Nicht bei Trost (Haiku, endlos) 
Z.6001 - 7000

Index / Anmerkungen / Kommentar

 
ich verweigere
die Übersicht der Ordnung
ich will nicht wissen
wer ich bin beim Schreiben nicht
   
6005-6012: Vgl. Dogen Zenji, Shobogenzo Zuimonki VI,4: Hier wird von einem Mönch, der sich aus billigstem Papier ein Gewand nähte, berichtet und auch das beim Tragen befremdliche Geräusch erwähnt.
 
aus diesen Seiten
nähe ich ein Kleid das mich
statt wärmt beschattet
und das ein ungewohntes
Geräusch verursacht
wenn ich mich setze wenn ich
komme gehe nur
wo ich bleibe wird es still
dieser Text beschreibt
ein Verbundsystem und ist
selbst ein Teil davon
unbeirrt umkreist er mich
berechnet Bahnen
unscharf erst geneigt zum Sturz
gemeinsam kehren
wir nach prekärem Eintritt
zurück vom Umlauf
und es gelingt dann endlich
zu verlieren was
wir nicht gefunden haben:
einander und im
Anderen das Fremde das
am Abstand festhielt
wenig haben besser nichts
doch dies von allem
so entsteht der Text als Kleid
nun zur Haut - alles
ist irgendwie berührbar
   
6033-6037: Dogen Zenji, Shobogenzo Zuimonki VI,6.
 
"Hört es, seht es und
erfasst es" umgekehrt gilt:
"wer es nicht erfasst
muss sehen wer es nicht sieht
muss lange hören"
bin ich berührt so bin ich
unterwegs hinein
auf dieser weitgedehnten
Fläche zwischen mir
und meiner Haut da draussen
schleift der Wind das Gras
der Pampa bläst Gebirge
aus Moränenstaub
zu Lehm und Löss hinunter
Abstände schieben
   

6047-6049: Nicolaus Cusanus, De docta ignorantia (Buch 1, Kp.1): Die Kluft zwischen Endlichem und Unendlichem bleibt rational unüberbrückbar.

6050-6053: Mechthilde von Magdeburg (gest.1282) "gotzvroemedunge" = (Gottentfremdung).

6055-6058: Die ägyptische Heroglyphe für Körper ist ein Fisch-Zeichen, für "Seele" (Ba) ein Vogel.

6059-6061: Vgl. Augustinus, De lib. Arb. III, 11.32.

 
sich vom Endlichen nahe
ans Unendliche
[6050] "gotzvroemedunge" nennt es
Mechthilde "Mere:
ie ich tieffer sinke ie
ich suessor trinke"
ein schönes Lied vom Körper
der als Fisch sich selbst
vergisst und leuchtend leicht wird
in der Tiefe wie
ein Vogel in der Sonne
"unde malum" wo
kommt das Böse her und schmückt
das Universum?
ist es ein Teil der Ordnung?
kann man schuldig sein
und zugleich glücklich? stünde
   
   
"felix culpa" dann
für den Abstieg der beweist
dass auch das Böse
Sein hat und mehr ist als nur
   
6067-6072: Konzept des Neuplatonismus: Nur das Gute hat Anteil am Sein. (Vgl. Plotin, Enneaden).
 
an Gutem Mangel ?
(als ob ein Gott der gerne
allein ist nur Lust
auf Gutes hätte) Himmel
und Erde stehen
sich nicht mehr gegenüber
doch ist das Böse
   

 

6077-6080: "Mes chèrs frères, n'oubliez jamais, quand vous entendrez vanter le progès des lumières, que la plus belle des ruses du diable est de vous persuader qu'il n'existe pas!" Ch. Baudelaire

 
jetzt einfach leer geworden?
oder gehen wir
dem Teufel auf den Leim weil
er uns glauben macht
dass es ihn gar nicht gäbe?
das viele Fragen
füllt mir den Mund mit Erde
und Vergessen legt
auf meine Schläfen Nebel
Gutes Böses beides
zerbröckelt in das Abseits
   

6088-6091: Johann Peter Hebel, Veronika Hakmann, in: Schatzkästlein des Rheinländischen Hausfreundes.

6092: Wilhelm Busch, Die fromme Helene, Kp.16, Vers 1.

 
mir helfen Dichter
Hebel der von der treuen
Magd Veronika
erzählt (nichts von Bedeutung
nur Verlässlichkeit)
Busch meint schlicht: "Wer Sorgen hat
hat auch Liquör" wer
weiss schon mehr vom Guten und
Bösen in der Welt?
   
6096-6101: James Joyce, The Sisters (in Dubliners).
 
"Umbrellas Re-covered"
steht auf einem Schild
in diesem Laden werden
Schirme neu bespannt
[6100] und es gibt kleine Schuhe
aus Stoff - Irland liebt
Kinderfüsse ist grün und
misstraut den Wolken
alles beschwört mich: bleibe
zu Hause warnt mich
vor den unbeleuchteten
samtenen Rücken
gezogener Vorhänge
den aufgewölbten
steilen Halden aus Geröll
scharfkantig durchsetzt
mit blaugespaltenem Eis
ich warte Warten
stanzt Eile aus der Zeit aus
dem langen dünnen
Schatten der mich umkreist mit
der Gewalt einer
   
   
Inschrift: ich bin die Stange
und das Tuch im Wind
(wobei "ich" und "bin" nichts sind
als leere Stellen
die notdürftig markieren
wo ich vorkommen
könnte im eigenen Text)
still halten damit
die Dauer sich verwundert
und sich Wörter bloss
scheuern an mir klimatisch
Einfluss nehmen und
das Abfackeln von Texten
unumgänglich wird
damit endlich ein Anfang
gesetzt ist aus dem
ein Universum meines jetzt
entstehen könnte
mit dem sich Bestehendes
notfalls vergleichen
und auch einordnen liesse
doch scheint mir dass sich
die fremden Welten sperrig
verhalten von den
Menschen gar nicht zu reden
"diese Saubande"
- denkt man - der gute Jesus
der stille Buddha:
wieviel Mühe vergeblich
verschwendet vielleicht
wird das Böse heilsam wenn
es Gutes berührt?
kleinste Stückchen von Steinen
[6151] hat man überaus
kunstvoll verschnürt und geschmückt
mit denen wurde
der heilige Stephanus
damals gesteinigt
eine Antwort erwarte
ich nicht ich rechne
mit vielen und halte fest
einzig am Zufall
am Möglichen insgesamt
 


Francis Alÿs: Mexico D.. (1999)

6161-6163: Alfred Polgar (1873-1955)
 
"das Beste ist es
nicht geboren zu sein: doch
wem passiert das schon?"
mir fehlten dann allerdings
Lachen und Weinen
diese Eingriffe am Rand
der Vernunft wenn sie
überlistet wird von dem
was seitlich einfällt
und uns quer stellt damit wir
wenigstens manchmal
fähig werden zur Liebe
fast habe ich sie
nicht bemerkt die Biene die
sich seit Monaten
festhält am Vlies das über
den Hortensien liegt
sie wollte die Restwärme
nutzen den Winter
zu überstehen doch nun
ist sie tot und hält
sich nur noch beharrlich fest
am Tuch und an mir:
jeden Tag schau ich hinaus
ob sie noch da ist
mich berührt ihr Verzicht auf
jede Anstrengung
beim Berühren von etwas
die stillgelegte
Leichtigkeit wenn sie abbricht
   
   
lässt den Blick schweifen
über das weite Schneefeld
im Nebel gehen
nirgendwohin - man hört nichts
am Rand der Schale
stehend verliert sich die Angst
vor der Neigung die
 

[Foto: O. Follmi]
6198-6200: "Was tue ich hier?" (so fragt Monika, die Mutter von Augustinus, beim Gespräch am Fenster; in Ostia stirbt sie vor der geplanten Rückreise.) Augustinus, Conf. IX,11,28. "Wiederkäuen" = ruminare (lat.) = in der asketischen Tradition verwendeter Begriff für Meditation. Satura (lat.) = urspr. Schüssel, in der man den Göttern Früchte darbrachte; Satire.
 
drüben steil ansteigt "quid hic
facio" so fragt
[6200] die Mutter in Ostia
der Sohn reist allein
schliesst das Fenster und beginnt
das Wiederkäuen
der Welt mischt Zeit und Sünde
in der Satura
bis Ekel und Erschrecken
uns würgt angesichts
des Menschen Lächerlichkeit
   
6209-6225: Im Jahre 1638 wurde der Aufstand von 40'000 christlichen rebellierenden Bauern, die sich auf der Burg Hara unter der Anführung des 16jährigen Amakusa Shirô verschanzt hatten blutig niedergeschlagen. Die Aufforderung zur Kapitulation beantworteten sie mit einem letzten Brief. [Vgl. Anm.] - Reinhard Zöllner: Rächer, Märtyrer, Opfer: Gewalt in japanischen Religionen; in: Religion, Gewat, Gewaltlosigkeit, hg. von Christoph Bultmann ..., Münster 2004, S.183-197.
 
auf der Burg Hara sechzehnachtundreissig kurz
vor dem Sturmangriff
schreiben die aufständischen
Christen einen Brief
den letzten "die Wipfel auf
dem Burgberg sind wohl
dem Frühlingssturm ausgesetzt
die hohen Wolken
eilen schon ins Paradies"
sie reiben Tinte
aus ihrem Herzblut weinen
Tränen wie Wasser
und erleiden für Deius
den Märtyrertod
Säuglinge Frauen
alle metzelt man nieder
   
6226-6229: Brauch (im jap. Shintô) Rachegeister zu bannen durch Umgürten mit einem Weiheseil. (Z.B. eines Ginko-Baumes, hinter dem sich 1219 der Mörder eines Shôgun in Kamakura versteckt haben soll.) In: R. Zöllner, a.a.O. S.196.
 
es gibt nicht genug Seile
um die verletzten
Seelen zurückzubinden
der Bäume Menschen
müssen sich ganz auf ihre
Rinde verlassen
   
Ganesha, sehr populärer indischer Gott mit Elefantenkopf, Sohn des Shivas und der Parvatis, Gott der Weisheit, der Dichter und Beseitiger der Hindernisse. Sein Reittier ist die Maus. Johannes Beltz, Ganesha: der Gott mit dem Elefantenkopf, Museum Rietberg Zürich (Hg.), Zürich 2003.
 
während Götter sich Schlangen
um die offenen
Leiber binden: Ganesha
der indische Gott
mit dem Elefantenkopf
dem platzte der Bauch
als er nachts auf dem Heimweg
von seinem Reittier
der Maus herabfiel der Mond
lachte laut über
den Gott der Hindernisse
also der Dichter
im Schlepptau des Sprechens
im Wortschatten lauert
ein Bedauern als Wunsch zum
Nochnichtgesagten
zurückzufinden ohne
Welt zu sein aber
[6250] nicht ohne Musik alles
Denkbare läge
noch unbegriffen vor mir
die Geburtsstunde
im alten Mexiko hiess
"hora de muerte"
und doch lohnt sich das
um zu sehen wie
 

Ganesha
6258-6260: Aus einem indischen Liebesgedicht.  
"getrennt von der Liebsten selbst
des Mondes Strahlen
schnell zu brennen beginnen"
schliesslich möchte ich
fragen: gibt es ein Leben
nach dem Tod? gibt es
einen Tod vor dem Leben?
so holt die Sprache
mich ein früher und später
   
   
"O" ruft Papst Leo
"mira virtus ingeni"
in seinem Gedicht
Ars photographica und
das Bild zeigt wie er
den Fotografen segnet
vielleicht auch die Welt
was geschieht mit der Seele
wenn das Abbild sie
mitnimmt und multipliziert?
bleibt sie unversehrt
wenn man ein Bild von ihr schiesst?
was unterscheidet
die alten Ikonen die
 

Leo XIII
photographicatur
6281: "Acheiropoietos" (griech.): eine auf unerklärlicheweise entstandene Ikone.
 
"nicht von Hand gemacht"
Anteil hatten am Urbild
vom schnellen Abzug
belichteter Wirklichkeit
aufgenommen von
einer Kamera über
deren Frömmigkeit
niemand wirklich Bescheid weiss
die Bilder sitzen
jetzt zu Gericht und zwingen
uns zu entscheiden
was stimmt (nicht das was wahr ist)
   
6293-6300: In der Orestie von Aischylos (uraufgeführt 458 v.Chr.) flieht der schuldbeladene Orestes von den furchterregenden Rachegöttinnen (Erinnyen) zu Athene, die in ihrer Ratlosigkeit ein aus Menschen bestehendes Gericht einsetzt, den Aeropag. Die Erinnyen heissen fortan Eumeniden (die "Wohlgesinnten").
 
Orestes rettet
sich vor den Erinnyen
vor Rache und Zorn
zu Athene die Vernunft
wird organisiert
und wohlgesinnt verlassen
die Furien den
[6300] gähnenden Aeropag
vielleicht ist alles
ganz anders und die Wünsche
die wir vergessen
sind unser Gewinn die Schuld
beim Vorrechnen wird
leichter bis sie verschwindet
ich übe - das führt
mich ganz an den Rand wo ich
verzweifle damit
etwas abbricht beim Finden
kalter Februar
sein Windschatten riecht feucht nach
Holz aufgesägten
Stämmen deren Rinden sich
lösen Brettkanten
zeigen Schriftzeichen auf den
entblössten Stellen
lesen erinnern wie sie
sich drehte damals
die Welt als ich ein Kind war
auf dem Karussell
nie mehr so einsam seither
nie mehr so glücklich
   
6324: "Schafe können sicher weiden": Aria aus der Jagdkantate von J.S.Bach (BWV 208).
 
und die Schafe: wie sicher
können sie weiden?
was nützt den Tieren unser
denkender Mehrwert
wenn das Verstehen misslingt?
ich stelle mir vor
wie es wäre das Denken
einzustellen um
ungehindert da zu sein
wenn man da ist (falls
man Dasein so noch bemerkt)
nur die Empfindung
doch etwas Besonderes
zu sein und des Glücks
bedürftig hält sich standhaft
dumpf ein Gefühl für
das Unabänderliche
das mir widersteht
in dem Fall des "Ich denke"
ist nicht das Denken
das Problem sondern das Ich
was mich tröstet ist:
ich habe die Kniescheibe
eines Apostels
auf dem Athos geküsst und
die Steine gesehen
[6350]mit denen man Stephanus
bewarf bis er starb
   
   
lächelnd ruhig stehe ich
(als Bodhisattva)
auf meinem Fisch bereit zum
Abtauchen in das
Samsara trostlos wäre
so gänzlich wunschlos
zu verwehen ich mag die
Wünsche an denen
festzuhalten sich nicht lohnt
auch die die lange
unerfüllt bleiben es gibt
Begriffe die sind
gefährlich und unklar "Gott"
zum Beispiel und "Faust"
beides Bestandteile einst
festen Vertrauens
mir wäre es recht Wörter
wie diese lösten
sich bald bedeutungslos auf
 

Bodhisattva Guanyin als Beschützer der Fischer
(China, 17./18. Jh., Museum Rietberg, Zürich)
6371-6376: Hermes Trismegistos, grch. Name des ägyptischen Gottes Toth, in der Spätantike mit Hermes gleichgesetzt; er soll die sogenannten (geheimen) hermetischen Schriften (Corpus Hermeticum) verfasst haben.
 
sagt Trismegistos
es nicht deutlich genug: Gott ist
eine geistige
Kugel deren Mittelpunkt
ist überall der
Umkreis aber nirgendwo
so tönt es wenn ein
Gott von seinesgleichen spricht
es geht ihm darum
etwas zu sagen und nicht
um das was er sagt
   
   
ich schreibe diesen Text als
ob ich jemandem
die Füsse pflegte: ohne
zu fragen wohin
er zu gehen gedenke
"all the king's horses"
klingt wie ein Traum unterwegs:
kaum eingeschlafen
träume ich vom Erwachen
ich meine - im Traum -
kein Traum werde wirklich so
lang ich nicht wach bin
solche Ahnungen lockern
das Seil auf dem der
Seiltänzer zögert während
er beobachtet
wie er sich jetzt konzentriert
was ich denke ist
[6400] loser Aufschub am Sockel
meiner Gedanken
ab und an lässt ein Gefühl
sich herablocken
ins Gestrüpp meiner Fährten
 

Pedicure (Xiu Jiao DI)
   
durch deren Dickicht
ich mich selbst verfolge wie
   
6407: Platon, Timaios (90a): "... sofern wir ein Gewächs sind, das nicht in der Erde, sondern im Himmel wurzelt." Rabelais greift diese Idee auf in Gargantua und Pantagruel, 4.Buch, Kp.32.
 
ein verkehrter Baum
im verzweigten System der
spröden Kanäle
stoss ich wieder und wieder
mit meinen Ästen
auf die eigenen Spuren
während die Haare
sich sträuben und aus den tief
schleichenden Wolken
Feuchtigkeit filtern um die
Wurzeln mit Pollen
und Sandkorn zu versorgen
auch die Fische sind
nirgends wirklich zu Hause
mit ihren Kiemen
fächeln sie ihr Leben als
Warnung ins Meer: nichts
gilt es aufzubewahren
sie verlassen sich
auf das Glück des Verschwindens
   
6427-6429: "Wir können nämlich alles nur sukzessive erkennen und nur eines zur Zeit uns bewusst werden, ja auch dieses einen nur unter der Bedingung, dass wir derweilen alles andere vergessen ..." Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.2, c.15.
 
was alles muss ich
vergessen um an eines
mich zu erinnern?
genügt ein Wort damit mir
alle anderen
wieder in den Sinn kommen
und ich sie höre?
   
6434-6436: At ipse cuncta, quae audiendo discere poterat, rememorando secum et quasi mundum animal ruminando. (Alles, was er durch Hören lernen konnte, verwandelte er in ein sehr schönes Lied, indem er es sich merkte und wie ein reines Tier wiederkäute.) Beda Venerabilis (673-735): Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum
 
"rememorando secum
et quasi mundum
animal ruminando "
ich kann Wörter nicht
verdauen sie liegen mir
immer wieder faul
und pelzig auf der Zunge
Sätze brennen sich
mir wie Aphthen in den Mund 
wortversehrt melde
ich mich nun erst recht zu Wort
   
6445-6449: "völva" (isl.) heisst in der nordischen Sagenwelt (Völuspá, Snorra Edda) die "Seherin"; "tölva" (aus isl. "tala" = Zahl und "tölva") ist das Wort für Computer.
  Wort "völva" heisst die Frau
die hoch im Norden sieht und
Odins Zukunft liest
zählt sie heisst sie "tölvar" und
ist ein Computer
[6450] die Dünung der Wörter bleibt
spürbar das Zittern
unter dem Sprachbug weist hin
auf Entferntes auf
Nebel schiebende Inseln
die den Wind vom Weg
abdrängen um Strömungen
zu irritieren
die Aufregung der Fläche
hindert die Boote
am Zurechtfinden vor Ort
   
   

auch alle an Land 
warten denn der Himmel bleibt
heute bedeckt und
der König feiert - niemand
will wissen wohin
wir unterwegs sind vom Wind
unbelauscht ohne
Aufsicht der Sterne leeren
die Becher sich selbst
nur langsam nähern wir uns
frei von Einsicht dem
Vorhaben nirgendwohin
zu gelangen man
kommt so im Unbekannten
recht zügig voran
es ist wie mit dem Sprechen:
das worüber man spricht
entsteht zeitgleich und erst wenn
man über es spricht
seit Millionen Jahren
hat alles was ist
nur das Geschäft des Daseins
im Sinn: Anpassung
Widerstand Untergang ich
schäme mich deshalb
keineswegs meines Denkens
das so lange kreist
bis es die Klugheit versteht
des Pferdes das flieht
vor dem eigenen Schatten

 

Jakob Jordaens (1593-1678): "Die zwölfte Nacht.
    hinausdenken auf
das hauchdünne Eis zu den
Erstarrten im Bild
eingebrochen vielleicht längst
stehen sie so still
als zöge unter ihnen
das verlorene
Gewicht schwer in die Tiefe
 

Zürichsee-Gfrörni 1929
6499-6503: Marcel Proust, A la recherche du temps perdu (Bd. VI: Die Entflohene, S.3565): "Nicht weil die andern tot sind, lässt unsere Zuneigung zu ihnen nach, sondern weil wir selbst sterben."
  weil wir selbst sterben
[6500] lässt unsere Zuneigung
zu den anderen
nach und nicht weil sie tot sind
meint Proust wir könnten
solange wir leben auch
lieben die Toten
so gut wie die Lebenden
umgekehrt gibt es
   

 

 

  kein Sprechen ohne Antwort
solange ich mir
Hörende vorstellen kann
mich interessiert
auch noch das stillste Gespräch
   
6513f.: Dante, Vita Nova, Kap. 18: "... wie wir manchmal Regen fallen sehen, mit schönem Schnee gemischt, so dünkte mich, dass ihre [der schönen Frauen] Worte hervorkamen, vermischt mit Seufzen."
  wenn Regen mit Schnee
sich vermischt ist es nicht nötig
sich zu entscheiden
für das eine von beiden
seufzen kann man mit
den Liebenden den Toten
öfters noch mit dem
übriggebliebenen Rest
eine Lautgebung
gegen die Bewirtschaftung
von Empörung durch
kurze lärmige Texte
hier breitet sich aus
ein Geflecht das freundlich bleibt
und undicht damit
das Gefällte und Wahre
sein Gewicht wieder
verliert und ungewiss wird:
Frühlingszweige als
feine Risse im Abend
so scharf gezeichnet
ins absinkende Helle
dass ich nicht weiss ob
mein Leib überhaupt aufhört
draussen im Blauen
das ich von irgendwoher
meine zu kennen
   
6540-6543: ."Primum omnium spiritu quodam aeris insolito et spectaculo liberiore permotus, stupenti similis steti." Francesco Petrarca, Le Familiari, liber IV,1.
  "vom ungewohnten Anhauch
der Luft dem weiten
Schauspiel bewegt verharrte
ich wie betäubt" so
empfindet Petrarca der
weit hinausblickt weit
vielleicht wie noch nie oben
auf dem Mont-Ventoux
   

6548-6554: Augustinus, Confessiones, X, 2 und 8.

  und es kommt ihm Augustins
Abgrund in den Sinn
[6550] in welchem die Menschen sich
verlieren wenn sie
Berge die Fluten des Meers
Flüsse und den Gang
der Gestirne bewundern
doch auch nach innen
gewendet führt sie der Blick
ins Ungewisse
   
6558-6565: Dante, Vita nova, Kap. 12.
  vor dem Schein der Bilder warnt
Dante vergeblich:
"Fili mi tempus est ut praetermittantur
simulacra nostra - nun
ist es Zeit mein Sohn
von unseren Trugbildern
Abschied zu nehmen"
ich bleibe stes gastreundlich
zu mir und allen
anderen der Dürftigkeit
will ich entschlossen
wo auch immer begegnen
   

6571-6575: Seneca, Epist. 53: ".... somnium narrare, vigilantis est." (... Man muss schon erwacht sein, wenn man seine Träume erzählen soll.)

  es ist nicht nötig
aufzuwachen auch im Schlaf
kann man von Träumen
erzählen einem von dem
man träumt er sei wach
ob wach oder schlafend nie
kann ich ausweichen
den Wörtern nicht und auch nicht
dem was sie meinen
sobald es mir begegnet
das Wort "hart" versteift
sich - kaum spürbar - mein Nacken
der Schriftzug "warm" wird
mich an Kaltes erinnern
   
6585-6588: François de La Rochefoucauld (1613-1680) sagt, dass "es Leute gibt, die sich nie verliebt hätten, wenn sie nicht die Liebe vom Hörensagen gekannt hätten." Réflexions ou sentences et maximes morales (Maxime 136).
  vom Hörensagen
kannte einer die Liebe
deshalb hat er sich
schlussendlich doch noch verliebt
auf dem Computer
schrieb der Bruder der Schwester
nach dreissig Jahren
in tiefem Schweigen: "es ist
gut dass du da bist"
was die Schwester empfindet
ist weit mehr als das
was die Zeichen ihr bieten
   
 6597-6600: Michel de Montaigne (1533-1592): "Es ist der Sinn, der die Wörter erzeugt und verständlich macht. Nicht mehr aus Wind bestehen sie, sondern aus Fleisch und Blut. Sie bedeuten mehr als sie sagen." Essais, 3.Buch, Kap.5.
Jacques Lacan: "Das Sprechen ist in der Tat eine Gabe aus Sprache, und die Sprache ist nichts Immatrielles. Sie ist ein subtiler Körper, aber ein Körper ist sie." (1953).
  Sprache besteht nicht
aus Strichen und Wind sondern
aus Fleisch und aus Blut
[6600] sie ist ein wirklicher Leib
in welchem wir sind
wenn wir sprechen suchen wir
immer die Antwort
des andern und werden
von ihm gefunden
wenn wir meinen zu hören
was ich wahrnehme
zieht aus dem Raum in die Zeit
und schwindet dort rasch
was bleibt ist ein Sehnen ein
ungerichtetes
Fliehen in das Erinnern
wenn es glückt gleicht es
dem Unglück das man besteht
der Text liegt jetzt auf
einer Schicht die verkrustet
wenn man sich von ihr
nicht zur rechten Zeit abstösst
   
6620-6626: Jacques Lacan, a.a.O., S.106
  (er verhält sich wie die
"widerstandsfähige
Trägheit im Staunen
der Haut die gestreichelt wird
von einer Hand die
diese Entdeckung aufregt
weil sie noch nicht stumpf
ist in ihrem Verlangen")
Zeit also aus dem
seitlichen Fenster hin zum
Waldrand zu blicken
die Beschreibung des roten
Bauchs eines Gimpels
ist noch in keiner Sprache
wirklich gelungen
   
    ich will Zeit gewinnen um
Atem zu holen
den schwermütigen Bogen
umzubetten auf
leichtfertige Klänge die
unerwartet und
glücklich schlingernd abbrechen
eine Melodie
die entsteht indem sie sich
selbst zuhört: Fado
ich schlafe erst nach dem
   
    Versuch Heiliges
ein wenig zu ordnen: rot
zielen Linien
von den Händen und Füssen
des Gekreuzigten
[6650] zu den Stigmata eines
Verzückten von der
Geometrie des Leidens
quer durch den Himmel
beruhigt sink ich in Schlaf
doch dann stiehlt einer
die Linien und legt sie
ins Ödland übt sich
im degenerativen
Urbanismus klotzt
Häuserreihen Autobahn-
Kreuzungen -Ringe
Auffahrten Zufahrten hin
wohin eigentlich?
rôbashin dieses Wort dämpft
allen schnittigen Lärm
in meinen Paukenhöhlen
wächst Lammwollmoos still
schweben über Hammer und
Amboss die Flechten
Altersflecken Inseln auf
der steinigen Haut
rôbashin heisst "mit dem Geist
einer alten Frau"
rôbashin dieses Wort geht
mir nicht aus dem Sinn
grossmütterlich nistet es
zwischen mir und dem
der ich bin das Vertrauen
hält fest an meiner
Aufenthaltswahrscheinlichkeit
 

Giotto: San Francesco riceve le stimmate
6681f.: Anspielung auf das berühmte Zitat: "Rose is a rose is a rose is a rose." Gertrude Stein.
  eine Rose ist
keine Rose ist keine
was ich benenne
bleibt sofort nicht was es ist
doch was ist es jetzt?
   
    irgend eine Chimäre
ein Gemenge von
Zeichen Lauten und Bildern
eine Erscheinung
   
    harmlos wie ein Bunker nachts
in den Voralpen
getarnt als Chalet notfalls
den Zwergen ein Hort
Gärten entstehen trotzdem:
der feuchte Atem
stülpt blühende Wortkelche
aus den Mundhöhlen
die ein feingeädertes
Netzwerk auffalten
[6700] mit Verzweigungen deren
Winkel sich kennen
so kommt Verstehen zum Glück
doch noch zu Stande
 
6704-6709: Vgl. Zibo Zhenke (1543-1603), Changsong rutui, (Abschn. 6: Die Relativität von Form und Leerheit): "Alles entsteht aus dem denkenden Geist, selbst das Nichts."
  niemand weiss wie doch erscheint
nichts ohne dass es
beobachtet wird (auch nicht
was wir verstehen)
und ohne Denken gäbe
es nicht einmal nichts
doch bin ich unsicher ob dies
ein Unglück wäre
oder ein Glück mir verstellt
das Denken die Sicht
mit seinen Baggerschaufeln
   
6716-6718: Laozi, Daodejing (Kap.1): "... Wahrlich:/ Wer ewig ohne Begehren, / Wird das Geheimste schaun; / Wer ewig hat Begehren, / Erblickt nur seinen Saum. ...."
  die wie ein ewig
ungestilltes Begehren
den Blick festhalten
am Geheimnissaum vielleicht
gehören die Wege
allen die Gärten aber nicht
"schwindet Begehren
erscheint Kraft" Laozi sprayte
dies an die Wand der
Betonfabrik Worblaufen
seither dünkt mich es
 

Foto: F.D.
6726: Zibo Zhenke (1543-1603), zitiert aus dem daoistischen Werk Wenshi zhenjing (13.Jh.?).
  sei kein Ding nicht wunderbar
und ich bin sicher
dass ich ein wenig leichter
werde jedesmal
wenn ich etwas vergesse
auch der Tod wird ja
zunehmend leichter und wiegt
   
6733-6736: Im Augenblick des Todes verliert der Mensch 21 Gramm an Gewicht. (Vgl. 21 Grams, Film von Alejandro Gonzáles Iñárritu.)
  ganz zuletzt nur noch
vier Würfel Zucker soviel
leichter wird mein Leib
wenn er vom Tod befreit stirbt
   
    ein Vogel der fliegt
unterscheidet sich doch vom
Bild das ihn festhält
aber ist einer wirklich
der andere nicht?
   
6742f.: Jenny Holzer: "Protect me from what I want."
 
niemand soll mich beschützen
vor dem was ich will
halb wach halb träumend zwischen
Ungewissheiten
berauscht vom grimmigen Fleiss
der Kiesel am Strand
mit den Gezeiten schwankend
im Hin und im Her
[6750] des gleichgültigen Ufers
das keine Gründe
angibt ausser dem einen
(der auch mit lieb ist):
"es hat sich so ergeben"
genau so schreibt sich
dieser flächendeckende
ausufernde Text
langsam fort Grenzen meidend
und immer die drei
letzten Zeilen weit vor sich
Möwen kreisen dort
über dem See und zeigen
wo die Fischschwärme
bisweilen höher schwimmen
doch heute fischen
wieder die Rentner zirkeln
mit Echoloten
freudlos über den Seegrund
gelangweilt folgen
ein paar Möwen den schlauen
Booten der Alten
Fragen Antworten bleiben
sich fremd stellen sich
nur uns zu liebe manchmal
nebeneinander
stehen die beiden zu nah
beisammen oder
zu weit auseinander zieht
die Neugierde ab
"warum liebst du mich?" fragt sie
"weil ich dich liebe"
oder "weshalb ist etwas?" -
"damit nicht nichts ist"
dies sind Spiele die sprachlich
   
6785-6787: Zibo Zhenke (1543-1603): "Bevor ichbezogenes Denken entstanden ist, hatte deine Erfahrung noch nicht die Dimension von Sinn."
  an die Erfahrung
anknüpfen die noch frei ist
von jeglichem Sinn
Nichtssagendes sagt oft mehr
als blöde Fülle
gern bricht durch Gewöhnliches
der Himmel herein
sollte dieser Text enden
so würde ich ihn
mit derselben Hingabe
nicht-weiterschreiben
mit der ich ihn schrieb es heißt:
   
    "die grossen Fische
fressen die kleinen" aber
noch besser wäre
[6800] beim Gehen keine Spuren
zu hinterlassen
 

Pieter Bruegel d.Ä. (1557)
6803: Der Vogel Charadrios zeigt an, ob die Krankheit eines Kranken, an dessen Bett man ihn bringt, tödlich sei oder nicht. (Pysiologus, um 200 n. Chr.)
  die Flugbahn vor Augen der
Charadrios folgt
wenn er auffliegt vom Kranken
durchs erloschene
Fenster pfeift er dem Regen
und dem stillen Korn
diese steile Linie
hinüber scheuert
das Blattgrün wund und zwingt es
zu Blüte und Stiel
am Ufer läuft Sand und Stern
mir über die Hau
 


Der Vogel Charadrios
(Regenpfeifer)

 6815-6817: Der Mönch Daosheng (335-434) soll vor einer Gruppe von Steinen über die Buddhanatur gepredigt haben. Er fragte die Steine, ob die Ungläubigen Buddhanatur besässen, worauf die Steine zustimmend mit den Köpfen nickten..

6818: Brief an Titus 1,15: "Dem Reinen ist alles rein."

  die vom Denken verschonten
Steine bejahen
mit sturem Nicken das Glück
reglosen Daseins
omnia munda mundis
was ich erfahre
erscheint - alles andere
bleibt mir verborgen

obwohl ich weiss: es ist da
und spiegelt sich noch
im ausgetrockneten See
der sich erinnert
   
6825-6843: Papst Johannes Paul II. besucht am 6. Juni 2004 Bern.
  an diesen weitsichtigen
Alten grossäugig
durchschaut er jeden Spiegel
bucklig verfaltet
sein Hemd unter dem er den
Feldstecher versteckt
auch an den Dicken mit den
Sauerstoffflaschen
hinten am Rollstuhl mit der
schaumigen Spucke
in den Mundwinkeln der sich
ein blaues Shirt kauft
auf dem steht: "I saw the pope"
und das stimmt doch jetzt
rollt er hinüber zum Zelt
denn er ist hungrig
er braucht eine Bratwurst mit
Kartoffelsalat
   
6844-6846: Umkehrung eines Zitats von Niklas Luhmann, der sagt, dass wir nicht sehen, was wir nicht sehen, weil wir sehen, was wir sehen..
6846-48: 1 Samuel 16,23.
  ich sehe was ich sehe
weil ich nicht sehe
was ich nicht sehe arglos
im unmarkierten Rauschen
spielt David vor Saul
die Wirklichkeit legt sich
[6850] an das was wir tun oder
nicht tun um die Art
und Weise wie wir reden
und schweigen nichts ist
in das wir uns einfach nur
einfügen könnten
   
6856-6864: Jean Améry (1912-1978), Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eine Überwältigten, München 1966, S.51f.: "Doch bin ich sicher, dass er schon beim ersten Schlag, der auf ihn niederhegt, etwas einbüsst, was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen wollen."
  doch der Häftling von Auschwitz
eins sieben zwei drei
sechs vier hat sein Vertrauen
verloren das "Welt-
vertrauen" also alles
was anzusprechen
sich lohnte löste sich ab
von ihm beim ersten
Schlag schon der Folterknechte
 

6865-6868: Imre Kertesz spricht von der nicht erfolgten Katharsis nach Auschwitz, davon dass eine solche auch institutionell hätte erfolgen können. In diesem Zusammenhang erwähnt er die Metapher "Lamm". In: Radio DRS 2, Passage 2, 11.06.04.

6869-6872: Niklas Luhmann.

  die Katharsis auf
die Kertesz immer noch hofft
ist nirgends in Sicht:
kein Lamm Gottes opfert sich
die Religion
sei nötig - las ich - um das
Unverfügbare
überzuführen in Sinn
eigenartig wie
wenig Zuversicht dieser
Satz auslöst in mir
   

6878: "Ich bin niemand, niemand." Fernando Pessoa, Livro do Dessassogeo (Buch der Unruhe), Lisboa 2004 (4.Aufl.), [Nr.:] 262 (1.12.1931).

6880: "Hier kommt jedermann." Vgl. James Joyce, Finnigans Wake (1939)

6882: Instrumente aus dem Alten Testament: nevel = Harfe, kinnor = Zither od. Lyra.

  ich halte mich an Sätze
die weicher klingen:
"não sou ninguém ninguém"
oder rhythmischer
"here comes everybody" so
irgendwo zwischen
nevel und kinnor müssten
Worte sich lagern
die mich durchlässig hielten
nachlässig wären
falls ich sie drängte zu mehr
als sie sich selbst sind
weichgezeichnet und unscharf
bleibt alles auch das
was nah ist - unerreichbar
   
    vor dem Fenster der
Zweig die Landzunge im See
es fällt den Dingen
schwer sich von uns zu trennen
sie spielen mit uns
wie mit dem Schatten das Kind
am Wegrand der Mohn
hämmert sein Rot in das Licht
wirft Blüten ins Korn
[6900] aus zerknitterter Seide
schwankend und flüchtig
falzt er Leeres ein wenig
ins Abseits ohne
Anspruch auf Boden und Stand
duftlos vergänglich
bleibt er hinlänglich luftig
damit sich Sorge
nicht festsetzt in Kapseln und
milchigen Kammern
nichts Schweres erklettert den
drahtigen Stengel
alles bleibt ohne Gewicht
 

6913-6917: Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494), Kommentar zu einem Lied der Liebe, hg. von Thorsten Bürklin, Hamburg 2001, S. 98f.: "... chaos non significa altro che la materia pieno di tutte le forme, ma confuse e imperfette. Quando adunque la mente angelica era già piena di tutte le idee, ma ancora imperfette e quasi indistinte e confuse, potevasi chiamare chaos nel quale nacque Amore, cioè disiderio delle perfezione di quelle."
  das Magnum Chaos
hat alle Formen durchkämmt
und nichts gefunden
ausser einer unsteten
Neigung zur Liebe
ein Ansinnen ist es das
voller Erwartung
sich hingibt dem Fremden " Que
locotl! Mi mente
spirals al mixtli / buti
suave I feel four
languages in mi bocca"
 

Lorenzo Lotto
(1526-27)
6920-6924: "Wie wahnsinnig! Meine Gedanken wirbeln in den Wolken / ganz zart fühle ich vier Zungen in meinem Mund." Antonio Burciaga.
  schreibt Burciaga
der wirbelt die Gedanken
hoch in die Wolken
und holt sie herunter mit
vier Zungen im Mund
Schwindel ergreift mich denk ich
daran wie schnell mir
die Kehle heiss wird am Rand
der Wörter wo ich
zwischen meinen Gedanken
die Zeit verliere
und mein Mund plötzlich leer wird
während die Wolken
weisse Waben auffüllen
mit blauem Honig
   

6941-6945: Vgl. Plotinus, Enneaden V 1,6.

 

  bis alles nochmals beginnt:
die Sonne schleudert
ihr Licht hinaus ins Dunkle
Duft Feuer und Schnee
keines bleibt bei sich jedes
drängt aus sich heraus also
   
6946f.: Platon, Timaios 36e.
  auch die Seele die
den Leib als Hülle umgibt
mir scheint sogar dieser Text
komme vielleicht von
[6950] irgendwo her versuche
etwas zu zeigen
was sich jedoch beim Zeigen
schon wieder verbirgt
ich bin voller Zuversicht:
in der strengen Form
   

 6955f.: "Das Formlose" (L'informe) ist ein zentraler Begriff bei Georges Bataille.

begehrt das Formlose auf
und entfaltet sich
dieses Haiku ist formal
eine Mundhöhle
voller Spucke und Sprache
6961f.: Vgl. dazu Giovanni Battista Piranesi (1720-1778), der auf seinen (2000) Radierungen die Fortsetzung der Architektur in den römischen Ruinen durch die Natur zeigt.
  eine Ruine
in der Stadt die ist ausser
Rand und Band und will
dem Ausfall der Wildnis nicht
widerstehen so
entstehen Landschaften neu
Theorien of
everything einfach und schön
und out of control
wobei die Frage Tschechows
keinen Augenblick
nachlässt mich zu bedrängen:
Wie soll man leben?
 

6974-6976: Vgl. Maxim Gorki, Aus Langeweile, in: ders., Meisternovellen, Zürich 1959, S.172-201. – Marcel Proust, A la recherche du temps perdu (Bd. I: In Swanns Welt, S.227): „Von Langeweile bedrückt hob sich von Zeit zu Zeit ein ängstlich schnappender Karpfen aus dem Wasser.“

Ist es die Langeweile
die Böses aus uns
hervorlockt? oder berauscht
uns Habgier und Lust?
doch kann aus dem einen wenn
es innehält stets
auch ein anderes werden
schon die geringste
Regung ein Begegnen das
nirgends sich festhält:
plötzlich ist da ein Schimmern
das etwas verspricht

6986-7000: Marcel Proust, A la recherche du temps perdu (Bd. I: In Swanns Welt).

Proust vermutet die Dinge
hielten hinter sich
etwas verborgen (der Stein
der Geruch des Wegs)
und da kommt sie ihm wieder
in den Sinn: abends
die Heimfahrt in der Kutsche
da packt ihn dieses
besondere Lustgefühl
beim Anblick der zwei
Kirchtürme von Martinville
auf denen liegt der 
Widerschein der sinkenden
Sonne und er wird 
erfasst von einer Art Rausch

 

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Edition Haus am Gern

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09.12.2011