| Nicht bei Trost.
Mikrologien Z.19'001 - 20'000 Index / Anmerkungen / Kommentar |
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„Um zu überdauern, muss man sich Rhythmen anvertrauen,
das heisst Systemen von Augenblicken.“ Gaston Bachelard, La dialectique de la durée. |
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sichtbar gemachtes Denken schafft keinen Mehrwert für die Empfindung die mir etwas bedeutet was immer mein Hirn preisgibt an Bildern hat nichts mit mir zu tun was auch immer aufblitzen mag da draußen als Bild entspricht meiner inneren Weltwirklichkeit nicht auf einer Dachterrasse abends das dunkler werdende Blau betrachten des Himmels von dem ich weiß dass er nichts ist als immerwährendes schwärzestes Schwarz er kümmert sich nicht um das Licht das ihn seit Millionen von Jahren durchquert und vielleicht auch nicht um mich immer noch wird mir beim Hereinbrechen der Nacht ein klein wenig bang und es tut mir leid um das wegsinkende Blau jetzt wäre der richtige Zeitpunkt mit einem Gebet möglichem Unglück zuvorzukommen nachsichtig zu sein mit dem unmöglichen Glück mit allem was unmöglich und notwendig ist wie dieser Text mit seinem unerreichbaren und unendlichen Ende dem unaufhaltsam er sich zu nähern beginnt und wieder meldet sich dieses Etwas in mir das meinen Blick zwingt im Wald die grau gefleckten Stämme der Buchen ganz genau zu betrachten obwohl ich nicht weiß wozu das gut sein könnte ganz zu schweigen von [19050] den Obstbäumen die ihre schwarzen Zweige und die rosa überhauchten schneeweißen Blüten ins Blau des Himmels strecken schnell verliere ich das Gleichgewicht während ich hinaufschaue und es ist mir als ob dieses Etwas sich vielleicht nicht in mir rege sondern mich versuche von draußen zu sich zu locken solches Ansinnen scheint mir übergriffig und vorzeitig zu sein |
![]() Louis Darget: Photographie de la Pensée. Planète et Satellite (1896). |
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ich schließe die Augen um mich an den Geruch zu erinnern von frischer noch warmer Molke die eine Frau jetzt in den Schweinetrog schüttet an das Quietschen der Ferkel und das wohlige Grunzen der Muttersau die halb aufgerichtet nur undeutlich wahrnimmt wie gierig und durstig Neues im Koben beginnt ob auch die Tiere Ausschau halten nach etwas |
![]() Max Liebermann: Schweinekoben (um 1887) |
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| 19082: Das althochdeutsche Wort für Morgenröte lautet „Ostarun“; davon leitet sich möglicherweise unser Wort „Ostern“ ab. |
vielleicht wie wir nach einer Art Morgenröte die sich ankündigt in diesem schwachen Schimmern das unter der Tür hindurchsickert so dass des Unerkennbaren Rand sich ein klein wenig schärft unerklärlich ist woher dieses Gefühl kommt auch noch die schwächste Helligkeit führe dazu dass jemand mich sieht ich gerate in irgend ein Blickfeld bevor ich selbst etwas erkenne |
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| 19099-19102: Jules Michelet, La Mer, Paris 1861, S. 167 [im Kp. über die Quallen = Filles des Mers]: „… la branche d’une plante qui allait se charger de feuilles s’arrête dans son développement, se contracte, devient un organe d’amour, je veux dire une fleur, …“ Diese Formulierung bezieht sich wahrscheinlich auf die diesbezügliche Theorie Goethes im Text Versuch die Metamorphose der Pflanze zu erklären von 1790. |
es könnte sein dass Pflanzen ähnlich empfinden sie unterbrechen dann den Rhythmus zwischen Blatt [19101] und Stängel um sich als Blüten zu zeigen dem der sie betrachtet doch diese Art Sichtbarkeit unschuldig und kühn wird mir nie mehr gelingen viele Tausende von Zeilen müssen hier noch unbeirrt sinnlos aneinander sich reihen bis der Überblick unmöglich wird und aus dem Rauschen der Wörter vielleicht ein Wort hervortritt durch das wir plötzlich alle andern verstehen und so könnte der babylonische Rückbau endlich beginnen |
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19120-19127: Walter Benjamin, Berliner Kindheit um
neunzehnhundert: „Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In
einer Stadt sich aber zu verirren, wie man sich in einem Walde verirrt,
braucht Schulung." |
doch den Überblick schließlich zu verlieren ist nicht dasselbe wie wenn man nicht weiß wo man ist eines ist eine Gabe (nach langem Mühen) das andere meistens ein bloßes Versehen |
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19129-19136: Walter Benjamin, Der Sürrealismus: “…
vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im
Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das
Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich
erkennt.“ – Ders., Lehre vom Ähnlichen: „den Geist an jemem Zeitmaß
teilnehmen zu lassen, in welchem Ähnlichkeiten, flüchtig und um sogleich
wieder zu versinken, aus dem Fluss der Dinge hervorblitzen.“
19140-19150: Yan-Tsen-Tsai
(1716-97): In tiefer Nacht. In der kalten Nacht habe ich über
meinem / Buch die Stunde des Zubettgehens vergessen / Die Parfüms meiner
goldgestickten Bettdecke / sind schon verflogen, der Kamin brennt nicht
mehr. / Meine schöne Freundin, die mit Mühe bis dahin / Ihren Zorn
beherrschte, reisst mir die Lampe weg / Und fragt mich : Weisst du, wie
spät es ist? – Dieses Gedicht zitiert Franz Kafka in einem der
ersten Briefe an Felice Bauer (24.11.1912; s. auch Briefe vom
14./15.01.1913 u. 22.01.1913). |
vorläufig genieße ich das undurchdringlich Alltägliche und wie das Undurchdringliche sich alltäglich zeigt wie aus dem Fluss der Dinge Ähnlichkeiten aufblitzen und sogleich wieder versinken dieses Flackern an fernen Rändern vom allerersten Anfang das erst später zu einem ruhigen Leuchten wird unter dem Schirm der Leselampe deren sanftes Licht lässt mich lesend das Bett vergessen schon sind die Parfüms der goldgestickten Decke verflogen und kalt geworden ist der Kamin niemand ist zornig [19150] und ich weiß wie spät es ist mir genügt der Schlaf der über mich herfällt beim Wenden der Seiten auf denen Wörter Sätze langsam verschwimmen in matt schimmernden Flächen das Buch wird jetzt zum Umschlagplatz auf dem meine Wachheit geprüft wird es ist als ob sich langsam eine Wasserlache ausbreite unter mir die stetig ansteigt dann |
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19172-19175: „An incredible storm hit the Westman Islands …
a lot of boats sank …You could listen to them talking together on the ship’s
radio …“ Aus dem Bericht von Margrét Rósa Kjartansdóttir, in: Roni Horn,
Weather reports you. A project of Vatnassafn/Library of water,
Stykkishólmur, Iceland. London/Göttingen 2007, S. 173 |
unruhig wird und aufschäumt die Wellenkämme überstürzen sich brechend bilden Mulden aus bräunlich grauem Gewoge dies alles seh ich von weit oben undeutlich nun hör ich den Sturm und im Schiffsfunk die Stimmen schreiender Männer die sich auf den sinkenden Schiffen befinden |
![]() I. K. Aiwasowski: Die Woge (1889) |
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jetzt verdunkelt sich das Meer glanzlose Schwärze verschluckt Himmel und Wasser nur noch die weißen Schaumkronen spülen letzte Lichtreste empor Lichtblasen die auslaufen schnell zerfasern und wegsinken aufgesogen lautlos vom Nachtschwamm so bin ich schließlich doch noch in einen Zustand geraten der das Fallen ermöglicht in Schlaf |
![]() Tacita Dean: Sea Inventory Drawings (Filthy Weather), 1998, Kreide auf Wandtafel |
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| 19190-19195: Walter Benjamin: „Wer einmal den Fächer der Erinnerung aufzuklappen begonnen hat … in den Falten erst sitzt das Eigentliche …“ In: ders., Gesammelte Schriften, Frankfurt a. M. 1972-1989, Bd. VI, S. 467f. |
in die Falten des Fächers der aufgeklappt wird so dass die Protokolle des Erinnerns zwar sichtbar werden und dennoch unlesbar bleiben die Dinge verwachsen mit ihrem Gegenstand unterscheiden sich kaum noch von ihrem Schatten [19200] der ohne auf die Sonne Rücksicht zu nehmen sich festhält dort wo er fällt als blickte ich durch das geschlossene Fenster in das Atelier von Giorgio Morandi wo Alltagsgefäße in vollkommener Schönheit lautlos erhaben durch das Abendlicht gleiten ein Kupferkessel neben der weißen Flasche aus Alabaster eine bleigraue Büchse davor zierlich die dunkelblaue Phiole ein Krug mit dunklen Streifen auf mattgelbem Grund |
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| 19220-19228: Vgl. Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers, a.a.O., Bd. II, S. 9-21: „In ihnen [den Sophokles-Übersetzungen Hölderlins, F.D.] stürzt der Sinn von Abgrund zu Abgrund, bis er droht in bodenlosen Sprachtiefen sich zu verlieren.“ – „In dieser reinen Sprache, die nichts mehr meint und nichts mehr ausdrückt ... trifft endlich alle Mitteilung, aller Sinn und alle Intention auf eine Schicht, in der sie zu erlöschen bestimmt sind.“ |
diese hilflose Beschreibung versucht etwas zu übersetzen was unübersetzbar bleibt noch stürzt der Sinn nicht von Abgrund zu Abgrund noch trifft die Mitteilung und das Gemeinte nicht auf die Schicht in der sie zu erlöschen bestimmt sind beunruhigend sind Abweichungen des Blicks von der Sehachse mit ihrem naturgemäß leichten Gefälle jede Richtungsänderung birgt eine Gefahr es könnten bildgebende Verfahren zeigen wie bei ruhiggelegter Gewohnheit das Blut im Augapfel gerinnt der Glaskörper trüb wird aussichtslos jetzt nach oben schauen zu wollen ohne dass etwas uns zwingt |
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im
Durcheinander eines wirren Wollknäuels versucht das Auge mit kleinsten Bewegungen den bunten Fäden [19250] zu folgen die irgendwo verschwinden wieder erscheinen sich verknüpfen bis schließlich der Leib sich beruhigt und man meint zu erkennen wie das Unsichtbare sich dem Sichtbaren anschließt ein Gefühl fast wie eine kurze Umarmung einen Augenblick lang schwebt der Blick über den Spitzen der Gräser über dem Schaum der Ähren dann schleudert der Wind mir Staub und Sand ins Gesicht |
![]() Judith Scott (1943-2005) umarmt eine ihrer Skulpturen. |
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erkennbar ist
jetzt nur noch dieses schneeweiße Geländer mitten im Wald mit roten Tupfen darüber gut befestigt ein Vogelhaus in Türkis mit goldgelbem Dach keine Ahnung was im Innern geheimnisvoll vor sich geht würde mir Einsicht gewährt wäre nichts zu erkennen und doch könnte es sein dass gerade hier sich bald etwas ereignet was uns beunruhigt und dann in Schrecken versetzt |
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19284: Yang Lian, Unendlich; in: Lexikon der
sperrigen Wörter, hg. von Florian Höllerer und Jean-Baptiste Joly,
Stuttgart 2010, S. 149-159. (Yang Lian zitiert seinerseits aus
Sauberkeit von Cao Xueqin.) 19294-19297:
Blaise Pascal, Pensées, opuscules et lettres, Paris 2010, Fragm.
708, S. 545: „Car la nature est telle, qu'elle marque partout un Dieu
perdu, et dans l'homme et hors de l'homme.“ |
irgendwo las ich: im Verfall liegt die Rettung daran erinnert mich dieses einsame Haus hier mitten im Wald durch das Unterholz sickert mattes Schimmern das auf dem schwarzbraunen Panzer des Eremiten des Juchtenkäfers doch noch zu glänzen beginnt verweist die Natur wirklich überall auf den verlorenen Gott wie das Pascal behauptet? |
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19298-19305: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen,
Essays, Briefe, Leipzig 1965, S. 154: „Was der Mensch zu seiner
Glückseligkeit zu wissen nötig hat, das weiß er gewiss ohne alle
Offenbarung, als die, die er seinem Wesen nach besitzt. Lasst ihn seinen
Endzweck finden, wie sehr die Palliative von temporeller Ruhe Schaden
gestiftet haben, hat man ja gesehen. ….“ |
oder ist sie ein neues Palliativum [19300] von temporeller Ruhe das Schaden stiftet wie Offenbarungen die die Sicht verstellen auf das Unbedingte das zu tun uns obliegt? nämlich nochmals mit einem brennenden Kienspan einzudringen in Höhlen mit weitverzweigten Gängen um diese Halle wieder zu finden mit fast glatten Wänden hier nochmals versuchen mit einem Holzkohlestück Tiere zu zeichnen sie genau zu betrachten um ihnen später ohne Furcht zu begegnen sie nochmals spüren die Fingerkuppen wie sie mit roter Farbe (Eisenoxidpigmente mit Speichel vermischt) auf den kaltfeuchten Wänden die leeren Formen füllten mit rostigem Blut mutig geworden: draußen Tiere berühren die noch nicht tot sind eine Dunkelheit folgt der anderen erst nach Jahrtausenden weiten sich Lücken dazwischen im spärlichen Licht endlich lässt sie sich stellen die Frage: antworten wem? eine Stille folgt geeignet diese Frage mit der Atemluft zu vermischen so dass sie sich festsetzt in uns und mitschwingt als ein Rauschen auch wenn wir meinen jetzt endlich sei jemand da wie leicht täuscht man sich |
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| 19346-19351: Vgl. Tin-Tun-Ling (um 1830-1886): Der Schatten des Orangenzweigs: „Die Jungfrau … träumt, dass sie die Stimme des Jünglings höre. / Durch das Fensterpapier dringt der Schatten des Orangenzweigs und fällt auf ihre Knie; / Und sie träumt, ihr hätte jemand das seidene Kleid zerrissen.“ |
durch das Fensterpapier dringt der Schatten eines Orangenzweiges und fällt auf ihr Knie sie träumt [19350] jemand hätte ihr Kleid aus Seide zerrissen doch nicht der Erwartete der Andere kommt vergebliche Mühe sich schlafend zu stellen unüberhörbar bleibt das Rieseln des Sandes denn neben dem Nachtgeschirr steht „die Stund ist aus“ im Bild wird die „Schlafende vom Tod überrascht“ ihre Nacktheit zeigt dass sie benommen vielleicht und ohne es zu wissen längst unterwegs ist sie unterscheidet nicht mehr zwischen unbedeckt und bedeckt zwischen leise |
![]() 19353-19376: Sebald Beham: Schlafende, vom Tod überrascht, 1548. |
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und laut zwischen Gott und Mensch ihr gilt alles gleich neben dem Nachttopf kündigt das Ende sich an sie liest es ohne ihre Augen zu öffnen und kümmert sich nicht um die gespiegelte Schrift die also nicht sie sondern mich ansprechen will den Betrachter der außerhalb zu stehen meint des Bildes und der sich in Sicherheit wiegt der nicht daran denkt dass mit diesem Satz die Liste beginnen könnte auf der durchgestrichen wird was sie verzeichnet manchmal versuche ich mir vorzustellen es könnte die Intensität dieses Textes sich irgendwie steigern so dass mit der Niederschrift alles Gedankliche sich löste von seinem Gegenstand und dieser sich jeder Wortfindung entzöge für lange Zeit schließlich liegt dichte [19400] Stille und Sprachlosigkeit über den Dingen und ich beginne nochmals in Ruhe Namen zu verteilen und erste Sätze zu bilden zu beobachten wäre ob die Welt die aus dem Überallgleichzeitig herbeigelockt wird wieder dieselbe sei die sie immer schon war |
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| 19412-19418: Vgl. den chinesischen Mythos, von dem Jorge Luis Borges in Spiegeltiere berichtet; in: ders., Einhorn, Sphinx und Salamander. Ein Handbuch der phantastischen Zoologie, München 1964, S. 11f. |
oder ob aus dem Spiegel zum Beispiel Dinge und Figuren vermöchten herauszutreten und wir sie nicht mehr nur als Verdoppelung von Diesseitigem erkennten sondern es zeigte sich von Anfang an alles Sichtbare zweifach ein Gleiches weggeschoben von sich selbst wie wenn wir Nahes betrachten und die Linsen bleiben auf weit Entferntes justiert durch die Bewegung eines kleinen Muskels im Innern des Auges wird Übereinstimmung des Einen mit sich selbst wieder hergestellt eine Täuschung zu der uns vielleicht das Sehen-Wollen sowohl als auch das Nicht–Sehen-Wollen verführt |
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ich betrachte
das Bild einer schlichten Arbeit aus geflochtenen schwarzen und weißen Streifen ein Kind schnitt diese Bänder aus altem Papier und schob sie sorgsam in- und übereinander während sich in ihm die Frage: wann komme ich wieder nach Hause zu einem unlösbaren Knoten verknüpft hat [19450] damals in Theresienstadt die Wirklichkeit die hinter diesem Bild langsam verblasst vermag sich kaum noch in Erinnerung zu rufen obwohl gerade Rechtecke im schwarz-weißen Wechsel mit ihrer erzwungenen Ordnung nachdrücklich hinweisen auf Abgründe die zu beschreiben also festzuhalten sind auf der noch warmen Fleischseite des Pergaments |
![]() Flechtarbeit eines Kindes aus Theresienstadt |
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19465-19486: Der Text nimmt Bezug auf das Gedicht
Dayanhe, meine Amme von Ai Qing (1910-1996). In: Ai Qing, Auf der
Waage der Zeit. Gedichte, Berlin 1988, S. 13-17. (Ai Qing war der Vater des bekannten zeitgenössischen Künstlers Ai Weiwei.) |
aber auch dieses Andenken erkaltet wenn das schneeschwere Gras Jahr für Jahr die wenigen Gräber bedeckt und der Regen die Asche ins Erdreich hineinwäscht der Tod seiner Amme ging Ai Qing zu Herzen und er schrieb im Gefängnis für sie ein Gedicht das ich – ich weiß nicht weshalb – wieder und wieder lese möglicherweise weil ich das Lächeln nicht mehr vergessen möchte das sie verschenkte obwohl sie unter Tränen dahinging mit der Schmach ihres Lebens in dem kein Traum vermochte jemals wirklich zu werden was ihr blieb war die Liebe des Kindes das sie einst stillte für das sie kochte dessen Kleider sie flickte und wusch durch die Zeilen glänzt Liebe noch immer obwohl der der sie schrieb längst tot ist der Wind vermag es nicht abzutragen das Grün |
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19497: Der Kaiser fragt Bodhidharma (1. Zen-Patriarch in
China, um 470-543) nach dem „höchsten Sinn der Heiligen Wahrheit“.
Bodhidharma antwortet: „Offene Weite – nichts Heiliges.“ In: Bi-Yän-Lu.
Meister Yüan-wu’s Niederschrift von der Smaragdenen Felswand [12. Jh.],
1. Beispiel, S. 37. 19498-19500: Marcel Proust, À la recherche du temps perdu. III: Le Temps retrouvé, Paris 1954, S. 989: „… car si notre vie est vagabonde notre mémoire est sédentaire, …“ („… denn so rastlos unser Leben ist, so sesshaft ist unser Gedächtnis, …“ Ders., Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a. M. 2004, S. 440.) |
der weit offenen Landschaft unser Leben ist rastlos sesshaft ist [19500] nur unser Gedächtnis doch die Wirklichkeit die das Erinnern herstellt was bedeutet sie noch wenn wir das torlose Tor durchschritten haben das ohne Rahmen dasteht wiegt das Erinnern nicht zu schwer als Gepäck beim Wechsel der Seiten ohne zu vergessen wie könnte ich trotzdem unbeschwert unterwegs sein vielleicht ordnen sich die Dinge von selbst wenn wir sie unbehindert ein- und ausgehen lassen dieselbe Tür dient dem Vergessen Erinnern gut ist wenn der Geist beobachtet was vorgeht |
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19521-19527: Martin Heidegger spricht davon, dass „im
faktischen Leben ihm selbst ständig irgendwie etwas fehlt, und zwar so,
dass zugleich mitfehlt die Bestimmung, was es eigentlich ist, das fehlt“
und vom „Sturzcharakter des faktischen Lebens“. Ders.,
Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles, GA 61 (1985), S.
154 u. 121. 19530: „schwaches Denkens“ („pensiero debole“): ein Begriff, der mehrfach bei Gianni Vattimo im Zusammenhang mit seiner Metaphysik-Kritik Verwendung findet. |
etwas fehlt immer auch jeder Anhaltspunkt fehlt was es sein könnte was fehlt was als Unruhe ein Gefühl wachhält als ob man stürze nicht tief aber beständig diese Gesetzmäßigkeit wird erträglich durch Schwächung des Denkens es wird der starken Vernunft etwas entzogen so dass Unmögliches wie Mögliches wahrscheinlich wird dieser Text versucht zu beschreiben was vorkommt ohne Theorie die ihn maßregeln könnte also ohne dass etwas ausgelöscht würde |
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was sich
beharrlich hier vor ein Größeres schiebt sind Wolken die an die Leerstellen erinnern des Himmels dessen Blau uns zu ephemeren Étuden verführt wie dieser endlos vor sich hinflüchtende Text [19550] der eine Art Übung ist Vorursprüngliches auf seiner Oberfläche dingfest zu machen das Aufzählen von Allem wird immer wieder von Neuem begonnen ein auf den ersten Blick |
![]() Eugène Delacroix: Étude de ciel |
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| 19558-19563: Die unbedingte Verantwortung gegenüber dem Andern ist nach Emmanuel Lévinas „ein erdrückender Auftrag, aber göttliche Mühsal [incomfort divin]“. Ders., Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg i. Br. 1992, S. 272. |
erdrückender Auftrag doch ist es zugleich auch eine göttliche Mühsal die darin besteht sich dem Anspruch des Andern nicht zu entziehen das hier genannt werden will die Kluft jedoch muss unüberbrückbar bleiben so wie die Frage zur vorläufigen Antwort unerreichbar bleibt doch in Sichtweite sich zeigt unablässig und weit ausholend mäandert Schlaufe um Schlaufe dieses Wortwerks durch ein Tal das zu vermessen mir ohne Anhaltspunkte nie gelingen wird zuversichtlich ohne Grund bin ich unterwegs in diesem Jammertal aus herber Zeitlichkeit hier blüht unbeirrt zwischen Schotter Sand und Kies Natternkopf Steinbrech Rauke Fingerhut Ampfer Huflattich und Nelkenwurz weiß ein Hahnenfuß genügsam widmen sie sich ausschließlich ihrem flüchtigen Vorhandensein bedroht bei Sturm vom anrollenden Geschiebe in kalten Nächten farblos ausgesetzt dem Frost was mir Untergang der Welt bedeutet für sie ist es ein kurzes Einnicken und Erwachen |
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| 19600-19609: Vgl. das Gedicht Nach Lukrez (Teil IV) von John Burnside: „… like the thought / that comes to mind, as winter closes in, // a thought you guard against for years / until you guess // that nothing matters less / than being seen.“ In: ders., Versuch über das Licht. Gedichte, zweisprachige Ausg., aus dem Engl. übers. von Iain Galbraith, München 2011, S. 65. |
ihnen ist dieser [19600] Gedanke selbstverständlich gegen den wir uns wehren jahrelang bis wir darauf kommen dass nichts so unwichtig ist (that nothing matters less) wie gesehen zu werden (than being seen) jetzt da die Tage dunkler und kürzer werden muss das Erinnern sich zurecht finden ohne Sicht auf eine Wirklichkeit die in guten Tagen nicht selten aufzuleuchten beliebte so dass ein Schimmer auch über das Unerreichbare hinglitt so dass ich den Klang zu hören meinte von loser Stille die in Bewegung gerät Musik vielleicht der Musik |
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| 19623-19634: Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 in d-Moll (Der Tod und das Mädchen). |
ein Ankündigen von Unerhörtem legt sich auch jetzt noch manchmal unter die ersten Takte eines Streichquartetts von Franz Schubert zum Beispiel in d-moll wenn der zweite Satz sich heranschiebt leise und dringlich meine ich es müsste jetzt dieses Andere ganz nahe sein nur etwas Geringes trennte mich noch von ihm „Andante con moto“ stetig vorwärts kreisend bin ich selbst ein Teilchen davon das sich Zeile für Zeile zu orten versucht als nachtleuchtendes Wölkchen als ein Nichts also das nur aus einem schwachen Begehren besteht dazuzugehören im Geflecht des Leuchtwerks und standzuhalten an der Nahtstelle zur Nacht |
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19650-19654: „Ihr Mönche, sucht nicht nach Worten und jagt
nicht Erklärungen nach! Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen, alle
Verrichtungen des Alltags sind Werkzeuge eurer [eigenen] Natur. ...
So hört doch auf [mit eurem Streben] und gönnt euch etwas Ruhe.“ Mazu
Daoyi und Dazhu Huihai, Grundlegende Reden und Aufzeichnungen der
Hongzhou-Schule des Chan-Buddhismus, Berlin 2011, S. 86f. 19662-19664: „Der Weg braucht keine Übung.“ [Wenn du sagst, du willst etwas durch Übung erreichen, dann ist, was du zu erreichen beabsichtigst, schon zum Vornherein verloren.] a.a.O., S. 18, 21. |
[19650]
Schritt für Schritt weitergehen ohne zu wissen wohin und dieses Dasein freundlich betrachten ohne zu fragen wozu ein Vorhaben das selten gelingt es fragt sich: woher kommt der Glanz dieser Lichtspickel der sich auf die Pupille legt noch bevor das Auge zu sehen beginnt (ein Zeichen vielleicht dass wir auf einem Weg sind der keiner Übung bedarf) das was uns angeht ist stets unmittelbar da wenn der Blick durch die Gitterstäbe hinein fällt auf die Birken auf die Tiere im Käfig auf die Hand die versucht das Fell zu berühren auf das Reh das dasteht mit gespreizten Beinen und gewendetem Kopf schaut es aus dem Bild durch mich hindurch in eine Weite jenseits der Gärten in eine Leere |
![]() Adolph Menzel: Zoologischer Garten (1863) |
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| 19679-19691: Vgl. dazu: Jean-François Lyotard, Das Erhabene und die Avantgarde, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 38. Jg. (1984) H. 424, S. 151-164, hier bes. S. 152 und 160. |
eine Bruchstelle die mich beunruhigt und wieder gelingt es mir nicht das zu beschreiben was ich beschreiben möchte trotzdem macht es sich irgendwie geltend es wird eine Art Blöße ein Entäußern erkennbar Nicht-Darstellbares lässt sich andeutungsweise so vielleicht zeigen es ist die Ungewissheit dieses Lavieren zwischen der Angst dass etwas aufhören könnte und dem Erstaunen dass sich dieses Etwas doch Immer wieder ereignet die das Spiel antreibt [19700] und spielend in Gang hält hier geht es um dieses Dazwischen das innehält doch nichts unterbricht |
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19704: „mysterium fascinosum et tremendum“ ist die berühmte
Formel für das Heilige bei Rudolf Otto, Das Heilige (1917). |
fascinosum tremendum stets beides zugleich ein Unschlüssigkeitsanfall lässt mich erkennen wie stetig die Unordnung zunimmt der Dinge nur noch Ungeordnetes wendet sich mir zu mit hämischer Heiterkeit löst alles sich auf in einen chaotischen Zustand des Gleichmuts solch beunruhigende Vorgänge lassen in mir das Gefühl einer Art Abwesenheit anschwellen einer Leere schneeweiß und randlos trotzdem werde ich später wieder beginnen mit dem Aufräumen und dem Zurückdrängen der Dinge in ihrem Ansturm damit sich zeigt was zwischen ihnen sich ausspannt was bindet und löst ein Beziehungsgeflecht das nicht feststellbar ist doch es bezieht mich mit ein |
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| 19733-19742: Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt a.M. 1970, S. 192: „Ihr [der Kunst] Rätselcharakter spornt dazu sie an, immanent derart sich zu artikulieren, dass sie durch die Gestaltung ihres emphatisch Sinnlosen Sinn gewinnt.“ |
die Abwesenheit eines begreifbaren Sinns macht sich bemerkbar doch versucht dieses Wortwerk die Frage nach Sinn möglichst unbeirrt lange offenzuhalten eine blankgescheuerte Rätselhaftigkeit kommt so schließlich zum Vorschein der Verdacht alles Aneinandergereihte sei geheimnisvoll miteinander verbunden löst in mir kaum noch etwas wie Zuversicht aus mich von Augenblick [19750] zu Augenblick verlässlich stets als derselbe wahrzunehmen gelingt nicht: ein Schollenleben unter mehrschartigem Pflug |
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unsicher
schwankend weiß ich auf der leicht abwärts führenden Straße nicht in welches der Häuser ich eintreten soll mit meinem ungeschickten Verlangen mit dem Finger der warmen Wölbung entlangzufahren einer Frau und gleichzeitig denke ich an die weißen schrattigen Karren hoch oben am Berg an das Rauschen des Bachs der verschrammte Kiesel dumpf grollend vor sich herschiebt ein langatmiges Donnern das durch die Flüsse sich vorwärts wuchtet bis es aufprallt und verhallt an steilen Klippen oder endlich am flachen Sandstrand verstummt wo die auslaufende Dünung einen verbeulten Blechnapf hin- und herschaukelt |
![]() Gisela Andersch: Strasse in Röros, Ost-Norwegen |
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| 19781-19789: Ralph Dutli, Meine Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam. Eine Biographie, Zürich 2003, S. 525. |
vielleicht den Napf den ein gewisser Kowaljow Bienenzüchter aus Blagoweschtschensk Mandelstam brachte halbgefüllt mit wässriger Suppe als dieser schon sterbend von seiner Pritsche nicht mehr aufstehen konnte) |
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| 19790-19795: Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke; in: ders., Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er Jahre, Zürich 1985, S. 238. |
vor Jahren schrieb er: „Kennen
Sie diesen Zustand? es ist als hätten alle Dinge Fieber als seien sie freudig erregt und doch krank“ diese Frage nochmals zu stellen schien ihm jetzt sinnlos hier in des Todes kaltem Gewächshaus wo die [19800] nachtschattigen Eisblumen hinein in den Rest seiner Atemluft wuchsen Gott oder kein Gott undenkbar beides es wird alles verblassen das Kainszeichen und die eingefaltete Sorge auf unserer Stirn das gilt auch für die Mikrologien die hier so unordentlich aneinandergereiht und aufgeschnürt werden dieser hauchdünne Faden im Zeitnadelöhr ist zugleich Kette und Schuss im Tuch das etwas verhüllt wovon ich nur weiß dass es nicht nichts ist und es sich deshalb vielleicht auch mitteilen will in einfachen Worten wie |
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19823: Titel eines Bildes von Barnett Newman (Not
There-Here, 1962). 19825: Martinisömmerchen: Sommertage in der ersten Hälfte des Novembers (Martinstag: 11. November). |
not there here oder iss leuchtendes Brot ganz still das Laub an diesem Martinisömmerchentag der dem Erinnern hilft an einen gedeckten Gartentisch unter aufgelockertem Schatten an den silbernen Teekrug auf dem die Sonne sich spiegelt an die blaue Zuckerdose an die Rose im Glas an die Serviette im Ring an den Waldrand und die Frau die mit dem Tablett unschlüssig dasteht am Tisch sitzt niemand ein Bild lautlosen Aufbruchs in und hinter den Büschen warten die Tiere erschrocken ihnen fehlen die lächerlichen Geräusche die unseren Irrlauf begleiten diese plötzliche Stille: es scheint als sei im [19850] Augenblick der Besinnung niemand da außer dieser Magd die auch eine Göttin sein könnte |
![]() Hanna Pauli (1864-1940): Frukostdags |
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19854-19857: „Denn weil / Die Seligsten nichts fühlen von selbst, / Muss wohl, wenn solches zu sagen / Erlaubt ist, in der Götter Namen / Teilnehmend fühlen ein Andrer, / Den brauchen sie; …“ Aus: Friedrich Hölderlin, Der Rhein. 19858-19863: „Wenn aber / Das Blau ist ausgelöschet, das Einfältige, scheint / Das Matte, das dem Marmelstein gleichet, wie Erz, / Anzeige des Reichtums.“ Aus: Friedrich Hölderlin, Was ist des Menschen Leben? 18865-19881: Aus dem Sektionsbericht von Dr. Rapp (1843); in. Hölderlin, der Pflegsohn. Texte und Dokumente 1806-1843 mit den neu entdeckten Nürtinger Pflegschaftsakten, hg. von Gregor Wittkop, Stuttgart, 1993, S. 329.
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doch „weil die Seligsten nichts fühlen von selbst muss wohl in der Götter Namen fühlen ein Andrer“ fast scheint es als ob das Blau ausgelöscht sei und nur noch das Matte scheine das Einfältige als Anzeige des Reichtums wie Erz der Dichter der solches schrieb starb schließlich unauffällig doch nach schwerer Respiration bei ziemlich fester Consistenz des Gehirns nur in den seitlichen Hirnhöhlen fand Doktor Rapp helle Flüssigkeit einen Kaffeelöffel voll dieser Leib wurde während fast vierzig Jahren bedrängt vom Wahnsinn oben in der Turmstube über dem Neckar starb er ohne zu klagen mit verknöcherten Herzklappen und die Lunge mit Wasser gefüllt |
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18882-18885: „So gib unschuldig Wasser, / O Fittiche gib uns, treuesten Sinns / Hinüberzugehn und wiederzukehren.“ Aus Friedrich Hölderlin: Patmos. |
"So gib unschuldig Wasser O Fittiche gib" um "hinüberzugehn und wiederzukehren" es wird Zeit diesen Text mit einer gewissen Leichtigkeit zu belüften und beispielsweise |
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| 19890-19901: Vgl. den Brief von Georg Christoph Lichtenberg an Johann Andreas Schernhagen (Geheimer Kanzleisekretär in Hannover) vom 27. August 1778. |
an den Brief zu erinnern den Lichtenberg schrieb um zu berichten dass sein Drache in einem heftigen Wind wohl an die tausend Fuß hochstieg in den Wolken schien er sich zu verlieren da riss der Draht und er flog fort um wild schlingernd auf [19900] die Dächer von Göttingen niederzustürzen es müsste mehr sein als der Sturz eines Drachen der nach chaotischem Flug die Rechtschaffenheit doch nicht zu stören vermag der nach dem Dachfirst ausgerichteten Ziegel vergeblich durchzuckt sein Spiegelbild aufgeregt den mattschwarzen Glanz der Sonnenkollektoren an dieser Stelle wäre einmal mehr darauf hinzuweisen dass dieser Text laut gelesen eine gewisse Wirkung sicher entfaltet: |
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| 19919-19930: Vgl. David H. Hubel, Auge und Gehirn. Neurobiologie des Sehens, Heidelberg 1989, S. 91: „Auch wenn wir uns noch so bemühen – unsere Augen bleiben nicht vollkommen still stehen, sondern führen ständig kleinste Bewegungen, sogenannte Mikrosakkaden, aus.“ |
die Bewegungen sowohl der Augen als auch der Zunge (dieses lockersten aller Muskeln) sind Erkundungen die sich fortsetzen im Raum sie sind der Antrieb für die Lichtjahre die sich von uns entfernen und die in großem Bogen uns wieder finden Sakkaden irgend eines göttlichen Schauens das uns vorläufig nicht aus den Augen verliert auf dessen Blickfeldränder treibe ich zu bis der Kälteeinbruch mich zwingt umzukehren in |
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| 19938-19941: Die Macula lutea, der sogenannte Gelbe Fleck in der Mitte der Netzhaut, ist u. a. die Stelle der größten Sehschärfe. |
die Macula lutea in das Sehzentrum wo alles Sichtbare scharf gezeichnet erscheint von mir selbst jedoch sind die Konturen verwischt und das ist ein Zustand der beunruhigt doch bleibt alles freundlich gestimmt zu freundlich vielleicht um lange zu verweilen |
![]() Macula lutea (der Gelbe Fleck) |
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19949: „Wie soll ich von dir loskommen, du geliebtes
Ägypten der Dinge?“ Ossip Mandelstam, Die ägyptische Briefmarke. 19950-19952: „Gott existiert nämlich nicht durch jene Dinge, ohne die er existiert, sondern durch jene, ohne die er nicht existieren kann.“ Raimundus Lullus, Ars brevis, Hamburg 1999, S. 118f. 19953-19956: Roland Barthes, Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn, Frankfurt a. M. 1990.
19981-19990: „Gewisse Fehler aber wie gewisse gute Eigenschaften haften weniger an diesem oder jenem Individuum als vielmehr an diesem oder jenem Moment ... Sie haben fast gar nichts mit den Individuen zu tun, die nur unter ihr Licht wie unter mannigfaltige, bereits vor ihnen existierende, alles erfassende, unausweichliche Sonnenwenden geraten.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit], Frankfurt a. M. 2004, S. 411.
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ich kehre zurück [19950] zu den Dingen ohne die Gott vermutlich nicht zu existieren vermag von denen mir Sinn entgegenzukommen scheint vielleicht damit ich auf sie zu zeigen vermag nicht nur auf Dinge auch auf stille Landschaften gilt es zu zeigen auf das hochgelegene Bergtal an dessen stumpfem Ende die Zunge des Gletschers die Luft auffrischt und klärt wie dünnes flüssiges Milchglas bevor sein Eis sich wieder zu wälzen beginnt langsam und unerbittlich leckend talabwärts löscht er Zeichen und Spuren schleift meines Daseins flüchtige Nichtigkeit ab als wäre ich nie dagewesen oder kaum nur das Leichte das weit verstreut und weit oben an den Steilhängen locker und rar bleibt und sich nirgendwo festhält wird das Eis überstehen auch ich gerate ins Licht jenes Augenblicks von dem ich weiß dass er nichts mit mir zu tun hat (wie unter eine bereits schon lange vor mir existierende alles umfassende und unausweichliche Sonnenwende) irgendwo werde ich stehen bleiben zwischen den Birken auf einer Wiese vielleicht gleiche ich dieser schmächtigen Stute die ahnungsvoll unruhig den Gedanken lauscht ihres Hirns sie atmet mit kurzen Zügen das [20'000] starke Wehen des Windes ein |
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18.04.2012 |