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Nicht bei Trost
(Haiku, endlos)
Z.7001 - 8000
Index / Anmerkungen
/ Kommentar
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wie
etwas geschieht
verstehe ich nicht und ich
torkle von einer
Wiederholung zur andern
geduldig doch bis
jetzt hat sich nichts wiederholt
auf
jedem Stockwerk
staunen dieselben Farben
mich an und keine
kann mich wiedererkennen
schliess ich die Augen
gleiten ausgeschnittene
Hecken wie Inseln
durch die Flut des Getreides
auch ein schlechtes Bild
in einem geschmacklosen
Speisesaal öffnet
unverhofft etwas in mir
das kleine Mädchen
das die alte Bretonin
am Rockzipfel hält
während sie hinausblicken
(aus dem Bild dorthin
wo mein Blick nicht mehr hinreicht)
zu diesem kleinen
Boot ganz weit draussen im Meer |
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7027-32: vgl. Der
Spiegel, Nr. 36 (2003), S. 128f.: Olaf Stampf: Feuerwerk der
Hypertsterne. |
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Sternasche
bin ich
noch ist die erste Stunde
des neuen Jahres
nicht vorbei doch die Sonnen
stimmen sich schon ein
in ein langes Verglühen
mein Anteil dabei
ist dieses Besondere
das zu beschreiben
ich hier versuche wobei
ich jedes schnelle
Erreichen vermeide (wie
und weshalb sollte
ich irgendwohin eilen
wenn ich auch langsam
nichts zu erreichen vermag?) |
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| 7043-53:
vgl. Jürg Kollbrunner, Psychodynamik des Stotterns, Stuttgart
2004, S. 6ff. (bes. S. 9).
7051: "Zorn": Homer,
Ilias (1.Gesang, Z.1): „Singe den Zorn, o Göttin ...“ |
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endloses
Stottern
ist es das einsetzt wenn ich
mich selbst benenne
vor andern Worte zeige
darauf bestehe
dass sie etwas bedeuten
fliessend rede ich
[7050]
nur mit den Tieren mit mir
wenn Zorn mich wegreisst
von der anstehenden Not
des Wiederholens
die nur manchmal ein Glück ist |
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| 7055-64:
Matsumo Bashô wird (vielleicht fälschlicherweise) folgendes Haiku,
entstanden beim Anblick von Matsushima (Bucht der Kieferniseln),
zugeschrieben:“Matsushima ya / Aha Matsushima ya / Matsushima ya“.
Vgl. dazu auch: Bashô, Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland
(1689), Mainz 1985, Kap. 27 (S.153-155). |
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"matsushima
ya"
"matsushima ya" mit drei
Zeilen vollendet
Bashô
entzückt sein Gedicht
"matsushima ya"
die Landschaft Matsushima
raubt ihm die Worte
nur die Wiederholung vermag
die Begeisterung
dürftig wiederzugeben
und deren Spuren |
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| 7066:
vgl. "Religion" abgeleitet von lat."relegere" =
"sorgfältig sein". |
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sorgfältig
einzubetten
in das Erinnern:
ein Vorrat an Brot und Wein
für dunkle Tage |
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| 7070f.:
Bretonisches Sprichwort: "Ohne Gestern, ohne Morgen ist das Heute
nichts wert." |
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"hep
dec'h nag arc'hoazh hiriv
ne dalv ket c'hoazh"
von den Grenzbergen Gottes
Erinnern und Schlaf |
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| 7074-80:
In der Commedia dell'Arte ist eine der Figuren "Tartaglia",
der Stotterer, der. mit grosser blauer Brille auftritt. |
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kehr
ich zurück leicht schielend
hinter der
grossen
blauen Brille ich ordne
die Übersicht neu
stammle den Alltag zur Form
dieses Textes als
commedia dell'arte |
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| 7081-91:
Vgl. Niklas Luhmann, Vom Sinn religiöser Kommunikation, in: Religion
und Gesellschaft, hg. von K. Gabriel u. H.-R. Reuter, Paderborn
2004, S. 180-194. |
|
mit
der Absicht das
Unterscheiden zu üben
und Markierungen
zu setzen in das was sich
beobachten lässt
eigenartigerweise
vermittelt Sprache
auch Sinn wenn sich etwas nicht
beobachten lässt
das System des Verstehens
entsteht aus sich selbst
und ich beschliesse beruhigt
den Rückzug in den |
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| 7094:
"unmarked space": Begriff aus der Sozial- und
Medienwissenschaft. |
|
"unmarked
space" ich räume
die Stellung des Ichs
des Beobachters in mir
ich verschwinde im
Feld des Nicht-Unterscheidens
und dann lasse ich
[7100]alles wieder auftauchen
sich ausschütten in
die stillgeschaukelte Flut
Inseln erreichbar
nur in Träumen Landzungen
für die Liebenden
Buchten der Schwermut
am Fusse steiler
Klippen Grotten unwirtlich
wie Kirchenschiffe
werktags die Zeit einst gestreckt
rollt sich ein Orte
weit auseinanderliegend
kreuzen die Ränder
Flächen überlagern sich
Zonen entstehen
in welchen Kinder lernen
das Wetter sicher
vorauszusagen nach dem
Klang einer Glocke
und die Grosswetterlage
einzelner Tage
ist ein musikalischer
Wirbel der setzt sich
fest als Perlmutterglanz in
Schnecken und Muscheln
das Leuchtkehren spiegelt sich
am Wendekreis noch
unserer Augen ein Strahl
grün blitzt er kurz auf
am allerletzten Rand der
Sonne die abtaucht
etwas ist in mir: alles
will sich entzünden
an der Widerspenstigkeit
der Welt die erwacht |
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|
| Herodot, Historien,
IV 182 |
|
die Atlanten – berichtet
Herodot – hätten
nie geträumt und sie assen
nichts Getötetes
welch ein Glück für die Tiere
doch wer kümmert sich
um die Träume wenn sie an
unsern polierten
Nachtinnenseiten nicht mehr
anwachsen können?
zuerst ist der Traum vom Sturz
erst nachher löst das
Kind das am Brunnenrand sitzt
eine Regung aus
die mich glauben lässt letztlich
[7151] sei jeder Mensch gut
|
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| Z.7152:
Sören Kierkegaard |
|
"der Helfer ist die Hilfe"
so könnte also
jeder den andern vor dem
Stürzen bewahren?
das Gleichgewicht der Früchte
zu äusserst am Zweig
Sommerhitze die draussen
bleibt vor der Kirche
das Durcheinanderschieben
von Gärten zu Staub
der Abbruch mitten im Satz
der Wind der am Bug
meiner Gedanken Wirbel
erzeugt und im See
das sturmzerfetzte Treibholz
zusammenschaukelt
zur Insel zum nassen Floss
für die unbeirrt
Tanzenden ohne Gewicht
Sturzwarnung – vielleicht
aber keine Bewahrung
|
|
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schnell wäscht der Regen
Salzberge ins Meer Säulen
aus Licht durchbrechen
die Wolken gleiten haltlos
über die Landschaft
zwischen Lücke und Lücke
sinkt alles in Schlaf |
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gibt es eigentlich Gründe
einsehbare die
uns zum Aufwachen zwingen?
das Ordnen vielleicht
der Gedanken bevor sie
entstehen (das braucht
wenig Kraft die Vorteile
seien beträchtlich
meint ein alter Chinese)
die Schmetterlinge
jedoch haben diese Kunst
in einem Masse
zur Vollendung getrieben
das uns entmutigt
während ich noch den Sorgen
der Toten folge
und ihren Wasseradern
talaufwärts flattern
sie leichtfertig mir vor den
Füssen bewundern
meine schweren Schuhe und
[7201]lockern Geröll mit
ihrer trunkenen Freude |
|
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die Schmetterlinge
für die der Himmel nichts ist
ein Loch gross genug
sich hinunterzustürzen
auf die Welt staunend
über unsere Toten
die mit Gepolter
breitbeinig mit den bleichen
Armen wild fuchtelnd |
|
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| Z.7208-16:
„Seelabalgga“: Öffnung in der Stuben- oder Seitenkammerwand alter Valserhäuser
durch die die Seele des Toten entweichen konnte. |
|
den Durchschlupf fast nicht finden
im Seelabalgga
hinaus ins Freie um sich
im blauen Leeren
aufwärts treiben zu lassen
in dem ständigen
Auf und Ab erstarrt mein Blick:
eine Fliege stürzt
kippt und ist tot nur wenig
später kriechen ihr
die ekelhaften Würmer
aus dem stillen Leib
weshalb so frage ich mich
sollte ich mir das
was ist anders vorstellen?
das Wirkliche ist
ohne Vorstellung es ist
beschäftigt mit sich
und denkt im Traum nicht daran
abzubiegen um
Kreise zu ziehen um uns
alles Wirkliche
weiss: unser Standpunkt ist leer |
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 |
| Z.7236-38: Emily Dickinson (aus einem Brief vom 26. September 1870): „Wenn ich ein Buch lese [und] dabei mein ganzer Körper so kalt wird, dass kein Feuer mich wärmen kann, weiss ich, das ist Dichtung. Wenn ich körperlich das Gefühl habe, als würde mir der Schädel entfernt, weiss ich, das ist Dichtung. Nur auf diese Weise kann ich es wissen. Gibt es eine andere?“ |
|
was uns nicht hindert
zu fühlen was Dichtung ist:
ein Empfinden „als
würde der Schädel entfernt“
man muss also viel
weiter denken als man denkt
endlos sich sehnen
damit sicher kein Wissen
erreicht wird vielleicht
der Ort nur wo ein Gott wirkt
die Fusssohle soll
sich erinnern an das Gras
das nasse den Weg
die Kiesel am Fluss als Kind
las ich den Sommer
mit den Füssen vertraute
[7251] auch ohne Gewicht
von weit hinten webt langsam
|
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| Z.7252-59: Textur = Gewebe. Konkret ist hier an die fernöstliche (z.B. indonesische) Web- und Färbtradition des sog. Doppelikat gedacht. |
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Textur sich heran
und wickelt mich ein erst noch
verknotet mit Bast
bilden Kett- und Schussfäden
jetzt Muster Bilder
die an Wortklammern flattern
nachts farbig geträumt
|
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| Z.7260:
„Gesamtabenteuer“: Titel einer Sammlung mittelhochdeutscher Texte aus dem 12.-14. Jh. |
|
ein Gesamtabenteuer
sehen wie man sieht
Schatten legen also wie
die Akazie
für sich selbst und die Wurzeln
die in der Tiefe
den kühlen Fels festhalten |
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|
| Z.7267-70:Michel Liris,
Phantom Afrika. Frankfurt, 1985, S.200. |
|
mit den Händen
Schalen bilden die Finger
leise bewegen
um das Glück anzulocken
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| Z.7221-26: George Spencer Brown, Laws of Form, N.Y. 1979, S.XXIX: „Mathematics is a way of saying less and less about more and more.” |
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immer mehr sagen
über immer weniger
eine Litanei
gegen die Mathematik
und ihre Absicht
alles einfach zu machen
ist Einfachheit nicht
oft nur Vorwand Dinge und
ihr Zueinander |
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an sich zu reissen? wenn man
Ölpalmen verbrennt
liefert die Asche noch Salz
diese bewährte
Verwandlung warmen Lichtes
in ein Mineral
unterbinden die Weissen
in Afrika: Salz
erhält nur noch wer es kauft
diese Einschränkung
ergibt sich wenn man annimmt |
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|
| Z.7290-93: Dies eine der Grundthesen von Claude Lévy-Strauss. |
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jede Gesellschaft
gründe letztlich auf dem Tausch
von Frauen Gütern
und Wörtern Wörter kann man
nicht tauschen was sich
verbirgt hinter den Lauten
bleibt unaufschliessbar
Wörter sind nichts als Anlass
für ihresgleichen
Stille vielleicht dazwischen
[7301] sie bilden Grenzen
Konturen die das Denken
abdriften lassen
es wegbiegen zurück zum
Wahrnehmungsanfang
wobei die Textränder stets
zum Text gehören
nicht zum Nicht-Text nicht zu dem
was ausserhalb liegt
der Leib gewöhnt sich vielleicht
an Aussenseiten
träge und schwer wie er ist
entgeht er schliesslich
jedem Zweifel und fügt sich
|
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nicht so die Sprache
mit ihren stummen Zeichen
wird sie Passanten
ein Hindernis sein eine
Herberge schliesslich |
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| Z.7320f.: Die lange Zunge Buddhas
weist hin auf die Gegenwärtigkeit des Absoluten in den Sinneserfahrungen. |
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der Wirt mit langer Zunge
leckt sich die Lippen
und der Duft aus der Küche
bringt mir Besinnung
das ausgesetzte Wissen
meldet sich wieder
in der Hast den Kosmos im
fremden Gelände
neu zu gestalten will ich
die Sprache wieder
mit Vertrauen belasten
|
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| Z.7332:
Dukha (Leiden), die erste der vier Wahrheiten des Buddha. |
|
eine Hilfe im
leidvollen Ungenügen
alles lässt sich doch
auch anders beobachten
Sprache wäre dann
ein Selbstheilungsversuch im
Sanatorium
der Zeichen die einander
nahe sein wollen
Unerhörtes wäre sie
das sich verkündet
eine Klangschaufel die fragt:
wo wenn wir sehen |
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|
| Z.7344-46: Michel Foucault,
Die Ordnung der Dinge (Schluss) |
|
sind wir?
und das Verschwinden
des Gesichts im Sand
am Ufer des Meers schiebt sich
noch einmal hinaus
|
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| Z.7348f.: Vgl. Herodot, Historien II 24 : So erklärt sich Herodot den ungewöhnlichen Rhythmus der Überflutungen des Nils. |
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der Nordwind drängt die Sonne
ab in den Süden
alles wird langsam kühlt aus
[7351] und fällt in den Takt
der Gletscherzungen - wieder
lässt sich erzählen
was ich meine zu wissen
abends am Feuer
ein Vorsprung den ich teile
mit allen andern
und der Ungewisses wie
Eigenes einholt
im Nachtwinkel wird was ist
sorgfältig kopiert
ich setze Fussnoten als
Spuren der Ordnung
bis mir das uferlose
Eiland vertraut wird |
|
|
| Z.7366:
„er denkt an Granada“: Metapher für tiefe Melancholie. Theophile
Gautier, Voyage en Espagne (1840). |
|
ich denke an Granada
das ich nicht kenne
an ein Mädchen das nochmals
zurückschaut am Ohr
glänzt die Perle um den Kopf
das blauweisse Tuch
(Licht festhalten vermehren
welch schöne Arbeit!) |
|

Johannes Vermeer: Das Mädchen mit
der Perle. |
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es geht stets um etwas das
plötzlich aufleuchtet
die helle Ecke hinter
den dunklen Mauern
während die roten Dächer
noch regennass sind
lösen die Wolken sich auf
nirgends ankommen
ist vielleicht lustvoll zugleich
schärft es die Sinne
bis zur schmerzlichen Einsicht
dass wir was wir sind
nie mehr einholen können:
vor uns der Leib der
so fraglos aufsteht und fällt |
|

Johannes Vermeer: Ansicht von
Delft.
Vgl. Z.2501-12 und 3370. |
| Z.7389f.: Zitiert nach: Giuseppe Tomasi di Lampedusa,
Der Leopard (Il Gatopardo), München 1975, S.11. |
|
nur die Trägheit dämpft
das Verlangen nach Schönheit
Namen retten uns
vor dem Versinken im Bild: |
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|
| Z.7393-96: Einige von Vermeer verwendete Pigmente. |
|
Indigo Bleiweiss
Kohle und Kreide Ocker
Ultramarin und
Luteolin – doch der Blick
des Mädchens der Glanz
der Perle lässt mich nicht los
das weit ins Flache
hinausgeschichtete Land
[7401] scheint geordnet dem
aufgeregten Gebirge
entfremdet doch an
seinem unteren Rand hält
der Himmel die Welt
dieses Gerade-doch-noch
das ist was das Bild
in meine Wirklichkeit bringt
und während es sich
langsam wieder entfernt wächst
die Anziehungskraft
der kalte Himmel füllt sich
mit Federn es schneit
und ich komme vom Weg ab
verlässlich irren
scheint mir ist auch ein Erfolg
|
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| Z.7417-21: Niklas Luhmann,
Vom Sinn religiöser Kommunikation. |
|
“it’s good to know that“
meint der thailändische Mönch
als er hört ein Gott
sei auf die Welt gekommen
und dort gestorben
Kalvarienberge Berge
überhaupt weiten
den Blick sind Zukunft jenseits
unserer Zeit es
entsteht Leere der Ort geht
verloren wo sich
etwas einfinden könnte
bewusst sein zur Not
arbeitet besser ohne
Koordinaten
|
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|
Z. 7432-34: So die Gladiatoren in der Nacht vor den Kämpfen.
Z.7435-39: Dea Sequana: Wassergöttin des keltischen Stamnmes der Sequani, dargestellt auf einem Schiff; Göttind der Seine.
Z.7440: Dis Manibus: (D.M.): Inschrift auf römischen Grabsteinen: "den Totengöttern", "den Seelen der Toten". |
|
Bleilamellen bedecken
mein Geschlecht damit
es beruhigt ist im Kampf
die Wassergöttin
bringt im Schiff mich flussabwärts
Dea Sequana
teilt den Segel-Vorhang der
Folies Bergères: ein
Spott-Tanz den Dis Manibus
mennigrot mal ich
die Anfangsbuchstaben von
allen die tot sind
der Sinn dieses Textes liegt
nicht in ihm sondern
weit ausserhalb – umgibt ihn
als schwaches Schimmern
abseits jeglicher Sprache
nur die Schriftzeichen
sind wahr nicht was sie meinen |
|
 |
| Z.7451-57: Vgl. Aktion "NPF (Naked People Finder), Haus am Gern (Rudolf Steiner & Barbara Meyer Cesta), Oktober 2004. |
|
[7451]
Bilder sieht man erst
wenn man hinübergeht nachts
(im Bademantel
als schneeweisser Meteor
abgekühlt nüchtern)
um sich im heissfeuchten Dampf
neu zu erhitzen |
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|
Z.7459-62: Bibel, Zürich 1525 (gedruckt von Christoph Froschauer).
Z.7462-65:
Claudius Aelianus (ca.170-230), De natura animalium VIII 4,
berichtet vom römischen Redner Crassus, der eine Muräne liebte und
sehr um diese trauerte als sie starb. Diese Episode erwähnt Hugo von
Hofmannsthal in Ein Brief. |
|
Rede
muss man ausdünsten
die "etwas andres
fürtreyt und anzeigen will
dann die Wort lutend
und gestaltet sind" Crassus
liebt seine zahme
Muräne und weint wortlos
als diese stirbt so
wird er zum Spott der Schwätzer
die ihre Liebe
breit und wechselhaft streuen
die Muräne selbst
achtet weder auf ihren
noch den Tod derer
die sie lieben der Tod ist
ihr nichts an das zu
erinnern sich lohnte – mich
aber beunruhigt
der Tod ich möchte wissen:
tot bin ich allein?
ich reihe diese Worte
stur und beharrlich
stets neu hintereinander
ein Satz der die Nacht
(als Leuchtschrift endlos verschlauft)
vergeblich beschreibt
am Schlafsaum einer Göttin
beim Fototermin
majestätisch stumm glitzernd
merkt sie sich nur das
was zur Sprache noch nicht kam
sie glaubt ich sei ihr |
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|
| Z.7490: "Animal Symbolicum", ein v.a. durch Ernst Cassirer geprägter Begriff. |
|
animal symbolicum
durch ihre straffe
Undurchdringlichkeit verführt
masslos erregt vom
Schleier der Bilder – ich
liebe
jedoch das Dunkle
nicht die Nacht die Erregung
und nicht die Bilder |
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|
| Z.7448f.: Marcel Proust,
A la recherche du temps perdu (Bd.I: Eine Liebe von Swann, S. 403f.): "Vielleicht ist das Nichts das Wahre, und all unser Träumen hat kein wirkliches Sein ...."
Z.7500: Breton, Stéphane,
Tuer, manger, payer, in: L'homme. Paris. - No.162(2002).
Z.7503: Vgl. das entsprechende Ritual bei den Moki-Indianern: Aby M. Warburg,
Schlangenritual. Ein Reisebericht, 1923. |
|
Nichts
ist vielleicht wahrer als
unsere Träume
töten essen bezahlen
[7501]
die Verzierungen
Flechtbänder Federschmuck auch
die Schlange im Mund
auf der Rinde die Zeichnung
der erklärte Blitz
das alles kommt erst dazu
wenn die Wortschaufel
die Schotterschichten lockert
wenn man die Toten
zurückholt und ihr Sterben
ersetzt: Asketen
Märtyrer Tauschagenten
die Abwesendes
heilen wie eine Krankheit
das Ganze liegt weit
vor mir – nirgends ein Anfang
überall nichts als |
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Z.7518: Transverberation (Durchbohrung): Bergriff aus der christlichen Mystik. Vgl. z.B. Teresa von Avila.
Z.7520-23: Santa Teresa de Jesús,
Libro de la vida: "No es dolor corporal sino espiritual, aunque no deja de participar el cuerpo algo, y aun harto."
|
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Durchbohrungen Versuche
Es zu erreichen
no es dolor corporal
verletzt ist der Geist
aber der Leib eben auch
und mehr als genug
(Jesus Teresa Gotthard)
ich deklariere
hier die Unantastbarkeit
der Oberfläche
eine Denkpause zwischen
töten und essen |
|
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|
Z.7530-33: Biblisches zum Wahsagen:
Ez 21,26; Gen 44,5.15
Z.7536-7541: Vgl. Ex 33,23. Hier eine Art Umkehrung des Bildes: Es ist nicht mehr der Mensch (=Moses) der die Gottheit nur von hinten sehen kann, sondern die Gottheit (als Text und Wort) befindet sich hinter mir, überfällt mich allenfalls noch hinterrücks. |
|
noch bleibt mir Zeit die Pfeile
zu schütteln im Wein
das Zischen zu ahnden und
wie eine Schlange
den glitzernden Reif von den
Blättern zu lecken
mein Blick tastet nach vorne
doch was mich mitnimmt
packt mich immer von hinten
deshalb: dieser Text
ist eigentlich nur mit dem
Rücken zu lesen
ich koche unverdrossen
Wasser in Wasser
ein Beitrag nicht sichtbar zur
Sattheit der Wolken
soll ich ein Kleid nicht tragen
weil ich es morgen
wahrscheinlich abgeben muss
ich stimme nicht ein
in den kosmischen Hohlklang
[7551]
ich verweigere
stur jeden Rettungsversuch
hinreichend machtlos
halte ich fest an meinem
Recht auf Empörung
die Wirklichkeit braucht keine
Rücksicht zu nehmen
auf Teile ihrer selbst die
wie ich sich immer
wieder ausschneiden aus ihr
doch die Übersicht
weiss dass sie mich übersieht
ich übe Nachsicht:
Gott muss überall sein ich
und du aber nicht
was zählt ist die Gastfreundschaft
die wir einander
gewähren oder auch nicht
was hier steht setzt sich
nicht aus Wörtern und Sätzen
zusammen damit
sich daraus irgend ein Sinn
ergäbe später
wenn dieser Text endet und
ich den leeren Raum
noch einmal überblicke
den er jetzt ausfüllt
vielleicht zeigt sich dann etwas
was ich verstehe
|
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als
kleine schwarze Katze
bin ich am Bildrand
knapp noch vorhanden den Blick
unverwandt fest auf
den Betrachter gerichtet
neugierig entdeckt
meine Neugierde sich selbst
länger als nötig
leuchtet rot eine Blüte
ein Wintergefühl
legt sich zwischen die Kissen
nichts stimmt wirklich und
die Tiere wenden sich ab
sie überlassen
Sternen und Pflanzen die Sicht
die weiten alles
verdichten es wieder ein
Hin und Her zwischen
Urknall und duftendem Heu
ein gemächliches
Ordnen weit abseits diese
[7601]
Unverdrossenheit
macht mich doch irgendwie froh
|
|

E.Manet: Olympia |
| Z.7603-12:
Der Maler Carel Fabritius stibt 1654 bei der Explosion des Pulvermagazins von Delft. |
|
angekettet
träumt
der Distelfink und zwitschert
er sei ein Kater
unsinnigerweise quält
mich die Vorstellung
dass einer der liebevoll
Vogelfedern malt
stirbt weil in Delft das Pulver
im Magazin und
die halbe Stadt explodiert
kein einziges Blatt
übersetzt heute den Wind
so dass die Stille
aufschäumen könnte nichts stört
die Landschaft wenn sie
schubweise Dunkles hinlegt
nur die oberen
Wolkenränder leuchten auf
im bleigrauen See
verliert sich glanzlos das Licht
langsam entsteht hier
eine Verstehenslage
an der die Sprache
sich staut erst Fremdsein erzwingt
das Überleben
und ein Verstehen das spricht
erst die Differenz
zwischen dem was ich nicht kann
weckt meine Liebe
zur Geographie ihrem
Einrollen hin zur
sanften Biegung des Kehlkopfs |
|

Carel Fabritius:
Het puttertje |
| Z.7635ff.: Vgl.: Bronislaw Malinowski,
Argonauten des westlichen Pazifik, 2. Aufl., Eschborn bei Frankfurt a/M,
2001. |
|
diesem Einbaum der
sein steifes Mattengeflecht
langsam entfaltet
ein goldenes Segel das
den Himmel verteilt
auf der Fahrt durch die Wörter
testen die Boote
nicht Tiefgang nicht Tragkraft nur
die Kippsicherheit
seitlicher Wind reisst an den
Pandanusblättern
deren Ränder erzählen
von den spitzigen
Knochen fliegender Hunde
fest vernäht mit den
Oberflächen der Strömung
[7651] bin ich die Gabe
und tausche mich aus am Riff
wo die Kreise sich
überschneiden und das Licht
stillsteht wo jeder
seine Ware schnell los wird
sterben dünkt mich sei
eine Lebenserfahrung
ein Erinnern das
Gelingen nicht braucht und nichts
anderes der Tod
als das Auge des Lebens
wenn alles da ist
erscheint auch das Verschwinden
Beil Hammer Schaber
ein zerbrochenes Jochbein
dürftige Chronik
des Dauerlaufens des Hirns
dem auf der Hetzjagd
das Kühlen kaum noch gelingt
es denkt an fahles
Nordlicht jenseits der Wälder
langsam beginnt es
zu meinen der Sinn müsse
ein anderer sein
nur noch Neues Bewegtes
und manchmal der Schmerz
erregen Aufmerksamkeit
wo nichts sich abspielt
wird nichts mehr wahrgenommen
schliesslich nimmt alles
die Gestalt an des Geldes
das kreist verschleiert
ohne Gedächtnis rastlos
ohne Verpflichtung
ohne Geduld mit dem Leib
der sich hingibt im
Tausch mit dem Text den er schreibt
wünschen erfüllen
gelingt immer solange
es ausschliesslich aus
Wörtern und Sätzen besteht
ich wasche Salat
im eiskalten Wasser und
erinnere mich
an die Wärme wenn sie die
Hände zurückholt
später dieses Verlangen
vor Einbruch der Nacht
[7700] alles möge verweilen
das Bild von Vermeer
|
|
|
Z.7702-06: Orlando di Lasso (1532-1594): Lagrime di San Pietro, 7-stimmiges Madrigal, beendet sechs Wochen vor dem
Tod.
|
|
die schwebende Linie
einer Melodie
Lagrime di San Pietro
untröstlich bleiben
wie Orlando vielleicht auch
erst kurz vor dem Tod
erhört er diesen Ausblick
der wie ein Schatten
dem Körper vorausgeht und
sich der Wahrnehmung
und ihren Inseln entzieht
Sinne unterwegs
sind eine Zuflucht für Gott
dort in der Steppe
findet er staunend seine
eigenen Spuren
er liest sie als Zeichen die
er noch nicht versteht
ein Abdruck im Sand ein Halm
geknickt dem Ufer
entlang niedergetrampelt
das Gras ein Kreisen
um Knochenreste vom As
|
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Menschwerdung Gottes
als Geschichte der Zeichen
Verweise die auf
Verweise verweisen ein
schwebendes Netzwerk
nirgends wirklich verwoben
ich liebe Texte
die keinen Druck ausüben
auf mein Verstehen
deren Stimmung nahezu
Gleichgültigkeit ist:
der Fortgang des Lesens wird
weder begünstigt
noch wird er behindert beim
Schreiben ändert sich
der Schreibende doch nicht das
wovon er schreibt nur
was sich zwischen den Zeilen
ereignet reicht weit
droht von der Tiefe des Meers
hinauf zu stürzen
als lebendiger Stein mein
Doppelleben fällt
auseinander der Versuch
das Wiederholen
[7750] zu üben und jede Art
der Rückkehr misslingt
wieso eigentlich bin ich
mir wichtig? ohne
mich wär ich besitzlos und
weniger einsam
mein Gefühl nichts als ein Stück
Leder mit grober
Narbung und flachliegenden
Schuppen vom Haifisch
geeignet als Überzug
für einen Schwertgriff
wie der Nebel suche ich
Halt in den Ästen
der immergrünen Kiefer
deren Wurzeln sich
festklammern am nackten Fels
beissend die Kälte
doch das Rauschen
der Wipfel
im Wind hält mich warm
ich versuche vielleicht doch
zu überleben
in den äussersten Ästen |
|

Die Internetverbindungen auf der
nördlichen Halbkugel |
| Z.7773-76: Vgl. Dokumentarfilm von Stéphane Breton:
Le ciel dans un jardin, 65 min. (Bretons letzte Reise zu den Wodani im Hochland von West-Neuguinea). |
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hoch oben im Baum
gegenüber der Stelle
wo man die toten
Kinder in Körben aufhängt
wohne ich zwischen
dem lose geflochtenen
Blattwerk gehalten
von den Astgabeln der Zeit
diesen Tankstellen
der Toten die Überfluss
heimlich verteilen
den Passanten ins Leben |
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zum Innehalten
gezwungen vom Gedächtnis
des Körpers prüf ich
die Bewegungsarchive
und entschliesse mich
eine kleine Spirale
mit den Pupillen
hinter fest verschlossenen
Lidern zu wagen
in jedem Uhrzeigersinn
eine Spirale
die den Hintergrund aufwühlt
als schwimmende Spur
meinem Blick eine Hilfe
der im Wegschweifen
[7800] jede Richtung erkundet
das Mögliche übt
dieses Schauen im Leerlauf
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| Z.7804: "Stille Stille", Titel einer Gedichtsammlung von Xiao Kaiyu, übersetzt von Raffael Keller, Petershagen – Wiepersdorf 1999.
Z.7803-07: Vgl. Rudolf Steiner, «1km3», 16mm-Film-Loop, 1999. (Ein Pilot "tanzt" seinen Kunstflug vor seinem Flugzeug bevor er ihn fliegt.)
– „Andere, die für das Flugwesen schwärmen [...] können in Gesellschaft eines Fliegers, der gerade nicht in den Lüften schwebt, den Ablauf der Bewegungen eines Piloten verfolgen, der seine Loopings ausführt ...“ Marcel
Proust.
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wie ein Pilot der
die stille Stille eines
Sturzflugs vorausfliegt
im Kopf lange bevor er
sein Flugzeug besteigt
am Ende der Welt kauert
mürrisch ein Alter
sein kleines Feuer will er
entfachen das Kind
überhört er das für ihn
Glut holen möchte
in der Hütte beim Nachbarn
die Zuversicht der
sich öffnenden Augen setzt
sich dem Anspruch aus
eines Andern das wartet
sprechen gelingt mir
als Angesprochener nur
meine Augen sind
offen und brennen Löcher
in den Horizont
ich will dass das Andere
mich sieht wenn es spricht |
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| Z.7826-28: In China wurden Eilbotschaften während des Krieges mit Federn gekennzeichnet. |
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wenn es Eilboten ausschickt:
an jeder Nachricht
steckt am Rand eine Feder
und jede Nachricht
lehnt sich auf gegen allzu
schnelles Vergessen
nicht schon wieder ein Opfer
nicht nochmals mühsam
von vorne beginnen mit
dem Tausch von Frauen
Nahrungsmitteln und Wörtern
der Neidspirale
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| Z.7838: "Blütenkelchmauern": Begriff aus einem Gedicht (VI) von Du Fu (8.Jh.), übersetzt von Raffael Keller. |
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die selbst Blütenkelchmauern
zum Einstürzen bringt
ich weiche in Gedanken
suche ich den Ort
an welchem meine Mutter
sich aufhielt als sie
merkte dass sie schwanger war
damals habe ich
das Blühen der Kirschbäume
(für meine Mutter)
nachhaltig beeinflusst nie
bin ich der Farbe
[7850] der Kirschen je
wieder so
nahe gekommen
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| Z.7852: der "Schrei der Seide": Ausdruck für das knisternde Geräusch der Seide, wenn sie von den Händlern prüfend angefasst wird. (vgl. franz. "craquer"). Hier verwendet als Metapher für den konkreten Geburtsvorgang. |
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der Schrei der Seide hat mir
alles verdorben
dieser Zugriff ins Zarte
nicht vorzustellen
was alles geschähe wenn
ich mich nicht ständig
hindern würde am Denken
das verwobene
Licht in meinem Gewebe
wird fahl und erlischt
denke ich alles was ich
zu denken vermag
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Z.7864f.: "Ohne Sonne schweige ich", florentinischer Ausspruch.
Z.7869f.: Kuhirt und Weberin heissen in China die beiden sich in der Milchstrasse gegenüberstehenden Sterne Vega und Atair. Vgl. Raffael Keller, Kommentar zur Übersetzung des Gedichts VII von Du Fu (8.Jh.).
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sine sole sileo
lichtlos verstumm ich
und sehe besser: nirgends
sichtbare Grenzen
zwischen hier und dort es gibt
überall Fäden
zu ordnen Vieh zu hüten
oben und unten
üben ununterbrochen:
wie die Gewohnheit
ausser Kraft gesetzt wird und |
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wie man als Komet
den Abschied stört der Götter
die nämlich kommen
und gehen wie's ihnen passt
ein Reisebetrieb
der beunruhigen muss
eine
Gute Fahrt
wünsche ich nur den Bäumen
an allem andern
reise ich selber vorbei
schlage Haken um
Dinge zu überraschen
die mich begehren
so zeigen
sie sich ohne
dass ich sie sehe
doch die Wälder unterwegs
sind schneller als ich
an ihnen übt sich mein Blick
der Ungenaues
begleitet in den Schluchten
der Rinden unter
irdisch das blinde Stossen
der Wurzelstöcke
oben das Schattenwiegen
lautlos fliege ich
quer durch das aufrechte Grün
[7901]
den Wolken davon
sie haben wie ich ihr Recht
zu schlafen verwirkt
unbekümmert müde bin ich
ein Selbstversuch am
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Giotto, Anbetung der Könige (Padua) |
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offenen Fenster doch stets
beobachtet von
diesem kleinen weissen Hund
der schaut und schaut der
lässt mich nicht aus den Augen
und wend ich mich ab
vom Ausblick schnappt er nach der
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Vittore Carpaccio (1502) |
| Z.7913:
Augustinus, Confessiones XI,11: "... aut manus oris mei per loquellas agit tam grandem rem?" |
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Hand meines Mundes
mit seiner kalten Nase
beschnuppert er mein
abgetragenes Luftkleid
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| Z.7917: Vgl. die im Hebräischen fast homophonen Wörter "Landvermesser" ("einer der misst") und "Messias", worauf W. G. Sebald aufmerksam macht) |
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der Landvermesser
müsste doch schon längst da sein
unterwegs zwar doch
mit verzögerter Ankunft
geht er langsam als
ginge er durch ein Reisfeld
kurz vor der Aussaat
(hinter ihm schwere Büffel
stampfen die Spuren
in den Schlamm unter Wasser)
kommt er an ist er
schon nicht mehr einer der kommt
und der letzte Tag
ist nicht der letzte es braucht
der allerletzte
auch noch ein sternfestes Mass
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die Gans über mir
sie fliegt nicht irgendwo hin
seh ich sie nicht mehr
weiss ich doch noch die Richtung
habe ich alles
erwähnt erlischt dieser Text
aber die Leere
die er zurücklässt scheint mir
auch etwas zu sein
reden und schweigen zeigen
beide den Sprung an
im Gefäss das ich bin sie
nähren den Verdacht
dass im Innern nicht nichts ist
ein Schlafbedürfnis
zumindest das mich wach hält
in der dünnen Luft
[7950] über der Waldgrenze wo
die Schiffe warten
auf das Schmelzen der Gletscher
Flechten am Anker
in den Containern ächzen
die Wurzelstöcke
und dünsten den letzten Rest
von Feuchtigkeit aus
die schwere Stahlwand des Rumpfs
stösst Rostschuppen ab
scharfkantiges Herbstlaub das
kein Sturm mehr bewegt
vom obersten Deck blättert
Farbe talabwärts
das genietete Fachwerk
ragt wünscht sich aufrecht
ohne Gewicht eigentlich
nichts mehr zu sein um
möglichst spurlos ins Weite
stechen zu können
das Auswischen von allem
ist ein Vergnügen
von allem was ich ist und
was mich nicht anschaut
es bleibt - ohne mein Wissen -
nur das was mich sieht
die Hoffnung steigt stetig je
schlechter der Zustand
des Schiffes nur der Zeitpunkt
der Abfahrt ist noch
ungewiss schiebt sich hinaus
zu einem Fluchtpunkt
dem ich nicht mehr vertraue
der Horizont soll
alles gleichzeitig zeigen
ein neuer Versuch
auf dem Weg zu den Dingen
zurückzukehren
dorthin woher ich einst kam |
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1.-2. Jh.n.Chr.
Kertch, Krim |
| Z.7989ff.: Marcel Proust,
A la recherche du temps perdu (Bd.I: In Swanns Welt, S.115) |
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sobald ich einen
Gegenstand ausserhalb von
mir wahrnahm schreibt Proust
stellte sich das Bewusstsein
dazwischen einzig
weil ich ihn sah und trennte
uns voneinander
umgab ihn rings mit einer
geistigen Schicht mich
hindernd ihn zu berühren
und gerade hier
[8000] beginnt Proust seine Suche |
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