Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.2001 - 3000

Index / Anmerkungen / Kommentar

 
ich schreibe den Gegen-Teil
langsam aufwärts wie
eine Kugel steil an der
lautlosen Schwerkraft
der Schrift die vorgibt
schlanke Linien zu ordnen
aber Zündschnüre
spinnt und zündet Laut und Ton
das aufgebauschte
Geflitter verschlüsselter
Gesten von Kehlen
und Körpern die vergeblich
die stummen Berge
abzutragen versuchen
ich schreibe gegen den Raum
zwischen den Zeilen
der sich immer noch ausdehnt
und zum Verweilen
einlädt zur Gemütlichkeit
am Rand der Bahn
   
Dogen Zenji vergleicht (in Tenzo Kyokun) unsern Geist mit wilden Pferden und unsere Gefühle mit Affen, die sich in den Bäumen tummeln.
 
wo die Pferde rennen und
Affen sich tummeln
in den hellwachen Büschen
im rauschenden Weiss
ist das Schreiben ein Werkzeug
Abstand zu sichern
zwischen Frage und Antwort
es gibt also Zeit
zum Scheitern um die Räder
schnell zu verschenken
des Wagens der uns morgen
in Sicherheit bringt
sind es stets die anderen
die sterben? das steht
auf dem Grabstein von Duchamp
der tot ist und wie
recht hat er denn wer liest ist
schon der andere
und unerreichbar wie die Nacht
der Eintagsfliege
aber: welche Übersicht
schon beim ersten Flug
während du und ich Gewicht
anlegen Anker
werfen stürzen üben und
abbiegen schliesslich
aus dem schweren Stillstand um
doch noch Geschichten
kurze nur zu werden spät
[2050] abends leise selbst
erzählt am knappen Schlafrand
nach wie vor kann ich
mich dem Gefühl nicht nähern
das stets etwas sieht
wo bestimmt nichts ist ausser
diesem blinden Fleck
den ich in allen Lagen
genau beschreibe
was aber schlecht gelingt weil
ich der Fleck selbst bin
wenden ist sinnlos der Griff
des Blicks vergeblich
doch schieben immer wieder
kleine Einheiten
sich ins Blickfeld und es ist
die Aufmerksamkeit
nach der sie heischen die uns
packt und heiter stimmt
man sieht ein Wegstück vor sich
und fasst den Entschluss
zu gehen – und dann geht man
niemand nichts zwingt uns
zu unterscheiden etwa
   
Matsuo Basho (1644-1694), Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland, Kp. 54 : "Zwischen zwei Wellen / mischen sich rote Muschelchen / mit welken Buschkleeblüten ..."
 
die roten Muscheln
die welken Buschkleeblüten
zwischen den Wellen
am Strand von Iro na hama
an diesem Ufer
sich gänzlich zu erschöpfen ...
   
Im Werk von Georges Bataille (1897-1962) sind die Verausgabung (la dépense) und der Verlust (la perte) positive Erfahrungen von zentraler Bedeutung.
 
Verlust zu üben
bis sich die Dinge wieder
selbst verhalten im
Ansturm der Verausgabung
an deren Glutrand
endlich auch die Angst abbricht
damit wir neu uns
ordnen ins Alltägliche
und seine Sorgen
wo ein Schuh uns drückt oder
der Kopf bei Südwind
der weht lau hinab ins Tal
bläht sich auf zum Sturm
der Feuersbrünste anfacht
löst am steilen Hang
Schnee- und Schlammlawinen die
übertönen dann
im Zelt den Festbetrieb und
auch den Alphornklang
vieles bricht ab im Tal ent-
[2100] zweit sich die Flanken
bleiben wund verkrampfen sich
im Stützen Leichtes
gelingt nur selten Schatten
liegen viel zu lang
das Grüne muss sich wölben
falten fächert auf
unter den weissen Kanten
eines spitzen Blaus
das mich nicht verletzt auch ich
bin Bergbewohner
Widergänger mit Instinkt
der flachen Talgrund
meidet und Misstrauen übt
nichts ist geheuer
Elemente zum Beispiel
Wasser folgt zwar leicht
durchschaubaren Gesetzen
und überrascht doch
mit seinem Drang die Keller
zu füllen Mauern
wegzureissen und stummes
Vieh zu ertränken
ob ich es will oder nicht
auch ich bin ein Rohr
aufrichtig gebogen und
im Nachhall verdreht
   
Anspielung auf einen Brauch in der Innerschweiz: Durch einen Holztrichter wird abends in eigenartig monotoner Melodie hoch über dem Tal der Alpsegen gesungen.
 
aus langem Rufen meiner
Ahnen die sangen
flehten zu Gott dem einen
dreigefalteten
dem Sohn dem Geist zur reinen
Magd der lieben Frau
den Heiligen den armen
Seelen sie alle
wurden hoch über dem Tal
täglich zu Hilfe
gebetet und im Trichter
versammelt als Schall
durch die Holzschuhe hinab
tief in die Felsen
gelenkt und wieder hinauf
in Kräuter Gräser
man sieht dann wie der Segen
Milch wird besonders
abends über dem Dunkel
kaltfeuchter Matten
an das alles denk ich nicht
kurz bevor der Schlaf
mich überwältigt und doch
[2150] ordnet sich etwas
auch mir zur Zeit des Dämmerns
weit holt etwas aus
an dem sich mein Erinnern
vergeblich versucht
unbemerkt ohne Gepäck
das Tal verlassen
aber quer zum Schnitt von Kamm
zu Kamm und immer
wechselnd Wald und Geröll und
nie wie die Bäche
sondern aufwärts schräg mit dem
fliehenden Wild denn
das kennt im steilen Revier
Kerbe und Narbe
bis an den Rand wo Hügel
sich glätten wo Stoss
und Falte voneinander
lassen endlich da
komme ich an und trete
hinaus ins lautlos
flache Warten des Landes
unbemerkt möcht ich
den Leib verlassen spurlos
wie Vögel die Luft
durchfliegen und Fische still
das Wasser teilen
alles Gelernte bliebe
zurück Gewohntes
würde in verschlungene
Schründe gelegt tief
in die Seitentäler die
unzugänglich sind
nur im Winter erreichbar
in Wasserfällen
kletternd falls sie gefroren
man müsste sogar
die Wege vergessen hin
zum Vergessenen
 

Der Mönch Cudapanthaka (jap. Shurihandoku) war ein Schüler Buddhas und galt als so dumm, dass es ihm während Monaten nicht gelang, auch nur einen Vers auswendig zu lernen. Von Buddha erhielt er die Aufgabe, die Sandalen der Mönche sauber zu halten, worauf er schnell zur Erleuchtung erwachte.

"....Gott, / Der den denkenden Tag Armen und Reichen gönnt, / ..." Friedrich Hölderlin, Blödigkeit.

 
wie der schnell Erleuchtete
an Buddhas Seite
der keinen einzigen Vers
auswendig konnte
auf den Geschmack der versucht
zu unterscheiden
zwischen klug und dumm will ich
mich nicht verlassen
die Gedanken des Dummen
und die des Klugen
sind dieselben wenn der Sturz
[2200] unvermeidlich wird
"Vom Tod die Schüssel ein Ton"
diese Wortfolge
aus beliebigen Lauten
weshalb fällt es schwer
ihr auszuweichen sie packt
unsern Blick fester
   
Tom Friedman, 1000 hours of staring, 1992-97.
 
als das weisse Blatt auf das
Tom Friedman tausend
Stunden lang starrte
in beiden Fällen
gibt es nichts zu verstehen
Sehen und Hören
widmen sich ihrer Arbeit
oft ohne uns und
unsere Zielvorgaben
Absichten Wünsche
werden nicht berücksichtigt
vermutlich taucht der
eigenartige Text in
Zeile zweitausend
zweihunderteins vom Tod von
der Schüssel dem Ton
auf infolge des Sturzes
der unvermeidlich
zu sein scheint: ein weiterer
Versuch des Kosmos
uns bewusst zu machen und
gerade dieses
Bewusstsein ist das Problem
– unsres vor allem
aber auch seines – die Furcht
nämlich die uns lähmt
mitten im Wohlergehen
stört auch den Kosmos
und diese Vermutung wirkt
irgendwie tröstlich
sitzen aufstehen gehen
die Reihenfolge
bewährt sich wenn man weiss wo
   
Vgl. anonyme Darstellung im Liber Divinorum der Hildegard von Bingen, um 1230, Lucca, Biblioteca Governativa, Ms 1942, fol 88v.
 
die Sinne liegen
im Osten zum Beispiel hell
das Sehen während
das Hören sich im Westen
findet und feucht ist
im kalten Norden Geschmack
im Süden Geruch
in der festen Mitte herrscht
das Tasten das wird
sanft durch seine Umgebung
[2250] in jeder Lage
meint Hildegard bleiben wir
offen für Kräfte
des Himmels der Erde und
für die Mechanik
des Herzens das sich zurück-
aber nicht festhält
wenn es tastet und liebt doch
um ehrlich zu sein
es interessiert mich nicht
wie Bewegungen
(sitzen aufstehen gehen)
ablaufen stocken
im bekannten Gelände
im Herbarium
der Sinne eingefaltet
in Himmelerde
Bewegung beginnt jenseits
aller Kulissen
braucht weder Richtung noch Ort
stürzt sich ins Leere
lässt Dinge entstehen und
Bilder am Rande
des Laufstegs da gaukeln sie
vor was sie scheinen
beharrlich angetrieben
sich uns zu zeigen
durch unser Begehren das
nichts will als sehen
und das wollen sie alle
die Sinne: sehen
   
Performance (in verschiedenen Städten Europas, in Bern am 18.06.2002) des Künstlers Christian Schmidt-Chemnitzer.
 
wie der Eisblock langsam schmilzt
auf dem einer steht
der nackt ist und mächtig schwankt
was uns erinnert
an unsre warmen Füsse
und was darunter
nachgibt falls wir bestehen
der Karpfen im Teich
unter dem Seerosenblatt
sieht er mich stehen
am trüben Wasser beim Schilf?
vielleicht erkennt er
sich in meinen Gedanken
ohne dass er mich
wahrnimmt und unterscheidet
vom Baum der sich reckt
vor der Bruchsteinmauer aus
gelbem Jurakalk
   
"Die Landschaft denkt sich selbst in mir, ich bin ihr Bewustsein." (Dieses – vielleicht unechte – Cézanne-Zitat überliefert M. Merleau-Ponty in: Cézanne Doubt)
 
es mag sein dass die Landschaft
[2300] sich selbst denkt in mir
aber meine Gedanken:
wie find ich den Ort
der Zuflucht für sie? vielleicht
– dachte ich – sind wir
ein verletzliches Sinnen
im Tier und heilen
aber es denkt uns nur dann
wenn Gefahr droht nur
dann fallen wir ihm ein und
es sieht uns und sieht
Masttröge Schlachtbänke roh
versäumte Stellen
versöhnlicher Gesten kein
Tier meint uns wirklich
und das ist gut so wie sonst
entstünde dieses
ungute Gefühl das uns
beunruhigt und das
tiefer sitzt als irgendein
schlechtes Gewissen
das dem Übertreten folgt
eines Gebotes
was wir den Tieren schulden
ist unabtragbar
aber wenigstens Dankbarkeit
könnten wir zeigen
für dieses stete Mahnen
an ein Geheimnis
das wir immer verlieren
und wieder finden
als ein schnelles Berühren
eher ein Meinen
das uns beflügelt mutig
etwas zu zeigen:
uns und unser Tun das schäumt
und wölbt sich schillernd
beansprucht viel Raum der fehlt
dann dem Geheimnis
selbst dieser schlanke Text neigt
zur Blähung deckt mit
Schatten ein was er vorgibt
zu enthüllen doch
besetzt er kein Land sondern
bepflanzt im Grenzraum
armdünne Riemen die kaum
länger als ein Bein
das Gelände halten leicht
fällt es ab dort wo
die Erde um die Bäume
[2350] sich eigenartig
lockert dunkler scheint sie und
fast atmend langsam
wogend so dass die Gräser
einstimmig den Wind
wie enttäuschte Peitschen flach
nach vorne fächeln
in diese überhelle
Zone wo unter
weissem Farn die Tiere mit
den Kindern spielen
die schreiben Zeichen später
Buchstaben schräge
in dünne blaue Hefte
und das ist vielleicht
derselbe Eifer der auch
mich samt diesem Text
(der nicht endet) weiter treibt
doch ich versuche
zugleich mich auch zu lösen
nicht nur von diesem
sondern überhaupt vom Text
alles Gedachte
hängt mir noch zu schwer im Leib
   
Dogen Zenji, Shobogenzo Zuimonki IV/3.
 
"ich flehe euch an
setzt euch still nieder und sucht"
sagt Dogen "auf dem
Boden der Wirklichkeit nach
Anfang und Ende
dieses Leibes" und er meint
dass wir Ansichten
nicht festhalten sollten denn
wie die Gedanken
sind sie als Teil des Leibes
ziemlich vergänglich
möglicherweise auch rund
   
James Lee Byars: Come and stand on this stone and blow your soul. Performance, Bern 1987.
 
eine Kugel weiss
und aus griechischem Marmor
The Breath of the Soul
schwankend im Ungleichgewicht
ein Podest für James
der mit verbundnen Augen
im goldnen Anzug
den Geist zu klären versucht
was andern gelang
   
"Bambusstange", "Pfisrsichblüte": bezieht sich auf die Erleuchtung zweier chinesischer Zenmeister im 9. Jh., Reiun Shigon und Kyogen Shikan, beide Schüler des berühmten Meisters Isan Reiyu (erwähnt u.a. in: Dogen Zenji, Shobogenzo Zuimonki II/26 und IV/5).
 
– doch selten – wenn ein Kiesel
beim Wischen plötzlich
eine Bambusstange traf
der trockene Klang
weht kurz nur auf wie das Tuch
[2400] von Fahnen aus Licht
oder kurz vor dem Gewitter
erinnern wir uns
an diese Pfirsichblüte
derentwegen wir
einst lange Reisen planten
und viel Zeit verging
ich suchte Übergänge
auf dem steilen Weg
von der Blüte zum Gesicht
doch da ist ein Sprung
und es fehlt mir die Brücke
die Melodie die
mir tief in den Ohren sanft
die Knöchelchen walkt
die Kluft aber höre ich
wie sie sich anstrengt
sich weitet Flächen deckend
ich müsste prüfen
ob es nicht unverbrauchte
Wörter gibt die als
Gitter dienten zum ersten
Hinüberhören
Behagen Kapuze Schrott
Fischstäbchen Bernstein
Fenstersims Cremaster Park
Pantoffel Steinpilz

auch die kleinste Wortbucht ist
töricht genug um
mich auf den Arm zu nehmen
den Hunger stillen
wie macht man das? und der Drang
zur Wiederholung
kaum dass wir satt sind – wozu?
nichts bindet uns mehr
an die Welt als der Hunger
und nichts hindert uns
mehr nach Hause zu kommen
diese paar Zeilen
zeigen deutlich wie verbraucht
viele Wörter sind
es ist dringend notwendig
Situationen
zu schaffen Aggregate
die Funken schlagen
weil die Verhältnisse sich
nicht mehr ertragen
Wendungen wie "zu Hause"
müssen uns wieder
anspringen und hinwerfen
[2450] und das mag vielleicht
äusserst harmlos beginnen
   
Vgl. die Stühle und Bettgestelle die der Künstler Franz West herstellt. (s.auch Z. 625ff.)
 
mit einem Stuhl der
das Sitzen verunmöglicht
doch wir setzen uns
trotzdem hin und das lohnt sich
trotzdem zu sitzen
ist nämlich ein Kunststück und
weckt etwas in uns
obwohl es nicht schläft es geht
um die Einsicht dass
das was ver-rückt ist und sich
nicht fügt uns bewegt
Sprache zum Beispiel Wörter
Laute und Silben
verstreben mein Inneres
zu unbequemen
Höhlen in denen sammelt
sich Schall und Töne
sickern herein aus engen
Quergängen bauschen
sich auf trauben zusammen
harzen verkleben
gerinnen bis sich ein Bild
von weit aussen wie
Schimmel leuchtend dazulegt
die Sprache hat mich
und ich möchte sie können
das wünschen viele
   
Friedrich Hölderlin: aus dem hymnischen Entwurf Vom Abgrund nämlich ...
 
und man denkt an Hölder der
sagt: "Allda bin ich
Alles miteinander" und
anfügt "Wunderbar"
wenig später wird daraus
ein Seufzen drüben
   

Fernando Pessoa (1888-1935), Das Buch der Unruhe.
Vgl. auch Z.3470f.

 
im müden Lissabon: "Ah
dass ich nicht alle
Menschen und überall bin"
Pessoa stellt dies
mit tiefem Bedauern fest
doch ohne Zögern
schreibt er weiter füllt seinen
Koffer mit Zetteln
   
Dogen Zenji: Shobogenzo Zuimonki IV 6, VI 8. "Knochen aus Gold" = Metapher für "hervorragend" (bes. auf die Gesundheit bezogen).
 
die alten Meister hatten
nicht alle Knochen
aus Gold sie übten auch wenn
Krankheit naher Tod
sie zu hindern versuchten
   

Marcel Proust, A la recherche du temps perdu (Bd V: Die Gefangene).
Das Werk "Ansicht von Delft" von Vermeer, 1660/61 entstanden, befindet sich im Mauritshuis in Den Haag. Proust hat das Museum 1902 besucht, um "das schönste Bild der Welt" zu sehen. 1921 kurz vor seinem Tod begab er sich ins Musée du Jeu de Paume in Paris, um das Bild dort noch einmal zu sehen und fügte die Sterbeszene mit dem Schriftsteller Bergotte (Anatol France? Proust selbst?) in seinen Roman ein. Angesichts der kleinen gelben Mauerecke ("le pan jaune"), gelangt Bergotte zur Einsicht: "So hätte ich schreiben sollen."
Vgl. dazu: Jean Louis Vaudoyer. "Geheimnisvoller Vermeer", L'Opinion, 30. April, 7. und 14. Mai 1921; in: Daniel Arasse, Vermeers Ambition, Dresden, 1996, S.195-206. Der Kunstkritiker Vaudoyer hat Proust durch die Vermeer-Ausstellung geführt.

Vgl. auch Z. 3370.

 
Proust schrieb und lag krank
im Bett von Träumen geplagt
[2500] das Haus verliess er
noch einmal: denn dieses Bild
wollte er sehen
im Musée du Jeu de Paume
von Vermeer eine
"Ansicht von Delft" hier fand er
(Bergotte im Roman)
die kleine gelbe Mauer-
ecke die war so
vollendet gemalt dass sie
für sich betrachtet
einem kostbaren Kunstwerk
aus China gleichkam
ein Farbfleck auf einem Bild
genügt um den Tod
zu übersehen Bergotte
gibt die Schuld für sein
Unwohlsein den Kartoffeln
die er gegessen
am Mittag doch während er
Vermeer enträtselt
packt ihn der Tod beim Genick
windseitig kam er
vom Meer her ein Sturz ein Hieb
hinter der scharfen
Mauerkante hervor denn
wer mehr sehen will
als es sieht übersieht es
und leicht geschieht das
weit draussen im Meer sagt man
sei eine Stelle
wo sich Fische in Drachen
verwandeln aber
man sieht es ihnen nicht an
sie bleiben Fische
sind aber Drachen wie auch
das Meer dort draussen
sich in nichts unterscheidet
vom Meer andernorts
den Fischen selbst fällt es schwer
herauszufinden
was sie sind Fischsein ist nicht
etwas was man weiss
ich schreibe mit der Absicht
mich aufzurichten
wo immer ich bin der Farn
überragt mich doch
der Text biegt Stengel und Kraut
manchmal ein wenig
zur Seite: Licht fällt dann leicht
[2550] festhalten also
am Entwurf dem man etwas
zu klären erlaubt
mit dem Nadelöhr rechnen
das es postmodern
sicher nicht gibt das Wachstum
des Staunens lässt sich
genau beobachten und
auch das Erschrecken
beim Nichtverstehen: wie wird
eins das andere:
dieses Gurren der Tauben
wie wird es zum Flug?
(diese tief ineinander
geschobenen schnellen
sich verschluckenden Laute
sind sie verdichtet
das spätere Auffächern
des Gefieders noch
eingefalteter Flügel
oder tönen so
die vorweggenommenen
Klagen vom Abbruch
an gerissener Flugbahn?)
griechischer Nachhall:
erst wenn jemand sie wahrnimmt
spät erscheint Schönheit
ich vertraue ihr blindlings
(und mehr als dem Schmerz):
dass etwas sich zeige was
mich ordnet und hält
diese Empfindung wäre
Bestehen schlechthin
 

"Es ist aber unmöglich, dass ein Bildwerk, ein Musikstück, wenn sie uns eine innere Bewegung schenken, die wir als etwas Höheres, Reineres, Wahreres empfinden, nicht einer bestimmten spirituellen Wirklichkeit entsprechen, sonst hätte das Leben jedenfalls keinen Sinn." Marcel Proust, A la recherche du temps perdu (Bd V: Die Gefangene) Vgl. auch die einige Seiten später geäusserten Zweifel diesbezüglich.
 
denn es ist uns nicht möglich
uns vorzustellen
dass dem was uns ergreift nichts
Wirkliches entspricht
wenn ich schreibe ich sitze
ist das der Anfang
der Empfindung die endet
schreiben sitzen ist
eine Übung ein Versuch
an der Wirklichkeit
wenn sie schön ist und schwindet
(welch schwieriges Spiel!)
ich entziehe mich höflich
den Strategien
des Trostes die Kunststücke
diesseits und jenseits
interessieren mich nicht
[2600] ich kehre zurück
zu einigen Fragen um
die ich mich sorge
was ist das was mich berührt?
und wie erträgt man
dass etwas aufhört zu sein?
und vor allem: wie
kommt solch mühsames Fragen
in meinen Schädel?
dieses wiederkehrende
Thema dieser Hang
zum Repetitiven zeigt
dass es hier letztlich
um eine musikalische
Frage geht also
um das Gurren der Tauben
in Bezug vielleicht
zum Abstand der Planeten
diese wiederum
wirken geheimnisvoll still
ein auf das Wachstum
meiner Tomaten Ebbe
und Flut bewegen
auch den Saft in den Beeren
gerade deshalb
scheint es mir unabdingbar
trotz aller Zweifel
an der Pflege des Gartens
unbeirrt mit viel
Freundlichkeit festzuhalten
nichts spricht dagegen
dass ich ein Kind Gottes bin
diese Vorstellung
am Vernunftrand gefällt mir
und passt zu meiner
   
Sogar Brehm (Brehms Tierleben, 3.Bd. Die Vögel, Leipzig 1913, S.20) stellt fest, dass man über das seltene Auffinden von toten Vögeln nur staunen kann.
 
Vermutung dass die Vögel
im Fliegen sterben
und sich sogleich auflösen
in Himmel und Luft
(falls mich meine Seele einst
als Vogel verlässt
höre ich sterbend das Flattern?)
davon zu schreiben
und von vielem mehr heisst nicht
dass etwas gelingt
es bestätigt sich eher
der alte Verdacht
dass die Stimmung die ich bin
und dieser Text sich
nicht wirklich umeinander
[2650] zu kümmern scheinen
was ich anstrebe ist dies:
früh morgens langsam
Schritt für Schritt geräuschlos durch
den taunassen Wald
im Arm ein noch warmes Brot
auf dem schmalen Pfad
hinaus zur Klippe mit dem
kleinen Leuchtturm der
steht rotweiss im Gras über
nachttrunkenem Meer
die Wirklichkeit ereignet
sich jenseits der Bucht
   
Douarnenez ist ein Fischereihafen in der Bretagne, Ende des 19. Jh. mit 32 Fischfabriken der grösste Sardindenhafen Europas.
 
in Douarnenez dort wird
das Glitzern taused-
fach in hübsche Sardinen-
dosen gelötet
ab und zu kaufe ich mir
solche Konserven
als Mahnung: so unverhohlen
setzen wir Denken
um in nützliches Handeln
Dounar Nevez heisst
"neues Land" und liegt dort wo
einst vom Deich geschützt
König Gradlons Stadt Ys stand
doch seine Tochter
betrog ihn mit dem Teufel
und die Stadt versank
in der Flut Fischer hören
manchmal noch Glocken
läuten wenn im Nebel das
Kreischen der Möwen
 

Claude Debussy La cathédrale engloutie (1910, Prélude 10, 1er Livre).

voile (fr.): (le v.) = Schleier, (la v.) = Segel(-boot)

 
plötzlich nachlässt Debussy
hörte sie auch noch
und lässt dunkel Trauben sich
aus müden Schleiern
winden aufflocken Töne
die sich verbeugen
vor dem Nichts dem Propeller
abgestorbener
   
Gespräch zwischen Marcel Duchamp, Constantin Brancusi und Fernand Léger beim gemeinsamen Besuch des Luftfahrtsalons im Pariser Grand Palais, 1912. In: Uwe M. Schneede, Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert, München 2001, S. 52.
 
Wünsche denn "die Malerei
ist am Ende" Punkt
"wer kann etwas Besseres
machen als diesen
Propeller? du etwa?" fragt
Duchamp Brancusi
im Luftfahrtsalon Paris
[2700] neunzehnhundertzwölf
und Léger stöhnt auf: "mein Gott
was für ein Wunder"
so weit gelange ich nie
mit meinem Staunen
alles was sich dreht ist mir
suspekt und dreht sich
sicher zu schnell ich halte
an was ich vermag
bevor ich es begreife
fliegen zum Beispiel
betrachte ich als Verrat
der Oberfläche
die sich standhaft verweigert
ich durchdringe sie
nirgends weder von aussen
noch von innen mit
Sorgfalt betaste ich sie
vielleicht bewegt sich
unmerklich etwas aber
es nimmt mich nicht mit
inzwischen weiss ich nicht mehr
wohin wozu ich
unbedingt irgendwohin
gelangen sollte
das Schauen mit offenen
Augen wird schauen
mit geschlossenen Augen
schliesslich bleibt nur noch
das Schauen und das erkennt
die Gleichzeitigkeit
von Ursache und Wirkung
ohne zu staunen
vorläufig jedoch bin ich
damit beschäftigt
was mir unbegreiflich ist
in eine Reihe
zu stellen dabei ist streng
auf das Einhalten
der Abstände zu achten
damit der Blick auch
immer wieder ins Leere
fällt und sich erholt
was ist das für eine Welt
in der man Kindern
und Kleinen zurufen muss:
haltet euch selbst fest!
   
 
schwarzer Regen verwischt uns
und die Konturen
die wir mit weiter Geste
vorgeben zu sein
still kippt das Kind zur Seite
[2750] hängt den Pflanzen zu
an einer leeren Blase:
sprach- und schwerelos
reden braucht viel Licht bevor
es spricht man hört nichts
bis dass die wachen Bilder
heller werden und
das Stumme überblenden
Zellen mit weichen
Kanten unscharf abgegrenzt
blähen sich prall zu
Lauten die in Worten schnell
verklumpen Muster
bilden auf bleichen Tüchern
die flattern auf dem
festgehaltnen Atem wie
Wunden aus dem Mund
unverletzt kommt wahrscheinlich
keiner zum Reden
vieles bricht ab bis schliesslich
das Schweigen bricht und
etwas uns weckt mit Liedern
uns plötzlich meint als
eine Melodie die denkt
ist das ein Glück? und
heilt so vielleicht Bewusstsein
von mir selbst diese
ziemlich schwere Krankheit die
der Kontrolle sich
entzieht wenn ich nicht jede
Absicht meide – nur
manchmal fühl ich mich beschwingt
weil ich vermute diesen
Standpunkt des Dritten
(den Hegel liebte)
gibt es nicht denn weder ich
noch irgendeiner
steht am Ort des Überblicks
da ist nur ein Text
der schreibt sich ohne Richtung
an vielen Stellen
fort so schnell dass wer ihn liest
darin schon vorkommt
was mich aber wundert ist
dass ich mich im Text
erkenne während sie schreibt
die eigne Feder
Sprache redet sicher nicht
aus sich selbst auch nicht
wenn ich schweige das nützt nichts
[2800] Vorstellen Denken
das ohne mich anhält zeigt
nichts Besonderes
hier lange verweilen um
ein paar wenige
Bewegungen zu üben
ohne Anspruch doch
täglich freundlich verzeichnend
was gelingt was nicht
Stengel und Blätter wachsen
nicht irgendwohin
sondern die suchen den Raum
der ihnen zusteht
es lohnt sich diesen Vorgang
wieder und wieder
zu beobachten: staunend
nur langsam klärt sich
was dieser Text will und vermag:
glaubhaft versichern
dass es ihm nicht darum geht
literarischen
oder anderweitigen
Kriterien krampfhaft
zu genügen – schreibend sich
an eine feste
Form zu halten ist zugleich
der Übung Inhalt
die Sicht auf diesen Vorgang
wirkt vorwärts rückwärts
gleichermassen ermüdend
und gleicht einer Fahrt
durch die dunstverhangene
Ebene des Pos
bei gedämpftem rhythmischem
Rollen der Räder
gleitet der unruhige Blick
zum Fenster hinaus
in die Geometrie der
Baumbestände die
in unzähligen Alleen
nach allen Seiten
Fluchten bilden und zugleich
kampfbereit dem Wind
Stand zu halten versprechen
was sich ereignet
ist ein Reisen im Herbst
dem Licht entgleiten
die Farben die Konturen
verlieren ihre
Gegenstände und die Zeit
[2850] etwas Heiteres
taucht auf der Schaum der Wellen
abends besonders
die Erinnerung während
ich meine Schuhe
schnüre steht der Zug plötzlich
still oben ein Ast
schneidet das Fenster entzwei
ich höre das Meer
wie es immer noch anrauscht
gegen das lose
Maulwerk von allem was schweigt
Pascals Abgrund scheint
eine sichere Quelle
des Unbehagens
zu sein aber so wenig
lässt sich ermitteln
dass man mit guten Gründen
auch annehmen darf
es sei dies eine Szene
reiner Einbildung
wie übrigens auch alle
Bilder die gegen
diesen Abgrund sich stemmen
"zuversichtlicher"
sagte einer "stimmt mich nichts
als die Gewissheit
dass irgend einmal" er meint
nachher "nichts mehr ist"
dies mag sein oder auch nicht
meine Erfahrung
geht in eine andere
Richtung: ich werde
älter und es fehlen mir
immer mehr Gründe
jemanden nicht zu lieben
gleichzeitig scheint es
als ob sich mein Leib oft nur
noch widerwillig
abfände mit mir – also
mit sich selbst seine
Schwerkraft gerät ihm plötzlich
zum stumpfen Angriff
auf den Versuch der Liebe
Leichtigkeit zwischen
die Farben zu streuen und
die festen Ränder
milder zu stimmen aber
am Schlupfloch der Nacht
möchte ich diese Sprünge
[2900] besser verstehen
einer Katze zum Beispiel
wenn sie springt: dorthin
wo die Maus noch gar nicht ist
oder wenn im Traum
die Mauern sich lautlos mit
Rissen verzieren
aus denen grau der Schlaf in
verstellte Häuser
rieselt und sie langsam füllt
es ist nie zu spät
das Mass des Blicks unterwegs
so zu verlieren
dass wir im Ungewisen
bleiben wie nahe
 


Thomas Kratky, Ohne Titel 1987

Vgl. das Bild von Helmut Federle: Death of a Black Snake, 1999, Dispersion auf Leinwand, 320 x 480cm
 
wir stehen am Gewebe
und am trockenen
Tod einer schwarzen Schlange
das Innere wird
sichtbar solange man nicht
nahe genug ist
wenn der Raum sich verlangsamt
hört auch das Licht auf
zu versickern ich warte
ich öffne später
 

 

Mimbres-Keramiken, ca.950-1150, aus dem Südwesten der USA (Mogollon-Kultur): Auf der Innenseite mit schwarz-weissen Ornamenten reich verzierte Schalen, die den Toten als Grabbeigabe aufs Gesicht gelegt wurden. Das angebrachte Loch im Boden steht vielleicht im Zusammenhang mit der Vorstellung einer entweichenden Seele. (Vgl. Bild in: Helmut Federle, Kunsthaus Bregenz, Katalog zur Ausstellung vom 9.12.1999-6.2.2000, S.79.)
 
die Augen mein Mund berührt
still deine Schulter
das entspricht vielleicht dem Wunsch
nach meinem Tod lang
erstaunt in die verzierte
Schale zu blicken
die auf meinem Gesicht liegt
(im Schalenboden
brauch ich kein Loch für eine
Seele die flüchtet)
jedes Gefäss macht etwas
dichter und ist so
auch ein Stück Himmel der staucht
den Schwung der Linie
und biegt mich zum Ornament
zu einem weissen
Quadrat und dunklen Streifen
zu spitzen Winkeln
und Stufen hinauf in die
Wölbung der Schale
vielleicht ist das Denken nichts
als Verzierung die
sich von der Schädeldecke
zu lösen beginnt
schnell verliert die Übersicht
[2950] sich in der Ordnung
und mäandert durch den Staub
der Abstellräume
quält sich durch Plattenbauten
durch lange Reihen
mobiler Vogelhäuser
nirgends bleibt kein Ort
nicht ungenutzt zum Brüten
von Verdacht: etwas
will es uns immer ordnen
(selbst die Unordnung
ordnen wir der Ordnung zu)
aber es geht nicht
um Ordnung und Unordnung
sondern ums Schnitzen
dieser einen Kerbe die
unser Leben ist
die Klinge bin ich selber
die ans Holz mir geht
was manchmal zwar schmerzt aber
nicht dann wenn der Schnitt
unvermeidlich dann verschluckt
die Aufmerksamkeit
jedes Empfinden – doch der
Span wenn er fällt ist
etwas sehr Stilles abends
ein Kindergesicht
hinter dem Fenster ein Haus
das sich schnell entfernt nichts
liegt mir ferner als Ausstoss
von literarisch
verwertbarem von Text – Sprache
begleitet sie macht
hörbar was sich ereignet
bei mir und zugleich
ist sie auch das Ereignis
ein Schwanken also
zwischen Wahrheit und Leben
und davon schreibt Proust:
 


Juliao Sarmento: Febre (5), 1994

Marcel Proust, A la recherche du temps perdu (Bd. VI: Die Entflohene).
 
"die Wahrheit und das Leben
sind beide sehr schwer
zu bewältigen und ich
behielt von ihnen
ohne dass ich sie alles
in allem kannte
einen Eindruck zurück bei
dem die Müdigkeit
noch die Trauer überwog"
welch ein Untrost Block
in dem das Glück dem Unglück 
[3000] die Steigbügel hält
   
 
   

Z.0001-6000 in 3 Bänden bei
Edition Haus am Gern

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09.12.2011