Schule des Chan-Buddhismus, Berlin 2011, S. 86f.
19662-19664: „Der Weg braucht keine Übung.“ [Wenn du sagst, du willst etwas durch Übung erreichen, dann ist, was du zu erreichen beabsichtigst, schon zum Vornherein verloren.] a.a.O., S. 18, 21.
[19650] Schritt für Schritt weitergehen
ohne zu wissen
wohin und dieses Dasein
freundlich betrachten
ohne zu fragen wozu
ein Vorhaben das
selten gelingt es fragt sich:
woher kommt der Glanz
dieser Lichtspickel der sich
auf die Pupille
legt noch bevor das Auge
zu sehen beginnt
(ein Zeichen vielleicht dass wir
auf einem Weg sind
der keiner Übung bedarf)
das was uns angeht
ist stets unmittelbar da
wenn der Blick durch die
Gitterstäbe hinein fällt
auf die Birken auf
die Tiere im Käfig auf
die Hand die versucht
das Fell zu berühren auf
das Reh das dasteht
mit gespreizten Beinen und
gewendetem Kopf
schaut es aus dem Bild durch mich
hindurch in eine
Weite jenseits der Gärten
in eine Leere
 
Adolph Menzel:
Zoologischer Garten (1863)
19679-19691: Vgl. dazu: Jean-François Lyotard, Das Erhabene und die Avantgarde, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 38. Jg. (1984) H. 424, S. 151-164, hier bes. S. 152 und 160.   eine Bruchstelle die mich
beunruhigt und
wieder gelingt es mir nicht
das zu beschreiben
was ich beschreiben möchte
trotzdem macht es sich
irgendwie geltend es wird
eine Art Blöße
ein Entäußern erkennbar
Nicht-Darstellbares
lässt sich andeutungsweise
so vielleicht zeigen
es ist die Ungewissheit
dieses Lavieren
zwischen der Angst dass etwas
aufhören könnte
und dem Erstaunen dass sich
dieses Etwas doch
Immer wieder ereignet
die das Spiel antreibt
[19700] und spielend in Gang hält hier
geht es um dieses
Dazwischen das innehält
doch nichts unterbricht
   
19704: „mysterium fascinosum et tremendum“ ist die berühmte Formel für das Heilige bei Rudolf Otto, Das Heilige (1917).
 
  fascinosum tremendum
stets beides zugleich
ein Unschlüssigkeitsanfall
lässt mich erkennen
wie stetig die Unordnung
zunimmt der Dinge
nur noch Ungeordnetes
wendet sich mir zu
mit hämischer Heiterkeit
löst alles sich auf
in einen chaotischen
Zustand des Gleichmuts
solch beunruhigende
Vorgänge lassen
in mir das Gefühl einer
Art Abwesenheit
anschwellen einer Leere
schneeweiß und randlos
trotzdem werde ich später
wieder beginnen
mit dem Aufräumen und dem
Zurückdrängen der
Dinge in ihrem Ansturm
damit sich zeigt was
zwischen ihnen sich ausspannt
was bindet und löst
ein Beziehungsgeflecht das
nicht feststellbar ist
doch es bezieht mich mit ein
   
19733-19742: Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt a.M. 1970, S. 192: „Ihr [der Kunst] Rätselcharakter spornt dazu sie an, immanent derart sich zu artikulieren, dass sie durch die Gestaltung ihres emphatisch Sinnlosen Sinn gewinnt.“   die Abwesenheit
eines begreifbaren Sinns
macht sich bemerkbar
doch versucht dieses Wortwerk
die Frage nach Sinn
möglichst unbeirrt lange
offenzuhalten
eine blankgescheuerte
Rätselhaftigkeit
kommt so schließlich zum Vorschein
der Verdacht alles
Aneinandergereihte
sei geheimnisvoll
miteinander verbunden
löst in mir kaum noch
etwas wie Zuversicht aus
mich von Augenblick
[19750] zu Augenblick verlässlich
stets als derselbe
wahrzunehmen gelingt nicht:
ein Schollenleben
unter mehrschartigem Pflug
   
    unsicher schwankend
weiß ich auf der leicht abwärts
führenden Straße
nicht in welches der Häuser
ich eintreten soll
mit meinem ungeschickten
Verlangen mit dem
Finger der warmen Wölbung
entlangzufahren
einer Frau und gleichzeitig
denke ich an die
weißen schrattigen Karren
hoch oben am Berg
an das Rauschen des Bachs der
verschrammte Kiesel
dumpf grollend vor sich herschiebt
ein langatmiges
Donnern das durch die Flüsse
sich vorwärts wuchtet
bis es aufprallt und verhallt
an steilen Klippen
oder endlich am flachen
Sandstrand verstummt wo
die auslaufende Dünung
einen verbeulten
Blechnapf hin- und herschaukelt
 
Gisela Andersch:
Strasse in Röros,
Ost-Norwegen
19781-19789: Ralph Dutli, Meine Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam. Eine Biographie, Zürich 2003, S. 525.   vielleicht den Napf den
ein gewisser Kowaljow
Bienenzüchter aus
Blagoweschtschensk Mandelstam
brachte halbgefüllt
mit wässriger Suppe als
dieser schon sterbend
von seiner Pritsche nicht mehr
aufstehen konnte)
   
19790-19795: Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke; in: ders., Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 238.   vor Jahren schrieb er: „Kennen
Sie diesen Zustand?
es ist als hätten alle
Dinge Fieber als
seien sie freudig erregt
und doch krank“ diese
Frage nochmals zu stellen
schien ihm jetzt sinnlos
hier in des Todes kaltem
Gewächshaus wo die
[19800] nachtschattigen Eisblumen
hinein in den Rest
seiner Atemluft wuchsen
Gott oder kein Gott
undenkbar beides es wird
alles verblassen
das Kainszeichen und die
eingefaltete
Sorge auf unserer Stirn
das gilt auch für die
Mikrologien die hier
so unordentlich
aneinandergereiht und
aufgeschnürt werden
dieser hauchdünne Faden
im Zeitnadelöhr
ist zugleich Kette und Schuss
im Tuch das etwas
verhüllt wovon ich nur weiß
dass es nicht nichts ist
und es sich deshalb vielleicht
auch mitteilen will
in einfachen Worten wie
   
19823: Titel eines Bildes von Barnett Newman (Not There-Here, 1962).
19825: Martinisömmerchen: Sommertage in der ersten Hälfte des Novembers (Martinstag: 11. November).
  not there here oder
iss leuchtendes Brot ganz still
das Laub an diesem
Martinisömmerchentag
der dem Erinnern
hilft an einen gedeckten
Gartentisch unter
aufgelockertem Schatten
an den silbernen
Teekrug auf dem die Sonne
sich spiegelt an die
blaue Zuckerdose an
die Rose im Glas
an die Serviette im Ring
an den Waldrand und
die Frau die mit dem Tablett
unschlüssig dasteht
am Tisch sitzt niemand ein Bild
lautlosen Aufbruchs
in und hinter den Büschen
warten die Tiere
erschrocken ihnen fehlen
die lächerlichen
Geräusche die unseren
Irrlauf begleiten
diese plötzliche Stille:
es scheint als sei im
[19850] Augenblick der Besinnung
niemand da außer
dieser Magd die auch eine
Göttin sein könnte
 
Hanna Pauli (1864-1940): Frukostdags

19854-19857: „Denn weil / Die Seligsten nichts fühlen von selbst, / Muss wohl, wenn solches zu sagen / Erlaubt ist, in der Götter Namen / Teilnehmend fühlen ein Andrer, / Den brauchen sie; …“ Aus: Friedrich Hölderlin, Der Rhein.

19858-19863: „Wenn aber / Das Blau ist ausgelöschet, das Einfältige, scheint / Das Matte, das dem Marmelstein gleichet, wie Erz, / Anzeige des Reichtums.“ Aus: Friedrich Hölderlin, Was ist des Menschen Leben?

18865-19881: Aus dem Sektionsbericht von Dr. Rapp (1843); in. Hölderlin, der Pflegsohn. Texte und Dokumente 1806-1843 mit den neu entdeckten Nürtinger Pflegschaftsakten, hg. von Gregor Wittkop, Stuttgart, 1993, S. 329.

 

 
  doch „weil die Seligsten nichts
fühlen von selbst muss
wohl in der Götter Namen
fühlen ein Andrer“
fast scheint es als ob das Blau
ausgelöscht sei und
nur noch das Matte scheine
das Einfältige
als Anzeige des Reichtums
wie Erz der Dichter
der solches schrieb starb schließlich
unauffällig doch
nach schwerer Respiration
bei ziemlich fester
Consistenz des Gehirns nur
in den seitlichen
Hirnhöhlen fand Doktor Rapp
helle Flüssigkeit
einen Kaffeelöffel voll
dieser Leib wurde
während fast vierzig Jahren
bedrängt vom Wahnsinn
oben in der Turmstube
über dem Neckar
starb er ohne zu klagen
mit verknöcherten
Herzklappen und die Lunge
mit Wasser gefüllt
   

18882-18885: „So gib unschuldig Wasser, / O Fittiche gib uns, treuesten Sinns / Hinüberzugehn und wiederzukehren.“ Aus Friedrich Hölderlin: Patmos.

 
  "So gib unschuldig Wasser
O Fittiche gib"
um "hinüberzugehn und
wiederzukehren"
es wird Zeit diesen Text mit
einer gewissen
Leichtigkeit zu belüften
und beispielsweise
   
19890-19901: Vgl. den Brief von Georg Christoph Lichtenberg an Johann Andreas Schernhagen (Geheimer Kanzleisekretär in Hannover) vom 27. August 1778.   an den Brief zu erinnern
den Lichtenberg schrieb
um zu berichten dass sein
Drache in einem
heftigen Wind wohl an die
tausend Fuß hochstieg
in den Wolken schien er sich
zu verlieren da
riss der Draht und er flog fort
um wild schlingernd auf
[19900] die Dächer von Göttingen
niederzustürzen
es müsste mehr sein als der
Sturz eines Drachen
der nach chaotischem Flug
die Rechtschaffenheit
doch nicht zu stören vermag
der nach dem Dachfirst
ausgerichteten Ziegel
vergeblich durchzuckt
sein Spiegelbild aufgeregt
den mattschwarzen Glanz
der Sonnenkollektoren
an dieser Stelle
wäre einmal mehr darauf
hinzuweisen dass
dieser Text laut gelesen
eine gewisse
Wirkung sicher entfaltet:
   
19919-19930: Vgl. David H. Hubel, Auge und Gehirn. Neurobiologie des Sehens, Heidelberg 1989, S. 91: „Auch wenn wir uns noch so bemühen – unsere Augen bleiben nicht vollkommen still stehen, sondern führen ständig kleinste Bewegungen, sogenannte Mikrosakkaden, aus.“   die Bewegungen
sowohl der Augen als auch
der Zunge (dieses
lockersten aller Muskeln)
sind Erkundungen
die sich fortsetzen im Raum
sie sind der Antrieb
für die Lichtjahre die sich
von uns entfernen
und die in großem Bogen
uns wieder finden
Sakkaden irgend eines
göttlichen Schauens
das uns vorläufig nicht aus
den Augen verliert
auf dessen Blickfeldränder
treibe ich zu bis
der Kälteeinbruch mich zwingt
umzukehren in
   
19938-19941: Die Macula lutea, der sogenannte Gelbe Fleck in der Mitte der Netzhaut, ist u. a. die Stelle der größten Sehschärfe.   die Macula lutea
in das Sehzentrum
wo alles Sichtbare scharf
gezeichnet erscheint
von mir selbst jedoch sind die
Konturen verwischt
und das ist ein Zustand der
beunruhigt doch
bleibt alles freundlich gestimmt
zu freundlich vielleicht
um lange zu verweilen
 
Macula lutea
(der Gelbe Fleck)
19949: „Wie soll ich von dir loskommen, du geliebtes Ägypten der Dinge?“ Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke.
19950-19952: „Gott existiert nämlich nicht durch jene Dinge, ohne die er existiert, sondern durch jene, ohne die er nicht existieren kann.“ Raimundus Lullus, Ars brevis, Hamburg 1999, S. 118f.
19953-19956: Roland Barthes, Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn, Frankfurt a. M. 1990.


19978: lat. „rarus“ = locker, dünn, lückenhaft, weit.

 

 

19981-19990: „Gewisse Fehler aber wie gewisse gute Eigenschaften haften weniger an diesem oder jenem Individuum als vielmehr an diesem oder jenem Moment ... Sie haben fast gar nichts mit den Individuen zu tun, die nur unter ihr Licht wie unter mannigfaltige, bereits vor ihnen existierende, alles erfassende, unausweichliche Sonnenwenden geraten.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a. M. 2004, S. 411.


19995-20000: „Ein Landmann schleppt Eimer zum Haus und seine schmächtige Stute, resignierend, unruhig und träumend, lauscht ahnungsvoll den Gedanken ihres Hirns und atmet mit kurzen Zügen den starken Zug des Windes ein.“ Marcel Proust, Freuden und Tage und andere Erzählungen und Skizzen aus den Jahren 1892-1896, Frankfurter Ausgabe, hg. Von Luzius Keller, I, Bd. 1, Frankfurt 1988, S. 111f. (Paulus Potter).

 

  ich kehre zurück
[19950] zu den Dingen ohne die
Gott vermutlich nicht
zu existieren vermag
von denen mir Sinn
entgegenzukommen scheint
vielleicht damit ich
auf sie zu zeigen vermag
nicht nur auf Dinge
auch auf stille Landschaften
gilt es zu zeigen
auf das hochgelegene
Bergtal an dessen
stumpfem Ende die Zunge
des Gletschers die Luft
auffrischt und klärt wie dünnes
flüssiges Milchglas
bevor sein Eis sich wieder
zu wälzen beginnt
langsam und unerbittlich
leckend talabwärts
löscht er Zeichen und Spuren
schleift meines Daseins
flüchtige Nichtigkeit ab
als wäre ich nie
dagewesen oder kaum
nur das Leichte das
weit verstreut und weit oben
an den Steilhängen
locker und rar bleibt und sich
nirgendwo festhält
wird das Eis überstehen
auch ich gerate
ins Licht jenes Augenblicks
von dem ich weiß dass
er nichts mit mir zu tun hat
(wie unter eine
bereits schon lange vor mir
existierende
alles umfassende und
unausweichliche
Sonnenwende) irgendwo
werde ich stehen
bleiben zwischen den Birken
auf einer Wiese
vielleicht gleiche ich dieser
schmächtigen Stute
die ahnungsvoll unruhig
den Gedanken lauscht
ihres Hirns sie atmet mit
kurzen Zügen das
[20'000] starke Wehen des Windes ein
   
         
 

Home

18.04.2012