Nicht bei Trost. Mikrologien 
Z.20'001 - 21'000
Index / Anmerkungen / Kommentar 
 
"Jeder Satz, den ich schreibe, meint immer schon das Ganze also immer wieder dasselbe, und es sind quasi nur Ansichten eines Gegenstandes unter verschiedenen Winkeln betrachtet."
Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen
       
  es ist nicht einfach
den Anfang eines Textes
überzuführen
in einen Textteil der sich
kaum unterscheidet
der wieder ein Anfang ist
um ein Geringes
nur weiter geschoben auf
der Achse der Zeit
den Dingen wende ich mich
wieder zu nicht als
Denkender der sie nur als
etwas Gedachtes
und so Vergleichbares denkt
ich werde neben
ihnen unauffällig mich
hinsetzen und sie
mit einer Art Sprechgesang
begleiten darin
müsste ich mich und sie sich
wiedererkennen
ein Unterfangen ohne
bestimmbares Ziel
ohne Sinn den man zügig
ansteuern könnte
 
20027: Lichtenberg berichtet in einem Brief (vom 21.4.1786) von seinen Eindrücken auf rauer See: „Das Unaufhaltsame im ganzen, die menschliche Verwegenheit und der Geist, der sich hierin zeigt, […] Es ist kein grösserer Anblick in der Natur …“

20032: Titel eine Buches von Georges Didi-Huberman: Was wir sehen blickt uns an [Ce que nous voyons, ce qui nous regarde], München 1999.

jedoch was sich zeigt ist das
Unaufhaltsame
im Ganzen eine Einsicht
getränkt mit herber
Sinnlichkeit süß und bitter
bei flackerndem Licht
was wir sehen blickt uns an
und nicht nur dies
es beginnt zugleich auch ein
oft langatmiges
ausuferndes Erzählen
von unmöglichen
und möglichen Geschichten
aus der Zukunft
von längst schon Vergangenem
   
  diese mit Blumen
geschmückte Glocke die noch
nicht im Turm hängt die
im Schatten eines Baumes
regungslos wartet
was berichtet sie jetzt schon
was wird sie später
verkünden hoch über dem
Kopfsteinpflaster der
[20050] kleinen slowenischen Stadt
den Fischen die im
Oberlauf unterwegs sind
der Sava träumend
vom Zusammenfluss mit der
Donau und von der
Mündung ins Schwarze Meer
ununterbrochen
stell ich Anderes mir vor
und wiederhole
Eigenes in der Hoffnung
 
"Novi zvon"
20060-20062: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, München 1984, S. 58: „… wenn etwas gesagt werden soll, so darf es nie ganz gesagt sein.“
 
dass im Gesagten
stets etwas ungesagt bleibt
was zur Sprache kommt
ist die Widerständigkeit
der Dinge die sich
zwar ereignen doch zugleich
auch sich verweigern
mein Reden bezeichnet die
Übergänge und
markiert Niederlassungen
nicht bewohnbare
wo das Einzelne fremd bleibt
und unbegreiflich
während das Ganze vielleicht
doch einen Sinn hat
der ab und an aufleuchtet
so dass ich meine
zu verstehen sei möglich
zum Beispiel dass ich
zwar unterwegs bin doch nicht
auf einer Reise
die mich weit weg führt sondern
nur weil ich mich zu
einigen Botengängen
verpflichtet habe
zwischen den braunfleckigen
Blättern die Nüsse
ich lese sie auf löse
sie aus den grünen
fasrig-fleischigen Hüllen
im warmen Zimmer
lege ich sie auf den Tisch
bis die hölzernen
Schalen trocken und hell sind
auch meine Mutter
hat stets Nüsse gesammelt
und sie im Winter
aufgebrochen zerkleinert
und vor dem Fenster
[20100] den frierenden Spatzen und
Meisen verfüttert
   
20102-20109: a.a.O., S. 88: „… eine Tradition, das heisst laut Husserl: das Vergessen der Ursprünge, die Pflicht, auf andere Weise neu zu beginnen, der Vergangenheit nicht ein Überleben zu verleihen …, sondern die Wirksamkeit einer Wiederaufnahme oder einer ‚Wiederholung’, welche die edle Form des Gedächtnisses ist.“ diese unerwarteten
Wiederholungen
bilden die wertvollste Form
des Gedächtnisses
sie sind auch ein Vergessen
(der Ursprünge) und
Pflicht auf andere Weise
neu zu beginnen
mit dem Verteilen von Licht
und Schatten mit der
Neueinbettung der Felsen
ins Wasser um so
Flussläufe umzulenken
kleinere Seen
trockenzulegen oder
noch unbenannte
Mulden zu fluten vielleicht
gelingt es sogar
eine der Wasserscheiden
leicht zu verschieben
 
An der Verzasca
(Foto E. Aeschbach)
  die Winterproduktion von
Eiszapfen gilt es
sicherzustellen damit
das Unfassbare
erstarrt in glasklarer Form
ein Verfahren das
sich vielleicht übertragen
lässt um kurzfristig
vorbeihuschendes Leben
ruhig zu stellen
bevor es sich wieder in
Bewegung setzt als
 
20122-20124: [Foto:] Roberto Donetta (1865-1932): Produzione di ghiaccio
20133-20136: Ein zentraler Gedanke bei Nikolaus von Kues.  Siehe z. Bsp.: De docta ignorantia, (Buch 2, Kp.3).

20139-20142: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, hg. von Claude Lefort, München 1984, S. 121: „Die erste Malerei inauguriert eine Welt, das erste Wort eröffnet ein Universum.“

20141-20143: Erstes Buch der Könige, 8,12: „Der Herr hat gesagt, dass er wohnen will im Wolkendunkel.“

erfahrbare endlose
Ausfaltung Gottes
eine explicatio
an der die Sprache
teilhat weil sie sie antreibt
schon das erste Wort
hat ein Universum aus
dem Wolkendunkel
hervorgeholt in dem Gott
sich lange verbarg
dieses Wort fand sich weil es
niemand gesucht hat
(überhaupt könnte es sein
dass finden ohne
zu suchen besser gelingt)
ein Wort also hat
[20150] Gottes Ohnmacht beendet
so dass er sich jetzt
horizontal teilnehmend
ausbreiten kann dies
trotz unbeschwerlicher Raum-
und Zeitlosigkeit
gegen die auch mein Leben
sich auflehnt und sich
in wirren Knäueln verknüpft
für Augenblicke
scheint fassbar was sich gleich
wieder auflöst im
Unvorstellbaren da war
doch irgendetwas
auf kaltem Glas ein warmer
asthmatischer Hauch
   
20167-10170: Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, S. 214: „Ich greife zu einem Wort, wie meine Hand an eine plötzlich schmerzende Stelle meines Körpers fährt; …“ man muss auch die lautlosen
Wörter ergreifen
wie man mit der Hand ohne
zu zögern hinfasst
nach der Stelle des Schmerzes
ich schnuppere an
den sich reihenden Wörtern
den ersten Sätzen
entlang die ich verstehe
ein wilder Geruch
geht aus von der Sprache kurz
bevor man sie spricht
Liebe und Sprache beides
geschieht mir ohne
dass ich begreife weshalb
dieses Größere
mich und wie überwältigt
später erst merk ich
wie nass ich schon bin wenn es
aus dem Nebelgrau
lautlos zu regnen beginnt
eigenartig wie
mein frierender Leib sich an
die Melodie zu
erinnern versucht von der
er weiß dass er sie
nie gehört hat sie könnte
ähnlich beginnen
wie der zweite Satz aus dem
f-Moll-Konzert für
Klavier und Streicher von Bach
mit einem sachten
Vorschlag setzt sie ein strebt kurz
aufwärts fällt und steigt
[20200] und stürzt erneut fliegt auf zu
jenem hohen Ton
auf dem sie nicht verweilt doch
dies ist sie nicht die
Melodie an die ich mich
nicht erinnern kann
oder sollte ich mich doch
ganz auf das Sehen
konzentrieren den Befehl
„schau!“ im Hinterkopf
als permanente Mahnung
darauf zu achten
wie das was ist kommt und geht
ein Sehen das sich
der Oberfläche hingibt
sie abtastet mit
einem Blick der sich noch nicht
schämt seiner Blindheit
dieser Text ließe sich wohl
zusammenfassen
mit dem Wort „schau“ er zwingt mich
unerbittlich und
beharrlich hinzusehen
auf das wovon er
zu berichten nicht vermag
die Wörter deuten
auf die Ränder hin eines
Schweigens das nach dem
   
202208: Margareta Porete (um 1250-1310) spricht immer wieder vom „Fernnahen“ („Loingprés“) als Person, auf die sich ihre ganze mystische Sehnsucht bezieht. Dies., Der Spiegel der einfachen Seelen. Wege der Frauenmystik, Zürich 1987. Vgl. Z. 12990.

20230-20232: David Cranz, in einem Brief an Graf Zinzendorf vom 18.11.1757 aus Bern, in welchem er seinem Kummer über die bevorstehende Reise zu den Herrnhuterbrüdern im Engadin Ausdruck gibt: „Ich denke nicht viel dabey, als: ich gehe, weils der Heiland und die Brüder so haben wollen. […] Alles das contribuirt zur Melancholie, sobald ich denke.“
20234-20236: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Essays, Briefe, hg. von Kurt Batt, Leipzig 1965, S. 192: „Es können Dinge bei einem alt werden, obgleich man selbst jung bleibt.“

Entferntnahen ausschaut auch
wenn es sich nie zeigt
„alles das contribuirt
zur Melancholie
sobald ich [daran] denke“
während des Gehens
dünkt es mich die Dinge
bei mir würden alt
ich aber bliebe jung wie
eigenartig ich
vorbeigehe an der Zeit
die auskommt ohne
Anspruch etwas zu sein in mir
liegt sie wie eine
verlassene Stadt deren
Fassaden langsam
im Farblosen verschwinden
eine Stadt die längst
nicht mehr bewohnt wird und die
es vielleicht nie gab
nur in reglosen Bildern
entsteht in mir was
[20250] ich nachempfinde als Zeit
wobei unklar bleibt
wo dieses Ich und dieses
In-mir sein könnte
   

 

 

 

 

 

 


20241-20247 :
Verlassene Stadt.

20254-20258: Auf die wesentliche (und im Deutschen durch zwei Begriffe angezeigte) Unterscheidung von Körper und Leib geht u. a. der Philosoph Hermann Schmitz ein. (Zum Beispiel in: ders., Der Leib, Belin 2011, S. 1-6.) (soll mein Körper mein Ich sein?
nur was mich anspringt
ergreift im Erschrecken was
mich weitet im Glück
ist Leib und zugleich mein Ich)
möglicherweise
findet es sich in dieser
schneidenden Schärfe
die Unendliches wie ein
Schatten begleitet
„Ich“ ist eine Art Insel
in mir wo etwas
Unbestimmbares sich zeigt
zum Beispiel dieses
aufkeimende Verlangen
in eine kurze
Tonfolge einzugehen
und zu verschwinden
ohne Absicht eine Spur
zu hinterlassen
oder sie zu vermeiden
eine Sprachinsel
taucht auf auf der das Wort „Ich“
unübersetzbar
und auf alles gleichzeitig
anwendbar ist und
   
20280-20285: Vgl. das Gedicht The Last Man to Speak Ubykh von John Burnside.  In: ders. Burnside, Versuch über das Licht, München 2011, S. 94ff. dies in einer Sprache die
nur einer noch spricht
aus der Tiefe schwimmt das Wort
ihm manchmal noch zu
vielleicht wie das Wort für Tod
oder Wiesengras
   
20286: Zeile aus dem Gedicht A Villequier von Victor Hugo (in: Les Contemplations [1856]). Das vielstrophige Gedicht entstand im Zusamenhang mit dem Tod von Hugos Lieblingstochter Leopoldine, die 1843 in der Seine bei Villequier ertrank. „il faut que l'herbe pousse et
que les enfants meurent“
jedoch ob dies ein Trost ist
für den dessen Kind
nur in der Sprache nochmals
ins Leben gerät
um gleich darauf wieder mit
dem Atem der spricht
sich aufzulösen ins Nichts
   
  obwohl ich immer
noch unterwegs bin wird es
mir kaum gelingen
dieses Kind zu erkennen
das vielleicht einst am
[20300] Horizont nochmals erscheint
doch ich verhalte
mich so als stünde seine
Ankunft kurz bevor
ich beachte den Asphalt
der Buckel wirft die
Geröllhalde aus Bauschutt
auf der der Mohn blüht
die Kassiererin gilt es
nicht zu stören wenn
ihr Blick sich in der Ferne
verliert wo nichts ist
keine Ware kein Kunde
kein leeres Regal
das auf bald Eintreffendes
hinweisen würde
 
Rogier van der Weyden, Middelburger Altar
20316-20322: Vgl. dazu die Vision des heiligen Benedikt. In: Gregorius Magnus [Gregor der Grosse], Dialogorum libri quattuor de vita et miraculis patrum italicorum et de aeternitate animarum, Buch II, Kp. 35,3. wer weiß ob sie nicht die Welt
als kleine Kugel
über den Hügeln sieht wie sie
langsam verschwindet
während die Seelen von ihr
aufsteigen jedoch
keinen Himmel mehr finden
was mich an dieses
Lichtspiel erinnert das sich
unverhofft an die
dunkle Wand wirft wenn sich die
Sonne in einem
der leeren Teller spiegelt
bei niedrigem Stand
vielleicht die Spur eines der
vielen Toten die
immer noch unter uns sind
 
Giovanni del Biondo, Vision des Hl. Benedikt, ca. um 1360.

 


20323-20329: Sonnenspiegelung in Suppenteller. (Foto: F.D.)

20333-20337: Vgl das Gedicht vom Tod von Inger Christensen „… / das Rauschen wo die Welt / der Toten und die der Nicht-Toten / im Trost des großen / Trostlosen zusammentreffen / …“ In: Inger Christensen, Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod. Essays, München 1999, S. 11. möglicherweise
trifft sich genau hier die Welt
der Toten mit der
der Nicht-Toten im Trost des
großen Trostlosen
wer weiß schon Genaueres
über diese nur
vermeintliche Leere die
sich im Glanz weißer
Suppenteller ansammelt
diese Leere die
mir wirklicher vorkommt als
die Wirklichkeit selbst
deren Unauffälligkeit
sich bemerkbar macht
   
20348-20350: Sei Shonagon, Skizzenbuch unterm Kopfkissen, um 1000. Zitiert aus: Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon, Frankfurt a.M 1975, S. 29 (Hübsche Dinge).
 
im Gesicht eines Kindes
das seine Zähne
[20350] in eine Melone gräbt
oder im stillen
Hochwirblen der Schneeflocken
im gleißenden Licht
im Nachhinein erst merk ich
dass ich es wieder
übersah überhörte
das worauf so sehr
ich zu achten mir vornahm
doch nun stimmt es mich
zuversichtlich und heiter
daran zu denken
dass es unbemerkt da war
es kümmert sich nicht
um meine Aufmerksamkeit
es drängt sich nicht auf
sich zu verbergen käme
ihm nie in den Sinn
vermutlich bewegt es sich
in der Art wie der
Zweig zu wippen beginnt wenn
ein Vogel auffliegt
wie eine blanke Klinge
die unerwartet
aus dem Schatten ins Licht fährt
dann wieder liegt es
zwischen dem Boden und dem
unteren Ende
des Stocks eines Blinden der
sich vorantastet
in unbekannt Dunkles
aus dem Hinterhalt
springt es mich an und greift mir
an die Kehle so
dass ich nur noch mit Mühe
zu schlucken vermag
   
  es ist als seien die die
längst nicht mehr da sind
zurückgekehrt unverhofft
sitzen sie mit mir
stumm und bleich im Gesicht um
einen gedeckten
kreisrunden Tisch sie rühren
sich nicht mehr bis die
Musik die jetzt einsetzt und
die ich nicht höre
irgendwann wieder verklingt
 
Luo Mingjun:
les absents
20397-20400: Marcel Proust, Melancholische Sommertage in Trouville: „Er spricht zu ihr mit jener fahlen Stimme des Traums, die uns verbietet zu glauben und gleichzeitig zwingt zuzuhören.“ In: ders., Freuden und Tage und andere Erzählungen und Skizzen aus den Jahren 1892-1896, Frankfurt a.M. 1998, S. 109.

20408-20410: Night of the Electric Insects und Sarabanda de la Muerte Obscura sind Untertitel in der Komposition Black Angels, Thirteen Images from the Dark Land von George Crumb (1970).

20412-20427: Vgl..Z. 10848ff.

ich höre Stimmen
ohne sie zu verstehen
doch zwingen sie mich
[20400] zuzuhören als sei ich
eine von ihnen
ein an- und abschwellendes
Rauschen spannt sich als
hauchdünne milchige Haut
über die in der
Tiefe liegenden Seen
auf deren Wasser
uralte Insekten die
Sarabanda de
la Muerte Obscura
instrumentieren
dieser Text versucht in Form
einer Umarmung
zu artikulieren was
stattfindet um mich
auf keine Art und Weise
will er Fenster sein
auf etwas anderes hin
es genügt wenn die
Buchstaben Wörter werden
und diese Sätze
wenn sich vom weißen Papier
ewas wie ein Bild
abzuheben beginnt doch
dies hat schon nichts mehr
zu tun mit der besagten
kurzen Umarmung
geheimnisvoll bleibt wie die
Bilder eindringen
und verschwinden im Innern
wo Dunkelheit herrscht
in den flimmernden Zellen
wohin schwemmt das Blut
der Liquor das Bild und
wo bleibt es haften
   
  zum Beispiel dieses Antlitz
das Cuno Amiet
im hohen Alter aus der
Wachskreideschichten
herauskratzt ein Selbstbildnis
das zu vergessen
lange Zeit nicht mehr gelingt
das zugleich einen
unbestimmten Klang erzeugt
fast ohne Gewicht
streicht ein Bogen über die
Saite flautando
ein gehauchter rauer Ton
schnell leiser werdend
 
Cuno Amiet
 Selbstbildnis, 1959.
 

 

 

 

20457-20460: Eine berühmte Fotografie von Julian Wasser zeigt Marcel Duchamp 1963 beim Schachspeil mit der nackten Autorin Eve Babitz im Pasanda Art Museum.

[20450] Stille: eine Frau lesend
sitzt sie am Tisch mit
entblößtem Oberkörper
die Haare ganz kurz
das Gesicht leicht gerötet
der Leib bleich und schwer
was liest sie diese Bäuerin
(käme sie je wie
Eve Babitz auf die Idee
nackt im Museum
Schach zu spielen mit Duchamp?)
dieses andächtig
bedächtige schrittweise
Lesen und Denken
ausgesetz schutzlos dem Blick
Außenstehender
die keinerlei Preisgabe
ihrer Sichtbarkeit
in Betracht ziehen werden
berührt mich es ist
als ob um sie einer der
Räume entstünde
die ohne Rand und Gewicht
hell und warm bleiben
an Wintertagen und nachts
ein Raum dem jede
Schnittfläche fehlt zu irgend
etwas anderem
weil er enthält was es braucht
damit jederzeit
alles Mögliche sich zeigt
 
Cuno Amiet:
Frau Grütter am Tisch mit entblößtem Oberkörper, 1906.
  jedes Bild dünkt mich
zeige irgendwie immer
die Geburt Christi
auch dann wenn das Personal
nicht anwesend ist
und die Tiere fehlen die
Neugeborenes
wärmen mit ihrem Atem
damit Gottes längst
blind gewordene Wörter
sichtbar bleiben falls
wir sie nicht mehr hören
doch auch die Bilder
verblassen erkennbar wird
nur bleiben was fehlt
 
Hieronymus Bosch
Geburt Christi
20496-20500: Vgl. Marcel Proust: Das Bekenntnis eines jungen Mädchens; in: Freuden und Tage, Frankfurt a.M. 1998, S. 118.

20501-20515: Franz Kafka schreibt im Sommer1909 an Max Brod von der Arbeitslast (in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag): „Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen – von meinen übrigen Arbeiten abgesehen – wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leute rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.“

20514: Franz Kafka schreibt an Max Brod am 15. und 17.12.1910: „Mein ganzer Körper warnt mich vor jedem Wort; jedes Wort, ehe es sich von mir niederschreiben lässt, schaut sich zuerst nach allen Seiten um; die Sätze zerbrechen mir förmlich, ich sehe ihr Inneres und muss dann aber rasch aufhören."
 

"Ist nicht die Abwesenheit
für denjeneigen
der liebt die sicherste, die
unzerstörbarste
[20500] aller Anwesenheiten?"
noch aber findet
alles leibhaftig statt: wie
betrunken fallen
die Leute von Gerüsten
in die Maschinen
alle Balken kippen um
alle Böschungen
lockern sich alle Leitern
rutschen aus und man
bekommt Kopfschmerzen von den
jungen Mädchen in
den Porzellanfabriken
die unaufhörlich
mit Türmen von Geschirr sich
auf Treppen werfen
schließlich warnt mich mein Körper
vor jedem Wort denn
kein einziges von ihnen hält
was es verspricht
Leerstellen überwuchern
das Wortwerk bilden
Höhlen mit still wachsenden
Stalagmiten die
Schlammpartikel und Wörter
einschließen im Kalk
um sie für längere Zeit
ruhig zu stellen
bevor einer der Götter
wieder leichtfertig
damit zu schaffen beginnt
das heißt dieser Text
muss noch unauffälliger
werden nahezu
gleichgültig gegenüber
der Fülle von dem
was erwähnenswert scheint nur
so gelingt es ihm
nicht verloren zu gehen
losgelöst von mir
und frei vom Drang irgendwem
sich anzubieten
gelöscht aus den Archiven
entfernt er sich schnell
schwebt als durchsichtiges Band
als zerknitterte
glänzende Folie durchs All
eine geglückte
Schrumpfung aus der Gegenwart
hinein in den Schaum
[20550] eines Textwerks in welchem
die Dinge von den
   
20552: Francesco Petrarca, Canzoniere (129): „… me freddo, pietra morta in pietra viva, / in guisa d’uom che pensi et pianga et scriva.“ Wörtern sich trennen denken
schreiben und weinen
werden unverknüpft locker
dort einzeln geübt
wobei Denken mit der Zeit
sich verwandelt zu
kurzen Melodien die
ununterbrochen
sich aneinander reihen
nur vereinzelt taucht
ein Gedanke kurz auf mit
Wörtern im Schlepptau
warm wie Perlen auf der Haut
mit matt schimmernden
Vokalen die in den weit
aufgefächerten
Akkorde sich halten und
wieder verschwinden
die Konsonanten jedoch
   
20571-20574: Kafka schenkt Max Brod zum Geburtstag ein Steinchen und schreibt dazu (am 27. März 1910): „… da tut es gut, einen solchen Stein in die Welt zu werfen, um so das Sichere vom Unsicheren zu trennen.“ sind Steine die hoch
in die Luft geworfen das
Sichere trennen
vom unsicheren Andern
dieses Libretto
sostenuto ist letztlich
der vergebliche
Versuch einer Aufzählung
von allem die kaum
begonnen abbrechen wird
von weitem hört man
nur ein kurzes Pralltrillern
das in der Stille
eine Lücke aufreißt die
sich schnell wieder schließt
das Hörbare meine ich
nur noch gedämpft und
verschleiert wahrzunehmen
   
20589: "con sordino": Anweisung in Partituren; "mit dem Dämpfer zu spielen". con sordino stets
liegt über der Landschaft ein
Nebel der an die
Flanken der Hügel sich schmiegt
der die Felstrümmer
und Gesteinsbrocken verschluckt
(verstreute Flecken
auf einem kaltfeuchten Fell)
erst wenn der Wind kommt
lichtet der Nebel sich und
steigt unwillig hoch
[20600] in den blassblauen Himmel
seit zehn Jahren wird
hier wachzubleiben versucht
ohne dass sich etwas
Besonderes ereignet
dies fördert in mir
die Gewissheit dass es nichts
Besonderes braucht
und trotzdem etwas sich zeigt
kaum je schreibe ich
   
20610: Diese Satzbezeichnung hat Beethoven oft verwendet.

20611: Zitat aus Goethe, Faust, 2. Teil, Kp. 15 (während des Niedersteigens zu den Müttern; Mephisto zu Faust): „Hast du Begriff von öd’ und Einsamkeit?“

„mit innigster Empfindung“
selten treiben mich
„öd’ und einsamkeit“ umher
ich reihe Silben
beharrlich aneinander
Zeile um Zeile
kurzatmige Gedanken
ohne Bedürfnis
Festgehaltenes nochmals
zu lesen alles
könnte auch ganz anders sein
immerhin entsteht
schreibend eine Spur auf der
ich das Verschwinden
das Michentfernen übe
und das Aufgeben
des Ortes wo ich nicht bin
   
20627-20641: Die in Australien und Neuseeland lebenden Laubenvögel locken das Weibchen mit einem optisch auffällig gestalteten Vorplatz in ihre „Laube“. Die Gegenstände werden so hingelegt, dass für den Blick des Weibchens von der Laube aus sich ein möglichst gleichmäßiges Muster zeigt. Vgl. Science (20 January 2012): Vol. 335, Nr. 6066, S. 292-293. vorher allerdings
werde ich hier weiterhin
meine Textlaube
schmücken mit Knochensplittern
und grauen Steinchen
wobei Größeres entfernt
Kleineres näher
zu liegen kommt wie das
Laubvogelweibchen
wird man beim Lesen getäuscht
durch eine optisch
erzwungne Perspektive
alles was vorliegt
scheint mir gleich groß zu sein und
nicht schlecht geordnet
dennoch unüberblickbar
unter Tag wie ein
gleichgerichtetes Myzel
wächst ein Ornament
legt sich ein schlichtes Muster
über das was mir
zu begreifen nicht gelingt
als Eichhörnchen springt
[20650] dieser Text von Ast zu Ast
vielleicht ohne je
den Boden zu berühren
es kümmert sich nicht
um seinen Schatten der wie
ein dunkles Blitzen
hurtig durchs Blättermeer huscht
während ich selbst mich
kaum bewege mich frage
was weiß er von mir
mein Schatten was ich nicht weiß
mein Vorwärtskommen
   
20663-20669: Vgl. die Vita des Heiligen Gallus, aufgezeichnet vom Mönch Wetti (gest. 824), Kp. 11. In: Der heilige Gallus 612|2012. Leben - Legende - Kult. Katalog zur Jahresausstellung in der Stiftsbibliothek St.Gallen. St.Gallen 2011, S. 174. Bild (a.a.O. S. 139): Sylvae sacrae, St. Gallen, Stiftsbibliothek, Graphische Sammlung, Paris 1620: Text: „Cernuus ante crucem proiecto corpore Gallus / Dum iacet astra tenem mente, stygemque premit …“ („Gallus, der gestolpert ist, erreicht, während er mit ausgestrecktem Köper da liegt, mit dem Geiste die Sterne und drückt die Hölle zu Boden.“)

20675-20679: Franz Kafka, am 12. März 1910 an Max Brod: „... ich bestehe nur aus Spitzen, die in mich hinein gehn, will ich mich da wehren und Kraft aufwenden, heißt das nur die Spitzen besser hineindrücken."

ist oft eher ein Stolpern
doch erreiche ich
stürzend weder die Sterne
noch drücke ich so
die Hölle nieder was dem
Heiligen Gallus
im Wald einst gelang als er
ins Dorngestrüpp fiel
der meinte nichts zu spüren
von den Stacheln die
je mehr er sich wehrte ihn
desto mehr stachen
und der sich nicht vorstellen
mochte dass später
einer schreibt er bestehe
nur noch aus Spitzen
und diese richteten sich
stets gegen ihn selbst
unmöglich scheint ihm jetzt dass
er den Klangkörper
wieder finde beim Schreiben
er fürchtet sein Text
gerate endgültig ins
Stocken verliere
sich in der groben Körnung
eines Schleifpapiers
oder löse gewichtlos
geworden sich auf
in dunklen Vibrationen
die neimand mehr hört
die sich nur noch tief unter
den Bäumen langsam
durchs Wurzelwerk fortsetzen
Wellen in Ringen
die ausgehen von einem
Findling im Wald der
ein letztes Mal sich bewegt
es ist das Zittern
[20700] der Basaltsäulen bevor
sie sich erkaltend
eng aneinander drängen
das der Worfindung
immer noch dient der Ruf der
kochenden Erde
nicht aufzuhören sich der
Ordnung der Wände
zuzuwenden und deren
Runen zu lesen
der Beschreibung von dem was
unverständlich bleibt
von anderem zu reden
wird sich nicht lohnen
scheinbar klare Begriffe
sind zu vermeiden
„Zufall“ „Gesetz“ was lässt sich
damit erklären
selbst Gott weigert sich standhaft
sie zu verwenden
man muss eine nicht näher
zu bestimmende
Bewegung spüren unter
jedem Laut jedem
einzelnen Wort wie wenn man
von der Liebe spricht
oder von der Kälte wenn
die Bambusblätter
grau werden sich einrollen
in der Längsrichtung
und auf den Straßen das Salz
Landschaften bildet
kristallin zartfächrig weiß
dem Reden von der
Liebe kommen die Bilder
schneller abhanden
vielleicht weil sie nur da ist
solange man staunt
dass es sie überhaupt gibt
 
20739-20748: „qorban tamid“ (hebr.) ist die Bezeichnung für das fortwährende Opfern (vgl. Ex 29,42), das bis zur Zerstörung des Tempels im Jahr 586 v.Chr., resp. 70 n. Chr. täglich vollzogen wurde. Der Begriff „Opfer“ wurde später umgedeutet zum „Gebet“. Vgl. z. Bsp. Demonstrationes 4 des syrischen Schriftstellers Aphrahat (4. Jh.). Kritik am blutigen Opfer findet sich schon im Alten und besonders auch im Neuen Testament (Hos 6,5: Treue und Gotteserkenntnis statt Opfer; Mt 9,13: Barmherzigkeit statt Opfer).

20749-20756: Charles Baudelaire, Le confiteor de l’artiste: „... car il est de certaines sensations délicieuses dont le vague n’exclut pas l’intensité; et il n’est pas de pointe plus acérée que celle de l’Infini.“ In: ders. Petits poèmes en prose.

weiterhin gilt es
unter allen Umständen
weiterzuschreiben
das Opfern von Wörtern nicht
zu unterbrechen
noch steht der Tempel und das
qorban tamid wird
als tägliches Gebet sich
vorläufig halten
auch wenn keiner mehr zuhört
„die Unbestimmtheit
[20750] gewisser Empfindungen
schließt jedoch deren
Intensität nicht aus“ schreibt
Baudelaire und fährt fort
„es gibt keinen schärferen
Stachel als den des
Unendlichen“ ob mit der
Uferlosigkeit
dieses Textes wohl etwas
zu gewinnen sei
scheint mir selbst höchst ungewiss
doch ihn ohne Grund
und leichtfertig beenden
ohne dass er sich
verweigert sich mir entzieht
nein das will ich nicht
   
20766-20771: Michel de Montaigne, Essais, I, 20 (Von der Stärke der Imagination): „Man sah letzthin bey mir eine Katze, welche einen Vogel aufm Baume in die Augen fasste, und nachdem sich beyde eine Zeitlang starr angegafft hatten, stürzte der Vogel wie todt in die Krallen der Katze; und musste er von seiner eigenen Imagination betrunken oder betäubt, oder von einer anziehenden Kraft der Katze angezogen worden seyn.“ wie die Katze den Vogel
auf dem Zweig anstarrt
bis er herunterfällt tot
in ihre Krallen
betäubt von der eigenen
Imagination
so fixiere ich den Text
der hier noch nicht steht
bis er stürzt und mir zufällt
zwar lebendig doch
auch er trunken von einer
Art Einbildungskraft
die sich seiner bemächtigt
angesichts eines
Wohlwollens das er bei mir
meint zu erkennen
stillschweigend setz er voraus
dass man ihm Platz macht
im dunklen Labyrinth des
eigenen Sprachbaus
rücksichtslos unersättlich
frisst der Text sich durch
meinen Vorrat an Zeilen
verschlingt die Wörter
die ich vor kurzem erst fand
deren opales
Schimmern mich erinnert hat
an die Deckflügel
eines auf eine Nadel
gesteckten Käfers
der vor kuzem noch lebte
gerne möchte ich
wissen ob er am Ende
des Tunnels dieses
[20800] Licht sah und ob vielleicht auch
in Wortgeflechte
wenn sie leiser geworden
eine Helligkeit
einfalle falls es dann noch
Sinn macht Helles von
Dunklem zu unterscheiden
   
20807-20811: Mischna, Avot 2,6: „Der Unwissende kann nicht fromm sein.“

20814-20822: Leonid Aronson: Wenn du vom Fahrrad fällst (aus dem Russischen von Olga Martynova und Elke Erb): „Wenn du vom Fahrrad fällst, / weisst du auf einmal / zwischen dir und der Welt ist das Fleisch, / das so fein ist, so kapriziös, / dass es der groben und abgehärteten  Seele / ein einziger Vorwurf ist. / …“
 
immer deutlicher
türmt sich mir Unwissenheit
auf Unwissenheit
so dass mir nicht einmal mehr
das Frommsein gelingt
nächsten Frühling werde ich
deshalb versuchen
vom Fahrrad zu fallen so
wird wieder klar was
zwischen mir und der Welt ist:
das Fleisch das so fein
"so kapriziös ist dass
es der groben und
abgehärteten Seele"
– ich ahnte es doch –
"ein einziger Vorwurf ist"
doch es ist das Fleisch
der Körper der sich als Leib
wiedererkennt sich
aufrafft um das labile
Gleichgewicht wieder
zu finden unerschrocken
   
20833: Die Tonart h-Moll wird von Beethoven als „schwarze“ Tonart bezeichnet. In h-Moll steht z.B. Schuberts Sinfonie „DieUnvollendete“. reiht er sich ein in
den jämmerlichen Umzug
psalmodierender
Pilger deren Lamento
(in h-Moll) könnte
Anfang von etwas letztlich
doch Heiterem sein
nämlich das Aufleuchten in
welchem die Seele
Nachsicht übt gegenüber
dem Körper der stürzt
welche Erinnerungen
werden verworfen
welche sinken und bilden
tief unter dem Eis
diesen See über dem Frost
und Schnee im Wechsel
während Jahrmillionen
Schichten auftürmen
(die zu durchbohren vielleicht
niemand mehr da ist)
[20850] ein Erinnerungssee schmiegt
an das immer noch
warme Erdinnere sich
nur selten stößt sein
Atem dampfendes Wasser
durch kleinste Ritzen
nach oben wo es hochschießt
und zischend versprüht
 
Goya: La romería de San Isdro
20859: Bei Vollmond zeigt sich manchmal ein Regenbogen als fahler Lichtbogen. so dass nachts manchmal kurz ein
Mondbogen sich wölbt
dann könnte es sein dass ein
Gedanke sich zeigt
der Zeit genug hatte sich
zu beruhigen
irgendwo in der Tiefe
bevor er sorglos
und ohne irgendwelche
Anordnungen auf
Steintafeln in Schriftrollen
oder Broschuren
zu kennen aufsteigt vielleicht
   
  während des Frühstücks
zwischen der Milch auf dem Tisch
und dem Heizkörper
an der Wand spannt er sich aus
und taucht ein in die
erst gerade Erwachten
die nicht wissen wie
und woher plötzlich diese
heitere Einsicht
ihnen gleichzeitig geschieht
es könnte sein dass
Helligkeiten jeder Art
der Stoff sind aus dem
Gedanken entstehen und
dass das Erinnern
Lichtschleusen öffnet damit
Abgedunkeltes
Vergessenes hochwirbelt
im flimmernden Staub
der sich unbemerkt lautos
Schicht um Schicht hinlegt
auf alles was der Schatten
zu lange festhält
auch auf Wortoberflächen
setzt sich Staub ab auf
das Wort „Gott“ zum Beispiel das
erst vor kurzem noch
glänzte unter dem Gewicht
seiner Bedeutung
[20900] jetzt ist es die Spur einer Spur
eine opake
Leerlaufformel geworden
(möglicherweise
hat es zu oft Trunkenheit
Schwindel verursacht)
das Denken scheint mir
zehrt immer noch von einer
Art Resthelligkeit
während der Sturz der Wörter
schon längst in Gang ist
und stürzen Wörter wie „Gott“
stürzen dann mit ihm
nicht alle anderen auch?
 
Pierre Bonnard
Le petit déjeuner au radiateur
, um 1930
20914-20920: Vgl. William Shakespeare, King Lear (4. Aufzug, 6. Auftritt): am Rand der Klippen von Dover beschreibt Edgar (verkleidet als Tom of Bedlam) Gloster (seinem geblendeten Vater) den Abgrund: „How fearful / And dizzy 'tis to cast one’s eyes so low! / The crows and choughs that wing the midway air / Show scare so gross as beetles ….“. Dr. Samuel Johnson kritisiert diese Beschreibung von Shakespeare und meint: „Nein, es sollte alles ein einziger Absturz sein, eine einzige Leere. Die Krähen halten den Sturz auf.“ In: James Boswell, Dr. Samuel Johnson. Leben und Erinnerungen. Mit einem Tagebuch einer Reise nach den Hebriden, Zürich 2008, S. 223. das Sprechen hätte
uns also an die Klippen
von Dover geführt
und die sind ein einziger
Abgrund (so beschreibt
Shakespeare sie in King Lear) nur
Raben und Krähen
halten den Blick auf hinab
was wir hören wäre
der Brandung Widerhall in
nie gleichem Rhythmus
die wütend ihren Schaum an
die Felswände schlägt
es müsste auf einen Schlag
Stille eintreten
Stille die eine Lücke
auffreißt im Lärm und
ihn weit über die Leere
endlich hinausschiebt
nach vielen Stunden erst wird
es wieder hörbar
das Raspeln und Nagen des
Käfers am Blattrand
manchmal frage ich mich ob
ich noch da sei doch
es wird unbeirrt weiter
geschrieben damit
es nicht auffällt sollte ich
abhandenkommen
   
20944-20946: Hölderlin. Der Pflegsohn ..., hg. von Gregor Wittkop, Stuttgart 1993, S. 207 (Nr. 297: Ernst Zimmer an Burk): „Ihr Herr Pfleg Sohn ist recht wohl und munter, die Gribe war auch in unserem Hauße, und hat ihn allein verschont. Auch ich bin wieder ganz gesund …“

20947-20954: Vgl. dazu Hoo Nam Seelmann, Der Hals ist trocken, die Wut steigt auf. Über die koreanische Schwierigkeit, „ich“ zu sagen, in: NZZ 03.03.2012, S. 53.

zur Beruhigung sei hier
vorsorglich vermerkt:
„Ihr Herr Pflegsohn ist recht wohl
und munter und auch
ich bin wieder ganz gesund“
sorgfälltig faltet
und entfaltet sich in mir
dieses stille und
[20950] unbestimmte Organ das
Erinnerungen
anlockt um sie zu bergen
und Empfindungen
weiterreicht an meinen Leib
irgendwo in den
unergründlichen Räumen
meines Inneren
zirkulieren sie lassen
sich anreichern in
Glücks- und Schmerzarsenalen
ganze Horden sind
planlos in mir unterwegs
ungeeignet zur
Philosophie finde ich
keinen Trost darin
zu wissen das ich nichts weiß
nicht zu verstehen
bleibt mir ein Stachel im Fleisch
   
20970-20973: devekut (hebr. „anhaften an Gott“): Begriff aus der jüdischen Mystik. unbeirrt übe
ich deshalb (devekut): ich
dränge und lehne
mich an die Stelle wo Gott
vor kurzem noch war
ein eigenartiger und
ortloser Raum der
unerwartet sich auftut:
   
20977-20981: Morton Feldman, Triadic Memories (1981). Am 11.03.2012 aufgeführt von Katharina Weber (Piano) in der Dampfzentrale Bern. wenige Töne
durchforsten darin über
Stunden im Dreiklang
aufgefaltet den Fächer
meines Erinnerns
nie Gesehenes zeigt sich
als Altvertrautes
das Bedürfnis fehlt nach mehr
oder weniger
es gilt nichts auszuwählen
dieses Gedächtnis
scheint irgendwie ohne mich
zu funktionieren
das Leben unterhält es
auch nach meinem Tod
von jeder Ordnung befreit
will ich verzichten
auf das Nicht-Sehen-Wollen
   
20995-21000: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [FA II, 6: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 254: „Gilberte gehörte … der verbreitetsten Spielart menschlicher Strauße an, nämlich der Gruppe derjenigen, die ihren Kopf weniger in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden – was sie für unwahrscheinlich halten –, in den Sand stecken, als vielmehr in der Absicht, nicht zu sehen, dass man sie sieht, …“ (In der Pléiade-Ausgabe von 1954 fehlt diese Stelle.) vielleicht gelingt auch
der Versuch nicht zu denen
zu gehören die
den Kopf in den Sand stecken
in der Absicht nicht
zu sehen dass man sie sieht
   
 



Neu: Nicht bei Trost, Carmen infinitum (Z. 12001-18000) bei  Edition Korrespondenzen, Wien 2011.

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10.05.2012