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|
"die geistige Schicht"
die sich um etwas legt ist
das Andere selbst
wenn ich es nicht erreiche
fehlen die Augen
im Antlitz gegenüber
wie erkenne ich
seine blicklose Trauer? |
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|
|
|
mein Gesicht bedeckt
von einem haarigen Pelz
wäre immer noch
fähig andere Blicke
auf sich zu lenken
um zu zeigen was es von
sich selbst niemals sieht
|
|

L. Fontana:
Antonietta Gonzalez
ca.1594-1595 |
| Z.8016: Mantis religiosa = Gottesanbeterin. |
|
Mantis religiosa
scheinheilig bin ich
ein Gottesanbeter mit
fromm gefalteten
Händen warte geduldig
(wie alle andern)
auf meine Beute jedoch
ohne Lärm – nicht wie
die Zikaden die nichts als
Hitze anlocken
ich besteige die Trambahn
nur noch mit Bisskorb |
|
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| Z.8028-35: Notker Labeo ("der Grosslippige"), um 950-1022, wirkte
(als erster deutscher "Sprachwissenschaftler") im Kloster St. Gallen. |
|
der todkranke Notker liess
die Türen öffnen
des Klosters denn er wollte
die Bedürftigen
sehen beim Sterben wie sie
essen und trinken
wie sie redeten war ihm
jetzt nicht mehr wichtig
auch mein Versuch den Sprachrand
nicht zu erreichen
wird scheitern weil der Hunger
auch wortlos versteht |
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|
| Z.8040-45: Goya
: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. (Los Caprichos [Einfälle],
1797/98) |
|
mein Schlaf ist eine Laune
der Vernunft die das
Ungeheure vervielfacht
Caprichos die den
Nachtschädel mir spalten mit
fleckigen Flügeln
es ist ein Jammer der Tod
hat keinen Humor |
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|
Z.8048: Gedichtzeile
aus dem Gedicht The Chariot (Nr.712, 1863) von Emily Dickinson: " Because I could not stop for Death, / He kindly stopped for me; / ..."
|
|
"he kindly stopped for me"
zu mehr Freundlichkeit
lässt er sich nicht bewegen
[8051] ungerührt liest er
die schlichte Beschriftung der
zahllosen Schachteln
die hoch aufgetürmt meinen
Dielenbaum stützen
angeschrieben in Blockschrift:
KLINGEN REZEPTE
ENKELKIND BRILLEN WINTER
SCHMETTERLINGSFLÜGEL
VERSTEINERUNGEN UHREN
TAPETENMUSTER
BLÜTENBLÄTTER (GETROCKNET)
ALTE AGENDEN
UNSICHTBARES GLASBILDER
KNÖPFE VERLOBUNG
GLANZ VERGRÖSSERUNGSGLÄSER
WACHS FEIERTAGE
UNTERWÄSCHE ADRESSEN
STAUB PUPPENKLEIDER
BRIEFMARKEN URLAUB ASCHE
zwischen den Schachteln
schaukeln die leeren Kojen
der Noktambulen
in den wandlosen Räumen
dahinter atmen
sie Festgewachsenes aus |
|
|
| Z.8077f.: Psalm 91,13: |
|
"super aspidem
et basiliscum" üben
sie Tritt zu fassen
im leeren Gewächshaus nachts
während die Pflanzen
unterwegs sind folgen sie
leise und singend
ihrem eigenen Schatten
abseits von allem
fügsam wie Rauch im Wind wie
der Brandgeruch im |
|
|
| Z.8088: Arthur Rimbaud, Les
ponts und Parade |
|
"rayon blanc tombant du
ciel"
draussen ordnen die
Komödianten sich neu
brechen leichtfertig
schon wieder die Ränder weg
an denen unser
Erschrecken sich staut plötzlich |
|
|
| Z.8095-01: Vgl. Albrecht Dürer: Büssender Heiliger Hieronymus (1494-97); auf der Rückseite dieses Gemäldes die rätselhafte Darstellung eines Kometen ("Donnerstein vom
Einisheim"?) am Nachthimmel. |
|
sieht man den Staub wie
er sich zusammenballt als
Donnerstein nieder
stürzt auf die Welt auf deren
Bildvorderseite
[8100] einer seinem Löwen die
Heilsordnung erklärt
obwohl ich vieles immer
besser verstehe
wächst mein Unverstand täglich |
|
 |
|
|
ordo salutis:
sogar die Wasserstellen
halten sich daran
Frauen gehen nicht hin und
Nichtinitiierte
trinken Wasser nur wenn es
ihnen gereicht wird
niemand trinkt uneingeschränkt
jeder wünscht also
etwas was ihm nicht zusteht
anders die Bäume
die mit Zweigen und Ästen
genau so viel Raum
besetzen wie sie brauchen
damit wir sie als
Buche Birke Linde und
Esche erkennen
ganze Seen schlürfen sie
unter sich leer und
drücken die Dunstflut sanft ins
Blattwerk hinauf wo
sie im Licht lautlos zerstäubt
ein ruhiger Vorgang
kapillar und beharrlich
ein schönes Kraftwerk
zwischen Unsichtbarkeiten
geheimnisvoll bleibt
wohin das Grün der Blätter
verschwindet im Herbst
auch diesen weissen Blättern
droht katabolisch
ein schwerer Verlust: mein Text
stört ihre Leere
zuversichtlich verwischt er
die Spur die er sucht
die Schrift müsste brennen so
dass ich Bescheid weiss
wenn mein Scheitel die Asche
innwendig erreicht
und das optische Pumpen
sich als Intervall
in der Dämmerung ausstreckt
|
|
|
| Z.8148-50: Anna Achmatowa,
Poem ohne Held. |
|
kein Held weit und breit
"ach wüssten Sie wie ohne
jede Scham Gedichte
wachsen und aus welchem Müll"
[8151] es lohnt sich alles
zu benennen so bricht die
Zuwendung nicht ab |
|
|
| . |
|
zwischen Kadesch und Bared
leben überall
Brunnen und schauen mich an
"un mazzolin di
rose e di viole"
ein einziges Wort
genügt und ein wenig Licht
damit das was ist
langsam vorbeizieht an mir
es genügt ein Duft
odorata ginestra
mittags am Südhang
und mein gesamter Wortschatz
liegt still hellhörig
im flimmernden Licht es ist
als sei ich eben
gestorben – als zerrten schon
die Sinne am Leib
was jetzt geschieht ist einfach
nichts Besonderes
ein alltägliches Ordnen
der Gegenstände
es sind immer dieselben
und wenige nur
ich rücke sie hin und her
am stummen Ufer
und beschreibe die hellen
Stellen im Schatten
den sie aufs Wasser werfen
|
|
|
Z.8186: Igantius [von Antiochien]
an die Römer 3,3: "Nichts Sichtbares ist gut." Vgl. auch Der zweite Brief an die Korinther
4,18.
|
|
Gott sei Dank dass ich
meine etwas zu sehen
man hat behauptet
nichts Sichtbares sei gut doch
nur das Sichtbare
zeigt mir das Sehen das sieht
an dieser Furt wo
der Fluss seine Unruhe
plötzlich beschleunigt
lege ich Schlingen Reusen
und Leimruten aus
Schwippgalgen Gesperre samt
Spiessen und Klingen
Wortfallen Sprechversuche
hilf- und erfolglos
trotz bösartiger Syntax
die Sprache fängt nichts
[8200] und Redende führen sich
stets die Mechanik
ihrer Lautgebung vor nur
Fremdes das fremd bleibt
was unerkannt leise sich
durch die Zeilen siebt
lässt vielleicht etwas zurück
was ich verstehe
ich nehme Rücksicht auf die
Neigung der Wörter
zur Lautlosigkeit und mag
den vermeintlichen
Rückfall wenn sich alles dem
Zugriff der Zeichen
plötzlich für immer entzieht
ein Augenblicksglück
ohne Einsicht in etwas
ohne diesen Drang
unter die Last der Beweise
wer an ein Leben
glaubt nach dem Tod wird falls er
sich irrt nicht enttäuscht
wer nicht an ein Leben glaubt
nach dem Tod wird nie
erfahren ob er recht hat
von diesen beiden
welchen soll ich bedauern?
|
|

Ex voto, gallo-röm.
Dijon |
| Das
Evangelium nach Johannes 19,30
("Es ist vollbracht.")
Z.8228f.: "Sammler des nächtlichen Bodens" = jap. Ausdruck für den Latrinenreiniger.
|
|
"consumatum est"
der Sammler des nächtlichen
Bodens des Geruchs
frisch geschlagenen Holzes
Morgen für Morgen
schlägt er Augen und Zelte
mühsam wieder auf
Anweisungen anderer
weist er stets zurück
wenn sie in seinen Träumen
vorkommen könnten
ihn dünkt ein einfacher Satz
enthalte genug
Sprengstoff um tiefe Trichter
in sein Verstehen
zu reissen ihm scheint die Zeit
verfrüht zum Gebrauch
der Sprache sein unruhiger
Blick schweift immer noch
hin und her zwischen seinem
Standpunkt und jenem
der weit draussen liegt den er
sich vorstellen kann
[8250] von dem aus er aber nichts
zu sehen vermag
|
|
|
| Z.8254-63: Lucan (39-65 n.Chr.),
Bellum
, L.III, v.362f.: "ventus ut amittit vires, nisi robore densae / occurrunt silvae, spatio diffusus inani ..." |
|
trotzdem redet und schreibt er
mit einem Gefühl
als ob etwas Pflanzliches
in ihm begänne
zu wuchern Sätze schiessen
wie schnellwachsende
Douglas Tannen seitlich ins
Blickfeld und bilden
schnell dichte Reihen die dem
Wind widerstehen
damit er im leeren Raum
die Kraft nicht verliert
er vermutet es warte
alles Verstummte
auf seine Wörter die er
gegen das Schweigen
der Furchen setzt und hochzieht
als Brandfahnen im
nahtlosen schwarzen Rauschen
das satte Unglück
von Lichtjahrmillionen
lässt er verschwinden
in den klirrenden Türmen
im erwachenden
Schachtelhalm seines Textes |
|
|
Vgl.: Claude
Lévi-Strauss, Traurige Tropen (1955), Frankfurt (st), 1991
412f. |
|
er kokettiert nicht
mit dem Wunsch ein Mineral
ein Lilienduft
oder ein Einverständnis
austauschender Blick
mit einer Katze zu sein
er mag die Schönheit
des irrlichtigen Zweifels
die schmerzhafte Sicht
über die Ränder gespannt
fragloses Einssein
scheint ihm sogar im Tod noch
irgendwie unwahr
weshalb hätte Gott sich sonst
den Kosmos und uns
aus dem Leibe gerissen?
um ein Geringes
übersteigt das Leben nun
den Tod und erzeugt
|
|
|
| Das Buch
Genesis 49,26 |
|
aus dem Sehnen der Hügel
den kleinen Vorsprung
des Lichts mit seinem Verdacht
der etwas verspricht
|
|
|
| Z.8300-05: Vgl. Honoré de Balzac, Le Chef-d'oeuvre inconnu
(1832). |
|
"siehst du etwas?" – "nein und Ihr?"
[8301] "nichts" – erst ganz am Rand
der Leinwand die Vollendung
le bout d'un pied nu
alles andere gibt sich
nicht zu erkennen
|
|
|
| Z.8306-08: Das Evangelium nach Lukas 8,52: "Sie [die Tochter des Jairus] ist nicht gestorben,
sie schläft nur." |
|
non est enim mortua
kommt ihm in den Sinn
sed dormit so falten die
wirren Linien
sich zur Decke entwickeln
eine Sicht die er
weglassen kann im Ausfall
ermatteten Glücks
berauscht ihn ein Monolog
der Schlafzimmertür
ruhelos im Theater
anatomicum
spielt sie Eingang und Ausgang
wird eifersüchtig
sobald ein Luftzug sie streift
ein unheimlicher
Zweitakt nahe am Luftrand
|
|
|
| Z.8323-30: Rabban Yussuf Busnaya, nestorianischer Mystiker (869-979) |
|
der setzt ihm den Leib
an die Stelle der Seele
und die Seele schiebt
sich an den Ort wo er denkt
seine Gedanken
leuchten jetzt kurz auf fast wie
der Leib wenn er lacht
|
|
|
|
|
wie ein Plandurchschuss Gottes
er meint es löse
sich das Fleisch schon ein wenig
von seinen Knochen
und er greift nach den Ästen
der Birke hoffend
das Weltdrehen breche so
nicht allzu schnell ab
im Windschatten der Wolken
steht nur der Wipfel
ganz still so dass die Müden
dort oben näher
an den Schlaf rücken können
in den sie lautlos
fallen ohne zu stürzen
später wird der Staub
aufschäumender Bäche das
farblose Gewicht
vieler Blüten sie wecken
|
|
|
| Z.8355f.: Vgl. Giacomo Leopardi: Dialog zwischen Friedrich Ruysch [1638-1731] und seinen
Mumien. |
|
es bleibt wenig Zeit
[8350] zur Befragung der Toten
ob sie beim Sterben
an den Tod dachten oder
eher ans Leben?
ob der Tod ein Begehren
ein Lustgefühl sei
das jeden Widerstand bricht?
bleibt der Name als
Wortraum ohne Grammatik
eines der Zeichen
das Gottes Namen beschreibt?
schreiben: was er schreibt
heisst wenn er es liest stets "du
bist ein anderer"
was ihn beunruhigt so
kann er die Distanz
nicht mehr einschätzen zum Text
absteigen also
zu den Regalen mit den
taghellen Ordnern
in denen die Aufträge
abgelegt werden:
am Leben zu bleiben und
doch freundlich zu sein
zu jemandem sagen: ich
vergesse dich nicht
(noch das lichtlose Krümeln
der Erde später
im Mund erinnert an dich)
ein Andenken das
Blätter treibt aus den Wurzeln
des Baums der wir sind
es gibt einen Plan denkt er
aber unmöglich
ist ihm sich vorzustellen
dass auch jemand plant
das Bild: niemals weiss es dass
einer es malt – ihm
genügt die Empfindung: ich
werde gesehen |
|
|
| Z.8390-92: Der babylonische Amoräer Rabh (um 230) sagt: "Durch zehn Dinge ist die Welt geschaffen: durch Weisheit und Einsicht und Wissen und Kraft und Anschreien und Stärke, durch Gerechtigkeit und und Recht, durch Gnade und Barmherzigkeit." |
|
mag sein dass die Welt entstand
indem Gott das All
und die Leerheit anschrie
dass sie immer noch
da ist liegt vermutlich am
kurzen Brief eines
argentinischen Tankwarts
der schrieb: Vergesst nicht
jenseits des Meeres bin ich
einer der euch liebt
[8400] solche Briefe sind Fäden
an denen Gott sich
festhält über dem Abgrund
jede Zuwendung
scheint ihm erstaunlich weshalb
Steine auftürmen
über den Toten? weshalb
fleht die Frau mit dem
kleinen Vogel in der Hand
"bitte nicht töten"?
das ist was ihn aufrecht hält
kerzengerade
Rücken und Kopf ein wenig
nach hinten geneigt |
|
|
| Z.8414-16: Giacinto Scelsi, ital. Komponist, 1905-1988,
"Ttai" (1953), Suite für Piano Nr. 9.
Z.8418-21: Giacomo Leopardi, Gesänge, Dialoge und andere Lehrstücke,
Zibaldone, Zürich 1998, S.531.
Z.8424f.: "Balkol" [hebr. "von allem", s.a.
Z.8428]: Mischn Lehrer
diskutieren im 2. Jh. darüber, ob Gen 24,1 ("Und Gott segnete Abraham mit Allem")
als Hinweis auf eine Tochter Abrahams zu verstehen sei. |
|
als hörte er die Suite
für Piano von
Giacinto Scelsi und jetzt
kommt ihm in den Sinn
dass Leopardi meinte
Vögel würden nur
fliegen damit man ihren
Gesang gut höre
bewegungslos versucht er
älter zu werden
nochmals verliebt in Balkol
Abrahams Tochter
die Perle die Dattel im
Schatten der Zweige
singt ihm das Lied von allem |
|
|
| Z.8429-32: Das Buch
Habakuk 2,11. |
|
noch schreit der Stein nicht
in der Mauer im Gebälk
geben die Sparren
noch keine Antwort heute
wirbeln ihm Wellen
eine neue Säule ums
Mark seines Rückens
genau über ihm das Glück
dessen der ankommt
unter ihm rädert die Welt
leichter geworden
wie die Orte von denen |
|
|
| Z. 8441: "Gilgul" hebr. Begriff für
Seelenwanderung / Wiedergeburt. (Vgl. ללג = rollen, wälzen, לגלג = Rad, Räderwerk. Das Thema taucht vor allem in der Kabbala auf.) |
|
er aufbrach – Gilgul:
die Ost-West-Passage windarm
jedoch hart am Licht
es riecht nach feuchtem Kies nach
geschrumpftem Fruchtfleisch
auf kühlen Hurden liegen
Äpfel im Keller
auf der Zunge der Geschmack
von nasser Kreide:
[8450] ob er nicht unter Tag das
Ende des Winters
ruhig abwarten sollte?
|
|
|
| Z.8453-59: Curzio Malaparte erzählt diese Episode aus dem 2. Weltkrieg in seinem Roman
Kaputt (1951). |
|
er hofft es taue
auch das Ladogaseeeis
aus dem die Köpfe
der erfrorenen Pferde
(wohl an die tausend)
schrecklich hinüberstarren
zum Ufer das brennt
ihn beunruhigt dies: auch im
längst Vergangenen
findet er Bruchstücke von
Hoffnung: es möge
doch anders gewesen sein
so verweigert er
sich jeder Endgültigkeit
die Korrekturen
die er sich vorstellt bleiben
nicht ohne Wirkung
Wirkliches das zurück bleibt
entgleitet sich selbst
und überliefert sich uns
nur noch als Meinung
morgens bei Sonnenaufgang
leuchten die Blätter
der Blutbuche rot mittags
schon scheint das Laub schwarz
es könnte so sein: was er
sieht sieht er nicht mehr
was er hört hört er nicht mehr |
|
|
| Z.8481-83: Nach einer kabbalistischen Lehre entstand die Sprache aus dem hebräischen Buchstaben
Jod. |
|
die Sprache sickert
weg durch das Häkchen das "Jod"
aus dem sie entstand
und dann müssten die Worte
nochmals beginnen
sich allem anzunehmen
was nicht mehr da ist
der redende Mensch ist ein
Wendepunkt Gottes
denkt er und fragt sich ob dies
zwingend ein Grund sei
von nun an zu schweigen um
sich vorerst nur stumm
in die Welt einzupassen
den wortlosen Leib
müsste er dichten weiten
damit er Mass nimmt
|
|
|
| Z.8498: "Nicht verrückt, nicht vorgetäuscht, vielleicht Wolken, vielleicht Stein." Text auf dem Bild von Ni Yuanlu (1694-1644):
Wolke-Wasser-Stein.
Z.8499f.: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.V:
Die Gefangene),
Frankfurt 2000, S.258: ".... es ist von Nutzen, Träume in sich zu gestalten, damit man sie scheitern sieht und aus ihrem Scheitern lernt."
|
|
"vielleicht Wolken vielleicht Stein"
solche Träume sind
nützlich auch wenn sie scheitern
[8501]
später wird er sich
sehnen trauern damit die
Worte ihn finden
und sich ablösen langsam
von seinem Pulsschlag
aus dem ewigen Hinwurf
der Wellen am Strand
hinüber finden in das
Hinein und Hinaus
des Winds der das verkehrte
Astwerk belüftet
im dunklen Korb seiner Brust
wird das Atmen lang
beobachtet bevor es
zu sprechen beginnt
hinter den ersten Lauten
lauern die Schreie
der Tiere das seltene
Knistern wenn Blüten
sich öffnen das Raffeln der
Insekten im Holz
an den Kanten der Flügel
das Zischen der Luft
das Zerbrechen von Schichten
sich verschiebender
Erdplatten der Riss im Eis
Jahrmillionen
Nachhall von allem im Klang
der Stimme die spricht
ich schreibe auf was er hört
nur damit dieses
Rauschen irgendwo ankommt
wo es sich ausruht
bevor es wieder aufbricht
und durch das Gewölk
dieses Textes verschwindet
sorglos fast träge:
wir Wolkenbeobachter
lückenlos alles
ist zu verzeichnen damit
sich nichts überstürzt
ausserhalb unseres Blicks
|
|

Ni Yuanlu:
Wolke-Wasser-Stein |
Z.8543f. William Shakespeare,
Hamlet, III,2.
|
|
das Kamel ist ein
Wiesel ein Walfisch es bleibt
alles ungewiss
was wir nur sehen vielleicht
verstecken Bilder
sich indem sie sich zeigen
|
|
|
| Z.8549: Joseph Beuys (1921-1986) stellt diese Frage auf dem gleichnamigen Bild von 1981, Farboffset auf
Zeitungspapier. |
|
"was birgt die Wolke?"
beim Aufwachen meine ich
[8551]
ich sei ein Gestrüpp
umsorgt von den bleischweren
nächtlichen Decken
so lieg ich da noch während
ich schreibe und dies
ist ein langsames Ziehen
am Garn am Faden
ein Stricken ist es zurück
auf den Knäuel so
dass das Blinde am Himmel
sich ausdünnt ins Blau
|
|
 |
| Z.8563f.: William Rider, wird 1564 als erster Strumpfstricker von England erwähnt. |
|
(Freundschaft verbindet mich mit
William Rider
dem Strumpfstricker aus England
das auch Albion
Weissland genannt wird auf Grund
der Klippen aus Kalk) |
|
|
| Z.8568-70: Julius Caesar,
De bello Gallico, 7,84,5: "omnia enim plerumque, quae absunt, vehementius hominum mentes perturbant." |
|
und wieder zeigt sich: es scheint
das Entfernte mir
schrecklicher als das Nahe
der Sturm der aufzieht
wird gewöhnliches Wetter
wenn er mich antrifft
ich beschreibe ich ordne
nur Wörter deren
Ankunft wenig bedeutet
sie lösen sich auf
einen Augenblick später
Zeile für Zeile
verschwindet nirgendwohin
auch die Unordnung
will sie jetzt nicht mehr zurück
gähnende Leere
wo wir sahen und hörten
doch waren wir da
(haben gesehen gehört)
in der Ewigkeit
Stoffmuster kommen wir vor
den Regen nicht mehr
zu hören ist immer noch
ein Vergnügen doch
vom Entleeren der Wolken
gar nichts zu wissen ...
das Nicht-mehr-Sein ist vielleicht
erträglich aber
nicht das Gar-nie-Gewesen |
|
|
Z.8597-8604: Yukio Mishima: "In der Literatur wird der Tod in Schach gehalten und zugleich als Antriebskraft genutzt .... Die Literatur züchtet eine unsterbliche Blume. Und eine unsterblcihe Blume ist natürlich eine künstliche Blume."
|
|
es irrt sich wer meint
die Literatur halte
den Tod im Schach und
nutze ihn als Antriebskraft
[8601] das Leben wird nicht
verschwendet zur Herstellung
von Kunstwerken von
künstlichen Blüten – Worte
sind eine Hilfe
dem Erinnern sonst nichts und
bleiben friedfertig
auch gegenüber dem Tod |
|
|
| Z.8609: Altocumulus floccus = Bezeichnung für eine hochliegende, kleine flockige Wolken. |
|
altocumuli
flockig in den Gesprächen
etwas ausgefranst
bauschen sie sich in den Wind
schweben aufgeräumt
über die festgezurrte
Erde in der die |
|
 |
| Z.8615-19: Vgl. Tertullian (ca. 160-225),
Über die Auferstehung des Fleisches: "Es steht fest, dass nicht nur die Knochen fortbestehen, sondern auch die Zähne unzerstört bleiben, welche wie Samen aufbehalten werden, um bei der Auferstehung des Körpers zu grünen." |
|
eingebetteten Samen
Knochen und Zähne
der Auferstehung harren
entgegenwachsen
den nichtsahnenden Lauten
die schnell wieder Fleisch
ansetzen: Sätze und das
Fett langer Reden
über den neuen Sprachleib
spannt das Verstehen
seine pigmentfreie Haut
hinübersetzen
jetzt in die dünnen Hüllen
weit draussen aus Glas
gehaucht unfertig gedacht
schon fast berührt
(unergründlich die Syntax
sobald das Ufer
mit ihr scheinbar erreicht wird) |
|
|
| Z.8638-46: Aurelius Augustinus,
De civitate Dei, XIV,24. |
|
doch es gelingt mir
nur selten eigentlich nie
eher kommt mir der
Presbyter Restitutus
in den Sinn: sobald
irgend ein Mensch wehklagte
fiel er in Ohnmacht
verlor jede Empfindung
atmete nicht mehr
doch – betont Augustinus –
tat er dies dann nur
wenn er Lust dazu hatte |
|

Willi Rose
Shadows of War. |
| Z.8649-56: Vgl. die wunderbaren Beschreibungen atmosphärischer Erscheinungen bei: Albert Heim,
Luft-Farben, Zürich 1912. |
|
die kleinen Tiere
lassen sich aufwärtswirbeln
im Purpurlicht als
[8650] gäbe es keine Schwerkraft
die Sonnensäulen
zittern wie Halme wenn sich
ein Käfer entschliesst
zum einen einzigen Flug
(westwärts bis hin zum
grünlichen Dämmerungsschein) |
|
|
|
|
was hier lesbar wird
entspricht den Bleifassungen
farbiger Gläser
Lichtstücke verbinden sich
für Augenblicke
beständig leuchten sie auf
im Bauch der Schiffe
was sie zusammenhält ist
der Rede nicht wert
randständige Zeichen Laut
gebende Zeichen
zeichengebende Laute
die mich verändern
lange vor dem Verstehen
die dunkel bleiben |
|

Glasfenster Münster Basel |
| Das
Hohelied 1,6 |
|
flehend: "Schau mich nicht so an
nur weil ich schwarz bin
die Sonne hat mich versengt"
viele Gesichter
löscht das Licht aus Geschichten
die unbeschattet
in die Taghelle stürzen
meine Sorge gilt
den alten Geräuschen die
unbemerkt leise
allem Sichtbaren weichen
die sich im Rückzug
verwandeln in blassgelbe
krustige Flechten
Hautinseln am blanken Fels
fast schon im Einklang
mit dem Schweigen der Pflanzen
sich erinnernd
(wetterseitig) wie der Wind
einst sie davontrug
Geräusche mit dem trägen
Glanz eines Tropfens
Honig sich wiederholend
aus Mauerritzen
das hellglockige Quaken
kleiner Frösche nachts
wenn es zu regnen beginnt
unter Obstbäumen
summt es den scharfen Rändern
[8701] des Schattens entlang |
|
|
| Z.8702-06: Vgl. He Wei (1077-1145),
Chunzhu jiwen ("Vom Hörensagen an der Frühlingssandbank") Das legendäre Singmädchen Su Xiaoxiao ("kleine Su") aus dem 5. Jh. begegnet im Traum Sima Caizhong (11.Jh.); dieser starb als seine Lustbarke, die er mit einer Geliebten bestiegen hatte, Feuer fing.
Z.8707-8711: Paul Valéry , Eupalinos oder Der
Architekt, Frankfurt 1991. (Phaidros:) "Ich verirre mich in langen Wartezeiten; ich finde mich wieder in Überraschungen, die ich mir selbst bereite..." (S.55).
Z.8719: Hangzhou (früher Quiatang), die Stadt aus der Su Xiaoxiao stammte, heute eine Grossstadt mit 6 Mio Einwohnern.
Z.8720-32: Vgl. Gibbon Sengai (1750-1837), der mit Bild und Text ("Kyōgen kehrt den Boden") auf eine Episode des Zenmönchs (Kyōgen/Hsiang-yen, gest. 898) hinweist, der zur Erleuchtung kam, als beim Kehren des Bodens ein Kieselstein einen Bambusstengel traf.
|
|
das Knistern einer Barke
die lichterloh brennt
singe kleine Su Xiaoxiao
dein Name schaukelt
mich auf die Frühlingssandbank
ich verirre mich
in langen Wartezeiten
ich finde mich in
Überrsaschungen die ich
mir selbst bereite
sogar der Kies ist verstummt
als ging ich auf Moos
kleine Su ich höre das
Lied das du nicht singst
ich höre die Schnüre die
festgezurrt werden
um die Bambusstangen am
Hochhaus in Hangzhou
unerhört bleibt der Hohlklang
des Stengels auf den
der Kiesel trifft (beim Fegen
des Bodens) trotzdem
habe ich den Ton gehört
das Lesen dieses
Textes ist nicht nötig um
ihn zu verstehen
da ist kein Dazwischen und
keine Lücke die
überbrückt werden könnte
wie – festgebissen
in Wörtern – antworten wie?
schreiben: ich schreibe
und zugleich ereignet sich
was mich überrascht
und ich werde erhört noch
während ich höre
vielleicht gibt es Gründe für
die Sprache die spricht
aber sie leuchten nicht ein
dieser Text erscheint
grundlos wo die Konstruktion
aufhört beginnt er
so fahre ich fort vieles
nicht aufzuschreiben
meine wortlosen Stellen
breiten sich aus wie
bei einsetzendem Regen
die Verdunkelung |
|
|
| Z.8750-52:
Paul Valéry Paul (s.a.a.O): (Sokrates:) "Dieses, lieber Phaidros, ist das Wichtigste: keine Geometrie ohne Worte. Ohne Worte sind die Figuren blosse Vorfälle." |
|
[8750]
der Steine unbesprochen
verstummt das Helle
und auch die Geometrie
Übereinstimmung
anstreben mit dem Leser:
was nicht hier steht soll
er genau so nicht lesen
wie ich es nicht schrieb
es ist wichtig dass wir uns
gemeinsam nähern
dem Unverwechselbaren
(das Organ Menschheit
soll seinen Pilzcharakter
nach innen wenden: |
|
|
| Z.8764-67: Höre: Gavin Bryars:
The Sinking of the Titanic (1972). |
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in den Schiffskörper der sinkt
den weiten Nachhall
der Metallwände die sich
langsam verbiegen) |
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Z.8768f.: Inschrift (rätorom.) in über dem Chor der kleinen Kapelle von Mompé-Tujetsch (GR) 1646.
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"Iesus fil
de dawit
preng erbarm de mei"
und die Heuschrecken springen
irgendwohin mit
nicht nachlassender Freude
im dürren Gras wo
die Mittagshitze sich staut
zirpen die Grillen
nichts bewegt den löchrigen
Schatten der Birke
über den Mauerresten:
Mahnmal des letzten
Staublawinenniedergangs
der die Kapelle
wegblies niederriss talwärts |
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| Z.8783: "Desertinas": alte Bezeichnung für die Ortschaft Disentis. |
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(Desertinas
heisst
der Ort ganz in der Nähe)
und plötzlich ist mir
etwas näher näher noch
als ich mir selbst bin
ich merke jetzt dass es mir
nie gelingt etwas
Besonderes zu sein dass
nichts Besonderes
sein nichts Besonderes ist
(Regentropfen sind
in ihrer kurzfristigen
Vereinzelung nur
mit dem Fallen beschäftigt)
wandernd am Hang sich
der Schwerkraft überlassen
bei Abzweigungen
stets dem abwärtsführenden
[8801]
Weg folgen ohne
sich beirren zu lassen
die Talsohle kennt
nichts anderes: sie sammelt
das Lockere ein
beruhigt die Bäche zwingt
kurzfristig sogar
den Wind in ihre Richtung
was von oben kommt
wird geordnet geschichtet
anheimgegeben
unabsehbarer Dauer
was dauert erscheint
mir unabsehbar ich kann
mich nicht sattsehen
zu rasch sink ich an jeder
Übersicht vorbei
auch dieses Gedicht führt mich
abwärts ins Flache
ein wenig verzögert es
aber die Ankunft
Räume entstehen worin
das Tasten sich lohnt
kurz vor dem Fall in den Schlaf
gelingt jetzt der Griff
nach dem Kopfkissenzipfel
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| Z.8828-30: Vgl.
Der erste Brief an die Korinther 13,12 ("Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, dann aber werde ich völlig erkennen, wie ich auch völlig erkannt worden bin.") |
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der Tag entgleitet
im blankpolierten Metall
(aus Korinth) spiegelt
mich als ein Rätsel: mich selbst
sehe ich nur noch
als den der erkennt doch nicht
als den der ich bin
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| Z.8834-37: "nemo" (lat.) = niemand; (arch. ne-hemo).
Little Nemo in Slumberland: berühmte Comix-Serie von Winsor McCay, die 1905-1913 in der Tageszeitung New York Herald erschien. |
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erst im Traum bin ich vielleicht
derselbe der träumt:
ein Niemand irgendwo in
Nemos Slumberland
ich falle im Sturz schon tot
auf den eigenen
Schatten : ein Begegnen bei
dem ich erwache |
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| Z.8842-48: Daniil Charms,
Zwischenfälle, hg. von Lola Debüser, München 2003, Nr. 21
(S.42). |
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"das ist eigentlich alles"
so endet eine
Kürzestgeschichte von Charms
ihr Anfang lautet
"Eines Tages ging ein Mann ..."
nichts Nennenswertes
geschieht zwischen den Zeilen
Texte wie diese
werden geschrieben um des
[8851] Vergessens willen
(Sprechen nimmt Welt in Besitz
Schreiben erstattet
sie wieder zurück erst wenn
alles gesagt ist
gelingt Verstehen vielleicht) |
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Z.8858-64: Bildtitel aus dem Zyklus
Los Desastres de la Guerra von Francisco de Goya (1746-1828). "Man kann gar nicht hinsehen" – "Das ist
schlimmer" – "Das ist zuviel!" – "Welcher Wahnsinn" – "Ich habe das gesehen".
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vorläufig aber
"No se puede mirar"
"Esto es peor"
"¡Fuerte cosa es!" was
bleibt zurück wenn das
Verstehen doch nicht gelingt
Goyas Desastres?
"¡Que locura!" – "Yo lo ví"
Texte wie diese
sind auch ein Erinnern das
mit dünnen Fäden
die Toten an uns bindet
(und mit ihnen auch
das Entsetzen zum Beispiel
vom sechsten August
als durch Hiroshima ein
Feuersturm fegte)
doch unser Erinnern was
nützt es den Toten? |
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Goya: "No se puede
mirar" |
| Z.8877: Die Überlebenden der Atombombenabwürfe von 1945 (Hiroshima und Nagasaki) werden
Hibakusha ("explosionsgeschädigte Personen") genannt. |
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(was nützt ihnen der Bericht
der Hibakusha?)
vielleicht bin nicht ich es der
sich erinnert es
sind die Toten die mich nur
langsam vergessen |
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Z.8888-91: Vgl. Daniil Charms, Brief an K.W. Pugatschowa
(16.10.1933). |
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das Unwiderrufliche
lähmt meinen Blick wie
ein Komet der einschwenkt und
neu Kurs nimmt auf mich
alles Wohlbehaltene
ist jetzt verdächtig
dabei habe ich eben
erst angefangen
die Welt zu ordnen damit
die Kunst erscheine
welch ein Triumph beginnend
auch schon zu scheitern
diese Einsicht ist tröstlich
jetzt gebe ich alles |
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Der Komet Halley |
| Z.8896-99: Daniil Charms,
Begegnung: "Eines Tages ging ein Mann zur Arbeit, und unterwegs begegnete er einem andern Mann, der ein polnisches Weissbrot gekauft hatte und auf dem Heimweg war. Das ist eigentlich
alles."
Z.8900-02: Vgl. Jean Paul (1763.1825),
Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei.
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(dazu sollte ich wissen:
wo zum Teufel wohnt
der Mann der ein polnisches
Weissbrot gekauft hat?
[8900] spielt die Ewigkeit immer
noch mit dem Chaos
und wiederkäuet sich selbst?)
mit der Heugabel
wend ich getrocknetes Licht
überlasse die
leichtesten Halme dem Wind
nachmittags später
wirbelt auf: nur noch Staub
schwebt
über den Matten
doch nachts knistert die Leere
und die Schnittstellen
glimmen noch einmal kurz auf:
ein Vorhang mit Schwung
heruntergerissen zur
Lunte verdreht und
nahe ans Feuer gelegt
der Traum versickert
in meinem glänzenden Fell
und ich erwache
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Daniil Charms (1905-1942) |
| Z.8920-22: Michel de Montaigne,
Essais, I,19. |
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cette nonchalance
bestiale
denk ich die
vom Tod
nichts weiss und schnell der Tiefe
das Schimmern entzieht
beim Übersetzen will ich
mich nicht verhaspeln
Ab- Vor- und Umsicht alle
Arten des Sehens
tausche ich ein zugunsten
des Anspruchs ab jetzt
nur noch zu sein der ich bin:
ein Passant zur See
der mit geringer Schubkraft
seinen kurzen Text
durchschwimmt als ein unsichtbar
kleiner Wasserpflug
der wendet das Wasser was
niemandem auffällt
zwischen Dünung und Windsee
bemerke nur ich
die fein schäumende Furche
den haarfeinen Sprung
in der Brise die auffrischt
so bedeutungslos
ist nichts dass es nicht allen
zugute käme
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| Z.8946-54: Talmud, Tractat:
Taanit 7a; in: Irun R. Cohen, Regen und Auferstehung. Talmud und Naturwissenschaft im Dialog mit der
Welt, Göttingen 2005, S. 34. |
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"bedeutender" sagt Rabbi
Abbahu "als die
Auferstehung der Toten
ist der Regentag
[8950] die Auferstehung nämlich
geschieht ausschliesslich
für die Frommen der Regen
aber für beide
die Frommen und die Frevler"
doch es ist wichtig
den Regen zu erwähnen
denn jeder Tropfen
beunruhigt die Wüste auch
wenn er verdunstet
vielleicht lange bevor er
irgendwo ankommt |
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was geschieht erkenne ich
nur weil es sich zeigt
und dieses zeigt sich gerne
wenn es erkannt wird
das eine vom anderen
zu unterscheiden
ist ein Fortschritt hat aber
nichts zu tun mit der |
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Leichtigkeit der Kufen wenn
sie Kreise zeichnen
und Bogen schlagen ins Eis
die Kreise denen
dieser Text folgt sollten sich
langsam verengen
manchmal kommt mir die
Landschaft
die innen lautlos
vorbeizieht bekannt vor sie
verzeichnet Blatt um
Blatt mit fedrigem Strich der
sich selbst noch misstraut
der zu früh aufsetzt abseits
und lange bevor
der Horizont der Seite
erscheint stolpert er
schon in das arglose Weiss
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Henry Raeburn
(1756-1823): Reverend Robert Walker skating on Duddingston Loch
(Zuschreibung ungewiss) |
| Z.8988-9000: Marcel Proust,
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Bd.I: Unterwegs zu
Swann), Frankfurt 2000, S.553. |
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bliebe
mir Zeit ich
würde das Zimmer wählen
in Combray und nicht
das in Balbec (Grand Hôtel
de la Plage) das mit
dem Duft einer körnigen
und mit Blütenstaub
überstreuten essbaren
und frommen Stimmung
und nicht das mit lackierten
Wänden das eine
azurne und salzige
reine Luft umschliesst
[9000] auch
ich wählte die Kindheit |
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