Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.3001 - 4000

Index / Anmerkungen / Kommentar

 
dieser Text trägt nichts
bei zur Klärung der Frage
ob Vergänglichkeit
nicht anders kann und was sie
beabsichtigt wenn
sie uns so nachhaltig mahnt
es wäre besser
ich liesse diesen Text sich
langsam verwandeln
in die schlichte Beschreibung
eines Reiskorns und
es wäre dabei strikte
alles Eigene
zu vermeiden und keine
Neigung des Gefühls
dürfte die Wahrheit stören
   
Vgl. das monumentale Werk von Gerhard Merz: Fragment Grande Galerie I-XIV, Düsseldorf 2002
 
(die als Galerie
aus feingeschliffenem mattem
Alabastergips
etwas Lichthaftes bündelt
   
Röm 13,12 (Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.) Mt 27,46 (Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?) Vgl. Barnett Newman "The Stations of the Cross" (1958-66).
 
als Waffe gegen
die dunkle neunte Stunde)
man müsste den Blick
zwingen oft zu verweilen
an steilen Hängen
bevor die abgemähten
Flächen verschwinden
im Wald wegknicken später
am See oben führt
   
 
eine Frau die Kuh genau
der Linie entlang
zwischen Weide und Himmel
ununterbrochen
spricht sie geduldig während
sie geht mit dem Tier
irgendwie fehlt diesem Gang
die Zeit es ist schwer
sich vorzustellen weshalb
dieses Gespräch einst
abbrechen könnte hinter
dem Horizont wo
die Frau mit ihrer Kuh jetzt
langsam verschwindet
irgendwie bleibt ein Gefühl
das mir versichert
dass dieses Reden wahr ist
auch ohne dass ich
es höre wirklicher bleibt
als diese Landschaft
[3050] die jetzt langsam im kühlen
Herbstabend versinkt
obwohl sich das Verweigern
schon bald erübrigt
halte ich fest am Wachtraum
als geglückter Form
des Widerstandes gegen
das digitale
Diktat zur Aufmerksamkeit
gegen diskrete
Ächtung des sich Verlierens
in nicht sesshaften
Kulturen der Achtsamkeit
die Besitznahme
eines Leibes ist keine
Folge von etwas
nicht jahreszeitlich bedingt
ein Bergsturz bringt Tod
und Schrecken über Menschen
aber hinterlässt
keine Spuren von Folter
das Herantreten
ans Gitter gewährt dem Blick
unverhofft Weite
und zugleich scheint das Gesicht
auf der anderen
Seite uns plötzlich vertraut
doch dieses Sehen
das herantritt sich nähert
verliert sich schliesslich
in den Unebenheiten
grober Flächen und
farbiger Muster der Leib
der zurückbleibt mit
steifen Beinen bläht sich auf
und wo der Blick war
und zurückkehrt da entsteht
ein stumpfes Gefühl
das einer Schiessscharte gleicht
ich nähere mich
beharrlich der Vermutung
dass der Entschluss einst
unausweichlich sein könnte
das Sehen wortlos
einzuschränken die Augen
abzuwenden von
fast allem um sich ganz den
 
Vgl. Rudolf Steiner: "flattery flickery plates", 1999, Colorprints D 37cm, Serie 7 Expl.. Die Arbeit geht aus von den Untersuchungen Jan E. Purkinjes (1787-1869), der beschreibt, welche Bilder sich zeigen bei entsprechendem manuell ausgelöstem Druck auf den Augapfel (Johann Purkinje, Beiträge zur Kenntnis des Sehens in subjectiver Hinsicht, Prag 1819).
 
farbigen Scheiben
zu widmen die aufschimmern
wenn man die Fäuste
[3100] auf die geschlossnen Augen
presst und so den Druck
auf die Flüssigkeit erhöht
die in den Zellen
harmonisch dämmernd träge
dem Kosmos entspricht
ein allzu bescheidener
Leistungsnachweis man
muss die Zellen mit ihren
weichen Membranen
die stillen Kerne die sich
geduldig teilen
dieses insgesamt schattig
freudlose Strömen
ganz persönlichen Planktons
man muss es zwingen
bis dass es Töne Silben
abschlägt und ausschwitzt
ein Wind muss man sein der stürzt
ohne zu zögern
auf die wehrlosen Stellen
wo das Meer nichts ahnt
wo das Gleichmass des Schaukelns
und das Aufschäumen
mutloser Wellenkämme
Erschrecken verspricht
ein weitgeworfenes Netz
aus kleinen Klingen
luftig locker hingeperlt
auf die wogende
Fläche die schnell zersplittert
unter dem kühlen
Hauch der abweht ein Schauer
wie Scham über der
glitzernden Haut des Wassers
im Schatten bleiben
der Kugel die geräuschlos
unsichtbar den Lauf
verlässt und die der Schall erst
später einholt wenn
sich die Frage stellt nach Klang
und Resonanz nach
dem Pigment der Melodie
denn Farben sind an
vielem – nicht an allem – Schuld
das wusste Goethe
deshalb bestand er darauf
zu klären weshalb
erst die milchwolkige Luft
über dem Ungrund
[3150] den Himmel hinschleiert vor
die Schwärze der Nacht
weshalb es viele Schichten
von Nebel und Rauch
benötigt bis Licht endlich
glüht und das Warme
mit Blut alles durchflutet
es muss einen Weg
geben zur Einfachheit hin
die Dinge haben
uns bestimmt noch nicht gänzlich
verloren obwohl
unser Dasein immer mehr
zum Urlaub verkommt
wo die Räume verdunsten
beim schnellen Tauschen
von Kapital und Wissen
werden wir wieder
Nomaden nun allerdings
auf hohem Niveau
meine Voraussicht sichert
die strenge Ordnung
des Rückzugs ich verenge
die Landschaft bis sie
sich einrollt hinten im Tal
dieser Text versucht
einem Flusslauf zu folgen
orientiert sich einzig
an den leiernden Strophen
eines Liedes das
am Anfang verweilt wo es
mit wenigen Tönen
und knappem Klang nur einen
Flügelschlag über
der Farbe des Hochmoors und
der Flechten am Fels
hintönt novemberstruppig
so erkläre ich
was ich nicht tun kann während
ich tue was ich
nicht zu erklären vermag
woher kommt dieses
Andere hinzu zu den
Dingen Bildern und
mir wenn sie plötzlich da ist
die Aufmerksamkeit?
und was ist dieses Etwas
das sie hinzufügt?
dieses Nicht-Ich das aufhellt?
   
Caravaggio [Michelangelo Merisi] (ca.1570-1610): Die Wahrsagerin, ca. 1594 (Louvre, Paris und Pinacoteca Capitolina, Rom).
 
die Hand zum Beispiel
[3200] der Wahrsagerin zeigt sich
und zeigt auch genau
was sie möchte dem jungen
Burschen in die Hand
und Caravaggio malt es
unter zärtlichen
Blicken die hundertfünfzig
Jahre zuvor noch
 
Andrej Rubljew: Dreifaltigkeit, 1411, Tretjakow-Galerie, Moskau; vgl. AT Gen 18: Gott besucht Abraham in der Gestalt von drei Engeln.
 
kreisten bei Andrej Rubljew
dessen drei Engel
nur deutend ihre Hände
der Schale nähern
(darin in Butter und Milch
der Kalbskopf für Gott
der in Mamre Abrahams
Zelte besuchte)
was aber fesselt den Blick
an diese Hände?
vielleicht ist es die Täuschung
die der Leib ist die
wie jede Täuschung uns auch
einen Gewinn bringt
 
Vgl. die spätmittelalterliche Tradition der Reliquiengärten. (Topos "stirb und werde", Ps 92,13; Jes 66,14: "Eure Gebeine werden wie Pflanzen sprossen"; Sir 46,12; Mt 3,7-10 par.) Diese Vegetationsmetaphorik verbindet sich mit der Verehrung und Wunderwirkung von Reliquien. Dabei wurden Teilstücke von Reliquien in kostbare Stoffe eingenäht, reich verziert mit pflanzlichen Elementen und in einem grossen Schrein zur Schau gestellt.
 
uns einnäht in Kostbares:
Stoffe aus Seide
verziert mit Steinen die fein
geschliffen leuchten
aus den farbigen Bändern
selbst das blanke Stück
Schädel wird plötzlich zum Schmuck
und spröde Knochen
treiben trotzig Keime ins
Paillettengeflecht
und so wird dieser Körper
doch noch ein Garten
Hände und Füsse wachsen
dann glücklich ins Kraut
aber das ist nur eine
Weise des Sehens
 


Aus dem Reliquienkasten des Klosters Bentlage (um 1520)

Ernst Mach: Die Analyse der Empfindungen, Jena 1922 (9. Aufl.), S. 1f. Hier (1.Kp.: "Antimetaphysische Vorbemerkung") tauchen diese Begriffe im folgenden Zusammenhang auf: "Farben, Töne, Wärmen, Drücke, Räume; Zeiten u.s.w. sind in mannigfaltiger Weise miteinander verknüpft, und an dieselben sind Stimmungen, Gefühle und Willen gebunden. Aus diesem Gewebe tritt das relativ Festere und Beständigere hervor, es prägt sich dem Gedächtnisse ein, und drückt sich in der Sprache aus. Als relativ beständigere zeigen sich zunächst räumlich und zeitlich (funktional) verknüpfte Komplexe von Farben, Tönen, Drücken u.s.w., die deshalb besondere Namen erhalten, und als Körper bezeichnet werden. Absolut beständig sind solche Komplexe keineswegs."
 
des Verknüpfens von Farbe
Tönen von Wärme
von Druck Räumen und Zeiten
es ergeben sich
Schnittflächen Zonen des Tauschs
mit meinem Gefühl
mit meinem Willen der denkt
und im Gewölbe
dieser Empfindung entsteht
etwas Dichteres
was schon fast wahr ist
sich einprägt Spuren
[3250] legt im Gedächtnis um dann
Sprache zu werden
erst jetzt entstehen Häuser
Begegnungsorte
wo das Vertrauen zunimmt
bis einer endlich
der Wahrsagerin die Hand
hinhält ein Anfang
ist es der sich ein wenig
auflehnt gegen die
Unbeständigkeit angeht
mit einem Knochen
im roten warmen Brokat
(das Stichwort um den
Text hier zu unterbrechen
und das Angebot
kurz zu erwähnen das ich
im Briefkasten fand:)
Teppich Heriz aus Indien
ein handgeknüpfter
Orientteppich mit reiner
Schurwolle im Flor
laut Beschreibung gefertigt
aus fünfzigtausend
mühsam geknüpften Knoten
für achtundsechzig
Franken bei Lipo Möbel-
posten AG Schweiz
ich schätze das Kind erhielt
pro Knoten kaum mehr
als nullkommanullnullnull
Franken und das ist
wenig wenn man bedenkt was
es bedeutet nach
Millionen von Jahren
endlich den Knoten
knüpfen und vielleicht wieder
lösen zu können
und nun zurück zum Brokat
zum roten Samt und
dem rohen Fleisch das unter
der Haut und kleinen
pelzigen Inseln den Griff
an die Knochen dämpft
ein Zupacken trotzdem fest
genug mir Fragen
abzuwringen und zugleich
mich zu verschrauben
wie der Sturm durch die Jahre
den Stamm der Föhre
[3300] verdreht: nur weil ich weine
bin ich traurig – doch
wie hat die Vorstellung des
grossen Baumes Platz
in meinem kleinen Schädel?
schon dieses schlichte
Sehen von dem was sich zeigt
scheint mir recht schwierig
obwohl im Allgemeinen
bewährt es sich gut
(das behauptet die Mehrheit)
wie viel schwieriger
ist es erst Gerechtigkeit
zu sehen den Rand
wo die Schatten sich trennen
am kantigen Licht?
Sehen ist Wissen das sich
zum Schauen entschliesst
und das Zögern das daraus
entsteht nennt man Weg
die Möglichkeit dass wir uns
plötzlich verlieren
ist so gesehen ein Trost
es gibt da ein Buch
für Restauratoren und
das trägt den Titel
   
Gunter Lorenz: Mit Lösungsmitteln rechnen, Hamburg 1998.
 
"Rechnen mit Lösungsmitteln"
irgendwie stimmt es
mich zuversichtlich dass es
ein solches Buch gibt
die Tage werden kürzer
bleichen langsam aus
und steigern so ihren Wert
man zieht sie an wie
ein überaus kostbares
Gewand ja ein Tag
gilt mehr als das Leben und
auch mehr als der Tod
denn der kürzeste Tag noch
im schwachen Schimmer
bietet sich unersetzbar
dem losen Bild an
das wir sind und das ist kaum
mehr als ein Entwurf
was nicht etwa ein Eindruck
sondern ein Schluss ist
und eine Aufforderung
etwas zu ändern:
vielleicht vorübergehend
die Sesshaftigkeit
begrenzen dem Fuchs dem Gras
[3351] nochmals begegnen
und später auch uns falls es
noch hell genug ist
damit die Wirklichkeit ein
wenig verrückt wird
Genaueres vermag ich
nicht anzugeben
ich muss die Erschöpfung neu
erfinden die mich
täglich wieder überrascht
angesichts leerer
Zeilen die sich so haarscharf
und voll Leidenschaft
ins Weiss des Blattes betten
ich weiss es nie das
nächste Wort und steht es da
wird es fremd und löst
sich auf in nichts beim Lesen
es bleiben keine
   
Marcel Proust: A la recherche du temps perdu (Bd V: Die Gefangene).
Das Werk "Ansicht von Delft" von Vermeer, 1660/61 entstanden, befindet sich im Mauritshuis in Den Haag. 1921 kurz vor seinem Tod begab Proust sich ins Musée du Jeu de Paume, um das Bild – und besonders "die kleine gelbe Mauerecke" (le pan jaune) – dort noch einmal zu sehen. Dann fügte er die Sterbeszene mit dem Schriftsteller Bergotte (Anatol France? Proust selbst?) in seinen Roman ein. Angesichts der kleinen gelben Mauerecke ("le pan jaune"), gelangt Bergotte sterbend zur Einsicht: "So hätte ich schreiben sollen."
(Vgl. Z.2501ff.)
 
gelben Mauerecken kein
Fingerhut füllt sich
leuchtend hell mit Blütenstaub
ich markiere nur
Stellen wo ein andermal
sich etwas oder
nichts einfinden könnte denn
mein Ziel ist Freundschaft
Gastfreundschaft für alles was
sich erwarten lässt
in dieser nicht zu hellen
Bar am Rand der Stadt
an der Theke lehnend aus
falschem Tropenholz
auf dem kühlen Marmor liegt
eine Hand und die
gehört mir nicht die Türe
steht lange offen
und Arleta singt ein Lied
später kreuzt die Bucht
ein dunkler Trolleybus mit
einem Stern am Mast
was will man mehr als dass sich
das eine aus dem
andern nahtlos fast ergibt?
aber Nahtloses
weckt Misstrauen wie nämlich
findet man den Ort
wo die Naht offenbar fehlt?
das dichte Geflecht
[3400] der Bilder interessiert
mich nicht so sehr wie
die Wörterkette die den
Bildern die Spur legt
ein guter Grund zum Bücken
um so den Vorhang
der Schneeflocken kurzfristig
aufwärts zu wirbeln
bis das Rauschen am Rande
des Hörens abbricht
eine eigenartige
Stille schwimmt über
der weissen Fläche wie Öl
wie Fettaugen auf
einer mageren Suppe
Sprache ist das Fleisch
an den Knochen die später
sich zur besagten
falschen Theke schichten auf der
dann die Dunkelheit
trommelt mit klammen Fingern
während das Reden
etwas wie Auferstehung
(das grosse Echo) übt
das dauert und nur langsam
löst sich das Denken
aus diesen Mulden die uns
ständig erinnern
 


Wolfgang Laib: The Five Mountains Not to Climb On, 1984 (Blütenstaub)

Dogen Zenji, Shobogenzo, Kp. 71 Hotsu Bodai-Shin (Bd.3, S.117). Seit Buddhas berühmten vier Ausfahrten ist die Meditation der Vergänglichkeit der zentrale Ausgangspunkt in der buddhistischen Lehre.
 
an Geburt Alter Krankheit
und Tod an alles
was letztlich doch ausserhalb
unseres Wollens
Vermögens liegt uns gehört
der Leib sicher nicht
und trotzdem kümmern wir uns
voll Sorge um ihn
   
Friedrich Hölderlin, Griechenland: [aus der zweiten Fassung:] "..... Wo aber allzu sehr sich / Das Ungebundene zum Tode sehnet, / Himmlisches einschläft, und die Treue Gottes, / Das Verständige fehlt. / Aber wie der Reigen / Zur Hochzeit, / Zu Geringem auch kann kommen / Grosser Anfang. .... - [aus der dritten Fassung:] ... Viele sind Erinnerungen. Wo darauf / Tönend, wie des Kalbs Haut, / Die Erde, von Verwüstungen her, ..."
 
fürchten Himmlisches könnte
einschlafen und die
Treue Gottes uns fehlen
dabei kann doch auch
zu Geringem ein grosser
Anfang kommen wenn
auf der Kalbs Haut der vielen
Erinnerungen
die Welt tönt Erfahrungen
sammelt mit uns und
ohne uns auch oft sind wir
nicht hier beim Denken
nähen wir uns mit spitzen
Nadeln an Felle
[3450] die aber schwimmen noch ganz
weit oben im Fluss
Anordnungen könnten schnell
an Macht verlieren
wenn man sie kennt – doch heisst es
   
Jeremy Bentham: Tract of Poor Laws and Pauper Management, in: John Bowring (Hg.), The Works of Jeremy Bentham (Erstauflage 1838-43), 11 Bde., New York. Die Textstelle lautet: "... die Hand, die handelt und schlägt sorgfältig versteckt werden sollte, statt dessen muss man die Menge konzentrieren auf ein Bild der Vorstellung, eine allseits verehrte Abstraktion ...."
 
"die Hand die handelt
und schlägt sollte sorgfältig
versteckt bleiben " ein
Trommelwirbel bleibt immer
ein Trommelwirbel
und wird sicher nie eine
allseits verehrte
Abstraktion – Mr. Bentham
solange der Mensch
lebt gibt er Licht und diese
Täuschung ins Helle
ist Gewinn wie alles was
in die Irre führt
erst im Dunkeln höre ich
wieder auf alles
   
Johannes vom Kreuz (1542-1591): "Para venir a serlo todo ..."(Um dahin zu gelangen, alles zu sein); Friedrich Hölderlin: "Allda bin ich alles miteinander. Wunderbar ..." (Vom Abgrund nämlich ..., Hymn. Entwürfe); Fernando Pessoa: "Ah, dass ich nicht alle Menschen und überall bin!" (Das Buch der Unruhe); Georges Batailles: "Am Extrem des Möglichen verlangt die Erfahrung nichtsdestotrotz einen Verzicht: aufzuhören, alles sein zu wollen." (Die innere Efahrung, München 1999, S.39)
 
überall sein zu wollen
jetzt aber herrscht noch
keine Klarheit darüber
ob sich der Schatten
jemals vom Gegenstand trennt
in Erinnerung
rufen: dieser Text verwischt
eine Spur hier wird
Nachdenken als Erfahrung
der Ausweglosigkeit
geübt nicht als Instrument
des Erreichens
deshalb fehlt ausnahmsweise
in der drittletzten
Zeile noch eine Silbe
die Erleichterung
ist nicht unerheblich und
hält an seit ich mich
vergewissert habe dass
ich der Text nicht bin
ob damit das Misslingen
eines Werkes nach
Jahren der Arbeit leichter
fällt weiss ich noch nicht
   
Marcel Proust [7]: A la recherche du temps perdu (Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit, S.3942)
 
es bliebe dann nur jene
Müdigkeit dieser
Unmut an den Proust denkt – nun
sich erinnernd wie
er vergeblich versuchte
gestern den Umriss
[3500] der Linie zu beschreiben
die auf den Bäumen
das Licht vom Dunkel scheidet
ich bemühe mich
täglich diese Müdigkeit
nicht zu vermeiden
und ich versuche den Kurs
zu halten gegen
den Strom der mich vom Abgrund
abdrängt Sicheres
(auch schon ein Entwurf) erschliesst
die Gewissheit als
Neigung zum Fall und im Sturz
dieser Senkrechten
bin ich der Strohhalm der knickt
und abbiegt und die
eigene Schlaufe verpasst
und gerade dies
ist kein Unglück sondern die
Drehung im Stillstand
zwischen zwei Atemzügen
nachmittags während
ich aufblicke vom weissen
Rand meiner Arbeit
unter den Büschen dieses
gewöhnlichen Tags
seh ich etwas verschwinden
die Wahrscheinlichkeit
dass ich vorkomme nimmt ab
in dem verstrickten
Bild das ich mir mache und
im Verlangen das
ich nicht stille bleibt unklar
ob ich dabei bin
am Waldrand über dichtem
Gesträuch in diese
summende Wolke entleert
sich langsam die Welt
dort wo die Blätter manchmal
ein wenig zittern
wirft eine Erinnerung
ihren Blick auf mich
   

"Nel mezzo del cammin di nostra vita / mi ritrovai per una selva oscura ... Tant'è amara che poco è piu morte", Dante Alighieri, Divina Commedia (Hölle, 1. Gesang).

"E chi avesse voluto conoscere Amore, fare lo potea mirando lo tremare de li occhi miei", Dante Alighieri, Vita Nova, Kp.11

 

 

"Im flüchtigen Ausdruck eines Menschengesichts winkt aus den frühen Photographien die Aura zum letzten Mal." W. Benjamin.

 

 
unterwegs auf halbem Weg
find ich mich wieder
in einem düsteren Wald
trotzdem versuch ich
im kaum sichtbaren Zittern
der Augen etwas
zu erkennen etwas das
Liebe ankündigt
[3550] vielleicht – doch das Verlangen
bleibt eingefaltet
in das Futter des Wunsches
nichts zu bewegen
unbeweglich das Staunen
ins Ungewisse
zu richten und nichts zu sein
als eines dieser
stillgelegten Gesichter
auf einer bräunlich
vergilbten Fotografie
die Wachheit verschnürt
   

Heraklit: "Die Wachen haben eine gemeinsame Welt." (Fragment 89)
Nicht-Ort = gr. ou topos, davon abgeleitet das dt. Wort "Utopie".
Simonides von Keos (556-468 v.Chr.): "... hinauf schnellten die Fische, senk-recht, aus dem tiefblauen Wasser, im Einklang mit dem schönen Gesang." (Fragm.)

 
zur gemeinsamen Welt als
ein lichtes Bündel
dem Nicht-Ort eine Warnung
erst abends bin ich
ein Zustand der senkrecht wie
die Fische manchmal
aus dem tiefblauen Wasser
hinaufschnellt glücklich
im Einklang mit dem schönen
Gesang von Orpheus:
   

Boethius ("Consolatio Philosophiae", 524 n.Chr.): "Wehe, nahe der Grenze der Nacht sah Orpheus seine Euridike: Er sah [sie], verlor [sie], ging [selber] zugrunde (vidit, perdidit, occidit)."
"Fürst": urspr. "Vorderster, Erster", vgl. engl first.

Mt. 27,46 (Um die neunte Stunde aber schrie Jesus laut auf: Eli, Eli, lema sabachtani? Das heisst: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?)

 
ich sehe, verliere und
gehe zugrunde
sicher ist jeder ein Fürst
wenn er stirbt in der
Aufwärtsfurche der Sprache
überrascht vom Leib
der sich löst und verweigert
und seinen Schrei sucht
während die schweren Schiffe
wie dunkle Wolken
über uns wegziehn ohne
Aufruhr pflügen sie
still die Krümmung der Erde
als dumpfer Nachklang
entfernt sich eine Frage
die ich jetzt langsam
vergesse: wer war es der
im Frühling Vögel
singen hörte und im Herbst
wer sah wie der Wind
die Blätter wegriss vom Zweig?
wer hat die Liebe
zerknittert und wer lockte
sie wieder hervor
 

Wolfgang Laib: You Will Go Somewhere Else, 1995
"Liebe ist Raum und Zeit, dem Herzen fühlbar gemacht." (Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die Gefangene, S.3280)
 
als Kairos eines Organs
als ein Fremdkörper
in jenem Projekt das weiss?
ich mag den Stadtrand
[3600] wo das Netzwerk der Wege
ausfranst und abbricht
   
"Der Umgang mit guten Menschen ist wie Gehen durch Nebel und Tau; man wird zwar nicht nass, aber die Kleider werden immer feuchter." Kuei-shan Ling-yu [Isan Reiyu, 771-853]; in: Dogen Zenji: Shobogezo Zuimonki, IV,4.
 
im Nebel gehen dem Tau
entlang man wird feucht
und weiss nicht recht wie vielleicht
möchte auch das Licht
uns leichter machen und hell
und hat nichts zu tun
wenn wir meinen zu sehen
die gute Absicht
der andern ihr Wohlwollen
macht uns besser und
schliesslich bricht von den Besten
einer die Regel
und führt die Sprache zurück
zur Lautfolge die
nahezu ist was sie sagt
und die wie eine
breiter werdende Strasse
von dem Bekannten
ins Unbekannte uns führt:
an den baumlosen
   

Die Mittagszeit galt im frühen christlichen Mönchtum als eine Zeit besonderer Gefährdung; als Akedía (Überdruss, Nachlässigkeit) und Mittagsdämon bedrohte sie die spirituelle Achtsamkeit.

"Wenden des Sinns" lehnt sich an den ebenfalls aus der christlichen Spiritualität bekannten Begriff Metánoia (Umkehr, Busse).

 
Rändern im gleissend Hellen
den fugenlosen
Mittag erwarten damit
der Verdruss und der
dumpfe Unmut weit genug
ausholt und ablöst
vom Gerede vom Zwiespalt
der Verstrickung durch
Schatten und Licht das Wenden
des Sinns holt den Blick
dann zurück an die losen
Kanten und damit
   
"Ich möchte gemäss der Nuance leben." Roland Barthes.
 
lassen sich Nuancen des
Dämmerns beschreiben
die geringste Bewegung
die nun spricht trennt so
als makelloser Abschnitt
ein geblendetes
System von uns und sich selbst
endlich zerreisst auch
jedes Gelingen: Anfang
   
Buddhistische Mönche kleiden sich in ein Tuch, das aus erbettelten Stoffresten zusammengenäht wird (jap. Kesa). Dogen zählt (in Shobogenzo, Bd.3, Den'e) Arten von schmutzigen Lumpen auf, die be-nutzt werden dürfen.
 
nochmals und Sammeln
von schmutzigen Fetzen die
notdürftig vernäht
an die Roben östlicher
Mönche erinnern
die sind im groben Holztrog
so oft gewaschen
[3650] dass die Farben das Leuchten
zugunsten eines
Schimmerns ins Unbestimmte
in sich verschliessen
das strenge Nicht-Beachten
des Nicht-beachtens:
nichts schaut sich um auch wenn wir
zögern beim Scheitern
   
   
ortsfremd und ratlos stehen
vor einer Felswand
gute Voraussetzungen
also um beim Blick
hinauf Waben voll Honig
zu sehen und auch
Kanten und Risse im Stein
um Halt zu finden
beim Klettern in der Flugbahn
wildgewordener
Bienen die es nicht kümmert
dass ich mich nicht nur
vom Echo zu ernähren
vermag von diesem
kaum wahrnehmbaren Geruch
der sich als Schweissspur
durch die Jahrtausende ätzt
und vielleicht als Ruf
des Staunens begann damals
am fruchtbaren Fels
als die Frau die Süsse des
Honigs entdeckte
mich interessiert die Luft
wenn sie Atem wird
den ich beachte lange
bevor Stimmbänder
sich seiner bemächtigen
lange vorher ist
eine Choreographie
ein liturgisches
Drama im Gang das Mulden
des Merkens freilegt
die man später mit Sprache
zur Not überspannt
das was man tut verfolgen
mit Aufmerksamkeit
als ein Geschehen das
uns endlich geschieht
 


Felsenzeichnung aus den Cuevas de Arana bei Bicorp, Valencia.

Mt 21,1-9 par (Einzug in Jerusalem)
 
es ist ein Ritt in die Stadt
auf einem Esel
sein staubiges Fell unter
der groben Decke
[3700]sträubt sich ahnungslos weiss er
beim Gehen was kommt
hinter dem Tor das sich schliesst
unterwegs sein heisst
zwischen zwei Dunkelheiten
sich einzurichten
aber selbst noch die Freude
die Lust am Dasein
zeigt ausgeleuchtet Schatten
die uns erinnern
dass wir zwar Gäste aber
auch Gastgeber sind
immer bedrängt von der Scham
seit wir ausserhalb
leben ausgeschlossen vom
 


Manfred Stumpf: Der Einzug in Jerusalem (Yo-kohama Version), 1992.

 

pairi-dae-za (awestisch; mittelpersisch: pardez) = umzäunter Garten, davon unser Wort Paradies..

 
pairi-dae-za
diesem heiteren Garten
dessen Umzäunung
uns mehr fehlt als die Gärten
die wir verloren
und weshalb sind die Tiere
draussen und bei uns?
müssten sie nicht eigentlich
zu Hause warten
bis uns die Aufrechtigkeit
und der versteckte
Ekel nicht mehr betören:
uns Fremdes als Fleisch
Totes einzuverleiben
um über den Darm
das Gehirn zu entlasten?
man fragt sich zu Recht:
weshalb bleiben die Tiere?
worauf warten sie?
können sie nicht anders als
auf uns zu hoffen?
der Hund wenn er uns anschaut:
im Blick die Ferne
ob sie je bei uns ankommt?
die Schwierigkeit ist
dass ich beim Beobachten
 


"Nie treff ich, wie ich wünsche, das Mass ..." Friedrich Hölderlin, Der Einzige (1. Fassung).
 
das Mass nie treffe
im Gesichtsfeld bin ich stets
mehr als der der schaut
das was mich sieht - wie aber
soll etwas mich so
erreichen wo ich nicht bin?
heute umarmte
ein Freund mich zum Abschied sagt:
ich sterbe nun bald
[3750] wir sehen uns nicht mehr - da
war etwas erreicht
jenseits der Sprache alles
Leid alle Liebe
in dem einen Augenblick
kurzer Berührung
   
Roland Barthes: "Ich habe eine Krankheit: Ich sehe die Sprache."(Autobiogr. Fragmente)
 
(wenn uns die Sprache rettet
ist sie ein Abgrund
wenn man sie sieht ist man krank)
der Klang der Stimme
ist ein flüchtiger Wohnsitz
jenseits der Dauer
dient bei rechter Verwendung
als Übung ärmer
zu werden und arm den Weg
vielleicht zu finden
von innen her und hinaus
ins Weite wo nicht
   

"Denn nicht die Gleichgültigkeit hebt das Gewicht des Bildes auf ... sondern die Liebe, die grosse Liebe." (Roland Barthes: Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie) - "Und es grünen / Tief an den Bergen auch lebendige Bilder ..." (Friedrich Hölderlin: Patmos)

"Als Abbas Makarios [im 4.Jh.] in Ägypten lebte, traf er einen Mann mit einem Lasttier, der ihm seine Habe raubte. Er trat wie ein Fremder neben den Räuber und half ihm das Tier beladen ...." Vgl. Bonifaz Miller: Weisung der Väter, Trier, 1998 (Nr.471 und 493

"Punkte die stechen": Vgl. den Begriff compunctio / katanyxis aus der christlichen Spirtualität. (Ein 'Stich', ein Betroffensein, das uns zutiefst ergreift und bewegt.) - Roland Barthes unterscheidet zwischen studium und punctum einer Fotografie (s. Anm.)

 
die Gleichgültigkeit sondern
etwas wie Liebe
den lebendigen Bildern
das Gewicht abnimmt
und die Tiefe der Berge
also das Stumme
Bangigkeit Zweifel lassen
sich dehnen Lachen
verdichtet: nichts denkt sich weg Zeit ist immer Zeit
der Diebe und wir sollten
nicht zögern freundlich
zu sein wenn man uns ausraubt
diese seltenen
Punkte die stechen die uns
verletzen während
wir zaghaft Umschau halten
sicher versteckt und
lange warten dass etwas
uns treffe etwas
das der Ferne gleicht wenn sie
unverhofft nah ist
dieser Stich aus der Fläche
gehört zu der Naht
die mich annäht an alles
was ich verliere
jede Schicht jede Haut die
sich ablöst von mir
ist ein Verlust: aber nur
weil ich festhalte
an der Rettung von dem was
mir schliesslich noch bleibt
[3800]ein Gefühl taucht auf das gleicht
vielleicht einem Sack
der leer ist oder voll Wind
eine Empfindung
die erst abbiegt kurz bevor
die Landschaft aufhört
und es zu regnen beginnt
wie den Weg finden
hinter das Erinnern weg
vom traurigen Klang?
in Wirklichkeit gelingt mir
nichts ohne dass sich
ein Erinnern hinzustiehlt
eine Art Firnis
der den Glanz nur noch fern hält
(es muss drüben sein
auf der Seite des Schnees da
fällt mir das Kind ein
das sich festhält auf einem
alten Schlitten der
gleitet lautlos hangabwärts
und steht schliesslich still
das Kind schaut zurück: wie klein
die Mutter oben
am Rand scheint des Hügels der
vielleicht die Welt ist)
   
   
spät erst malt Giotto das Bild
wie Joachim träumt
vom goldenen Tor oder
davon wie im Fels
der aufbricht Gras wächst plötzlich
denke ich daran
ob nichts mehr geschieht irgend-
wie mag ich diese
sorgfältige Unruhe
ich setze alles
daran die Normalität
zu optimieren
diesen Text der mich anstrengt
überzuführen
in die Beschreibung von dem
was unmittelbar
vorliegt: des Lesens also
eines Lesenden
der versteht oder auch nicht
der aber annimmt
etwas gehe ihn an - und
das ist erstaunlich
und ein Umweg auf welchem
die Hindernisse
[3850] nochmals irgendwie zögern
bevor sie schliesslich
lakonische Wegmarken
sind oder in sich
ruhende schwere Pfosten
die man ins Wasser
rammte nahe am Ufer
 


Giotto di Bondone
(1267?-1337)

Dogen Zenji: Shobogezo Zuimonki, V,8.
 
"leicht abhanden kommt
uns das taugleiche Leben"
es lohnt sich deshalb
wenn man Umwege ernst nimmt
und am Verstehen
festhält ihm etwas zutraut
   
Papst Gregor der Grosse (um 540-604): Ezechiel-Homilien II,3,1
 
"wenn somit der Hirt
durch die Türe hereintritt
er selbst jedoch ist
Türe und Hirt so tritt er
zweifellos durch sich
selbst herein" sagt Papst Gregor
(auf den folgenden
Zeilen geschieht nichts ausser
dass sich Zeit darin
breit macht genügend Zeit um
sich diesem Satz wie
   
Das gr. Wort epoche, von dem unser Wort "Epoche" stammt, bedeutet wörtlich: das Anhalten, Hemmen, die Unterbrechung oder (philos.) das Zurückhalten eines Urteils.
 
einer epoche mit der Zeit
langsam zu nähern
die als Unterbruch alles
fest- und zurückhält
die den Austausch der Dinge
strikte verhindert)
gut kann es sein wenn alles
still steht fahrige
Hände werden dann schwerer
nehmen das Gewicht
wieder wahr das sie halten
und lange vermissten
beim Tasten im Oberlicht
spiegelnder Flächen
müsste man sich vielleicht ganz
auf die Bewegung
konzentrieren also auf
das Hereintreten
losgelöst vom Ort (der Tür)
und von der Person
(dem Hirten)? oder vielleicht
geht es sogar nur
um das Herein und das Ein
und Aus also um
die Durchlässigkeit und ob
man beim Durchlassen
[3900]etwas vom Durchlassen weiss?
ist Erkennen stets
auch ein Erkennen des Selbst
   
Plotin (bedeutender Neuplatoniker in Rom, um 205-270), Sextus Empi-ricus (Skeptiker, um 200 n.Chr., lebte in Alexandria und Athen.)
 
wie Plotin gegen
Sextus behauptet der meint
das Sehen könne
sich selbst unmöglich sehen
es stimmt das Leben
lässt mich allein gerade
wenn es drauf ankommt
manchmal scheint nichts so wirklich
wie die Angst: vielleicht
fehlt im Rahmen die Tür und
der Gast der eintritt
ist nur ein Schattengefühl
vielleicht ist alles
eine Frage der Zeit die
vorgibt ausserhalb
ihrer faden Geraden
aus Zukunft sei nichts
alles lege sich schliesslich
   
"finster" erinnert lautlich an "finis terrae" ("Ende der Welt"; Finistère ist die westlichste Region der Bretagne)
 
im finsteren Strahl
aus Vergangenheit aber
es könnte auch sein
dass es die Zeit gar nicht gibt
dass sie nicht mehr ist
als diese aufgeschnürten
Wölkchen am Himmel
als diese Spur im Blauen
vorbei an der Welt
   
Z.3930-48: Zitate aus: Theodor Fontane: Effi Briest (Schluss).
 
und die Effi sah als sie
kurz vor dem Ende
die Hand der Mutter hielt und
sich an einen Text
erinnerte an diesen
einen kurzen Satz:
"eigentlich haben Sie nichts
versäumt" und dann glitt
ihr Blick ins Weite zurück
"das blaue Meer und
weisse Segel die Felsen
mit rotem Kaktus
überwachsen" so hatte
die Mutter erst noch
vom Reisen gesprochen doch
nun blieb Effi nichts
als die Sehnsucht aber "die
zehnte Stunde war
noch nicht heran" dies alles
   

 

 

 

 

 

"Steigern Sie die Augenblicke, das Ganze ist nicht mehr zu retten." Gottfried Benn.

 
hängt irgendwie auch
[3950] mit der Zeichnung zusammen
eines Kindes die
mir jetzt in den Sinn kommt und
die ein Versuch ist
das Brautkleid zu entwerfen
für seine Mutter
aber längst denkt niemand mehr
"daran das Ganze
zu retten" und "das Steigern
der Augenblicke"
ist eine ungewisse
Geduld die aufhört
 


Brautkleid

Z.3962-4000: Anlehnung an ver-schiedene Zitate aus: Marcel Proust: A la recherche du temps perdu (Bd. VII: Die wiedergefundene Zeit)
 
zu weit dehnt sich die Zeit oft
über die Räume
hinaus die scheinbar für uns
ausgespart bleiben
ABER von nichts anderem
handelt dieser Text:
nicht vom selbstvergessenen
Hiersein sondern von
   
Vgl. Phil 3,12f.
 

diesem Ausstrecken das sich
seiner gewahr wird
Proust meint die Poesie des
Unbegreiflichen
sei eine Wirkung der Zeit
gleichzeitig nistet
der Tod in seinem Gehirn
wie eine Liebe
(aber erst nachdem er oft
an ihn gedacht hat
wie an eine Frau die man
noch nicht wirklich liebt)
es gelingt ihm nun kaum noch
sich zu entziehen
und die Idee des Todes
leistet ihm ständig
Gesellschaft nahe und fremd
zugleich und ähnlich
der Vorstellung eines Ichs
die nicht von uns weicht
eine Sorge von der wir
selten befreit sind
vielleicht im unverhofften
Wiedererkennen
des Geschmacks der Madeleine
leicht befeuchtet
im heissen Tee - das ist zwar
ein Traum der scheitert
doch die Bilder verdecken
immerhin etwas
was sich zum Glück uns entzieht

 

 

 

 

 

 

Z.0001-6000 in 3 Bänden bei
Edition Haus am Gern

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19.05.2009