Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.4001 - 5000

Index / Anmerkungen / Kommentar

Der Sophist Protagoras (um 480-410 v.Chr.) behauptet, das man von den Göttern weder wissen könne, dass es sie gibt, noch dass es sie nicht gibt; sie sind delos (undeutlich).
 
die Form zerbrechen
und nicht den Leib festhalten
an dem Vermögen
ein Ich zu denken das weiss
dass es da ist bloss
als Ordnungshilfe für die
Wirklichkeit in der
es schliesslich gar nicht vorkommt
doch auch dem Tier fehlt
etwas stirbt ein anderes
mir genügt schon dass
jetzt etwas fehlen könnte
um den Ort genau
anzusteuern wo ich bin
denkend redend laut
(ein Störfall ein Ärgernis
bin ich wahrscheinlich
den undeutlichen Göttern:)
   

"Schon als Tier hat der Mensch Sprache." Johann Gottfried von Herder

(Von der Frömmigkeit der Elefanten: ".... wenn sie sich erst verschiedent-lich gewaschen und gereinigt haben, den Rüssel, wie die Arme heben, die aufgehende Sonne steif ansehen, und gewisse Stunden des Tages gleich-sam nachdenkend und betrachtend stehen." Michel de Montaigne.

 
der Mensch hat als Tier
schon Sprache und zwar genug
sich alles anders
vorzustellen als es ist
und daraus viel Text
zu machen statt einfach still
zu stehen staunend
wie die Elefanten wenn
die Sonne aufgeht
genügsam wenn sie etwas
szenisch ergänzen
und die Liebe üben zum Unvollendeten
   

Dogen Zenji: Shobogezo Zuimonki, V/20: "Bleib nicht, wo der Buddha ist und renn schnell weg, wo Nicht-Buddha ist."

 

Der Mythos des Menschen als "Mängelwesen" im Vergleich zum Tier: s. Platon, Protagoras, 320b-d.

 
nie bleiben sie also dort
wo der Buddha ist
und wo er nicht ist laufen
sie erst recht davon
Tieren ist Religion
zu wichtig als dass
sie diese unterschieden
vom Pflegen der Haut
während wir Mängelwesen
sind und meinen Gott
erst an der Kehle eines
Opfers zu finden
ein Ritual ohne Sinn
eine Geste die
sich selber genügt und die
ihren Mythos erst
später mühsam erfindet
ich ziehe es vor
[4050] Entscheide aufzuschieben:
ich lege mich still
unter ein Schaffell warte
im spärlichen Licht
bis das Vergessen warm wird
und mich hinauskippt
aus dem Samt grauer Falten
in die Furchen die
erst am Mittag sich glätten
(wenn in Reykjavík
die Beamtin zuständig
für Elfen einschläft)
von Zweien sind mir immer
beide unheimlich
eine Wahrheit die vorgibt
erreichbar zu sein
und ein Ich das Gründe hat
daran zu zweifeln
beides sind Orte die es
nicht gibt bestehend
nur aus Koordinaten
um im Vorbeigang
den Blick doch noch auf etwas
richten zu können
schon beim Einatmen dünkt mich
es strebe alles
auseinander zum Umfang
der Kugel und schnell
darüber hinaus auf die
andere Seite
dort aber biegt mich etwas
zum Sturz ich falle
allem wieder entgegen
und alles windet
sich ein und davon durch den
lockeren Nabel
das Erinnern an etwas
was unabwendbar
bevorsteht und das zugleich
gänzlich unbekannt
finster geheimnisvoll bleibt
ist ein schlafloses
Nachtlager das man nur denkt
aber ohne es
löst sich der Blick nicht der hängt
an allem was wird
je länger ich mich sträube
mehr zu denken als
was mich nicht tröstet desto
weniger schleift sich
[4100] mein Verstehen wund und ab
dort wo es ist und
der Wunsch erleuchtet zu sein
scheint mir überaus
lächerlich lieber bin ich
erschüttert von der
Erfolglosigkeit
einer
einzigen Übung
das drängt mich ganz nahe ans
randständige Glück
wo es sich abstösst von mir
wie in der Reihe
der Kugeln die letzte wenn
die erste aufprallt
alle dazwischen bleiben
ganz still etwas geht
durch sie hindurch und das kommt
ihnen bekannt vor
aber sie kennen es nicht
ich möchte nur dies:
schauen das nichts unterbricht
frei vom blinzelnden
Schlaf vom salzigen Unmut
hielte ich mich fest
an meinem staunenden Blick
geräuschlos durch die
vom Regen befeuchteten
Gassen hinunter
zum Strand kurz nur verweilen
im spärlichen Grün
einer Düne dann ohne
zu zögern hinaus
auf das Meer und ich bleibe
so nahe an dem
was ich sehe dass ich mich
nicht unterscheide
falls jemand mich sieht bin ich
draussen geborgen
im Flügelschatten des Winds
neben mir hör ich
stets das Geräusch von Schritten
durch lange Gänge
verblendet mit Fliesen aus
Ton dunkelrotem
später ein Kiesweg und dann
ist es plötzlich still
auch die Stimme verstummt jetzt
und das Beschreiben
bricht ab aber sie sagt noch
wir hätten hier nichts
   
Vgl. Janet Cardiff, Ittingen Walk, 2002
 
[4150] verloren - bloss die Wörter
werfen stets wieder
Anker vom Wegrand in die
Bibliotheken
Kleiderbügelerzeugung
steht beispielsweise
zwischen blühenden Bäumen
an einer Strasse
irgendwo kurz vor Bregenz
worüber einmal
kurz nachzudenken wäre:
was liegt unsichtbar
zwischen meinem Aufmerken
und der präzisen
Flugbahn der Bienen die das
Schriftbild umfliegen
und den Honig erreichen
stets lange vor uns
dieser scheinbare Vorsprung
schrumpft wenn die Tiere
später doch noch Gesichter
probieren und uns
mit weit aufgerissenen
Augen ein Antlitz
zuwenden nachts zum Beispiel
erstarrt dann ihr Blick
bei andern bleibt er am Tag
irgendwie traurig
wenn sie sich in uns erschreckt
wiedererkennen
als Beutelratte Springmaus
Siebenschläfer Halb-
affe Baummarder Eule
sie ahnen dass in
unserem Nocturama
mit seinen dumpfen
labyrinthischen Räumen
kein Platz ist für sie
ob der Mensch jemals aufhört
Tiere zu kochen?
   

 

 

 

 

 

 

Akakij Akakijewitsch ist die Hauptfigur in Nikolaj Gogols Erzählung "Der Mantel"

 
allem was da ist zieht er
die Haut ab und legt
Sehnen Knochen Adern und
Muskeln bloss um so
den Blick zu gewöhnen an
die freigestellten
Organe aus denen er
zu lesen beginnt
während er den uralten
hauchdünnen Mantel

[4200] Akakijewitschs vergisst
der in Petersburg
starb fiebrig im Winter und
als ob es ihn dort
niemals gegeben hätte
diese Hingabe
jedoch mit der Akakij
Texte kopierte
Genugtuung fand schreibend
Zeile für Zeile
Buchstabe um Buchstabe
ohne sich jemals
hinreissen zu lassen zur
Auflehnung gegen
die Wörter - so zu schreiben
gelingt mir wohl nie
ich muss mich begnügen ihm
in meinen Sätzen
einige Augenblicke
jenseits der Kälte
anzubieten - ich weiss nicht
ob es genügend
Zitate gibt um damit
die Vergessenen
alle wieder zu wärmen
die Anzahl derer
die leben übersteige
die aller Toten
sagte einer es müssten
also noch immer
neue Seelen entstehen
und das Potential
des Erinnerns sich steigern
so dass vergessen
schliesslich fast nicht mehr gelingt
aber dem Zaumzeug
das sich erinnert fehlen
die Kapriolen
und dem Pferd das nicht da ist
fehlen die weissen

schäumenden Flocken am Maul
 


Honoré Fragonard
anat. Modell (18.Jh

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Robert Walser (1878-1956)
 
"wozu" fragt Walser
"heilandhagelnochmal ist
man gesund?" und
keiner weiss besser als er
wie man im Zaumzeug
gefügig und Asche wird
wobei Wörter wie
Asche Milch oder gar Schaf
immer weniger
[4250] Ausblick gewähren sondern
den Blick im Innern
festhalten wo Sulamit
tanzt und die Lämmer
von Ravenna das Fressen
vergessen oben
im Himmel wo Honigmilch
zwischen farbigen
Steinchen hervorquillt aber
   
   
mir scheint ein simpler
Küchentisch mit drei alten
Taburetts zeige
doch auch etwas Heiliges
der Duft nach Bratwurst
und angedämpften Zwiebeln
weckt Empfindungen
und was sie hervorrufen
erinnert sich klar
während ich die Prozession
an Fronleichnam kaum
deutlich meine beschreiben
zu können: vorne
die Monstranz samt Blasmusik
ganz hinten staut sich
eine protestantische
Autokolonne
dann ist da noch dieses Lied:
in jeder Strophe
"steht ein bucklig Männlein da"
das treibt allerlei
Unfug vor allem "will ich
an mein Bänklein knien
steht ein bucklig Männlein da -
Kindlein ach ich bitt
bet für's bucklig Männlein mit"
später erst merkt man
das Lied hatte recht: etwas
hemmt immer den Lauf
des Geschehens und drängt uns
vom Wissen weg
zum Vorstellen hin aber
ohne Hingabe
also ohne dieses Kind
das betet in uns
gelingt eigentlich fast nichts
"desassossego"
also vorher und nachher
Unruhe stetig
 
Arthur Cravan (eigentl. Fabian Lloyd, Neffe von Oscar Wild, geb.1884 in Lausanne, verschwunden 1918? in einem Ruderboot im Golf von Mexiko.), Dichter, Boxer, Anarchist.
 
sogar Boxer verschwinden
jetzt spurlos und still
[4300] samt ihren Gedichten im
Golf von Mexiko
treiben im warmen Wasser
ganz langsam zurück
nach Europa ans Festland
als zuckender Tang
lauter Algengedichte
die pharmazeutisch
veredelt Magenbrennen
Kröpfe verhindern
und uns schliesslich befreien
vom schweren Metall
unglaublich was ein Gedicht
langsam getrunken
alles (und mehr noch) vermag
was mir jetzt vorschwebt
ist ein Modell
aus Himmel aus Luft und aus Nichts
das von oben her auffüllt
alles was leer ist
um Kegel Pyramiden
Quader und Prismen
ein Abdruck entsteht der Welt
wo sie nicht ist und
in den man sie notfalls auch
nachgiessen könnte
allerdings ohne Rücksicht
zu nehmen auf die
feingeschwungenen Gräser
auf ausgerollte
Lippenblüten die Ordnung
des Umsichstechens
dunkelgrüner Pinazeen
Pflanzen überhaupt
mit ihrem aufdringlichen
Grün Fette speichernd
in der Wüste und heimlich
Dunst vor der Hitze
hortend als Sukkulenten
irgendwie stören
Pflanzen den Backup der Welt
quälen die Flächen
die sich mutig entschliessen
zur Wiederholung
aber auch unser Atem
treibt ständig Blasen
in die unsichere Haut
und stülpt sich Säcke
voll Luft in den Leib - es bleibt
viel Ungeheures
[4350] das uns nicht ganz gehört
und das man besser
zurückgeben sollte wie
früher alles was
als erstes erschien aber
das Unbehagen
   
   
setzt jetzt erst ein mit der Lust
dem grausamen Mut
schlauen Plänen vor allem
die gar nicht selten
mit blutigem Abtrennen
enden von Köpfen
die Zeit jedoch kehrt oft um
Holofernes
fiel einer Rache zum Opfer
für eine Tat die
Agostino Tassi doch
erst Jahre später
beging als er das Mädchen
Artemisia
in Rom und ausgerechnet
in Perspektive
zu unterrichten vorgab
eine andere
Umkehr der Zeit ergibt sich
wenn man den Blick weit
vorausschickt zum unscharfen
Rand wo die letzten
Sekunden uns vielleicht zur
Übersicht zwingen
 


Artemisia Gentileschi:
Die Tötung des Holfernes

William Collins (1721-1759): Ode to Evening (Übersetzung s. Anm.)
 
"now air is hushed save where the
weak-eyed bat / with short
shrill shriek flits by on leathern
wing / or where the beetle
winds / his small but sullen horn"
aus diesem kleinen
mürrischen Horn bläst etwas
herüber zu mir
ein Wind ein Sturm der anschwillt
und ein Lachen bricht ohrenbetäubend gewaltig
los das schüttelt uns
beide den Käfer und mich
ganz ausser Atem
holt die Stille uns ein mit
zitternden Flügeln
und um die Schultern dieses
in sich gekehrte
purpurne Glimmen
blinde Könige tragen's
die sind ein Horchen sonst nichts
   
   
[4401] und gleichen einem
alten hellgrauen Pferd das
langsam den Kopf dreht
und diese Drehung
jenseits jeglicher Absicht
entzieht allem den Schatten
es fehlen plötzlich
die Gründe an den Flanken
Ballast des Bleibens
anzusetzen so spät noch
ja selbst das Hören
in das sich alles ergoss
findet keinen Halt
rutscht ab und gibt etwas frei
nicht das was man hört
sondern das Man das man hört
wie es hört und das
hört man auch wenn es nichts hört
genau hier müsste
dieser Satz folgen von den
drei schweren Schimmeln
die durch den Park traben und
Wasen aufwerfen
die erwartungsvoll stehen
bleiben vor uns: jetzt
an diesem Ort an dem ich
noch nie war und der
den Wachtraum einer Landschaft
hinter sich aufscheucht
eine Rückseite also
die mich vertröstet
auf den zu erwartenden
Einfall von Licht
nun erkennt aber etwas
lange bevor es
zu unterscheiden beginnt
und kommt in den Sinn
diese grüne Nebelbank
die sich geräuschlos
aufgerichtet hat hörte
ich lange bevor
ich sie sah diese Hecke
hinter der die drei
Schimmel vor ihrem Auftritt
standen und träumten
 

Barbara Meyer Cesta
   

durch welche Tür auch immer
unerwartet ist
jeder Besucher und nie
vertrauen Pferde
[4450] der Geometrie des Blicks
sie nehmen Abstand
von jeder Beschleunigung
die nicht der Flucht dient
der mnemotechnische Wert
ihrer Bilder bleibt
frei von jeglicher Eile
es ist der Zweifel allein
der sich einprägt und
der braucht kein Archiv
kein Gedächtnis mit Dauer
deshalb fahre ich
vorläufig fort mit diesem
nicht endenden Text
anschliessend werde ich mich
sehr ernsthaft meiner
beruflichen Karriere
zuwenden müssen
obwohl ich immer weniger
verstehe von den
natürlichen Abläufen
die unauffällig
am Saum der Zeit verwurzelt
diese unbeirrt
mit kaum sichtbaren Rissen
überziehen und
deren Vertiefung wieder
von der Unruhe
abhängt die zu ertragen
mir kaum je gelingt:
dort wo ich aufwuchs stehen
die Häuser jetzt fast
in einem Wald Moos wächst
im Schatten wo wir
auf besonntem Rasen einst
spielten als Kinder
es dunkelt ohne dass es
die Wirklichkeit merkt
zugleich wird das Erinnern
heller ein Vorgang
der sich stetig verlangsamt
und schliesslich ist es
der Aufenthalt der von uns
eine Erklärung
erzwingt nicht die Bewegung
denn Proust vermutet
dass die Unbeweglichkeit
der Dinge vielleicht
nur unsere Gewissheit
unser Festhalten
[4500] sei daran dass sie es sind
und keine andern
unsere Starrheit also
mit der wir ihnen
wenn wir denken begegnen

 


Ilja Repin: Der unerwartete
Besucher


Alfred Yarbus: Augenbewegungen beim Betrachten eines Bildes

   
was mich allerdings
noch viel mehr beschäftigt ist
dieser Trieb der uns
zum Unterscheiden verführt
und fast gleichzeitig
zwingt ein Urteil zu bilden
die Wirklichkeit wie
würde sie sich zeigen wenn
unser Widerstand
wegfiele mit dem wir sie
unterscheidend nur
zu erkennen vermeinen?
   
   
die Dichte des Bergs
das weichgefütterte Loch
das sich mit seiner
Leere unter ihm durchschiebt
das Gipfelkreuz das
wahrscheinlich einen alten
Skandal irgendwo
im Orient dürftig markiert
das alles wäre
ein einziges Bild gänzlich
ohne Abgrenzung
an der Unterscheiden sich
festsetzen könnte
es wäre mir dies nur mehr
ein Riss der ginge
durch etwas hindurch das sich
noch nicht getrennt hat
von nichts und auch nicht von mir
einer Furche gleich
im fast senkrechten Acker
 

Thomas Schütte: Berg, 2003
Vgl. W.G. Sebald:
Die Ausgewanderten
 
berückend wie ein
englischer Teeapparat
welch glückliches Bild
diese teas-maid samt Weckuhr
von der Sebald sagt
dass ihr blosses Dastehen
das leise Sprudeln
und ihr nächtliches Leuchten
ihn davon abhielt
dem Gefühl zu folgen und
sich allzu leicht aus
dem Leben zu entfernen
die Wirkung dieses
[4550] lebensrettenden Geräts
entspricht haargenau
meinem Befinden das mich
selten erreicht wenn
ich mich verstecke im Schlaf
am Mensch aber ist
schlechterdings gar nichts normal
deshalb gelangen
andere offensichtlich
zum höchsten Gefühl
als Allradfahrende als
Mittelklasse die
mobil und diskret Kinder
vergiftet Alten
keine Luft gibt zum Atmen
welch eine Menschheit
die anders könnte aber
das Wollen nicht kann
nun habe ich mich also
doch zur Bitterkeit
hinreissen lassen vielleicht
weil mir unverhofft
 
George Orwell: Politics and the English Language
 
Orwell in den Sinn kam: "What"
so behauptet er
"is above all needed is
to let the meaning
choose the word - not the other
way about" und mit
diesem Zitat mildert sich
mir unerklärlich
das Bittere schon wieder
wenn etwas ist kann
ihm dies nicht gleichgültig sein
sogar der Grashalm
will das Knicken verhindern
aber gleichzeitig
denkt er im Traum nicht daran
sich festzuhalten
an allem was ist das bleibt
uns vorbehalten
ergibt später den Stoff
für Balladen mit
   
John Gay (1685-1732)
 
langen Titeln "Being a
new ballad showing
how Mr Jonathan Wild's"
so harmlos beginnt's
"throat was cut from ear to ear
with a penknife by
Mr Blake alias Blueskin
the bold highwayman
[4600] as he stood his trial in
the Old Bailey" und
dies ist wie ich schon sagte
nichts als ein Titel
für die Beschreibung eines
Geschehens von dem
ich nicht weiss ob es stattfand
doch sicher hat es
mit diesem Nichtverstehen
zu tun an dem wir
festhalten wenn wir sehen
wie jener Grashalm
im Wind das Aufrichten übt
angenommen die
Seelen der Menschen blieben
bedürftig wie sie
es von Anfang an waren
die Empfindung wenn
der Blick vom Rand der Klippen
sich löst oder wenn
der Tonfall einer Stimme
uns bekannt vorkommt
mitten unter Tausenden
von Menschen in der
Empfangshalle des Bahnhofs
wenn Wahrnehmungen
wie diese uns immer noch
zum Innehalten
veranlassen was hat sich
dann in unseren Dunkelheiten verändert
bewegt in all den
Jahrmillionen? auch jetzt
noch sind die Dinge
mehr als wir ihnen zu sein
gestatten: Gegen-
stände undeklariertes
Raubgut der Götter
   

Karl Jaspers: " ... dass wissenschaftliche Erkenntnis nicht das Leben zu führen vermag, dass sie nicht einmal ihren eigenen Sinn, nämlich dass sie da sein soll, begründen kann, dass sie vom Standpunkt der Philosophie her gesehen Zerstreutheit ist."

"Niemand weiss, was die Welt im Ganzen ist, wohin sie geht. Die Reinheit dieses Nichtwissens ermöglicht erst, was wir Wahrheit nennen oder Vernunft oder Gottesdienst."

 
vielleicht ist Wissen etwas
das uns zerstreut und
Nicht-Wissen läge näher
am Wahren hätte
sogar denselben Geschmack
wie die Vernunft die
bringt mich wieder hinüber
zur Frage wie ein
Ich das es nicht gibt etwas
nicht festhalten kann
eine Vorstellung die mich
anstrengt aber auch
[4650] irgendwie leichtfertig macht
so dass ich meine
diese Frage rücke nah
an die Zuversicht
die behauptet die Liebe
bezwinge den Tod
es ist immer der Glaube
der das Verstehen
antreibt und dann ermöglicht
aber was gewinnt man
mit dem Verstehen - draussen
nach dem Theater
(denn man muss es sich wieder
und wieder sagen:
   
Gabriel Marcel im Tagebucheintrag vom 8.März 1929.
 
"ich bin nicht im Theater")
zwischen den leeren
Fabrikhallen sitzen auf
Kunststoffkisten stumm
junge Frauen und rauchen
der Fischfang lohnt sich
nicht mehr in Douarnenez
aber die Möwen
die kreischen über der Stadt
immer noch hungrig
am Pier ein einziges Schiff
mit chinesischem
Namen weiss überschrieben
heisst es jetzt 'Red Sun'
ausserhalb des Theaters
wohin gelangt man
unterwegs zum Verstehen?
mein Wegweiser ist
diese Lücke in der merkt
meine Seele und
merke ich dass sie nicht ich
und ich nicht sie bin
ein Gedankengang der nicht
wenig Licht verschluckt
das Leuchten fällt uns deshalb
schwerer je länger
unser Hiersein sich abnützt
während Heringe
wenn sie tot sind erst recht zu
leuchten beginnen
obwohl uns das Verstehen
der Fische fremd bleibt
mag es uns trösten wenn wir
meinen dass unser
   
Aischylos "durch Leid lerne" (Agamemnon)
 
Leiden sich in Verstehen
verwandle statt in
[4700]ein stilles Schimmern und dass
dieses Verstehen
eigentlich erreicht ist erst
dann wenn wir tot sind
dass etwas nur da ist wenn
wir es verstehen
stimmt sicher nicht es genügt
unser Zuwenden
und das Äusserste zeigt sich
nun frag ich mich wie
kommt der junge Wittgenstein
dazu zwei Welten
zu vermuten? die Sprache
scheint mir ist immer
gleich weit entfernt von allem
was sie meint ob sie
es sagen kann oder nicht
schon wenn ich sage
"ich und mein Leib" ist dies ein
unsinniger Satz
und die Behauptung etwas
wie die Seele sei
gefangen im Leib zeugt von
grosser Verwirrung
es geht hier vielmehr darum
dass der verführte
Wille verführt werden will
doch just aus dieser
Konstellation des Bösen
ergeben sich die
phantastischsten Entwürfe
geheimnisvoller
illuminierter Welten
mit sanft geballten
Wolkenbänken die sich uns
von hinten über
die Schultern schieben und sich
auf Kopfhöhe dann
verdichten um Gedanken
auszuschwitzen wie
Perlen aber eingefärbt
mit Staub und Asche
den Materialien die stets
als Drehpunkt dienen
den Blick vom Ende weg zum
   
"(initium) ergo ut esset, creatus est homo ..." [Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen]. Augustinus: De civitate Dei.
 
Anfang zum Beginn
zu biegen der uns geschah
und seither könnten
wir selbst anfangen ich bin
zuversichtlich wie
[4750] ein aufgeschlagener Baum
so weit ich sehe
   
 
nichts als hoher Adlerfarn
darunter liegen
im abgebrochnen Schatten
Rindenstücke mit
feuchten Innenwänden da
frassen liebevoll
Würmer ihren Text hinein
 
Novalis: "Schlaf ist Seelenverdauung ..."
 
der beschreibt den Leib
wie er im Schlaf die Seele
langsam verdaut und
dass es doch erstaunlich ist
dass dieses Knistern
im leeren Raum als Nahrung
dient für Bilder die
ihrerseits den Text dann oft
als Nadel brauchen
um dünne Stellen wieder
mit ein paar Stichen
ans Futter anzunähen
   
   
dieses Gewebe
aus entoptischem Garn mit
glücklichen Dingen
verziert die Sinn anbieten
den Augen damit
wir sie besser verstehen
wahrnehmen also
samt ihrem Gott der Sonne
dem das Bedürfnis
fremd ist zugleich auch machtvoll
als Gesetzgeber
in Erscheinung zu treten
was erst unserem
Gott später gelang worauf
der Restbestand von
Noch-nicht-Erhelltem hinschmolz
ins Dunkle zurück
blieb eine Lücke in der
sich dieses Gefühl
von Schuld einnisten konnte
ein Raum immerhin
so weit dass sich der Nachhall
unseres Scheiterns
gut eignet als Wohnung für
Engel Dämonen
die sich rastlos bemühen
um uns im Durchzug
des hochgestemmten Himmels
die wollen uns stets
[4800] mitnehmen irgendwohin
ich verweigere
grundsätzlich jeden Transport
denn ich gehe beim
Einschlagen einer Richtung
immer verloren
   
   
lass uns stehen und bleiben
inmitten der Flut:
nichts und welch eine Weite!
ich halte dich fest
auch mit offenen Armen
später schwimmen wir
hinaus und spielen wie Gott
mit dem Leviathan
erst Ungeheures nämlich
kann uns beruhigen
zwingt uns den Tanz nach innen
zu falten wo wir
die ausfallenden Schritte
den engen Räumen
anpassen müssen so dass
die Nähe uns zwingt
fast nichts mehr zu sehen denn
erst aus der Ferne
werden die Dinge wieder
langsam und grösser
 


Ilja Repin: Was für eine Weite


Leviatan und Behemot


Tango

Ijob 40,15-24
 
tauchen auf wie der Rücken
eines Flusspferdes
aus dem Schlamm wie das Urtier
das Gott ausführlich
beschreibt es streift seinen Schwanz
zederngleich aus Eisen
sind die Gebeine aus Erz
im Lotosgebüsch
legt es sich nieder versteckt
im Sumpf und im Schilf
bleibt es sicher wenn ihm der
Jordan ins Maul dringt
"Ja kann man dem Behemot"
so fragt Gott Ijob
"seine Nase durchbohren?"
aber was genau
hat diese Frage zu tun
mit Ijobs Unglück?
   
Franz Kafka:Strafkolonie
 
"Verstand geht" sagte einer
"dem Blödesten auf"
aber die Umstände sind
nicht immer günstig
ich sass auf einem Baumstrunk
vor kurzem im Wald
[4850] pflückte sämtliche Beeren
die ich erreichte
aber als ich die Fäulnis
sah und das Leben
unter einem Stück Rinde
Würmer und Eier
schwer arbeitende Käfer
da wurde mir klar
dass mein Arm weiter reicht als
mein bisschen Verstand
sehen und das was Sinne
mir auftun könnte
genug sein mehr zu wollen
ist vielleicht zu viel
eine Unruhe ist die
mich beunruhigt:
zwar ist mein Bett warm und leicht
ist die Arbeit auch
das Essen bekömmlich doch
trotzdem ist etwas
dünkt mich fast nicht in Ordnung
letzter Widerstand
vielleicht während der Leib mich
hartnackig besiegt
ich versuche tagtäglich
geltend zu machen
dass es Verhältnisse gibt
die nicht auf Feindschaft
beruhen irgendwie sucht
Fleisch sein Verderben
sogar dieser Text der nur
eine Geste ist
die sich aufrecht zu halten
versucht als Leibspur
vergänglich legt sie sich hin
auf weisses Papier
es ist wirklich erstaunlich
wie uns zuliebe
so Welt noch immer entsteht
im Traum hat Duchamp
mich fest umarmt und geküsst
ich fragte: gehen
ja aber wohin? er hat
nur sehr laut gelacht
   
Marcel Duchamp: "Étant donnés. 1. la chute d'eau / 2. le gaz d'éclairage" 1946-66.
 
und als ich erwachte lag
mir der Tag schon heiss
wie Leuchtgas auf dem Gesicht
wie Wasserfälle
verkehrte lösten Farben
die Dinge heraus
   
   
[4900] "Impression, Soleil levant"
ich sehe Flecken
und Flecken schreibe ich auf
haarscharf am Spielrand
"strike strike hard but strike above
the line: / strike where thou
please so as the set be thine"
 

Claude Monet
Francis Quarles (1592-1644)
 
"man" schreibt ein Dichter
"is a tennis-court" Gott spielt
gegen den Teufel
ein anderer ernüchtert
sagt einfach "der Mensch
ist aufgeklärt oder fromm
das heisst ein Schurke
oder ein Narr" dies schrieb vor
bald tausend Jahren
   
Abu l-Ala' al-Ma'arri (973-1057)
 
al-Ma'arri der blinde
Dichter und Vegetarier
Philosoph aus Aleppo
den Tieren eher
zugetan als den Menschen
man sieht wie Sehen
vom Denken abhängt wobei
nicht jeder der denkt
etwas zu sehen vermag
Sehen lässt sich nicht
ausprobieren mich rückt das
offene Auge
immer ins Zentrum verschlägt
mir die Sprache die
eher vom Rand her versucht
Sehen zu fassen
was jedoch niemals gelingt
doch profitieren
Sehen und Reden stets von
diesem Misslingen
- biegt Nebel das Meer oder
krümmt sich die Erde
langsam stetig noch immer -
ist es ein Fehler
die Stille auszusetzen
dem Brand flammender
Zungen dem gleissenden Blick
so dass das Schweigen
sich langsam verzehrt dieses
Anfangsgewebe
das uns als Fettschicht umhüllt
eines Nachts ist mir
   
Johann von Pomuk (später Ne-pomuk), Beichtvater der Königin Sophia Johanna, 1393 zu Tode ge-foltert und von der Karlsbrücke in die Moldau gestürzt, weil er das Beichtgeheimnis nicht brechen wollte, als König Wenzel IV. seine Gemahlin des Ehebruchs verdäch-tigte. Als 1719 das Grab geöffnet wurde, war der Leichnam verwest, die Zunge jedoch lebensfrisch und als sie eingeschnitten wurde, floss Blut heraus.
  der heilige Nepomuk
begegnet in Prag
[4950] stand auf einer der Brücken
verwest nur noch Staub
bis auf die Zunge die lag
fleischig und blutend
in etwa dort wo sein Mund
einst war als er schwieg
so staub so stumm ging die Welt
unter im Traum und
ohne dass ich es merkte
die Welt - ist sie noch
oder ist sie schon nicht mehr?
das was ich meine
zu sehen sind wahrscheinlich
   
Siqt az-zand ("Funken des Feuer-bohrgeräts") ist der Titel der ersten Gedichtsammlung von Abu l-Ala al-Ma'arri (973-1058).
  nur noch die Funken
eines Feuerbohrgeräts
mit dem einer spielt
einmal oben dann unten
ab und an ein Schrei
kurz und freudig fast freundlich
wenn er Trockenes
Ungehobeltes findet
welche Mitteilung
lohnt sich in das weisse Brett
einzubrennen mit
glühender Nagelspitze?
"devo andare"
dünkt mich klingt gut nicht zu streng
eher nach Urlaub
ein Schriftbrand der erinnert
auch an die Nägel
die ich zum Rosten vergrub
in die Erde weil
die Hortensien dann blauer
blühen fast zu blau ...
eigenartig wie dieses
endlose Gedicht
in meinem endlichen Leib
bereit liegt und nun
langsam herausquillt genau
wie anderes auch
und dies ist ein Vorgang der
meine Gesundheit
betrifft und meine Vernunft
ich meide den Ort
wo ich abgedrängt werde
zur Wahl wie es heisst
   
Marcel Proust, A la recherche du temps perdu (Bd. V: Die Gefange-ne).
  von "subtilen Genüssen
des Geistes" - "ich habe
stets die Feigheit besessen"
sagt Proust "mich für die
[5000] ersteren zu entscheiden"
   
 
   

Z.0001-6000 in 3 Bänden bei
Edition Haus am Gern

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09.12.2011