Traumzone Lyssach (BE)

Fotos von Jürg Ramseier, Münsingen

 

Autobahn, N 1, Richtung Nord, rechterhand, kurz vor der Ausfahrt Kirchberg: Nach dem Waldstück plötzlich mehrere Gebäude in verschiedenen Grössen, ein Motel, Industriehallen, Grossverteiler, Einkaufszentren, einzelne kleinere Gebäude, ein Einfamilienhaus, Wohnwagen, Gartenhäuser. Ein langgezogenes Gelände, kaum 100m breit, klar begrenzt zwischen Autobahn und Kantonsstrasse. Wie eine Insel taucht diese eigenartige Zone an der Autobahn auf. Man nimmt sie kaum wahr: Es gibt zu viele, immer mehr, weltweit.

Ausfahrt also, abbiegen, Industrie- und Einkaufszone Lyssach: Ikea Mediamarkt Olo Marzipan Orienttepich Möbelzentrum Losinger A-Musik Lapeyre Treppen Türen Mitsubishi Bickle-Räder Dosenbach Ochsner Las Vegas Spielcasino ... vorerst nichts als dreidimensionale Lyrik.

Nichts Besonderes für das Auge. Nichts, das nicht bekannt wäre. Schmucklose Fassaden, dahinter eine erst nach und nach einsehbare Kulisse von Alltagsdingen, von Gegenständen, die in gewöhnlichen Träumen vorkommen, an die sich zu erinnern, man tagsüber aber keinen Anlass hat. Es sind schnelle Zeichen aus der Welt des vermeintlichen oder tatsächlichen und täglichen Bedarfs, des Vergnügens, manchmal nur Sichten auf Hüllen hinter denen sich nichts Wirkliches verbirgt. Was uns trotzdem betrifft, schimmert nur durch: Produktion und Verbrauch, Mangel und Überfluss, Gewinn und Verlust, Kredit und Abrechnung, Wunsch und Überdruss.

Die neuen Tempel: Das Feierliche ist die Dichte, die Anhäufung des Gleichen, die Sammlung von geheimnisvoll Ähnlichem - und uns unheimlich Verwandtem. Die vertrauten Gegenstände erwecken unerwartet den Eindruck, als seien sie aus einem entfernten, fremden Kulturraum, hier vielleicht nur vergessen, einzig da, um sich zu skurrilen Bergen aufzutürmen, zu blasphemisch langweiligen Schichten in geradlinig ausgerichteten Regalen. Reizlos ist das Vervielfältigte bemüht sich anzubieten. Alles hat denselben Geschmack und weckt eigentlich eine Appetitlosigkeit, die man lange nicht wahrhaben will. Die leibliche Erfahrung des Überflusses, all dessen, was ich nicht brauche, das könnte auch lustvoll sein. Man ist aber einer unter vielen, das dämpft die Gefühle. Alle bewegen sich in den zeitleeren Räumen hin und her mit derselben abgedunkelten und blankgefilterten Ausstrahlung, wie sie unsere Gegenstände schon vollkommen beherrschen: Was da ist, absorbiert die Lichtreste von dem, was im Begegnen noch aufleuchten könnte. Langsam wird das zur Gewohnheit und das Greifen nach der Welt (die mühsam genug - in Jahrtausenden - unser Vertrauen gewann und jetzt wieder verliert) geht in einen kollektiven Taumel über: losgelöst von wirklicher Absicht und ohne den geringsten Verdacht, irgenwie gemeint zu sein, ohne Einbezug dessen, was uns eigentlich angeht.

Später tauchen die Dinge im Alltag des ganz normalen Lebens einsam aber stolz wieder auf, in schöner Gleichmässigkeit verteilt über das kleine Land mit Hügeln, Ebenen, Ballungszentren, Einzelhöfen, wenig besiedelt im Gebirge. Trotz der mehrheitlich schiefen Topographie bleiben die angekommenen Gegenstände gut verteilt im grünen und dunkelgrünen Grund, gedrängter nur am Wasser, an Krümmungen der Flüsse zum Beispiel: eine Landkarte der Emsigkeit, der Geschicklichkeit auch, vom Abtragen der Warenschichten und deren Verteilung.

 

 

 

Das Gelände hier aber bildet in seiner Gesamtheit eine Art lichtlose Leuchtschrift, die ein stummes Ambiente möglichst ohne Misstöne schnörkellos zum Klingen bringen will. Eine erogene Kaufzone ist entstanden, gerade hier wird die durchschimmernde Öde und das Abgeschminkte des Ortes mit dem beschleunigten Pulsschlag einer ausufernden Geschlechtlichkeit versehen. Hier wird gekauft und abgeräumt. Kein Diskurs. Kommunikative Nüchternheit ist irgendwie auch erholsam.

Zum Beispiel an der Nordflanke der grosse Erotik-Markt: Sex wird hier nicht nur als rechtmässig zu erwerbendes Grundbedürfnis ans Bewusstsein gedockt, sondern auch in den schnellen Verbrauch eingeschleust. Leicht stimmt man sich ein auf die eigenartige Lust des sich Niederwalzenlassens unter die unendlich sich selbst kopierenden Akte des immer Gleichen, und deren Vermarktung ist die eigentliche und ultimative Kopulation. Man sieht das Fliessband hin zur Kasse und erinnert sich an etwas Geheimes, nicht Gezeigtes, was mit einem Tabu belegt war und Erotik melodisch umgab.

 

   

Wohin verkriecht sich die Intimität? Vielleicht in die Wohnzellen. Aber, obwohl noch die einfachste Hülle glückliches Dasein verspricht, wirklich bleiben will heute niemand mehr, nirgends und hier schon gar nicht. Ein Zwang ist's, Ausharren in Flucht zu verwandeln. Ringsum nichts als Strassen, schnelle Fluchtwege also. Schneller als jeder Aufbruch taucht auch das Illusorische jeglicher Bewegung für kurz auf, auch der kleinstmöglichen, die wir "bleiben" nennen.

"Bleiben", was heisst das heute schon?

Das Angebot ist vielfältig: vom Geräteschuppen über das Gartenhäuschen zum einzugsbereiten Chalet, vom Gartentisch bis zum Wintergarten, vom Zelt über den Wohnwagen zum luxuriösen Wohnmobil, dazu die unentbehrlichen Haushalt- und Überlebensgegenstände, die zur saisonalen Rückbindung an die gefügige Natur gehören. Sozusagen eine schnell zu erstellende, auffalt- und ausklappbare bürgerliche Ersatzwelt.

Dieses Behausungsangebot versucht mit einem kaum zu überbietenden und gequälten Charme von Häuslichkeit Einschränkung und Eingrenzung als "die eigenen vier Wände" anzupreisen. Mitgeliefert wird die antlitzlose Garantie für das Gefühl des zu Hause Seins, und zugleich setzt sich die Möglichkeit des schnellen, fluchtartigen Aufbruchs im Hinterkopf fest. Da stossen zwei Urgefühle, sozusagen am Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit nochmals aufeinander und verbinden sich ergänzend. Die Jahrtausende sind kurzgeschlossen und die folgenschwere Wahl erübrigt sich: zwischen leichtem Schlaf in dürftiger Kleidung, neben sich Bogen und Keule, zum ständigen Aufbruch bereit und dem Mut zur Sesshaftigkeit bei schweisstreibender Arbeit vor Ort samt dem delegierten Schutz, den die erste und einfachste Behausung verspricht.

 

   

Die Zone repräsentiert genau das. Die permanente Mobilität sehnt sich nach dem Stau. Wo die Bewegung abbricht, steigt die verführerische Gewalt der Kräfte. Konsumzonen sind organisierte Staus am Rande der Verkehrsadern. Hier werden Kräfte verlangsamt, umgelenkt, beschleunigt. Als feinmaschiges Netz bemächtigen sie sich der käuflichen Dinge. Unterwegs träumen wir alle von Häuslichkeit, die wir noch fertig ausstatten wollen. Zu Hause sein ist dann individualisierter und gemütlicher Abbruch von Bewegung. Das könnte heilsam sein.

Kaufzonen sind Kraftorte. Aber welcher Kräfte?

 

 

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17.03.01
Franz Dodel, Schlossstrasse 82, CH-3067 Boll-Sinneringen

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