| Nicht bei Trost.
Mikrologien Z.20'001 - 21'000 Index / Anmerkungen / Kommentar |
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"Jeder Satz, den ich schreibe, meint immer schon das
Ganze also immer wieder dasselbe, und es sind quasi nur Ansichten eines
Gegenstandes unter verschiedenen Winkeln betrachtet." Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen |
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es ist nicht einfach den Anfang eines Textes überzuführen in einen Textteil der sich kaum unterscheidet der wieder ein Anfang ist um ein Geringes nur weiter geschoben auf der Achse der Zeit den Dingen wende ich mich wieder zu nicht als Denkender der sie nur als etwas Gedachtes und so Vergleichbares denkt ich werde neben ihnen unauffällig mich hinsetzen und sie mit einer Art Sprechgesang begleiten darin müsste ich mich und sie sich wiedererkennen ein Unterfangen ohne bestimmbares Ziel ohne Sinn den man zügig ansteuern könnte |
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20027: Lichtenberg berichtet in einem Brief (vom 21.4.1786)
von seinen Eindrücken auf rauer See: „Das Unaufhaltsame im ganzen, die
menschliche Verwegenheit und der Geist, der sich hierin zeigt, […] Es ist
kein grösserer Anblick in der Natur …“ 20032: Titel eine Buches von Georges Didi-Huberman: Was wir sehen blickt uns an [Ce que nous voyons, ce qui nous regarde], München 1999. |
jedoch was sich zeigt ist das Unaufhaltsame im Ganzen eine Einsicht getränkt mit herber Sinnlichkeit süß und bitter bei flackerndem Licht was wir sehen blickt uns an und nicht nur dies es beginnt zugleich auch ein oft langatmiges ausuferndes Erzählen von unmöglichen und möglichen Geschichten aus der Zukunft von längst schon Vergangenem |
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diese mit Blumen geschmückte Glocke die noch nicht im Turm hängt die im Schatten eines Baumes regungslos wartet was berichtet sie jetzt schon was wird sie später verkünden hoch über dem Kopfsteinpflaster der [20050] kleinen slowenischen Stadt den Fischen die im Oberlauf unterwegs sind der Sava träumend vom Zusammenfluss mit der Donau und von der Mündung ins Schwarze Meer ununterbrochen stell ich Anderes mir vor und wiederhole Eigenes in der Hoffnung |
![]() "Novi zvon" |
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20060-20062: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt,
München 1984, S. 58: „… wenn etwas gesagt werden soll, so darf es nie ganz
gesagt sein.“ |
dass im Gesagten stets etwas ungesagt bleibt was zur Sprache kommt ist die Widerständigkeit der Dinge die sich zwar ereignen doch zugleich auch sich verweigern mein Reden bezeichnet die Übergänge und markiert Niederlassungen nicht bewohnbare wo das Einzelne fremd bleibt und unbegreiflich während das Ganze vielleicht doch einen Sinn hat der ab und an aufleuchtet so dass ich meine zu verstehen sei möglich zum Beispiel dass ich zwar unterwegs bin doch nicht auf einer Reise die mich weit weg führt sondern nur weil ich mich zu einigen Botengängen verpflichtet habe zwischen den braunfleckigen Blättern die Nüsse ich lese sie auf löse sie aus den grünen fasrig-fleischigen Hüllen im warmen Zimmer lege ich sie auf den Tisch bis die hölzernen Schalen trocken und hell sind auch meine Mutter hat stets Nüsse gesammelt und sie im Winter aufgebrochen zerkleinert und vor dem Fenster [20100] den frierenden Spatzen und Meisen verfüttert |
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| 20102-20109: a.a.O., S. 88: „… eine Tradition, das heisst laut Husserl: das Vergessen der Ursprünge, die Pflicht, auf andere Weise neu zu beginnen, der Vergangenheit nicht ein Überleben zu verleihen …, sondern die Wirksamkeit einer Wiederaufnahme oder einer ‚Wiederholung’, welche die edle Form des Gedächtnisses ist.“ |
diese unerwarteten Wiederholungen bilden die wertvollste Form des Gedächtnisses sie sind auch ein Vergessen (der Ursprünge) und Pflicht auf andere Weise neu zu beginnen mit dem Verteilen von Licht und Schatten mit der Neueinbettung der Felsen ins Wasser um so Flussläufe umzulenken kleinere Seen trockenzulegen oder noch unbenannte Mulden zu fluten vielleicht gelingt es sogar eine der Wasserscheiden leicht zu verschieben |
![]() An der Verzasca (Foto E. Aeschbach) |
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die Winterproduktion von Eiszapfen gilt es sicherzustellen damit das Unfassbare erstarrt in glasklarer Form ein Verfahren das sich vielleicht übertragen lässt um kurzfristig vorbeihuschendes Leben ruhig zu stellen bevor es sich wieder in Bewegung setzt als |
![]() 20122-20124: [Foto:] Roberto Donetta (1865-1932): Produzione di ghiaccio |
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20133-20136: Ein zentraler Gedanke bei Nikolaus von Kues.
Siehe z. Bsp.: De docta ignorantia, (Buch 2,
Kp.3). 20139-20142: Maurice Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, hg. von Claude Lefort, München 1984, S. 121: „Die erste Malerei inauguriert eine Welt, das erste Wort eröffnet ein Universum.“ 20141-20143: Erstes Buch der Könige, 8,12: „Der Herr hat gesagt, dass er wohnen will im Wolkendunkel.“ |
erfahrbare endlose Ausfaltung Gottes eine explicatio an der die Sprache teilhat weil sie sie antreibt schon das erste Wort hat ein Universum aus dem Wolkendunkel hervorgeholt in dem Gott sich lange verbarg dieses Wort fand sich weil es niemand gesucht hat (überhaupt könnte es sein dass finden ohne zu suchen besser gelingt) ein Wort also hat [20150] Gottes Ohnmacht beendet so dass er sich jetzt horizontal teilnehmend ausbreiten kann dies trotz unbeschwerlicher Raum- und Zeitlosigkeit gegen die auch mein Leben sich auflehnt und sich in wirren Knäueln verknüpft für Augenblicke scheint fassbar was sich gleich wieder auflöst im Unvorstellbaren da war doch irgendetwas auf kaltem Glas ein warmer asthmatischer Hauch |
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| 20167-10170: Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, S. 214: „Ich greife zu einem Wort, wie meine Hand an eine plötzlich schmerzende Stelle meines Körpers fährt; …“ |
man muss auch die lautlosen Wörter ergreifen wie man mit der Hand ohne zu zögern hinfasst nach der Stelle des Schmerzes ich schnuppere an den sich reihenden Wörtern den ersten Sätzen entlang die ich verstehe ein wilder Geruch geht aus von der Sprache kurz bevor man sie spricht Liebe und Sprache beides geschieht mir ohne dass ich begreife weshalb dieses Größere mich und wie überwältigt später erst merk ich wie nass ich schon bin wenn es aus dem Nebelgrau lautlos zu regnen beginnt eigenartig wie mein frierender Leib sich an die Melodie zu erinnern versucht von der er weiß dass er sie nie gehört hat sie könnte ähnlich beginnen wie der zweite Satz aus dem f-Moll-Konzert für Klavier und Streicher von Bach mit einem sachten Vorschlag setzt sie ein strebt kurz aufwärts fällt und steigt [20200] und stürzt erneut fliegt auf zu jenem hohen Ton auf dem sie nicht verweilt doch dies ist sie nicht die Melodie an die ich mich nicht erinnern kann oder sollte ich mich doch ganz auf das Sehen konzentrieren den Befehl „schau!“ im Hinterkopf als permanente Mahnung darauf zu achten wie das was ist kommt und geht ein Sehen das sich der Oberfläche hingibt sie abtastet mit einem Blick der sich noch nicht schämt seiner Blindheit dieser Text ließe sich wohl zusammenfassen mit dem Wort „schau“ er zwingt mich unerbittlich und beharrlich hinzusehen auf das wovon er zu berichten nicht vermag die Wörter deuten auf die Ränder hin eines Schweigens das nach dem |
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202208: Margareta Porete (um 1250-1310) spricht immer
wieder vom „Fernnahen“ („Loingprés“) als Person, auf die sich ihre ganze
mystische Sehnsucht bezieht. Dies., Der Spiegel der einfachen Seelen.
Wege der Frauenmystik, Zürich 1987. Vgl. Z. 12990.
20230-20232: David Cranz, in einem Brief an Graf Zinzendorf
vom 18.11.1757 aus Bern, in welchem er seinem Kummer über die
bevorstehende Reise zu den Herrnhuterbrüdern im Engadin Ausdruck gibt:
„Ich denke nicht viel dabey, als: ich gehe, weils der Heiland und die
Brüder so haben wollen. […] Alles das contribuirt zur Melancholie, sobald
ich denke.“ |
Entferntnahen ausschaut auch wenn es sich nie zeigt „alles das contribuirt zur Melancholie sobald ich [daran] denke“ während des Gehens dünkt es mich die Dinge bei mir würden alt ich aber bliebe jung wie eigenartig ich vorbeigehe an der Zeit die auskommt ohne Anspruch etwas zu sein in mir liegt sie wie eine verlassene Stadt deren Fassaden langsam im Farblosen verschwinden eine Stadt die längst nicht mehr bewohnt wird und die es vielleicht nie gab nur in reglosen Bildern entsteht in mir was [20250] ich nachempfinde als Zeit wobei unklar bleibt wo dieses Ich und dieses In-mir sein könnte |
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| 20254-20258: Auf die wesentliche (und im Deutschen durch zwei Begriffe angezeigte) Unterscheidung von Körper und Leib geht u. a. der Philosoph Hermann Schmitz ein. (Zum Beispiel in: ders., Der Leib, Belin 2011, S. 1-6.) |
(soll mein Körper mein Ich sein? nur was mich anspringt ergreift im Erschrecken was mich weitet im Glück ist Leib und zugleich mein Ich) möglicherweise findet es sich in dieser schneidenden Schärfe die Unendliches wie ein Schatten begleitet „Ich“ ist eine Art Insel in mir wo etwas Unbestimmbares sich zeigt zum Beispiel dieses aufkeimende Verlangen in eine kurze Tonfolge einzugehen und zu verschwinden ohne Absicht eine Spur zu hinterlassen oder sie zu vermeiden eine Sprachinsel taucht auf auf der das Wort „Ich“ unübersetzbar und auf alles gleichzeitig anwendbar ist und |
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| 20280-20285: Vgl. das Gedicht The Last Man to Speak Ubykh von John Burnside. In: ders. Burnside, Versuch über das Licht, München 2011, S. 94ff. |
dies in einer Sprache die nur einer noch spricht aus der Tiefe schwimmt das Wort ihm manchmal noch zu vielleicht wie das Wort für Tod oder Wiesengras |
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| 20286: Zeile aus dem Gedicht A Villequier von Victor Hugo (in: Les Contemplations [1856]). Das vielstrophige Gedicht entstand im Zusamenhang mit dem Tod von Hugos Lieblingstochter Leopoldine, die 1843 in der Seine bei Villequier ertrank. |
„il faut que l'herbe pousse et que les enfants meurent“ jedoch ob dies ein Trost ist für den dessen Kind nur in der Sprache nochmals ins Leben gerät um gleich darauf wieder mit dem Atem der spricht sich aufzulösen ins Nichts |
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obwohl ich immer noch unterwegs bin wird es mir kaum gelingen dieses Kind zu erkennen das vielleicht einst am [20300] Horizont nochmals erscheint doch ich verhalte mich so als stünde seine Ankunft kurz bevor ich beachte den Asphalt der Buckel wirft die Geröllhalde aus Bauschutt auf der der Mohn blüht die Kassiererin gilt es nicht zu stören wenn ihr Blick sich in der Ferne verliert wo nichts ist keine Ware kein Kunde kein leeres Regal das auf bald Eintreffendes hinweisen würde |
![]() Rogier van der Weyden, Middelburger Altar |
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| 20316-20322: Vgl. dazu die Vision des heiligen Benedikt. In: Gregorius Magnus [Gregor der Grosse], Dialogorum libri quattuor de vita et miraculis patrum italicorum et de aeternitate animarum, Buch II, Kp. 35,3. |
wer weiß ob sie nicht die Welt als kleine Kugel über den Hügeln sieht wie sie langsam verschwindet während die Seelen von ihr aufsteigen jedoch keinen Himmel mehr finden was mich an dieses Lichtspiel erinnert das sich unverhofft an die dunkle Wand wirft wenn sich die Sonne in einem der leeren Teller spiegelt bei niedrigem Stand vielleicht die Spur eines der vielen Toten die immer noch unter uns sind |
![]() Giovanni del Biondo, Vision des Hl. Benedikt, ca. um 1360.
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| 20333-20337: Vgl das Gedicht vom Tod von Inger Christensen „… / das Rauschen wo die Welt / der Toten und die der Nicht-Toten / im Trost des großen / Trostlosen zusammentreffen / …“ In: Inger Christensen, Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod. Essays, München 1999, S. 11. |
möglicherweise trifft sich genau hier die Welt der Toten mit der der Nicht-Toten im Trost des großen Trostlosen wer weiß schon Genaueres über diese nur vermeintliche Leere die sich im Glanz weißer Suppenteller ansammelt diese Leere die mir wirklicher vorkommt als die Wirklichkeit selbst deren Unauffälligkeit sich bemerkbar macht |
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20348-20350: Sei Shonagon, Skizzenbuch unterm Kopfkissen,
um 1000. Zitiert aus: Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon,
Frankfurt a.M 1975, S. 29 (Hübsche Dinge). |
im Gesicht eines Kindes das seine Zähne [20350] in eine Melone gräbt oder im stillen Hochwirblen der Schneeflocken im gleißenden Licht im Nachhinein erst merk ich dass ich es wieder übersah überhörte das worauf so sehr ich zu achten mir vornahm doch nun stimmt es mich zuversichtlich und heiter daran zu denken dass es unbemerkt da war es kümmert sich nicht um meine Aufmerksamkeit es drängt sich nicht auf sich zu verbergen käme ihm nie in den Sinn vermutlich bewegt es sich in der Art wie der Zweig zu wippen beginnt wenn ein Vogel auffliegt wie eine blanke Klinge die unerwartet aus dem Schatten ins Licht fährt dann wieder liegt es zwischen dem Boden und dem unteren Ende des Stocks eines Blinden der sich vorantastet in unbekannt Dunkles aus dem Hinterhalt springt es mich an und greift mir an die Kehle so dass ich nur noch mit Mühe zu schlucken vermag |
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es ist als seien die die längst nicht mehr da sind zurückgekehrt unverhofft sitzen sie mit mir stumm und bleich im Gesicht um einen gedeckten kreisrunden Tisch sie rühren sich nicht mehr bis die Musik die jetzt einsetzt und die ich nicht höre irgendwann wieder verklingt |
![]() Luo Mingjun: les absents |
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20397-20400: Marcel Proust, Melancholische Sommertage in
Trouville: „Er spricht zu ihr mit jener fahlen Stimme des Traums, die
uns verbietet zu glauben und gleichzeitig zwingt zuzuhören.“ In: ders.,
Freuden und Tage und andere Erzählungen und Skizzen aus den Jahren
1892-1896, Frankfurt a.M. 1998, S. 109. 20408-20410: Night of the Electric Insects und Sarabanda de la Muerte Obscura sind Untertitel in der Komposition Black Angels, Thirteen Images from the Dark Land von George Crumb (1970). 20412-20427: Vgl..Z. 10848ff. |
ich höre Stimmen ohne sie zu verstehen doch zwingen sie mich [20400] zuzuhören als sei ich eine von ihnen ein an- und abschwellendes Rauschen spannt sich als hauchdünne milchige Haut über die in der Tiefe liegenden Seen auf deren Wasser uralte Insekten die Sarabanda de la Muerte Obscura instrumentieren dieser Text versucht in Form einer Umarmung zu artikulieren was stattfindet um mich auf keine Art und Weise will er Fenster sein auf etwas anderes hin es genügt wenn die Buchstaben Wörter werden und diese Sätze wenn sich vom weißen Papier ewas wie ein Bild abzuheben beginnt doch dies hat schon nichts mehr zu tun mit der besagten kurzen Umarmung geheimnisvoll bleibt wie die Bilder eindringen und verschwinden im Innern wo Dunkelheit herrscht in den flimmernden Zellen wohin schwemmt das Blut der Liquor das Bild und wo bleibt es haften |
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zum Beispiel dieses Antlitz das Cuno Amiet im hohen Alter aus der Wachskreideschichten herauskratzt ein Selbstbildnis das zu vergessen lange Zeit nicht mehr gelingt das zugleich einen unbestimmten Klang erzeugt fast ohne Gewicht streicht ein Bogen über die Saite flautando ein gehauchter rauer Ton schnell leiser werdend |
![]() Cuno Amiet Selbstbildnis, 1959. |
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20457-20460: Eine berühmte Fotografie von Julian Wasser zeigt Marcel Duchamp 1963 beim Schachspeil mit der nackten Autorin Eve Babitz im Pasanda Art Museum. |
[20450]
Stille: eine Frau lesend sitzt sie am Tisch mit entblößtem Oberkörper die Haare ganz kurz das Gesicht leicht gerötet der Leib bleich und schwer was liest sie diese Bäuerin (käme sie je wie Eve Babitz auf die Idee nackt im Museum Schach zu spielen mit Duchamp?) dieses andächtig bedächtige schrittweise Lesen und Denken ausgesetz schutzlos dem Blick Außenstehender die keinerlei Preisgabe ihrer Sichtbarkeit in Betracht ziehen werden berührt mich es ist als ob um sie einer der Räume entstünde die ohne Rand und Gewicht hell und warm bleiben an Wintertagen und nachts ein Raum dem jede Schnittfläche fehlt zu irgend etwas anderem weil er enthält was es braucht damit jederzeit alles Mögliche sich zeigt |
![]() Cuno Amiet: Frau Grütter am Tisch mit entblößtem Oberkörper, 1906. |
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jedes Bild dünkt mich zeige irgendwie immer die Geburt Christi auch dann wenn das Personal nicht anwesend ist und die Tiere fehlen die Neugeborenes wärmen mit ihrem Atem damit Gottes längst blind gewordene Wörter sichtbar bleiben falls wir sie nicht mehr hören doch auch die Bilder verblassen erkennbar wird nur bleiben was fehlt |
![]() Hieronymus Bosch Geburt Christi |
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20496-20500: Vgl. Marcel Proust: Das Bekenntnis eines
jungen Mädchens; in: Freuden und Tage, Frankfurt a.M. 1998, S.
118. 20501-20515: Franz Kafka schreibt im Sommer1909 an Max Brod von der Arbeitslast (in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag): „Denn was ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen – von meinen übrigen Arbeiten abgesehen – wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leute rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.“
20514: Franz Kafka schreibt an Max Brod am 15. und
17.12.1910: „Mein ganzer Körper warnt mich vor jedem Wort; jedes Wort, ehe
es sich von mir niederschreiben lässt, schaut sich zuerst nach allen
Seiten um; die Sätze zerbrechen mir förmlich, ich sehe ihr Inneres und
muss dann aber rasch aufhören." |
"Ist nicht die Abwesenheit für denjeneigen der liebt die sicherste, die unzerstörbarste [20500] aller Anwesenheiten?" noch aber findet alles leibhaftig statt: wie betrunken fallen die Leute von Gerüsten in die Maschinen alle Balken kippen um alle Böschungen lockern sich alle Leitern rutschen aus und man bekommt Kopfschmerzen von den jungen Mädchen in den Porzellanfabriken die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf Treppen werfen schließlich warnt mich mein Körper vor jedem Wort denn kein einziges von ihnen hält was es verspricht Leerstellen überwuchern das Wortwerk bilden Höhlen mit still wachsenden Stalagmiten die Schlammpartikel und Wörter einschließen im Kalk um sie für längere Zeit ruhig zu stellen bevor einer der Götter wieder leichtfertig damit zu schaffen beginnt das heißt dieser Text muss noch unauffälliger werden nahezu gleichgültig gegenüber der Fülle von dem was erwähnenswert scheint nur so gelingt es ihm nicht verloren zu gehen losgelöst von mir und frei vom Drang irgendwem sich anzubieten gelöscht aus den Archiven entfernt er sich schnell schwebt als durchsichtiges Band als zerknitterte glänzende Folie durchs All eine geglückte Schrumpfung aus der Gegenwart hinein in den Schaum [20550] eines Textwerks in welchem die Dinge von den |
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| 20552: Francesco Petrarca, Canzoniere (129): „… me freddo, pietra morta in pietra viva, / in guisa d’uom che pensi et pianga et scriva.“ |
Wörtern sich trennen denken schreiben und weinen werden unverknüpft locker dort einzeln geübt wobei Denken mit der Zeit sich verwandelt zu kurzen Melodien die ununterbrochen sich aneinander reihen nur vereinzelt taucht ein Gedanke kurz auf mit Wörtern im Schlepptau warm wie Perlen auf der Haut mit matt schimmernden Vokalen die in den weit aufgefächerten Akkorde sich halten und wieder verschwinden die Konsonanten jedoch |
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| 20571-20574: Kafka schenkt Max Brod zum Geburtstag ein Steinchen und schreibt dazu (am 27. März 1910): „… da tut es gut, einen solchen Stein in die Welt zu werfen, um so das Sichere vom Unsicheren zu trennen.“ |
sind Steine die hoch in die Luft geworfen das Sichere trennen vom unsicheren Andern dieses Libretto sostenuto ist letztlich der vergebliche Versuch einer Aufzählung von allem die kaum begonnen abbrechen wird von weitem hört man nur ein kurzes Pralltrillern das in der Stille eine Lücke aufreißt die sich schnell wieder schließt das Hörbare meine ich nur noch gedämpft und verschleiert wahrzunehmen |
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| 20589: "con sordino": Anweisung in Partituren; "mit dem Dämpfer zu spielen". |
con sordino stets liegt über der Landschaft ein Nebel der an die Flanken der Hügel sich schmiegt der die Felstrümmer und Gesteinsbrocken verschluckt (verstreute Flecken auf einem kaltfeuchten Fell) erst wenn der Wind kommt lichtet der Nebel sich und steigt unwillig hoch [20600] in den blassblauen Himmel seit zehn Jahren wird hier wachzubleiben versucht ohne dass sich etwas Besonderes ereignet dies fördert in mir die Gewissheit dass es nichts Besonderes braucht und trotzdem etwas sich zeigt kaum je schreibe ich |
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20610: Diese Satzbezeichnung hat Beethoven oft verwendet. 20611: Zitat aus Goethe, Faust, 2. Teil, Kp. 15 (während des Niedersteigens zu den Müttern; Mephisto zu Faust): „Hast du Begriff von öd’ und Einsamkeit?“ |
„mit innigster Empfindung“ selten treiben mich „öd’ und einsamkeit“ umher ich reihe Silben beharrlich aneinander Zeile um Zeile kurzatmige Gedanken ohne Bedürfnis Festgehaltenes nochmals zu lesen alles könnte auch ganz anders sein immerhin entsteht schreibend eine Spur auf der ich das Verschwinden das Michentfernen übe und das Aufgeben des Ortes wo ich nicht bin |
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| 20627-20641: Die in Australien und Neuseeland lebenden Laubenvögel locken das Weibchen mit einem optisch auffällig gestalteten Vorplatz in ihre „Laube“. Die Gegenstände werden so hingelegt, dass für den Blick des Weibchens von der Laube aus sich ein möglichst gleichmäßiges Muster zeigt. Vgl. Science (20 January 2012): Vol. 335, Nr. 6066, S. 292-293. |
vorher allerdings werde ich hier weiterhin meine Textlaube schmücken mit Knochensplittern und grauen Steinchen wobei Größeres entfernt Kleineres näher zu liegen kommt wie das Laubvogelweibchen wird man beim Lesen getäuscht durch eine optisch erzwungne Perspektive alles was vorliegt scheint mir gleich groß zu sein und nicht schlecht geordnet dennoch unüberblickbar unter Tag wie ein gleichgerichtetes Myzel wächst ein Ornament legt sich ein schlichtes Muster über das was mir zu begreifen nicht gelingt als Eichhörnchen springt [20650] dieser Text von Ast zu Ast vielleicht ohne je den Boden zu berühren es kümmert sich nicht um seinen Schatten der wie ein dunkles Blitzen hurtig durchs Blättermeer huscht während ich selbst mich kaum bewege mich frage was weiß er von mir mein Schatten was ich nicht weiß mein Vorwärtskommen |
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20663-20669: Vgl. die Vita des Heiligen Gallus,
aufgezeichnet vom Mönch Wetti (gest. 824), Kp. 11. In: Der heilige
Gallus 612|2012. Leben - Legende - Kult. Katalog zur Jahresausstellung
in der Stiftsbibliothek St.Gallen. St.Gallen 2011, S. 174. Bild (a.a.O. S.
139): Sylvae sacrae, St. Gallen, Stiftsbibliothek, Graphische
Sammlung, Paris 1620: Text: „Cernuus ante crucem proiecto corpore Gallus /
Dum iacet astra tenem mente, stygemque premit …“ („Gallus, der gestolpert
ist, erreicht, während er mit ausgestrecktem Köper da liegt, mit dem
Geiste die Sterne und drückt die Hölle zu Boden.“) 20675-20679: Franz Kafka, am 12. März 1910 an Max Brod: „... ich bestehe nur aus Spitzen, die in mich hinein gehn, will ich mich da wehren und Kraft aufwenden, heißt das nur die Spitzen besser hineindrücken." |
ist oft eher ein Stolpern doch erreiche ich stürzend weder die Sterne noch drücke ich so die Hölle nieder was dem Heiligen Gallus im Wald einst gelang als er ins Dorngestrüpp fiel der meinte nichts zu spüren von den Stacheln die je mehr er sich wehrte ihn desto mehr stachen und der sich nicht vorstellen mochte dass später einer schreibt er bestehe nur noch aus Spitzen und diese richteten sich stets gegen ihn selbst unmöglich scheint ihm jetzt dass er den Klangkörper wieder finde beim Schreiben er fürchtet sein Text gerate endgültig ins Stocken verliere sich in der groben Körnung eines Schleifpapiers oder löse gewichtlos geworden sich auf in dunklen Vibrationen die neimand mehr hört die sich nur noch tief unter den Bäumen langsam durchs Wurzelwerk fortsetzen Wellen in Ringen die ausgehen von einem Findling im Wald der ein letztes Mal sich bewegt es ist das Zittern [20700] der Basaltsäulen bevor sie sich erkaltend eng aneinander drängen das der Worfindung immer noch dient der Ruf der kochenden Erde nicht aufzuhören sich der Ordnung der Wände zuzuwenden und deren Runen zu lesen der Beschreibung von dem was unverständlich bleibt von anderem zu reden wird sich nicht lohnen scheinbar klare Begriffe sind zu vermeiden „Zufall“ „Gesetz“ was lässt sich damit erklären selbst Gott weigert sich standhaft sie zu verwenden man muss eine nicht näher zu bestimmende Bewegung spüren unter jedem Laut jedem einzelnen Wort wie wenn man von der Liebe spricht oder von der Kälte wenn die Bambusblätter grau werden sich einrollen in der Längsrichtung und auf den Straßen das Salz Landschaften bildet kristallin zartfächrig weiß dem Reden von der Liebe kommen die Bilder schneller abhanden vielleicht weil sie nur da ist solange man staunt dass es sie überhaupt gibt |
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20739-20748: „qorban tamid“ (hebr.) ist die Bezeichnung für das
fortwährende Opfern (vgl. Ex 29,42), das bis zur Zerstörung des Tempels im
Jahr 586 v.Chr., resp. 70 n. Chr. täglich vollzogen wurde. Der Begriff
„Opfer“ wurde später umgedeutet zum „Gebet“. Vgl. z. Bsp.
Demonstrationes 4 des syrischen Schriftstellers Aphrahat (4. Jh.).
Kritik am blutigen Opfer findet sich schon im Alten und besonders auch im
Neuen Testament (Hos 6,5: Treue und Gotteserkenntnis statt Opfer; Mt 9,13:
Barmherzigkeit statt Opfer). 20749-20756: Charles Baudelaire, Le confiteor de l’artiste: „... car il est de certaines sensations délicieuses dont le vague n’exclut pas l’intensité; et il n’est pas de pointe plus acérée que celle de l’Infini.“ In: ders. Petits poèmes en prose. |
weiterhin gilt es unter allen Umständen weiterzuschreiben das Opfern von Wörtern nicht zu unterbrechen noch steht der Tempel und das qorban tamid wird als tägliches Gebet sich vorläufig halten auch wenn keiner mehr zuhört „die Unbestimmtheit [20750] gewisser Empfindungen schließt jedoch deren Intensität nicht aus“ schreibt Baudelaire und fährt fort „es gibt keinen schärferen Stachel als den des Unendlichen“ ob mit der Uferlosigkeit dieses Textes wohl etwas zu gewinnen sei scheint mir selbst höchst ungewiss doch ihn ohne Grund und leichtfertig beenden ohne dass er sich verweigert sich mir entzieht nein das will ich nicht |
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| 20766-20771: Michel de Montaigne, Essais, I, 20 (Von der Stärke der Imagination): „Man sah letzthin bey mir eine Katze, welche einen Vogel aufm Baume in die Augen fasste, und nachdem sich beyde eine Zeitlang starr angegafft hatten, stürzte der Vogel wie todt in die Krallen der Katze; und musste er von seiner eigenen Imagination betrunken oder betäubt, oder von einer anziehenden Kraft der Katze angezogen worden seyn.“ |
wie die Katze den Vogel auf dem Zweig anstarrt bis er herunterfällt tot in ihre Krallen betäubt von der eigenen Imagination so fixiere ich den Text der hier noch nicht steht bis er stürzt und mir zufällt zwar lebendig doch auch er trunken von einer Art Einbildungskraft die sich seiner bemächtigt angesichts eines Wohlwollens das er bei mir meint zu erkennen stillschweigend setz er voraus dass man ihm Platz macht im dunklen Labyrinth des eigenen Sprachbaus rücksichtslos unersättlich frisst der Text sich durch meinen Vorrat an Zeilen verschlingt die Wörter die ich vor kurzem erst fand deren opales Schimmern mich erinnert hat an die Deckflügel eines auf eine Nadel gesteckten Käfers der vor kuzem noch lebte gerne möchte ich wissen ob er am Ende des Tunnels dieses [20800] Licht sah und ob vielleicht auch in Wortgeflechte wenn sie leiser geworden eine Helligkeit einfalle falls es dann noch Sinn macht Helles von Dunklem zu unterscheiden |
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20807-20811: Mischna, Avot 2,6: „Der Unwissende kann
nicht fromm sein.“ 20814-20822: Leonid Aronson: Wenn du vom Fahrrad fällst (aus dem Russischen von Olga Martynova und Elke Erb): „Wenn du vom Fahrrad fällst, / weisst du auf einmal / zwischen dir und der Welt ist das Fleisch, / das so fein ist, so kapriziös, / dass es der groben und abgehärteten Seele / ein einziger Vorwurf ist. / …“ |
immer deutlicher türmt sich mir Unwissenheit auf Unwissenheit so dass mir nicht einmal mehr das Frommsein gelingt nächsten Frühling werde ich deshalb versuchen vom Fahrrad zu fallen so wird wieder klar was zwischen mir und der Welt ist: das Fleisch das so fein "so kapriziös ist dass es der groben und abgehärteten Seele" – ich ahnte es doch – "ein einziger Vorwurf ist" doch es ist das Fleisch der Körper der sich als Leib wiedererkennt sich aufrafft um das labile Gleichgewicht wieder zu finden unerschrocken |
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| 20833: Die Tonart h-Moll wird von Beethoven als „schwarze“ Tonart bezeichnet. In h-Moll steht z.B. Schuberts Sinfonie „DieUnvollendete“. |
reiht er sich ein in den jämmerlichen Umzug psalmodierender Pilger deren Lamento (in h-Moll) könnte Anfang von etwas letztlich doch Heiterem sein nämlich das Aufleuchten in welchem die Seele Nachsicht übt gegenüber dem Körper der stürzt welche Erinnerungen werden verworfen welche sinken und bilden tief unter dem Eis diesen See über dem Frost und Schnee im Wechsel während Jahrmillionen Schichten auftürmen (die zu durchbohren vielleicht niemand mehr da ist) [20850] ein Erinnerungssee schmiegt an das immer noch warme Erdinnere sich nur selten stößt sein Atem dampfendes Wasser durch kleinste Ritzen nach oben wo es hochschießt und zischend versprüht |
![]() Goya: La romería de San Isdro |
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| 20859: Bei Vollmond zeigt sich manchmal ein Regenbogen als fahler Lichtbogen. |
so dass nachts manchmal kurz ein Mondbogen sich wölbt dann könnte es sein dass ein Gedanke sich zeigt der Zeit genug hatte sich zu beruhigen irgendwo in der Tiefe bevor er sorglos und ohne irgendwelche Anordnungen auf Steintafeln in Schriftrollen oder Broschuren zu kennen aufsteigt vielleicht |
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während des Frühstücks zwischen der Milch auf dem Tisch und dem Heizkörper an der Wand spannt er sich aus und taucht ein in die erst gerade Erwachten die nicht wissen wie und woher plötzlich diese heitere Einsicht ihnen gleichzeitig geschieht es könnte sein dass Helligkeiten jeder Art der Stoff sind aus dem Gedanken entstehen und dass das Erinnern Lichtschleusen öffnet damit Abgedunkeltes Vergessenes hochwirbelt im flimmernden Staub der sich unbemerkt lautos Schicht um Schicht hinlegt auf alles was der Schatten zu lange festhält auch auf Wortoberflächen setzt sich Staub ab auf das Wort „Gott“ zum Beispiel das erst vor kurzem noch glänzte unter dem Gewicht seiner Bedeutung [20900] jetzt ist es die Spur einer Spur eine opake Leerlaufformel geworden (möglicherweise hat es zu oft Trunkenheit Schwindel verursacht) das Denken scheint mir zehrt immer noch von einer Art Resthelligkeit während der Sturz der Wörter schon längst in Gang ist und stürzen Wörter wie „Gott“ stürzen dann mit ihm nicht alle anderen auch? |
![]() Pierre Bonnard Le petit déjeuner au radiateur, um 1930 |
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| 20914-20920: Vgl. William Shakespeare, King Lear (4. Aufzug, 6. Auftritt): am Rand der Klippen von Dover beschreibt Edgar (verkleidet als Tom of Bedlam) Gloster (seinem geblendeten Vater) den Abgrund: „How fearful / And dizzy 'tis to cast one’s eyes so low! / The crows and choughs that wing the midway air / Show scare so gross as beetles ….“. Dr. Samuel Johnson kritisiert diese Beschreibung von Shakespeare und meint: „Nein, es sollte alles ein einziger Absturz sein, eine einzige Leere. Die Krähen halten den Sturz auf.“ In: James Boswell, Dr. Samuel Johnson. Leben und Erinnerungen. Mit einem Tagebuch einer Reise nach den Hebriden, Zürich 2008, S. 223. |
das Sprechen hätte uns also an die Klippen von Dover geführt und die sind ein einziger Abgrund (so beschreibt Shakespeare sie in King Lear) nur Raben und Krähen halten den Blick auf hinab was wir hören wäre der Brandung Widerhall in nie gleichem Rhythmus die wütend ihren Schaum an die Felswände schlägt es müsste auf einen Schlag Stille eintreten Stille die eine Lücke auffreißt im Lärm und ihn weit über die Leere endlich hinausschiebt nach vielen Stunden erst wird es wieder hörbar das Raspeln und Nagen des Käfers am Blattrand manchmal frage ich mich ob ich noch da sei doch es wird unbeirrt weiter geschrieben damit es nicht auffällt sollte ich abhandenkommen |
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20944-20946: Hölderlin. Der Pflegsohn ..., hg. von
Gregor Wittkop, Stuttgart 1993, S. 207 (Nr. 297: Ernst Zimmer an Burk):
„Ihr Herr Pfleg Sohn ist recht wohl und munter, die Gribe war auch in
unserem Hauße, und hat ihn allein verschont. Auch ich bin wieder ganz
gesund …“ 20947-20954: Vgl. dazu Hoo Nam Seelmann, Der Hals ist trocken, die Wut steigt auf. Über die koreanische Schwierigkeit, „ich“ zu sagen, in: NZZ 03.03.2012, S. 53. |
zur Beruhigung sei hier vorsorglich vermerkt: „Ihr Herr Pflegsohn ist recht wohl und munter und auch ich bin wieder ganz gesund“ sorgfälltig faltet und entfaltet sich in mir dieses stille und [20950] unbestimmte Organ das Erinnerungen anlockt um sie zu bergen und Empfindungen weiterreicht an meinen Leib irgendwo in den unergründlichen Räumen meines Inneren zirkulieren sie lassen sich anreichern in Glücks- und Schmerzarsenalen ganze Horden sind planlos in mir unterwegs ungeeignet zur Philosophie finde ich keinen Trost darin zu wissen das ich nichts weiß nicht zu verstehen bleibt mir ein Stachel im Fleisch |
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| 20970-20973: devekut (hebr. „anhaften an Gott“): Begriff aus der jüdischen Mystik. |
unbeirrt übe ich deshalb (devekut): ich dränge und lehne mich an die Stelle wo Gott vor kurzem noch war ein eigenartiger und ortloser Raum der unerwartet sich auftut: |
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| 20977-20981: Morton Feldman, Triadic Memories (1981). Am 11.03.2012 aufgeführt von Katharina Weber (Piano) in der Dampfzentrale Bern. |
wenige Töne durchforsten darin über Stunden im Dreiklang aufgefaltet den Fächer meines Erinnerns nie Gesehenes zeigt sich als Altvertrautes das Bedürfnis fehlt nach mehr oder weniger es gilt nichts auszuwählen dieses Gedächtnis scheint irgendwie ohne mich zu funktionieren das Leben unterhält es auch nach meinem Tod von jeder Ordnung befreit will ich verzichten auf das Nicht-Sehen-Wollen |
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| 20995-21000: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit [FA II, 6: Die Flüchtige], Frankfurt a. M. 2004, S. 254: „Gilberte gehörte … der verbreitetsten Spielart menschlicher Strauße an, nämlich der Gruppe derjenigen, die ihren Kopf weniger in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden – was sie für unwahrscheinlich halten –, in den Sand stecken, als vielmehr in der Absicht, nicht zu sehen, dass man sie sieht, …“ (In der Pléiade-Ausgabe von 1954 fehlt diese Stelle.) |
vielleicht gelingt auch der Versuch nicht zu denen zu gehören die den Kopf in den Sand stecken in der Absicht nicht zu sehen dass man sie sieht |
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10.05.2012 |